Die toxische Seite des Christentums

SPIRITUALITÄT UND TOXISCHE RELIGION

Wer auf meinem Blog liest, dem wird eines sehr schnell klar: Das prägende Element, das sich durch jedes meiner Bilder, durch jeden Buchstaben, den ich niederschreibe, zieht, ist Spiritualität. Und da ich die Geschichten, Symbole und Bilder meiner Spiritualität in erster Linie dem Christentum entlehne, nehme ich auch häufig Bezug auf Gott und auf Jesus Christus. Folglich ist auch meine grundsätzliche Beziehung zum Christentum zunächst eine positive.

Wenn Ihr wissen wollt, wie ich „Spiritualität“ für mich definiere, lest Ihr am besten meinen Artikel „Spirituelle Heldenreise„. Und wenn Euch interessiert, was ich unter „Gott“ verstehe, lege ich Euch meinen Artikel „Freimaurertum benötigt Spiritualität und Gottesbezug“ ans Herz. Diese Blogartikel vorausgesetzt, ist der Ausgangspunkt sowie der Endpunkt von Spiritualität, wie ich sie verstehe, immer das mit menschlicher und göttlicher Würde beschenkte Individuum. Und über diese Würde verfügt das Individuum ganz unabhängig von seinem Geschlecht, seiner Religion, seinem kulturellen oder sozioökonomischen Hintergrund, seiner geschlechtlichen Identität, seiner Weltanschauung oder was auch immer. Weiter geht es in dieser Spiritualität immer um das Verbunden-Sein beziehungsweise das Eins-Sein dieses Individuum mit allem, was existiert und seinem eigenen göttlichen Urgrund. Es geht immer um die Überwindung des egodominierten Selbst („Falsches Selbst“), das Freilegen des eigenen ursprünglichen göttlichen Kerns („Wahres Selbst“) und die Rückkehr zum eigenen Ursprung. Folglich kann Spiritualität niemals faschistisch motiviert sein, sich über Feindbilder definieren oder im Widerspruch zur Wissenschaft stehen. Vielmehr ist sie sogar eine bereichernde Ergänzung, Fortführung und Horizonterweiterung der Wissenschaft. Spirituelle Weltsicht kann und muss immer undogmatisch, nondualistisch, interdependent und holistisch sein.

Dieses Verständnis von Spiritualität hat zur Folge, dass ich den unterschiedlichen Religionen und religiösen Traditionen der Menschheit zuerst einmal wertschätzend gegenüberstehe. Und aus der Innenansicht des Christentums heraus könnte ich unzählige Blogartikel mit der Nächstenliebe und dem sozialen und karitativen Engagement, das ich bei vielen Christen erleben durfte, füllen. Das bedeutet für mich im Umkehrschluss jedoch nicht, dass ich die Religion im Allgemeinen oder das Christentum im Besonderen verkläre oder unkritisch sehe. Schließlich bin ich auf meinem Weg zur Genüge mit den toxischen Seiten der Religion in Berührung gekommen. Auf meinem Blog habe ich die Religion beziehungsweise bestimmte religiöse Auswüchse immer wieder auch kritisch gestellt.

Das aktuelle Weltgeschehen jedoch hat mich jüngst innehalten und die Rolle der Religion noch einmal kritischer hinterfragen lassen. Als Gläubiger ist mir hierbei aufgefallen, dass die Bilder der letzten 20 Jahre, die mich im Zusammenhang mit geopolitischen Machtkämpfen und kriegerischen Auseinandersetzungen am stärksten verstört und betroffen gemacht haben, die Religion zu verantworten hat. Und als Christ beobachte ich mit Sorge, dass Teile des Christentums zunehmend eine destruktive und lebensverachtende Rolle in diesen Machtkämpfen und Auseinandersetzungen einnehmen.

Im Folgenden werde ich exemplarisch vier dieser mich verstörenden Ereignisse herausgreifen und kurz Revue passieren lassen. Abschließend werde ich an dem, was der christliche Religionsgründer Jesus Christus laut biblischer Überlieferung zum Thema Macht und Gewalt vor etwa 2000 Jahren gelehrt hat, Maß nehmen, und daran die beschriebenen aktuellen Entwicklungen des Christentums bemessen. Auch, wenn mein Fokus primär auf dem Christentum liegt, so will ich, den Einstieg dennoch mit dem Islam machen.

ISLAMISTISCHER TERRORISMUS

Alles begann mit dem 11. September 2001. Von denen, die damals alt genug waren, den Anschlag auf das World Trade Center bewusst mitbekommen zu haben, ist mir bislang niemand begegnet, der nicht auch über 20 Jahre später noch klar benennen könnte, was er in dem Moment, als die Passagiermaschinen in die Tower stürzten, gerade machte. Ich selber nahm damals an einem „Ethik-Seminar“ teil. Es ging um ethisch-moralisches Handeln im beruflichen Kontext. Zuerst vibrierte mein Handy. Eine Freundin hatte mir eine SMS (denn WhatsApp und Co. gab es damals noch nicht) mit folgendem sinngemäßen Inhalt geschickt: „Das World-Trade-Center ist kaputt. Das Pentagon ist kaputt. Und mir ist auch schon ganz schlecht.“ Im nächsten Moment platzte eine Kollegin aufgeregt in den Seminarraum. Diese hielt sich ein Radio ans Ohr. So ein analoges Radio mit ausziehbarer Antenne und so. Im übernächsten Moment war der gesamte Kurs auch schon um einen Fernseher herum versammelt und zog sich die schockierenden Bilder aus New York rein. Immer und immer wieder. Als ich am nächsten Tag in einer norddeutschen Großstadt eine Tageszeitung kaufen wollte, gab es keine mehr. Vom deutschlandweiten Blatt bis hin zur kleinen Regionalzeitung, sie waren alle ausverkauft.

Der Anschlag vom 11. September hatte traumatisierendes Potenzial. Zum einen, weil die Weltgemeinschaft es niemals für möglich gehalten hätte, dass solch eine Tat auf amerikanischem Grund und Boden möglich sein könnte. Und zum anderen, weil er einer breiten westlichen Öffentlichkeit zum ersten Mal die Realität islamistischen Terrorismus‘ vor Augen führte.

In den folgenden Jahren sollten weitere Anschläge unterschiedlicher islamistischer Couleur auf europäischem Grund und Boden folgen. Insbesondere der Anschlag auf das Verlagsgebäude der französischen Satirezeitschrift „Carlie Hebdo“ im Jahr 2015 als Rache für die Veröffentlichung von Karikaturen des muslimischen Propheten Mohammed traf mich bis ins Mark. Er ließ mich fassungslos und wütend zurück. Schwang in der Tatausführung doch so unendlich viel Verachtung für die freiheitlichen Werte des Westens mit. Damals hätte ich nie zu denken gewagt, dass selbst diese Tat noch zu toppen gewesen wäre: Im Jahr 2020 wurden in Frankreich Lehrer von Islamisten enthauptet, weil der Stoff ihres Unterrichts nicht genehm war. Wie barbarisch, wie bestialisch!

Neun Jahre nach dem Terroranschlag vom 11. September nahm ich an einem Seminar der Universität Hamburg teil. Es ging um den Umgang mit Menschen anderer Kulturen. Zwei Aussagen, die dort von den Dozenten getätigt wurden, sind bei mir haften geblieben. Die erste Aussage war: Es gibt eine Korrelation zwischen der sozialen Lebenssituation in einer Gesellschaft und der Bereitschaft des Einzelnen, islamistisch motivierte terroristische Anschläge zu begehen. Je unsicherer ein Gesellschaftssystem und je prekärer die Lebenssituation der Bevölkerung, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass dort auch Terrorakte verübt werden. Daher ereignet sich auch die große Masse islamistischer Terroranschläge in muslimischen Ländern. Und die zweite Aussage war: Die mit großem Abstand meisten Opfer islamistischer Terrorakte sind Moslems. Klar, beides relativiert nicht die Verantwortung, die die Religion des Islam für diese menschen- und lebensverachtenden Taten trägt, aber es ordnet sie in einen größeren Kontext ein und leitet sie ein wenig her. Das ändert jedoch nichts daran, dass der Islam die rechtfertigende Ideologie und auch die praktische Infrastruktur für diese Taten geliefert hatte.

In den christlichen Kreisen, in denen ich mich damals bewegte, wurde vergleichsweise schnell mit dem Finger auf den Islam gezeigt. Die Gräueltaten des islamistischen Terrorismus galten als letzter Beweis dafür, dass der Islam an sich von Grund auf böse oder gar ein satanischer Irrweg sei. Die Gräueltaten des Christentums, wie zum Beispiel Kreuzzüge und Hexenverbrennungen, lagen lange genug zurück, so dass mancher Christ sich ruhigen Gewissens über „diese Moslems“ erheben konnte. Damals war die Welt noch in Ordnung: Die Moslems waren die Bösen und die Christen die Guten. Doch schleichend und von der Öffentlichkeit zunächst unbemerkt, sollte sich dies nach und nach ändern…

REGENWALD IN FLAMMEN

2018/2019 gingen Bilder durch Presse und soziale Medien, auf denen große Flächen des brasilianischen Amazonas-Regenwaldes in Flammen zu sehen waren. Dieser Regenwald brannte in einem Ausmaß und einer Geschwindigkeit wie niemals zuvor. Mitverantwortlich dafür zeichnete der damalige brasilianische Präsident, Jair Messias Bolsonaro. 2018 ins Amt gewählt, betrieb er eine Politik, die der Brandrohdung des Amazonas-Regenwaldes Vorschub leistete und Bestimmungen zum Schutz des Regenwaldes sukzessive aufgeweichte und abgeschaffte. Auch seine Maßnahmen zur Eindämmung der Brände wurde als völlig unzureichend kritisiert. Sie waren zu wenig, zu langsam und zu halbherzig.

Laut Wikipedia vertritt Bolsonaro „gesellschaftspolitisch rechtspopulistische bis rechtsextreme und wirtschaftspolitisch neoliberale Positionen“. Was mir lange Zeit gar nicht bewusst war, war, wie tief Bolsonaro in den evangelikal christlichen Milieus Brasiliens verwurzelt ist. Und dass die Stimmen eben dieser Milieus ausschlaggebend für seine Wahl zum Präsidenten Brasiliens gewesen waren. In diesen Milieus soll er Zustimmungswerte von bis zu 73 Prozent erhalten haben.

Doch wie kam es dazu? Denn noch Ende der 70er beziehungsweise Anfang der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts waren 9 von 10 Brasilianern katholisch gewesen. Seither jedoch sind die evangelikalen Richtungen des Christentums dort die am stärksten wachsenden Glaubensgemeinschaften. Mittlerweile zählen rund 30 Prozent von Brasiliens Gesamtbevölkerung zu evangelikal christlichen Kirchen. Geht diese Entwicklung so weiter, wird es dort in absehbarer Zeit mehr Evangelikale als Katholiken geben. Und die evangelikalen Milieus sind welche, die sich ins politische Geschehen einmischen und versuchen, Einfluss zu nehmen. Sei es, um Steuererleichterungen für ihre wie Wirtschaftsunternehmen geführten Kirchen zu erreichen, sei es, um ihre national rechts-konservativen Positionen in der Gesellschaft durchzusetzen und zu verfestigen oder um ihnen wohlgesonnene Entscheidungsträger an den wichtigen gesellschaftlichen Positionen zu installieren. Bolsonaro hatte dies erkannt und sich den evangelikal christlichen Milieus angedient. Die Frau, die er geheiratet hatte, entstammte der evangelikalen Kirche des populären Predigers Silas Malafai. In selbiger Kirche hatte Bolsonaro sich 2016 medienwirksam taufen lasse, und das obwohl er nach wie vor Katholik gewesen war. Im Wahlkampf schließlich hatte er die Positionen der evangelikalen Christen beispielsweise in Fragen der Sexualethik, der Drogenpolitik oder auch der Familienpolitik eingenommen und war mit Slogans wie „Brasilien über alles. Gott über allen“ in den Wahlkampf gezogen. Als Dank war in den evangelikal christlichen Milieus fleißig das Kreuz bei Bolsonaro gemacht worden.

Und kaum hatte Bolsonaro die Macht ergriffen, gingen diese apokalyptischen Bilder aus dem brasilianischen Amazonas-Regenwald um die Welt. Dieser brannte in einem Ausmaß nieder, wie es bis dahin nicht vorstellbar gewesen wäre. Die internationale Presse beobachtete das Krisenmanagement des neuen Präsidenten mit Unverständnis. Steckte dieser selbst hinter diesen Bränden, mit dem Ziel neues Weideland zu generieren? Verschleppte und unterminierte er bewusst die Brandbekämpfungsmaßnahmen? Oder war seine Intervention einfach nur schlecht koordiniert und durchgeführt? So mancher begründete Verdacht wurde in den Medien diskutiert. Und auch wenn man in dieser Sache von außen ziemlich eindeutige Indizien sammeln konnte, so liegt es doch in der Natur der Sache, dass die abschließende Beweisführung unvollendet bleiben musste.

Was einen aber förmlich ansprang, war das Schweigen der großen Mehrheit des evangelikalen Christentums, das Bolsonaro ins Amt gewählt hatte. Es war das Schweigen eben jener Christen, die sonst so lautstark ihre Stimme erheben, wenn es darum geht, gegen die Gleichstellung von Homosexuellen oder die Möglichkeit des Schwangerschaftsabbruchs zu kämpfen. Als es um die Bewahrung der Schöpfung, um das Ausrotten ganzer Tierarten, um die Vernichtung des Lebensraumes indigener Menschen und die Bekämpfung des Klimawandels ging, da schwiegen genau diese Christen. Und dieses Schweigen war unüberhörbar.

ERSTÜRMUNG DES KAPITOLS

Am 06. Januar 2021 erstürmte ein Mob überwiegend weißer Männer eines der zentralen Symbole der amerikanischen Demokratie: Das Kapitol. Der Grund hierfür war die demokratische Abwahl des bis dato amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald John Trump. Auch wenn dieser Sturm vergleichsweise gesittet vonstattenging, so brachte er dennoch Vandalismus und Diebstahl mit sich und forderte eine Handvoll Menschenleben. Viel schlimmer jedoch: Es war ein Tabubruch von ungeahnter Reichweite, weil er fundamental mit der demokratischen Idee brach. Sehr schnell wurde klar, dass dieser Sturm in seinem Kern christlich motiviert war. Für den geneigten Beobachter dürften insbesondere die Bilder dieses gehörnten, halbnackten und stark tätowierten, selbsternannten „Q-Anon-Schamanen“, der nach der Erstürmung im Inneren des Kapitols unter „Halleluja“- und „Amen“-Rufen eine christliche Gebetsgemeinschaft anleitete, am schwersten einzuordnen und zu ertragen gewesen sein.

Die Erstürmung des Kapitols stellte den vorläufigen Höhepunkt einer längeren Entwicklung dar, die in den 1970er Jahren ihren Anfang genommen und unter Präsident Trump eine neue Intensität und Dynamik bekommen hatte. Über Jahrzehnte hinweg hatten sich im christlich evangelikalen Spektrum der USA sehr meinungsstarke und medial zunehmend präsente Strömungen herausgebildet, die ihren Einfluss auf die Politik, insbesondere ins Republikanische Milieu hinein, sukzessive ausbauten. Sich im apokalyptischen Endkampf gegen die antichristlichen Kräfte des omnipräsenten, jedoch nur schwer greifbaren Feindbildes „Kultur-Marxismus“ wähnend, hatten sich diese evangelikalen Strömungen ideologisch zusehends radikalisiert und ihr politisches Koordinatensystem ins Rechtsextremistische und Nationalistische verschoben. Auffällig war auch, wie dieses Weltbild nach und nach anschlussfähig für die krudesten Verschwörungsideologien geworden war. Hervorzuheben seien hier die Ideologien rund um „Q-Anon“ (oder auch einfach nur „Q“). Deren Kern die Annahme ist, dass weltweit satanische Eliten in Hinterzimmern und Kellern Kinder quälten und töteten, um anschließend deren Blut zu trinken. In Präsident Trump hatte dieses christlich evangelikale Spektrum „seinen“ Präsidenten im Amt. Ein Präsident, der ihresgleichen an den wichtigen Schalthebel der Macht installiert und Gesetzesvorhaben in ihrem Sinne verabschiedet hatte.

Lässt man diese Entwicklung des evangelikalen Christentums in den Vereinigten Staaten von Amerika Revue passieren, überrascht es nicht mehr wirklich, dass es allem voran Christen waren, die in den Chor derer einstimmten, die die Abwahl von Donald Trump als durch Betrug zustande gekommen ansahen. Und dies, ohne dass es belastbare Beweise für diese Behauptung gegeben hätte. Und es überrascht ebenso wenig, dass es eben diese Christen waren, die vorneweg marschierten, als es darum ging, das Kapitol zu erstürmen. War diesen Menschen bewusst, was für einen Schaden ihr Verhalten im Herzen der Demokratie anrichtete; was für eine Signalwirkung dies für nicht-demokratische oder demokratiefeindliche Gesellschaftssysteme gehabt hat? Und auch hier war wieder augenscheinlich, welche zentrale Rolle das Christentum bei der Rechtfertigung dieser Taten spielte. Denn deren Antriebsfedern waren christlich begründete Apokalyptik und christlich legitimierte Feindbilder.

RUSSLAND-UKRAINE-KRIEG

Am 24. Februar 2022 begann Russland einen brutalen und gnadenlosen Angriffskrieg, als es mit einem massiven militärischen Aufgebot zu Land, zur Luft und zur See in den benachbarten Bruderstaat Ukraine einmarschierte. Was dies auslöste, wird von vielen Russen und Ukrainern als Bruderkrieg bezeichnet. Wie wahrscheinlich ganz Europa versetzten auch mich die Bilder, die dieser Krieg produzierte, in eine Art Schockstarre. Und es dauerte einige Tage, bis ich anfing, mich aus ihr zu lösen und Worte zu finden.

Neben den unzähligen Fragen, die solch ein Krieg immer aufwirft, fragte ich mich zunehmend auch, welche Rolle die Russisch-Orthodoxe Kirche in dieser Auseinandersetzung eigentlich einnimmt. In ersten Internet-Recherchen fand ich Bilder von deren Geistlichen, die russische Raketen und Schusswaffen segneten. Allerdings konnte ich nicht verifizieren, dass diese Bilder tatsächlich im Zusammenhang mit dem aktuellen Russland-Ukraine-Krieg stehen. Was ich jedoch verifizieren konnte, war, dass Russisch-Orthodoxe Geistliche vor der Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 militärisches Gerät, Raketen, Schusswaffen und Soldaten der russischen Streitkräfte gesegnet hatten. In den Jahren danach jedoch war innerhalb der Russisch-Orthodoxen Kirche ein leidenschaftlicher Streit darum entbrannt, ob es aus christlicher Sicht überhaupt zu vertreten sei, Kriegswaffen zu segnen. Aber selbst, wenn die Russisch-Orthodoxe Kirche in dieser Frage ihre Position in Frage gestellt und geändert haben sollte, so befremdet ihre Haltung im aktuellen Krieg zwischen Russland und der Ukraine dennoch sehr. In der Vergangenheit waren von dem Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche, Kyrill I. (der im Übrigen mehrfacher Milliardär ist) zu hören, dass der Kriegsdienst ein Akt der Nächstenliebe sei. Und auch als die Kriegsmaschinerie des russischen Präsidenten Wladimir Wladimirowitsch Putin sich in Richtung Ukraine in Bewegung setzte, war keinerlei Intervention von Seiten dieser Kirche zu vernehmen. Das höchste der Gefühle war der Appell, die Anzahl der Kriegsopfer möglichst gering zu halten. Mit zunehmender Kriegsdauer radikalisierten sich die Worte des Russisch-Orthodoxen Kirchenoberhauptes. So begann er irgendwann, den Krieg gegen die Ukraine als notwendigen und apokalyptischen Glaubenskrieg gegen einen gottlosen Westen, gegen „die Kräfte des Bösen“ zu deklarieren. Und für solch einen heiligen Krieg nimmt man Opfer unter den orthodoxen Glaubensgeschwistern in der Ukraine sowie die Zerstörung ihrer Gotteshäuser als notwendigen Kollateralschaden halt in Kauf. Meiner Ansicht nach, gibt es für dieses Verhalten der Russisch-Orthodoxen Kirche zwei Beweggründe:

Zum einen ist da dieser uneingeschränkt herrschende Machthaber Russlands, Wladimir Putin. Dieser inszeniert sich seit Jahren als orthodoxer Christ und sucht auf diese Weise den Schulterschluss mit der Russisch-Orthodoxen Kirche. So lässt er sich gerne in medial wirksamer Weise beim Besuch russisch-orthodoxer Gottesdienste, beziehungsweise beim Praktizieren russisch-orthodoxer Rituale in Szene setzen und soll auch schon Gesetzesentwürfe vorab mit der Kirchenführung abgestimmt haben. Weiter umgibt er sich mit einer verklärenden Lebensgeschichte, wonach seine gläubige Mutter ihn als Säugling heimlich und gegen den erklärten Willen seines atheistischen Vaters hatte taufen lassen. Das entsprechende Taufkreuz soll auf dramatische Weise einen Brand in einem von Putins Anwesen überstanden haben. Dies und die Tatsache, dass seine Familie diesen Vorfall unversehrt überlebt hatte, soll Putins Bekehrungsmoment zum russisch-orthodoxen Glauben gewesen sein. Daher trägt er dieses Kreuz bis heute unablässig um seinen Hals. Putin weiß, dass die Russisch-Orthodoxe Kirche nicht nur etwa 70 Prozent der Bevölkerung bindet, sondern auch, dass sie eng mit der russischen Geschichte und der russischen Identität verbunden ist. So war sie ein entscheidender Faktor des inneren Zusammenhalts, als sich im 10. Jahrhundert der erste Staat auf russischem Gebiet gründete und stabilisierte. Und gerade nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den 1980er und 1990er Jahren, gab sie weiten Teilen der russischen Gesellschaft Zuflucht, Trost und Identität. Die Russisch-Orthodoxe Kirche ist in Russland ein nicht zu unterschätzender Machtfaktor. Putins Großmachtfantasien lassen sich nur mit ihr verwirklichen, nicht gegen sie. Am 18. März 2022 schließlich erreichte der Orthodoxe Christ Wladimir Putin einen an Zynismus und Menschenverachtung nicht zu überbietenden Tiefpunkt. Am Jahrestag der Annexion der Krim riss er den Bibelvers „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Johannesevangelium, Kapitel 15, Vers 13) völlig aus dem Zusammenhang und entfremdete ihn dahingehend, ihn als göttliche Rechtfertigung für den Krieg in der Ukraine zu missbrauchen.

Darüber hinaus gibt es Stimmen, die der Ansicht sind, die Russisch-Orthodoxe Kirche selbst habe ein vitales Interesse daran, dass Russland diesen Krieg mit der Ukraine führt und auch gewinnt. Hintergrund ist, dass auf ukrainischem Boden mehrere orthodoxe Kirche existieren. Hervorzuheben, weil sie aufgrund ihrer Größen herausragende Stellungen einnehmen, sind hierbei die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche, die dem Moskauer Patriarch untersteht, sowie die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche, die sich 2018 aus dem Zusammenschluss verschiedener orthodoxer Kirchen gründete und bis 2019 dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel unterstanden hatte. 2019 war diese Ukrainisch-Orthodoxe Kirche für eigenständig erklärt und in der Folge durch das Griechisch-Orthodoxe Patriarchat von Alexandria, die Kirche von Griechenland und Zypern, anerkannt worden. Dies hatte natürlich auch die Eigenständigkeit der Ukraine gegenüber Russlands zementiert und die Einflusssphären der Russisch-Orthodoxen Kirche geschmälert. Eine wie auch immer geartete Eingliederung der Ukraine in ein russisches Reich würde dies wieder abmildern.

Natürlich sind die Motivationen für den Einmarsch Russlands in die Ukraine vielschichtig und mannigfaltig. Es spielen geopolitische und wirtschaftspolitische Gründe, die Frage nach Lebensraum und Rohstoffen sowie nationalistische und geschichtsrevisionistische Beweggründe hinein. Darüber hinaus aber, so mein Eindruck, tobt unter seiner Oberfläche ein Religionskrieg; und zwar ein christlich motivierter. Dieser Eindruck verfestigte sich zusehends, als ich in den Sozialen Medien von Vertretern einer rechtsextrem christlichen Weltsicht las, die Wladimir Putin dafür feierten, dass dieser mit militärischer Stärke in letzter Konsequenz gegen einen dekadenten, degenerierten und von links-grün versifften Eliten durchseuchten Westen zu Felde zieht.

ZWISCHENRUF

Das waren jetzt drei Ereignisse, die aufgrund ihres verstörenden Charakters bei mir besonders haften geblieben sind. Drei Ereignisse, bei denen das Christentum direkt oder indirekt eine sehr unrühmliche Rolle gespielt hat. Als ich diesen Blogartikel schrieb, wurde mir bewusst, dass die Auswahl dieser Ereignisse willkürlichen Charakter hat, weil man noch so viel mehr ähnlich gelagerte Ereignisse hervorkramen könnte. Was ist beispielsweise mit dem Missbrauchsskandal in der Katholischen Kirche? Hat es außerhalb des Christentums je solch ein System gegeben, in dem über Jahrhunderte hinweg, durch die Hierarchien der Institution gedeckt und vertuscht in struktureller Weise Kinder misshandelt und missbraucht werden? Ernüchternd ist es auch, sich mal mit dem Verhalten großer Teile der westlichen Christenheit zu den Abwürfen der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki im Jahr 1945, die bis heute vielen hunderttausend Menschen das Leben gekostet haben, auseinanderzusetzen. Diese Aufzählung ließe sich wohl noch lange fortsetzen…

In diesem Kontext stellt der Religionsgründer des Christentums, Jesus Christus, dem Christentum in weiten Teilen ein Armutszeugnis aus, wenn er in der Bibel (Matthäus 7, 17-21) folgendes sagt: „So bringt jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte. Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen. Jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Darum, an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ Was sind die Früchte des Christentums?

Ich stelle all diese Fragen als tief im Christentum verwurzelter Gläubiger. Und als tief im Christentum verwurzelter Gläubiger muss ich es mir gefallen lassen, wenn Menschen, die sich nicht zum Christentum zählen, mir genau diese Fragen vorwerfen. Tatsächlich kam mir beim Schreiben dieses Blogartikels die Frage, ob diese Welt nicht ein besserer Ort wäre, wenn es meine Religion, das Christentum, einfach gar nicht gäbe.

DIE LEHRE JESU CHRISTI

Auch wenn es seltsam klingt, mir geht es in diesem Blogartikel nicht darum, mich politisch zu positionieren. Ich kann und will nicht darüber urteilen, ob man als Gläubiger seinen christlichen Glauben eher konservativ oder eher liberal zu leben hat. Für beides gibt es gute Gründe. Und für beides gibt es schlechte Vorbilder. Für mich haben die „Christen in der AfD“ dieselbe Berechtigung wie die „Bundesarbeitsgemeinschaft Christ*innen bei Bündnis90/DIE GRÜNEN“. Egal jedoch, ob konservativ oder liberal, Jesus Christus, der Begründer des Christentums, hat klare und unmissverständliche Ansagen dazu gemacht, was den Umgang mit Gewalt und dem Mitmenschen angeht. Und an diesen Standards habe ich als Christ Maß zu nehmen, egal, ob ich mich als konservativ oder als liberal verorte.

Um diesen Standards auf die Spur zu kommen, langt ein Blick in das Neue Testament der Bibel, um genau zu sein in das Evangelium nach Matthäus, Kapitel 5 bis 7. Dort findet sich die sogenannte „Bergpredigt“. Diese dürfte wohl die Predigt von Jesus Christus mit der größten Strahlkraft und dem höchsten Verbreitungsgrad sein. Sie durchzieht vom ersten bis zum letzten Buchstaben ein Geist kompromissloser Gewaltlosigkeit und Friedfertigkeit. Gleich zu Beginn, in den Seligpreisungen, wird dort diese Richtung unmissverständlich klargemacht. So wird unter anderem den „Leid Tragenden“, den „Sanftmütigen“, den „nach Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden“, den „Barmherzigen“, den „Frieden Stiftenden“ und den „um der Gerechtigkeit Willen Verfolgten“ Seligkeit zugesprochen (Matthäus 5, 1-12). Dadurch hebt Jesus Menschen, die diese Eigenschaften aufweisen oder diesen Werten nachstreben, gleichzeitig auch als Menschen hervor, an deren Lebenswandel es sich zu orientieren lohnt. Im Weiteren scheint Jesus so etwas wie einen Wesenskern zu definieren, den jeder Einzelne von sich aus besitzt und der von seinem Gegenüber zu respektieren ist und nicht angerührt werden darf. Der Vergleich zur Menschenwürde drängt sich auf. Zumindest deute ich es in diese Richtung, wenn Jesus sagt, dass man sich seinem Bruder gegenüber nicht erst dann schuldig macht, wenn man ihn tötet, sondern bereits, wenn man ihn „nur“ mit Worten wie „Nichtsnutz oder Narr“ belegt. Dies verbindet er mit der Forderung, sich mit seinem Widersacher unverzüglich versöhnen (Matthäus 5, 21-26). Eines der stärksten Motive in der Bergpredigt jedoch ist die Aufforderung, Gleiches nicht mit Gleichem zu vergelten. Es soll kein „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ geben, sondern, wenn einem auf die rechte Backe geschlagen wird, soll man auch die andere hinhalten, wenn einem der Rock genommen wird, soll man auch noch den Mantel geben und wenn man genötigt wird, eine Meile zu gehen, soll man zwei Meilen gehen (Matthäus 5, 38-41). Diese ganzen Forderungen gipfeln schließlich in der Aufforderung, die eigenen Feinde zu lieben und für die zu bitten, die einen verfolgen. Nur durch dieses Handeln beweist man sich als Kind Gottes. Und: Wenn man nur die liebt, die einen auch lieben oder nur zu seinen „Brüdern“ freundlich ist, was tut man da Besonderes (Matthäus 5, 43-48)? Auch im Weiteren wendet Jesus den Blick weg vom äußeren Feind, hin zum inneren Feind, wenn er sagt: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ Es soll nicht darum gehen, den „Splitter“ im Auge des Nächsten zu sehen, sondern den „Balken“ aus dem eigenen Auge zu entfernen (Matthäus 7, 1-5). Für den Umgang mit unseren Mitmenschen formuliert Jesus abschließend folgende Maßgabe: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch!“ (Matthäus 7, 12). Ein Verhaltenskodex, der auch unter „Goldene Regel“ bekannt ist. Eine Forderung, die oberflächlich betrachtet erst einmal griffig und nett klingt. Taucht man jedoch tiefer in sie ein, realisiert man, dass sie ganz viel Achtsamkeit und Empathie erfordert. Denn es geht darum, die eigenen Bedürfnisse und auch die des Mitmenschen wahrzunehmen, zu ergründen, zu verstehen und zu respektieren. Das war jetzt ein exemplarischer Ritt durch die Bergpredigt von Jesus Christus. Es ließen sich in den Evangelien des Neuen Testaments der Bibel zahlreiche weitere Stellen mit einer identischen Zielrichtung finden.

Mir ist schon klar, dass eine friedfertige und gewaltlose Ausrichtung, wie Jesus sie fordert, in der Realpolitik, in der es in letzter Konsequenz immer um Macht geht, wohl nicht umzusetzen sein dürfte. Zu komplex sind realpolitische Zusammenhänge und zu eindimensional sind Jesu Forderungen. Mein Eindruck ist jedoch, dass es Jesus in der Bergpredigt gar nicht um einen Leitfaden für politisches Handeln gegangen ist, sondern um eine Orientierung für die Menschen, die ihm nachfolgen. Und diese Nachfolger von Jesus Christus sind nun mal die Christen. An sie richten sich seine Forderungen nach Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit. Der einzelne Christ wiederum ist derjenige, der politisch aktiv werden kann. Und mein Blogartikel zeigt, dass es tatsächlich viele Christen sind, die politisch Einfluss nehmen und sich engagieren. Und wenn diese Christen sich zu allererst an Jesu Forderungen nach Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit orientierten und nicht damit beschäftigt sind, sich krankmachenden Endzeitideen, apokalyptischen Wahnvorstellungen und paranoiden Feindbildern hinzugeben, könnte diese Welt ein besserer Ort sein. Ganz sicher wären uns solch verstörende und traumatisierende Ereignisse, wie ich sie in diesem Blogartikel beschreibe, dann erspart geblieben. Ich frage mich, wann die Christen, die diese Ereignisse (mit) zu verantworten haben, endlich anfangen, die Lehre ihres Religionsgründers, Jesus Christus, von dem sie ja schließlich vorgeben, ihm nachzufolgen, ernst zu nehmen?

#Gedanke: Werkzeug des Friedens

„Herr,
mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich liebe,
wo man hasst;
dass ich verzeihe,
wo man beleidigt;
dass ich verbinde,
wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage,
wo Irrtum ist;
dass ich Glauben bringe,
wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke,
wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde,
wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe,
wo der Kummer wohnt.

Herr,
lass mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde,
sondern dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde,
sondern dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde,
sondern dass ich liebe.

Denn wer sich hingibt,
der empfängt;
wer sich selbst vergisst,
der findet;
wer verzeiht,
dem wird verziehen;
und wer stirbt,
der erwacht zum ewigen Leben.“

(Gebet des Heiligen Franziskus,
Franz von Assisi)

#Gedanke: Es ist Krieg!

„Die Nachricht ging schnell rum
und es war keine frohe Kunde.
Erst wollte es keiner glauben,
dann war es in aller Munde.

Die Leute gingen irritiert
hinunter auf die Straßen,
verwirrt sahen sie einander an
und konnten es kaum fassen.

Es ist Krieg!

Und zu Hause bei den Müttern
brennen wieder mal die Kerzen,
junge Männer ziehen aus
mit zwei Geschichten in den Herzen.

Die eine die Vergangenheit
in wohldosierten Scheiben,
die andere die Zukunft,
die sie gerade schreiben.

Und die Sirenen läuten
eine neue Ära ein,
im Fernsehen die Häuser
im grellen Feuerschein.

Es ist Krieg!

Und die Teufel und Dämonen,
die in den großen Villen wohnen,
sitzen lächelnd vorm Kamin
und sie singen vor sich hin:

„Es ist Krieg!““

(Dritte Wahl,
aus: Teufel und Dämonen)

Langsamer Walzer

Was haben wir uns gefreut,
wieder gemeinsam rauszugehen,
nach einer unendlich langen Zeit,
all die Menschen wiederzusehen.

Krachend flogen alle Türen auf
und unsere Lieder zum Himmel rauf.

Und während wir
noch zurückschau’n,
tanzen wir Langsamen Walzer
in den nächsten Lockdown.

Was haben wir uns gefreut,
Händchen haltend durch die Gassen,
von der Sonne leicht gebräunt,
sich Cappuccino schmecken lassen.

Leben platzte aus allen Nähten,
auf den Dörfern und in den Städten.

Und während wir
noch zurückschau’n,
tanzen wir Langsamen Walzer
in den nächsten Lockdown.

Mit jedem Schritt
auf den Abgrund zu
mit verklärtem Blick,
tanzen ich und Du.

Und während wir
noch zurückschau’n,
tanzen wir Langsamen Walzer
in den nächsten Lockdown.

War da nicht gerade
noch Morgengrau’n?
Wir tanzen harten Pogo
in den nächsten Lockdown.

Es geht in den nächsten Lockdown,
Corona-Lockdown.

Ein letzter, verzweifelter Versuch

Da standen wir um ihr Bett herum; zu dritt. Die Einrichtung ihres Zimmers war karg, die Wände in sterilen Farbtönen gehalten. Stumm und mit geschlossenen Augen lag sie da. Ihr Mund ließ ein Lächeln erahnen und gab dem Gesicht einen seligen Ausdruck. Sie wirkte erlöst, irgendwie zufrieden. Jeden Moment rechnete ich damit, dass sie die Augen wieder öffnen würde. Doch sie tat es nicht. Sie würde ihre Augen niemals mehr öffnen. Ich hatte oft davon gelesen, dass Menschen im Augenblick ihres Todes ihren Körper verlassen und von oben auf sich herabblicken, bevor sie für immer aus dieser Welt gehen. Unwillkürlich schaute ich zur Zimmerdecke auf. Wieder und wieder. Doch ich erblickte nichts, was darauf hinwies, dass sie noch da war. Als ich etwas näher an ihr Bett herantrat, nahm ich ihn wahr, wenn auch nur zart: Den Geruch von Kot, Urin und der einsetzenden Verwesung.

Ich blickte mich in ihrem Zimmer um. In dem Regal und auf der Vitrine standen neben ein paar letzten Habseligkeiten Fotos von ihr mit ihren vier Urenkeln. Diese Fotos schienen einer anderen Zeit, einem anderen Leben zu entstammen. Auf ihnen war eine wohlgenährte und lebensfrohe, wenn auch alte und vom Leben gezeichnete Frau zu sehen. Die abgemagerte, in sich zusammengefallene Gestalt dort im Bett hatte nur noch wenig mit ihr gemein. Ist es das, was am Ende von einem Leben übrigbleibt? Tränen rannen über meine Wangen. Bilder der Vergangenheit stiegen in mir auf.

Ich erinnere mich noch genau daran, als ich ihr vor fast zwanzig Jahren das erste Mal begegnet war. Wie sie plötzlich zur Terrassentür hereingekommen war. Die Oma. Eine Frau mit strahlenden Augen, langen, offenen Haaren und einer sehr weiblichen Figur. Als Geschenk hatte sie einen Blumenstrauß mitgebracht, den sie unterwegs in ihrem Garten und am Wegesrand gepflückt hatte. Um sie herum waren ihre beiden Hunde gewuselt, die ihr stets auf Schritt und Tritt gefolgt waren und um die sie sich hingebungsvoll gekümmert hatte.

Der Strauß selbstgepflückter Blumen hatte von ihrer großen Leidenschaft erzählt: Den Blumen. Folglich war es auch sie gewesen, die den Garten, der zu dem Mehrfamilienhaus, in dem sich ihre Mietwohnung befunden hatte, gehegt und gepflegt hatte. Dort hatte sie gezüchtet, gebuddelt, gepflanzt, gegossen, gejätet und gehakt. Und das bei Wind und Wetter. Jedes Mal, wenn meine Frau und ich unser Zuhause begrünen wollten, hatte sie uns beim Kauf der Blumen beraten und selbst mit Hand angelegt, wenn es darum ging, diese richtig einzupflanzen und anwachsen zu lassen.

Die Beziehung zur Oma war stets auch durch den Magen gegangen. Noch heute läuft mir das Wasser im Munde zusammen, wenn ich an ihre Braten denke. Saftiges Fleisch, krosse Kruste, nach guter Deutscher Hausmannsart. Welch eine Vorfreude, wenn uns der Geruch dieses Essens schon bei Betreten ihrer Wohnung entgegengeweht war. Gleiches gilt für ihre Buletten, die sie in rauen Mengen zu ganz gleich welchem Anlass nur zu gerne zubereitet hatte. Diese waren auch in unserem Freundeskreis der Hit gewesen. Unübertroffen sind auch ihre Torten, die sie mit viel Herzblut und Akribie nach guter, alter Schule zu zaubern verstanden hatte.

Eine weitere Leidenschaft von ihr waren ihre Bücher gewesen. In jeder freien Minute hatte die Oma ein Buch nach dem anderen verschlungen. Wie kindlich ihre Augen immer geglänzt hatten, wenn sie zum Geburtstag oder zu Weihnachten mal wieder ein Buch auspacken durfte. Sie hatte dann immer einen Moment innegehalten, das Buchcover gelesen und das Buch fest an ihr Herz gedrückt. Deckenhohe Regale, vollgepfropft mit Büchern hatten ihre Wohnung geschmückt.

Vor fünf Jahren dann war unsere erste Tochter zur Welt gekommen. Von nun an war sie nicht mehr nur Oma gewesen, sondern auch Uroma. In den folgenden Jahren sollte ihre Familie sie mit insgesamt vier Urenkeln beschenken. Doch je mehr ihre Urenkel ins Leben traten, desto mehr trat die Uroma aus dem Leben. Je mehr ihre Urenkel anfingen zu leben, desto mehr starb die Uroma.

Nach und nach hatte ihr der Tod all das genommen, was ihr das Leben einmal geschenkt hatte. Zuerst war einer ihrer beiden Hunde verstorben. Als ein paar Jahre später auch der zweite Hund verstorben war, erlosch schleichend auch der Lebenswille der Uroma. Bald schon war sie zu schwach gewesen, weiter den Garten zu bewirtschaften, so dass sie diesen irgendwann hatte abgeben müssen.

Unaufhaltsam war ihr Verfall weiter vorangeschritten. Bis schließlich die notwendige wie grausame Entscheidung zu treffen gewesen war, sie ins Pflegeheim einzuweisen. Nicht wissend, dass wir damit auch ihr Todesurteil unterschrieben hatten. Ins Pflegeheim hatte ihr nur ein kleiner Teil ihres Hab und Guts folgen dürfen. Und so hatten wir uns mehrere Wochen durch ihr Leben gewühlt. Durch ihre Erinnerungen und ihren Dreck, durch ihre Geheimnisse, ihre Schätze und ihren Ballast. Und schließlich hatten wir für sie entschieden, was sie loszulassen hatte und was nicht. Wir hatten für sie entschieden, was aus ihrer Vergangenheit noch Wert für die Zukunft haben durfte und was nicht.

Einen Teil ihrer Bücher hatten wir in ihr neues Zuhause gerettet. Gegenüber von ihrem Bett hatten wir ein Regal aufgebaut, von wo aus die verbliebenen Buchrücken sie stets anlächelten. Doch die Uroma sollte nie wieder auch nur eins dieser Bücher zu Hand nehmen.

Als wir sie in ihrem Bett zurückgelassen hatten und die Zimmertür ins Schloss geknallt war, nahm das Corona-Virus dieses Land in seinen festen Griff. Und damit auch ihr Pflegeheim. Lockdown, Social Distancing, Kontaktbeschränkungen. Als wir sie nach dem ersten Lockdown wiedergesehen hatten, hatte uns eine fremde Person gegenübergesessen. Eine Person, die der Tod bereits fest in seinen Arm geschlossen hatte. Eine Person, die zunehmend weniger hatte unterscheiden können zwischen gegenwärtiger Realität, der Vergangenheit und ihrer Einbildung. Von angstmachenden Hirngespinsten war sie zunehmend heimgesucht worden. Gleichzeitig hatte sich wohliges Vergessen sich auf sie gelegt.

Als ich sie das letzte Mal besucht hatte, hatte ich mir vorgenommen, ihr einfach nur zuhören zu wollen. Ich hatte erfahren wollen, welche Geschichten sie am Ende ihres Weges zu erzählen hatte. Ein freudiges Lächeln hatte sich über ihrem Gesicht ausgebreitet, als ich ihr Zimmer betrat. Sie hatte mich beim Namen genannt. Sie hatte mich erkannt. Ich weiß nicht, wie lange ich neben ihr gesessen und ihr gelauscht hatte. Sie hatte mir davon erzählt, dass sie sich unter ihrem Bett habe verstecken müssen, weil man nach ihr gesucht habe. Hierbei sei ihr ein Gewehrkolben in den Rücken gestoßen worden. Ein anderes Mal sei sie auf einer Liege festgeschnallt gewesen. Männer in Uniformen hätten um sie herumgestanden und sie als „Jüdin“ bezeichnet. „Hagen, das kann doch alles nicht wahr sein!“, hatte sie mit Tränen in den Augen beklagt. Der Nationalsozialismus schien tiefe Narben in ihr hinterlassen zu haben. Und jetzt im Angesicht des Todes waren diese Narben wieder aufgebrochen. Ich hatte ihr ein letztes Mal über ihre Wange gestreichelt. Sie schien diese Berührung förmlich in sich aufgesaugt zu haben. Wann war sie das letzte Mal zärtlich berührt worden? „Du bist so gut zu mir.“, hatte sie noch geschluchzt.

Die Bilder der Vergangenheit verblassten wieder. Ich warf einen letzten Blick auf den Leichnam, der vor mir im Bett lag. Plötzlich war da diese Schuld. Ich fühlte mich schuldig, weil ich nicht mehr Zeit mit der Uroma verbracht hatte. Weil ich mich den Gerüchen, dem Schmutz und dem Anblick ihres Alters oftmals nicht hatte aussetzen wollen. Weil ich manches Mal einfach nur zu bequem war, sie zu besuchen oder sie auch nur anzurufen. An ihrem Totenbett erst realisierte ich, wie wichtig sie mir war und wie wenig ich sie das habe auch spüren lassen. Doch da war mit einem Mal auch diese Dankbarkeit. Ich war dankbar für die schönen Erinnerungen an diese Frau, die unauslöschbar in meinem Herzen abgelegt sind. Und ich war dankbar, dass ihr Gesichtsausdruck davon erzählte, dass es eine Erlösung für sie gewesen ist, als der Tod sie an die Hand nahm und sie mit ihm ging.

Mein Blick schweifte über ihr Bücherregal. Unwillkürlich blieb ich an einem Roman hängen. Seine Handlung rankte sich um das weltweite Bienensterben. Solch interessante Bücher hatte die Uroma gelesen? Ich nahm das Buch an mich, mit dem festen Vorsatz, es auch zu lesen. Vielleicht war dies mein letzter verzweifelter Versuch, sie festzuhalten. Vielleicht mein letzter verzweifelter Versuch, noch einmal in ihre Welt einzutauchen und ihr noch einmal nah zu sein…