#Gedanke: Mysterienbünde und Unio Mystica

„Jeder Mysterienbund
lehrt das Erlebnis
der Einheit Gottes
und der Alleinheit.

Dieses Erlebnis
ist notwendige Konsequenz
des Verbrüderungserlebnisses,

welches nur vollständig ist,
wenn es ins Kosmische übergreift
und der Verbrüderte dahin gelangt,
die Musik der Sphären zu hören;

oder wie die Bünde das Empfinden
des großen Weltzusammenhangs
und seines ungeheuren Rhythmus
sonst noch symbolisiert haben.“

(August Horneffer)

Nicht-Ort

Eigentlich war der ganze Weg seit jeher vorgezeichnet… Er hatte ausgebreitet vor mir gelegen. Die ganze Zeit schon. Ich war wohl nur nicht achtsam genug gewesen, es auch zu sehen…

Zu Anfang war alles irgendwie noch stimmig gewesen. Die Richtung schlüssig, die Entwicklungen nachvollziehbar. Eins hatte auf dem anderen aufgebaut. Hatte ich einen Schritt gemacht, zeichnete sich der nächste bereits ab.

Doch mit einem Mal fand ich mich an diesem seltsamen Ort wieder. Hier war plötzlich nichts mehr stimmig. Meine Erwartungen waren enttäuscht. Dieser Ort stellte einen abrupten Bruch dar. Einen Bruch zu allem, was vorher war. Einen Bruch zu allem, was ich erwartet hatte.

Dieser Ort erzählte die Geschichte von Tod und Sterben. Das Alte war nicht mehr. Doch ebenso war auch das Neue noch nicht. Dieser Ort war weder noch.

Hier fand das ewig gleiche Ringen statt. Dieses Ringen, in das die Menschheit von Anbeginn an gefangen ist. Und dieser Ort nahm mich mitten hinein in diesen Kampf. Er riss mich zu Grunde, wo ich zerbrach. Und ließ mich verharren. Er rang mich nieder. Und gab mir die Kraft zu bestehen.

Eine seltsame Traurigkeit durchzog diesen Ort. Oder war es Hoffnung? Mysterium durchströmte hier alles. War dieser Ort Dunkelheit? Ja, war er. Finsternis umschlang mich von allen Seiten. War dieser Ort Licht? Ja, war er. Es schien. Unauslöschlich. Die Dunkelheit hat es nicht überwinden können.

Ich hatte nie beabsichtigt, an diesem Ort zu gelangen. Weder hatte ich ihn gesucht, noch erwartet. Doch als aus meiner Verschwiegenheit inneres Schweigen wurde und aus meinem inneren Schweigen Stille, betrat ich ihn. Es war der Moment, als die Tugend an ihr Ende kam und dem Sein Platz machte.

Wohl niemand, der sich an diesem Ort befand, hatte ursprünglich hierher gewollt. Doch vielleicht war genau das der Grund, weshalb sie alle hier waren. Und beinahe niemand, der diesen Ort wieder verließ, kehrte auch gerne wieder hierher zurück.

Doch in dem Moment, als ich aufhörte, diesen Ort begreifen zu wollen, wurde ich gewahr, wie wunderschön er war. Es war der Moment, in dem ich meinem Inneren erlaubte, dort anzukommen. Und zu sein. Erst jetzt erkannte ich die Pracht und Gegenwärtigkeit, die diesem Ort innewohnte. Er war auf seine ganz eigene Weise zeitlos.

Waldläufer

Vor einigen Jahren zogen wir an den Rand des großen Waldes. Irgendwann fing ich an, einigermaßen regelmäßig in ihm joggen zu gehen. Mit jedem Schritt, den ich in diesen Wald setzte, kehrte ich heim. Mit jedem Atemzug, mit dem ich diesen Wald in mich aufsog und wieder losließ, nahm er mich in seine Tiefe auf. Als seinen Sohn. Als einen Teil von sich. Als einen Teil von mir. Nach und nach und zunächst noch eher beiläufig nahm ich wahr, dass dieser Wald mir seine Geschichte erzählte. Er wisperte sie von den Höhen seiner Kronen bis in die Tiefen seiner Wurzeln.

Er erzählte mir die Geschichte vom Winter. Die Zeit, in der Frost sich über den Wald legte und in sein Erdreich drang. Die einst belaubten Bäume waren kahl. Nur das Nadelkleid der immergrünen Tannen überdauerte. Es hatte etwas Majestätisches, wenn fahles Gold der Sonne sanft durch die Wipfel kroch und den Raureif, der das Geäst und den Boden bedeckte, erstrahlen ließ. Die nackten Äste der Laubbäume, das satte Grün der Nadelbäume und das dreckige Braun des Bodens in all seinen Schattierungen strahlten eine seltsame Ruhe und Harmonie aus. Die Luft durchzog eine Klarheit, wie man sie nur in dieser Zeit zu schmecken vermochte. Und wenn Schnee alles in sein weißes Kleid hüllte, vereinigte sich die ruhende Majestät des Waldes mit dem Zauber des Märchenhaften.

Er erzählte mir die Geschichte vom Frühling. Die Zeit des machtvollen Neugeboren Werdens. Mit jedem Tag stieg die Sonne am Firmament ein wenig höher. Sie schenkte erste Momente der Wärme und des Lichts. Eine erwartungsfrohe Milde mischte sich in die Kälte der Luft. Und verdrängte diese schließlich ganz. Je mehr die Sonne erstarkte, desto mehr erwachte der Wald. Die einst so kahlen Äste der Bäume, Büsche und Sträucher brachten zahllose Knospen hervor. Und als aus diesen erste zarte Blätter hervorbrachen, zog ein fast schon surreal helles Grün in den Wald ein. Unzählige Gräser und Blumen in den unterschiedlichsten Farben überzogen die Lichtungen. Und auch das Lied der Vögel erhielt wieder Einzug in den Wald. Was sie sangen war voller Hoffnung und voller Vorfreude.

Er erzählte mir die Geschichte vom Sommer. Die Zeit der Fruchtbarkeit und des Überflusses. Die Bäume kleidete saftiges und kraftvolles Grün. Das Dickicht zu ihren Füßen war dicht und undurchdringlich. Die Lichtungen schmückten zahllose Gräser und Blumen in den buntesten Farben. Insekten aller Art flatterten aufgeregt zwischen ihnen hin und her. Am Morgen begrüßte das Konzert der Vögel den neuen Tag. Und am Abend verabschiedeten die Vögel ihn wieder. Flimmern der Hitze breitete die Sonne über den Baumkronen aus. Doch die mächtigen Wipfel ließen lediglich Schatten auf den Boden den Waldes fallen. Der Kühle des Schattens wohnte eine eigentümliche Stille inne. An diesem Ort kam der verschwenderische und wilde Überschwang des Sommers ein wenig zur Ruhe.

Er erzählte mir die Geschichte vom Herbst. Die Zeit der Ernte. Die Zeit des wundervollen Sterbens. Die Zeit des Übergangs. Mit jedem Tag nahm die Kraft der Sonne etwas ab. Und doch tauchte sie die Horizonte des Himmels in die prachtvollsten Farbenmeere. Jedes Mal, wenn sie aufging. Und jedes Mal, wenn sie erstarb. Manchmal in den Morgenstunden und manchmal in den Abendstunden hüllten dichte Nebelschleier alles in sich ein. Die Laubbäume kleideten sich in atemberaubend schöne Farbsynfonien. In die Wärme der Luft mischte sich eine eigentümliche Kälte. Mancher Sturm wogte durch die Baumwipfel. Modriger Geruch von Feuchtigkeit zog in den Wald ein. Und entlockte dem Erdreich unterschiedlichste Pilze. Leise breiteten Kreuzspinnen in Geäst und Gräsern ihre Netze aus. Und harrten aus, was da kommen möge.

War es tatsächlich nur der große Wald, der mir von der Schönheit der Jahreszeiten erzählte? Oder waren es nicht auch die Jahreszeiten, die mir von der Schönheit des großen Waldes erzählten? Und benutzte nicht eine jede ihre ganz eigenen Bilder dafür? Und ließ so eine andere Facette des Waldes erstrahlen? Eine jede Facette auf ihre Art so wundervoll und so erhaben. Alle diese Facetten zusammen ergeben ein Bild, dessen Pracht von keinem Dichter beschrieben, von keinem Maler auf Leinwand gebannt, von keinem Musiker ausgedrückt und von keinem Baumeister je erbaut werden könnte. Dankbar.