Never again!

Ein Geschwür breitet sich aus in diesem Land: Geschichtsrelativismus. Menschen wollen sich nicht mehr erinnern. An die Schuld, die dieses Land einst auf sich geladen hat.

Dabei ist ein Erinnern notwendiger denn jeh.

Denn wieder spielt die Finanzwelt Russisches Roulette. Denn wieder wächst die Schere zwischen Arm und Reich. Denn wieder suchen Menschen klare Feindbilder. Denn wieder zünden rechte Schlägertrupps Häuser und Menschen an. Denn wieder sind die politisch Verantwortlichen nicht in der Lage, tragfähige Mehrheiten zu finden. Denn wieder liefern sich linke Schlägertrupps Straßenschlachten mit der Polizei. Denn wieder sitzt extremistisches Gedankengut in Deutschen Parlamenten.

Ich will nicht vergessen!

Ich werde nicht vergessen!

10 Gedanken zu “Never again!

  1. „Menschen wollen sich nicht mehr erinnern. An die Schuld, die dieses Land einst auf sich geladen hat. Dabei ist ein Erinnern notwendiger denn je.“

    Lieber Hagen,

    ich möchte einfach die ketzerische Frage stellen, ob eine Erinnerungskultur tatsächlich das Verhalten eines Menschen verändert? Die Menschen wollen sich nicht erinnern. Du wirst sie wohl kaum dazu zwingen können. Und ob Schuldgefühle je etwas Positives bewirkt haben, möchte ich auch gern in Frage stellen.

    Brauchen wir nicht vielmehr eine Gegenwärtigkeitskultur? Ein unmittelbares Gewahrsein dessen, was jetzt gerade auch und gerade durch mich geschieht, anstatt wie im Schlaf nur seine alten Programme auszuagieren?

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    • Lieber Nitya!

      Ich schreibe von „erinnern“ und Du kommst auf „Schuldgefühle“ zu sprechen. Ich glaube, dass genau das der Punkt ist, an dem die ganze Diskussion in unserer Gesellschaft immer wieder in Schieflage gerät.

      Meiner Meinung nach hat „sich erinnern“ nicht unbedingt etwas mit „sich schuldig fühlen“ zu tun. Sondern mit dem Vergegenwärtigen, was in der Geschichte möglich war und mit der Frage, inwiefern ich selber das gefährliche Potential in mir trage, Teil von so etwas zu sein.

      Erinnern und Schattenarbeit gehen Hand in Hand. Ob Schuldgefühle Teil davon sein müssen, weiß ich nicht.

      Was ich in dem Kontext mit „Schattenarbeit“ meine, habe ich mal versucht, in meinem Artikel „Wo Faschismus beginnt“ (https://hagenunterwegs.wordpress.com/2015/08/30/wo-faschismus-beginnt/) herauszuarbeiten.

      Herzlichen Gruß!

      Hagen

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      • Lieber Hagen,

        du weißt ja, ich liebe die amoralische Weisheit der alten Taoisten.

        Du schreibst da u.a.: „Menschen wollen sich nicht mehr erinnern. An die Schuld, die dieses Land einst auf sich geladen hat.“

        Ich verändere jetzt einmal diese beiden Sätze so, wie sie wohl von vielen Menschen gelesen werden würden, wenn sie sie zu Gesicht bekämen: „Ihr habt Schuld auf euch geladen. Erinnert euch gefälligst daran!“

        Die alten Taoisten hätten jetzt vielleicht gefragt: Gibt es überhaupt so etwas wie „Schuld“? Die nächste Frage wäre vielleicht: Hat es denn je etwas zum Besseren gewendet, wenn sich jemand schuldig gefühlt hat? Die abrahamitische Kultur ist ja geradezu versessen auf Begriffe wie „Schuld“ und „Sünde“. War sie denn je vor dem Faschismus gefeit? Oder sind diese Begriffe nicht geradezu integraler Bestandteil dieser Kultur? Würde die Welt untergehen, wenn wir diese Begriffe vergessen würden oder würde sie nicht eher erleichtert aufatmen? Die Betonklötze in Berlin werden wohl aus keinem Menschen einen besseren Menschen machen können, eher im Gegenteil. Sie suggerieren eher ein: Ich muss mich ja nicht ändern, ich fühl mich ja schon gebührlich schuldig und habe sogar ein Mahnmal. Sich schuldig fühlen, statt zu verstehen. Faschismus wird vorzugsweise in einer repressiven Kultur entstehen und repressive Kulturen arbeiten besonders gerne mit Schuldgefühlen. Ich denke, wir sollten endlich wegkommen von dieser irrationalen „Schuld“ und anfangen zu verstehen, was da eigentlich geradzu zwangsläufig geschehen ist und immer wieder geschieht.

        Kiepenheuer und Witsch.Verlag: „1933 erschien Reichs Massenpsychologie des Faschismus zum erstenmal. Das Buch kam zu spät, um noch viele Leser zu erreichen: es wurde zur Lektüre der Emigranten und blieb notwendig folgenlos. Inzwischen läßt sich eine Kritik des Faschismus (nicht nur des deutschen, sondern der faschistischen Struktur überhaupt) ohne Reich nicht mehr denken. Reichs klinisch und soziologisch geschulter Blick durchschaute des fundamentalen Zusammenhang zwischen autoritärer Triebunterdrückung und faschistischer Ideologie. Er analysierte die Gestik, Phraseologie, die moralischen Schemata und Aktionen der »Hitlerei« und wies in ihnen die Verschiebung von Sexualangst zu einem Mystizismus nach, der die Freiheitsfähigkeit des Menschen in einen irrationalen Mechanismus chronischer Abhängigkeit pervertierten. …“

        Einen herzlichen Gruß
        Nitya

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        • Mein lieber Nitya !

          Ein wenig habe ich meine Antwort auf Deinen Kommentar vor mir hergeschoben…

          Die Frage nach „Schuld und Sühne“ ist ein zweischneidiges Schwert. Diese Frage ist total geeignet, Menschen klein zu halten, zu unterdrücken und im Endeffekt das komplette Gegenteil zu erreichen von dem, was es laut „dem Buchstaben“ und vordergründig denn erreichen will.

          Ich erinnere mich noch zu gut an meine Jugend, in der ich mich voller Inbrunst in christlich-dogmatischen Kreisen bewegt habe. Wir waren ungewollt grauenvoll zueinander. Denn wir haben einander schwere Rucksäcke voller Schuld gepackt. Und mancher brach unter seinem Rucksack zusammen.

          Und natürlich ist das, wofür man sich schuldig zu fühlen hat, ganz stark abhängig von dem Umfeld und der Kultur, in der man sozialisiert wird. Einen Juden dafür umzubringen, dass er ein Jude ist, ist bei uns ein sogenanntes „Hass-Verbrechen“; im Dritten Reich wäre es wahrscheinlich etwas gewesen, wofür es einen Orden gibt.

          Nun kommt mein „Aber“: Ich glaube, es ist nicht irrelevant, wie wir leben. Dieses Feld ist für mich abgesteckt durch dreifache „Liebe“: Liebe Gott, liebe Deinen Nächsten, liebe Dich selbst. Und alles, was ich tue, bringt eine Konsequenz mit sich. Das Prinzip von „Saat und Ernte“. Folglich kann es Handlungen (und Worte, Gedanken etc.) geben, die für mich und andere negative Konsequenzen haben. Die verletzen, verwunden.

          In diesem Kontext war es für mich notwendig zu lernen, anschauen zu können, wo ich selbst Urheber dieser Verwundungen bin. Und als nächsten Schritt habe ich gelernt, welche transformierende Macht „Vergebung“ hat.

          Es stimmt, die Frage nach einem ethisch-moralischen Lebenswandel rückt bei mir zunehmend in den Hintergrund. Es ist eher ein Abfall- oder Nebenprodukt meines Weges (so hoffe ich zumindest). Trotzdem ist solch ein Lebenswandel nicht irrelevant.

          Aus jedem meiner bisherigen Irrwege habe ich eine wichtige und notwendige Lektion gelernt, für die jeder dieser Irrwege notwendig war. Vergebung ist eine der Lektionen, die ich aus meiner christlich-dogmatischen Zeit mitgenommen habe. Doch es ist entschlackt von diesem niederdrückenden Schuld-und-Sühne-Spiel der Kirchen.

          So far, mein Lieber!

          Gesegneten Gruß!

          Hagen

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          • Mein lieber Hagen,

            danke für deine Gedanken, die du mit uns geteilt hast!

            Hatte ich das mal erzählt: Es war wohl 1958, als deutsche Freimaurer versuchten, auch in Deutschland den in Amerika beheimateten De-Molay-Orden als Nachwuchsorganisation zu etablieren. Ich war seinerzeit einer der Gründungsmitglieder und leitete als Kapitelmeister ein Kapitel in Augsburg. Eine unserer Aufgaben war es, die sieben Tugenden eines „De Molays“ umzusetzen:

            Liebe zu den Eltern
            Respekt gegenüber den Überzeugungen und Meinungen anderer
            Höflichkeit gegenüber jedermann
            Freundschaft
            Treue
            Reinheit in Denken und Handeln
            Achtung vor dem eigenen Kulturerbe

            Wir sollten uns eine Krone (aus Kupferblech) herstellen und daran sieben Halbedelsteine befestigen, die für die sieben Tugenden stehen sollten. Über diese sollten wir nachdenken, darüber sprechen und versuchen, sie in unserem Leben umzusetzen.

            Wir wurden immer wieder daran erinnert, welche bedeutenden Persönlichkeiten De Molays“ gewesen waren. Wenn ich das recht erinnere, waren Walt Disney, John Wayne und auch Bill Clinton darunter. Inwiefern diese uns als Vorbilder dienen sollten, ist mir bis heute nicht klar. Ich hielt damals und halte heute immer noch absolut nichts von der Deklarierung von Tugenden. Das hat noch nie funktioniert und nur Heuchelei und Unterdrückung gefördert.

            Einfach natürlich sein, ist meines Erachtens mehr als genug. Dann kann sich so etwas wie „ein natürlicher Anstand“ ganz von selbst entwickeln – oder auch nicht. Niemand kann so etwas erzwingen.

            Zu den Tugenden zähle ich auch die „Tugend der Vergebung“. – „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Kennst du ja. Für mich gibt es keine Schuld. Aus dieser Einsicht heraus gibt es auch nichts zu vergeben. Da gibt es diese kleine Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin, die für ihre Sünde gesteinigt werden sollte. „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“ Niemand war dazu in der Lage. Niemand ist „ohne Sünde“, ohne Fehler. Schuld bedeutet: Ich hätte es anders machen können. Ich hätte den Fehler vermeiden können. Ich hätte diese Sünde (= Absonderung vom Ganzen) unterlassen können. Aber das ist offensichtlich nicht möglich. Alles, was wir „tun“ können – Inshallah – ist, es bemerken. Vielleicht bewirkt dieses Bemerken Veränderung. Das klingt sehr bescheiden neben dem Anspruch, mit dem die Forderung nach einem tugendhaften Leben daherkommt.

            Die Begine Marguerite Porète schrieb zu den Tugenden:

            „Tugenden! Ich nehme Abschied von euch
            für immer!
            Mein Herz ist nun ganz frei
            und heiter gestimmt.
            Euer Dienst ist zu beschwerlich,
            das weiß ich sehr wohl.
            Früher habe ich mein Herz rückhaltlos
            an euch gehängt.
            Ihr wisst, dass ich euch ganz
            hingegeben war.
            Ich war eure Leibeigene,
            aber jetzt bin ich befreit.
            Mein ganzes Herz hatte ich an euch gehängt,
            ich weiß es wohl.
            So lebte ich eine Zeitlang
            in großer Bedrängnis.
            Viele Qualen habe ich erlitten
            und große Schmerzen erduldet.
            Es ist ein Wunder, dass ich da lebend
            herausgekommen bin!
            Nun, so war es, und jetzt, da es vorbei ist,
            macht es mir nichts mehr aus:
            Ich bin von euch losgelöst!
            Dafür danke ich Gott im Himmel –
            gut war jener Tag für mich!
            Ich bin eurer Herrschaft entzogen,
            die mir viel Verdruss bescherte.
            Niemals war ich freier,
            als da ich geschieden von euch war.
            Ich bin aus eurer Gewalt entkommen
            und ruhe jetzt im Frieden.“

            Am Pfingstmontag, dem 1. Juni 1310, wurde Marguerite Porète aufgrund des Betreibens päpstlicher Schergen auf dem Place de Grève in Paris als rückfällige Ketzerin verbrannt. Sie wurde verbrannt, weil sie es gewagt hatte, den Dualismus der kirchlichen Lehre zu ignorieren. Es gibt nicht Gott und die Kreatur und die Kirche als allmächtigen Vermittler dazwischen, sondern wie sie schrieb:

            „Also bin ich, sofern ich bin, nur das, was Gott ist.“
            Braucht Gott Tugenden?

            Herzlichst
            Nitya

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  2. Mein lieber Nitya!

    „Niemand ist „ohne Sünde“, ohne Fehler. Schuld bedeutet: Ich hätte es anders machen können. Ich hätte den Fehler vermeiden können. Ich hätte diese Sünde (= Absonderung vom Ganzen) unterlassen können. Aber das ist offensichtlich nicht möglich. Alles, was wir „tun“ können – Inshallah – ist, es bemerken. Vielleicht bewirkt dieses Bemerken Veränderung.“ – Diese Worte von Dir sind mir noch eine Weile nachgegangen. Ja, mag sein, dass ich es nie hätte anders machen können. Und vielleicht war es tatsächlich das „Bemerken dieses Getrennt-Seins“, das ich als so mächtig in meinem Leben erlebte.

    Wie ich die Sache mit den „Tugenden“ sehe, weiß ich (noch) nicht. Klar, ich bin Freimaurer. Und da dreht es sich ständig um Tugenden. Muss ich da nicht automatisch Tugenden hochhalten? In meiner christlich-dogmatischen Zeit habe ich aber bitter lernen müssen, dass immer eine Lücke zwischen dem Anspruch der Tugend und der Wirklichkeit des gelebten Lebens klafft. Und diese bringt oft Doppelmoral mit sich.

    Daher finde ich den Text von Begine Marguerite Porète sehr inspirierend. Vielleicht werde ich ihn als Grundlage für einen Vortrag über die freimaurerischen Tugenden während einer der Tempelarbeiten meiner Loge nutzen…

    Ich hoffe, mein Lieber, Du hast eine besinnliche Weihnachtszeit verlebt und bist gut ins neue Jahr gekommen. Ich wünsche Dir alles Gute in 2018 und freue mich auf den weiteren Austausch mit Dir!

    Gesegneten Gruß!

    Hagen

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  3. Mein lieber Hagen,

    bist du wirklich Freimaurer? Wenn ja, ja dann musst du natürlich die Tugenden hochhalten. Musst du? Bist du etwa von der christlich dogmatischen Zeit in die freimaurerisch dogmatische Zeit geraten? Wer A sagt, muss B sagen. Wer Beamter wird, muss den Anweisungen seiner Vorgesetzten folgen. Hinterher kann er sich dann auf den Befehlsnotstand berufen. Hatten wir ja alles schon zur Genüge. Die Alternative wäre, „Nein!“ zu sagen und ggf. die Konsequenz zu ziehen und nicht mehr A zu sagen. Was auch immer für ein Verein mir vorschreiben will, was ich erkennen darf und was nicht, könnte unmöglich mein Verein sein. Deswegen bin ich auch in keinem Verein. Jeder Verein tendiert dazu, mir zu sagen: Wenn du nicht …, dann gehörst du nicht mehr zu uns. Da unterscheiden sie sich nicht von den Parteien, Kirchen und anderen Organisationen.

    Du schreibst, dass du erkannt hast, „dass immer eine Lücke zwischen dem Anspruch der Tugend und der Wirklichkeit des gelebten Lebens klafft. Und diese bringt oft Doppelmoral mit sich.“ Na klar klafft da eine Lücke, sonst bräuchten wir ja keine Tugenden mehr. Die Tugenden stehen für das SOLL, die Wirklichkeit für das IST. Und es gibt nur die Wirklichkeit. Das SOLL ist nur ein Gedanke, nur eine Vorstellung, nur ein Fata Morgana.

    Da kommen die Menschen nicht mehr mit ihren Arbeits- und Lohnbedingungen zurecht und fangen an zu revoltieren. Dann wird ihnen gesagt: „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!“ Wer sagt ihnen das? Diejenigen, die daran interessiert sind, dass sich nichts ändert, weil sie vom Status Quo profitieren. Also erheben sie Ruhe zur obersten Tugend. Wird dagegen verstoßen, folgt die Bestrafung. Wenn dem IST, der Wirklichkeit, ein SOLL übergestülpt wird, erschafft man Duckmäuser und/oder Schizophrene.

    Wenn du erkennen willst, darfst du nicht dies oder das sein, nicht Christ, nicht Freimaurer, nicht einmal Hagen mit seinen ganzen Prägungen. Einfach nur Bewusstsein, und selbst das muss immer wieder in Frage gestellt werden: Ist es wirklich wahr? Und nur die Wahrheit wird dich frei machen, wie Jesus einmal gesagt hat.

    Bist du wirklich ein Freimaurer? Mach mal die Augen zu und suche in dir, nicht in deinem Kleiderschrank, nach einem Freimaurer. Du wirst bestenfalls ein paar Vorstellungen finden. Du bist nicht einmal Hagen. Du bist vollkommen unfassbar, vollkommen namenlos. Und vollkommen tugendlos.

    Herzlichst
    Wilhelm

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    • Mein lieber Wilhelm!

      Bin ich Freimaurer? Nein! Das Label „Freimaurer“ ist viel zu eng, viel zu erdrückend, viel zu unvollständig, viel zu klein, als dass es mich oder meinen Weg ausdrücken könnte.

      Bin ich Freimaurer? Ja! Lessing lässt in dem Stück „Ernst und Falk“ den Falk den berühmten Satz aussprechen: „Freimaurerei war immer.“ Davon ausgehend ist das Freimaurer-Sein viel mehr als diese verschwiegende, in Graden aufgeteilte, etwas verstaubte und bisweilen elitär wirkende Bruderschaft, die sich selbst Freimaurer nennt.

      Vielleicht ist es irgendwas dazwischen. Diese Bruderschaft hat einige Macken, die mich regelmäßig schier verzweifeln lassen. Und doch bietet sie mir einen ganz speziellen Rahmen, der mich tiefe Erfahrungen machen lässt und innere Prozesse bei mir anstößt.

      Und daher habe ich mich ganz bewusst dem christlichen Freimaurerorden untergeordnet. Wohl wissend, dass er keine Macht über mich und das, was mich ausmacht, hat. Das ist ein Spannungszustand oder ein Paradox, das gerne aushalte.

      Der eigentliche Casus Knacksus ist doch das, was Du mit der Diskrepanz zwischen „Soll und Ist“ umschreibst. Ich verstehe langsam, was Du damit meinst, glaube ich.

      Und aus dieser Sicht verstehe ich auch Deine Kritik am Freimaurertum. Denn die Richtung, der ich angehöre zum Beispiel, kann man als eine 10 Grade lange Diskrepanz zwischen Soll und Sein verstehen. Wobei mir der freimaurerische Alltag zeigt, dass die Frage, wie weit jemand im Sein verwurzelt ist, so gut wie nie etwas damit zu tun hat, welchen Grad er inne hat.

      Du hast wahrscheinlich Recht, ich bin weder Freimaurer, noch Christ, noch Hagen oder was auch immer. Ich bin wahrscheinlich wirklich „vollkommen unfassbar, vollkommen namenlos“. Aber zwischen meinem alltäglichen Bewusstsein und dem Bewusstsein, dass ich einfach nur „bin“, klafft eine Lücke. Also „mache“ ich Dinge, um mir dieses Bewusstseins bewusst zu sein. So verstehe ich auch den freimaurerischen Weg: Eine Bewusstmachung dessen, was eh schon ist.

      Aber damit stecke ich wieder voll in die Machen-Vs-Sein-Falle fest. Bekomme ich nicht aufgelöst irgendwie…

      Herzlichen Gruß, mein Lieber!

      Hagen

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      • „Du hast wahrscheinlich Recht, ich bin weder Freimaurer, noch Christ, noch Hagen oder was auch immer. Ich bin wahrscheinlich wirklich „vollkommen unfassbar, vollkommen namenlos“. Aber zwischen meinem alltäglichen Bewusstsein und dem Bewusstsein, dass ich einfach nur „bin“, klafft eine Lücke. Also „mache“ ich Dinge, um mir dieses Bewusstseins bewusst zu sein. So verstehe ich auch den freimaurerischen Weg: Eine Bewusstmachung dessen, was eh schon ist. Aber damit stecke ich wieder voll in die Machen-Vs-Sein-Falle fest. Bekomme ich nicht aufgelöst irgendwie…“

        Lieber Hagen,

        da wird dir der „freimaurerische Weg“ auch nicht weiterhelfen können. Die organisierten Freimaurer stecken aus meiner Sicht in ihrer eigenen Geschichte fest: „Wir sind die Arbeiter, die den rauen Stein bearbeiten.“ Ich stimme Lesssing völlig zu: „Freimaurerei war immer.“ Aber das ist eine innere Haltung und kein Weg, der erarbeitet werden müsste.

        Überprüf doch einfach mal Buddhas Hinweis: „Handlungen geschehen, doch gibt es keinen Handelnden.“ Wenn du weder Freimaurer, noch Christ, noch Hagen oder was auch immer bist, dann bleibt da niemand mehr übrig, der handeln könnte. In einer Meditation betrachtest du vielleicht einfach deinen Atem, ohne ihn in irgendeiner Weise beeinflussen zu wollen. Du guckst zu, wie der Atem ganz von allein ein- und ausströmt. Ganz von allein, niemand macht etwas. Vielleicht spürst du deinen Herzschlag. Du kannst das auf den ganzen Körper ausdehnen, wie er vollkommen perfekt für sich selbst sorgt. Betrachte beispielsweise eine Katze. Wie ein Zen-Meister isst sie, wenn sie hungrig ist, und schläft, wenn sie müde ist. Alles fließt in vollkommener Weise von einem IST-Zustand in den nächsten.

        Du musst dir auch der „Bewusstmachung“ kein neues „SOLL-Programm“ machen. Erlaube dir in diesem Prozess einfach mitzufließen. Mal bist du unbewusst, mal etwas bewusster, mal ziemlich bewusst, dann wieder weniger bewusst, … abends schläfst du ein und morgens wachst du auf, … das ist alles genau so, wie es IST und ist gut, wie es IST: Du musst nicht bewusster sein, als du im gegenwärtigen Augenblick bist. Sonst hängst sofort wieder in der Mühle der Ideale und wirst dort aufgerieben. Sei einfach „ein fauler Hund“ und lass sich die Dinge von selbst entwickeln; das tun sie ohnehin und machen jedem, der „strebend sich bemüht“ eine lange Nase.

        Herzlichst
        Wilhelm

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