Ode an das Leben

Diesen Morgen konnte ich sie wieder hören. Das erste Mal nach einer unendlich langen Zeit. Zugvögel. Sie kehrten zurück. Und sie brachten frohe Kunde mit. Ihr Ruf drang von irgendwoher bis in mein Zimmer. Von meinem Ohr bis tief in mein Herz. In ihrem Ruf lag etwas Verheißungsvolles. Und die hoffnungsvolle Gewissheit, dass auf jede Zeit der Dunkelheit eine Zeit des Lichts folgt. Mit ihrem Ruf brach die Kruste des Frostes, die alles Leben unter sich eingeschlossen hatte, langsam auf.

Die Dunkelheit und die Kälte hatten ihren bitteren Kelch für mich bereitgehalten. Zitternd hatte ich ihn entgegengenommen … angesetzt … und getrunken. Mit jedem Schluck hatte sich mein Magen zusammengezogen und ein pochender Schmerz meinen Kopf zerrissen. Krampfend war ich zu Boden gegangen. Stöhnend hatte ich mich im Dreck, in meinen Blut, meinen Fäkalien und meinem Erbrochenen gewälzt. Die Haut löste sich von meinen Knochen. Und so war ich irgendwann vor dem Leben niedergekniet. In meiner ganzen Schwachheit. Gebrochen. Mit Tränen in den Augen. Um Gnade winselnd. Doch das Leben hatte mir nur zugeraunt, dass ich mich dieser Lektion nicht entziehen könne. Ich hatte diesen Kelch auszutrinken. Bis zum letzten Tropfen. Und als ich ihn wieder absetzte, konnte ich auf dem Boden des Kelchs mein eigenes Spiegelbild zu erkennen…

Mit dem Ruf der Zugvögel erwachte der neue Tag. Ich trat ins Freie. Und hielt inne. Mit jedem Atemzug durchfuhr mich die belebende Milde des Frühlings. Sie durchzog den gesamten Morgen. Meine Augen ruhten einen Moment am Horizont. Von dort breiteten sich die ersten, noch schwachen Sonnenstrahlen über das Land aus. Alles, was sie berührten, wurde in zarte Farbsinfonien getaucht. Aus den Kronen der noch kahlen Bäume erklangen die ersten vielstimmigen und von Freude nur so überquellenden Lieder der Singvögel. Sie begrüßten das, was vor uns lag. Davon kündeten auch die Schneeglöckchen und Krokusse, die den frostigen Grund durchbrachen und sich ganz zaghaft dem neuen Tag entgegenreckten. Mein Herz stimmte mit ein in diese Ode an das Leben, die die Schöpfung an diesem Morgen sang.

Unsterblich

„Holy Spirit,
I surrender,
take me
where you wanna go.“

Ich biege mit dem Kinderwagen ab auf einen schmalen Feldweg. Die müden Augen meiner Tochter schweifen über die Landschaft, die uns umgibt. In ihnen spiegeln sich die letzten Strahlen, der Abendsonne. Das gleichmäßige Holpern des Kinderwagens wiegt meine Tochter langsam in den Schlaf.

Als dieses alte, fast schon vergessene Lied in mir aufsteigt. Es stammt aus einer Zeit, in der wir glaubten, die ganze Welt liege uns zu Füßen. Es war dieselbe Welt, die wir mit dem Feuer unserer Herzen in Brand stecken wollten. Wir träumten von nicht weniger als einer geistlichen Revolution. Wir waren schrill, bunt und laut. Unsere Soundtracks von harten E-Gitarren-Riffs getragen. Wir waren wechselhaft, überheblich und naiv. So scheiße naiv. Doch unsere Herzen waren aufrichtig; unsere Formen authentisch. Jesus Freaks halt. Es war die Zeit, in der wir irgendwie unsterblich waren. Eine Zeit, von der wir glaubten, sie würde nie zu Ende gehen. Doch schneller, als uns lieb war, war sie vorbei. Noch heute blicke ich manches Mal in Wehmut zurück.

„I need your healing hands
to be laid on this land,
just to make it fruitful,
so that I can stand.“

Ich bemerke, dass ich dieses fast schon vergessene Lied angefangen habe zu singen. Links und rechts von uns Felder, soweit das Auge reicht. Pralle Ähren schaukeln im milden Abendwind. Meine Tochter hat ihre Äuglein geschlossen. Von irgendwoher hallt das rhythmische Klappern einer S-Bahn, die über Schienen gleitet. Die Schatten werden länger. Das Gold der Sonne verblast. Vögel steigen in den Himmel empor und ziehen weite Kreise. Und mit einem Mal wird mir bewusst, dass die gesamte Schöpfung um mich herum schon längst in dieses fast vergessene Lied mit einstimmt…

„I give praise
to the king of kings.
I bow down
before you, Lord.
You forgive my sins.

Daddy,
turn me upside down,
I change my life
for you.
In your presence
I go mad,
Jesus,
I love you!“

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(Das zitierte Lied heißt “I surrender” und stammt aus der Feder von Kristian “Kuky” Reschke. Wollt Ihr mehr über Kuky erfahren, schaut doch mal hier vorbei: https://kristianreschke.wordpress.com/about/)

#Gedanke: Großer Gott

„Du großer Gott,
wenn ich die Welt betrachte,
die Du geschaffen durch Dein Allmachtswort…

Wenn ich auf alle jene Wesen achte,
die Du regierst und nährest fort und fort…

Blick ich empor
zu jenen lichten Welten
und seh der Sterne unzählbare Schar…

Wie Sonn und Mond im lichten Äther zelten,
gleich goldnen Schiffen hehr und wunderbar…

…Dann jauchzt mein Herz
Dir, großer Herrscher, zu:
„Wie groß bist Du?
Wie groß bist Du!““

(Carl Boberg / Manfred von Glehn,
aus: Du großer Gott)

Erhabener Tempel

Wir traten aus dem großen, tiefen Wald heraus auf eine Lichtung. Der Frühling hatte die ersten zarten Blätter und Halme hervorgelockt, die den Boden der Lichtung in ein frisches und saftiges Grün kleideten. Durchsetzt von zahllosen weißen Blüten. Diese verliehen dem ganzen Bild etwas Märchenhaftes. Aus dem grün-weißen Meer erhoben sich einzelne, altehrwürdige Baumriesen. Deren würdevoll mächtigen Kronen wurden langsam vom Frühling wachgeküsst.

Kein von Menschenhand erbauter Tempel hätte jemals so wundervoll und erhaben sein können, wie der Tempel, in dem wir gerade standen. Mein Weggefährte nickte. Er verstand.

Die Situation erinnerte mich an einen Satz, der die Männerarbeit nach Richard Rohr prägt. Dieser besagt, dass der Menschheit zwei Bibeln gegeben sind: Bei der einen Bibel handelt es sich um das dicke, alte Buch, das die Lehre sowie die Geschichte des Christentums enthält. Bei der anderen Bibel handelt es sich um die die Natur um uns herum.

Hieraus spricht das Wissen, dass das Wesen Gottes, die spirituellen Gesetzmäßigkeiten dieser Welt sowie die Kreisläufe des Lebens vollständig offenbart sind in der Schöpfung.

Von Menschen erdachte Rituale – so der Franziskaner-Pater Richard Rohr folgerichtig – können immer nur so sinnvoll sein, wie es ihnen gelingt, diese Gesetzmäßigkeiten und Kreisläufe abzubilden und auszudrücken. Gute Rituale verweisen in letzter Konsequenz immer auf die Schöpfung. Folglich können Rituale auch nie so kraftvoll sein, wie die Natur es seit jeher aus sich heraus bereits ist.

Auf eine tiefe und intuitive Weise begannen wir diese Wahrheit zu erahnen, als wir auf die Lichtung traten und uns ihrer Pracht bewusst wurden. Wir verharrten noch eine ganze Weile. In Schweigen versunken. Und ließen zu, dass sich dieses wundervolle Bild tief in unsere Herzen einbrennt.

Irgendwann setzten wir unseren Weg fort. Achtsamen Schrittes. Durch diesen so erhabenen Tempel, der uns von allen Seiten umgab.

Das Lied vom neuen Anfang

Auf einmal waren sie wieder da: Die Vögel, die morgens vor meinem Schlafzimmerfenster das Lied vom neuen Anfang singen. Die Sonnenstrahlen, die morgens sanft in mein Schlafzimmer kriechen und mich wachküssen. Die bunten Blüten, die durch die Erdkruste brechen und die Wiesen in ein prachtvolles Gewand kleiden. Das zarte Grün, das die Bäume und Sträucher ziert.

Und auch in den Augen der Menschen nehme ich wieder dieses wunderschöne Strahlen wahr. Ihre Gesichter wirken aufgehellt, irgendwie hoffnungsvoller. Es sind immer noch dieselben Menschen wie in den letzten Wochen und Monaten. Doch irgendetwas hat sich im Innersten dieser Menschen verändert.

Hinter uns liegen die dunklen Monate. Die Zeit, in der die Sonne nur wenig Kraft hatte. Die Zeit, in der Frost und Kälte alles durchdrangen. Als die Nacht den Tag niedergerungen und die Dunkelheit das Licht besiegt hatte. Die große Kraft des Lichtes ließ sich nur noch erahnen. Unsere Erinnerungen waren der einzige Ort, an dem es noch strahlen durfte.

Doch jetzt sind die Tage angebrochen, in denen das Licht neu geboren wird. Unaufhaltsam ersteht es auf und findet zu alter Stärke zurück. Und mit dem Licht kehrt auch das Leben zurück. Die gesamte Schöpfung strebt dem Licht entgegen. Erblüht aufs Neue. Wird fruchtbar. Das Leben sprießt, wohin ich auch schaue.

Und als wollte uns die Sonne mit der hinter uns liegenden Zeit versöhnen, taucht sie den Himmel in die erhabensten Farben. Morgen für Morgen und Abend für Abend. Der Himmel des Frühlings sieht genauso wundervoll aus, wie er es einst im Herbst tat. Doch erzählte der Herbst noch vom wundervollen Sterben, so erzählt der Frühling jetzt von der kraftvollen Auferstehung.

Wohin man auch blickt, stimmt die gesamte Schöpfung wieder in das ewige Loblied auf ihren Schöpfer ein. „Dann jauchzt mein Herz Dir großer Herrscher zu: Wie groß bist Du?! Wie groß bist Du?!“ Was vor uns liegt ist Licht. Was vor uns liegt ist Leben.

(Dieser Text ist ganz besonders meiner geliebten Frau gewidmet.)