Langsamer Walzer

Was haben wir uns gefreut,
wieder gemeinsam rauszugehen,
nach einer unendlich langen Zeit,
all die Menschen wiederzusehen.

Krachend flogen alle Türen auf
und unsere Lieder zum Himmel rauf.

Und während wir
noch zurückschau’n,
tanzen wir Langsamen Walzer
in den nächsten Lockdown.

Was haben wir uns gefreut,
Händchen haltend durch die Gassen,
von der Sonne leicht gebräunt,
sich Cappuccino schmecken lassen.

Leben platzte aus allen Nähten,
auf den Dörfern und in den Städten.

Und während wir
noch zurückschau’n,
tanzen wir Langsamen Walzer
in den nächsten Lockdown.

Mit jedem Schritt
auf den Abgrund zu
mit verklärtem Blick,
tanzen ich und Du.

Und während wir
noch zurückschau’n,
tanzen wir Langsamen Walzer
in den nächsten Lockdown.

War da nicht gerade
noch Morgengrau’n?
Wir tanzen harten Pogo
in den nächsten Lockdown.
Es geht in den nächsten Lockdown,
Corona-Lockdown.
Es geht in den nächsten Lockdown,
Corona-Lockdown.

Ein letzter, verzweifelter Versuch

Da standen wir um ihr Bett herum; zu dritt. Die Einrichtung ihres Zimmers war karg, die Wände in sterilen Farbtönen gehalten. Stumm und mit geschlossenen Augen lag sie da. Ihr Mund ließ ein Lächeln erahnen und gab dem Gesicht einen seligen Ausdruck. Sie wirkte erlöst, irgendwie zufrieden. Jeden Moment rechnete ich damit, dass sie die Augen wieder öffnen würde. Doch sie tat es nicht. Sie würde ihre Augen niemals mehr öffnen. Ich hatte oft davon gelesen, dass Menschen im Augenblick ihres Todes ihren Körper verlassen und von oben auf sich herabblicken, bevor sie für immer aus dieser Welt gehen. Unwillkürlich schaute ich zur Zimmerdecke auf. Wieder und wieder. Doch ich erblickte nichts, was darauf hinwies, dass sie noch da war. Als ich etwas näher an ihr Bett herantrat, nahm ich ihn wahr, wenn auch nur zart: Den Geruch von Kot, Urin und der einsetzenden Verwesung.

Ich blickte mich in ihrem Zimmer um. In dem Regal und auf der Vitrine standen neben ein paar letzten Habseligkeiten Fotos von ihr mit ihren vier Urenkeln. Diese Fotos schienen einer anderen Zeit, einem anderen Leben zu entstammen. Auf ihnen war eine wohlgenährte und lebensfrohe, wenn auch alte und vom Leben gezeichnete Frau zu sehen. Die abgemagerte, in sich zusammengefallene Gestalt dort im Bett hatte nur noch wenig mit ihr gemein. Ist es das, was am Ende von einem Leben übrigbleibt? Tränen rannen über meine Wangen. Bilder der Vergangenheit stiegen in mir auf.

Ich erinnere mich noch genau daran, als ich ihr vor fast zwanzig Jahren das erste Mal begegnet war. Wie sie plötzlich zur Terrassentür hereingekommen war. Die Oma. Eine Frau mit strahlenden Augen, langen, offenen Haaren und einer sehr weiblichen Figur. Als Geschenk hatte sie einen Blumenstrauß mitgebracht, den sie unterwegs in ihrem Garten und am Wegesrand gepflückt hatte. Um sie herum waren ihre beiden Hunde gewuselt, die ihr stets auf Schritt und Tritt gefolgt waren und um die sie sich hingebungsvoll gekümmert hatte.

Der Strauß selbstgepflückter Blumen hatte von ihrer großen Leidenschaft erzählt: Den Blumen. Folglich war es auch sie gewesen, die den Garten, der zu dem Mehrfamilienhaus, in dem sich ihre Mietwohnung befunden hatte, gehegt und gepflegt hatte. Dort hatte sie gezüchtet, gebuddelt, gepflanzt, gegossen, gejätet und gehakt. Und das bei Wind und Wetter. Jedes Mal, wenn meine Frau und ich unser Zuhause begrünen wollten, hatte sie uns beim Kauf der Blumen beraten und selbst mit Hand angelegt, wenn es darum ging, diese richtig einzupflanzen und anwachsen zu lassen.

Die Beziehung zur Oma war stets auch durch den Magen gegangen. Noch heute läuft mir das Wasser im Munde zusammen, wenn ich an ihre Braten denke. Saftiges Fleisch, krosse Kruste, nach guter Deutscher Hausmannsart. Welch eine Vorfreude, wenn uns der Geruch dieses Essens schon bei Betreten ihrer Wohnung entgegengeweht war. Gleiches gilt für ihre Buletten, die sie in rauen Mengen zu ganz gleich welchem Anlass nur zu gerne zubereitet hatte. Diese waren auch in unserem Freundeskreis der Hit gewesen. Unübertroffen sind auch ihre Torten, die sie mit viel Herzblut und Akribie nach guter, alter Schule zu zaubern verstanden hatte.

Eine weitere Leidenschaft von ihr waren ihre Bücher gewesen. In jeder freien Minute hatte die Oma ein Buch nach dem anderen verschlungen. Wie kindlich ihre Augen immer geglänzt hatten, wenn sie zum Geburtstag oder zu Weihnachten mal wieder ein Buch auspacken durfte. Sie hatte dann immer einen Moment innegehalten, das Buchcover gelesen und das Buch fest an ihr Herz gedrückt. Deckenhohe Regale, vollgepfropft mit Büchern hatten ihre Wohnung geschmückt.

Vor fünf Jahren dann war unsere erste Tochter zur Welt gekommen. Von nun an war sie nicht mehr nur Oma gewesen, sondern auch Uroma. In den folgenden Jahren sollte ihre Familie sie mit insgesamt vier Urenkeln beschenken. Doch je mehr ihre Urenkel ins Leben traten, desto mehr trat die Uroma aus dem Leben. Je mehr ihre Urenkel anfingen zu leben, desto mehr starb die Uroma.

Nach und nach hatte ihr der Tod all das genommen, was ihr das Leben einmal geschenkt hatte. Zuerst war einer ihrer beiden Hunde verstorben. Als ein paar Jahre später auch der zweite Hund verstorben war, erlosch schleichend auch der Lebenswille der Uroma. Bald schon war sie zu schwach gewesen, weiter den Garten zu bewirtschaften, so dass sie diesen irgendwann hatte abgeben müssen.

Unaufhaltsam war ihr Verfall weiter vorangeschritten. Bis schließlich die notwendige wie grausame Entscheidung zu treffen gewesen war, sie ins Pflegeheim einzuweisen. Nicht wissend, dass wir damit auch ihr Todesurteil unterschrieben hatten. Ins Pflegeheim hatte ihr nur ein kleiner Teil ihres Hab und Guts folgen dürfen. Und so hatten wir uns mehrere Wochen durch ihr Leben gewühlt. Durch ihre Erinnerungen und ihren Dreck, durch ihre Geheimnisse, ihre Schätze und ihren Ballast. Und schließlich hatten wir für sie entschieden, was sie loszulassen hatte und was nicht. Wir hatten für sie entschieden, was aus ihrer Vergangenheit noch Wert für die Zukunft haben durfte und was nicht.

Einen Teil ihrer Bücher hatten wir in ihr neues Zuhause gerettet. Gegenüber von ihrem Bett hatten wir ein Regal aufgebaut, von wo aus die verbliebenen Buchrücken sie stets anlächelten. Doch die Uroma sollte nie wieder auch nur eins dieser Bücher zu Hand nehmen.

Als wir sie in ihrem Bett zurückgelassen hatten und die Zimmertür ins Schloss geknallt war, nahm das Corona-Virus dieses Land in seinen festen Griff. Und damit auch ihr Pflegeheim. Lockdown, Social Distancing, Kontaktbeschränkungen. Als wir sie nach dem ersten Lockdown wiedergesehen hatten, hatte uns eine fremde Person gegenübergesessen. Eine Person, die der Tod bereits fest in seinen Arm geschlossen hatte. Eine Person, die zunehmend weniger hatte unterscheiden können zwischen gegenwärtiger Realität, der Vergangenheit und ihrer Einbildung. Von angstmachenden Hirngespinsten war sie zunehmend heimgesucht worden. Gleichzeitig hatte sich wohliges Vergessen sich auf sie gelegt.

Als ich sie das letzte Mal besucht hatte, hatte ich mir vorgenommen, ihr einfach nur zuhören zu wollen. Ich hatte erfahren wollen, welche Geschichten sie am Ende ihres Weges zu erzählen hatte. Ein freudiges Lächeln hatte sich über ihrem Gesicht ausgebreitet, als ich ihr Zimmer betrat. Sie hatte mich beim Namen genannt. Sie hatte mich erkannt. Ich weiß nicht, wie lange ich neben ihr gesessen und ihr gelauscht hatte. Sie hatte mir davon erzählt, dass sie sich unter ihrem Bett habe verstecken müssen, weil man nach ihr gesucht habe. Hierbei sei ihr ein Gewehrkolben in den Rücken gestoßen worden. Ein anderes Mal sei sie auf einer Liege festgeschnallt gewesen. Männer in Uniformen hätten um sie herumgestanden und sie als „Jüdin“ bezeichnet. „Hagen, das kann doch alles nicht wahr sein!“, hatte sie mit Tränen in den Augen beklagt. Der Nationalsozialismus schien tiefe Narben in ihr hinterlassen zu haben. Und jetzt im Angesicht des Todes waren diese Narben wieder aufgebrochen. Ich hatte ihr ein letztes Mal über ihre Wange gestreichelt. Sie schien diese Berührung förmlich in sich aufgesaugt zu haben. Wann war sie das letzte Mal zärtlich berührt worden? „Du bist so gut zu mir.“, hatte sie noch geschluchzt.

Die Bilder der Vergangenheit verblassten wieder. Ich warf einen letzten Blick auf den Leichnam, der vor mir im Bett lag. Plötzlich war da diese Schuld. Ich fühlte mich schuldig, weil ich nicht mehr Zeit mit der Uroma verbracht hatte. Weil ich mich den Gerüchen, dem Schmutz und dem Anblick ihres Alters oftmals nicht hatte aussetzen wollen. Weil ich manches Mal einfach nur zu bequem war, sie zu besuchen oder sie auch nur anzurufen. An ihrem Totenbett erst realisierte ich, wie wichtig sie mir war und wie wenig ich sie das habe auch spüren lassen. Doch da war mit einem Mal auch diese Dankbarkeit. Ich war dankbar für die schönen Erinnerungen an diese Frau, die unauslöschbar in meinem Herzen abgelegt sind. Und ich war dankbar, dass ihr Gesichtsausdruck davon erzählte, dass es eine Erlösung für sie gewesen ist, als der Tod sie an die Hand nahm und sie mit ihm ging.

Mein Blick schweifte über ihr Bücherregal. Unwillkürlich blieb ich an einem Roman hängen. Seine Handlung rankte sich um das weltweite Bienensterben. Solch interessante Bücher hatte die Uroma gelesen? Ich nahm das Buch an mich, mit dem festen Vorsatz, es auch zu lesen. Vielleicht war dies mein letzter verzweifelter Versuch, sie festzuhalten. Vielleicht mein letzter verzweifelter Versuch, noch einmal in ihre Welt einzutauchen und ihr noch einmal nah zu sein…