Kabbalistischer Rosenkranz

PROLOG

In diesem Artikel begehe ich gleich zweimal denselben Fehler. Einen Fehler, den man als Autor tunlichst vermeiden sollte. Denn ich benutze zwei mächtige Wörter, die jeweils viele sehr unterschiedliche Bedeutungsebenen beinhalten, ohne vorher in ausreichender Weise zu definieren, was ich unter diesen Worten verstehe und wovon ich ausgehe, wenn sie verwende. Es sind die Worte „Kabbala“ und „Rosenkranz“.

Die Lehre der Kabbala und das Beten von Rosenkränzen haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun und sind auch nicht wirklich miteinander zu vergleichen. Denn das Eine (Kabbala) ist eine Lehre im weitesten Sinne und das Andere (Rosenkranz) eine Gebetsform. Und beide sind bezüglich ihres Umfeldes, in dem sie jeweils praktiziert werden, sowie in den Fragen ihrer Ableitung und Herkunft zu unterschiedlich.

Und dennoch geschah es vor etwa zwei Jahren, dass für mich beides zusammenkam und fortan meinen spirituellen Weg bereichert. Denn seither bete ich den Rosenkranz auf kabbalistische Weise. Was das bedeutet, davon will ich in diesem Blogartikel erzählen. Doch vorher will ich versuchen, zumindest in ganz grober Weise zu umreißen, wie ich die Begriffe Kabbala und Rosenkranz nutze.

KABBALA UND ROSENKRANZ

Kabbala. Seit einigen Jahren mittlerweile nähere ich mich der Lehre der Kabbala an. Doch ist sie ein zu vielgesichtiges und ungreifbares Mysterium, als dass ich von mir behaupten könnte, sie auch nur ansatzweise erfasst zu haben. Ich ringe mit diesem Geheimnis und ich umtanze es. Mit jeder Tür, die es mich durchschreiten lässt, zeigt es mir drei neue Türen auf, die es zu durchschreiten gilt. Es lässt mich aufgehen in den Mysterien allen Seins und wirft mich radikal auf mich selbst zurück. In meinem Blogartikel „Lebensbaum“ hatte ich im Herbst 2019 den ersten Schritt gemacht, auf meinem Blog auch über die Kabbala zu schreiben. Seither arbeitet die Frage in mir, wie der nächste Schritt wohl aussehen könnte. Zu vielfältig sind die Dimensionen der Kabbala und folglich auch die Wege, sich ihr anzunähern.

Wenn ich mein Verständnis der Kabbala mit einem Satz umreißen sollte, würde ich sie am ehesten als spirituellen, zutiefst mystischen Initiationsweg hin zur Vereinigung mit meinem im Göttlichen liegenden Ursprung beschreiben. Das klingt jetzt erstmal wie eine wohlklingende Aneinanderreihung markiger Worte. Wie gesagt, ich bin auf meinem Blog noch nicht an den Punkt angelangt, mein Verständnis der Kabbala vollends ausbreiten zu können. Diejenigen jedoch, die selbst den Weg der Kabbala gehen, werden aus dem, was ich im Folgenden schreibe, herauslesen können, in welcher dieser zahllosen kabbalistischen Facetten ich mich verorte. Und die, die mit der Lehre der Kabbala nichts anfangen können, werden begreifen, warum ich ihr Attribute wie „spirituell“, „mystisch“ und „initiantisch“ zuordne.

Rosenkranz. Was das Beten eines Rosenkranzes angeht, bin ich absoluter Rookie. Diese kleinen Gebetskettchen üben jedoch aufgrund ihrer Beschaffenheit seit jeher eine Faszination auf mich aus. In die Idee allerdings, die dahinter steht und wie man mit diesen Kettchen ordnungsgemäß betet, bin ich bestenfalls oberflächlich eingestiegen.

Kurz beschrieben handelt es sich bei einem Rosenkranz um ein Kettchen mit 54 (Holz-) Perlen, die in einem geschlossenen Kreis angeordnet sind. Am unteren Ende dieser Kette befindet sich ein Bändchen mit 5 weiteren (Holz-) Perlen, das durch ein Kruzifix abgeschlossen wird. Im Übergangsbereich von der Kette zum Bändchen kann sich auch noch ein Bild von Jesus Christus oder der Heiligen Jungfrau Maria befinden. Jede der Perlen hat eine Bedeutung; entweder ein Gebetswort oder einen Gebetssatz. Derjenige, der einen Rosenkranz betet, lässt Perle für Perle durch seine Finger gleiten und spricht für jede Perle das jeweilige Wort oder den jeweiligen Satz, der mit dieser Perle verknüpft ist. Dies kann innerlich geschehen oder durch akustisch wahrnehmbares Aussprechen. Das Rosenkranzgebet kann heute als die weit verbreitetste Gebets- und Andachtsform innerhalb der Katholischen Kirche angesehen werden. Inhaltlich ist diese eng mit der Heiligen Jungfrau Maria, Jesus Christus sowie dem christlichen dreieinigen Gott verbunden.

EIN INITIANTISCHES GEBET

Im Folgenden will ich nun beschreiben, wie diese Form des kabbalistischen Betens eines Rosenkranzes konkret ausgestaltet ist. Hierbei gibt es zwei Elemente, die für mich essentiell sind. Das Eine ist der Gottesname „JHWH“ und das Andere der kabbalistische Lebensbaum, der „Seohirothbaum“.

Der Gottesname JHWH. Mein gesamtes Rosenkranz-Gebet ist von diesem Gottesnamen durchzogen und auf ihn ausgerichtet. Der Name JHWH begegnet uns erstmalig im Alten Testament der Bibel, in 2. Mose 3, 14. Dort stellt sich Gott als JHWH, der „Ich bin“ oder der „Ich bin der ich bin“ vor. Interessant an diesem Namen ist, dass er Gott als etwas Seiendes und Allumfassendes beschreibt, das sich jedem Versuch, es zu definieren oder zu kategorisieren entzieht. Dadurch, dass dieser Name ohne Vokale geschrieben wird, spricht man ihn mit jedem Atemzug aus: „JH“ beim Einatmen und „WH“ beim Ausatmen. Alleine durch unser Da-Sein sind wir also schon aufs Tiefste mit diesem Namen verbunden, ohne dass wir irgendetwas dafür tun müssten. Und unabhängig davon, ob wir darum wissen. Im Frühjahr 2015 bereits widmete ich dem Gottesnamen „JHWH“ meinen Blogartikel „Mein Weg ins Auge des Sturms„.

Der Sephirothbaum. Hierbei handelt es sich um eines der zentralen Symbole der Kabbala. In diesem sind sämtliche kabbalistische Wege und Gesetzmäßigkeiten abgebildet. Der Sephirothbaum besteht aus zehn Sephiroth, die in einer bestimmten Weise zueinander angeordnet sind. In dieser Anordnung der Sephiroth schlummern nahezu unzählige Bedeutungsdimensionen und Möglichkeiten, diese zu lesen und sich zu erschließen. Die Dimension, die für mein Rosenkranz-Gebet relevant ist, ist folgende: Die Sephiroth sind in der Art und Weise übereinander angeordnet, dass man sie unter anderem als drei nebeneinander stehende Säulen erkennen kann. Die linke und die rechte Säule bilden sich jeweils aus drei Sephiroth und stehen in polaren und dualistischen Spannungsverhältnissen zueinander. Die mittlere Säule, die sich aus vier Sephiroth bildet, steht für den Ausgleich von Dualismus und Polarität. Und um diese mittlere Säule geht es mir. Wenn ich meinen kabbalistischen Rosenkranz bete, visualisiere ich mir innerlich den Sephirothbaum und bewege mich von unten nach oben durch die Sephiroth dieser mittleren Säule.

DER ABLAUF DES GEBETS

Wie oben erklärt, ist der praktische Ablauf, wenn ich meinen kabbalistischen Rosenkranz bete, jede einzelne Perle des Rosenkranzkettchens durch meine Finger gleiten zu lassen und innerlich das auszusprechen, was ich mit der jeweiligen Perle verknüpft habe. Und weil der Gottesname JHWH, der das zentrale Element meines Rosenkranz-Gebets darstellt, mit dem Atem eines jeden Einzelnen verbunden ist, habe ich auf jede Perle des Rosenkranzkettchens kein ganzes Wort oder gar einen kompletten Satz gelegt, sondern jeweils nur eine Silbe. Dies hat den Effekt, dass ich mit jeder ungeraden Perle einatme und mit jeder geraden Perle ausatme. Es ist folglich mein Atem, der mich durch das Rosenkranz-Gebet leitet. Diese Logik durchbreche ich lediglich bei zwei Perlen, bei denen ich jeweils einen kompletten Satz spreche. Hier war es mir aus intuitiven Gründen wichtig, die gesamte Bedeutung, die diese Sätze in sich tragen, vollständig in die jeweilige Perle zu legen und nicht aufzusplitten. Dadurch verweile ich jeweils drei Atemzüge lang bei diesen zwei Perlen.

Wie dargelegt, durchschreite ich auf der Ebene der Visualisierung im Zuge des Rosenkranz-Gebets die mittlere Säule des kabbalistischen Sephirothbaumes von unten nach oben. Hierbei werden die (gesprochenen) Worte von Sephira zu Sephira weniger. Bis am Ende nur noch der Gottesname JHWH bleibt, den ich (ein- und aus-) atme…

Doch genug der Erklärungen und Hinführungen, kommen wir zum praktischen Ablauf meines Rosenkranz-Gebets. Dieser sieht wie folgt aus:

1. Perle: „Ich“
2. Perle: „bin“
3. Perle: „der“
4. Perle: „ich“
5. Perle: „bin“

In den ersten fünf Perlen durchschreite ich die deutsche Übersetzung des Gottesnamen JHWH. Und zwar Wort für Wort. Hierbei bete ich pro Perle jeweils ein Wort dieses Namens.

6. Perle: „Ja“
7. Perle: „kin“
8. Perle: „Er hat mich erschaffen“

9. Perle: „Bo“
10. Perle: „as“
11. Perle: „In ihm liegt meine Kraft“

Den nächsten sechs Perlen widme ich dem Namen „Jakin“ (oder auch: „Jachin“) und dem Namen „Boas“. Beide Namen entstammen dem Alten Testament der Bibel und bezeichnen die rechte und die linke Säule des Salomonischen Tempels (vergleiche 2. Chronik 3, 17). Im Ritual des christlichen Freimaurerordens, dem ich angehöre, spielen diese Säulen eine wichtige Rolle. Hier wird der Säule Jakin noch die Bedeutung „Er (Gott) hat mich erschaffen“ und der Säule Boas die Bedeutung „In ihm (Gott) liegt meine Kraft“ beigemessen.

Die innere Dynamik der Bedeutung von Jakin („Gott hat mich erschaffen“) ist die der göttlichen Emanation. Das Göttliche hat seine göttliche Ur-Heimat verlassen und ist in die Materie emaniert. Dies beschreibt einen Schöpfungsvorgang. Am Ende dieses Schöpfungsvorganges steht zunächst meine Zeugung und schließlich mein Geboren-Werden. Ich bin geboren worden beziehungsweise habe (materielle) Gestalt angenommen, als das Göttliche eine Verbindung mit der Materie einging.

An dieser Stelle imaginiere ich die unterste Sephira des Sephirothbaumes, „Malkuth“. Die Sephira Malkuth steht unter anderem genau dafür: Für die Schöpfung, in die das Göttliche emaniert ist. Daher widme ich dem Satz „Er hat mich erschaffen“ in meinem Rosenkranz-Gebet eine eigene Perle.

Die innere Dynamik der Bedeutung von Boas („In ihm liegt meine Kraft“) ist die Hinwendung zum Göttlichen, das Ausrichten auf das Göttliche und der erste Schritt auf dem Weg hin zur Wiedervereinigung mit dem eigenen göttlichen Ursprung.

An dieser Stelle imaginiere ich die Sephira „Yesod“. Diese folgt von unten aus gesehen in der mittleren Säule des Sephirothbaumes auf die Sephira „Malkuth“. In vielen Auslegungen der Kabbala repräsentiert sie unter anderem das Unterbewusste und Unbewusste. Ein Hinweis darauf, dass der, der aufbricht zur Wiedervereinigung mit seinem eigenen göttlichen Ursprung, sich zunächst seinen eigenen dunklen, schwachen und verdrängten Anteilen stellen und diese durchschreiten muss. Aus diesem Grund widme ich dem Satz „In ihm liegt meine Kraft“ in meinem Rosenkranz-Gebet ebenfalls eine eigene Perle.

12. Perle: „Ich“
13. Perle: „bin“
15. Perle: „der“
15. Perle: „ich“
16. Perle: „bin“

Hiernach durchschreite ich in den nächsten fünf Perlen erneut Perle für Perle und Wort für Wort die deutsche Übersetzung des Gottesnamen JHWH.

17. Perle: „Je“
18. Perle: „sus“

19. Perle: „Chris“
20. Perle: „tus“

Den hierauf folgenden vier Perlen widme ich dem Namen „Jesus Christus“. Diese beiden Namen finden ihren Ausdruck in dem Mysterium, das im Christentum seit vielen Jahrhunderten mit der Formulierung „Wahrer Mensch und wahrer Gott“ umschrieben wird. „Jesus“ steht hierbei für den Fleisch gewordenen Gott. Gottes eingeborener Sohn, der als Mensch unter Menschen wandelte. „Christus“ steht hierbei für das Bewusstsein, aus dem dieser Jesus lebte. Es ist das Bewusstsein, auf einer tieferen Ebene eins mit dem Göttlichen zu sein und verbunden mit allem Lebenden. Es ist das Bewusstsein, das göttliche Erbe, den göttlichen Lichtfunken stets in sich zu tragen. Und es ist das Bewusstsein, dass eine alles umfassende und jeden einschließende göttliche Liebe die Kraft ist, die alles durchströmt und trägt.

An dieser Stelle imaginiere ich die Sephira „Tiferet“. Tiferet folgt in der mittleren Säule des Sephirothbaumes auf die Sephira „Yesod“ und stellt den Mittelpunkt des Lebensbaumes dar. Es ist der Punkt, an dem göttliche und materielle Sphäre in Ausgleich und Einklang sind. Das gilt auch für die Kräfte des Lebens, die sich von außen betrachtet polar und dualistisch gegenüber zu stehen scheinen. Tiferet wird oft als Sitz dessen beschrieben, was spirituelle Lehrer wie der Franziskaner-Pater Richard Rohr als das eigene „Wahre Selbst“ beschreiben. Es ist die Entfaltung und der Ausgleich dieser beiden scheinbar so gegensätzlichen Naturen – Jesus und Christus.

21. Perle: „Ich“
22. Perle: „bin“
23. Perle: „der“
24. Perle: „ich“
25. Perle: „bin“

Anschließend durchschreite ich in den nächsten fünf Perlen wieder Perle für Perle und Wort für Wort die deutsche Übersetzung des Gottesnamen JHWH.

26. Perle: „JH“
27. Perle: „WH“

Abschließend widme ich die letzten beiden Perlen dem Gottesnamen JHWH. Zu diesem Gottesnamen habe ich weiter oben bereits alles geschrieben, was aus meiner Sicht für dieses Rosenkranz-Gebet relevant erscheint.

An dieser Stelle imaginiere ich die Sephira „Kether“. Dies ist die nach oben hin abschließende Sephira im Sephirotbaum und folglich die Vollendung des initiantischen Weges der Vereinigung mit dem eigenen göttlichen Ursprung. Von oben aus betrachtet ist es wiederum die erste und damit reinste, konzentrierteste und vollkommste Emanation des Göttlichen. Denn die Sephira Kether ist nicht nur der Abschluss des eigenen initiantischen Weges, sondern gleichzeitig auch der Beginn der Emanation des Göttlichen in diese Welt. Es kommt ganz darauf an, in welche Richtung der Seohirothbaum gelesen wird.

Hiernach beginne ich das Rosenkranz-Gebet in der beschriebenen Weise aufs Neue. Wenn ich dieses Gebet zweimal vollendet habe, habe ich die Rosenkranz-Kette einmal komplett „durchgebetet“.

DAS NACKTE GEBET

So, und nun nimm doch mal alle Erklärungen beiseite, die ich Dir zu diesem Rosenkranz-Gebet und seinen Hintergründen geliefert habe. Schalte ganz bewusst mal Deinen alles erklären und verstehen wollenden Verstand aus und bete dieses Gebet. Und anschließend spüre in Dich hinein, welche Resonanz es in Dir auslöst…

1. Perle: „Ich“
2. Perle: „bin“
3. Perle: „der“
4. Perle: „ich“
5. Perle: „bin“

6. Perle: „Ja“
7. Perle: „kin“
8. Perle: „Er hat mich erschaffen“

9. Perle: „Bo“
10. Perle: „as“
11. Perle: „In ihm liegt meine Kraft“

17. Perle: „Je“
18. Perle: „sus“

19. Perle: „Chris“
20. Perle: „tus“

21. Perle: „Ich“
22. Perle: „bin“
23. Perle: „der“
24. Perle: „ich“
25. Perle: „bin“

26. Perle: „JH“
27. Perle: „WH“

Amen.

#Gedanke: Leben ohne…

„Leben ohne Schatten
ist Leben ohne Sonne.
Wer nie im Dunkeln saß,
beachtet kaum das Licht.
Leben ohne Tränen
ist Leben ohne Lachen.
Wer nie verzweifelt war,
bemerkt das Glück oft nicht.

Leben ohne Täler
ist Leben ohne Berge.
Wer nie ganz unten war,
schaut gleichgültig ins Tal.
Leben ohne Zweifel
ist Leben ohne Glauben.
Wer niemals sucht und fragt,
dessen Antworten sind schal.

Leben ohne Mangel
ist Leben ohne Fülle.
Wer immer alles hat,
für den hat nichts mehr Wert.
Leben ohne Bangen
ist Leben ohne Feiern.
Wer nicht mehr warten kann,
hat nichts mehr, was er ehrt.

Leben ohne Kälte
ist Leben ohne Wärme,
wer nie gezittert hat,
schätzt keinen Unterstand.
Leben ohne Alleinsein
ist Leben ohne Liebe,
wer keine Leere kennt,
greift kalt nach jeder Hand.

Leben ohne Kämpfe
ist Leben ohne Frieden,
wer nie im Sturm war,
freut sich nicht an glatter See.
Leben ohne Trauer
ist Leben ohne Hoffnung,
wer keinen Abschied kennt,
kennt auch kein Wiedersehn.“

(Jürgen Werth,
aus: Leben ohne Schatten)

Von dem was bleibt – eine Gedankensammlung

5. TEIL DER SERIE: „FREIMAUREREI ALS LEBENSEINSTELLUNG“ (GASTBEITRAG)

Was bleibt vom Freimaurertum? Wenn man diese ganzen freimaurerischen Äußerlichkeiten, die Ämter und Grade, die Hierarchien und Institutionen, die Etikette und das Elitäre und den ganzen Habitus, der daraus erwächst, wegnimmt, was bleibt dann noch vom Freimaurertum übrig? Was ist die freimaurerische Lebenseinstellung, der freimaurerische Lebensweg hinter alledem? Was am Freimaurertum hat Bestand, wenn man hinter dessen äußere Fassaden blickt? Seit einigen Monaten begleiten mich ebendiese Fragen. Und ich habe keine abschließende Antwort darauf.

Daher wuchs die Idee in mir, ganz unterschiedliche Feimaurerinnen und Freimaurer zu bitten, ihre Antworten zu diesen Fragen aufzuschreiben und auf meinem Blog zu veröffentlichen. Sie alle eint, dass ich sie als tiefgründig und inspirierend erlebe. Einige von ihnen kenne ich aus meinem tagtäglichen Leben, mit anderen wiederum habe ich mich bislang nur virtuell ausgetauscht. Zu einigen verbinden mich tiefe geschwisterlich freundschaftliche Beziehungen, andere erlebe ich aus der Ferne. Doch ich bin sehr gespannt, was sie dazu zu sagen haben. Über das Jahr verteilt will ich ihre Antworten auf diese Fragen nach und nach auf meinem Blog einstreuen.

Mit dem nun folgenden Text meldet sich der Blogger und Buchautor René Schon zu Wort. Rene ist 1976 in Fürth/Bayern geboren, liiert und hat einen Sohn. Rene ist Mitglied der Loge „Jacob de Molay zum Stern im Süden“ („Südloge“), der freimaurerischen Forschungsloge „Quatuor Coronati“ sowie im Emirat Shriners in Heidelberg. Zudem betreibt er den Freimaurer-Blog „Freimaurergedanken„.

Sich selbst beschreibt Rene als bekennenden Freimaurer, der seinen freimaurerischen Weg als überzeugter Ateist mit einem ausgeprägten humanitären Ansatz geht. Die Grundlagen dieses Weges sind Gleichheit, Toleranz, Freiheit, Brüderlichkeit/Schwesterlichkeit und Humanität. Diese Werte bilden für ihn die unumgänglichen Eckpfeiler des ethischen Bundes der Freimaurer, weshalb er sich für ein brüderliches und schwesterliches Miteinander unterschiedlichster Freimaurer im Kleinen sowie für die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Großlogen im Großen einsetzt. Die Freimaurerei ist für ihn ein Werkzeug, ethische und moralische Werte zu vermitteln.

Im Salierverlag sind bereits folgende Bücher von Rene erschienen:
– Ernst und Falk 2014: Gespräche für Freimaurer (ISBN-10: 9783943539523 / ISBN-13: 978-3943539523)
– Laut denken mit einem Freund: Logengespräche über Politik, Gesellschaft und Religion (ISBN-10: 9783943539912 / ISBN-13: 978-3943539912)

Mit Rene verbindet mich mittlerweile seit einigen Jahren eine freundschaftliche Beziehung, trotz vieler hundert Kilometer, die wir auseinander wohnen. Ich erlebe ihn als entschieden und streitbar und gleichzeitig herzlich und zugewandt. Und auch wenn es bisweilen schon mal vorgekommen ist, dass Rene sich mit etwas Übereifer in das ein oder andere inhaltliche Gefecht gestürzt hat, so schätze seine Meinung doch sehr; insbesondere als Gegenpart zu meiner eigenen Meinung. Umso größer war meine Freude, als er zusagte, sich in meiner aktuellen Blogreihe ebenfalls zu Wort zu melden.

VON DEM WAS BLEIBT – EINE GEDANKENSAMMLUNG

WAS BLEIBT?

„Was bleibt vom Freimaurertum? Wenn man diese ganzen freimaurerischen Äußerlichkeiten, die Ämter und Grade, die Hierarchien und Institutionen, die Etikette und das Elitäre und den ganzen Habitus, der daraus erwächst, wegnimmt, was bleibt dann noch vom Freimaurertum übrig? Was ist die freimaurerische Lebenseinstellung, der freimaurerische Lebensweg hinter alledem? Was am Freimaurertum hat Bestand, wenn man hinter dessen äußere Fassaden blickt?“

Diese vielen Fragen haben mich vor einigen Wochen von meinem Br. Hagen aus Hamburg erreicht mit der Bitte, ein paar Zeilen und Worte hierzu zu schreiben. Natürlich komme ich dem gern nach, aber ich habe Hagen schon gewarnt, dass dies durchaus mit kritischen Worten passieren kann…

WAS BLEIBT, WENN MAN DIE GRADE WEGLÄSST?

Das ist eine wirklich sehr gute Frage. Allerdings wurde diese schon vor vielen Jahren gestellt. Selbst die Gründerväter des ‚Freimaurerbundes zur aufgehenden Sonne‘ hatten beschlossen, dass sie die Grade gern weglassen würden und nur in einem einzigen Grad arbeiten wollen. Sie wollten nicht, dass die Brüder durch die Grade getrennt werden. Leider hielt dies nicht lange an, da die Brüder die 3 Grade wieder zurückhaben wollten.

Ohne Grade dürfen Lehrlinge und Gesellen in einigen Logen nicht am brüderlichen Gespräch teilnehmen, wie ich erfahren musste. Dies ist erst ab dem Meistergrad „erwünscht“. Die jüngeren Brüder sollen sich in der Zurückhaltung üben, im Zuhören und aus den Gesprächen lernen. Ob man hier von einer Begegnung auf der Winkelwaage sprechen kann/darf, wage ich zu bezweifeln.

Allein bei einer sogenannten „Weißen Arbeit“, einer Tafelloge (wenn die Freimaurer als Feierlichkeit zusammen ein gemeinsames Essen veranstalten) werden die einzelnen Grade strikt getrennt. Dabei kommt es dazu, dass die Lehrlinge gerne die erfahrenen Meister bedienen und somit servieren dürfen.

Wenn man dies aber alles weglassen würde, dann könnten sich die Brüder und Schwestern wirklich auf einer Ebene der Winkelwaage begegnen. Losgelöst von den Zwängen eines Grades, von den Regeln der Logen und auf Augenhöhe.

WAS BLEIBT, WENN MAN DIE ÄMTER WEGLÄSST?

Sicherlich auf den ersten Blick erstmal etwas Verwirrung bis hin zum Chaos. Die Ämter sind vor allem dazu da, eine Loge zu führen. Eine Freimaurer Loge ist leider nichts anderes, als ein eingetragener Verein. Daher braucht es viele der Positionen um die Loge zu leiten. Modernes Management in alten und hochtrabenden Titeln, wie es sie aber in jedem beliebigen Kegelverein auch gibt.

Natürlich würde das Weglassen von Ämtern einige der Brüder in ein gewisses Ungemacht stürzen. Sie leben für das Tragen eines Amtes und gehen in diesem dann völlig auf. Warum nur? Um etwas zu kompensieren, was ihnen im Leben verwehrt wurde? Mag sein, doch ich möchte hierüber kein Urteil fällen. Doch leider kenne ich einige dieser Brüder, die genau darin ihre Motivation sehen, dem Beamtenrat anzugehören.

Ich war schon immer der Meinung und habe es mehrfach gesagt: Das Amt sucht sich seinen Träger und auch wenn das einige nicht einsehen wollen, es wird so bleiben.

Wenn man die Loge oder die Großloge unterstützen möchte, muss man dazu nicht unbedingt einen Titel haben. Es muss von Herzen sein und dem Wohle der Loge dienen.

WAS BLEIBT, WENN MAN DEN ABAW WEGLÄSST?

Denken wir einen Schritt weiter. Was wäre nun, wenn wir einzelne Elemente aus den Ritualen weglassen würden. Nehmen wir als Beispiel den Baumeister aller Welten, das übergeordnete „supreme beeing“. Wenn wir nun dieses Element weglassen würden, hätten die Rituale keinen Bezug mehr zur Transzendenz. Aber wäre das so schlimm?

Ich persönlich würde hier mit einem klaren NEIN antworten. Natürlich wird nun der eine oder andere wieder schreien: „Dann ist es aber nicht mehr die reguläre Freimaurerei!“ Nun ja, das stimmt nur zum Teil. Die Großloge von England schreibt ein „supereme beeing“ vor. Daran könnte man auch als Atheist glauben, denn es ist jedem selbst überlassen, wie dieses Symbol zu füllen ist. Oder man lässt es einfach weg. Darüber habe ich schon ausführlich geschrieben und auch diskutiert.

Der Baumeister ist in einigen Ausrichtungen der Freimaurerei, wie z.B. dem Freimaurerorden ein wesentliches Element. Hier wäre der Verlust sicherlich eine schwerwiegende Entscheidung für die Brüder, und der Fortbestand ist damit in Frage gestellt. Aber auch diese Brüder sollten sich die Fragen stellen, was IN IHNEN SELBST übrigbleibt, wenn man dieses Symbol entfernen würde. Wären sie dann weniger ethische und humanistische Menschen?

Ein freimaurerisches Ritual wird auch ohne diese Symbole tragend und auch erfüllend sein. Es gibt bereits Logen (oh ja, auch reguläre!), die mit Ritualen arbeiten, welche ohne das Symbol des Allmächtigen Baumeisters auskommen. Religion oder der Glaube an ein höheres Wesen kann eben nicht nur verbinden, es kann auch Menschengruppen trennen oder sogar spalten.

WAS BLEIBT VON DEN LOGEN ÜBRIG

Von den Logen würden nach dem Wegfall der Äußerlichkeiten sicherlich schöne und nach außen oft pompöse Logenhäuser übrigbleiben. In vielen Städten sind diese Häuser bekannt oder werden auch der Öffentlichkeit für Events zur Verfügung gestellt, da solche Gebäude auch unterhalten werden wollen.

Wenn schon die Gebäude bekannt sind und auch zugänglich, dann wäre mit dem Wegfall „des freimaurerischen Rahmens“ sicherlich auch keine Deckung mehr gegeben. Dann würden die Brüder und Schwestern öffentlich dazu stehen müssen, was sie hier als Freimaurer tun und für welche Werte sie sich einsetzen. Ob dann das allgemeine Jammern über den Verlust der Deckung losgeht? Ausschließen, dass der Verlust der Deckung in einigen Bereichen zu Konsequenzen führt, kann man leider nicht. Daher ist die Frage nach der Deckung immer eine grenzwertige und vor allem sehr individuelle Frage. Blickt man auf die aktuelle Pandemie und die Anfeindungen und Verschwörungstheorien, welchen wir Freimaurer ausgesetzt sind, kann ich verstehen, wenn der ein oder andere Bruder (und natürlich auch Schwester) in sicherer Deckung leben möchte. Auch in anderen Ländern (nehmen wir die Türkei als Beispiel) darf man die Gefahr nicht verharmlosen, welche der Verlust der Deckung mit sich bringen würde.

VOM HABITUS – DER ART DES SOZIALVERHALTENS

Ich denke aber, dass die Frage auf einen ganz anderen Aspekt abzielt. Ich denke, was meinen Br. Hagen mehr interessiert, ist die Frage nach dem Habitus, also nach dem Verhalten, der inneren Haltung, dem Benehmen und Gebaren.

Diese Frage kann man schwer analysieren, denn so unterschiedlich die Brüder und Schwestern auch sind, so unterschiedlich ist sicherlich der Anspruch an einen selbst.

„GECHILLTE ZUFRIEDENHEIT“

Einer meiner Brüder meinte einmal, dass doch eine gewisse innere Ruhe da sein sollte, eine (so wie er sagte) „gechillte Zufriedenheit“. Natürlich wäre diese Ausgeglichenheit ein erstrebenswertes Gut und Ziel. Aber nicht alle Menschen sind dafür geschaffen. Oftmals reißen uns andere Dinge, sei es eine Pandemie, eine Lebenskrise oder auch nur wenig Schlaf aus den Bahnen, die wir selbst bis dahin leicht lenken und kontrollieren können.

Dabei ist gerade das Streben nach der (selbst im Ritual) oft angepriesenen Zufriedenheit eines der wichtigsten Ziele eines Freimaurers. Übernehmen wir diesen Aspekt in unser soziales und privates Umfeld, dann können wir ein ausgeglicheneres Leben führen und nicht immer dem Glück hinterherlaufen und damit dramatische Gefühlsachterbahnen vermeiden.

IDEALE DER FREIMAURER – EINE ERSTREBENSWERTE LEBENSWEISE

Wenn wir die Ideale der Freimaurerei, also die Toleranz, die Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit/Schwesterlichkeit und Humanität, in uns aufgenommen haben, also nicht nur Logenbrüder sind für 2 Stunden in der Woche, während unseres Logenbesuches, so sollten wir ein Leben führen, was vollgepackt ist mit ethischen und moralischen Werten. Wenn dann die Werte und Ideale in „Mark und Bein“ übergegangen sind, dann haben wir uns erfolgreich bemüht, ein besserer Mensch zu werden. Wenn wir diese Werte nun auch noch nach außen tragen, auch ohne die Freimauerei, dann haben wir eine kleine Verbesserung in jedem von uns selbst erreicht.

VOM STREBEN NACH MEHR

Sollten wir also nun die Werte der Maurerei, die sich schon lange bewährt haben, in uns aufgenommen haben, also weitestgehend verinnerlicht haben, so können wir nach dem oft gesuchten „Mehr“ streben. Nach dem „Mehr“ in uns selbst und weiterhin an dem eigenen rauen Stein arbeiten. Somit wirken wir nicht nur durch unsere ethischen Werte in der Gesellschaft und an dem „um uns“, sondern auch wiederum an uns selbst. Ein nie endender Kreislauf der Selbstverwirklichung bis zur „Selbstoptimierung“. Dazu kommt dann auch die Frage nach dem, was nach uns kommt, was von uns bleibt.

Aber auch hier stellt sich die Frage, ob es dazu eine Freimaurerei braucht. Auch das kann man verneinen, denn die Wege zur Vervollkommnung des eigenen Ichs lernt man nicht ausschließlich in der Freimaurerei. Diese Werkzeuge wurden schon mehrfach exportiert und in diversen selbstbildenden Seminaren oder Vorträgen dem interessierten Publikum präsentiert. Wir Menschen neigen dazu, nach dem „Mehr“ zu suchen, zu streben und einen Sinn im Leben zu finden.

Doch auch hier finden wir nicht allein in der Maurerei eine Lösung, dann halten wir es doch wie Jean-Paul Sartre. Wir müssen selbst unserem Leben einen Sinn geben. Es gibt kein höheres Wesen oder eine vordefinierte Bestimmung, welche wir nicht selbst erkennen und vor allem erst einmal definieren müssen. Wir müssen unserem eigenen Leben selbst einen Sinn geben!

Die Werkzeuge der Freimaurerei können uns helfen und erkennen lassen, aber den Weg, müssen wir schon selbst bauen und gehen. Dazu benötigen wir dann den offenen Geist, das Sapere Aude und den Willen zur Erkenntnis.

FAZIT – EIN ETHISCHER BUND

Sollten wir die Freimaurerei nicht nur als Hobby betreiben, sondern mit einem echten und wahren Anspruch an uns selbst, so benötigen wir dazu sicherlich keine Ämter und Grade. Die wahre Freimaurerei sollte keine Hürden oder Grenzen kennen.

Sicherlich aber benötigen wir die Logen, in denen der brüderliche Umgang, die Nächstenliebe gelebt und ausgelebt werden. Die ethische und moralische Grundlage unseres Handelns als Freimaurer kann dort vermittelt werden und uns in unsrem Sein formen.

Wir waren und sind ein ethischer Bund, auch wenn das gerade einige Strömungen und Mitglieder von einigen Großlogen nicht immer einsehen wollen und sich eher als eine Art Religion sehen. Aber das sind wir „Gott sein Dank“ nicht! Aber ein Bund Menschen von gutem Ruf, die gleiche Ideale und Ziele verfolgen, auf Basis von (hoffentlich) identischen ethischen und moralischen Werten. Wir müssen die Werte in uns aufnehmen, sie Bestandteil unseres Lebens werden lassen. Dann können wir auch in der Gesellschaft wirken und unsere, eben diese Werte vertreten.

Darauf ein 3×3.

(Rene Schon)