Adams Wiederkehr

BLOGPARADE – BUCHVORSTELLUNG

Vor einigen Monaten stolperte ich über einen ganz besonderen Blog: Er nennt sich „Der Krisenwandler“ und wird von Didi Burnault geführt. Dieser setzt sich dort auf berührend ehrliche und gleichzeitig konstruktive und bodenständige Weise mit seiner Depressionserkrankung auseinander. Dieser Blog tat es mir dermaßen an, dass er es in meine Sammlung spiritueller Links schaffte.

Anfang Juni diesen Jahres startete der Krisenwandler eine „Buchparade„. Wer wollte, war dazu aufgerufen, ein oder mehrere Bücher vorzustellen, die sein Leben nachhaltig geprägt haben. Nur zu gerne beteilige ich mich daran.

Ich habe mich dafür entschieden, das Buch „Adams Wiederkehr – Initiation und Männerspiritualität“ (früherer Titel: „Endlich Mann werden“) des Franziskaner-Paters Richard Rohr vorzustellen. Dieses umfasst 240 Seiten und kostet etwa 17,- €uro.

ÜBER DEN AUTOR

Richard Rohr (geb. 20.03.1943, Topeka) wurde 1961 in den Franziskanerorden aufgenommen und 1970 in West-Topeka zum Franziskaner-Priester geweiht. Im selben Jahr beendete er sein Theologiestudium am St. Leonhard Seminar in Dayton mit dem Master-Grad. Hiernach begann er als Religionslehrer Jugend-Exerzitien zu leiten, woraus die charismatische Familien- und Laien-Kommune „New Jerusalem“ in Cincinnati hervorging. Nach einem langjährigen Engagement in der Friedensbewegung lebt er seit 1987 in der Franziskanergemeinschaft in Albuquerque in New Mexico, wo er das „Center for Action and Contemplation“ aufbaute. Richard Rohr begründete auch die Männerbewegung M.A.L.Es (Men as Learners and Elders).

Neben zahlreichen Publikationen und Vorträgen zu den Themenkreisen männlicher Spiritualität, sowie der Durchführung von entsprechenden Seminaren, brachte er sich federführend in die Ausgestaltung eines Initiationsritus für Männer ein. Diesen durchliefen seit Anfang der 1990er Jahre viele tausend Männer aus den USA, aus Europa sowie aus Australien. Hieraus ist eine spirituelle Männerbewegung entstanden.

Inhaltlich befasst sich Richard Rohr unter anderem mit dem Enneagramm, den Formen und Bedürfnissen männlicher Spiritualität, dem kontemplativen Gebet, den alten archaischen Initiationsriten, archetypischen Bildern, christlicher Mystik und den praktischen Konsequenzen, die sich aus diesen Themen für das alltägliche Handeln ergeben. Er würdigt seine christlichen Wurzeln, ist aber bemüht, die großen, gemeinsamen spirituellen Linien, die zu jeder Zeit und in jeder Kultur in den unterschiedlichen Religionen und Kulten Ausdruck fanden, freizulegen und wertzuschätzen. Er geht davon aus, dass alles Sein auf einer tieferen Ebene miteinander verbunden ist. Folglich ist jeder einzelne Mensch Teil des „Großen Ganzen“ und spiegelt dieses wie ein Hologramm in sich selbst wieder.

Mein spiritueller Weg wurde nachhaltig von Richard Rohr geprägt. Das gilt sowohl für die Themen, die er bewegt, als auch für seine Herangehensweise an diese. 2007 durchlief ich seine Männerinitiation. Diese stieß tiefe und umwälzende innere Prozesse bei mir an. Prozesse, die noch immer ihre Kreise ziehen. 2009 lernte ich Richard Rohr persönlich kennen, als ich und weitere Männer mehrere Tage lang auf engstem Raum mit ihm zusammenarbeiten durften. Es galt, die erste Männerinitiation auf deutschem Boden durchzuführen. Ich war tief beeindruckt von der Herzlichkeit, der Offenheit, der Authentizität und der Demut, mit der er den Menschen begegnete.

ZUM INHALT DES BUCHES

Zeit seines Lebens hat sich Richard Rohr mit den archaischen Initiationsriten befasst. Er hat die Riten der unterschiedlichen Kulturen studiert, erforscht und miteinander verglichen. Die Quintessenz dessen, was er dabei zu Tage förderte, hat er in seinem Buch „Adams Wiederkehr“ zusammengefasst. In gewisser Weise handelt es sich bei dem Buch um so etwas wie das Lebenswerk oder das persönliche Manifest von Richard Rohr.

Mit am interessantesten ist seine Feststellung, dass so gut wie alle alten Kulturen über Initiationsriten für ihre jungen Männer verfügten. Diese Riten existierten noch vor den institutionalisierten Religionen. „Sie entwickelten sich beinahe überall vor der Achsenzeit (ca. 800 bis 200 vor Christus) als die Menschheit weltweit organisiert zu denken begann.“ Interessant ist auch, dass in der Regel nur junge Männer initiiert wurden. Die rituellen Unterweisungen für die Frauen lagen eher im Bereich der Fruchtbarkeitskulte.

Besonders bemerkenswert ist, dass diese Initiationsriten unabhängig vom jeweiligen geographischen Ort und der jeweiligen kulturellen Einbettung, in der sie stattfanden, markante Parallelen aufwiesen. Dies gilt sowohl für die inhaltliche Zielrichtung, als auch für die symbolische und rituelle Ausgestaltung. Auch die Abläufe dieser Initiationen glichen sich augenscheinlich.

„Der Weg der Initiation wurde immer an heiligen Orten der Kraft und in Form eines Rituals gelehrt.“ Hierbei nahm die Natur großen Raum ein. In vielen Kulturen hatten die Initianten lange Zeiten der Einsamkeit in der Natur zu verbringen.

Doch zunächst wurde der zu initiierende junge Mann vom „alltäglichen Leben, den alten Rollen, Bestärkung durch die Frauen“ getrennt. Dies brachte ihn „in den Schwellenraum“. Ein Ort außerhalb der eigenen Wohlfühlzone. Der Schwellenraum „ist die gesegnete Zeit, wenn wir nicht sicher sind und wir nicht die Kontrolle haben, wenn sich etwas wirklich Neues ereignen kann“. Es ist der Raum, in dem „das Alte nicht mehr“ ist und „das Neue noch nicht“. Es ist die Zeit des Abstiegs, des Wartens ohne Antworten, des „Chaos des Unbewussten“, der Einsamkeit und die Zeit des „Ringens mit der eigenen dunklen Seite“. Doch nur an diesem Ort ist „eine Begegnung mit dem Numinosen“ möglich. Nur an diesem Ort ist tiefgreifende Veränderung, innere Transformation möglich.

In diesem Schwellenraum wurde der junge Mann mit Wahrheiten konfrontiert, die ihm seine Sterblichkeit, seinen eigenen Schatten, seine Schwachheit und seine Irrelevanz vor Augen führen sollten. Die sogenannten „Fünf harten Wahrheiten“ leitete Richard Rohr daraus ab. Diese lauten: „Das Leben ist hart“, „Du bist nicht so wichtig“, „In Deinem Leben geht es nicht um Dich“, „Du hast nicht die Kontrolle“, „Du wirst sterben“. Dies sind Wahrheiten, die geeignet sind, das Ego-Selbst des jungen Mannes in seinen Grundfesten zu erschüttern, von seinem Thron zu stoßen und in einen neuen Kontext des „Großen Ganzen“ zu verorten und einzubetten.

Am tiefsten und dunkelsten Punkt des Schwellenraums schließlich wurde der junge Mann auf dramatische Weise verwundet. Und starb einen grausamen Tod. Er stürzte hinab in sein eigenes Grab. Umgeben von der Finsternis und der Stille des Todes. Und dort hatte er auszuharren…

Auf den Tod des jungen Mannes erfolgte die machtvolle Auferstehung des gereiften Mannes. Und dieser Mann hatte eine Weihe erlebt. Er war auf verschiedenen Ebenen eingeweiht – initiiert – worden: Initiiert ins „Mann-Sein“ und damit in die Gemeinschaft der Männer. Im Idealfall war er aber auch in das „große Geheimnis“ oder die „große Vision“ des Lebens initiiert worden. Im Idealfall war er „rückverbunden“ worden in die spirituellen Kreisläufe und Gesetzmäßigkeiten allen Seins. Im Idealfall war er in Berührung gekommen mit seinem „eigenen Seinsgrund“ und hatte gekostet vom Eins-Sein mit allem, was ist. Im Idealfall hatte er sich als „geliebten Sohn Gottes“ erfahren.

Im Idealfall war das „Falsche Selbst“ des jungen Mannes gestorben und das „Wahre Selbst“ auferstanden. Meistens ging damit einher, dass der Initiant auch einen neuen Namen annahm. Seinen ureigensten Seelennamen. Diese Erfahrungen hatten das Potential, der Anfang der ganz persönlichen Heldenreise des Mannes zu werden. Denn im Gegensatz zu den Religionen erzählten die Initiationsriten den Weg des Mannes von seinem Ende her. Und für diesen Weg setzten sie den „guten Anfang“. Es gab in der Biografie und der Identität des Mannes in Bezug auf seine Initiation immer ein klares „Davor“ und ein klares „Danach“.

In einigen Kulturen kehrte der Mann aus den Tiefen dieses Rituals mit einer Waffe zurück. Diese hatte er sich während seiner Zeit im Schwellenraum selbst bauen müssen. Nicht selten brachte er auch „ein Geschenk“ in die Gemeinschaft mit.

Seine Ausführungen zu den archaischen Initiationsriten flankiert Richard Rohr immer wieder mit sehr klarer Kritik an der Religion, der er selber angehört: Dem Christentum. Seiner Einschätzung nach wusste das Christentum in seinen Anfängen um die Notwendigkeit und den Wert der Initiation. Doch je mehr sich das Christentum institutionalisierte und zum weltlichen Machtfaktor wurde, desto mehr geriet dieser Schatz in Vergessenheit. Heute findet sich dieses Wissen nur noch in rudimentärer Form wieder. Zum Beispiel in der Symbolik von Taufe und Abendmahl oder in Feierlichkeiten wie Firmung und Konfirmation.

SCHWÄCHEN DES BUCHES

Auf vergleichsweise wenigen Seiten hat Richard Rohr sehr viel Essentielles zum Thema Initiationsriten und männlicher Spiritualität zusammengetragen. Da liegt es in der Natur des gewählten Formats, dass er vieles lediglich anreißen kann, ohne weiter in die Tiefe zu gehen.

Vom Schreibstil her gelingt es Richard Rohr sehr anschaulich und nachvollziehbar sein. Daher liest sich das Buch auch sehr flüssig. Im Umkehrschluss kommt dieser Schreibstil jedoch nur wenig wissenschaftlich daher.

Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass Richard Rohr nur vergleichsweise wenig mit Quellenangaben arbeitet. Ich will nicht unterschlagen, dass er dem Buch einige Seiten mit Quellenangaben und auch weiterführender und vertiefender Literatur hintenanstellt. Allerdings wären mehr und auch mehr direkte Verweise im Text oftmals hilfreich gewesen.

Dann gelingt es Richard Rohr nicht immer, seine Themen trennscharf voneinander abzugrenzen. So kommt es hier und da zu Überschneidungen und zu Wiederholungen. Manches Mal werden Gedanken angerissen, abgeschlossen und an späterer Stelle wieder aufgenommen; ohne dass dies dem Leser vorher transparent gemacht worden wäre.

Und zu guter Letzt blendet Richard Rohr in dem Buch die Initiationsriten der Mysterienbünde komplett aus. Er widmet sich tatsächlich ausschließlich den archaischen Initiationsriten. Dabei trifft vieles, was er für diese Initiationsriten herausarbeitet, genauso für die Initiationsriten der Mysterienbünde zu. Hier wäre es interessant gewesen zu beleuchten, in welcher historischen und inhaltlichen Beziehung diese beiden unterschiedlichen Formen der Initiationsriten zueinander stehen.

MEIN FAZIT

Dieses Buch hat meinen spirituellen Weg geprägt wie nur wenige andere. Und weil ich im persönlichen Austausch mit Richard Rohr erfahren durfte, welch inhaltliche Substanz und Tiefe dieser Mann mitbringt, lässt es mich auch die Schwächen dieses Buches einordnen und mir verzeihlich erscheinen.

Da ich die Initiation nach Richard Rohr selbst durchlaufen habe, wandelte und vertiefte sich auch mein Zugang zu diesem Buch. Und je länger sich das, was ich in diesem Initiationsritus durchlebt habe, in meinem Leben entfaltet, desto mehr fallen mir neue Facetten darin auf. Es gibt wohl kein Buch, das ich so oft zur Hand nehme und immer wieder Neues entdecke.

Und zu guter Letzt habe ich durch dieses Buch überhaupt erst begriffen, dass im Kern des freimaurerischen Rituals ein alt hergebrachter Initiationsritus überlebt hat. Und sozusagen als Nebenprodukt gelang es mir auch durch dieses Buch, die Brücke zu schlagen, dass diese besondere Verbindung von mittelalterlichem Bauhandwerk und archaischem Initiationsritus, die das Wesen des Freimaurertums ausmacht, wohl zur Zeit des Benediktinerordens im Zeitalter der Romanik seinen Anfang nahm. Als mir das klargeworden war, entschloss ich mich, der Bruderschaft der Freimaurer beizutreten. Das Buch eines praktizierenden Katholischen Mönchspaters hat den ausschlaggebenden Impuls gesetzt, Freimaurer zu werden … wenn das nur der Papst wüsste…

#Gedanke: Heilige Wunde

„Der Ort der Wunde
ist der Ort des größten Geschenks.
Unsere Wunden
haben die Chance,
zu heiligen Wunden zu werden.

C. G. Jung sagt lapidar:
„Da, wo wir stolpern und fallen,
finden wir reines Gold.“

Von daher überrascht es nicht,
dass ein Mann mit schweren Wunden
das zentrale transformative Symbol
der Christenheit wurde.“

(Richard Rohr)

#Gedanke: Jesus, Archetyp des Magiers

„Jesus (Chritus) ist ein klassischer (Archetyp) Magier,
besonders in der Bergpredigt und in seinen Gleichnissen.

Dogmatiker und Exegeten wissen nicht,
was sie damit anfangen sollen,
weil man daraus kein Dogma machen kann.

Jesus ist viel mehr Magier oder Schamane
als Theologe oder Prediger
einer institutionalisierten Religion.

Er benennt die Realität,
er treibt die Dämonen und das Dunkle aus,
er weist auf das Licht
und feiert es.“

(Richard Rohr)

Seid wie die Kinder

„13 Und sie brachten Kinder zu ihm (Jesus Christus), damit er sie anrühre. Die Jünger aber fuhren sie an.
14 Als es aber Jesus sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen: Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes.
15 Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.
16 Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.“
(Die Bibel, Markus 10, 13-16)

MAROTTE SPIRITUELLER LEHRER

„Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ Was für klare Worte, die Jesus Christus da wählt.

Auf der Idee, die in diesen Worten mitschwingt, kaue ich mittlerweile seit vielen Jahren herum. Denn so klar wie sich diese Worte auf den ersten Blick auch anhören, so unkonkret und beliebig sind sie auf den zweiten Blick. Denn Jesus hat bei dieser Aussage zwei „Fehler“ gemacht: Weder hat er konkretisiert, wie alt die Kinder sind, auf die er sich bezieht. Noch hat er definiert, welche kindlichen Eigenschaften er denn meint.

Es scheint so eine Marotte von spirituellen Lehrern zu sein, ihren Zuhörern nicht einfach nur „fertige Antworten“ zu servieren, sondern bei ihnen innere Prozesse anstoßen zu wollen. Und wahrscheinlich – so zunehmend mein Eindruck – wird auch am Ende dieser Prozesse keine „fertige Antwort“ stehen.

So ist es unsere mittlerweile gut ein Jahr alte Tochter, die mich auf die Fährte gesetzt hat, welche Intention Jesus mit dieser Aussage gehabt haben könnte. Drei Eigenschaften sind mir an ihr aufgefallen, die Jesus gemeint haben könnte.

DREI KINDLICHE EIGENSCHAFTEN

1) Urvertrauen

Beinahe jeden Morgen, wenn unsere kleine Tochter erwacht, lachen uns zwei große, strahlende Augen an. Lauthals ruft sie uns entgegen, wie sehr sie sich freut, Mama und Papa wiederzusehen. Und wie sehr sie sich auf den Tag freut, der vor ihr liegt. Sie kann es oft kaum erwarten, aus dem Bett zu kommen und dem neuen Tag, und was auch immer dieser für sie bereithalten mag, entgegenzueilen.

Und selbst, wenn sie auf Herausforderungen trifft, die ihre Fähigkeiten übersteigen, hat sie das Vertrauen, dass Mama und Papa größer sind als jede Herausforderung. Es sind dieselben Mama und Papa, in deren Arme sie sich flüchtet, wenn sie sich mal wieder wehgetan hat. Denn Mama und Papa sind auch größer als jeder Schmerz. Und egal, um welches Bedürfnis es auch geht, bei Mama und Papa wird es gestillt.

Mit jeder Pore ihres Seins strahlt unsere Tochter dieses unbedingte Urvertrauen aus. Urvertrauen, dass das Leben gut zu ihr ist. Urvertrauen, dass da jemand ist, der immer für sie da ist. Jemand, der ihr immer helfen kann.

2) Gegenwärtig sein

Die wundervollsten Momente sind für mich, wenn ich das Zimmer unserer Tochter betrete und sie mich gar nicht bemerkt, weil sie zu sehr in etwas vertieft ist. Ich liebe es, dann im Türrahmen stehen zu bleiben und ihr einfach nur zuzusehen. In diesen Momenten steht die Zeit für mich still. Und ich kann mein Glück über dieses kleine Wesen kaum fassen.

Es ist eine Gabe unserer Tochter, ganz und gar gegenwärtig sein zu können. Sie kann auf etwas so fokussiert sein, dass sie alles um sich herum vergisst. Ihre Aufmerksamkeit ist dann ungeteilt. Ganz bei ihr. Ganz in der Situation. Weder schweift sie umher, ob es noch irgendetwas anderes geben könnte, worauf sie ihre Aufmerksamkeit richten könnte. Noch grübelt sie über Vergangenes oder Zukünftiges nach.

Seit meine Tochter auf dieser Welt ist, schenkt sie mir diese Momente des Seins. Der erste dieser Momente hat sich tief in mir eingegraben. Es war ein oder zwei Tage nach ihrer Geburt. Ich saß an dem kleinen Tisch in unserem Krankenhauszimmer. Direkt am Fenster. Sie schlief in meinem Arm. Im Hintergrund lief „Mein Hurra“ von „Bosse“. Das Aroma des Kaffees, der vor mir auf dem Tisch stand, stieg in meine Nase. Und mein Blick verlor sich in den goldenen Sonnenstrahlen, die die morgendliche Landschaft vor dem Fenster durchfluteten. Wir saßen einfach nur da…

3) Alles ist ein Lehrmeister

Egal ob Spielzeug, Haushaltsutensil, Pflanze, Müll oder was auch immer. Alles wird von unserer Tochter – dieser kleinen Wissenschaftlerin – akribisch untersucht. Es wird eingehend betrachtet, in den Mund genommen, ausführlich mit den Händen abgetastet und mit anderen Gegenständen aneinandergeschlagen.

Denn jeder Gegenstand hat etwas zu lehren. Etwas über die Farben, die Formen, die Konsistenzen und die Eigenschaften, die Dinge haben können. Kein Gegenstand ist zu gering oder zu profan, um nicht ein Lehrmeister sein zu können.

Und unsere Tochter scheint offen dafür zu sein, sich darauf einzulassen, was diese Lehrmeister ihr mitzuteilen haben. Sie beurteilt sie nicht schon vorher oder steckt ihn in irgendeine Schublade bevor sie sich auf sie eingelassen hat. Sie scheint ihre Wahrnehmung dieser Gegenstände von ihrer Bewertung zu trennen.

Daher wohnt den Momenten, wenn ihr ein Gegenstand zum ersten Mal begegnet, auch immer ein Zauber inne. Wie sehr liebe ich diese Vorfreude auf ihrem Gesicht, wenn sie einen Gegenstand zum ersten Mal erblickt. Oft stößt sie regelrechte Jauchzlaute aus und bewegt sich sogleich, so schnell es ihr möglich ist, auf ihn zu. Unbändiger Stolz und Neugierde zieren ihr Gesicht, wenn sie ihn dann endlich in Händen hält.

ANFÄNGERGEIST

Unbedingtes Urvertrauen, die Fähigkeit gegenwärtig zu sein und alles, was das Leben mit sich bringt, als seinen Lehrmeister willkommen zu heißen… Ich glaube, dass Jesus Christus in der eingangs zitierten Bibelstelle diese Eigenschaften bzw. das Bewusstsein, das aus diesen Eigenschaften spricht, gemeint haben könnte, als er sagte, dass niemand ins Reich Gottes hineinkommt, der es nicht empfängt wie ein Kind.

Der Franziskaner-Pater Richard Rohr bezeichnet dieses Bewusstsein als „Anfängergeist“. In seinen Bibelauslegungen vertritt er weiter die Auffassung, dass Jesus, wenn er in den Evangelien vom „Reich Gottes“ oder vom „Himmelreich“ spricht, nicht nur einen jenseitigen Zustand meint, der erst nach dem eigenen Ableben eintritt. Vielmehr beschreibt Jesus einen Zustand, der schon in diesem Leben und in dieser Welt existiert. Und um in dieses Reich Gottes einzugehen, muss der Mensch lernen, aus diesem ursprünglichen, kindlichen Bewusstsein des Anfängergeistes heraus zu leben.

LANGSAMES STERBEN

Es gibt mir so unendlich viel, diesen Anfängergeist bei meiner Tochter erleben zu dürfen. Es sind tagtäglich unzählig viele kleine Situationen, die mich ganz tief berühren. Kleine Situationen, die ich in mir trage und von denen ich zehre.

Gleichzeitig aber schwemmt es in mir auch die Frage an die Oberfläche, wann ich selbst diesen Anfängergeist verloren habe. Wenn ich auf die Erinnerungsfetzen zurückblicke, die ich mein Leben nenne, dann erkenne ich, dass es ein schleichender Prozess des Sterbens gewesen sein muss.

Und daher weiß ich, so wundervoll es auch ist, dieses ursprüngliche kindliche Bewusstsein bei unserer Tochter zu beobachten, seit ihrem ersten Atemzug liegt es im Sterben. Es stirbt, je mehr Erfahrungen sie sammelt und je komplexer ihre Wahrnehmungsprozesse werden.

RÜCKKEHR

Dass Jesus in der eingangs zitierten Bibelstelle aber den Erwachsenen vorhält, dass niemand, der das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, ins Reich Gottes gelangen kann, zeigt mir aber, dass es einen Weg „zurück“ geben muss. Zurück zum unbedingten Urvertrauen. Zurück zu der Fähigkeit, gegenwärtig zu sein. Zurück zu der Fähigkeit, alles, was das Leben mit sich bringt, als Lehrmeister willkommen zu heißen.

Und auch das Bild der spirituellen Lehre der Kabbalah – wonach die Vereinigung mit dem eigenen Ursprung ein Ziel des eigenen Lebensweges ist – bekommt für mich durch die Idee, im Laufe seines Lebens zum ursprünglichen Anfängergeist zurückzukehren, eine weitere, wertvolle Facette.

Daher wünsche ich unserer Tochter die Weisheit, innezuhalten, wenn sie sich des Sterbens ihres Anfängergeistes bewusst wird. Die Stärke, umzukehren und sich auf den Weg zurück zu ihm zu machen. Und die Schönheit, die jedem Ursprung innewohnt.

Erhabener Tempel

Wir traten aus dem großen, tiefen Wald heraus auf eine Lichtung. Der Frühling hatte die ersten zarten Blätter und Halme hervorgelockt, die den Boden der Lichtung in ein frisches und saftiges Grün kleideten. Durchsetzt von zahllosen weißen Blüten. Diese verliehen dem ganzen Bild etwas Märchenhaftes. Aus dem grün-weißen Meer erhoben sich einzelne, altehrwürdige Baumriesen. Deren würdevoll mächtigen Kronen wurden langsam vom Frühling wachgeküsst.

Kein von Menschenhand erbauter Tempel hätte jemals so wundervoll und erhaben sein können, wie der Tempel, in dem wir gerade standen. Mein Weggefährte nickte. Er verstand.

Die Situation erinnerte mich an einen Satz, der die Männerarbeit nach Richard Rohr prägt. Dieser besagt, dass der Menschheit zwei Bibeln gegeben sind: Bei der einen Bibel handelt es sich um das dicke, alte Buch, das die Lehre sowie die Geschichte des Christentums enthält. Bei der anderen Bibel handelt es sich um die die Natur um uns herum.

Hieraus spricht das Wissen, dass das Wesen Gottes, die spirituellen Gesetzmäßigkeiten dieser Welt sowie die Kreisläufe des Lebens vollständig offenbart sind in der Schöpfung.

Von Menschen erdachte Rituale – so der Franziskaner-Pater Richard Rohr folgerichtig – können immer nur so sinnvoll sein, wie es ihnen gelingt, diese Gesetzmäßigkeiten und Kreisläufe abzubilden und auszudrücken. Gute Rituale verweisen in letzter Konsequenz immer auf die Schöpfung. Folglich können Rituale auch nie so kraftvoll sein, wie die Natur es seit jeher aus sich heraus bereits ist.

Auf eine tiefe und intuitive Weise begannen wir diese Wahrheit zu erahnen, als wir auf die Lichtung traten und uns ihrer Pracht bewusst wurden. Wir verharrten noch eine ganze Weile. In Schweigen versunken. Und ließen zu, dass sich dieses wundervolle Bild tief in unsere Herzen einbrennt.

Irgendwann setzten wir unseren Weg fort. Achtsamen Schrittes. Durch diesen so erhabenen Tempel, der uns von allen Seiten umgab.

Ein fragwürdiges Bild?

Wenn man sich als Außenstehender mit dem Freimaurertum beschäftigt, ist so ziemlich das Erste, worauf man stößt, das Bild vom „Rauen Stein“ und vom „Behauenen Stein“ (oder auch Kubus).

Verkürzt dargestellt soll es die Arbeit des Freimaurers an sich selbst ausdrücken. Der Raue Stein beschreibt den unvollkommen Ist-Zustand des Freimaurers und der Behauene Stein das Ideal. Im übertragenen Sinne ist es eine Lebensaufgabe des Freimaurers, alle Ecken und Kanten von sich selbst abzuschlagen, bis ein makellos behauender Kubus übrig bleibt. Ein Stein, der im großen Tempelbau Verwendung finden kann. Je nachdem, welcher Richtung man innerhalb des Freimaurertums angehört, kann dieser Tempel für den „Tempel Salomons“ oder den „Tempel der Humanität“ stehen.

Dieses Bild ist den mittelalterlichen Steinmetzen der Dombauhütten entlehnt. Deren Aufgabe war es, grobe Gesteinsbrocken so lange mittels Hammer und Meißel zu behauen, bis diese in einem sakralen Bauwerk Verwendung finden konnten.

Jeder Suchende, der bei unserer Loge anklopft, wird mit diesem Bild konfrontiert. Und gerne wird diesem Bild noch ein moderner Anstrich verpasst: Mit der wohlklingenden Formulierung, wonach der freimaurerische Weg folglich im Grunde genommen nichts anderes darstellt, als ein Persönlichkeitsentwicklungstraining. Das Exklusive daran, so wird dann gerne weiter angereichert, ist, dass es das wohl älteste bekannte Persönlichkeitstraining der Menschheit ist. In der Regel nicken die Suchenden dann immer genauso eifrig wie artig mit ihren Köpfen. Denn wer kann schon etwas dagegen haben, an sich selbst arbeiten zu wollen?

Auch ich nickte seinerzeit genauso eifrig wie artig, als ich dieses Bild vorgesetzt bekam. Doch je länger ich mich mit diesem Bild auseinandersetze, desto mehr stellt sich mir die Frage, ob es wirklich so glücklich gewählt ist.

Denn ich frage mich, ob dieses Abschlagen der Ecken und Kanten des Rauen Steins letztendlich nichts anderes ist, als das künstliche Abtrennen von Bereichen meines Selbst, die ich – aus welchen Gründen auch immer – als nicht „würdig“ oder nicht wünschenswert identifiziert habe.

Ich habe auf meinem bisherigen Lebensweg recht schmerzhaft lernen müssen, dass es genau das Gegenteil bewirkt, wenn ich Bereiche meines Selbst, denen ich mich nicht zu stellen vermag, einfach unterdrücke oder sie eben abtrenne. Ich habe lernen müssen, dass es allgemein gültige psychologische Gesetzmäßigkeiten sind, wonach alles, was ich von mir selbst als „unerwünscht“ unterdrücke oder abtrenne, an anderer Stelle und in viel mächtigerer und destruktiverer Weise wieder hervorbrechen und sich entladen wird.

Der kürzlich verstorben Sänger Leonard Cohen singt in seinem bemerkenswerten Lied „Anthems“ die Zeile „There is a crack in everything, that is how the light gets in“. Es geht ein Riss durch alles und genau durch diesen scheint das Licht herein.

Dieser Riss – meine Unvollkommenheit, mein Schmerz, mein Hass, meine Angst, mein Egoismus, meine Rastlosigkeit, meine Sucht, meine Wut, mein Neid – genau dieser Riss ist der Ort, an dem das Licht hereinbricht. Das alles gehört zu mir. Das alles hat mich etwas zu lehren und erfüllt seinen Zweck auf meinem Weg. Schlage ich etwas davon ab, schlage ich einen Teil von dem ab, was meine Person ausmacht.

Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass ethisch-moralisches Handeln irrelevant wäre. Oder dass es keine Werte gäbe, an denen man sein Leben ausrichten sollte. Lediglich der Umgang mit den Anteilen von mir, die diesem Bemühen zuwider laufen, ist ein anderer.

Es geht nicht darum, diese Anteile zu unterdrücken oder abzutrennen. Sondern es geht zunächst darum, diese Anteile anschauen zu können, ohne sie bewerten zu müssen, und schließlich anzunehmen. Nur wenn das geschieht, lerne ich darauf zu hören, was diese Anteile mir über mich zu sagen haben.

In der Männerarbeit nach Richard Rohr bezeichnen wir dies als Schattenarbeit. Es geht darum, den eigenen „Dunklen Bruder“ zu umarmen, anstatt ihn zu bekämpfen.

Wenn ich dies vermag, werden die Ecken und Kanten meines Rauen Steins zu dem Ort, an dem das Licht hindurchbricht. Dann wird mein Dunkler Bruder zum Lehrmeister über mich selbst. Schlage ich hingegen die Ecken und Kanten meines Rauen Steines ab bzw. spalte meinen Dunklen Bruder von mir ab, bringe ich mich um ganz entscheidende Lektionen meines Lebens.

Das sind die Gründe, weshalb sich mir die Frage stellt, ob dieses freimaurerische Bild des Weges vom Rauen Stein zum Behauenen Stein wirklich so gut gewählt ist. Oder ob es nicht sogar zweifelhaft – oder besser: fragwürdig – ist… ?

dunkler-bruder
(Bild von cac.org)

(Einschränkend muss ich zu mir sagen, dass ich mich aktuell im 3. Grad – dem des Johannismeisters – befinde. Der Weg eines Ordensfreimaurers, den ich gehe, erstreckt sich über 10 Grade. Wohl ist in den ersten drei Graden die gesamte freimaurerische Lehre enthalten. Dennoch lernt man in jedem Grad weitere, vertiefende und erweiternde Aspekte der einzelnen freimaurerischen Symbole kennen. Daher kann ich nicht sicher sagen, ob ich diesen Text genauso schreiben würde, wenn ich mich in einem höheren Grad befände.)