Kultur der Lüge

„Siehst Du die Streifen nicht,
die dort am Himmel steh’n,
da hab ich mal was zu gelesen.
Bestätigt wird das ganze
vom Experten-Team
und das sitzt neben mir am Tresen.“
(Dritte Wahl)

DER JUDE AN SICH

Vor ein einigen Monaten diskutierte ich mit einer Person, die mir nahesteht, über die aktuelle politische Großwetterlage in Deutschland. Wie so oft. Wir telefonierten.

Diesmal ging es um die Frage, wie gefährlich das Corona-Virus tatsächlich ist und ob die Lockdown-Maßnahmen der Bundesregierung angemessen oder völlig überzogen sind. Durchaus Fragen, die man stellen und aus verschiedenen Blickwinkeln diskutieren kann. Mein Gegenüber vertrat die These, dass das Corona-Virus durch gezielt gesteuerte, gleichgeschaltete mediale Meinungsmache bewusst als gefährlicher dargestellt werde, als es tatsächlich sei. Es solle Panik und Angst in der Bevölkerung geschürt werden. Auf diese Weise solle das deutsche Volk gefügig gemacht und auf eine Corona-Zwangsimpfung vorbereitet werden. Verdienen daran solle Bill Gates, der seit Jahren große Geldsummen in die Impfstoffforschung, medizinische Einrichtungen und Organisationen sowie die WHO investiere. Ein weiteres Ziel sei es, durch die Lockdown-Maßnahmen die deutsche Wirtschaft und damit Deutschland selbst zu Grunde zu richten.

Dies, so führte mein Gesprächspartner fort, würde von denselben Mächten forciert, die schon im Jahr 2015 die deutschen Ausgrenzen für einen unbegrenzten und unkontrollierten Zustrom an Flüchtlingen aus muslemisch geprägten Ländern geöffnet hatten. Auch hierdurch sollte Deutschland geschwächt und das deutsche Volk schließlich sukzessive durch eine Mischrasse mit Migrationshintergrund ausgetauscht werden.

Ich kam in diesem Telefonat mit dem Atemholen kaum nach. Immer abenteuerlicher wurden die Theorien. Und als Beweise für deren Richtigkeit wurden ein paar fragwürdige Social-Media-Profile und Telegram-Kanäle, einige halbseidende Webpages sowie diverse Betroffenheit erzeugende YouTube-Videos angeführt.

Schließlich stellte ich die Frage aller Fragen: „Wer profitiert davon? Wer steckt hinter alledem?“ „Der Jude.“, kam die Antwort prompt. Mir fiel die Kinnlade herunter. „Also, den Finanz-Juden meine ich.“, konkretisierte mein Gesprächspartner seine Aussage. „Die Juden sind ja fast alle in der Finanzbranche aktiv.“

Ich merkte, dass diese Aussage eine unverrückbare rote Linie von mir überschritten hatte. Und diese rote Linie heißt Rassismus…

ZWEI FRAGEN

Verschwörungstheorien haben Konjunktur. Doch waren es früher irgendwelche Nerds, die irgendwo am Rande der Gesellschaft irgendwelchen obskuren und letztendlich nicht beweisbaren Theorien anhingen, so dringen diese Theorien heute bis in die Mitte der Gesellschaft vor. Und schlagen Wurzeln. In den Köpfen der Menschen. In den Herzen der Menschen. Die neuen Medien machen es möglich.

Fake News haben Konjunktur. Schien es früher einen gewissen gesellschaftlichen Minimalkonsens zu geben, was ein Fakt ist, was dessen Deutung ist und was dessen Verdrehung, so scheint heute wahr zu sein, was gefällt. Behauptungen müssen nicht mehr bewiesen werden. Es langt, sie andauernd und vehement zu wiederholen.

Man könnte über diese Entwicklung ungläubig den Kopf schütteln oder einfach nur schmunzeln, wenn sie den gesellschaftlichen Diskurs nicht so radikalisieren, verrohen und vergiften würde. Man könnte über diese Entwicklung einfach hinweggehen, wenn sie nicht so paranoide Weltbilder erschaffen würde. Man könnte diese Entwicklung abtun, wenn sie nicht so tiefe Gräben in die Gesellschaft reißen würde. Legitimierten Verschwörungstheorien und Fake News anfangs „nur“ so manch virtuellen Shit-Storm, so legitimieren sie mittlerweile auch Gewalt gegen Menschen. Worin wird diese Entwicklung einmal münden?

Je mehr ich mich mit dem Phänomen der grassierenden Verschwörungstheorien und Fake News auseinandersetzte, desto mehr kristallisierten sich für mich zwei entscheidende Fragestellungen heraus: „Wie kommt es, dass ein nicht unwesentlicher Teil der Bevölkerung jeden noch so abstrusen und ganz offensichtlich erlogenen Fake News, jeder noch ao abstrusen und ganz offensichtlich erlogenen Verschwörungstheorie aufspringt?“ Und: „Weshalb bringt dies solch eine Radikalisierung, Verrohung und Vergiftung des gesellschaftlichen Diskurses bis hin zur Legitimierung von Gewalt mit sich?“ Diesen Fragen will ich in diesem Blogartikel nachgehen.

EIN PAAR DEFINITIONSVERSUCHE

Doch bevor ich dies tue, sollte ich zunächst einmal umreißen, wovon ich ausgehe, wenn ich von Verschwörungstheorien und Fake News spreche.

Wikipedia beschreibt eine Verschwörungstheorie als „den Versuch, einen Zustand, ein Ereignis oder eine Entwicklung durch eine Verschwörung zu erklären, also durch das zielgerichtete, konspirative Wirken einer kleinen Gruppe von Akteuren zu einem meist illegalen oder illegitimen Zweck … Verschwörungstheorien dienen dem überlasteten Menschen in überfordernden Situationen, der Komplexitätsreduktion und der Aufrechterhaltung des Glaubens an die Durchschaubarkeit der Realität und die Selbstwirksamkeit des Subjekts“.

Das, was Verschwörungstheorien so schwer greifbar und schwer zu wiederlegen macht, ist, dass jedes Argument und jeder Beweis gegen eine solche Theorie von ihren Anhängern als ein Argument dafür umgedreht werden kann.

Fake News definiert Wikipedia als „manipulativ verbreitete, vorgetäuschte Nachrichten, die sich überwiegend im Internet, insbesondere in sozialen Netzwerken und anderen sozialen Medien zum Teil viral verbreiten.“ Im Duden findet man unter dem Stichwort Fake News folgende Definition: „In den Medien und im Internet, besonders in den Social Media, in manipulativer Absicht verbreitete Falschmeldungen“.

Verschwörungstheorien und Fake News ist gemein, dass sie darauf abzielen, Stimmungen zu erzeugen und nicht darauf, sachliche Aufklärung zu betreiben. Verführerisch an ihnen ist, dass man sie gar nicht beweisen muss. Einmal vom Stapel gelassen, können sie sich ungefiltert ausbreiten und festsetzen. Sie sind mit einem Nachdruck formuliert, der ein Infragestellen nicht duldet. Dieser imperative Tonfall suggeriert Seriosität und Wissenschaftlichkeit und stellt jeden in die Ecke des naiven und unwissenden Idiotens, der es wagt, sie zu hinterfragen.

Im Zeitalter der Social Media können Verschwörungstheorien und Fake News in Wechselwirkungen des sich gegenseitigen Bestätigens und Beschleunigens treten und dadurch eine dramatische Dynamik entwickeln. So können Fake News erfunden werden, um Verschwörungstheorien zu stützen und umgekehrt Verschwörungstheorien, um Fake News zu stützen. Fatal wird dies, wenn diese Dynamiken in menschenverachtende Richtungen gehen oder extremistischen Ideologien in die Karten spielen.

ETHISCH-MORALISCHER BANKROTT

Meine These ist, dass in wir in diesen Tagen in unserer Gesellschaft eine Saat aufgehen sehen, die mindestens seit Jahrzehnten, wenn nicht seit Jahrhunderten oder gar seit Jahrtausenden ausgesät worden ist: Nämlich die schleichende Gewöhnung an vorsätzliche Lüge und an bewusste Halbwahrheit…

Da sind zunächst einmal die, die wir in unsere Parlamente gewählt haben, damit sie unsere Interessen vertreten. Wenn es um Lügen und bewusste Halbwahrheiten geht, marschieren diese seit jeher munter vorneweg. Die Vorbildfunktion, die ein politisches Amt immer mit sich bringen sollte und die sich in einem ethisch-moralischen Lebenswandel ausdrücken sollte, wird von den politischen Eliten viel zu oft mit Füßen getreten. Es war seit jeher opportun, das eigene Volk anzulügen, wenn es dem eigenen Machterhalt diente. Nahm ein Politiker so großspurige Worte wie „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort“ in den Mund, ging es ihm nicht um Wahrheitsfindung, sondern darum, die Öffentlichkeit von der eigenen Lüge zu überzeugen. Wurden Sozialstandards abgebaut, Arbeitnehmerrechte eingeschränkt oder Voraussetzungen geschaffen, das Lohnniveau zu drücken, wurde uns dies als „notwendige Reformen“ verkauft. Und natürlich stand und steht es nicht im Widerspruch dazu, nach der politischen Laufbahn lukrative Posten in eben den Unternehmen zu bekleiden, die einem zuvor noch ebendiese „notwendigen Reformen“ in die Feder diktiert hatten.

Dann sind da die Bildschirme, Plakatwände und Zeitschriften, von denen seit Jahrzehnten belanglos makellose Menschen unsere Gesellschaft mit Lügen und bewussten Halbwahrheiten fluten. Produkte werden stimmungsvoll in Szene gesetzt und mit gefälligen Attributen wie „Wellness“ oder „Freiheit“ oder was auch immer gerade en vogue ist, versehen. Bei genauerem Hinsehen aber stehen diese Attribute meist im krassen Gegensatz zum angepriesenen Produkt. Denn was hat es beispielsweise mit Freiheit zu tun, eine Zigarette zu rauchen? Was hat es mit Wellness zu tun, mit Zucker und Palmöl vollgestopfte Nahrungsmittel zu sich zu nehmen? Es geht ausschließlich darum, emotionale Resonanz auszulösen. Es soll Lebensgefühl verkauft werden. Denn hat der Konsument erst einmal einen emotionalen Zugang zum Produkt bekommen, wird er es auch konsumieren. Egal, ob er Bedarf daran hat oder nicht. Egal, ob er sich damit vergiftet oder nicht. Gerne werden auch Label wie „Fairtrade“ oder „Bio“ auf Produkte aufgebracht. Doch in schöner Regelmäßigkeit werden Fälle bekannt, in denen diese Label entweder bis zur Unkenntlichkeit ausgehöhlt oder durch Label ersetzt wurden, die die versprochenen Standards nicht einhalten. Denn in der Regel schert es die Unternehmen einen feuchten Dreck, ob ihre Produkte tatsächlich unter fairen und umweltschonenden Bedingungen hergestellt werden. Es geht ausschließlich darum, ein Marktsegment zu besetzen, um Gewinn zu machen. Und im nächsten Jahr muss dieser Gewinn noch einmal gesteigert worden sein. Daher geht es einzig und alleine darum, das Gewissen des Konsumenten zu beruhigen, damit dieser artig weiter konsumiert.

Wahre Profis im Spiel der Lügen und bewussten Halbwahrheiten sind aber auch diese aalglatten Nadelstreifenträger, die sich in den Chefetagen der großen Banken und Konzerne tummeln. Die tagein tagaus dem Diktat der Gewinnmaximierung folgen. Für die der gewöhnliche Arbeitnehmer oder hohe Umweltschutzstandards nicht mehr als lästige und möglichst niedrig zu haltende Kostenfaktoren darstellen. Die mit einem Federstreich Arbeitsplätze vernichten und Produktionsstandorte ins Ausland verlagern. Die an den Finanzmärkten astronomische Geldsummen verzocken und so ganze Volkswirtschaften in Schieflage bringen. Deren Solidarität und Mitgefühl exakt so weit reichen wie der eigene Vorteil. Die sich als Belohnung für ihre Arbeit nicht für möglich gehaltene Lohnexzesse genehmigen. Oder nicht minder exzessive Abfindungen zahlen lassen, wenn sie erfolglos waren. Und am Abend des Tages sitzen sie sonnenstudiogebräunt, gestriegelt und geschniegelt im sportiv konservativen Outfit in den Talkshows der Republik und erklären uns eloquent sympathisch, warum unsere Empörung über ihr Verhalten gar keine Berechtigung hat. Reicht das nicht aus, wird viel Geld in aufwendige Werbekampagnen gepumpt, bis es auch der Allerletzte geschluckt hat.

Befeuert wird die von mir skizzierte Kultur der Lüge durch eine Presse- und Medienlandschaft, die nach und nach ihre Funktion als gesellschaftlicher Wächter preisgibt. Lange Zeit war sie ein Bollwerk gegen diese Kultur der Lüge. Über Jahrzehnte hinweg war sie es, die den Finger in die Wunden legte und der Gesellschaft den Spiegel vorhielt. Es war nur folgerichtig, dass die Staats- und Verfassungsrechtler anfingen, von der Presse – neben der Legislative, der Judikative und der Exekutive – als der vierten Säule der Gewaltenteilung zu sprechen. Seit Ende der 80er beziehungsweise Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts jedoch wurde die Presse- und Medienlandschaft zunehmend dem Diktat der fiskalischen Rentabilität unterworfen. Der Fokus wurde verschoben auf die Maßgabe Gewinn zu erwirtschaften. Dies brachte eine schleichende Verflachung der Berichterstattung mit sich. Seither: Umfang und Qualität der Nachrichten gehen zurück. Es wird weniger in die Tiefe gegangen. Und die Aufmachung der Berichte ist zunehmend reißerisch und auf eine einfache Konsumierbarkeit ausgerichtet. Berichtserstattung wird zunehmend selektiv, was die Auswahl der Nachrichten angeht, und oberflächlich, was deren Tiefe angeht. Gebracht wird, was sich gut verkauft. Und das wird uns in mundgerechten Häppchen serviert.

Natürlich überspitze ich ganz bewusst, wenn ich ganze Berufsstände und gesellschaftliche Gruppen vollkommen plakativ an den Pranger stelle und über einen Kamm schere. Mein Artikel wird all denen nicht gerecht, die in den von mir angegriffenen Berufsständen arbeiten beziehungsweise zu den gesellschaftlichen Gruppen gehören und sich an dieser Kultur der Lüge ganz bewusst nicht beteiligen. Mein Artikel ist unfair all den aufrichtigen und ehrenwerten Journalisten, Politikern, Bänkern und Unternehmern gegenüber.

Und dann greift es natürlich auch zu kurz, einfach nur „irgendwelche andere“ oder gar „die da oben“ anzugreifen und für die aufgezeigten Entwicklungen verantwortlich zu machen. Dies wird einem komplexen und gesamtgesellschaftlichen Problemsachverhalt nur bedingt gerecht. Denn diese Kultur der Lüge hat letztlich nahezu jeden Winkel des gesellschaftlichen Lebens durchsetzt. Und auch wenn es natürlich die gesellschaftlichen Eliten und Meinungsführer – allen voran die aus Politik, Wirtschaft, Finanzbranche und Medien – sind, die durch ihr jahrzehntelanges Vorleben Halbwahrheiten und Lügen hoffähig gemacht haben, so bewegt sich doch ein jeder von uns in dieser Kultur der Lüge. Ein jeder von uns hat sich damit arrangiert und sehr wahrscheinlich auch seine Vorteile daraus gezogen. Ein jeder von uns steht Tag für Tag und in beinahe jeder Situation seines eigenen Lebens vor der Entscheidung, ob er dieses infame Spiel mitspielen will oder nicht. Und ich kann von mir sagen, dass ich viel, viel häufiger Teil dieser Kultur der Lüge bin, als mir recht sein könnte.

EINE FATALE ENTWICKLUNG

Trotzdem überspitze und vereinfache ich in diesem Blogartikel ganz bewusst. Denn dies ist mir Mittel zum Zweck. Auf diese Weise habe ich herausarbeiten und veranschaulichen können, was meine Kernthese ist: Wir sehen in diesen Tagen in unserer Gesellschaft eine Saat aufgehen, die mindestens seit Jahrzehnten – wenn nicht seit Jahrhunderten oder gar seit Jahrtausenden – ausgesät worden ist: Die schleichende Gewöhnung an vorsätzliche Lüge und an bewusste Halbwahrheit. Die Meinungsführer unserer gesellschaftlichen Eliten haben uns seit jeher derart inflationär belogen, dass sich die Lüge an sich seltsam vertraut für uns anfühlt.

Und so ist es nur zu folgerichtig, dass, wenn Menschen an den Punkt kommen dieser Kultur der Lüge zu misstrauen, sie sich nicht etwa für Wahrheit entscheiden, sondern einfach nur für eine neue Form der Lüge. Den offiziellen Meinungen und Verlautbarungen der gesellschaftlichen Eliten und Meinungsführern aus den Banken, Parteizentralen, Konzernen oder Medienhäusern wird nicht mehr geglaubt. Dafür aber halbseidenen und undurchsichtigen YouTube-Kanälen, Messengergruppen, Internetseiten und Onlineforen. Die, die den gesellschaftlichen Eliten und Meinungsführern nicht mehr glauben, glauben im Umkehrschluss nicht etwa an gar nichts mehr, sondern an so ziemlich alles. Zumindest an alles, was sie glauben wollen, weil es ins eigene Weltbild passt. Und da ist es letztendlich auch herzlich egal, wie verworren oder unhaltbar dieses Weltbild auch ist. Einmal an die Lüge gewöhnt, bleibt man ihr treu. Die vermeintliche Lügenpresse der anderen wird lediglich gegen die eigene Lügenpresse getauscht; die Kultur der Lüge der anderen gegen die eigene. Und genau aus diesem Grund haben Verschwörungstheorien und Fake News es bis in die Mitte der Gesellschaft geschafft. Deshalb sind sie so omnipräsent.

VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN, FAKE NEWS UND DAS EGO

Doch zu Beginn dieses Blogartikels hatte ich noch eine weitere Frage aufgeworfen, nämlich: „Wieso bringt der Glaube an Verschwörungstheorien und Fake News solch eine Radikalisierung, Verrohung und Vergiftung des gesellschaftlichen Diskurses bis hin zur Legitimierung von Gewalt mit sich?“ Weshalb entzweit er Menschen und bringt sie gegeneinander auf? Meines Erachtens lohnt es sich bei dieser Fragestellung näher hinschauen, in welche Wechselwirkungen Verschwörungstheorien und Fake News mit dem egodominierten Selbst – dem Falschen Selbst – des Menschen treten beziehungsweise treten können:

Zunächst einmal vermitteln Verschwörungstheorien und Fake News das Gefühl von Kontrolle. Denn in der Regel werden für komplexe und dadurch schwer nachvollbare Ereignisse und Entwicklungen einfachste Erklärungen herangezogen. Alles, was nicht in die herangezogenen Erklärungsmuster passt oder diesen widerspricht, wird ausgeblendet, wegretuschiert oder umgedeutet. Übrig bleibt eine vereinfachte und damit auch durchschaubare Weltsicht. Dadurch wird die Illusion befeuert, die Kontrolle über diese Welt, ihre Deutung und des Lebens an sich zu behalten.

Dann dienen Verschwörungstheorien und Fake News der Selbstüberhöhung. Schließlich ist man privilegiert, weil man sich im Besitz von „geheimem“ Wissen befindet. Und hierbei handelt es sich auch noch Wissen, das essentiell ist, um die Zusammenhänge und Zielrichtungen des gesellschaftlichen oder sogar weltweiten Geschehens zu verstehen. Man selber kennt die Wahrheit, für die die große Masse der Menschen blind ist. Dies kreiert das Selbstbild, ein Auserwählter zu sein.

Und meist geht dies alles einher mit einer gewissen Wagenburgmentalität. Man scharrt die Leute um sich, die denselben Verschwörungstheorien und Fake News anhängen. Es wird unterschieden zwischen „wir hier drinnen“, die wissend und sehend sind, und „denen da draußen“, die verblendet, irregeleitet oder blind sind. Es bleibt folglich nicht nur dabei, dass man sich selbst auf einen Thron setzt, nein, man wertet auch noch alle Außenstehenden und Andersdenkenden ab.

Als ich in Vorbereitung auf diesen Blogartikel zeitweilig einigen einschlägigen Telegram-Kanälen, auf denen verschwörungstheoretische Inhalte und Fake News (rund um die Stichworte „Q Anon“, „Corona-Leugnung“, „Der Austauch“ und so weiter) geteilt werden, folgte, wurde mir bewusst, dass diese eh schon sehr negativen Wirkweisen von Verschwörungstheorien und Fake News durch die Social Media durch noch drei weitere Aspekte zusätzlich eskaliert werden: Zuerst einmal werden Angst schürenden Szenarien gezeichnet, wonach geheime Mächte (wahlweise linke, grüne, kommunistische, jüdische, freimaurerische oder was auch immer für Kräfte) im Geheimen an den Schalthebeln der Macht sitzen und dieses Land (wahlweise auch die ganze Welt) nach und nach in den Abgrund ziehen. Dann erfolgt die Verbreitung dieser Inhalte in einer extrem hohen Taktung. Das hat zur Folge, dass der Konsument dieser Inhalte überhaupt nicht mehr zur Ruhe kommt. Zu guter Letzt werden diese Inhalte in einer Art und Weise geteilt, die geeignet ist, den Konsumenten in einem andauernden Zustand von Wut und Empörung halten…

Zusammengefasst befördern Verschwörungstheorien und Fake News also die eh schon negativen, egodominierten Seiten der eigenen Persönlichkeit, indem sie dem Ego die Illusion von Sicherheit und Kontrolle vorgaukeln, es selbst überhöhen und über Andersdenkende erheben. Und durch die Art und Weise, wie diese Inhalte Verbreitung finden, wird der Verschwörungstheorie- und Fake-News-Gläubige in einem permanenten Zustand der Angst, der Wut und der Empörung denen gegenüber gehalten, die ihm als Schuldige für die Fehlentwicklungen in diesem Land oder gar in dieser Welt präsentiert werden.

Man darf sich nichts vormachen: Auf diese Weise wird den Konsumenten dieser Verschwörungstheorien und Fake News nach und nach die Fähigkeit zur Empathie abtrainiert. Und ganze Menschengruppen, nämlich all jene, die man als Drahtzieher oder Urheber der geglaubten Angst-Szenarien identifiziert, werden schleichend „enthumanisiert“. Denn sie werden nicht mehr als Menschen wahrgenommen und dargestellt, die mit Würde und Vernunft begabt sind. Nicht mehr als Menschen, die sich mit denselben Ängsten, Herausforderungen und Bedürfnissen konfrontiert sehen wie man selbst. Sondern nur noch als Gefahr bringende Subjekte, die es zu bekämpfen gilt. Empathie wird abtrainiert, Menschen werden enthumanisiert. Und der stille Begleiter dieser Entwicklung ist immer Rassismus, welcher dadurch seine Legitimation erhält und wieder gesellschaftsfähig wird. Und mit einem Mal unterhält man sich wieder mit Menschen, die hinter allem Übel dieser Welt „den Juden“ wähnen…

Und um noch eines klar zu sagen: Eine solche Entwicklung ist das komplette Gegenteil von dem, was einen „gesunden“ spirituellen Weg ausmacht. Umso bedenklicher, dass ausgerechnet eine relativ große Schar an konservativen Christen Verschwörungstheorien und Fake News aufsitzt. Denn eigentlich sollten Christen doch nach dem Dreifachgebot der Liebe leben, das Jesus Christus einst gebracht hat. Und dieses lautet: Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (Die Bibel, Markus 12, 29).“ Liebe Gott – liebe Deinen Nächsten – liebe Dich selbst. Jesus spricht hier davon mit dem gesamten Wesen aus einer allumfassenden Liebe heraus zu leben. Liebe aber führt immer zu Mitgefühl und Empathie. Ich würde sogar soweit gehen, dass Liebe die Voraussetzung für Empathie ist. Das, was Verschwörungstheorien und Fake News aus einem Menschen machen, steht dem absolut konträr gegenüber. Da kann man sich noch so vehement auf das Christentum berufen und noch so enthusiastisch mit der Bibel herumwedeln, es ändert rein gar nichts daran.

VORBOTEN DES FASCHISMUS?

Wenn man zusammenfassend also die Argumentationslinien dieses Blogartikels nachvollzieht, ist es gar nicht mehr überraschend, dass sich ein nicht unwesentlicher Teil der Gesellschaft Verschwörungstheorien und Fake News zuwendet. Der Sozialisierung durch Lügen und vorsätzliche Halbwahrheiten sei Dank. Auch ist es nur zu folgerichtig, dass sich der gesellschaftliche Diskurs zunehmend radikalisiert, verroht und vergiftet, je mehr Verschwörungstheorien und Fake News Einzug halten. Denn es wird nicht nur das eigene egodominierte Selbst überhöht, sondern auch der Andersdenkende herabgwürdigt und zu einem hassens- und bekämpfenswerten Feindbild stilisiert. Dies alles bringt einen Verlust der eigenen Empathiefähigkeit sowie eine Enthumanisierung des Gegenübers mit sich. Rassismus, Übergriffe, Anschläge, Morde und Ausschreitungen stehen am Ende dieser Kausalkette. Entwicklungen, die wir in Deutschland aktuell live miterleben können.

Bereits im August 2015 schrieb ich in meinem Blogartikel „Wo Faschismus beginnt„: „Wenn man im Gegenüber nicht mehr den Menschen sehen kann und dessen Würde einer Anschauung unterordnet, ist – meines Erachtens – der Punkt erreicht, an dem Faschismus seinen Anfang nimmt. Hierbei ist es völlig unerheblich, ob diese Anschauung politischer oder religiöser Natur ist. Ein Wesensmerkmal faschistischer Systeme war und ist immer auch die Empathielosigkeit bestimmter menschlicher Gruppierungen gegenüber.“ Eine System, das Andersdenkenden gegenüber empathielos und in rassistischen Stereotypen auftritt, weil es diese enthumanisiert hat, verwirklicht also einen ganz wesentlichen Grundzug des Faschismus.

Wichtige Wegbereiter solcher Systeme sind und waren immer schon Verschwörungstheorien und Fake News gewesen. So erlebten wir es auf deutschem Boden bereits zu Zeiten der Weimarer Republik. Die Nazis hatten 1933 nicht völlig überraschend die Macht ergriffen. Nein, über Jahre hinweg hatten sie unter anderem durch das kontinuierliche Verbreiten von Verschwörungstheorien und Fake News ihrer Ideologie und ihrem Politikstil den Weg bereitet.

Ich kann nicht abschließend beurteilen, worin die von mir in diesem Blogartikel skizzierten Entwicklungen eines Tages mal münden werden. Aber ich kann ganz klar benennen, dass wir eine Entwicklung hin zu Radikalisierung, Verrohrung und Enthumanisierung in Kombination mit dem Verlust von Empathie erleben. Je weiter diese Entwicklung voranschreitet, desto weniger kann man davor seine Augen verschließen. Wann ist der Punkt erreicht, an dem jeder Mensch, der sich in den Werten von Demokratie und Menschenrechten verwurzelt weiß, Position beziehen muss? Fragen, die jeder nur für sich selbst beantworten kann. Ich weiß aber eines sicher: Die aktuelle Entwicklung hin zu Radikalisierung, Verrohrung, Enthumanisierung und dem Verlust von Empathie ist keine Alternative für Deutschland.

Was die Corona-Pandemie mich als Freimaurer lehrte…

WIEDER BEISAMMEN

Die Corona-Pandemie hatte eine Schneise in mein freimaurerisches Leben geschlagen. In das rituelle Erleben ebenso wie in die brüderliche Begegnung. Denn als das gesellschaftliche Leben heruntergefahren werden musste, schlossen auch die Logenhäuser ihre Pforten. Und es liegt in der Natur der Sache, dass weder das Eine noch das Andere online adäquat ersetzt werden konnte.

Ein halbes Jahr sollte es dauern, bis die Brüder meiner Loge und ich erstmalig wieder zusammenkommen konnten. Anlass sollte eine rituelle Tempelarbeit im ersten Grad, dem des Johannislehrlings, sein. Doch es war kaum noch etwas so, wie ich es über Jahre hinweg kennen und lieben gelernt hatte. Es fing damit an, dass wir den Tempel einzeln, mit Sicherheitsabstand und dem Tragen eines Mundschutzes zu betreten hatten. Und auch das Ritual an sich war an verschiedenen Stellen derart abgeändert worden, dass es dem Hygienekonzept der zuständigen Behörde gerecht wurde.

Daher fühlte sich dieses Ritual mit einem Mal wieder so neu und ungewohnt an. Den Brüdern und mir war die Unsicherheit bei Ausführung des Rituals förmlich anzumerken…

DER WICHTIGSTE FREIMAURERISCHE GRAD

Welcher freimaurerische Grad, welche freimaurerische Erkenntnisstufe ist die wichtigste? Diese Frage diskutierten vor längerer Zeit amerikanische Freimaurer auf Twitter. Da ich selbst auf Twitter diversen freimaurerischen Accounts aus dem Ausland folge, konnte ich diese Diskussion live mitverfolgen.

Alleine schon diese Fragestellung hat mich mehr als befremdet. Ich fand sie regelrecht abstoßend. Denn in ihr schwingt eine Bewertung, vielleicht sogar die Idee einer Hierarchie innerhalb der einzelnen freimaurerischen Grade mit. So nach dem Motto: Je höher, je geheimnisvoller oder je schwerer zu erreichen ein Grad ist, desto würdiger, auserwählter, wissender, erleuchteter oder was auch immer ist der, der diesen Grad inne hat. Diese Logik hat einen widerlich elitären Beigeschmack. Denn meiner Erfahrung nach erhält man in absolut keinem freimaurerischen Grad verborgenes Wissen, geheime Praktiken, ungeahnte Bewusstseinszustände, höhere Erkenntnis oder was auch immer offenbart, was man nicht auch komplett ohne das Freimaurertum samt seiner Rituale und Symbole erlangen könnte. Nichtsdestotrotz ist der freimaurerische Weg ein wohl einzigartiger initiantischer Weg, dessen Rituale und Symbolik sich aus den vielfältigen Traditionen der Baukunst, der Mysterienbünde, der Mystik, der Aufklärung, des Tempelrittertums, der Gnosis, des Humanismus, der Hermetik und der archaischen Initiationsriten (sicher ist diese Aufzählung nicht abschließend) speist. Unter Zuhilfenahme von Versatzstücken dieser Traditionen wird der Freimaurer in jedem Grad mit den essentiellen Fragestellungen dieses Lebens, seiner spirituellen Kreisläufe und Gesetzmäßigkeiten sowie des Sterbens und des Todes konfrontiert. Ich persönlich erlebe den freimaurerischen initiantischen Weg durch die einzelnen Grade, so wie ich ihn im christlichen Freimaurerorden vorfinde, als sehr stimmig und bewegend. Er weist unheimlich viele Facetten und Bedeutungsebenen auf und durchdringt nach und nach mein gesamtes Leben. Doch ich habe durch ihn absolut gar nichts kennengelernt, was ich nicht schon vorher gewusst hätte oder mir auch ohne das Freimaurertum hätte erschließen können. Aus diesen Gründen befremden mich Fragen, wie die, welche der wichtigste freimaurerische Grad ist, immer sehr.

Und dennoch ging mir diese Frage nach. Wenn man mich fragen würde, welches wäre für mich ganz persönlich der wichtigste Grad? Zu allererst käme mir hier meine Aufnahme in den dritten Grad, den des Johannismeisters, in den Sinn. Hier wurde ich in machtvoller Weise mit meinem eigenen Sterben und meinem eigenen Tod konfrontiert. In der Art und Weise, in der dieses Ritual im christlichen Freimaurerorden ausgestaltet ist, war es das bewegenste Ritual, das ich je erlebt habe. Doch auch der anschließende Weg in die Andreasloge und durch die Andreasloge hindurch (Grad vier bis sechs) war berührend und von der inhaltlichen Ausgestaltung her unheimlich reich und in sich stimmig.

Doch je länger ich über diese Frage nachdachte, desto mehr kristallisierte sich für mich heraus, dass der erste Grad, der des Johannislehrlings, für mich der wichtigste ist! Warum? Dafür muss ich ein wenig ausholen. Denn die Aufnahme in den Grad des Johannislehrlings an sich bewegte mich zwar, jedoch nicht in dem Maße, wie es viele Brüder mir im Vorherein vorgeschwärmt hatten. Und ebenso nicht in dem Maße, wie mich die Initiationen in die Grade ab dem Johannismeister bewegen sollten.

Das, was den Grad des Johannislehrlings für mich so besonders macht, ist die innere Einstellung und das Bewusstsein, was mit diesem Grad einhergeht, sofern man sich darauf einlässt. Es ist die innere Einstellung und das Bewusstsein des Lernenden. So stellte ich mich bewusst hinten an und nahm die Position des Beobachters ein. Ich schaute hin, ich hörte zu. Und ich hielt den Mund, wenn ich nicht gefragt wurde. Wie ein Schwamm sog ich alles auf, was mir an freimaurerischer Symbolik, an freimaurerischen Ritualen und an freimaurerischen Inhalten begegnete. Und dann konnte ich sie förmlich greifen, diese spannungsgeladene Vorfreude, die in der Luft lag, jedes Mal, wenn die Brüder zusammenkamen und sich für das Ritual maurerisch einkleideten. Es hatte etwas Geschäftiges und Erwartungsfrohes. Jedes Mal vor einer Tempelarbeit. Diese Einstellung des Lernenden brachte etwas Achtsames und Demütiges mit sich. Und befanden wir uns dann im Ritual, war alles neu. Jede Handlung, jedes gesprochene Wort, jede Haltung. Das alles war neu und fühlte sich dadurch so unsicher an. Diese innere Unsicherheit sollte über Monate hinweg mein Begleiter im freimaurerischen Ritual sein…

ERINNERUNG DURCH CORONA

…Ganz unwillkürlich verspürte ich genau diese Unsicherheit wieder, als wir nach der coronabedingten Pause erneut rituell zusammenkamen. Zwei Faktoren waren dafür verantwortlich: Die lange Pause sowie die Änderungen im Ritualablauf, die das Corona-Hygienekonzept notwendig gemacht hatte.

Doch je mehr ich ankam in dieser Situation, desto mehr stieg Erinnerung in mir auf. Erinnerung an die Zeit, in der ich genau diese Unsicherheit schon einmal verspürt hatte: Meine Zeit im Johannislehrlingsgrad, kurz nach meiner Aufnahme in die Bruderschaft der Freimaurer, als ich noch frisch gebackener Johannislehrling war.

Daher ist es genau das, was die Corona-Pandemie mich als Freimaurer gelehrt hat: Sie hat mich erinnert an die Einstellung und das Bewusstsein des Johannislehrlingsgrades. Denn sie hat mir ganz neu bewusst gemacht, dass es notwendig ist, ein Lernender zu bleiben. Klar, den Grad des Johannislehrlings habe ich hinter mir gelassen. Ein für alle Mal. Daher halte ich nicht viel von der Aussage „Ein Freimaurer bleibt sein Leben lang Lehrling.“ Denn dem ist faktisch nicht so. Was hingegen ein Freimaurer sein Leben lang bleiben sollte, ist ein Lernender.