Lebensbaum

Im Laufe der Zeit ist der Lebensbaum ein ganz zentrales und fundamentales Symbol meines spirituellen Weges geworden.

BÄUME UND WÄLDER

Ich glaube, seinen Anfang nahm dies auf einem Seminar über initiantische Schwertarbeit. Ein katholischer Geistlicher hatte es vor einigen Jahren in einem Kloster abgehalten und ich hatte es besucht. Eines Morgens vor dem Frühstück schickte er uns raus in die Natur. Sein Auftrag an uns war, dass wir bei einer Pflanze verweilen sollten. Ich suchte mir einem großen Baum aus, der direkt an einem Fluss stand. Etwa eine halbe Stunde stand ich vor diesem Baum. Betrachtete ihn und berührte ihn. Und mit jedem Augenblick, den ich vor diesem Baum verweilte, wurde mir bewusster, wie erhaben er war. Erhaben, in sich ruhend und wunderschön. Irgendwann hatte ich das Bedürfnis, diesen Baum zu umarmen. Ganz fest drückte ich ihn an mich. Als ich diesen Platz wieder verließ, verneigte ich mich vor ihm. Ein tiefes Gefühl von Ehrfurcht hatte dieser Baum in mir zurückgelassen.

Diese Erfahrung brannte sich in mir ein und sollte fortan mein Begleiter sein. Und es sollten weitere Erfahrungen dieser Art folgen. Auf eine intuitive Weise wurden Bäume so etwas wie Bezugspunkte der Achtsamkeit und Kontemplation für mich. Und dort, wo viele Bäume zusammen standen und in einem Wald aufgingen, schufen sie gleichzeitig Orte, die mir spirituelles Erleben ermöglichten. Der Wald wurde zu meinem Tempel. Blicke ich zurück, so waren es die spirituellen Zeiten in den Wäldern, die mich am grundlegendsten und nachhaltigsten verändert haben.

LEBENSBAUM

Als ich anfing, mich oberflächlich mit der Idee des Lebensbaumes zu befassen, stellte ich schnell fest, dass diese Idee in nahezu jeder Kultur Bestandteil der Religionen und Kulte war. Mal als zentrales Symbol, mal lediglich in Randbereichen. Die in unseren Breitengraden wohl bekanntesten Lebensbäume dürften die aus dem germanisch-skandinavischen Kulturkreis stammende Weltenesche Yggdrasil sowie der Sephirothbaum aus der jüdisch-christlichen Kabbala sein.

So unterschiedlich diese Lebensbäume auf dem ersten Blick auch daherkommen, so weisen sie unterhalb dieser Oberfläche doch markante Ähnlichkeiten auf. Das gilt sowohl in Bezug auf ihre Darstellungen, als auch in Bezug auf die kosmischen Ordnungen und den damit verbundenen Gesetzmäßigkeiten, die sie in sich bergen und ausdrücken.

SPIRITUELLE PRINZIPIEN DES BAUMES

Ich habe mich gefragt, ob solche Erfahrungen, wie ich sie mit Bäumen und in Wäldern gemacht habe, der Grund dafür gewesen sein könnten, dass das Symbol des Lebensbaums Einzug in fast alle Religionen und Kulte gefunden hatte. Unabhängig von dieser Fragestellung aber ist der Baum als solcher aufgrund seiner Beschaffenheit geradezu prädestiniert, spirituelle Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten auszudrücken:

1. Licht
Zu allererst ist da sein Streben zum Licht empor. Sämtliche Lebens- und Wachstumsprozesse des Baumes sind auf die Sonne, als Quelle des Lichts, ausgerichtet. Mit seinem gesamten Wesen streckt der Baum sich der Sonne entgegen.

2. Verbindung
Dann verbindet der Baum die Unterwelt und die Oberwelt miteinander, sowie sämtliche Zwischenwelten. Seine Wurzeln reichen bis tief ins Erdreich hinein und seine Krone küsst den Himmel. Dazwischen durchläuft und verbindet er mindestens zwei weitere Ebenen. Nämlich die der Erdoberfläche sowie die Ebene zwischen Erdoberfläche und Krone.

3. Eins mit allem
Weiter ist der einzelne Baum verbunden mit dem gesamten Leben um ihn herum. Zwar wirkt es, wenn man einen einzelnen Baum im Wald betrachtet, zunächst so, als stünde dieser isoliert für sich. Schaut man jedoch genauer hin, so stellt man fest, dass dieser einzelne Baum durch Wurzelsysteme, andere Pflanzen, Botenstoffe, den Wald bevölkernde Tiere und Insekten sowie energetische Felder mit dem gesamten Ökosystem um sich herum zutiefst verwoben ist und in wechselseitigem Austausch steht. Es ist fast so, als stelle dieser einzelne Baum ein Hologramm dar, in dem sich das gesamte Ökosystem des Waldes widerspiegelt.

4. Werden und Vergehen
Schlussendlich ist der Baum Teil des ewig gleichen Kreislaufs des Werdens und Vergehens allen Lebens. Dieser Kreislauf hatte seinen Anfang darin, dass das Samenkorn, aus dem der Baum mal hervorgehen würde, sterben musste, um das Leben des Baumes hervorbringen zu können. Und seither kann man Jahr für Jahr die Schönheit dieses Kreislaufs am Baum ablesen. Es beginnt damit, dass im Frühling die ersten Knospen hervorbrechen, aus denen sich dann die Blätter und Blüten des Baumes entwickeln. Im Sommer stehen Blätter im vollsten Saft und die Blüten bringen Frucht. Im Herbst schließlich verfärben sich die Blätter bunt und die Früchte des Baumes können geerntet werden. Bis schließlich die Blätter herabfallen und verrotten. Den Winter wiederum überdauert der Baum kahl und scheinbar leblos. Nur um im Frühling ein weiteres Mal neu geboren zu werden und diesen Kreislauf ein weiteres Mal zu durchlaufen.

Ganz sicher fallen einem noch weitere Eigenschaften des Baumes auf, die spirituelle Parallelen aufweisen, wenn man sich nur länger mit diesem Phänomen auseinandersetzt.

ANNÄHERUNG AN DEN SEPHIROTHBAUM

Der Lebensbaum, in den ich tiefer eingestiegen bin, ist der Sephirothbaum der jüdisch-christlichen Kabbala. Zwei Freimaurer-Brüder meiner Loge, die ebenso wie ich einen spirituellen Zugang zur freimaurerischen Symbolik und zum freimaurerischen Ritual haben, brachten mich damit in Berührung.


(Der Sephirothbaum nach Isaak Luria,
Quelle: https://www.wikipedia.org/)

Als ich die Darstellung des Sephirothbaumes zum ersten Mal sah, empfand ich diese als sehr mechanisch und kalt. Auf den ersten Blick hatte diese Darstellung für mich so gar nichts mit Leben zu tun. Je mehr ich mich jedoch darin einlas, was für Welten im Sephirothbaum dargestellt sind und welche Gesetzmäßigkeiten durch ihn ausgedrückt werden – und auch über die Darstellung des Sephirothbaumes meditierte – desto mehr begann ich zu erahnen, welche spirituelle Tiefe und Weite im ihm verborgen liegen. Und ich bekam eine Ahnung davon, dass in diesem Baum das Wissen um das, was meinen spirituellen Weg bis dato geprägt und beschenkt hatte, verborgen liegen könnte: Die Initiation in das Wahre Selbst und das Mysterium des Lebens, der Weg der Mystiker hinein in die Unio Mystica, das Rückverbinden in die Kreisläufe des Lebens, das Versenken in innere Stille. Und schließlich stellt dieser Baum eine der Matrixen dar, die dem Weg durch die zehn Grade des christlichen Freimaurerordens zugrunde liegt.

Mehrfach schon wollte ich mich dem Sephirothbaum auf diesem Blog annähern. Doch jedes Mal aufs Neue brach ich dieses Unterfangen wieder ab. Denn dieser Baum war und ist schlichtweg zu umfassend, facettenreich und zu vielschichtig. Daher möchte ich hier jetzt eine Art Teil-Einstieg wagen, indem ich lediglich drei Aspekte des Sephirothbaumes anreiße; und dies auch nur ganz kurz und oberflächlich. Das kann und soll erstmal nur eine grobe Vorstellung geben. Meine Idee dahinter ist, in weiteren Blockartikeln diese Aspekte aufzugreifen, zu vertiefen und auf ihnen aufzubauen, um wiederum weitere Aspekte einzuführen.

DREI ASPEKTE DES SEPHIROTHBAUMES

1. Die Sephiroth:
Der Sephirothbaum besteht aus zehn Sphären, die Sephiroth genannt werden. Jede dieser zehn Sephiroth hat ganz spezifische Eigenschaften und Qualitäten. Diese zehn Sephiroth können in mindestens zwei Richtungen „gelesen“ werden: Von oben, von der Krone aus, oder von unten, von der materialisierten Welt aus. Von oben aus gelesen beschreibt der Baum die verschiedenen Stufen der Emanation des Göttlichen. Diese durchläuft sämtliche Sephiroth und entfernt sich mit jeder Sefirah ein Stück mehr von ihrer Ursprünglichkeit. In der letzten Sefirah schließlich ist das Göttliche in seiner abgeschwächtesten Form gebunden. Folglich kann der umgekehrte Weg durch die Sephiroth des Lebensbaumes als eine stufenweisen Initiation verstanden werden. An deren Ende steht die Vereinigung mit dem eigenen göttlichen Ursprung.

2. Die vier Ebenen:
Bei dem Weg durch die Sephiroth werden gleichzeitig vier Ebenen, die unter anderem den vier Elementen der Welt und den vier seelischen Sphären des Menschen zugeordnet werden können, durchlaufen. Die unterste Sefirah wird dem Element Erde sowie der Leibseele zugeordnet. Die nächsten drei Sephiroth werden dem Element Wasser sowie der äußeren Gefühlsseele und die darauf folgenden drei Sephiroth dem Element Luft sowie der inneren Gefühlsseele zugeordnet. Die letzten drei Sephiroth schließlich werden dem Element Feuer sowie der Geistseele zugeordnet.

3. Die drei Säulen:
Weiter fällt auf, dass die Sephiroth in der Form übereinander angeordnet sind, dass man sie als drei nebeneinander stehende Säulen verstehen kann. Die linke und die rechte Säule bilden sich jeweils aus drei Sephiroth und stehen in polaren und dualistischen Spannungsverhältnissen zueinander. Die mittlere Säule, die sich aus vier Sephiroth bildet, steht für den Ausgleich von Dualismus und Polarität.

HEILIGES RINGEN

Diese von mir gewählten Aspekte sind nicht willkürlicher Natur. Denn es sind die Aspekte, über die ich mit meinem Hintergrund und meiner Prägung als erstes Zugang zum Sephirothbaum gefunden hatte.

Die Auseinandersetzung mit dem Sephirothbaum ist jedoch wie ein Ringkampf. Immer wenn man meint, etwas verstanden zu haben, geht eine neue Tür auf und man realisiert, was man alles noch nicht weiß. Macht man drei Schritte vorwärts, schmeißt es einen im nächsten Moment wieder zwei Schritte zurück. Und in dieses heilige Ringen um Wissen und Nichtwissen, um Erblicken und Erblinden, um Eporsteigen und Niederstürzen bin ich mit meinem Blog nun auch eingetreten. Ob ich dem gewachsen bin, weiß ich nicht…

Rituelle Heimat

WARUM WIRD MAN FREIMAURER?

Warum wird jemand Freimaurer? Vielen Freimaurer-Brüdern habe ich diese Frage gestellt. Und vieles konnte ich beobachten, seitdem ich in diese Bruderschaft aufgenommen worden war. Herausgekommen ist ein bunter Blumenstrauß an Motivationen. Der wohl häufigste Grund ist, einen Weg zu finden, sich mit sich selbst auseinander zu setzen und an sich zu arbeiten. Dies wird gefolgt von dem Wunsch nach Gemeinschaft und dem Bedürfnis, sich sozial zu engagieren. Manch einer schätzt den philosophischen Austausch, die Auseinandersetzung mit humanistischen Ideen oder sehnt sich nach mystischem Erleben. Ein Bruder erzählte mir mal, dass er sich Erleuchtung erhoffte. Doch auch weniger ehrenwerten Motiven bin ich begegnet. So traf ich auch auf Brüder, die sich von der vermeintlich elitären Fassade des Freimaurertums angezogen fühlten. Auch traf ich auf Brüder, die sich berufliche Vorteile oder gar ein karriereförderliches Netzwerk erhofften. Doch warum nun wurde ich selber Freimaurer?

WARUM WURDE ICH FREIMAURER?

Ich kann heute nachvollziehen, dass ich etwa 15 Jahre vor meiner Aufnahme in die Bruderschaft der Freimaurer anfing, mich ernsthaft mit ihr auseinander zu setzen. Es war zu einer Zeit, in der ich von Ritualen nichts hielt. War etwas rituell, war es für mich nur eine Umschreibung dafür, dass es starr, tot und eng war. Aus genau diesem Grund war ich seinerzeit auch aus der evangelischen Kirche ausgetreten.

Durch eine sehr fundamentale Krise, die mein gesamtes bisheriges Leben völlig in Frage stellte, kam ich mit unterschiedlichen Traditionen der Stille im Christentum (Kontemplation, Mönchstum etc.), den Wegen der christlichen Mystik und den Ideen der archaischen Initiationsriten, der Naturspiritualität sowie der spirituellen Männerarbeit nach Richard Rohr in Berührung. Je tiefer sich einzelne Aspekte davon in meinem Alltag verankerten, desto mehr bekam ich innerlich auch Zugang zu den Wirkweisen von Ritualen. Ich begann Rituale als etwas Halt gebendes zu schätzen, das – vorbei an meinem verkopften Wunsch, das Leben zu kontrollieren – mich auf tiefste Weise zu berühren vermag. Das ging so weit, dass ich, als ich mich nach langer Zeit mal wieder in einen sehr liturgischen Gottesdienst der evangelischen Kirche wagte, hinten auf meiner hölzernen Kirchenbank saß und mit den Tränen rang, als das Abendmahl eingesetzt und ausgeteilt wurde. Das war der Moment, in dem ich entschied, wieder in die evangelische Kirche einzutreten. Und es war auch die Zeit, in der ich auf intuitive Weise zu begreifen begann, warum Menschen durch das freimaurerische Ritual angerührt werden können.

Weiter erschloss ich mir, dass es unterschiedliche Richtungen innerhalb des Freimaurertums gibt. Die Richtung, für die ich mich später bewusst entscheiden sollte, war die des christlichen Freimaurerordens. Denn dieser vereinigte in seiner Symbolik und seinem Ritual vieles von dem, was meinen bisherigen spirituellen Weg so reich beschenkt hatte: Aspekte der christlichen Mystik, der Männerinitiation und des Versenkens in innere Stille.

Damit bin ich der Frage, warum ich selbst Freimaurer wurde, schon ein gutes Stück auf die Spur gekommen. Die eigentliche Frage aber, die sich dahinter verbirgt und die jeder, der mit dem Gedanken spielt, Freimaurer zu werden, für sich beantworten muss, lautet: „Was erhoffe ich mir von der Mitgliedschaft in der Bruderschaft der Freimaurer, was ich ohne diese nicht hätte?“ Meine Antwort darauf war: Ich sehnte mich nach einem regelmäßigen Ritual in meinem Leben. Und ich sehnte mich danach, dass dieses mich mit dem in Berührung kommen lässt, was meinen spirituellen Weg ausmacht.

DAS WESEN DER TEMPELARBEIT

Und habe ich gefunden, was ich zu finden erhofft hatte? Ganz klar: Ja! Ich nehme an kaum einem freimaurerischen Ritual teil, aus dem ich nicht innerlich bewegt hervorgehe. Dabei kann ich allerdings gar nicht so recht erklären, woran das nun eigentlich liegt.

Denn formal betrachtet, handelt es sich bei dem freimaurerischen Ritual lediglich um eine Abfolge ritueller Wechselgespräche und ritueller Handlungen. Hierbei wird symbolisch ein idealer Raum betreten: Die Loge. Ich begreife die Loge als einen Ort, der tief in mir liegt. Mein inneres Auge des Sturms. Der Ort, an dem ich einfach nur bin. Der Ort, an dem mystisches Erleben stattfinden kann. Hat man sich rituell in diese Loge begeben, können weitere rituelle Handlungen – wie zum Beispiel die Aufnahme eines Initianten in diesen Grad – vollzogen werden. Anschließend wird diese Loge rituell und in umgekehrter Reihenfolge, wie sie betreten worden ist, wieder verlassen. Der beschriebene Vorgang findet in jedem freimaurerischen Grad während sogenannter Tempelarbeiten statt.

Das Besondere an den Tempelarbeiten, wie ich sie im christlichen Freimaurerorden erlebe, ist, dass diese zwar mit jedem Grad, den man durchläuft, um neue Aspekte bereichert werden, der gesamte (ordens-) freimaurerische Weg jedoch bereits im ersten Grad – dem des Johannislehrlings – enthalten ist. Und ich habe für mich festgestellt, dass es für die Intensität meines Erlebens beinahe gänzlich irrelevant, in welchem Grad dieses Ritual stattfindet.

Der Ablauf einer Tempelarbeit hat von seinem Wesen her etwas sehr liturgisches. In mir lösen Tempelarbeiten ähnliche Zustände aus wie Meditationen oder vergleichbare Stille-Übungen. Im Laufe der Zeit ist die rituelle Loge so etwas wie eine innere Heimat für mich geworden. Gerade auch in den letzten anderthalb Jahren, in denen sich mein Weg verfinsterte und ich mich Anteilen von mir stellen musste, die ich am liebsten ganz weit weg geschoben hätte, habe ich die freimaurerischen Tempelarbeiten noch mal ganz neu als einen Ort schätzen gelernt, an dem ich zur Ruhe komme und mit mir selbst und meiner spirituellen Sehnsucht in Berührung komme. Wenn der Logenmeister eine jede Tempelarbeit eröffnet, indem er mit seinem Hammer auf den Altar schlägt und die Worte spricht „Ehre sei Gott“, spüre ich in diesem Moment, wie ich heimkehre…

Freimaurerische Vermessenheit

Es gibt zwei Annahmen, die mir in freimaurerischen Kreisen wiederholt begegnet sind und aus denen, meiner Meinung nach, eine hochmütige, anmaßende und überhebliche Selbsteinschätzung der freimaurerischen Bruderschaft spricht. Die erste Annahme lautet: „Freimaurerei war immer.“ Und bei der zweiten Annahme wird jeder Nicht-Freimaurer, der nach Gedankengut und Grundsätzen lebt, die für gewöhnlich Freimaurer für sich reklamieren, kurzerhand zum „Freimaurer ohne Schurz“ erklärt.

„FREIMAUREREI WAR IMMER“

Das Zitat „Freimaurerei war immer“ stammt aus dem in den Jahren 1776 bis 1778 entstandenen Werk „Ernst und Falk“ des Freimaurers Gotthold Ephraim Lessing. In diesem Stück trifft „Ernst“ auf den Freimaurer „Falk“. In einem Wechselgespräch möchte Ernst von Falk zu erfahren, was das Freimaurertum ist und was dessen Wesen ausmacht. In Zuge dieses Gesprächs versucht Falk Ernst zu erklären, dass es sich beim Freimaurertum um eine Geisteshaltung handelt, die seit jeher in der Menschheit vorzufinden ist. Folglich existierte diese Geisteshaltung auch schon lange bevor es das Anfang des 18. Jahrhunderts gegründete Freimaurertum gab. Daher seine Aussage: „Freimaurerei war immer.“

Ich verstehe, was Lessing mit dieser Formulierung ausdrücken will, halte sie aber für fragwürdig und missverständlich. Meiner Meinung nach zäumt Lessing das Pferd von der völlig falschen Seite auf. Denn: Freimaurerei war nicht immer. Das Freimaurertum hatte einen Anfang. Und es wird einmal ein Ende haben. Das Einzige, was immer war und auch immer sein wird, ist das Geheimnis, um das sich das Freimaurertum dreht. Ich würde dieses Geheimnis als das „Mysterium des Lebens“ umschreiben. Diesem Mysterium sieht sich der Mensch von Anbeginn an ausgeliefert. Und dabei erfährt er, wie erhaben und wundervoll und gleichzeitig unkontrollierbar und unerbittlich es ist. Daher versucht der Mensch seit jeher die Gesetzmäßigkeiten und Kreisläufe dieses Mysteriums zu verstehen und das eigene Leben mit ihnen in Einklang zu bringen. Dieses Streben hat immer auch spirituelle Dimension gehabt. Und so bildeten sich in den verschiedenen Zeitaltern der Menschheitsgeschichte unterschiedliche Hüter dieses Mysteriums heraus: Älteste, Schamanen, Priester, Kulte, Religionen, Mysterienbünde. Deren Aufgabe war es, das Wissen um das Mysterium des Lebens zu bewahren sowie nachfolgende Generationen in dieses Wissen einzuweihen und darin zu unterweisen. Das Freimaurertum ist nur ein Hüter dieses Mysteriums unter vielen. Und es ist bei weitem auch nicht einmal der älteste dieser Hüter. Seine Aufgabe ist die Einweihung des Neophyten in dieses Mysterium des Lebens. Somit ist das Freimaurertum auch „nur“ Mittel zum Zweck und nicht der Zweck selbst. Die Aussage „Freimaurerei war immer“ vertauscht diese Reihenfolge und die damit verbundenen Wertigkeiten.

„FREIMAURER OHNE SCHURZ“

Wenn man im Freimaurer-Wiki nach den Begriffen „Freimaurer ohne Schurz“ sucht, stößt man auf folgende Definition: „Bezeichnung für einen Profanen, der maurerische Grundsätze und maurerisches Gedankengut vertritt.“

Ich habe grundsätzlich Bauchschmerzen damit, dass mit dieser Aussage Menschen in „Freimaurer“ und „Profane“ eingeteilt werden. Dies zeugt von einer elitären Selbstwahrnehmung, die den Freimaurer auf eine höhere Stufe stellt als den Nicht-Freimaurer. Wenn es tatsächlich so ist, dass die weltweite Bruderschaft der Freimaurer für Werte wie „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität“ eintritt, werden diese Werte durch das Einteilen in Freimaurer und Profane konterkariert und mit Füßen getreten. Jeder Mensch ist gleich heilig oder gleich profan. Die Mitgliedschaft in einer wie auch immer gearteten Organisation ändert nichts an diesem Fakt.

Dann wirft dies auch die Frage auf, ab wann etwas ein freimaurerischer Wert, Grundsatz oder freimaurerisches Gedankengut ist. Wenn ich noch einmal die Werte „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität“ bemühe, dann frage ich mich: Handelt es sich hierbei um explizit freimaurerische Werte? Oder sind es nicht vielmehr universelle Werte, die das Freimaurertum für sich entdeckt und adaptiert hat? Darüber hinaus ist – wie oben bereits angeführt – auch die Idee der rituellen Initiation keine primär freimaurerische. Folglich stellt sich die Frage, ab wann man Werte, Grundsätze und Gedankengut freimaurerisch nennen kann?

Nun mal angenommen, man käme tatsächlich zu dem Ergebnis, bestimmte Werte, Grundsätze und ein bestimmtes Gedankengut als explizit freimaurerisch einordnen zu können. Ist es dann nicht regelrecht übergriffig, Nicht-Freimaurer, die ihr Leben ebenfalls danach ausgerichtet haben, einfach für sich zu vereinnahmen? Ist das nicht erst recht der Fall, wenn diese vielleicht sogar aus guten Gründen keine Freimaurer sind?

Ich selber zum Beispiel habe eine Affinität für alte Kirchengebäude und liturgische Gottesdienste. Darüber hinaus hat das Gebot von Jesus Christus der Selbst-, Nächsten- und Gottesliebe einen hohen Stellenwert auf meinem spirituellen Weg. Das alles trifft wahrscheinlich auch auf einen praktizierenden Katholiken zu. Trotzdem würde ich mich sehr dagegen verwehren, wenn Katholiken mich deshalb einfach als Katholik – vielleicht als „Katholik ohne Kirchenschein“ oder so – bezeichnen würden. Schließlich gibt es trotz einiger Überschneidungen klare Gründe, weshalb ich kein Mitglied der Katholischen Kirche bin. Das liegt in der Hierarchie und in dem Dogma dieser Institution begründet.

Ebenso kann jemand von außen betrachtet große Schnittmengen mit dem Gedankengut, den Werten und den Grundsätzen des Freimaurertums aufweisen und trotzdem ganz bewusst nie Mitglied einer Freimaurerloge geworden sein. Ihn dann einfach – quasi gegen seinen Willen – als Freimaurer (ohne Schurz) zu adaptieren ist schlichtweg übergriffig.

Natürlich ist ein Freimaurer jemand, der ein bestimmtes Gedankengut sowie bestimmte Werte und Grundsätze in seinem Leben praktiziert. Darüber hinaus aber eben auch jemand, der versucht, sich die freimaurerische Symbolik zu erschließen, im Austausch mit den Brüdern steht und regelmäßig am freimaurerischen Ritual teilnimmt. Und zumindest für die letztgenannten Punkte bedarf es der Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge. Wer diese Kriterien nicht erfüllt, ist kein besserer oder schlechterer Mensch, auch kein heiligerer oder profanerer Mensch, sondern einfach nur kein Freimaurer. Auch kein Freimaurer ohne Schurz.

DEN BAU VOLLENDEN

Eine wichtige Voraussetzung für die Errichtung eines Bauwerkes ist, dass vor Baubeginn fehlerfrei vermessen worden wird. Denn aus den gemessenen Daten errechnet sich schließlich der Bauplan. Und aus diesem leitet sich zum Beispiel ab, wie viel Bauzeit zu veranschlagen ist, wie viel Material benötig wird und wie viele Bauleute eingesetzt werden müssen. Das gesamte Projekt steht daher auf tönernen Füßen und droht nicht vollendet zu werden, hat man sich vor Baubeginn vermessen.

Vermessen im wahrsten Sinne des Wortes sind, wie ich dargelegt habe, die Aussage „Freimaurerei war immer“ und die Idee des „Freimaurers ohne Schurz“. (Zugegebenermaßen ist dieses Wortspiel etwas bemüht, trifft aber dennoch ganz gut, was ich ausdrücken will.) Denn dieses hochmütige, anmaßende und überhebliche Selbstbild, das aus diesen Aussagen trieft, steht im krassen Widerspruch zum tiefsten Wesenskern des Freimaurertums. Dieser Eindruck wächst und verfestigt sich in mir, je länger ich Freimaurer bin, je höher ich in den freimaurerischen Graden komme und je tiefer ich ins freimaurerische Ritual und seine Symbolik eintauche. Das genannte Selbstbild ist völlig ungeeignet, den freimaurerischen Bau zu vollenden. Und hierbei ist es egal, ob ich vom inneren Tempel spreche, den jeder Freimaurer in sich selbst errichtet oder vom universellen Tempel der Humanität, in den der einzelne Freimaurer sich als Baustein einfügt.

Daher, liebe Freimaurer-Brüder, lassen wir den Geist, der hinter diesem egodurchseuchten Selbstbild steht, doch sterben! Legen wir ihn in den Sarg, in sein eigenes Grab! Er soll das Fleisch sein, das sich von den Knochen löst, wenn der Verwesungsprozess einsetzt! Verrotten soll er und im Sarg zurückbleiben. Niemals mehr soll er (mit) auferstehen! Es liegt nur an uns. Was hindert uns daran?

Wörter und Götter und so

NICHTS NEUES UNTER DER SONNE?

Im Januar 2018 erschien das Buch „Wörter machen Götter“ des Freimaurers Klaus-Jürgen Grün. Ein Buch, in dem er Stellung bezieht. Nicht nur für ein humanistisch atheistisch geprägtes Freimaurertum. Sondern auch explizit gegen den christlichen Freimaurerorden (Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland – GLLvD). Ein Buch, das polarisiert und innerhalb des deutschen Freimaurertums für verbitterte Auseinandersetzungen und Anfeindungen gesorgt hat.

Bruder Grün gehört der vorwiegend humanistisch ausgerichteten freimaurerischen Richtung der „Alten freien und angenommenen Maurer von Deutschland“ (AfuaM) an. Bereits in der Vergangenheit hat er Veröffentlichungen verschiedenster Art herausgebracht, die sich von einem humanistischen Standpunkt aus kritisch mit den Fragen der Religion und des Gottesglaubens auseinandersetzen. Nur konsequent stellt er auch die esoterisch spirituellen Bezüge im Lehr-, Symbol- und Ritualgebäude der ersten drei Johannisgrade des Freimaurertums in Frage. Folgerichtig hinterfragt er dasselbe in den unterschiedlichen Systemen der (Hoch-) Grade, die auf die ersten drei Johannisgrade folgen (können). Denn in diesen werden regelhaft die esoterisch spirituellen Aspekte des Freimaurertums aufgegriffen, vertieft und erweitert.

Die Auseinandersetzungen, ob der freimaurerische Weg einen wie auch immer gearteten Gottesbezug benötigt und ob Symbol und Ritual des Freimaurertums immer auch eine esoterisch spirituelle Dimension innewohnen muss, sind so alt wie das Freimaurertum selbst. Auch heute werden sie geführt. Viel zu häufig. Gerne auch voller Inbrunst. Und nicht selten kräftig unter die Gürtellinie (siehe hier).

Ich selbst habe mich auf meinem Blog zu diesem Thema klar positioniert (siehe hier). Doch ich habe auch die freimaurerischen Standpunkte, die konträr zu den meinen stehen, als gleich-berechtigt auf meinem Blog zugelassen (siehe hier und hier).

Das Streitthema, zu dem Bruder Klaus-Jürgen Grün sich äußert, ist also kein neues. Und auch sein Werk „Wörter machen Götter“ ist nicht seine erste Verlautbarung dazu. Warum also hat es nun solch einen Wirbel ausgelöst und so viel Unfrieden in das deutsche Freimaurertum getragen?

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich selbst habe das Buch von Bruder Grün nicht gelesen. Doch kenne ich mittlerweile seitenweise Zitate daraus und habe auch mehrere Rezensionen gelesen. Das langt nicht, um fundiert inhaltlich zu diskutieren. Aber es langt, um mir ein Bild über den Stil dieses Buches zu machen. Und um Fragen zu stellen…

POTENTIAL DER VERLETZUNG

Ich glaube, das, was am schwersten an dem Buch von Bruder Grün wiegt, ist, dass er dem gesamten christlichen Freimaurerorden pauschal jegliche Regularität abspricht. Dies tut er mit einer Absolutheit und einer Vehemenz, die jeden Andersdenkenden automatisch ausgrenzt. Und damit verlässt er die Ebene der gleichberechtigten Begegnung und des gleichberechtigten Austausches. Er stellt ein Über-Unter-Verhältnis her. Dadurch schafft er die gleiche Ausgangssituation, wie sie religiöse Fundamentalisten gegenüber Ungläubigen schaffen. Auf der einen Seite steht der „Gläubige“, der im Besitz der „absoluten Wahrheit“ über etwas ist. Und auf der anderen Seite steht der „Ungläubige“, der einen großen Makel hat, so lange er diese Wahrheit nicht vollständig übernommen hat. Das treibt Bruder Klaus-Jürgen Grün so weit, sich sogar anzumaßen, selber besser beurteilen zu können, wie der einzelne Ordensfreimaurer das eigene Ordensritual und den Begriff des „Dreifach großen Baumeisters“ zu verstehen und für sich auszufüllen und zu leben hat.

Weiter wählt er bezogen auf den Freimaurerorden eine Wortwahl, die vor allem dazu geeignet ist, die Gefühle religiöser Menschen zu verletzen. Und auch so manche Schlussfolgerung, die er bezüglich des Freimaurerordens zieht, ist bestenfalls plakativ und provozierend; schlimmstenfalls aber irgendwo zwischen übler Nachrede und Rufmord anzusiedeln.

So überrascht es nicht, dass mir einiges, was ich aus diesem Buch las, tiefe und schmerzhafte Stiche versetzt hat. Es verlangte mir einiges an Impulskontrolle ab, mich nicht ebenfalls mit wehenden Fahnen und gewetzten Messern in die entflammten Kontroversen zu stürzen.

Eine bittere Erkenntnis, die mir die ganzen vorangegangenen Auseinandersetzungen um Gott und Spiritualität innerhalb des Freimaurertums gebracht hatten, war, dass Fundamentalismus kein Merkmal ist, das sich nur in den Religionen finden lässt. Viel zu oft hatte ich erleben müssen, dass humanistische und atheistische Brüder dieselben Argumentationsweisen, denselben Absolutheitsanspruch und dieselbe Toleranzfähigkeit an den Tag legten wie religiöse Fundamentalisten. In diesen Fällen war lediglich das religiöse Dogma durch ein nichtreligiöses ersetzt worden. Und das Buch von Bruder Grün setzt leider ein dickes Ausrufezeichen hinter diese Beobachtung.

Wie es scheint sind auch die „Vereinigten Großlogen von Deutschland“ (VGL) zu einer ganz ähnlichen Einschätzung über dieses Buch gekommen. In der VGL haben sich die fünf eigenständigen Großlogen, die die Johannisgrade auf deutschem Boden bearbeiten, zusammengefunden. Unter anderem auch die Großloge AfuaM und der christliche Freimaurerorden. Und der Senat der VGL – in dem die Großloge AfuaM aus Proportsgründen die Mehrheit stellt – hat das Buch einstimmig als „Hetzschrift“ eingeordnet.

AUS DER GESCHICHTE NICHTS GELERNT?

Das letzte Mal, dass eine freimaurerische Richtung einer anderen freimaurerischen Richtung die Rechtmäßigkeit in derart massiver Weise abgesprochen hat, war in den Zeiten des aufstrebenden Nationalsozialismus. Doch damals war es genau umgekehrt. Damals war es der christliche Freimaurerorden, der seinen humanistischen Brüdern die Existenzberechtigung absprach. Dies geschah auch, um sich dem Nationalsozialismus bis zur Aufgabe der eigenen Identität anzubiedern.

Das Ende vom Lied ist hinlänglich bekannt. Wenn überhaupt, dann lieferte das Verhalten des Freimaurerordens lediglich den Feinden des gesamten Freimaurertums Munition. Und schlussendlich wurden alle Richtungen des Freimaurertums verboten und verfolgt.

Meinem Verständnis nach ist der christliche Freimaurerorden damals seinen humanistischen Brüdern gegenüber schuldig geworden. Inwiefern dies aufgearbeitet worden ist und eine Aussöhnung stattgefunden hat, kann ich (noch) nicht abschließend beurteilen.

Doch dieses freimaurerische Kapitel hat mich sensibilisiert für die Verantwortung, die jeder einzelne Freimaurer für das trägt, was er öffentlich von sich gibt. Das gilt ganz besonders für die heutige Zeit, in der am rechten politischen Rand und in Reihen konservativ dogmatischer Christen wieder die wirrsten Verschwörungstheorien entstehen und verbreitet werden, woran „die Freimaurer“ denn so alles Schuld seien. Bruder Klaus-Jürgen Grün war sich seiner Verantwortung offenbar nicht bewusst, als er sein Buch schrieb.

TRENNENDES UND VERBINDENDES

Manchmal habe ich den Eindruck, es gibt für Menschen nur zwei grundsätzliche Arten, miteinander umzugehen. So kann man entweder betonen, was einen verbindet. Oder man kann betonen, was einen trennt. Was für die Menschheit im Allgemeinen gilt, gilt für die Bruderschaft der Freimaurer im Besonderen.

Und von dem Moment an, wo Dogmatismus Spiel kommt, wird immer das Trennende betont. Denn Dogmatismus geht von einer „feststehenden Definition oder einer grundlegenden, normativen Lehraussage“ aus, „deren Wahrheitsanspruch als unumstößlich festgestellt wird“ (vergleiche Wikipedia). Das bringt mit sich, dass jede Anschauung und jeder Mensch, der mit dieser Lehraussage nicht konform geht, ausgegrenzt wird.

Bruder Grün spricht mit seinem Buch ganz klar die Sprache eines Dogmatikers. Er betont das Trennende. Und absolutiert diesen Standpunkt. Er stellt sein Dogma über brüderliche Begegnung. Ebenso gut hätte er ein Buch darüber schreiben können, was das christliche und das humanistische Freimaurertum verbindet. Dieses Buch wäre wahrscheinlich um einiges länger und umfangreicher geworden. Stattdessen ergießt er sich darin zu betonen, was beide Lager voneinander trennt.

Und er sieht in diesen Unterschieden nichts, was bereichert oder im positiven Sinne herausfordert. Sondern nur etwas, was ausgelöscht gehört. Das zeigt, dass er von einer Art gleichgeschalteter Einheitsfreimaurerei auszugeht. Und in dieser hat nur Platz, wer einer humanistisch atheistischen Überzeugung anhängt, wie Bruder Klaus-Jürgen Grün sie definiert.

VIELFALT UND VERWURZELUNG

Das ist wahrscheinlich der Punkt, an dem ich am weitesten mit ihm auseinanderliege. Für mich sind die unterschiedlichen und bisweilen auch gegensätzlichen Facetten, die sich im Freimaurertum wiederfinden, eine der größten Stärken dieser Bruderschaft. Für mich ergänzen und bereichern diese sich gegenseitig.

Denn das, was diese unterschiedlichen Brüder miteinander verbindet, ist das Erleben des freimaurerischen Rituals und der freimaurerischen Symbolik. Und dies verbindet auf einer viel tieferen Ebene, als dass der Buchstabe des Dogmas jemals dringen könnte. Das ist meines Erachtens das „berühmte“ freimaurerische Geheimnis.

Aus diesem Grund bin ich gerne bereit, die Spannungen, die diese freimaurerische Vielfalt mit sich bringt, auszuhalten und mitzutragen. Und mit dieser inneren Haltung begegne ich auch den freimaurerischen Brüdern, die mir – wie Bruder Grün – absprechen, ihr Bruder zu sein. Natürlich erfordert dies ein hohes Maß an Ausdauer und Leidensfähigkeit und auch eine gewisse Frustrationstoleranz. Aber die Begegnungen und der Austausch, die es mit sich bringt, wiegen das allemal auf.

Wahrscheinlich wäre es sehr viel einfacher, mich in meiner eigenen freimaurerischen Wagenburg zu verschanzen und alles zu bekämpfen, was meine kleine, heile Welt in Frage stellt. Es wäre der Weg des geringsten Widerstands. Der Weg, den Bruder Klaus-Jürgen Grün mit seinem Buch gewählt hat. Aber dieser Weg ist eben nicht meiner.

Nur um eines ganz klar zu sagen: Dieses bewusste Aushalten und Annehmen der Spannungen zwischen den unterschiedlichen freimaurerischen Richtungen hat nichts mit Beliebigkeit, Gleichgültigkeit oder Ignoranz zu tun. Natürlich habe ich eine ganz klare Verwurzelung in der Lehrart des christlichen Freimaurerordens. Und diese Verwurzelung ist bewusst gewählt. Ich kann sie begründen und ich schätze sie. Trotzdem sehe ich in den anderen Lehrarten keine Bedrohung für meinen eigenen freimaurerischen Weg. Sondern etwas, das meinen Weg ergänzt, bereichert und im positiven Sinne herausfordert. In dem Freimaurertum, für das ich stehe, haben Atheisten ebenso Platz wie Gottesgläubige, die unterschiedlichen Agnostiker ebenso wie ganze Bandbreite der spirituell Suchenden, Gnostiker und Mystiker. Und so weiter. Der viel zitierte Satz „Einheit in Vielfalt“ ist für mich keine hohle Phrase, sondern gelebte Wirklichkeit.

Und dieser Satz findet für mich organisatorischen Ausdruck in der VGL. Meines Erachtens tut es dem christlichen Freimaurerorden und der Großloge AfuaM nur gut, durch diesen Dachverband in regelmäßiger Kommunikation zu stehen und sich immer wieder miteinander auseinandersetzen zu müssen. Ohne die VGL bestünde die Gefahr, dass beide Großlogen zu sehr in ihrem eigenen Saft schmoren.

BLUTENDE WUNDEN UND OFFENE FRAGEN

Mein Bruder und Freund René Schon meinte zu mir, dass Bruder Grün in seinem Buch interessante und schlüssige Thesen in Bezug auf die Gottesfrage bringt. Das stelle ich nicht in Abrede. Ich las an verschiedener Stelle, dass Bruder Klaus-Jürgen Grün ein „brillanter Geist“ sein soll. Doch ein Buch ist grundsätzlich nicht nur nach seinem Inhalt zu bewerten, sondern auch nach seinen Auswirkungen.

Und diese sind überwiegend destruktiver Natur. Denn dieses Buch hat schmerzhafte Kreisläufe der gegenseitigen Verletzungen angestoßen. Es hat Gräben gerissen zwischen Menschen, die sich als Brüder begegnen sollten. Es hat die „freimaurerische Ökumene“ um Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte, zurückgeworfen. Die Wunden, die es gerissen hat, werden noch lange bluten. Und die Narben wird man noch wesentlich länger sehen.

Für mich bleibt die Frage, welche Absicht Bruder Grün verfolgt hat. Er bringt ein Buch heraus, das von seinem Inhalt und von seiner Machart her geeignet ist, maximalen Flurschaden innerhalb des deutschen Freimaurertums anzurichten. Welche Folgen dieses Werk haben wird, muss ihm vorher bewusst gewesen sein. Schließlich ist er lange genug Freimaurer und kennt die unterschiedlichen Richtungen gut genug, um das abschätzen zu können.

War es seine Absicht, möglichst viele Brüder, die er unmöglich alle persönlich kennen konnte – Brüder wie mich -, stumpf zu verletzen? Oder suchte er den Skandal, um gute Verkaufszahlen zu generieren? Oder nutzt er das Buch, um eine persönliche Fehde auszutragen? Glaubt er tatsächlich, dass seine destruktive Art und Weise geeignet ist, das deutsche Freimaurertum in seine Richtung zu verändern? Wollte er nur einen Impuls setzen, der ihm letztendlich komplett entglitten ist? Oder wollte er den Bruch zwischen dem christlichen Freimaurerorden und der Großloge AfuaM herbeizuführen; mit dem Ziel, dass einer oder sogar beide die VGL verlassen?

Egal, was die Motive von Bruder Klaus-Jürgen Grün auch gewesen sein mögen, der Kollateralschaden, den dieses Buch mit sich bringt, steht in keinem Verhältnis zu dem Nutzen, den es haben könnte. Es zeigt sich wieder mal: Der Zweck heiligt nicht die Mittel.

Initiation und Noviziat

Freitag, der 13.10.2017 war für mich persönlich ein ganz besonderer Tag. Es war der 710. Jahrestag der gewaltsamen Auflösung des Tempelritterordens. Und an diesem Tag haben wir einen Suchenden (einen Nicht-Freimaurer, der Freimaurer werden will), den ich als Paten begleite, im Rahmen einer rituellen Tempelarbeit in unsere Johannisloge „Carl zum Felsen“ aufgenommen. Das heißt, dass ich ihn auf seinem Weg ins Freimaurertum hinein und auch auf seinem Weg durch die ersten drei Johannisgrade des Freimaurertums im ganz besonderen Maße begleite und beistehe.

Wie der Zufall (sofern es ihn denn gibt) es so wollte, war ich an diesem Tag dran, im Rahmen dieser Tempelarbeit auch den Vortrag zu halten. Einen Vortrag, den ich ganz persönlich auf den Suchenden zuschneiden konnte und für den ich anschließend sehr positives Feadback erhalten habe. Daher will ich auf meinem Blog mal etwas Neues wagen und diesen Vortrag hier unverändert veröffentlichen (ich habe lediglich die Personalien des Suchenden durch „xxx“ ersetzt):

„Es hat Hände, die beschützen,
Hände, die heilen.
Was es sagt, ist unaussprechlich,
es lebt zwischen den Zeilen.

Es erträumte diese Welt,
ist Erbauer und Zerstörer.
Es ist der Atem allen Atems,
es bringt den Tod, doch ist kein Mörder.

Es nimmt Dich mit auf Reisen
in den Weltraum Deiner Seele.
Es lässt Dich nach Dir suchen,
lässt uns spüren, dass wir leben.

Es kennt jedes Geheimnis,
es redet, doch bleibt stumm,
es enthüllt nicht seine Wahrheit,
es bleibt Mysterium.“

Hochwürdiger Meister,
würdige und geliebte Brüder,
lieber Bruder xxx!

Die Zeilen, die ich gerade vorgelesen habe, kennst Du wahrscheinlich bereits. Sie stammen aus der Feder der Rockband „Böhse Onkelz“. Doch wovon singen sie, wenn sie Worte benutzen wie „Es ist der Atem allen Atems“, „Es nimmt Dich mit auf Reisen in den Weltraum Deiner Seele. Es lässt Dich nach Dir suchen, lässt uns spüren, dass wir leben“ oder „Es redet, doch bleibt stumm“, „Es bleibt Mysterium“?

Ich glaube, die Böhsen Onkelz versuchen da etwas in Worte zu fassen, was viel zu groß und viel zu umfassend ist, als dass man es mit Worten beschreiben könnte. Etwas, das mit dem Kopf nicht verstanden werden kann, sondern erlebt werden muss. Ich würde es als „Mysterium des Lebens“ umschreiben. „Das große Geheimnis des Lebens“.

Interessanterweise verfügten alle alten, vorinstitutionellen Kulturen über archaische Initiationsriten für ihre jungen Männer. Eine Aufgabe dieser Riten war es, den jungen Mann in genau dieses große Mysterium des Lebens einzuweihen.

Auch das, was Du, lieber xxx, hier heute erlebt hast, ist ein Initiationsritus. Du bist eingeweiht worden. Und das in zweierlei Weise. Zum einen bist Du aufgenommen worden in den christlichen Freimaurerorden. Zum anderen hast Du den ersten Schritt gemacht auf einem Initiationsweg, der sich über zehn Grade erstreckt. Ich gebe zu, man muss lange suchen, um zu den archaischen Wurzeln Deiner heutigen Initiation zu gelangen. Denn der Aufnahmeritus in den Freimaurerorden ist sehr gezähmt, sehr geordnet und mit Symbolik nahezu überfrachtet.

Als ich aufgenommen worden war, war ich ein wenig enttäuscht. Denn das rituelle Erleben hatte ich nicht als so mächtig erlebt, wie die Brüder es mir auf den Gästeabenden immer vorgeschwärmt hatten. Und dann war ich etwas überfordert von dieser Flut an Zeichenhandlungen und Symbolen, die da über mich hereingebrochen war. Ich fühlte mich, als säße ich vor einem großen Haufen Fragezeichen. Es waren eher einzelne, kleine Momente meiner Aufnahme, die mich berührt hatten und in mir noch nachklingen sollten.

Ich weiß nicht, lieber xxx, wie es Dir gerade geht. Nimm Dir Zeit, um das, was heute mit Dir passiert ist, sacken zu lassen. Bist Du enttäuscht von Deiner Aufnahme? Bist Du tief bewegt? Oder weißt Du noch gar nicht, wie Du Dich fühlen sollst? Das alles ist in Ordnung. Jede Emotion hat ihre Berechtigung.

Eine uneingeschränkte Zusage kann ich Dir allerdings machen: Egal wie Du Dich fühlst und egal, was Du auch fühlst: Ab heute bist Du Teil des christlichen Freimaurerordens. Das kann Dir keiner mehr nehmen. Punkt. Ich betone ganz bewusst, dass Du in einen Orden aufgenommen worden bist. Das hier ist kein humanistischer Philosophier-Club. Das hier ist ein geistlich-spiritueller Orden. Und dieser steht auf dem Fundament der Lehre Jesu Christi, wie sie im neuen Testament der Bibel überliefert ist und wie man sie auch im apokryphen Thomasevangelium wiederfindet.

Wenn Du diese Idee des „christlichen Ordens“ bis zu ihren Wurzeln zurückverfolgst, wirst Du irgendwann auf die christlichen Mönchsorden im Zeitalter der Romanik stoßen. Insbesondere der Orden der Benediktiner ist hier hervorzuheben. Denn unter anderem dieser Orden war es, der damit begann, sakrale Kloster-Bauten zu errichten. Und aus diesen bauenden Mönchen gingen schließlich die Bauhütten hervor, die die Sakralbauten des Mittelalters erschufen. Und von diesen wiederum hat das Freimaurertum einen Großteil seiner Bilder und Symbole übernommen.

Der andere Orden, auf den Du stoßen wirst, ist der Tempelritterorden. Der Logenmeister deutete dies an, als er Dich zum „Freimaurer-Ritter“ aufnahm. Es ist der Orden, der aus Mönchs-Rittern bestand. Dessen Anfänge eng mit dem salomonischen Tempel in Jerusalem verknüpft sind. Und exakt heute vor 710 Jahren ist er auf hinterhältige Weise vernichtet worden. Du, lieber xxx, warst es, der mich auf diese Bedeutung, die dem heutigen Tage innewohnt, aufmerksam machtests, als wir uns über Deine Aufnahme unterhielten. Und ich kann Dir versprechen: Je höher Du in den Graden des Freimaurerordens aufsteigst, desto mehr wird sich auch die Idee der christlich-spirituellen Ritterschaft des Templerordens herausbilden.

Doch jetzt bist Du im Grad des Johannislehrlings. Vergleicht man den christlichen Freimaurerorden mit besagten Mönchs- und Ritterorden, so hat für Dich heute Deine Zeit als Novize begonnen. Das heißt: Ordne Dich unter. Beobachte. Und stelle Fragen. Sei offen und lerne. Nutze den Grad des Johannislehrlings als Dein persönliches Noviziat. Lerne ein Lernender zu sein. Und bewahre Dir diese Fähigkeit für den Rest Deines Lebens.

Zwei Sachen sind von nun an besonders wichtig auf Deinem Weg: Das freimaurerische Ritual und die freimaurerische Literatur dazu. Das Ritual soll Deine emotional-intuitive Seite berühren und die Literatur Deine rational-verstandesgemäße. Herz und Verstand. Oder Gewissen und Vernunft, wie es hier im Ritual genannt wird. Nur, wenn Du auch diese beiden Seiten bedienst, wirst Du freimaurerisch wachsen.

Daher: Besuche das Ritual. Zunächst wird es sich noch ungewohnt, fremd und unsicher anfühlen. Doch mit zunehmender Dauer wirst Du in diesem Ritual ankommen und Dich in diesem Ritual heimisch fühlen.

Und: Lies, was Dir an Literatur an die Hand gegeben wird. Du wirst nachher ein Heft von Otto Hieber erhalten. Otto Hieber ist ein Bruder, der von 1840 bis 1930 lebte und sich die Mühe gemacht hat, unser Ritual und unsere Symbolik auszulegen. Es gibt Brüder, die sich davor drücken, den Hieber zu lesen und begründen dies gerne damit, dass dieser so kompliziert geschrieben sei. Ich kann Dir nur empfehlen, Dich auf den Hieber einzulassen. Denn er gibt Dir eine erste Ahnung davon, was wir hier im Ritual machen. Er gibt Dir die erste Richtung vor. Er gießt sozusagen das Fundament Deines freimaurerischen Weges. Und wenn das Fundament irgendwann gelegt ist, wirst Du feststellen, dass es noch andere Auslegungen des Rituals gibt, die ebenfalls ihre Berechtigung haben. Und Du wirst lernen, die Interpretationen des Hieber kritisch zu hinterfragen.

Doch am allerwichtigsten, lieber xxx, ist: Nimm Dir die Zeit und die Ruhe nachzufühlen, welche ganz eigenen Resonanzen Symbol und Ritual in Deinem Innern hervorrufen. Dies hat mindestens die gleiche Berechtigung, wie alles, was andere über das Ritual schreiben oder erzählen. Höre tief in Dich hinein.

Denn eins kann ich Dir hier und jetzt offenbaren: Alles, was Du heute äußerlich rituell erlebt hast und was Du auch später äußerlich rituell erleben wirst, ist letztendlich ein Bild für Vorgänge, die sich in Deinem Inneren vollziehen sollen. Symbol und Ritual drücken letztendlich einen inneren Weg aus.

Lieber Bruder xxx, es sind heute eine Menge Worte zu Dir gesprochen worden. Es sind Dir eine Menge Symbole begegnet. Und es sind eine Menge rituelle Handlungen an Dir vollzogen worden. Auf Deinem weiteren freimaurerischen Weg wirst Du Dir nach und nach erschließen, was da heute mit Dir passiert ist.

Drei Dinge habe ich mit meinen Worten in diesem Vortrag versucht, Dir mit auf den Weg zu geben. Nämlich:
– Gehe Deinen freimaurerischen Weg mit Emotion und Ratio, mit Gewissen und Vernunft, mit Herz und Verstand.
– Lerne ein Lernender zu sein und zu bleiben.
– Lerne, sämtliche Symbole und die Rituale als etwas zu verstehen, was sich in Deinem Inneren vollziehen soll.

Vielleicht wirst Du dann auf Deinem freimaurerischen Weg mit dem in Berührung kommen, was ich zu Beginn als „Mysterium des Lebens“ versucht habe zu umschreiben. Das, was die Böhsen Onkelz wie folgt umschreiben:
„Es nimmt Dich mit auf Reisen,
in den Weltraum Deiner Seele.
Es lässt Dich nach Dir suchen,
lässt uns spüren, dass wir leben.
Es kennt jedes Geheimnis,
es redet, doch bleibt stumm,
es enthüllt nicht seine Wahrheit,
es bleibt Mysterium.“

Oder wie die Böhsen Onkelz an anderer Stelle singen:
„Das Leben war die Antwort
und ich stellte viele Fragen,
und dieses endlose Geheimnis
hatte unendlich viel zu sagen.“

Es geschehe also!

Freimaurerei und Gott – Wie verträgt sich das?

FREIMAURERTUM UND GOTT - EIN VORWORT (ZU TEIL 1/3):

Keine Frage ist so geeignet, heftigste Diskurse innerhalb des Freimaurertums auszulösen, wie die Frage nach Gott. Vereinfacht und überspitzt reichen die Positionen von "man kann nur ein Freimaurer sein, wenn man an einen wie auch immer gearteten Gott glaubt" bis hin zu "man kann nur ein Freimaurer sein, wenn man nicht an einen Gott glaubt".

Für die Leser meines Blogs ist es nicht schwer, mich innerhalb dieser Diskussion zu verorten: Für mich bedingt der Weg eines Freimaurers die Vorstellung eines Gottes; wenn auch nicht im dogmatischen Sinne. Diese Position hat ihre Berechtigung, ist aber nicht die einzig mögliche.

In drei Blogartikeln möchte ich nun die Gelegenheit geben, auch die Positionen zu Wort kommen zu lassen, die sich nicht mit meiner Position decken oder dieser sogar konträr gegenüberstehen. Ich freue mich sehr, hierfür die Freimaurer und Blogger Rene Schon und Jürgen Scheffler gewonnen zu haben. Beide gehen den Weg des Freimaurers als bekennende Atheisten.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Frage nach Gott nicht nur geeignet ist, Kontroversen innerhalb des Freimaurertums auszulösen, sondern auch aufzuzeigen, welche Vielfalt innerhalb des Freimaurertums möglich ist. Wenn der Leser die beiden Artikel von Rene Schon und Jürgen Scheffler sowie meinen Artikel zum Thema gelesen haben wird, wird er eine Vorstellung davon haben, über welche Bandbreite das Freimaurertum verfügt…

Genug der Worte. Vorhang auf für den Beitrag von...

JÜRGEN SCHEFFLER:

juergen-scheffler

FREIMAUREREI UND GOTT – WIE VERTRÄGT SICH DAS?

Um es vorweg zu nehmen – nach meiner Meinung, gar nicht.

In der deutschen Freimaurerei gibt es neben anderen kleineren Zweigen 2 Zweige mit höheren Mitgliedszahlen.

Zum einen wäre da der FO (Freimaurerorden), der sehr religiös aufgestellt ist. Hier wird im Ritual gebetet und auch Jesus Christus als der Große Meister angesehen. Ich will und kann mich zu den Gepflogenheiten dieses Ordens nicht äußern, ist auch gänzlich nicht meine Welt.

Der zweite, sicherlich größte Bereich der Freimaurerei in Deutschland, ist die sogenannte humanitäre Freimaurerei AFuAM (Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland) hier bin ich Mitglied und stütze meinen nachfolgenden Text nur auf diesen Bereich.

Bewusst werde ich auch nicht auf die Hochgrade, die man heute „weiterführende Grade“ nennen soll, eingehen – ich lehne sie einfach ab, da sie nach meiner Meinung in die gänzlich falsche Richtung weisen und mit Freimaurerei nichts mehr zu tun haben.

EINLEITEND ERST EINMAL ETWAS GESCHICHTE:

Die Freimaurerei entstand aus den alten Bauhütten des Mittelalters und nicht, wie sie wohl oft lesen werden, aus den alten Dombauhütten. Warum die Freimaurerei immer wieder den Dombauhütten zugesprochen wird, bleibt mir ein Rätsel und ist wohl dem Versuch der Zuordnung zur christlichen Religion geschuldet. Entgegen der geschätzten max. 50 Dombauhütten in Deutschland stehen sicherlich tausende Bauhütten in denen die alte Steinmetzbruderschaft aktiv war. Man kann sicherlich davon ausgehen, dass jede mittlere und große Stadt mindestens eine Bauhütte hatte, einfach, weil spätestens seit der Zeit des Hochmittelalters (beginnend etwa Mitte des 13. Jahrhunderts) sehr viel in Stein gebaut wurde. Dazu gehörten neben den imposanten Dombauten, Kirchen und Schlössern natürlich auch die Bauten der Alltagsarchitektur wie Rathäuser, große Bürgerhäuser sowie Stadtmauern, Burgen und andere Befestigungseinrichtungen. Auch hier wurden alle möglichen Mittel der damaligen Baukunst eingesetzt, um möglichst imposante und wehrhafte Gebäude zu errichten, die den gesellschaftlichen Stand ihrer Eigentümer und der Städte widerspiegelten. In dieser Zeit erstarkten die Steinmetzbruderschaften und deren Bauhütten bis ihre Sonderstellung um 1731 mit dem endgültigen Verbot durch Kaiser Karl VI endete.

Nahezu zeitgleich entstand die spekulative Maurerei, die Freimaurer, wie wir sie heute noch kennen.

Man sollte auch noch betrachten, dass zur Zeit der alten Bauhütten in unserem Land noch Leibeigenschaft herrschte. Niemand durfte ohne Erlaubnis sein Land verlassen. Lediglich den Mitgliedern der Steinmetzbruderschaften wurde, sicherlich nicht uneigennützig, eine eigene Gesetzbarkeit und Reisefreiheit gewährt.

Man stelle sich jetzt einmal vor, dass diese Reisenden mit dem Wissen, was sich nicht nur auf die Steinmetzkunst beschränkte, aus aller Herren Länder in diesen Bauhütten abstiegen. Sie hatten in diesen dunklen Zeiten, in dem noch die „Heilige“ Inquisition mit ihren Gottesurteilen, Folter und Hexenverbrennungen tobte, sicherlich sehr viel, was den Kirchen sicherlich nicht gefallen haben dürfte, zu berichten. Das ging natürlich nur in „gedeckten“ Räumen, den Bauhütten, in denen man sich vor nicht willkommenen Gästen durch geheime Zeichen, Wort und Griff schütze.

JETZT EIN WENIG SPEKULATION:

Leider ist aus dieser Zeit kaum etwas schriftlich überliefert, aber man kann versuchen, seine Schlussfolgerungen hieraus aus logischen Schlüssen zu ziehen.

Ich stelle mir diese Bauhütten als ziemlich raue und sicherlich auch nicht gerade saubere Arbeitsunterkünfte vor, was natürlich zur Frage führt, warum strebten gegen Anfang des 18. Jahrhunderts sogar Adlige und das Großbürgertum in diese, zu dieser Zeit natürlich nur noch spekulativen Bauhütten der Freimaurer, warum wurden die Bauhüttentraditionen überhaupt fortgesetzt?

Religion und deren Rituale können es nicht gewesen sein, denn die fand man zuhauf in den Kirchen dieser Zeit. Ich vermute einmal, es war der freie Geist, der aus den Bauhütten ausstrahlte. In dieser spekulativen Freimaurerei versuchte man damals, seine Ideale von einer freien, humanitären Gesellschaft am fiktiven Bau nachzubilden. Man übernahm die gedeckten Räume in die man nur Zugang bekam, wenn man die geheimen Zeichen, Worte und Griffe beherrschte. Man versucht den fiktiven Bau, der heute allgemein als der Tempel der Humanität für eine humane Gesellschaft bezeichnet wird, durch Rituale und Botschaften die bedingt vergleichbar den Graden der alten Bauhüttentradition aufgebaut sind, zu festigen. In den alten Bauhütten gab es nur Lehrlinge und Gesellen wo hingegen der Meister immer aus den Reihen der Gesellen gewählt wurde. Das änderte sich im Laufe des frühen 18. Jahrhunderts.

DER BRUCH IM LEHRGEBÄUDE DER SPEKULATIVEN FREIMAUREREI:

Neben der spekulativen Freimaurerei entstand gegen Ende des 17. Jahrhunderts das Rosenkreuzertum. Ein sehr christlich und mystisch aufgebauter Orden, der den neu entstehenden Freimaurerlogen arg zu schaffen machte. Zur Abwehr entwickelte man einen neuen Grad in der Freimaurerei, den Meistergrad, der entgegen dem Lehrlings- und Gesellengrad nichts mehr mit den alten Bruderschaften zu tun hatte und auch sehr viele christliche und mystische Elemente enthielt. Für mich war das der eigentliche Bruch im Lehrgebäude, an dem nach meiner Meinung die Freimaurerei bis heute zu leiden hat.

Man wendete sich von der möglicherweise in den alten Bauhütten vorhandenen Streitkultur gegen alle Restriktionen aus Glaubensfragen und Obrigkeitsdenken wieder ab und wurde zahm, sehr zahm wie man aus den „Alten Pflichten“ dem bis heutige gültigen Gesetz der Freimaurer von 1723 leicht erlesen kann.

GOTT, RELIGION UND DEREN BEGRIFFLICHKEITEN IN DER FREIMAUREREI DER GEGENWART.

Inhaltlich wurde, wie bereits oben erwähnt, ein Meistergrad in die Freimaurerei integriert, der mit dem eigentlichen Lehrgebäude eines Steinmetzes überhaupt nichts zu tun hat. Zusätzlich wurden den alten Bauhütten im allgemeinen Sprachgebrauch der Begriff Dombauhütten zugewiesen. Auch aus den Bauhütten, den ursprünglich gedeckten Räumen wurden die Tempel und aus den eigentlichen, symbolisch nachzubildenden Arbeiten der alten Bauleute wurden demnach zwangsläufig Tempelarbeiten.

Stellt man sich eine alte Bauhütte vor, könnte man sich leicht eine etwas schmuddelige, einfache Hütte mit einem großen Reißbrett in zentraler Stelle voller Zeichnungen und Zeichenwerkzeuge zur Erstellung dieser Zeichnungen vorstellen.

Heute ist dieses Reißbrett, sicherlich ehemals der Arbeitsplatz des Meisters der Bauhütte (des Architekten) zu einem Altar geworden. Auf diesem liegen dann als Zeichnungen für den symbolischen Bau festgeschriebene „Heilige“ Bücher und die Werkzeuge des Meisters oder des Architekten, der den symbolischen Bau in Ordnung bringt, der Zirkel und das Winkelmaß. Überträgt man diese Symbolik in den fiktiven Bau scheint klar zu werden, die Grundlagen für eine humane Gesellschaft sind maßgeblich aus heiligen Büchern zu holen – Ich empfinde dies als eine Katastrophe und vermute mal, die alten Steinmetzen würden dem niemals zustimmen können.

Ein ganz wichtiges Symbol für die reguläre Freimaurerei darf hier natürlich nicht vergessen werde. Das ist der „Große Baumeister aller Welten“.

Die „reguläre“ Freimaurerei hat sich weltweit den „Gesetzen“ der Englischen Großloge untergeordnet, in der klar definiert ist, dass eine reguläre Loge einen „Großen Baumeister aller Welten“ sowie ein bestimmtes „Heiliges Buch“ anzuerkennen hat. Leider kann, oder womöglich will sie sich aus diesem religiös definierte Zangengriff nicht befreien. Sie hält vehement an alten Traditionen fest, oder an das, was sie dafür hält.

So hat man in der humanitären Freimaurerei sicherlich Probleme, diesen Begriff des „Großen Baumeisters aller Welten“ zu definieren und zuzuordnen. Wenn man ihn liest, fällt einem natürlich direkt nur Gott ein. Diesen Gottesbezug will man allerdings in dieser offensichtlichen Form nicht aufrechterhalten, das wäre ja konträr einer rein humanitären und auf Wissen basierenden Freimaurerei. Kurzum deutet man um, man beschreibt diesen Begriff als ein „Schöpferisches Prinzip“ was sich jeder selbst definieren darf. Ein „Schöpferisches Prinzip“ in einem Tempel, in den heiligen Hallen, bei einer Tempelarbeit mit Altar und „Heiligem Buch“? Und, man dankt diesem „schöpferischen Prinzip“ sogar und bittet es an bestimmten Ritualstellen um Hilfe. Hier erscheint mir der FO (Freimaurerorden) mit seiner definierten christlichen Ausrichtung sehr viel ehrlicher.

Zugegeben, bei mir hat es etliche Jahre gedauert, bis ich diese Ungereimtheiten für mich erkannt hatte. Ich habe in der Vergangenheit etliche Jahre mit mir, den Ritualen, den Symbolen, meinen Freimaurer-Brüdern und der Freimaurerei insgesamt gerungen. Freimaurerei war für mich wichtig, da sie eine global organisierte Bruderschaft ist, die sich als Gegenpol zur globalen Wirtschaft- und Finanzwelt aufstellen könnte. Leider möchte sie das offensichtlich nicht, obwohl es dringend erforderlich wäre.

Ich hatte immer gedacht, eine der riesigen Vorteile der Freimaurerei ist das Gespräch, das Streitgespräch auf Augenhöhe mit Brüdern aus unterschiedlichen gesellschaftlichen und sozialen Schichten. Das findest man sonst nirgendwo und unsere so hochgelobte Streitkultur wird auch immer wieder auf Gästeabenden besonders betont. Was soll das denn, wenn wir dies nicht nutzen wollen?

Tiefer, aufgezwungener Glaube hat im tiefsten Mittelalter der Menscheit weit über tausend Jahre Entwicklung gekostet und sehr viel Leid gebracht. Die Freimaurerei tut gut daran, ihre Grundlagen aus der Moderne, aus der Wissenschaft zu beziehen. Wissen heißt nicht unbedingt Recht zu haben. Wissen heißt lediglich eine Theorie zu haben, die wissenschaftlich beweisbar oder wenigstens logisch schlüssig ist. Eine wissenschaftliche These schreit, ganz anders als ein Glaube, nach Gegenthese. Wissenschaft will Wissen schaffen und ist daher immer auf der Suche nach neueren Erkenntnissen. Nach Thesen, die bessere Argumente haben. Das passt gut in die Freimaurerei, wie ich sie mir vorstelle.

Auch zugegeben, auf der Webseite von AFuAM hat sich in den letzten paar Jahren sehr viel getan. Von mir immer wieder kritisierte Textpassagen sind gänzlich verschwunden. Die Webseite stellt sich heute durchaus sehr modern dar, aber an den nach wie vor religiösen Kern, da geht man tunlichst besser nicht heran.

Es wird darauf hingewiesen, dass in den Logen verschiedene Facetten der Ausprägung von Freimaurerei zu finden sind, löst sich aber nicht von den „Alten Pflichten“ von 1723 und versucht einmal „Neue Pflichten“ zu deklarieren. Das passt nicht zusammen, was man leider oft erst nach vielen Jahren Freimaurerei bemerkt.

Ein Satz auf dieser Webseite hat es mir besonders angetan: „…Freimaurer wissen zwar nicht, wie eine menschliche Welt im Einzelnen auszusehen hat, denn sie verzichten darauf, gesellschaftlich-politische Utopien zu formulieren….“. Hier ist der Begriff „Utopien“ allein schon negativ konnotiert – warum eigentlich? Möchte man damit etwas besonders negativ betonen? „Visionen“ passt hier deutlich besser und wäre sicher angebracht gewesen.

Hätte ich damals so eine Bemerkung auf der Webseite von AFuAM gelesen, ich wäre niemals Freimaurer geworden. Es ist für mich eine regelrechte Aufgabe, eine Kapitualtion vor dem großen Plan der Gestaltung einer humanen Gesellschaft. Der symbolische Bau einer humanen Gesellschaft der „Tempel der Humanität“ hat für die Freimaurerei offensichtlich keine Bedeutung mehr.

Auch heißt es bei uns im Ritual „Wir bauen den Tempel der Humanität ….. die Steine, deren wir bedürfen, sind die Menschen“. Dies scheint mir ein Hinweis auf alle Menschen – die eingeschlossen, die nicht Freimaurer sind. Die Frage ist lediglich, wer erstellt den Plan, wer ist der Architekt dieses symbolischen Baus? Wenn der Meister keine eigenen Zeichnungen mehr auflegt, sondern mit seinem Zeichenwerkzeug auf ein „Heiliges Buch“ verweist, kommt da wieder einer dieser ominösen Götter ins Spiel? Das kann und darf es nicht sein, wir müssen uns unsere Welt selbst gestalten – wir sind die Meister und wir erstellen die Zeichnungen nach denen der symbolische Bau erfolgt.

Ich habe als Ziel der freimaurerischen Arbeiten immer den symbolischen Bau als den Bau einer menschlichen Welt verstanden. Wo bleibt dieses Ziel? Ist dieses Ziel bewusst aufgegeben worden, weil es niemals eine Bedeutung im Lehrgebäude der symbolischen Freimaurerei hatte? Weil der Meistergrad nicht angefasst werden darf und dieses religiös Mystische, dieses Spiel zwischen Leben, Tod und Auferstehung unbedingt erhalten werden muss?

Wie wollen wir eine menschliche Welt gestalten ohne uns bewusst mit diesen gesellschaftlich-politische Utopien zu beschäftigen und im Idealfall sogar zu definieren. Bei allen Irrtümern, die daraus entstehen können, es würde sich viel leichter in einer global organisierten Runde von gleichdenkenden Brüdern und wer mag, auch mit Schwestern erreichen – viel besser als allein.

Die Freimaurerei in ihrer Verzahnung zu diesen alten Glaubensvorstellungen versagt da meines Erachtens vollständig. Sie kann sich einfach nicht lösen und ich, wie einige Brüder in meinem Umfeld, haben die Hoffnung für Erneuerung bereits aufgegeben.

Für mich ist es unglaublich, dass wir uns nach wie vor anmaßen, in der Tradition des Humanismus und vor allem der Aufklärung zu stehen. Es kann sein, dass wir in den Zeiten der Aufklärung stehen geblieben sind (was ich sogar bestreiten möchte, da die Aufklärung Fortschritt wollte) – aber ist das tatsächlich sinnbringend in der heutigen Zeit?

In der Tradition stehend, heißt für mich, die fortschrittlichen Gedanken dieser Zeit weiter zu entwickeln und nicht in dieser Zeit verhaftet zu bleiben. Es ist noch nicht lange her, da wurden den jungen interessierten Herren in meiner Loge gesagt „Wir, die Freimaurer, verstehen unter Tradition nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.“ Ist das etwa auch so ein weiterer abgedroschener, sinnentleerter Spruch ohne Bedeutung?

JÜRGEN SCHEFFLER

REFERENZEN:
– Man siehe hierzu auch meine schon ein paar Jahre alten Ausführungen für eine mögliche Freimaurerei der Zukunft:
https://www.moderne-freimaurer.de/cms/WS_Reform-der-Freimaurerei-notwendig-Historie.html
– Grundsätzliches und weiterführende Gedanken zum Gottesglauben habe ich jüngst hier geschrieben:
https://www.moderne-freimaurer.de/cms/NS_Von-Gott-und-der-Welt.html

Neuland

Manchmal schreibt man etwas nieder und merkt erst danach, dass man mit dem Geschriebenen auch ein inneres Thema für sich zu einem Abschluss gebracht hat. Und am Übergang zu einem neuen Abschnitt steht. Mir ging es mit meinem letzten Blog-Artikel „Die Sehnsucht der männlichen Seele“ (https://hagenunterwegs.wordpress.com/2016/01/19/die-sehnsucht-der-maennlichen-seele/) so. Aber alles nacheinander:

Die ersten Menschen, die meinen spirituellen Weg prägten, waren Frauen. Allen voran meine baptistische Mutter. Sie begleiteten meine ersten Schritte hinein in den Glauben an Gott. Und ich durfte lernen, dankbar dafür zu sein.

Doch konnten all diese Frauen eins nicht: Mir zeigen, was es bedeutet, diesen spirituellen Weg als Mann zu gehen. Diese Frauen ließen mich teilhaben an ihren Formen der Spiritualität. Doch konnten diese Formen weder mein Bedürfnis nach einer Spiritualität, die die Themen und Bilder der männlichen Seele erschließt, stillen. Noch konnten sie mir den Zugang zu einem authentischen und kraftvollen Mannsein ermöglichen.

Also machte ich mich auf den Weg. Vielleicht war die Sehnsucht, die mich antrieb, dieselbe, die seit Menschengedenken junge Männer – wie einst Parzival – dazu treibt, den heimischen Schoß ihrer Mütter zu verlassen und sich auf ihre eigene Heldenreise zu begeben. Meine Reise führte mich zu den archaischen Initiationsriten, hinaus in die Natur und schließlich in den christlichen Freimaurerorden.

Doch seit etwa zwei Jahren plötzlich klopft die weibliche Seite der Spiritualität wieder bei mir an. Zunächst noch in einer Weise, die ich kaum wahrnahm.

Es begann mit einem spirituellen Seminar, das ich besuchte und an dem auch Frauen teilnahmen. Das erste Mal nach vielen Jahren wurde ich wieder damit konfrontiert, wie die weibliche Seele Spiritualität erlebt und ausdrückt. Und irgendwie war dies ganz neu für mich. Neu und auch befremdlich. Es zeigte mir, dass ich zwischenzeitlich ein Defizit entwickelt hatte.

In dieselbe Kerbe schlägt die spirituelle Lehre der Kabbala, mit der ich in Berührung gekommen bin. Die Kabbala ist viel zu vielschichtig und umfassend, als dass ich mir anmaßen würde, sie vollständig durchdrungen zu haben. Ein kabbalistisches Prinzip jedoch geht mir besonders nach: Das des Ausgleichs und der Vereinigung des Männlichen und des Weiblichen. Dieses Prinzip begegnet einem in der Kabbala an den verschiedensten Stellen und in die unterschiedlichsten Bilder gehüllt.

Auf dieses Prinzip bin ich darüber hinaus auch auf meinem Weg durch das Ritual und die Grade des christlichen Freimaurerordens gestoßen.

Eine Erfahrung, die ich auf meinem Weg schon häufiger gemacht habe, ist, dass die Themen, die in meinem Leben als nächstes „dran“ sind, mich finden, sobald die Zeit dafür reif geworden ist. Und so scheint für mich die Zeit der Suche nach den Formen und den Bildern männlicher Spiritualität vorerst vollendet zu sein. Das, was ich auf dieser Suche gefunden und erlernt habe, will nun in den Einklang und in den Ausgleich mit den Formen und Bildern weiblicher Spiritualität gebracht werden. Und als Ganzes in mein Leben integriert werden.

Genau das war es, was mir bewusst wurde, als ich meinen Artikel „Die Sehnsucht der männlichen Seele“ fertiggestellt hatte. Und an genau dieser Schwelle stehe ich jetzt. Und blicke auf Neuland…