Ideal und Spiegelbild

„Letzte Nacht hat mich der Mond gefragt,
ob ich glücklich bin.
Als ob man dazu mal kurz was sagen kann,
als ob es so einfach ist.

Ich habe ihn ganz cool ignoriert
und die Sterne angeschaut.
Aber irgendwie hat mir der Mond da schon
die Stimmung voll versaut.

Ich wollte nur träumen
und einfach so dastehen,
doch dann musste ich vor Hunger
in die Küche gehen.

Da hat der Kühlschrank
mich dann prompt gefragt,
ob ich glücklich bin…“

Ich blickte in den Spiegel. Doch ich erkannte mich nicht mehr. Die Person, die mir da gegenüberstand, war mir seltsam fremd geworden. Ich schaute in die zahllosen Spiegel um mich herum. Doch das, was auf mich zurückgeworfen wurde, ließ sich nicht mehr in Einklang bringen mit dem, wie ich mich selber sah.

Ich war davon überzeugt gewesen, „es“ begriffen zu haben. Schließlich hatte ich mein Leben lang so viel dafür getan. Und noch viel mehr darüber gelesen. Doch nun realisierte ich in beinahe jedem Augenblick, dass da eine riesige Lücke klaffte. Eine Lücke zwischen meinem Ideal und dem was ist.

Irgendwann hatte ich mich entschieden zu bloggen. Ich wollte erzählen von meiner großen Sehnsucht. Ich wollte erzählen von den Momenten, die für einen Augenblick den Schleier wegrissen hatten. Momente, die mich hatten davon kosten lassen, dass ich auf einer tiefen Ebene verbunden bin mit allem, was ist. Eins mit dem, was die Menschen seit jeher mit Begriffen wie „Gott“ zu umschreiben versuchen. Momente, die mich in meinem Inneren so unendlich tief angerührt hatten. Ich wollte erzählen von den großen spirituellen Weisheitslinien, die ich überall zu entdecken begann: In der Mystik, in den alten Initiationsriten, im Freimaurertum, in den archetypischen Erzählungen und Bildern der Menschheit, in Symbolen, Ritualen, Tempeln und Kirchen, in der Natur und schlussendlich in jedem Menschen selbst.

Und so begann ich zu erzählen. Ich erzählte von Toleranz und wurde immer absoluter. Ich erzählte von Stille und wurde immer lauter und unsteter. Ich erzählte vom Loslassen und verkrampfte zusehends vom ganzen Festhalten. Ich erzählte von Liebe und wurde immer egozentrierter. Ich erzählte von Empathie und wurde immer kälter. Rastlosigkeit, Wechselhaftigkeit und Oberflächlichkeit wurden meine ständigen Begleiter. Angst umgarnte mich und sog mich langsam in sich auf. Und dann war da diese ständige Wut in mir. Wut, die immer häufiger danach verlangte, sich zu entladen.

Und schließlich stellte mir das Leben die Frage: „Wer bist Du, Hagen? Wer bist Du, dass Du Dir anmaßt, hier als Lehrer aufzutreten? Wer bist Du?“

Ja, wer bin ich denn eigentlich? Die zahllosen Beschreibungen die ich mir im Laufe der Zeit angeeignet habe, kommen an ihre Grenzen. Bin ich Freimaurer? Bin ich kontemplativer Christ, keltischer Christ? Bin ich ein initiierter Mann? Bin ich Ehemann und Vater? Bin ich eine „kontraphobische 6“ gemäß dem Enneagramm, schizoid-zwanghaft gemäß der Grundtypen der Angst von Fritz Riemann, Krieger-Priester gemäß der Lehre von den Archetypen? Alle diese Beschreibungen mögen ihre Berechtigung haben. Und doch sind sie alle zu klein. Zu unvollständig. Zu beschränkend. Zu verkopft. Auch mein Spiegelbild vermag mir diese Frage nicht mehr zu beantworten.

Also werde ich von nun an für eine Weile den Stift aus der Hand legen. Ich werde mir Zeit nehmen, hinzuhören. Ich werde mir Zeit nehmen, hinzuschauen. Die Dinge sollen sich wieder setzen und entfalten dürfen. Sie sollen wieder sein dürfen. Ohne dass ich sie auf meinem Blog gleich beschreiben, einordnen und preisgeben muss. Und wenn die Zeit gekommen ist, werde ich zurückkehren. Dann werde ich den Stift wieder in die Hand nehmen. Ein Jegliches hat seine Zeit. Erzählen hat seine Zeit. Schweigen hat seine Zeit. Es geschehe also…

(Eingangstext von: Die Toten Hosen,
aus: „Der Mond, der Kühlschrank und ich“)

Bedrückende Vision

Im Januar dieses Jahres zeichnete die politische Partei ÖDP (Ökologisch Demokratische Partei) ein beängstigendes Bild; nämlich das des „stummen Frühlings“: „Das heute stattfindende Verschwinden der blühenden Wiesen … ist eines unserer größten Umweltprobleme: Wo nichts mehr blüht, verschwinden Bienen und andere Insekten. Wo die Insekten fehlen, gibt es keine Vögel mehr. Der „stumme Frühling“ ist dann wohl kaum noch zu verhindern. Wer möchte in einer Welt ohne Farben, ohne Naturmusik, ohne wildes Leben seine Tage verbringen oder gar Kinder und Enkel aufziehen?“

Eine Natur, in der das Summen der Insekten verstummt ist. In der keine Bienen, keine Hummeln, keine Schmetterlinge mehr um bunte Blüten kreisen. Eine Natur, in der das Lied der Vögel nicht mehr erklingt. Was für eine bedrückende Vision!

Im alltäglichen Kleinklein geriet diese grausame Vorstellung bei mir langsam wieder in Vergessenheit. Bis ich dann im April mal wieder im Garten meiner Eltern saß. Meine Eltern haben ein kleines Häuschen auf dem Lande. Inmitten des Gartens wachsen große und prachtvolle Fliederbüsche. Diese standen in voller Blüte. Doch es war kein Summen zu vernehmen. Kein aufgeregtes Fliegen von Blüte zu Blüte. Um die Fliederbüsche herum war es stumm. Mehrere Stunden saß ich neben den Fliederbüschen. Doch meine Beobachtungen blieben unverändert. Ein paar Tage später dann saß ich auf der Terrasse meiner Schwiegereltern. Auch dort steht ein großer Fliederbusch. Auch dieser stand in voller Blüte. Doch auch um diesen herum war es stumm.

Bleiben die Insekten weg, bleiben als nächstes die Vögel weg. Denn für viele Vogelarten stellen Insekten eine wichtige Nahrungsquelle dar. Und so passt es ins Bild, dass die deutschen Naturschutzbünde in ihren jüngsten Zählungen den niedrigsten Bestand an Vögeln in Deutschland festgestellt haben, seitdem diese Erhebungen durchgeführt werden. Nach dem Konzert der Insekten verstummt das Konzert der Vögel. Was zurückbleibt ist stumm, leblos, leer.

Und damit habe ich noch nicht einmal einen Ausblick gewagt, wie sich dieses Sterben auf die großen Gesamtkreisläufe von Mensch, Tier und Natur auswirken wird. Wie wird sich das Antlitz unserer Erde verändern? Was wird von der Vielfalt der Arten übrigbleiben? Was von dieser ganzen erhabenen und wundervollen Schönheit um uns herum wird auch in Zukunft noch Bestand haben?

Diese bedrückende Vision legte einen seltsamen Schleier aus Einsamkeit und Sinnlosigkeit über den Frühling. Wäre das Leben in solch einer Welt überhaupt noch lebenswert? Wie konnte ich es überhaupt verantworten, Leben in solch eine Welt gesetzt zu haben? Wird meine Tochter das, was für mich als Kind mal selbstverständlich war, nur noch aus Erzählungen, Büchern und Filmen kennen?

Doch viel wichtiger sind die Fragen, die damit einhergehen: Was kann ich selbst tun, um dieser Entwicklung entgegen zu wirken? Wie kann ich meine Konsumgewohnheiten ändern? Wie kann ich meinen Alltag und meine Umgebung anders gestalten? Wie kann ich selbst Teil eines Wandels sein? Ganz sicher bedarf es dafür nicht nur den einen oder anderen guten Vorsatz. Sondern ein ganz neues Bewusstsein…

Babylon brennt!

Mächtige Bauten, Prunk in Hochglanz,
menschliche Selbstherrlichkeit.
Nichts unmöglich, alles käuflich,
Seuche der Glückseligkeit.

Schnelle Schritte, gebeugter Gang,
wovon wirst Du getrieben?
Gekauftes Glück, verkauftes Gefühl,
sag, bist Du zufrieden?

Babylon brennt.

Schöne Gesichter, nackte Leiber,
im Schlaraffenland der Lust.
geil die Feten, weißes Pulver,
im Labyrinth der Sucht.

Gesengter Blick, sterbendes Herz,
der Wille ersäuft im Rausch.
Totes Lächeln, leere Worte,
einsame Seelen brennen aus.

Babylon brennt.

Und wieder spricht die Schlange und der Mensch greift zu der Frucht.
Und wieder stirbt das Paradies und der Mensch ist auf der Flucht.
Und wieder spricht die Schlange und der Tod kommt in die Welt.
Und wieder zerbricht die Einheit und der Mensch wird Gott gleichgestellt.

(Hagen Unterwegs, Mai 2001)

#Gedanke: Weihnachten – Fest der Familie…

„In der Mitte unserer Straße,
steht dieses ehrlose Haus.
In der Küche wurden Kinder geboren,
unterm Dach hängt man sich auf.

Ein Teil von mir!

Das ist meine Familie,
das ist mein Haus.
Die Wände sind schief
und die Kinder verlaust.

Ein Teil von mir!

Das alles gehört zu mir,
das Dach steht in Flammen
und der Keller ist feucht.
Ich liebe jeden Einzelnen,
der meinen Stammbaum verseucht!“

(Broilers,
aus: Meine Familie)