Wörter und Götter und so

NICHTS NEUES UNTER DER SONNE?

Im Januar 2018 erschien das Buch „Wörter machen Götter“ des Freimaurers Klaus-Jürgen Grün. Ein Buch, in dem er Stellung bezieht. Nicht nur für ein humanistisch atheistisch geprägtes Freimaurertum. Sondern auch explizit gegen den christlichen Freimaurerorden (Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland – GLLvD). Ein Buch, das polarisiert und innerhalb des deutschen Freimaurertums für verbitterte Auseinandersetzungen und Anfeindungen gesorgt hat.

Bruder Grün gehört der vorwiegend humanistisch ausgerichteten freimaurerischen Richtung der „Alten freien und angenommenen Maurer von Deutschland“ (AfuaM) an. Bereits in der Vergangenheit hat er Veröffentlichungen verschiedenster Art herausgebracht, die sich von einem humanistischen Standpunkt aus kritisch mit den Fragen der Religion und des Gottesglaubens auseinandersetzen. Nur konsequent stellt er auch die esoterisch spirituellen Bezüge im Lehr-, Symbol- und Ritualgebäude der ersten drei Johannisgrade des Freimaurertums in Frage. Folgerichtig hinterfragt er dasselbe in den unterschiedlichen Systemen der (Hoch-) Grade, die auf die ersten drei Johannisgrade folgen (können). Denn in diesen werden regelhaft die esoterisch spirituellen Aspekte des Freimaurertums aufgegriffen, vertieft und erweitert.

Die Auseinandersetzungen, ob der freimaurerische Weg einen wie auch immer gearteten Gottesbezug benötigt und ob Symbol und Ritual des Freimaurertums immer auch eine esoterisch spirituelle Dimension innewohnen muss, sind so alt wie das Freimaurertum selbst. Auch heute werden sie geführt. Viel zu häufig. Gerne auch voller Inbrunst. Und nicht selten kräftig unter die Gürtellinie (siehe hier).

Ich selbst habe mich auf meinem Blog zu diesem Thema klar positioniert (siehe hier). Doch ich habe auch die freimaurerischen Standpunkte, die konträr zu den meinen stehen, als gleich-berechtigt auf meinem Blog zugelassen (siehe hier und hier).

Das Streitthema, zu dem Bruder Klaus-Jürgen Grün sich äußert, ist also kein neues. Und auch sein Werk „Wörter machen Götter“ ist nicht seine erste Verlautbarung dazu. Warum also hat es nun solch einen Wirbel ausgelöst und so viel Unfrieden in das deutsche Freimaurertum getragen?

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich selbst habe das Buch von Bruder Grün nicht gelesen. Doch kenne ich mittlerweile seitenweise Zitate daraus und habe auch mehrere Rezensionen gelesen. Das langt nicht, um fundiert inhaltlich zu diskutieren. Aber es langt, um mir ein Bild über den Stil dieses Buches zu machen. Und um Fragen zu stellen…

POTENTIAL DER VERLETZUNG

Ich glaube, das, was am schwersten an dem Buch von Bruder Grün wiegt, ist, dass er dem gesamten christlichen Freimaurerorden pauschal jegliche Regularität abspricht. Dies tut er mit einer Absolutheit und einer Vehemenz, die jeden Andersdenkenden automatisch ausgrenzt. Und damit verlässt er die Ebene der gleichberechtigten Begegnung und des gleichberechtigten Austausches. Er stellt ein Über-Unter-Verhältnis her. Dadurch schafft er die gleiche Ausgangssituation, wie sie religiöse Fundamentalisten gegenüber Ungläubigen schaffen. Auf der einen Seite steht der „Gläubige“, der im Besitz der „absoluten Wahrheit“ über etwas ist. Und auf der anderen Seite steht der „Ungläubige“, der einen großen Makel hat, so lange er diese Wahrheit nicht vollständig übernommen hat. Das treibt Bruder Klaus-Jürgen Grün so weit, sich sogar anzumaßen, selber besser beurteilen zu können, wie der einzelne Ordensfreimaurer das eigene Ordensritual und den Begriff des „Dreifach großen Baumeisters“ zu verstehen und für sich auszufüllen und zu leben hat.

Weiter wählt er bezogen auf den Freimaurerorden eine Wortwahl, die vor allem dazu geeignet ist, die Gefühle religiöser Menschen zu verletzen. Und auch so manche Schlussfolgerung, die er bezüglich des Freimaurerordens zieht, ist bestenfalls plakativ und provozierend; schlimmstenfalls aber irgendwo zwischen übler Nachrede und Rufmord anzusiedeln.

So überrascht es nicht, dass mir einiges, was ich aus diesem Buch las, tiefe und schmerzhafte Stiche versetzt hat. Es verlangte mir einiges an Impulskontrolle ab, mich nicht ebenfalls mit wehenden Fahnen und gewetzten Messern in die entflammten Kontroversen zu stürzen.

Eine bittere Erkenntnis, die mir die ganzen vorangegangenen Auseinandersetzungen um Gott und Spiritualität innerhalb des Freimaurertums gebracht hatten, war, dass Fundamentalismus kein Merkmal ist, das sich nur in den Religionen finden lässt. Viel zu oft hatte ich erleben müssen, dass humanistische und atheistische Brüder dieselben Argumentationsweisen, denselben Absolutheitsanspruch und dieselbe Toleranzfähigkeit an den Tag legten wie religiöse Fundamentalisten. In diesen Fällen war lediglich das religiöse Dogma durch ein nichtreligiöses ersetzt worden. Und das Buch von Bruder Grün setzt leider ein dickes Ausrufezeichen hinter diese Beobachtung.

Wie es scheint sind auch die „Vereinigten Großlogen von Deutschland“ (VGL) zu einer ganz ähnlichen Einschätzung über dieses Buch gekommen. In der VGL haben sich die fünf eigenständigen Großlogen, die die Johannisgrade auf deutschem Boden bearbeiten, zusammengefunden. Unter anderem auch die Großloge AfuaM und der christliche Freimaurerorden. Und der Senat der VGL – in dem die Großloge AfuaM aus Proportsgründen die Mehrheit stellt – hat das Buch einstimmig als „Hetzschrift“ eingeordnet.

AUS DER GESCHICHTE NICHTS GELERNT?

Das letzte Mal, dass eine freimaurerische Richtung einer anderen freimaurerischen Richtung die Rechtmäßigkeit in derart massiver Weise abgesprochen hat, war in den Zeiten des aufstrebenden Nationalsozialismus. Doch damals war es genau umgekehrt. Damals war es der christliche Freimaurerorden, der seinen humanistischen Brüdern die Existenzberechtigung absprach. Dies geschah auch, um sich dem Nationalsozialismus bis zur Aufgabe der eigenen Identität anzubiedern.

Das Ende vom Lied ist hinlänglich bekannt. Wenn überhaupt, dann lieferte das Verhalten des Freimaurerordens lediglich den Feinden des gesamten Freimaurertums Munition. Und schlussendlich wurden alle Richtungen des Freimaurertums verboten und verfolgt.

Meinem Verständnis nach ist der christliche Freimaurerorden damals seinen humanistischen Brüdern gegenüber schuldig geworden. Inwiefern dies aufgearbeitet worden ist und eine Aussöhnung stattgefunden hat, kann ich (noch) nicht abschließend beurteilen.

Doch dieses freimaurerische Kapitel hat mich sensibilisiert für die Verantwortung, die jeder einzelne Freimaurer für das trägt, was er öffentlich von sich gibt. Das gilt ganz besonders für die heutige Zeit, in der am rechten politischen Rand und in Reihen konservativ dogmatischer Christen wieder die wirrsten Verschwörungstheorien entstehen und verbreitet werden, woran „die Freimaurer“ denn so alles Schuld seien. Bruder Klaus-Jürgen Grün war sich seiner Verantwortung offenbar nicht bewusst, als er sein Buch schrieb.

TRENNENDES UND VERBINDENDES

Manchmal habe ich den Eindruck, es gibt für Menschen nur zwei grundsätzliche Arten, miteinander umzugehen. So kann man entweder betonen, was einen verbindet. Oder man kann betonen, was einen trennt. Was für die Menschheit im Allgemeinen gilt, gilt für die Bruderschaft der Freimaurer im Besonderen.

Und von dem Moment an, wo Dogmatismus Spiel kommt, wird immer das Trennende betont. Denn Dogmatismus geht von einer „feststehenden Definition oder einer grundlegenden, normativen Lehraussage“ aus, „deren Wahrheitsanspruch als unumstößlich festgestellt wird“ (vergleiche Wikipedia). Das bringt mit sich, dass jede Anschauung und jeder Mensch, der mit dieser Lehraussage nicht konform geht, ausgegrenzt wird.

Bruder Grün spricht mit seinem Buch ganz klar die Sprache eines Dogmatikers. Er betont das Trennende. Und absolutiert diesen Standpunkt. Er stellt sein Dogma über brüderliche Begegnung. Ebenso gut hätte er ein Buch darüber schreiben können, was das christliche und das humanistische Freimaurertum verbindet. Dieses Buch wäre wahrscheinlich um einiges länger und umfangreicher geworden. Stattdessen ergießt er sich darin zu betonen, was beide Lager voneinander trennt.

Und er sieht in diesen Unterschieden nichts, was bereichert oder im positiven Sinne herausfordert. Sondern nur etwas, was ausgelöscht gehört. Das zeigt, dass er von einer Art gleichgeschalteter Einheitsfreimaurerei auszugeht. Und in dieser hat nur Platz, wer einer humanistisch atheistischen Überzeugung anhängt, wie Bruder Klaus-Jürgen Grün sie definiert.

VIELFALT UND VERWURZELUNG

Das ist wahrscheinlich der Punkt, an dem ich am weitesten mit ihm auseinanderliege. Für mich sind die unterschiedlichen und bisweilen auch gegensätzlichen Facetten, die sich im Freimaurertum wiederfinden, eine der größten Stärken dieser Bruderschaft. Für mich ergänzen und bereichern diese sich gegenseitig.

Denn das, was diese unterschiedlichen Brüder miteinander verbindet, ist das Erleben des freimaurerischen Rituals und der freimaurerischen Symbolik. Und dies verbindet auf einer viel tieferen Ebene, als dass der Buchstabe des Dogmas jemals dringen könnte. Das ist meines Erachtens das „berühmte“ freimaurerische Geheimnis.

Aus diesem Grund bin ich gerne bereit, die Spannungen, die diese freimaurerische Vielfalt mit sich bringt, auszuhalten und mitzutragen. Und mit dieser inneren Haltung begegne ich auch den freimaurerischen Brüdern, die mir – wie Bruder Grün – absprechen, ihr Bruder zu sein. Natürlich erfordert dies ein hohes Maß an Ausdauer und Leidensfähigkeit und auch eine gewisse Frustrationstoleranz. Aber die Begegnungen und der Austausch, die es mit sich bringt, wiegen das allemal auf.

Wahrscheinlich wäre es sehr viel einfacher, mich in meiner eigenen freimaurerischen Wagenburg zu verschanzen und alles zu bekämpfen, was meine kleine, heile Welt in Frage stellt. Es wäre der Weg des geringsten Widerstands. Der Weg, den Bruder Klaus-Jürgen Grün mit seinem Buch gewählt hat. Aber dieser Weg ist eben nicht meiner.

Nur um eines ganz klar zu sagen: Dieses bewusste Aushalten und Annehmen der Spannungen zwischen den unterschiedlichen freimaurerischen Richtungen hat nichts mit Beliebigkeit, Gleichgültigkeit oder Ignoranz zu tun. Natürlich habe ich eine ganz klare Verwurzelung in der Lehrart des christlichen Freimaurerordens. Und diese Verwurzelung ist bewusst gewählt. Ich kann sie begründen und ich schätze sie. Trotzdem sehe ich in den anderen Lehrarten keine Bedrohung für meinen eigenen freimaurerischen Weg. Sondern etwas, das meinen Weg ergänzt, bereichert und im positiven Sinne herausfordert. In dem Freimaurertum, für das ich stehe, haben Atheisten ebenso Platz wie Gottesgläubige, die unterschiedlichen Agnostiker ebenso wie ganze Bandbreite der spirituell Suchenden, Gnostiker und Mystiker. Und so weiter. Der viel zitierte Satz „Einheit in Vielfalt“ ist für mich keine hohle Phrase, sondern gelebte Wirklichkeit.

Und dieser Satz findet für mich organisatorischen Ausdruck in der VGL. Meines Erachtens tut es dem christlichen Freimaurerorden und der Großloge AfuaM nur gut, durch diesen Dachverband in regelmäßiger Kommunikation zu stehen und sich immer wieder miteinander auseinandersetzen zu müssen. Ohne die VGL bestünde die Gefahr, dass beide Großlogen zu sehr in ihrem eigenen Saft schmoren.

BLUTENDE WUNDEN UND OFFENE FRAGEN

Mein Bruder und Freund René Schon meinte zu mir, dass Bruder Grün in seinem Buch interessante und schlüssige Thesen in Bezug auf die Gottesfrage bringt. Das stelle ich nicht in Abrede. Ich las an verschiedener Stelle, dass Bruder Klaus-Jürgen Grün ein „brillanter Geist“ sein soll. Doch ein Buch ist grundsätzlich nicht nur nach seinem Inhalt zu bewerten, sondern auch nach seinen Auswirkungen.

Und diese sind überwiegend destruktiver Natur. Denn dieses Buch hat schmerzhafte Kreisläufe der gegenseitigen Verletzungen angestoßen. Es hat Gräben gerissen zwischen Menschen, die sich als Brüder begegnen sollten. Es hat die „freimaurerische Ökumene“ um Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte, zurückgeworfen. Die Wunden, die es gerissen hat, werden noch lange bluten. Und die Narben wird man noch wesentlich länger sehen.

Für mich bleibt die Frage, welche Absicht Bruder Grün verfolgt hat. Er bringt ein Buch heraus, das von seinem Inhalt und von seiner Machart her geeignet ist, maximalen Flurschaden innerhalb des deutschen Freimaurertums anzurichten. Welche Folgen dieses Werk haben wird, muss ihm vorher bewusst gewesen sein. Schließlich ist er lange genug Freimaurer und kennt die unterschiedlichen Richtungen gut genug, um das abschätzen zu können.

War es seine Absicht, möglichst viele Brüder, die er unmöglich alle persönlich kennen konnte – Brüder wie mich -, stumpf zu verletzen? Oder suchte er den Skandal, um gute Verkaufszahlen zu generieren? Oder nutzt er das Buch, um eine persönliche Fehde auszutragen? Glaubt er tatsächlich, dass seine destruktive Art und Weise geeignet ist, das deutsche Freimaurertum in seine Richtung zu verändern? Wollte er nur einen Impuls setzen, der ihm letztendlich komplett entglitten ist? Oder wollte er den Bruch zwischen dem christlichen Freimaurerorden und der Großloge AfuaM herbeizuführen; mit dem Ziel, dass einer oder sogar beide die VGL verlassen?

Egal, was die Motive von Bruder Klaus-Jürgen Grün auch gewesen sein mögen, der Kollateralschaden, den dieses Buch mit sich bringt, steht in keinem Verhältnis zu dem Nutzen, den es haben könnte. Es zeigt sich wieder mal: Der Zweck heiligt nicht die Mittel.

Geschockt.

Sprengsätze explodierten. Gefüllt mit Metallsplittern. Direkt neben dem Bus. Dem Bus voller „Wahrer Liebe“ und „Schwarz-Gelber-Leidenschaft“. Glas zerbarst. Knochen splitterten. Danach: Blut. Blaulicht. Betroffene Gesichter. Mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten. Traumatisierte Opfer. Wie so oft in den letzten Wochen, Monaten und Jahren. Trotzige Statements der Solidarität. Aufgeregt hingehaltene Mikrofone. Und die allgegenwärtige Frage nach dem „Warum“.

Es war Ende der 80er Jahre, als die Schwarz-Gelben von Borussia Dortmund anfingen, sich in mein Herz zu spielen. Und seither erlebten wir gemeinsam Momente unendlicher Freude und Momente abgrundtiefer Trauer. Flüchtige Momente zugegebenermaßen. Aber Momente, die mein Herz fest an diesen Verein gekettet haben. Ketten, denen ich mich nur zu gerne ergebe.

Umso mehr traf es mich, als ich die Bilder dieses feigen Angriffs auf den Spielerbus von Borussia Dortmund über die Bildschirme flimmern sah. Meine Helden, die Spieltag für Spieltag auf dem Feld der Ehre den immer gleichen Kampf aufs neue Annehmen, das Ziel irgendwelcher Terroristen. „Traurig.“, „Geschockt.“ – Mehr brachte ich gestern Abend über Twitter nicht raus. Die Begegnung zwischen meinem BVB und dem AS Monaco wurde zunächst abgesagt und schließlich auf den Folgetag verschoben. Und als ich heute morgen auf den Titelseiten der Tageszeitungen die Bilder des beschädigten Mannschaftsbusses sah, riss es mir tiefe Furchen ins Herz.

Ich gebe zu, dass mich die Nachrichten von irgendwelchen Terrorakten zunehmend weniger berührt hatten. Es war, als stumpfe mit jedem Anschlag etwas in mir weiter ab. Ich erinnere mich noch allzu gut an die Trauer, die Ohnmacht und die Wut nach „Charlie Hebdo“ oder nach den Anschlägen in Paris, als unsere Fußballnationalmannschaft dort ein Freundschaftsspiel gegen Frankreich absolvierte. Den jüngsten Anschlag in Schweden hingegen nahm nur noch resigniert und eher nebenbei zur Kenntnis.

Und dann ist da ja auch noch die Sache mit der Saat und der Ernte. Nichts, rein gar nichts rechtfertigt solch abscheuliche Gewalt, wie sie islamistische Extremisten mittlerweile seit vielen Jahren über Europa bringen. Und doch erntet die westliche Welt mit diesem Terrorismus lediglich das, was sie in Jahrhunderten des Kolonialismus, des Imperialismus und des Kapitalismus selbst ausgesät hat.

Vielleicht haben die Menschen Recht, die behaupten, dass wir in dunklen Zeiten leben. Denn es gibt keine Bewegung ohne Gegenbewegung. Und mit jedem mordenden Islamisten erstarken die Rechten. Schon sind rechte Parolen wieder salonfähig. Schon ziehen die Rechten wieder in die Parlamente ein. Schon marschieren die Rechten wieder auf unseren Straßen. Der rechte Kampf um die Köpfe, die Straßen und die Parlamente wirkt plötzlich gar nicht mehr so ausweglos. Unsere Gesellschaft fällt zurück … in stumpfe Auge-um-Auge-Reflexe. Und genau dies ist das Gefährlichste, was der Terrorismus mit sich führt.

Und doch bin ich immer wieder aufs Neue überrascht, was für kraftvolle Reaktionen solch abscheuliche und widerwärtige Taten hervorrufen können. Nach „Charlie Hebdo“ sah ich das erste Mal, dass europäische Moslems ganz vorne mitmarschierten – gegen islamistischen Terrorismus und für Toleranz! Welch großartiges Zeichen der Solidarität! Auch, wenn es längst überfällig gewesen war.

Und gestern, kurz nach dem Anschlag, tauchte auf Twitter der Hashtag „#BedForAwayFans“ auf. Fans von Borussia Dortmund luden Fans des AS Monaco, die Aufgrund der Spielverlegung eine Nacht ohne Obdach gewesen wären, ein, bei ihnen zu übernachten. Bilder von Dortmund- und Monaco-Fans, die gemeinsam essen, trinken oder die Schals der jeweils anderen Mannschaft schwingen, wurden auf Twitter geteilt und geliked. Deutsche und Franzosen, Christen und Moslems. Was für eine zärtliche Geste! „Das ist Fußball!“, twitterte der AS Monaco auf Deutsch. „You’ll never walk alone!“, war an diesem Abend nicht nur eine biergeschwängerte Fanhymne … sondern Realität.

Als ich das alles mitbekam, musste ich schlucken. Ich spürte diesen übergroßen Kloß in meinem Hals und kämpfte mit der einen oder anderen Träne. Gefühlte Ewigkeiten standen mir diese Bilder vor Augen. Etwas so wundervolles habe ich im Fußball noch nie erleben dürfen.

Irgendwo in der Bibel las ich mal den sinngemäßen Satz: „Wo die Finsternis mächtig ist, ist das Licht umso mächtiger.“ Ich glaube, dass das stimmt…