Ein letzter, verzweifelter Versuch

Da standen wir um ihr Bett herum; zu dritt. Die Einrichtung ihres Zimmers war karg, die Wände in sterilen Farbtönen gehalten. Stumm und mit geschlossenen Augen lag sie da. Ihr Mund ließ ein Lächeln erahnen und gab dem Gesicht einen seligen Ausdruck. Sie wirkte erlöst, irgendwie zufrieden. Jeden Moment rechnete ich damit, dass sie die Augen wieder öffnen würde. Doch sie tat es nicht. Sie würde ihre Augen niemals mehr öffnen. Ich hatte oft davon gelesen, dass Menschen im Augenblick ihres Todes ihren Körper verlassen und von oben auf sich herabblicken, bevor sie für immer aus dieser Welt gehen. Unwillkürlich schaute ich zur Zimmerdecke auf. Wieder und wieder. Doch ich erblickte nichts, was darauf hinwies, dass sie noch da war. Als ich etwas näher an ihr Bett herantrat, nahm ich ihn wahr, wenn auch nur zart: Den Geruch von Kot, Urin und der einsetzenden Verwesung.

Ich blickte mich in ihrem Zimmer um. In dem Regal und auf der Vitrine standen neben ein paar letzten Habseligkeiten Fotos von ihr mit ihren vier Urenkeln. Diese Fotos schienen einer anderen Zeit, einem anderen Leben zu entstammen. Auf ihnen war eine wohlgenährte und lebensfrohe, wenn auch alte und vom Leben gezeichnete Frau zu sehen. Die abgemagerte, in sich zusammengefallene Gestalt dort im Bett hatte nur noch wenig mit ihr gemein. Ist es das, was am Ende von einem Leben übrigbleibt? Tränen rannen über meine Wangen. Bilder der Vergangenheit stiegen in mir auf.

Ich erinnere mich noch genau daran, als ich ihr vor fast zwanzig Jahren das erste Mal begegnet war. Wie sie plötzlich zur Terrassentür hereingekommen war. Die Oma. Eine Frau mit strahlenden Augen, langen, offenen Haaren und einer sehr weiblichen Figur. Als Geschenk hatte sie einen Blumenstrauß mitgebracht, den sie unterwegs in ihrem Garten und am Wegesrand gepflückt hatte. Um sie herum waren ihre beiden Hunde gewuselt, die ihr stets auf Schritt und Tritt gefolgt waren und um die sie sich hingebungsvoll gekümmert hatte.

Der Strauß selbstgepflückter Blumen hatte von ihrer großen Leidenschaft erzählt: Den Blumen. Folglich war es auch sie gewesen, die den Garten, der zu dem Mehrfamilienhaus, in dem sich ihre Mietwohnung befunden hatte, gehegt und gepflegt hatte. Dort hatte sie gezüchtet, gebuddelt, gepflanzt, gegossen, gejätet und gehakt. Und das bei Wind und Wetter. Jedes Mal, wenn meine Frau und ich unser Zuhause begrünen wollten, hatte sie uns beim Kauf der Blumen beraten und selbst mit Hand angelegt, wenn es darum ging, diese richtig einzupflanzen und anwachsen zu lassen.

Die Beziehung zur Oma war stets auch durch den Magen gegangen. Noch heute läuft mir das Wasser im Munde zusammen, wenn ich an ihre Braten denke. Saftiges Fleisch, krosse Kruste, nach guter Deutscher Hausmannsart. Welch eine Vorfreude, wenn uns der Geruch dieses Essens schon bei Betreten ihrer Wohnung entgegengeweht war. Gleiches gilt für ihre Buletten, die sie in rauen Mengen zu ganz gleich welchem Anlass nur zu gerne zubereitet hatte. Diese waren auch in unserem Freundeskreis der Hit gewesen. Unübertroffen sind auch ihre Torten, die sie mit viel Herzblut und Akribie nach guter, alter Schule zu zaubern verstanden hatte.

Eine weitere Leidenschaft von ihr waren ihre Bücher gewesen. In jeder freien Minute hatte die Oma ein Buch nach dem anderen verschlungen. Wie kindlich ihre Augen immer geglänzt hatten, wenn sie zum Geburtstag oder zu Weihnachten mal wieder ein Buch auspacken durfte. Sie hatte dann immer einen Moment innegehalten, das Buchcover gelesen und das Buch fest an ihr Herz gedrückt. Deckenhohe Regale, vollgepfropft mit Büchern hatten ihre Wohnung geschmückt.

Vor fünf Jahren dann war unsere erste Tochter zur Welt gekommen. Von nun an war sie nicht mehr nur Oma gewesen, sondern auch Uroma. In den folgenden Jahren sollte ihre Familie sie mit insgesamt vier Urenkeln beschenken. Doch je mehr ihre Urenkel ins Leben traten, desto mehr trat die Uroma aus dem Leben. Je mehr ihre Urenkel anfingen zu leben, desto mehr starb die Uroma.

Nach und nach hatte ihr der Tod all das genommen, was ihr das Leben einmal geschenkt hatte. Zuerst war einer ihrer beiden Hunde verstorben. Als ein paar Jahre später auch der zweite Hund verstorben war, erlosch schleichend auch der Lebenswille der Uroma. Bald schon war sie zu schwach gewesen, weiter den Garten zu bewirtschaften, so dass sie diesen irgendwann hatte abgeben müssen.

Unaufhaltsam war ihr Verfall weiter vorangeschritten. Bis schließlich die notwendige wie grausame Entscheidung zu treffen gewesen war, sie ins Pflegeheim einzuweisen. Nicht wissend, dass wir damit auch ihr Todesurteil unterschrieben hatten. Ins Pflegeheim hatte ihr nur ein kleiner Teil ihres Hab und Guts folgen dürfen. Und so hatten wir uns mehrere Wochen durch ihr Leben gewühlt. Durch ihre Erinnerungen und ihren Dreck, durch ihre Geheimnisse, ihre Schätze und ihren Ballast. Und schließlich hatten wir für sie entschieden, was sie loszulassen hatte und was nicht. Wir hatten für sie entschieden, was aus ihrer Vergangenheit noch Wert für die Zukunft haben durfte und was nicht.

Einen Teil ihrer Bücher hatten wir in ihr neues Zuhause gerettet. Gegenüber von ihrem Bett hatten wir ein Regal aufgebaut, von wo aus die verbliebenen Buchrücken sie stets anlächelten. Doch die Uroma sollte nie wieder auch nur eins dieser Bücher zu Hand nehmen.

Als wir sie in ihrem Bett zurückgelassen hatten und die Zimmertür ins Schloss geknallt war, nahm das Corona-Virus dieses Land in seinen festen Griff. Und damit auch ihr Pflegeheim. Lockdown, Social Distancing, Kontaktbeschränkungen. Als wir sie nach dem ersten Lockdown wiedergesehen hatten, hatte uns eine fremde Person gegenübergesessen. Eine Person, die der Tod bereits fest in seinen Arm geschlossen hatte. Eine Person, die zunehmend weniger hatte unterscheiden können zwischen gegenwärtiger Realität, der Vergangenheit und ihrer Einbildung. Von angstmachenden Hirngespinsten war sie zunehmend heimgesucht worden. Gleichzeitig hatte sich wohliges Vergessen sich auf sie gelegt.

Als ich sie das letzte Mal besucht hatte, hatte ich mir vorgenommen, ihr einfach nur zuhören zu wollen. Ich hatte erfahren wollen, welche Geschichten sie am Ende ihres Weges zu erzählen hatte. Ein freudiges Lächeln hatte sich über ihrem Gesicht ausgebreitet, als ich ihr Zimmer betrat. Sie hatte mich beim Namen genannt. Sie hatte mich erkannt. Ich weiß nicht, wie lange ich neben ihr gesessen und ihr gelauscht hatte. Sie hatte mir davon erzählt, dass sie sich unter ihrem Bett habe verstecken müssen, weil man nach ihr gesucht habe. Hierbei sei ihr ein Gewehrkolben in den Rücken gestoßen worden. Ein anderes Mal sei sie auf einer Liege festgeschnallt gewesen. Männer in Uniformen hätten um sie herumgestanden und sie als „Jüdin“ bezeichnet. „Hagen, das kann doch alles nicht wahr sein!“, hatte sie mit Tränen in den Augen beklagt. Der Nationalsozialismus schien tiefe Narben in ihr hinterlassen zu haben. Und jetzt im Angesicht des Todes waren diese Narben wieder aufgebrochen. Ich hatte ihr ein letztes Mal über ihre Wange gestreichelt. Sie schien diese Berührung förmlich in sich aufgesaugt zu haben. Wann war sie das letzte Mal zärtlich berührt worden? „Du bist so gut zu mir.“, hatte sie noch geschluchzt.

Die Bilder der Vergangenheit verblassten wieder. Ich warf einen letzten Blick auf den Leichnam, der vor mir im Bett lag. Plötzlich war da diese Schuld. Ich fühlte mich schuldig, weil ich nicht mehr Zeit mit der Uroma verbracht hatte. Weil ich mich den Gerüchen, dem Schmutz und dem Anblick ihres Alters oftmals nicht hatte aussetzen wollen. Weil ich manches Mal einfach nur zu bequem war, sie zu besuchen oder sie auch nur anzurufen. An ihrem Totenbett erst realisierte ich, wie wichtig sie mir war und wie wenig ich sie das habe auch spüren lassen. Doch da war mit einem Mal auch diese Dankbarkeit. Ich war dankbar für die schönen Erinnerungen an diese Frau, die unauslöschbar in meinem Herzen abgelegt sind. Und ich war dankbar, dass ihr Gesichtsausdruck davon erzählte, dass es eine Erlösung für sie gewesen ist, als der Tod sie an die Hand nahm und sie mit ihm ging.

Mein Blick schweifte über ihr Bücherregal. Unwillkürlich blieb ich an einem Roman hängen. Seine Handlung rankte sich um das weltweite Bienensterben. Solch interessante Bücher hatte die Uroma gelesen? Ich nahm das Buch an mich, mit dem festen Vorsatz, es auch zu lesen. Vielleicht war dies mein letzter verzweifelter Versuch, sie festzuhalten. Vielleicht mein letzter verzweifelter Versuch, noch einmal in ihre Welt einzutauchen und ihr noch einmal nah zu sein…

#Gedanke: Leben ohne…

„Leben ohne Schatten
ist Leben ohne Sonne.
Wer nie im Dunkeln saß,
beachtet kaum das Licht.
Leben ohne Tränen
ist Leben ohne Lachen.
Wer nie verzweifelt war,
bemerkt das Glück oft nicht.

Leben ohne Täler
ist Leben ohne Berge.
Wer nie ganz unten war,
schaut gleichgültig ins Tal.
Leben ohne Zweifel
ist Leben ohne Glauben.
Wer niemals sucht und fragt,
dessen Antworten sind schal.

Leben ohne Mangel
ist Leben ohne Fülle.
Wer immer alles hat,
für den hat nichts mehr Wert.
Leben ohne Bangen
ist Leben ohne Feiern.
Wer nicht mehr warten kann,
hat nichts mehr, was er ehrt.

Leben ohne Kälte
ist Leben ohne Wärme,
wer nie gezittert hat,
schätzt keinen Unterstand.
Leben ohne Alleinsein
ist Leben ohne Liebe,
wer keine Leere kennt,
greift kalt nach jeder Hand.

Leben ohne Kämpfe
ist Leben ohne Frieden,
wer nie im Sturm war,
freut sich nicht an glatter See.
Leben ohne Trauer
ist Leben ohne Hoffnung,
wer keinen Abschied kennt,
kennt auch kein Wiedersehn.“

(Jürgen Werth,
aus: Leben ohne Schatten)

Was macht das Freimaurer-Sein aus?

1. TEIL DER SERIE: „FREIMAUREREI ALS LEBENSEINSTELLUNG“ (GASTBEITRAG)

Was bleibt vom Freimaurertum? Wenn man diese ganzen freimaurerischen Äußerlichkeiten, die Ämter und Grade, die Hierarchien und Institutionen, die Etikette und das Elitäre und den ganzen Habitus, der daraus erwächst, wegnimmt, was bleibt dann noch vom Freimaurertum übrig? Was ist die freimaurerische Lebenseinstellung, der freimaurerische Lebensweg hinter alledem? Was am Freimaurertum hat Bestand, wenn man hinter dessen äußere Fassaden blickt? Seit einigen Monaten begleiten mich ebendiese Fragen. Und ich habe keine abschließende Antwort darauf.

Daher wuchs die Idee in mir, ganz unterschiedliche Feimaurerinnen und Freimaurer zu bitten, ihre Antworten zu diesen Fragen aufzuschreiben und auf meinem Blog zu veröffentlichen. Sie alle eint, dass ich sie als tiefgründig und inspirierend erlebe. Einige von ihnen kenne ich aus meinem tagtäglichen Leben, mit anderen wiederum habe ich mich bislang nur virtuell ausgetauscht. Zu einigen verbinden mich tiefe geschwisterlich freundschaftliche Beziehungen, andere erlebe ich aus der Ferne. Doch ich bin sehr gespannt, was sie dazu zu sagen haben. Über das Jahr verteilt will ich ihre Antworten auf diese Fragen nach und nach auf meinem Blog einstreuen.

Den Anfang dieser Serie macht ein Freund und Freimaurer-Bruder aus meinem persönlichen Umfeld, dem ich mich spirituell auf tiefe Weise verbunden weiß. Im April 2000 war er in die erste Erkenntnisstufe des christlichen Freimaurerordens aufgenommen worden und befindet sich mittlerweile seit einigen Jahren in der zehnten Erkenntnisstufe. Darüber hinaus möchte er keine weiteren Informationen über sich preisgeben. Ein Wunsch, den ich respektiere und dem gerne nachkomme.

WAS MACHT DAS FREIMAURER-SEIN AUS?

Die kleine Geschichte soll ein Einstieg sein:
Ein Mann blieb bei regnerischer Nacht mit seinem Auto liegen. Ein anderer hielt und nahm ihn mit zu sich nach Hause, organisierte den Transport des Autos in eine Werkstatt und gewährte dem Liegenbleiber kostenlos Logis bis zur Reparatur des Autos. Sie hatten viele und gute Gespräche. Dabei stellten sie fest, dass sie beide Freimaurer waren. Zum Abschied fragte der unfreiwillige Gast seinen Gastgeber: „Hast du das alles für mich getan, weil ich Freimaurer bin?“ Die Antwort: „Nein, ich habe das getan, weil ich Freimaurer bin.“

Der Weg des Freimaurers leistet im wesentlichen dreierlei:
1. unterstützt er die persönliche Entwicklung jedes einzelnen
2. bietet er im Leben Orientierung, einen Kompass für das eigene Verhalten
3. ist er darauf angelegt, dass man diesen Weg in Gemeinschaft geht.
Die beiden ersten Aspekte werden aus drei Wurzeln gespeist:
– eine historische
– eine ethische
– eine spirituelle Komponente
Nicht nur bei den einzelnen Lehrarten sind diese Aspekte unterschiedlich gewichtet, sondern auch jeder einzelne Bruder wird aus diesen Quellen in unterschiedlichen Anteilen schöpfen.

Was ist damit gemeint? Lessing hat geschrieben: „Freimaurerei war immer“. Ähnliche Rituale wie bei uns finden sich in vielen zum Teil uralten Einweihungszeremonien. Unsere Gebräuche speisen sich aus Quellen, die schon im alten Ägypten und noch früher praktiziert wurden. Freimaurer, die sich gerne in der Linie unserer Vorfahren verorten, betonen, dass die Tempelritter und auch der Benedektinerorden über das gleiche Wissen verfügten, wie die moderne Freimaurerei. Es gibt eine Linie von den Tempelrittern über die Bauhütten der Gotik bis hin zu unseren Ritualen. Allerdings ist diese Linie meines Erachtens wissenschaftlich noch nicht abschliessend belegt.

In jedem Fall spürt der sich an der Historie orientierende Bruder sich einer größeren Kraft verbunden. Aus der Gewissheit, in einer guten Tradition zu stehen, bekommt er Vorbilder. Seien es die Gebräuche der Tempelritter oder die großen Geister, die auch Freimaurer waren: zum Beispiel Goethe, Mozart oder auch preußische und österreichische Kaiser.

Zum zweiten erhält der Bruder ethische Leitlinien für sein Leben und hat damit Entscheidungshilfen und Verhaltensklarheit. Zum Beispiel durch die Tugenden, die im Lehrgebäude der Freimaurerei thematisiert werden und auch durch brüderliche Gespräche. (An dieser Stelle sei betont, dass die Freimaurerei keinerlei Dogmen beinhaltet. Jeder ist frei, aus dem Schatz der Lehre oder dem Kontakt mit anderen Brüdern das Seine zu nehmen). Die Tugenden, die in unserer Lehre angesprochen werden, sind ein Angebot. Der Bruder ist aufgefordert sich damit auseinander zu setzen.

Was heißt es zum Beispiel in seinem Leben das richtige Maß zu finden? Ich orientiere mich sehr gerne an dem Entwicklungsquadrat nach Schulz v.Thun. Es basiert auf der Annahme, dass jede Tugend eine ausgleichende Schwestertugend braucht, damit sie nicht in eine negative Übertreibung kippt. Z.B. braucht die Sparsamkeit die Schwestertugend Großzügigkeit, weil sie sonst Gefahr läuft zum Geiz zu werden. Die Großzügigkeit alleine könnte zur Verschwendung werden. Unsere Zusammenkünfte erinnern mich auch immer wieder daran in allen Dingen Einseitigkeiten, Extreme zu vermeiden.

Drittens erwächst ihm große Kraft daraus, dass er eine Idee entwickeln wird,
– woher er kommt und in dieses Leben gestellt ist.
– wer er ist und wie er von der Schöpfung gedacht ist.
– wohin er nach diesem Leben geht.
Daraus erwächst ein großes Vertrauen in das Leben und darin, in diesem Leben gut aufgehoben zu sein. In der Freimaurerei wird man sich nur wohl fühlen, wenn man daran glauben kann, dass es eine schöpferische, gestaltende Kraft im Universum gibt. Dem einzelnen wird die Freiheit gelassen, selbst zu entscheiden, wie er sich das vorstellt und wie er es nennt (Gott, Evolution, etc.).

Bei uns, in der christlichen Freimaurerei, halten wir darüber hinaus die Lehre Jesu Christi für richtig. Auf den Kern gebracht heißt es für mich: Das dreifache Liebesgebot (liebe Gott, liebe deinen Nächsten, liebe dich selbst) zu befolgen (jedenfalls mich darum zu bemühen).

Bei entsprechendem Glück wird ein Freimaurer das Geheimnis des Lebens erkennen, nicht mit deinem Verstand, sondern durch Erleben im Ritual. So ausgerüstet wird er dem Leben und seinen Mitmenschen anders begegnen. Unser Ritual bildet einen festen Rahmen. Gefüllt wird er durch das Gemeinschaftsleben. Erst in der Begegnung mit den Brüdern, im Austausch über das Erlebte kommt unsere Lehre zur vollen Anwendung. Niemand ist alleine unterwegs. Ich mag besonders gerne das Bild: „Leben einzeln und frei, wie ein Baum und dabei, brüderlich wie ein Wald.“ (H. Wader)

Licht

Ein Gastbeitrag von Werner J. Kraftsik

Es gibt Freimaurer, mit denen ich wiederholt inspirierenden Austausch hatte, obwohl ich sie noch nie in meinem Leben gesehen habe oder auch nur ihre Stimme kennen würde. Einer dieser Freimaurer ist Werner J. Kraftsik. Über die Kommentarfunktion meines Blogs kamen wir wiederholt ins Gespräch. Wahrscheinlich wegen seiner tiefgründigen und konstruktiven Art kam mir der Impuls, ihn zu fragen, ob er nicht einen Gastbeitrag auf meinem Blog veröffentlichen möchte. Nur zu gerne willigte er ein.

Bruder Werner J. Kraftsik ist 1946er Jahrgang, verheiratet und dreifacher Vater. Im April 1980 wurde er in die zur Großen National-Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“ (3WK) gehörende Johannisloge „Galilei810“ in Kaiserslautern aufgenommen. In den folgenden Jahrzehnten lernte er im deutschsprachigen Raum sowie in den USA diverse unterschiedliche Lehrarten des Freimaurertums von innen kennen und übte auch verschiedene Logenämter aus. Mittlerweile hat es ihn in die gemischte Freimaurerei verschlagen, wo er aktiver Teil der Loge „Sabina von Steinbach“ des Hochgradsystems des „Alten und Angenommenen Schottischen Ritus von Deutschland“ ist.

Im Laufe der letzten 5 Jahre hat Bruder Werner J. Kraftsik mehrere Bücher zum Freimaurertum veröffentlicht. Näheres hierzu findet Ihr auf seiner Homepage. Ich möchte hier aber nicht unterschlagen, dass seine Veröffentlichungen unter Freimaurern bisweilen auch polarisierten und es durchaus auch Freimaurer gibt, die diese kritisch sehen.

Das ändert nichts daran, dass ich viele der Impulse und Perspektiven des Bruders Werner J. Kraftsik als derart bereichernd empfinde, dass es mir eine Ehre ist, einen Teil davon auf meinem Blog veröffentlichen zu dürfen. Die folgenden Gedanken entstammen seinem aktuellsten Buch mit dem Titel „Licht – Ursprung und Ziel der Freimaurerei!“. Ganz bewusst lässt er diesen Blogartikel mit offenen Fragestellungen enden, um – so die Hoffnung – beim Leser eine Initialzündung für weitere eigene innere Reflektionsprozesse zu setzen.

Doch genug der Vorrede, lest einfach selbst…

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LICHT

Wer sich als Suchender, oder als Freimaurer, mit den in der Freimaurerei verwendeten Symbolen beschäftigt, stößt von Anfang an auf ein immer wiederkehrendes Symbol: LICHT! Eine neugegründete Loge wird mit einer „Lichteinbringung“ eröffnet. Jemand, der sich für die Freimaurerei interessiert, wird häufig als ein „Suchender nach dem „Licht“ bezeichnet. Die freimaurerische Initiation wird mit der „Lichterteilung“ vollendet. Eine ordnungsgemäß arbeitende Loge wird durch das Entzünden verschiedener Lichter „erleuchtet“ und das Ende der Arbeit einer Loge wird durch das Löschen der Lichter vollzogen. Welche Bedeutung Licht für Freimaurer hat, zeigt sich auch darin, mit welchen begleitenden Worten das Licht gelöscht wird:
„Lösch aus du Licht, die Arbeit ist vollbracht,
wer weisen Sinnes – fürchtet nicht die Nacht!
Und ist ihr Dunkel noch so schwarz, so dicht,
des Starken Wahlspruch ist: Durch Nacht zum Licht!
Wer Schönheit hat ist seither selbst gewiss,
ihm leuchtet selbst die Finsternis!“

Fragt man „Initiierte“ konkret danach, was das Licht für sie bedeutet, sind die Antworten oft eher wenig konkret und lauten z.B.: „Mir wurde es seinerzeit als Metapher für Erkenntnis beschrieben.“ Um welche Art Erkenntnis es sich handelt konnte nicht angegeben werden, weil das nie thematisiert worden sei, eine >Eigeninterpretation< lautete: „Aus dem Bauch heraus würde ich auf Selbsterkenntnis oder Bewusstsein (wie bei Prometheus) tippen, was automatisch zu der Frage führt, was man in sich erkennen soll?“ Auch eine Antwort: Es geht um das Streben nach Erkenntnis, sein Wissen erweitern, Ideen entwickeln, sich selbst und seine Fähigkeiten entdecken und ausbauen… Manche antworteten, sehr kryptisch: „Wer suchet, der findet“ und dokumentierten damit, dass neu eingeweihte Freimaurer mit solchen Antworten sich alleine gelassen fühlen müssen, und damit die eigene Ahnungslosigkeit bestätigt scheint und man diese Frage (Suche) als unangemessen empfindet. Manche Antworten weisen darauf hin, sich selbst in seiner geringen oder höheren Bedeutung zu erkennen und entpuppen sich als sehr allgemeine und im Grunde nichtssagende Erklärungen.

Was also ist Licht? Das für Menschen wahrnehmbare Licht ist ein relativ schmaler Teil der insgesamt sehr umfangreichen Elektromagnetischen Strahlung, die von Ultraviolett (Höhen- und Gammastrahlung) bis zu Infrarotstrahlung in den vielfältigsten Erscheinungsformen reicht. Die Ursache des Lichtes ist, wie die gesamte Existenz des uns bekannten Universums, im sogenannten „Urknall“ zu finden. Aus dieser Singularität dehnte sich die konzentrierte Energie aus, ließ Licht und Materie entstehen, legte sämtliche Naturgesetze fest und sorgte damit für das Entstehen von Allem.

Wenn Freimaurer heute das Licht als wesentliches Symbol ihrer Arbeit nutzen, dann ist dies nichts anderes als der Respekt vor der dahinter steckenden Schöpferkraft oder dem Prinzip als der Ursache allen Seins. Aus diesem Grund verehren Menschen das Licht als Symbol für diese Kraft in der Manifestation ihrer unterschiedlichen Gott-Vorstellungen. Freimaurer halten daher zu Recht das Licht für eine essentielle Voraussetzung ihrer Arbeiten, weil ohne Licht nichts existieren würde. Wenn Licht als die Ursache allen Seins erkannt wird, dann auch als die Ursache menschlichen Lebens, das folgerichtig sowohl als Materie, als auch aus Energie, als Teil des Gesamtspektrums, bestehen muss.

Damit werden, für mich, die Hinweise auf „den ewigen Osten“ sinnvoll, weil nach den bekannten Energieerhaltungssätzen Energie (unsere Körper sind materialisierte Energie) allenfalls umgewandelt, nicht aber zerstört wird. Wohin geht „unser Licht“ nach dem Ende unserer Materie? Kehren wir zurück zum Ursprung? Wie geschieht das und was geschieht dann? Gibt es so etwas wie eine Aufgabe, vielleicht sogar eine Art Kreislauf?

Welche Kraft steckt dahinter und können wir diese Kraft erkennen? Könnte es unsere Aufgabe sein, diese Kraft zu erkennen, sie zu nutzen um unser Hier und Jetzt im Sinn dieser Kraft zu verändern? Diese Kraft hat, für mich, einen Namen. Es scheint sinnvoll und zugleich „lohnend“ zu sein, danach zu suchen um damit zu arbeiten. Ich denke, wir könnten damit Antworten auf die Fragen dieser Welt finden.

(Werner J. Kraftsik,
12. März 2020)