Glück

Irgendjemand hatte einmal gesagt: „Vierblättrige Kleeblätter bringen Glück.“ Keine Ahnung, woher dieser Aberglaube stammt. Es interessiert mich auch nicht. Denn so lange ich mich zurückerinnern kann, hatten solche Formen des Aberglaubens keine Relevanz für meinen spirituellen Weg.

Tatsächlich? Und warum machten wir uns dann als kleine Jungs auf, möglichst viele vierblättrige Kleeblätter zu finden? Mit „wir“ meine ich mich und eine Handvoll Kumpels, mit denen zusammen ich damals die Grundschule besuchte.

Wir verbrachten Nachmittag für Nachmittag auf den weiten und grünen Wiesen, die sich von unserem kleinen Dörfchen bis heran an das große Sumpfgebiet erstreckten. Stundenlang durchkämmten wir den Klee. Versunken in sein saftiges Grün. Eins mit der Tätigkeit des Suchens. Vollkommen aufgegangen im Augenblick. Gegenwärtig.

Und wie groß war die Freude, wenn einer von uns tatsächlich mal ein vierblättriges Kleeblatt fand. Und gleichzeitig war es Ansporn für den Rest, es ihm gleichzutun. Erst wenn die Sonne über uns oder die Glocke des alten Kirchturms auf dem Marktplatz verkündeten, dass sich der Tag dem Ende entgegen neigt, kehrten wir in unsere Häuser zu unseren Familien zurück.

Mit der Zeit wurde ich ziemlich gut im Suchen von vierblättrigen Kleeblättern. Ich entwickelte einen richtigen Blick für sie und fand auch eine ganze Menge von ihnen. Ich trocknete und presste sie mit Löschpapier zwischen den Seiten meiner liebsten Bücher. Irgendwann quollen meine Lieblingsbücher nur so über von Kleeblättern.

Und haben mir die vierblättrigen Kleeblätter nun Glück gebracht? Ja, ich glaube schon. Das Glück, das sie mir brachten, war die Suche nach ihnen.

Ideal und Spiegelbild

„Letzte Nacht hat mich der Mond gefragt,
ob ich glücklich bin.
Als ob man dazu mal kurz was sagen kann,
als ob es so einfach ist.

Ich habe ihn ganz cool ignoriert
und die Sterne angeschaut.
Aber irgendwie hat mir der Mond da schon
die Stimmung voll versaut.

Ich wollte nur träumen
und einfach so dastehen,
doch dann musste ich vor Hunger
in die Küche gehen.

Da hat der Kühlschrank
mich dann prompt gefragt,
ob ich glücklich bin…“

Ich blickte in den Spiegel. Doch ich erkannte mich nicht mehr. Die Person, die mir da gegenüberstand, war mir seltsam fremd geworden. Ich schaute in die zahllosen Spiegel um mich herum. Doch das, was auf mich zurückgeworfen wurde, ließ sich nicht mehr in Einklang bringen mit dem, wie ich mich selber sah.

Ich war davon überzeugt gewesen, „es“ begriffen zu haben. Schließlich hatte ich mein Leben lang so viel dafür getan. Und noch viel mehr darüber gelesen. Doch nun realisierte ich in beinahe jedem Augenblick, dass da eine riesige Lücke klaffte. Eine Lücke zwischen meinem Ideal und dem was ist.

Irgendwann hatte ich mich entschieden zu bloggen. Ich wollte erzählen von meiner großen Sehnsucht. Ich wollte erzählen von den Momenten, die für einen Augenblick den Schleier wegrissen hatten. Momente, die mich hatten davon kosten lassen, dass ich auf einer tiefen Ebene verbunden bin mit allem, was ist. Eins mit dem, was die Menschen seit jeher mit Begriffen wie „Gott“ zu umschreiben versuchen. Momente, die mich in meinem Inneren so unendlich tief angerührt hatten. Ich wollte erzählen von den großen spirituellen Weisheitslinien, die ich überall zu entdecken begann: In der Mystik, in den alten Initiationsriten, im Freimaurertum, in den archetypischen Erzählungen und Bildern der Menschheit, in Symbolen, Ritualen, Tempeln und Kirchen, in der Natur und schlussendlich in jedem Menschen selbst.

Und so begann ich zu erzählen. Ich erzählte von Toleranz und wurde immer absoluter. Ich erzählte von Stille und wurde immer lauter und unsteter. Ich erzählte vom Loslassen und verkrampfte zusehends vom ganzen Festhalten. Ich erzählte von Liebe und wurde immer egozentrierter. Ich erzählte von Empathie und wurde immer kälter. Rastlosigkeit, Wechselhaftigkeit und Oberflächlichkeit wurden meine ständigen Begleiter. Angst umgarnte mich und sog mich langsam in sich auf. Und dann war da diese ständige Wut in mir. Wut, die immer häufiger danach verlangte, sich zu entladen.

Und schließlich stellte mir das Leben die Frage: „Wer bist Du, Hagen? Wer bist Du, dass Du Dir anmaßt, hier als Lehrer aufzutreten? Wer bist Du?“

Ja, wer bin ich denn eigentlich? Die zahllosen Beschreibungen die ich mir im Laufe der Zeit angeeignet habe, kommen an ihre Grenzen. Bin ich Freimaurer? Bin ich kontemplativer Christ, keltischer Christ? Bin ich ein initiierter Mann? Bin ich Ehemann und Vater? Bin ich eine „kontraphobische 6“ gemäß dem Enneagramm, schizoid-zwanghaft gemäß der Grundtypen der Angst von Fritz Riemann, Krieger-Priester gemäß der Lehre von den Archetypen? Alle diese Beschreibungen mögen ihre Berechtigung haben. Und doch sind sie alle zu klein. Zu unvollständig. Zu beschränkend. Zu verkopft. Auch mein Spiegelbild vermag mir diese Frage nicht mehr zu beantworten.

Also werde ich von nun an für eine Weile den Stift aus der Hand legen. Ich werde mir Zeit nehmen, hinzuhören. Ich werde mir Zeit nehmen, hinzuschauen. Die Dinge sollen sich wieder setzen und entfalten dürfen. Sie sollen wieder sein dürfen. Ohne dass ich sie auf meinem Blog gleich beschreiben, einordnen und preisgeben muss. Und wenn die Zeit gekommen ist, werde ich zurückkehren. Dann werde ich den Stift wieder in die Hand nehmen. Ein Jegliches hat seine Zeit. Erzählen hat seine Zeit. Schweigen hat seine Zeit. Es geschehe also…

(Eingangstext von: Die Toten Hosen,
aus: „Der Mond, der Kühlschrank und ich“)

Nicht-Ort

Eigentlich war der ganze Weg seit jeher vorgezeichnet… Er hatte ausgebreitet vor mir gelegen. Die ganze Zeit schon. Ich war wohl nur nicht achtsam genug gewesen, es auch zu sehen…

Zu Anfang war alles irgendwie noch stimmig gewesen. Die Richtung schlüssig, die Entwicklungen nachvollziehbar. Eins hatte auf dem anderen aufgebaut. Hatte ich einen Schritt gemacht, zeichnete sich der nächste bereits ab.

Doch mit einem Mal fand ich mich an diesem seltsamen Ort wieder. Hier war plötzlich nichts mehr stimmig. Meine Erwartungen waren enttäuscht. Dieser Ort stellte einen abrupten Bruch dar. Einen Bruch zu allem, was vorher war. Einen Bruch zu allem, was ich erwartet hatte.

Dieser Ort erzählte die Geschichte von Tod und Sterben. Das Alte war nicht mehr. Doch ebenso war auch das Neue noch nicht. Dieser Ort war weder noch.

Hier fand das ewig gleiche Ringen statt. Dieses Ringen, in das die Menschheit von Anbeginn an gefangen ist. Und dieser Ort nahm mich mitten hinein in diesen Kampf. Er riss mich zu Grunde, wo ich zerbrach. Und ließ mich verharren. Er rang mich nieder. Und gab mir die Kraft zu bestehen.

Eine seltsame Traurigkeit durchzog diesen Ort. Oder war es Hoffnung? Mysterium durchströmte hier alles. War dieser Ort Dunkelheit? Ja, war er. Finsternis umschlang mich von allen Seiten. War dieser Ort Licht? Ja, war er. Es schien. Unauslöschlich. Die Dunkelheit hat es nicht überwinden können.

Ich hatte nie beabsichtigt, an diesem Ort zu gelangen. Weder hatte ich ihn gesucht, noch erwartet. Doch als aus meiner Verschwiegenheit inneres Schweigen wurde und aus meinem inneren Schweigen Stille, betrat ich ihn. Es war der Moment, als die Tugend an ihr Ende kam und dem Sein Platz machte.

Wohl niemand, der sich an diesem Ort befand, hatte ursprünglich hierher gewollt. Doch vielleicht war genau das der Grund, weshalb sie alle hier waren. Und beinahe niemand, der diesen Ort wieder verließ, kehrte auch gerne wieder hierher zurück.

Doch in dem Moment, als ich aufhörte, diesen Ort begreifen zu wollen, wurde ich gewahr, wie wunderschön er war. Es war der Moment, in dem ich meinem Inneren erlaubte, dort anzukommen. Und zu sein. Erst jetzt erkannte ich die Pracht und Gegenwärtigkeit, die diesem Ort innewohnte. Er war auf seine ganz eigene Weise zeitlos.

#Gedanke: Seinsgrund

„Es genügt,
dass man sich ausliefert.
Sich auszuliefern heißt,
dass man sich dem Grund
des eigenen Seins übergibt.

Lass Dich nicht von dem Wahn blenden,
dieser Grund sei irgendein äußerer Gott.
Dein Ursprung
ist in Dir selbst.

Ergib Dich ihm.
Das bedeutet,
dass Du den Ursprung suchen
und mit ihm eins werden musst.“

(Ramana Maharshi)

Ein dunkler Gang

Knarrend und mit einem lauten Knall fiel die schwere, hölzerne Tür hinter mir ins Schloss. Da stand ich nun. Eine Dunkelheit um mich herum, die alles förmlich in sich aufsog. Die Flamme der Kerze, die ich in der Hand hielt, tänzelte aufgeregt vor sich hin. Doch vermochte sie meine Umgebung kaum zu erhellen. Ein Schweigen legte sich auf mich. Und breitete sich aus. Es drang durch jede meiner Poren in mich ein.

Je mehr sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnten, desto mehr nahm ich sie wahr: Massive, in Stein gehauene Wände zu beiden Seiten. Und eine ebenso massive Steindecke über mir. Ein Geheimgang? Mein inneres Kind meldete sich zu Wort. Stehe ich hier etwa inmitten eines richtigen Geheimganges? Wie zahllose Helden meiner Kindheit vor mir? So ein unterirdischer Gang, wie ihn die „Fünf Freunde“ in beinahe jedem ihrer Abenteuer durchquerten? So eine verborgene Höhle mit ungeahnten Gefahren, wie die „Masters of the Universe“ sie oft entdeckten? Mein inneres Kind machte Freudensprünge.

Langsam begann ich einen Fuß vor den anderen zu setzen. Meine zaghaften Schritte hallten vom kalten und mächtigen Stein wider. Der Schall verlor sich irgendwo weiter hinten. Der Gang führte mich abwärts. Schritt für Schritt folgte ich ihm in die Tiefe. Und ins Dunkel. „Bedenke, Mensch, dass Du sterben wirst.“ Diese Mahnung brüllte mir das altehrwürdige Gestein entgegen. Aus jedem Winkel. „Gedenke, Mensch, dass Du sterben wirst.“

Nach einiger Zeit bemerkte ich ein schwaches Licht vor mir in der Ferne. Mit jedem Schritt kam es mir näher. Irgendwann begriff ich, dass es die Kerze in meiner Hand war, deren Schein sich in einem Spiegel wiederfand, auf den ich mich zubewegte.

Als ich den Spiegel erreicht hatte, blieb ich stehen. Und verweilte. Ich betrachtete mein Spiegelbild. Eine halbe Ewigkeit lang. „Erkenne Dich selbst!“, schleuderte es mir entgegen. „Müde siehst Du aus. Älter bist Du geworden. Und etwas zugenommen hast Du auch.“, ging es mir durch den Kopf. Ich wusste nicht, wann ich mir das letzte Mal die Zeit genommen hatte, mich bewusst im Spiegel zu betrachten. Mochte ich, was ich dort sah? Ich fand keine Antwort auf diese Frage.

Ich weiß nicht, wie lange ich vor diesem Spiegel gestanden hatte, als meine Füße mich weitertrugen. Immer weiter. Hinab in die Tiefe. Tiefer hinein ins Dunkel. Umgeben von der Realität des Todes. Mit jedem Schritt wandelte sich dieses allgegenwärtige und durchdringende Schweigen. Aus dem äußeren Schweigen wurde ein inneres Schweigen. Aus dem inneren Schweigen wurde Stille.

Am tiefsten und dunkelsten Punkt dieses Weges fand ich sie ganz unverhofft: Hoffnung. Hoffnung, dass aus jedem Tod Leben entsteht. „Kein Leben ohne Tod. Kein Tod ohne Leben.“ Diese Hoffnung sollte mich fortan begleiten. Und nicht wieder von meiner Seite weichen.

Am Ende des Ganges gelangte ich wieder an eine schwere, hölzerne Tür. Mein Gewissen prüfte mich, ob ich bereit war, durch diese Tür hindurch zu treten. Hinein in einen unbekannten, ungewissen Raum. Was würde mich hinter dieser Tür erwarten?