Achtsam durch das Maurerjahr

Vor einigen Monaten schrieb ich einen Blogartikel darüber, was meine Motivation war, Freimaurer zu werden: Ich hatte mich nach einem Ort gesehnt, in dem sich auf rituelle Weise den Themen genähert wird, die meinen spirituellen Weg ausmachen: Innere Stille, Männerinitiation, Archetypen, christliche Mystik, schöpfungsspirituelle Kreisläufe. Diesen Ort habe ich im christlichen Freimaurerorden gefunden. Seine Tempelarbeiten sind mir rituelle Heimat geworden.

Darüber hinaus entfaltete sich im Laufe der Jahre eine weitere Tiefendimension des Rituals des Freimaurerordens in mir: Achtsamkeit für den Jahreszeitenkreislauf. Seitdem ich Freimaurer bin, nehme ich den Weg durch die wiederkehrenden Jahreszeiten und das, was sie in ihrem Wesen ausmacht, bewusster wahr. Ich denke mal, das rührt daher, dass über das Jahr verteilt immer wieder Tempelarbeiten stattfinden, die den Inhalt der jeweiligen Jahreszeit rituell aufnehmen und vertiefen. Dadurch geschieht ein Rückverbinden in die jeweilige Jahreszeit und schließlich in den Jahreszeitenkreislauf.

Dies beginnt mit dem Stiftungsfest meiner Johannisloge Anfang März. Hierbei wird auf rituelle Weise das alte Logenjahr beendet und das neue Logenjahr begonnen. Zufällig fällt das Stiftungsfest meiner Johannisloge mit dem Frühling in eine sehr passende Jahreszeit. Denn so wie beim Stiftungsfest die Loge quasi abermals neu geboren wird, geschieht dasselbe auch im Frühling mit der Natur um uns herum. Der Frühling ist die Zeit, in der die Natur aus ihrem Winterschlaf erwacht und das neue Leben allerorten zu sprießen beginnt.

Im Sommer dann zur Sommersonnenwende wird das Johannisfest rituell begangen. Es findet genau an dem Zeitpunkt statt, an dem der Tag am längsten und die Nacht am kürzesten ist. Genau dann also, wenn die Sonne dermaßen kraftvoll ist, wie sonst das ganze Jahr über nicht. Das Ritual des Johannisfestes hat das Vergehen und Werden des Lichtes zum Inhalt und ist von seiner grundlegenden Aussagekraft her sehr anrührend.

Als nächstes dann, nachdem die dunkle Jahreszeit angebrochen ist, feiert meine Andreasloge ihr Stiftungsfest. Inhalt und Zielrichtung dieses Rituals decken sich weitestgehend mit dem Stiftungsfest der Johannisloge. Der Zeitpunkt für dieses Stiftungsfest liegt mit dem hereinbrechenden Dunkel des Winters dennoch sehr stimmig. Ist die Andreasloge doch der Teil des Weges des Ordensfreimaurers, in dem er tief in seine eigene Finsternis hinabzusteigen und sich seinen eigenen Schatten zu stellen hat.

Nur wenig später findet alljährlich in der Zeit um Totensonntag und Volkstrauertag herum die Trauerloge statt. Vor einigen Jahren widmete ich der Trauerloge einen eigenen Blogartikel. In diesem Ritual ist die Symbolik des Todes omnipräsent. Hierbei wird auf rituelle Weise all den Freimaurer-Brüdern gedacht, die im zurückliegenden Jahr von uns gegangen – in den ewigen Osten eingegangen – sind. Und auch der Zeitpunkt dieser Tempelarbeit ist mit der angebrochenen dunklen Jahreszeit nur zu folgerichtig gewählt.

In der Adventszeit dann, wenn die Finsternis und die Kälte des Winters am stärksten sind, findet die Adventsloge statt. Inhalt dieser vergleichsweise schmucklosen Tempelarbeit ist derselbe wie der der gesamten Weihnachtszeit: Ausharren. Hoffen. Auf die Geburt des Heilands. Auf die Neugeburt des Lichtes. Und irgendwann, wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten…

#Gedanke: Religiöse Erfahrung

„Religiöse Erfahrung ist absolut.
Man kann darüber nicht diskutieren.
Man kann nur sagen,
dass man niemals
eine solche Erfahrung gehabt habe.

Wer sie hatte, wird sagen:
‚Ich bedauere, aber ich hatte sie.‘
Und damit wird die Diskussion zu Ende sein.

Es ist gleichgültig,
was die Welt über die religiöse Erfahrung denkt;
derjenige, der sie hat,
besitzt den großen Schatz einer Sache,
die ihm zu einer Quelle
von Leben, Sinn und Schönheit wurde,
und die der Welt und der Menschheit
einen neuen Glanz gegeben hat.“

(C. G. Jung)

#Gedanke: In den tiefen Schacht

„Ich grabe im Geröll
mit beiden Händen,
meine Finger taub,
die Augen brennen.
Baue mir Berge
aus Schmerz und Fragen,
sollen sie mich unter sich begraben.

Ich gehe mit dem Hammer
in zerfurchte Felsen,
mache keine Pause,
muss Jahre wälzen.
Haue Löcher
in die Angst,
in mein Gewissen.
Erste Brocken
sind aus Kindheit und Vermissen.

Dann hinab
in die Tiefe,
in den dunklen Schacht,
wo die Kerze erstickt
und ich doch weiter mach‘.
Auch wenn hier unten
der Vogel kein Lied mehr singt,
werde ich tonnenweise Schutt
nach oben bringen.

Und irgendwann
unter den letzten Steinen
ein erster Glanz,
ein erstes Scheinen…“

(Bosse,
aus: Steine)

Ein dunkler Gang

Knarrend und mit einem lauten Knall fiel die schwere, hölzerne Tür hinter mir ins Schloss. Da stand ich nun. Eine Dunkelheit um mich herum, die alles förmlich in sich aufsog. Die Flamme der Kerze, die ich in der Hand hielt, tänzelte aufgeregt vor sich hin. Doch vermochte sie meine Umgebung kaum zu erhellen. Ein Schweigen legte sich auf mich. Und breitete sich aus. Es drang durch jede meiner Poren in mich ein.

Je mehr sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnten, desto mehr nahm ich sie wahr: Massive, in Stein gehauene Wände zu beiden Seiten. Und eine ebenso massive Steindecke über mir. Ein Geheimgang? Mein inneres Kind meldete sich zu Wort. Stehe ich hier etwa inmitten eines richtigen Geheimganges? Wie zahllose Helden meiner Kindheit vor mir? So ein unterirdischer Gang, wie ihn die „Fünf Freunde“ in beinahe jedem ihrer Abenteuer durchquerten? So eine verborgene Höhle mit ungeahnten Gefahren, wie die „Masters of the Universe“ sie oft entdeckten? Mein inneres Kind machte Freudensprünge.

Langsam begann ich einen Fuß vor den anderen zu setzen. Meine zaghaften Schritte hallten vom kalten und mächtigen Stein wider. Der Schall verlor sich irgendwo weiter hinten. Der Gang führte mich abwärts. Schritt für Schritt folgte ich ihm in die Tiefe. Und ins Dunkel. „Bedenke, Mensch, dass Du sterben wirst.“ Diese Mahnung brüllte mir das altehrwürdige Gestein entgegen. Aus jedem Winkel. „Gedenke, Mensch, dass Du sterben wirst.“

Nach einiger Zeit bemerkte ich ein schwaches Licht vor mir in der Ferne. Mit jedem Schritt kam es mir näher. Irgendwann begriff ich, dass es die Kerze in meiner Hand war, deren Schein sich in einem Spiegel wiederfand, auf den ich mich zubewegte.

Als ich den Spiegel erreicht hatte, blieb ich stehen. Und verweilte. Ich betrachtete mein Spiegelbild. Eine halbe Ewigkeit lang. „Erkenne Dich selbst!“, schleuderte es mir entgegen. „Müde siehst Du aus. Älter bist Du geworden. Und etwas zugenommen hast Du auch.“, ging es mir durch den Kopf. Ich wusste nicht, wann ich mir das letzte Mal die Zeit genommen hatte, mich bewusst im Spiegel zu betrachten. Mochte ich, was ich dort sah? Ich fand keine Antwort auf diese Frage.

Ich weiß nicht, wie lange ich vor diesem Spiegel gestanden hatte, als meine Füße mich weitertrugen. Immer weiter. Hinab in die Tiefe. Tiefer hinein ins Dunkel. Umgeben von der Realität des Todes. Mit jedem Schritt wandelte sich dieses allgegenwärtige und durchdringende Schweigen. Aus dem äußeren Schweigen wurde ein inneres Schweigen. Aus dem inneren Schweigen wurde Stille.

Am tiefsten und dunkelsten Punkt dieses Weges fand ich sie ganz unverhofft: Hoffnung. Hoffnung, dass aus jedem Tod Leben entsteht. „Kein Leben ohne Tod. Kein Tod ohne Leben.“ Diese Hoffnung sollte mich fortan begleiten. Und nicht wieder von meiner Seite weichen.

Am Ende des Ganges gelangte ich wieder an eine schwere, hölzerne Tür. Mein Gewissen prüfte mich, ob ich bereit war, durch diese Tür hindurch zu treten. Hinein in einen unbekannten, ungewissen Raum. Was würde mich hinter dieser Tür erwarten?

Weihnachtsbaum – Ein archetypisches Symbol?

WUNDERVOLLE KLEINE MOMENTE

Unbeholfen rückte sie ihren kleinen Kinderstuhl durch das Wohnzimmer. Bis er schließlich direkt vor dem Weihnachtsbaum stehen blieb. Und dann setzte sie sich auf den Stuhl und blickte ihn überwältigt an. Diesen Baum, der so prachtvoll geschmückt war. In dem so viele Lichter funkelten. Ehrfurchtsvoll berührte sie einzelne seiner Zweige. Ganz vorsichtig und ganz verstohlen. Auf ihrem Gesicht hatte sich ein Strahlen ausgebreitet, wie ich es bei ihr noch nie zuvor gesehen hatte. Der ganzen Situation wohnte eine tiefe Ruhe und Ergriffenheit inne.

Zwischen den Tagen besuchten wir Freunde. Natürlich stand auch bei denen ein Weihnachtsbaum im Wohnzimmer. Irgendwann bemerkten wir, dass unsere Tochter sich auf ein Kissen vor den Weihnachtsbaum gesetzt hatte. Wieder blickte sie ihn überwältigt an. Wieder dieses Strahlen in ihrem Gesicht. Als sie merkte, dass wir sie beobachten, guckte sie uns an, zeigte auf den Baum und rief freudestrahlend: „Weiha, Weiha!“ Ihr Wort für „Weihnachtsbaum“.

In beiden Situationen war er plötzlich wieder da: Dieser Kloß in meinem Hals. Für einen kurzen Moment traten mir die Tränen in die Augen. Es waren wieder welche von diesen unzähligen, kleinen, wundervollen Momenten, wie ich sie so oft erlebe, seitdem unsere Tochter auf der Welt ist.

Diese Weihnachtszeit war die erste Weihnachtszeit, die unsere Tochter bewusst erlebt hat. Und sie war es, die ein wenig des Weihnachtszaubers zurückholte, den ich seit meiner Kindheit nicht mehr gekannt hatte. Auch wenn mir bewusst ist, dass sie das alles in ein paar Wochen oder Monaten wieder vergessen haben wird. Es wird eine dieser Erinnerungen sein, die ich für sie bewahren werde. Und wenn sie möchte, werde ich diese Erinnerung einmal mit ihr teilen.

ARCHETYPISCHE BILDER UND SYMBOLE

Die beschriebenen Situationen warfen in mir die Frage auf, warum Weihnachtsbäume solch eine Faszination auf unsere kleine Tochter ausüben. Und das, obwohl sie noch gar nicht in der Lage ist, vom Verstand her zu begreifen, was es mit diesen Bäumen auf sich hat. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr reifte der Verdacht, dass es sich bei dem Weihnachtsbaum um ein archetypisches Symbol handeln könnte.

Archetypen sind Urbilder menschlicher Vorstellungs- und Handlungsmuster. Diese haben sich im Laufe der Menschheitsgeschichte tief im kollektiven Unterbewusstsein der Menschheit verwurzelt. Sie manifestieren sich in kraftvollen Bildern und Symbolen. Jeder Mensch verfügt über einen intuitiven Zugang zu diesen Bildern und Symbolen. Archetypen können im Inneren eines Menschen Resonanzen auslösen und Prozesse anstoßen, noch bevor der Verstand sie überhaupt begreift.

Das wohl ultimative archetypische Bild ist das vom Kreislauf des „Werden und Vergehen allen Lebens“. Leben wird einmal geboren; Leben stirbt irgendwann; und aus dem Tod heraus entsteht neues Leben. Ich kenne keinen archaischen Initiationsritus, keinen Mysterienbund, der dieses Bild nicht rituell oder in Symbole gekleidet aufnimmt und ausdrückt.

DUNKELHEIT UND TOD

Irgendwann gelangt dieser Kreislauf des Werdens und Vergehens allen Lebens im Reich des Todes und der Dunkelheit an. Die Zeit, in der die Nächte tief und lang sind. Die Zeit, in der der Winter das ganze Land in seinen frostigen Klauen gefangen hält. Die Zeit, in der die einstige Kraft der Sonne verblasst ist.

Und genau in dieser Zeit stellen wir den Weihnachtsbaum auf. Einen Nadelbaum, der sowohl im Sommer, als auch im Winter sein grünes Kleid trägt. Ein Symbol für das Leben inmitten des Todes. Und diesen Nadelbaum schmücken wir mit Lichtern, die wir entzünden. Ein Symbol für die Hoffnung auf die Wiedergeburt des Lichtes inmitten der tiefsten Dunkelheit. Lässt man diese Bilder in sich nachhallen, merkt man, was für machtvolle Dimensionen ihnen innewohnen.

Während ich diesen Artikel schrieb, wurde mir bewusst, dass das Symbol des Weihnachtsbaums und die freimaurerische Andreasloge ganz ähnliche Resonanzen in mir erzeugen. Die Andreasloge umfasst die Grade vier bis sechs innerhalb des Lehrgebäudes des christlichen Freimaurerordens bzw. des sogenannten „Schwedischen Systems“. Ich selbst habe aktuell den fünften Grad inne. Die dominierenden Themen der Andreasloge sind (die eigene) Dunkelheit und (der eigene) Tod. Und trotzdem sind auch die Hoffnung auf Aufrichtung und Licht in diesem Herrschaftsbereich der Dunkelheit und des Todes präsent. Entsprechend sind das Ritual sowie die Einrichtung des Tempels der Andreasloge gehalten.

EPILOG

Anfang Januar schmückten wir unseren Weihnachtsbaum wieder ab und stellten ihn zur Abholung an die Straße. Als ich mit meiner Tochter das erste Mal an ihm vorbeiging, weinte sie, als sie ihn sah und rannte zu ihm hin. Dann schien es, als versuchte sie ihn zu umarmen oder aber an möglichst vielen Stellen zu berühren. Schließlich wollte sie ihn an der Spitze wieder zurück nach Hause zu schleifen. Als das nicht gelang, wimmerte sie: „Weiha, Weiha?“ Sie trauerte um ihren geliebten Weihnachtsbaum. Doch dessen Zeit war vergangen…

#Gedanke: Das Lebensende

Kann es sein,
dass das Leben in dem Augenblick endet,

wenn keine neuen Momente mehr geboren werden,
in denen man sich wünscht,
die Zeit bliebe stehen;

wenn keine neuen Momente mehr geboren werden,
nach denen man sich auch in vielen Jahren
noch zurücksehnen wird?