Kultur der Lüge

„Siehst Du die Streifen nicht,
die dort am Himmel steh’n,
da hab ich mal was zu gelesen.
Bestätigt wird das ganze
vom Experten-Team
und das sitzt neben mir am Tresen.“
(Dritte Wahl)

DER JUDE AN SICH

Vor ein einigen Monaten diskutierte ich mit einer Person, die mir nahesteht, über die aktuelle politische Großwetterlage in Deutschland. Wie so oft. Wir telefonierten.

Diesmal ging es um die Frage, wie gefährlich das Corona-Virus tatsächlich ist und ob die Lockdown-Maßnahmen der Bundesregierung angemessen oder völlig überzogen sind. Durchaus Fragen, die man stellen und aus verschiedenen Blickwinkeln diskutieren kann. Mein Gegenüber vertrat die These, dass das Corona-Virus durch gezielt gesteuerte, gleichgeschaltete mediale Meinungsmache bewusst als gefährlicher dargestellt werde, als es tatsächlich sei. Es solle Panik und Angst in der Bevölkerung geschürt werden. Auf diese Weise solle das deutsche Volk gefügig gemacht und auf eine Corona-Zwangsimpfung vorbereitet werden. Verdienen daran solle Bill Gates, der seit Jahren große Geldsummen in die Impfstoffforschung, medizinische Einrichtungen und Organisationen sowie die WHO investiere. Ein weiteres Ziel sei es, durch die Lockdown-Maßnahmen die deutsche Wirtschaft und damit Deutschland selbst zu Grunde zu richten.

Dies, so führte mein Gesprächspartner fort, würde von denselben Mächten forciert, die schon im Jahr 2015 die deutschen Ausgrenzen für einen unbegrenzten und unkontrollierten Zustrom an Flüchtlingen aus muslemisch geprägten Ländern geöffnet hatten. Auch hierdurch sollte Deutschland geschwächt und das deutsche Volk schließlich sukzessive durch eine Mischrasse mit Migrationshintergrund ausgetauscht werden.

Ich kam in diesem Telefonat mit dem Atemholen kaum nach. Immer abenteuerlicher wurden die Theorien. Und als Beweise für deren Richtigkeit wurden ein paar fragwürdige Social-Media-Profile und Telegram-Kanäle, einige halbseidende Webpages sowie diverse Betroffenheit erzeugende YouTube-Videos angeführt.

Schließlich stellte ich die Frage aller Fragen: „Wer profitiert davon? Wer steckt hinter alledem?“ „Der Jude.“, kam die Antwort prompt. Mir fiel die Kinnlade herunter. „Also, den Finanz-Juden meine ich.“, konkretisierte mein Gesprächspartner seine Aussage. „Die Juden sind ja fast alle in der Finanzbranche aktiv.“

Ich merkte, dass diese Aussage eine unverrückbare rote Linie von mir überschritten hatte. Und diese rote Linie heißt Rassismus…

ZWEI FRAGEN

Verschwörungstheorien haben Konjunktur. Doch waren es früher irgendwelche Nerds, die irgendwo am Rande der Gesellschaft irgendwelchen obskuren und letztendlich nicht beweisbaren Theorien anhingen, so dringen diese Theorien heute bis in die Mitte der Gesellschaft vor. Und schlagen Wurzeln. In den Köpfen der Menschen. In den Herzen der Menschen. Die neuen Medien machen es möglich.

Fake News haben Konjunktur. Schien es früher einen gewissen gesellschaftlichen Minimalkonsens zu geben, was ein Fakt ist, was dessen Deutung ist und was dessen Verdrehung, so scheint heute wahr zu sein, was gefällt. Behauptungen müssen nicht mehr bewiesen werden. Es langt, sie andauernd und vehement zu wiederholen.

Man könnte über diese Entwicklung ungläubig den Kopf schütteln oder einfach nur schmunzeln, wenn sie den gesellschaftlichen Diskurs nicht so radikalisieren, verrohen und vergiften würde. Man könnte über diese Entwicklung einfach hinweggehen, wenn sie nicht so paranoide Weltbilder erschaffen würde. Man könnte diese Entwicklung abtun, wenn sie nicht so tiefe Gräben in die Gesellschaft reißen würde. Legitimierten Verschwörungstheorien und Fake News anfangs „nur“ so manch virtuellen Shit-Storm, so legitimieren sie mittlerweile auch Gewalt gegen Menschen. Worin wird diese Entwicklung einmal münden?

Je mehr ich mich mit dem Phänomen der grassierenden Verschwörungstheorien und Fake News auseinandersetzte, desto mehr kristallisierten sich für mich zwei entscheidende Fragestellungen heraus: „Wie kommt es, dass ein nicht unwesentlicher Teil der Bevölkerung jeden noch so abstrusen und ganz offensichtlich erlogenen Fake News, jeder noch ao abstrusen und ganz offensichtlich erlogenen Verschwörungstheorie aufspringt?“ Und: „Weshalb bringt dies solch eine Radikalisierung, Verrohung und Vergiftung des gesellschaftlichen Diskurses bis hin zur Legitimierung von Gewalt mit sich?“ Diesen Fragen will ich in diesem Blogartikel nachgehen.

EIN PAAR DEFINITIONSVERSUCHE

Doch bevor ich dies tue, sollte ich zunächst einmal umreißen, wovon ich ausgehe, wenn ich von Verschwörungstheorien und Fake News spreche.

Wikipedia beschreibt eine Verschwörungstheorie als „den Versuch, einen Zustand, ein Ereignis oder eine Entwicklung durch eine Verschwörung zu erklären, also durch das zielgerichtete, konspirative Wirken einer kleinen Gruppe von Akteuren zu einem meist illegalen oder illegitimen Zweck … Verschwörungstheorien dienen dem überlasteten Menschen in überfordernden Situationen, der Komplexitätsreduktion und der Aufrechterhaltung des Glaubens an die Durchschaubarkeit der Realität und die Selbstwirksamkeit des Subjekts“.

Das, was Verschwörungstheorien so schwer greifbar und schwer zu wiederlegen macht, ist, dass jedes Argument und jeder Beweis gegen eine solche Theorie von ihren Anhängern als ein Argument dafür umgedreht werden kann.

Fake News definiert Wikipedia als „manipulativ verbreitete, vorgetäuschte Nachrichten, die sich überwiegend im Internet, insbesondere in sozialen Netzwerken und anderen sozialen Medien zum Teil viral verbreiten.“ Im Duden findet man unter dem Stichwort Fake News folgende Definition: „In den Medien und im Internet, besonders in den Social Media, in manipulativer Absicht verbreitete Falschmeldungen“.

Verschwörungstheorien und Fake News ist gemein, dass sie darauf abzielen, Stimmungen zu erzeugen und nicht darauf, sachliche Aufklärung zu betreiben. Verführerisch an ihnen ist, dass man sie gar nicht beweisen muss. Einmal vom Stapel gelassen, können sie sich ungefiltert ausbreiten und festsetzen. Sie sind mit einem Nachdruck formuliert, der ein Infragestellen nicht duldet. Dieser imperative Tonfall suggeriert Seriosität und Wissenschaftlichkeit und stellt jeden in die Ecke des naiven und unwissenden Idiotens, der es wagt, sie zu hinterfragen.

Im Zeitalter der Social Media können Verschwörungstheorien und Fake News in Wechselwirkungen des sich gegenseitigen Bestätigens und Beschleunigens treten und dadurch eine dramatische Dynamik entwickeln. So können Fake News erfunden werden, um Verschwörungstheorien zu stützen und umgekehrt Verschwörungstheorien, um Fake News zu stützen. Fatal wird dies, wenn diese Dynamiken in menschenverachtende Richtungen gehen oder extremistischen Ideologien in die Karten spielen.

ETHISCH-MORALISCHER BANKROTT

Meine These ist, dass in wir in diesen Tagen in unserer Gesellschaft eine Saat aufgehen sehen, die mindestens seit Jahrzehnten, wenn nicht seit Jahrhunderten oder gar seit Jahrtausenden ausgesät worden ist: Nämlich die schleichende Gewöhnung an vorsätzliche Lüge und an bewusste Halbwahrheit…

Da sind zunächst einmal die, die wir in unsere Parlamente gewählt haben, damit sie unsere Interessen vertreten. Wenn es um Lügen und bewusste Halbwahrheiten geht, marschieren diese seit jeher munter vorneweg. Die Vorbildfunktion, die ein politisches Amt immer mit sich bringen sollte und die sich in einem ethisch-moralischen Lebenswandel ausdrücken sollte, wird von den politischen Eliten viel zu oft mit Füßen getreten. Es war seit jeher opportun, das eigene Volk anzulügen, wenn es dem eigenen Machterhalt diente. Nahm ein Politiker so großspurige Worte wie „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort“ in den Mund, ging es ihm nicht um Wahrheitsfindung, sondern darum, die Öffentlichkeit von der eigenen Lüge zu überzeugen. Wurden Sozialstandards abgebaut, Arbeitnehmerrechte eingeschränkt oder Voraussetzungen geschaffen, das Lohnniveau zu drücken, wurde uns dies als „notwendige Reformen“ verkauft. Und natürlich stand und steht es nicht im Widerspruch dazu, nach der politischen Laufbahn lukrative Posten in eben den Unternehmen zu bekleiden, die einem zuvor noch ebendiese „notwendigen Reformen“ in die Feder diktiert hatten.

Dann sind da die Bildschirme, Plakatwände und Zeitschriften, von denen seit Jahrzehnten belanglos makellose Menschen unsere Gesellschaft mit Lügen und bewussten Halbwahrheiten fluten. Produkte werden stimmungsvoll in Szene gesetzt und mit gefälligen Attributen wie „Wellness“ oder „Freiheit“ oder was auch immer gerade en vogue ist, versehen. Bei genauerem Hinsehen aber stehen diese Attribute meist im krassen Gegensatz zum angepriesenen Produkt. Denn was hat es beispielsweise mit Freiheit zu tun, eine Zigarette zu rauchen? Was hat es mit Wellness zu tun, mit Zucker und Palmöl vollgestopfte Nahrungsmittel zu sich zu nehmen? Es geht ausschließlich darum, emotionale Resonanz auszulösen. Es soll Lebensgefühl verkauft werden. Denn hat der Konsument erst einmal einen emotionalen Zugang zum Produkt bekommen, wird er es auch konsumieren. Egal, ob er Bedarf daran hat oder nicht. Egal, ob er sich damit vergiftet oder nicht. Gerne werden auch Label wie „Fairtrade“ oder „Bio“ auf Produkte aufgebracht. Doch in schöner Regelmäßigkeit werden Fälle bekannt, in denen diese Label entweder bis zur Unkenntlichkeit ausgehöhlt oder durch Label ersetzt wurden, die die versprochenen Standards nicht einhalten. Denn in der Regel schert es die Unternehmen einen feuchten Dreck, ob ihre Produkte tatsächlich unter fairen und umweltschonenden Bedingungen hergestellt werden. Es geht ausschließlich darum, ein Marktsegment zu besetzen, um Gewinn zu machen. Und im nächsten Jahr muss dieser Gewinn noch einmal gesteigert worden sein. Daher geht es einzig und alleine darum, das Gewissen des Konsumenten zu beruhigen, damit dieser artig weiter konsumiert.

Wahre Profis im Spiel der Lügen und bewussten Halbwahrheiten sind aber auch diese aalglatten Nadelstreifenträger, die sich in den Chefetagen der großen Banken und Konzerne tummeln. Die tagein tagaus dem Diktat der Gewinnmaximierung folgen. Für die der gewöhnliche Arbeitnehmer oder hohe Umweltschutzstandards nicht mehr als lästige und möglichst niedrig zu haltende Kostenfaktoren darstellen. Die mit einem Federstreich Arbeitsplätze vernichten und Produktionsstandorte ins Ausland verlagern. Die an den Finanzmärkten astronomische Geldsummen verzocken und so ganze Volkswirtschaften in Schieflage bringen. Deren Solidarität und Mitgefühl exakt so weit reichen wie der eigene Vorteil. Die sich als Belohnung für ihre Arbeit nicht für möglich gehaltene Lohnexzesse genehmigen. Oder nicht minder exzessive Abfindungen zahlen lassen, wenn sie erfolglos waren. Und am Abend des Tages sitzen sie sonnenstudiogebräunt, gestriegelt und geschniegelt im sportiv konservativen Outfit in den Talkshows der Republik und erklären uns eloquent sympathisch, warum unsere Empörung über ihr Verhalten gar keine Berechtigung hat. Reicht das nicht aus, wird viel Geld in aufwendige Werbekampagnen gepumpt, bis es auch der Allerletzte geschluckt hat.

Befeuert wird die von mir skizzierte Kultur der Lüge durch eine Presse- und Medienlandschaft, die nach und nach ihre Funktion als gesellschaftlicher Wächter preisgibt. Lange Zeit war sie ein Bollwerk gegen diese Kultur der Lüge. Über Jahrzehnte hinweg war sie es, die den Finger in die Wunden legte und der Gesellschaft den Spiegel vorhielt. Es war nur folgerichtig, dass die Staats- und Verfassungsrechtler anfingen, von der Presse – neben der Legislative, der Judikative und der Exekutive – als der vierten Säule der Gewaltenteilung zu sprechen. Seit Ende der 80er beziehungsweise Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts jedoch wurde die Presse- und Medienlandschaft zunehmend dem Diktat der fiskalischen Rentabilität unterworfen. Der Fokus wurde verschoben auf die Maßgabe Gewinn zu erwirtschaften. Dies brachte eine schleichende Verflachung der Berichterstattung mit sich. Seither: Umfang und Qualität der Nachrichten gehen zurück. Es wird weniger in die Tiefe gegangen. Und die Aufmachung der Berichte ist zunehmend reißerisch und auf eine einfache Konsumierbarkeit ausgerichtet. Berichtserstattung wird zunehmend selektiv, was die Auswahl der Nachrichten angeht, und oberflächlich, was deren Tiefe angeht. Gebracht wird, was sich gut verkauft. Und das wird uns in mundgerechten Häppchen serviert.

Natürlich überspitze ich ganz bewusst, wenn ich ganze Berufsstände und gesellschaftliche Gruppen vollkommen plakativ an den Pranger stelle und über einen Kamm schere. Mein Artikel wird all denen nicht gerecht, die in den von mir angegriffenen Berufsständen arbeiten beziehungsweise zu den gesellschaftlichen Gruppen gehören und sich an dieser Kultur der Lüge ganz bewusst nicht beteiligen. Mein Artikel ist unfair all den aufrichtigen und ehrenwerten Journalisten, Politikern, Bänkern und Unternehmern gegenüber.

Und dann greift es natürlich auch zu kurz, einfach nur „irgendwelche andere“ oder gar „die da oben“ anzugreifen und für die aufgezeigten Entwicklungen verantwortlich zu machen. Dies wird einem komplexen und gesamtgesellschaftlichen Problemsachverhalt nur bedingt gerecht. Denn diese Kultur der Lüge hat letztlich nahezu jeden Winkel des gesellschaftlichen Lebens durchsetzt. Und auch wenn es natürlich die gesellschaftlichen Eliten und Meinungsführer – allen voran die aus Politik, Wirtschaft, Finanzbranche und Medien – sind, die durch ihr jahrzehntelanges Vorleben Halbwahrheiten und Lügen hoffähig gemacht haben, so bewegt sich doch ein jeder von uns in dieser Kultur der Lüge. Ein jeder von uns hat sich damit arrangiert und sehr wahrscheinlich auch seine Vorteile daraus gezogen. Ein jeder von uns steht Tag für Tag und in beinahe jeder Situation seines eigenen Lebens vor der Entscheidung, ob er dieses infame Spiel mitspielen will oder nicht. Und ich kann von mir sagen, dass ich viel, viel häufiger Teil dieser Kultur der Lüge bin, als mir recht sein könnte.

EINE FATALE ENTWICKLUNG

Trotzdem überspitze und vereinfache ich in diesem Blogartikel ganz bewusst. Denn dies ist mir Mittel zum Zweck. Auf diese Weise habe ich herausarbeiten und veranschaulichen können, was meine Kernthese ist: Wir sehen in diesen Tagen in unserer Gesellschaft eine Saat aufgehen, die mindestens seit Jahrzehnten – wenn nicht seit Jahrhunderten oder gar seit Jahrtausenden – ausgesät worden ist: Die schleichende Gewöhnung an vorsätzliche Lüge und an bewusste Halbwahrheit. Die Meinungsführer unserer gesellschaftlichen Eliten haben uns seit jeher derart inflationär belogen, dass sich die Lüge an sich seltsam vertraut für uns anfühlt.

Und so ist es nur zu folgerichtig, dass, wenn Menschen an den Punkt kommen dieser Kultur der Lüge zu misstrauen, sie sich nicht etwa für Wahrheit entscheiden, sondern einfach nur für eine neue Form der Lüge. Den offiziellen Meinungen und Verlautbarungen der gesellschaftlichen Eliten und Meinungsführern aus den Banken, Parteizentralen, Konzernen oder Medienhäusern wird nicht mehr geglaubt. Dafür aber halbseidenen und undurchsichtigen YouTube-Kanälen, Messengergruppen, Internetseiten und Onlineforen. Die, die den gesellschaftlichen Eliten und Meinungsführern nicht mehr glauben, glauben im Umkehrschluss nicht etwa an gar nichts mehr, sondern an so ziemlich alles. Zumindest an alles, was sie glauben wollen, weil es ins eigene Weltbild passt. Und da ist es letztendlich auch herzlich egal, wie verworren oder unhaltbar dieses Weltbild auch ist. Einmal an die Lüge gewöhnt, bleibt man ihr treu. Die vermeintliche Lügenpresse der anderen wird lediglich gegen die eigene Lügenpresse getauscht; die Kultur der Lüge der anderen gegen die eigene. Und genau aus diesem Grund haben Verschwörungstheorien und Fake News es bis in die Mitte der Gesellschaft geschafft. Deshalb sind sie so omnipräsent.

VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN, FAKE NEWS UND DAS EGO

Doch zu Beginn dieses Blogartikels hatte ich noch eine weitere Frage aufgeworfen, nämlich: „Wieso bringt der Glaube an Verschwörungstheorien und Fake News solch eine Radikalisierung, Verrohung und Vergiftung des gesellschaftlichen Diskurses bis hin zur Legitimierung von Gewalt mit sich?“ Weshalb entzweit er Menschen und bringt sie gegeneinander auf? Meines Erachtens lohnt es sich bei dieser Fragestellung näher hinschauen, in welche Wechselwirkungen Verschwörungstheorien und Fake News mit dem egodominierten Selbst – dem Falschen Selbst – des Menschen treten beziehungsweise treten können:

Zunächst einmal vermitteln Verschwörungstheorien und Fake News das Gefühl von Kontrolle. Denn in der Regel werden für komplexe und dadurch schwer nachvollbare Ereignisse und Entwicklungen einfachste Erklärungen herangezogen. Alles, was nicht in die herangezogenen Erklärungsmuster passt oder diesen widerspricht, wird ausgeblendet, wegretuschiert oder umgedeutet. Übrig bleibt eine vereinfachte und damit auch durchschaubare Weltsicht. Dadurch wird die Illusion befeuert, die Kontrolle über diese Welt, ihre Deutung und des Lebens an sich zu behalten.

Dann dienen Verschwörungstheorien und Fake News der Selbstüberhöhung. Schließlich ist man privilegiert, weil man sich im Besitz von „geheimem“ Wissen befindet. Und hierbei handelt es sich auch noch Wissen, das essentiell ist, um die Zusammenhänge und Zielrichtungen des gesellschaftlichen oder sogar weltweiten Geschehens zu verstehen. Man selber kennt die Wahrheit, für die die große Masse der Menschen blind ist. Dies kreiert das Selbstbild, ein Auserwählter zu sein.

Und meist geht dies alles einher mit einer gewissen Wagenburgmentalität. Man scharrt die Leute um sich, die denselben Verschwörungstheorien und Fake News anhängen. Es wird unterschieden zwischen „wir hier drinnen“, die wissend und sehend sind, und „denen da draußen“, die verblendet, irregeleitet oder blind sind. Es bleibt folglich nicht nur dabei, dass man sich selbst auf einen Thron setzt, nein, man wertet auch noch alle Außenstehenden und Andersdenkenden ab.

Als ich in Vorbereitung auf diesen Blogartikel zeitweilig einigen einschlägigen Telegram-Kanälen, auf denen verschwörungstheoretische Inhalte und Fake News (rund um die Stichworte „Q Anon“, „Corona-Leugnung“, „Der Austauch“ und so weiter) geteilt werden, folgte, wurde mir bewusst, dass diese eh schon sehr negativen Wirkweisen von Verschwörungstheorien und Fake News durch die Social Media durch noch drei weitere Aspekte zusätzlich eskaliert werden: Zuerst einmal werden Angst schürenden Szenarien gezeichnet, wonach geheime Mächte (wahlweise linke, grüne, kommunistische, jüdische, freimaurerische oder was auch immer für Kräfte) im Geheimen an den Schalthebeln der Macht sitzen und dieses Land (wahlweise auch die ganze Welt) nach und nach in den Abgrund ziehen. Dann erfolgt die Verbreitung dieser Inhalte in einer extrem hohen Taktung. Das hat zur Folge, dass der Konsument dieser Inhalte überhaupt nicht mehr zur Ruhe kommt. Zu guter Letzt werden diese Inhalte in einer Art und Weise geteilt, die geeignet ist, den Konsumenten in einem andauernden Zustand von Wut und Empörung halten…

Zusammengefasst befördern Verschwörungstheorien und Fake News also die eh schon negativen, egodominierten Seiten der eigenen Persönlichkeit, indem sie dem Ego die Illusion von Sicherheit und Kontrolle vorgaukeln, es selbst überhöhen und über Andersdenkende erheben. Und durch die Art und Weise, wie diese Inhalte Verbreitung finden, wird der Verschwörungstheorie- und Fake-News-Gläubige in einem permanenten Zustand der Angst, der Wut und der Empörung denen gegenüber gehalten, die ihm als Schuldige für die Fehlentwicklungen in diesem Land oder gar in dieser Welt präsentiert werden.

Man darf sich nichts vormachen: Auf diese Weise wird den Konsumenten dieser Verschwörungstheorien und Fake News nach und nach die Fähigkeit zur Empathie abtrainiert. Und ganze Menschengruppen, nämlich all jene, die man als Drahtzieher oder Urheber der geglaubten Angst-Szenarien identifiziert, werden schleichend „enthumanisiert“. Denn sie werden nicht mehr als Menschen wahrgenommen und dargestellt, die mit Würde und Vernunft begabt sind. Nicht mehr als Menschen, die sich mit denselben Ängsten, Herausforderungen und Bedürfnissen konfrontiert sehen wie man selbst. Sondern nur noch als Gefahr bringende Subjekte, die es zu bekämpfen gilt. Empathie wird abtrainiert, Menschen werden enthumanisiert. Und der stille Begleiter dieser Entwicklung ist immer Rassismus, welcher dadurch seine Legitimation erhält und wieder gesellschaftsfähig wird. Und mit einem Mal unterhält man sich wieder mit Menschen, die hinter allem Übel dieser Welt „den Juden“ wähnen…

Und um noch eines klar zu sagen: Eine solche Entwicklung ist das komplette Gegenteil von dem, was einen „gesunden“ spirituellen Weg ausmacht. Umso bedenklicher, dass ausgerechnet eine relativ große Schar an konservativen Christen Verschwörungstheorien und Fake News aufsitzt. Denn eigentlich sollten Christen doch nach dem Dreifachgebot der Liebe leben, das Jesus Christus einst gebracht hat. Und dieses lautet: Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (Die Bibel, Markus 12, 29).“ Liebe Gott – liebe Deinen Nächsten – liebe Dich selbst. Jesus spricht hier davon mit dem gesamten Wesen aus einer allumfassenden Liebe heraus zu leben. Liebe aber führt immer zu Mitgefühl und Empathie. Ich würde sogar soweit gehen, dass Liebe die Voraussetzung für Empathie ist. Das, was Verschwörungstheorien und Fake News aus einem Menschen machen, steht dem absolut konträr gegenüber. Da kann man sich noch so vehement auf das Christentum berufen und noch so enthusiastisch mit der Bibel herumwedeln, es ändert rein gar nichts daran.

VORBOTEN DES FASCHISMUS?

Wenn man zusammenfassend also die Argumentationslinien dieses Blogartikels nachvollzieht, ist es gar nicht mehr überraschend, dass sich ein nicht unwesentlicher Teil der Gesellschaft Verschwörungstheorien und Fake News zuwendet. Der Sozialisierung durch Lügen und vorsätzliche Halbwahrheiten sei Dank. Auch ist es nur zu folgerichtig, dass sich der gesellschaftliche Diskurs zunehmend radikalisiert, verroht und vergiftet, je mehr Verschwörungstheorien und Fake News Einzug halten. Denn es wird nicht nur das eigene egodominierte Selbst überhöht, sondern auch der Andersdenkende herabgwürdigt und zu einem hassens- und bekämpfenswerten Feindbild stilisiert. Dies alles bringt einen Verlust der eigenen Empathiefähigkeit sowie eine Enthumanisierung des Gegenübers mit sich. Rassismus, Übergriffe, Anschläge, Morde und Ausschreitungen stehen am Ende dieser Kausalkette. Entwicklungen, die wir in Deutschland aktuell live miterleben können.

Bereits im August 2015 schrieb ich in meinem Blogartikel „Wo Faschismus beginnt„: „Wenn man im Gegenüber nicht mehr den Menschen sehen kann und dessen Würde einer Anschauung unterordnet, ist – meines Erachtens – der Punkt erreicht, an dem Faschismus seinen Anfang nimmt. Hierbei ist es völlig unerheblich, ob diese Anschauung politischer oder religiöser Natur ist. Ein Wesensmerkmal faschistischer Systeme war und ist immer auch die Empathielosigkeit bestimmter menschlicher Gruppierungen gegenüber.“ Eine System, das Andersdenkenden gegenüber empathielos und in rassistischen Stereotypen auftritt, weil es diese enthumanisiert hat, verwirklicht also einen ganz wesentlichen Grundzug des Faschismus.

Wichtige Wegbereiter solcher Systeme sind und waren immer schon Verschwörungstheorien und Fake News gewesen. So erlebten wir es auf deutschem Boden bereits zu Zeiten der Weimarer Republik. Die Nazis hatten 1933 nicht völlig überraschend die Macht ergriffen. Nein, über Jahre hinweg hatten sie unter anderem durch das kontinuierliche Verbreiten von Verschwörungstheorien und Fake News ihrer Ideologie und ihrem Politikstil den Weg bereitet.

Ich kann nicht abschließend beurteilen, worin die von mir in diesem Blogartikel skizzierten Entwicklungen eines Tages mal münden werden. Aber ich kann ganz klar benennen, dass wir eine Entwicklung hin zu Radikalisierung, Verrohrung und Enthumanisierung in Kombination mit dem Verlust von Empathie erleben. Je weiter diese Entwicklung voranschreitet, desto weniger kann man davor seine Augen verschließen. Wann ist der Punkt erreicht, an dem jeder Mensch, der sich in den Werten von Demokratie und Menschenrechten verwurzelt weiß, Position beziehen muss? Fragen, die jeder nur für sich selbst beantworten kann. Ich weiß aber eines sicher: Die aktuelle Entwicklung hin zu Radikalisierung, Verrohrung, Enthumanisierung und dem Verlust von Empathie ist keine Alternative für Deutschland.

Adams Wiederkehr

BLOGPARADE – BUCHVORSTELLUNG

Vor einigen Monaten stolperte ich über einen ganz besonderen Blog: Er nennt sich „Der Krisenwandler“ und wird von Didi Burnault geführt. Dieser setzt sich dort auf berührend ehrliche und gleichzeitig konstruktive und bodenständige Weise mit seiner Depressionserkrankung auseinander. Dieser Blog tat es mir dermaßen an, dass er es in meine Sammlung spiritueller Links schaffte.

Anfang Juni diesen Jahres startete der Krisenwandler eine „Buchparade„. Wer wollte, war dazu aufgerufen, ein oder mehrere Bücher vorzustellen, die sein Leben nachhaltig geprägt haben. Nur zu gerne beteilige ich mich daran.

Ich habe mich dafür entschieden, das Buch „Adams Wiederkehr – Initiation und Männerspiritualität“ (früherer Titel: „Endlich Mann werden“) des Franziskaner-Paters Richard Rohr vorzustellen. Dieses umfasst 240 Seiten und kostet etwa 17,- €uro.

ÜBER DEN AUTOR

Richard Rohr (geb. 20.03.1943, Topeka) wurde 1961 in den Franziskanerorden aufgenommen und 1970 in West-Topeka zum Franziskaner-Priester geweiht. Im selben Jahr beendete er sein Theologiestudium am St. Leonhard Seminar in Dayton mit dem Master-Grad. Hiernach begann er als Religionslehrer Jugend-Exerzitien zu leiten, woraus die charismatische Familien- und Laien-Kommune „New Jerusalem“ in Cincinnati hervorging. Nach einem langjährigen Engagement in der Friedensbewegung lebt er seit 1987 in der Franziskanergemeinschaft in Albuquerque in New Mexico, wo er das „Center for Action and Contemplation“ aufbaute. Richard Rohr begründete auch die Männerbewegung M.A.L.Es (Men as Learners and Elders).

Neben zahlreichen Publikationen und Vorträgen zu den Themenkreisen männlicher Spiritualität, sowie der Durchführung von entsprechenden Seminaren, brachte er sich federführend in die Ausgestaltung eines Initiationsritus für Männer ein. Diesen durchliefen seit Anfang der 1990er Jahre viele tausend Männer aus den USA, aus Europa sowie aus Australien. Hieraus ist eine spirituelle Männerbewegung entstanden.

Inhaltlich befasst sich Richard Rohr unter anderem mit dem Enneagramm, den Formen und Bedürfnissen männlicher Spiritualität, dem kontemplativen Gebet, den alten archaischen Initiationsriten, archetypischen Bildern, christlicher Mystik und den praktischen Konsequenzen, die sich aus diesen Themen für das alltägliche Handeln ergeben. Er würdigt seine christlichen Wurzeln, ist aber bemüht, die großen, gemeinsamen spirituellen Linien, die zu jeder Zeit und in jeder Kultur in den unterschiedlichen Religionen und Kulten Ausdruck fanden, freizulegen und wertzuschätzen. Er geht davon aus, dass alles Sein auf einer tieferen Ebene miteinander verbunden ist. Folglich ist jeder einzelne Mensch Teil des „Großen Ganzen“ und spiegelt dieses wie ein Hologramm in sich selbst wieder.

Mein spiritueller Weg wurde nachhaltig von Richard Rohr geprägt. Das gilt sowohl für die Themen, die er bewegt, als auch für seine Herangehensweise an diese. 2007 durchlief ich seine Männerinitiation. Diese stieß tiefe und umwälzende innere Prozesse bei mir an. Prozesse, die noch immer ihre Kreise ziehen. 2009 lernte ich Richard Rohr persönlich kennen, als ich und weitere Männer mehrere Tage lang auf engstem Raum mit ihm zusammenarbeiten durften. Es galt, die erste Männerinitiation auf deutschem Boden durchzuführen. Ich war tief beeindruckt von der Herzlichkeit, der Offenheit, der Authentizität und der Demut, mit der er den Menschen begegnete.

ZUM INHALT DES BUCHES

Zeit seines Lebens hat sich Richard Rohr mit den archaischen Initiationsriten befasst. Er hat die Riten der unterschiedlichen Kulturen studiert, erforscht und miteinander verglichen. Die Quintessenz dessen, was er dabei zu Tage förderte, hat er in seinem Buch „Adams Wiederkehr“ zusammengefasst. In gewisser Weise handelt es sich bei dem Buch um so etwas wie das Lebenswerk oder das persönliche Manifest von Richard Rohr.

Mit am interessantesten ist seine Feststellung, dass so gut wie alle alten Kulturen über Initiationsriten für ihre jungen Männer verfügten. Diese Riten existierten noch vor den institutionalisierten Religionen. „Sie entwickelten sich beinahe überall vor der Achsenzeit (ca. 800 bis 200 vor Christus) als die Menschheit weltweit organisiert zu denken begann.“ Interessant ist auch, dass in der Regel nur junge Männer initiiert wurden. Die rituellen Unterweisungen für die Frauen lagen eher im Bereich der Fruchtbarkeitskulte.

Besonders bemerkenswert ist, dass diese Initiationsriten unabhängig vom jeweiligen geographischen Ort und der jeweiligen kulturellen Einbettung, in der sie stattfanden, markante Parallelen aufwiesen. Dies gilt sowohl für die inhaltliche Zielrichtung, als auch für die symbolische und rituelle Ausgestaltung. Auch die Abläufe dieser Initiationen glichen sich augenscheinlich.

„Der Weg der Initiation wurde immer an heiligen Orten der Kraft und in Form eines Rituals gelehrt.“ Hierbei nahm die Natur großen Raum ein. In vielen Kulturen hatten die Initianten lange Zeiten der Einsamkeit in der Natur zu verbringen.

Doch zunächst wurde der zu initiierende junge Mann vom „alltäglichen Leben, den alten Rollen, Bestärkung durch die Frauen“ getrennt. Dies brachte ihn „in den Schwellenraum“. Ein Ort außerhalb der eigenen Wohlfühlzone. Der Schwellenraum „ist die gesegnete Zeit, wenn wir nicht sicher sind und wir nicht die Kontrolle haben, wenn sich etwas wirklich Neues ereignen kann“. Es ist der Raum, in dem „das Alte nicht mehr“ ist und „das Neue noch nicht“. Es ist die Zeit des Abstiegs, des Wartens ohne Antworten, des „Chaos des Unbewussten“, der Einsamkeit und die Zeit des „Ringens mit der eigenen dunklen Seite“. Doch nur an diesem Ort ist „eine Begegnung mit dem Numinosen“ möglich. Nur an diesem Ort ist tiefgreifende Veränderung, innere Transformation möglich.

In diesem Schwellenraum wurde der junge Mann mit Wahrheiten konfrontiert, die ihm seine Sterblichkeit, seinen eigenen Schatten, seine Schwachheit und seine Irrelevanz vor Augen führen sollten. Die sogenannten „Fünf harten Wahrheiten“ leitete Richard Rohr daraus ab. Diese lauten: „Das Leben ist hart“, „Du bist nicht so wichtig“, „In Deinem Leben geht es nicht um Dich“, „Du hast nicht die Kontrolle“, „Du wirst sterben“. Dies sind Wahrheiten, die geeignet sind, das Ego-Selbst des jungen Mannes in seinen Grundfesten zu erschüttern, von seinem Thron zu stoßen und in einen neuen Kontext des „Großen Ganzen“ zu verorten und einzubetten.

Am tiefsten und dunkelsten Punkt des Schwellenraums schließlich wurde der junge Mann auf dramatische Weise verwundet. Und starb einen grausamen Tod. Er stürzte hinab in sein eigenes Grab. Umgeben von der Finsternis und der Stille des Todes. Und dort hatte er auszuharren…

Auf den Tod des jungen Mannes erfolgte die machtvolle Auferstehung des gereiften Mannes. Und dieser Mann hatte eine Weihe erlebt. Er war auf verschiedenen Ebenen eingeweiht – initiiert – worden: Initiiert ins „Mann-Sein“ und damit in die Gemeinschaft der Männer. Im Idealfall war er aber auch in das „große Geheimnis“ oder die „große Vision“ des Lebens initiiert worden. Im Idealfall war er „rückverbunden“ worden in die spirituellen Kreisläufe und Gesetzmäßigkeiten allen Seins. Im Idealfall war er in Berührung gekommen mit seinem „eigenen Seinsgrund“ und hatte gekostet vom Eins-Sein mit allem, was ist. Im Idealfall hatte er sich als „geliebten Sohn Gottes“ erfahren.

Im Idealfall war das „Falsche Selbst“ des jungen Mannes gestorben und das „Wahre Selbst“ auferstanden. Meistens ging damit einher, dass der Initiant auch einen neuen Namen annahm. Seinen ureigensten Seelennamen. Diese Erfahrungen hatten das Potential, der Anfang der ganz persönlichen Heldenreise des Mannes zu werden. Denn im Gegensatz zu den Religionen erzählten die Initiationsriten den Weg des Mannes von seinem Ende her. Und für diesen Weg setzten sie den „guten Anfang“. Es gab in der Biografie und der Identität des Mannes in Bezug auf seine Initiation immer ein klares „Davor“ und ein klares „Danach“.

In einigen Kulturen kehrte der Mann aus den Tiefen dieses Rituals mit einer Waffe zurück. Diese hatte er sich während seiner Zeit im Schwellenraum selbst bauen müssen. Nicht selten brachte er auch „ein Geschenk“ in die Gemeinschaft mit.

Seine Ausführungen zu den archaischen Initiationsriten flankiert Richard Rohr immer wieder mit sehr klarer Kritik an der Religion, der er selber angehört: Dem Christentum. Seiner Einschätzung nach wusste das Christentum in seinen Anfängen um die Notwendigkeit und den Wert der Initiation. Doch je mehr sich das Christentum institutionalisierte und zum weltlichen Machtfaktor wurde, desto mehr geriet dieser Schatz in Vergessenheit. Heute findet sich dieses Wissen nur noch in rudimentärer Form wieder. Zum Beispiel in der Symbolik von Taufe und Abendmahl oder in Feierlichkeiten wie Firmung und Konfirmation.

SCHWÄCHEN DES BUCHES

Auf vergleichsweise wenigen Seiten hat Richard Rohr sehr viel Essentielles zum Thema Initiationsriten und männlicher Spiritualität zusammengetragen. Da liegt es in der Natur des gewählten Formats, dass er vieles lediglich anreißen kann, ohne weiter in die Tiefe zu gehen.

Vom Schreibstil her gelingt es Richard Rohr sehr anschaulich und nachvollziehbar sein. Daher liest sich das Buch auch sehr flüssig. Im Umkehrschluss kommt dieser Schreibstil jedoch nur wenig wissenschaftlich daher.

Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass Richard Rohr nur vergleichsweise wenig mit Quellenangaben arbeitet. Ich will nicht unterschlagen, dass er dem Buch einige Seiten mit Quellenangaben und auch weiterführender und vertiefender Literatur hintenanstellt. Allerdings wären mehr und auch mehr direkte Verweise im Text oftmals hilfreich gewesen.

Dann gelingt es Richard Rohr nicht immer, seine Themen trennscharf voneinander abzugrenzen. So kommt es hier und da zu Überschneidungen und zu Wiederholungen. Manches Mal werden Gedanken angerissen, abgeschlossen und an späterer Stelle wieder aufgenommen; ohne dass dies dem Leser vorher transparent gemacht worden wäre.

Und zu guter Letzt blendet Richard Rohr in dem Buch die Initiationsriten der Mysterienbünde komplett aus. Er widmet sich tatsächlich ausschließlich den archaischen Initiationsriten. Dabei trifft vieles, was er für diese Initiationsriten herausarbeitet, genauso für die Initiationsriten der Mysterienbünde zu. Hier wäre es interessant gewesen zu beleuchten, in welcher historischen und inhaltlichen Beziehung diese beiden unterschiedlichen Formen der Initiationsriten zueinander stehen.

MEIN FAZIT

Dieses Buch hat meinen spirituellen Weg geprägt wie nur wenige andere. Und weil ich im persönlichen Austausch mit Richard Rohr erfahren durfte, welch inhaltliche Substanz und Tiefe dieser Mann mitbringt, lässt es mich auch die Schwächen dieses Buches einordnen und mir verzeihlich erscheinen.

Da ich die Initiation nach Richard Rohr selbst durchlaufen habe, wandelte und vertiefte sich auch mein Zugang zu diesem Buch. Und je länger sich das, was ich in diesem Initiationsritus durchlebt habe, in meinem Leben entfaltet, desto mehr fallen mir neue Facetten darin auf. Es gibt wohl kein Buch, das ich so oft zur Hand nehme und immer wieder Neues entdecke.

Und zu guter Letzt habe ich durch dieses Buch überhaupt erst begriffen, dass im Kern des freimaurerischen Rituals ein alt hergebrachter Initiationsritus überlebt hat. Und sozusagen als Nebenprodukt gelang es mir auch durch dieses Buch, die Brücke zu schlagen, dass diese besondere Verbindung von mittelalterlichem Bauhandwerk und archaischem Initiationsritus, die das Wesen des Freimaurertums ausmacht, wohl zur Zeit des Benediktinerordens im Zeitalter der Romanik seinen Anfang nahm. Als mir das klargeworden war, entschloss ich mich, der Bruderschaft der Freimaurer beizutreten. Das Buch eines praktizierenden Katholischen Mönchspaters hat den ausschlaggebenden Impuls gesetzt, Freimaurer zu werden … wenn das nur der Papst wüsste…

Freimaurertum benötigt Spiritualität und Gottesbezug

FREIMAURERTUM UND GOTT - EIN VORWORT (ZU TEIL 3/3):

Keine Frage ist so geeignet, heftigste Diskurse innerhalb des Freimaurertums auszulösen, wie die Frage nach Gott. Vereinfacht und überspitzt reichen die Positionen von "man kann nur ein Freimaurer sein, wenn man an einen wie auch immer gearteten Gott glaubt" bis hin zu "man kann nur ein Freimaurer sein, wenn man nicht an einen Gott glaubt".

Für die Leser meines Blogs ist es nicht schwer, mich innerhalb dieser Diskussion zu verorten: Für mich bedingt der Weg eines Freimaurers die Vorstellung eines Gottes; wenn auch nicht im dogmatischen Sinne. Diese Position hat ihre Berechtigung, ist aber nicht die einzig mögliche.

In zwei Blogartikeln hatte ich die Gelegenheit geben, auch die Positionen zu Wort kommen zu lassen, die sich nicht mit meiner Position decken oder dieser sogar konträr gegenüberstehen. Hierfür hatte ich die Freimaurer und Blogger Rene Schon und Jürgen Scheffler gewinnen können. Beide gehen den Weg des Freimaurers als bekennende Atheisten.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Frage nach Gott nicht nur geeignet ist, Kontroversen innerhalb des Freimaurertums auszulösen, sondern auch aufzuzeigen, welche Vielfalt innerhalb des Freimaurertums möglich ist. Wenn der Leser nach den beiden Artikel von Rene Schon und Jürgen Scheffler meinen Artikel zum Thema gelesen haben wird, wird er eine Vorstellung davon haben, über welche Bandbreite das Freimaurertum verfügt…

Doch genug der Worte. Vorhang auf für den letzten Teil; meinen eigenen Beitrag…

FREIMAURERTUM BENÖTIGT SPIRITUALITÄT UND GOTTESBEZUG

Für mich ist ein Freimaurertum ohne Gottesbezug schlichtweg nicht vorstellbar. Mein Eindruck ist, dass sich das freimaurerische Ritual und die freimaurerische Symbolik nur dann in ihrer ganzen Tiefe entfalten können, wenn man sich auch auf die esoterisch-spirituelle Dimensionen einlässt, die diesen innewohnt.

WENN ICH VON GOTT SPRECHE

Doch bevor ich mich aufmache, diese These zu belegen, sollte ich zunächst einmal umreißen, wovon ich überhaupt ausgehe, wenn ich diesen mächtigen und absolut missverständlichen Begriff „Gott“ gebrauche. Oder besser: Wovon ich eben nicht ausgehe.

Meines Erachtens ist Gott zu groß und zu umfassend, als dass ich ihn auch nur ansatzweise erkennen oder gar begreifen könnte. Ich glaube, Gott hat den Menschen der unterschiedlichen Kulturen zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Aspekte von sich offenbart. Die monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – beispielsweise stellen Gott als personales Gegenüber in den Mittelpunkt. Ein Gott, der einen Willen hat, mit dem man kommunizieren kann und mit dem man eine Beziehung führen kann. Die unterschiedlichen Naturvölker betonen Gott als in der Natur offenbart. Die Mystiker der verschiedenen Religionen erleben Gott eher als Seins-Form, die alles durchzieht und umspannt und gleichzeitig im Inneren eines jeden Einzelnen existiert. Die spirituelle Lehre der Kabbalah bezeichnet Gott unter anderem als Urlicht. Hier trägt jeder Mensch einen Funken dieses Lichtes – den göttlichen Funken – in sich. In buddhistisch geprägten Vorstellungen ist Gott vielleicht am ehesten mit einer Art Energie vergleichbar. Wahrscheinlich gibt es so viele Gottesvorstellungen wie es Menschen gibt. Und jede dieser Gottesvorstellungen ist wahr. Aber keine dieser Vorstellungen ist absolut. Setzt man sie wie einzelne Puzzleteile aneinander, kann man eine Ahnung davon bekommen, wie Gott sein könnte.

Das Geschriebene verdeutlicht, dass es sich mir verbietet, über Gott dogmatisch theologische Aussagen zu treffen. Jede dogmatische Festlegung limitiert Gott. Wenn ich im Folgenden von Gott spreche, rede ich niemals von theologisch absoluten Glaubenssätzen. Ich bin mir bewusst, dass alles, was ich von Gott erkenne, niemals abschließend sein kann. Und ich bin mir bewusst, dass es ganz sicher andere Menschen gibt, die Facetten über Gott erkannt haben, die ich vielleicht noch nicht einmal erahne. Daher ist es eine meiner Lebensaufgaben, offen dafür zu bleiben, dass Gott sich jeder Zeit auf eine Art und Weise offenbaren kann, die ich niemals für möglich gehalten hätte.

Das vorausgesetzt, will mich an die Frage heranwagen, warum das Freimaurertum meines Erachtens immer auch eine spirituelle Dimension hat und daher einen Gottesbezug benötigt. Hierfür beginne ich mit einem kurzen Blick in die Geschichte des Freimaurertums.

VORLÄUFER DES HEUTIGEN FREIMAURERTUMS

Unumstritten ist, dass sich das Freimaurertum – wie wir es heute kennen – aus den Steinmetzbruderschaften der Bauhütten des Mittelalters herleitet und bei beidem einen Großteil seiner Bilder und Symbole entlehnt. Das gilt insbesondere für die ersten drei Grade der Johannisloge.

Die Vorläufer der Bauhütten wiederum sind im Mönchstum der Epoche der Romanik zu suchen. Hier ist insbesondere der Benediktinerorden zu nennen. Diese begangen bereits in der Vorromanik damit, die eigenen Klosteranlagen – insbesondere die klösterlichen Sakralbauten – zu erbauen. In der Romanik entwickelten sich diese „bauenden“ Mönche zu „reisenden“ Mönchen. Sie reisten von Klosterbaustelle zu Klosterbaustelle, um Klosterkirchen zu errichten. Unklar ist heute lediglich, ob die Mönche selber mit Hand anlegten oder ob sie die Bautätigkeiten koordinierten und überwachten. Aus diesen reisenden Mönchen wiederum gingen die Bauhütten und Steinmetzbruderschaften hervor, die im Mittelalter die gotischen Sakralbauten erschufen. Diese existierten und wirkten mit zunehmender Dauer organisatorisch unabhängig von den Mönchsorden.

Dies zeigt, dass das mittelalterliche Bauhandwerk tief verwurzelt war in der monastischen Spiritualität des Christentums. Es wäre eine künstliche Trennung, davon auszugehen, dass diese Bautätigkeiten keinen spirituellen Bezug bzw. keine spirituelle Ausrichtung gehabt hätten. Da ändert auch die Feststellung, dass die mittelalterlichen Bauleute ganz gewiss nicht nur sakrale Gebäude, sondern auch profan genutzte Gebäude errichtet haben, nichts dran.

ENTWICKLUNG ZUM HEUTIGEN FREIMAURERTUM

Am Johannistag des Jahres 1717 schließlich wurde in England die erste Großloge gegründet. Bis heute gilt dieser Tag als offizielles Gründungsdatum des noch heute existierenden Freimaurertums. Interessant hierbei ist, dass sich diese Großloge gründete, indem sich vier bereits existierende Logen zusammenschlossen. Daraus folgt, das bereits vor der offiziellen Gründung des Freimaurertums Freimaurerlogen existiert haben müssen.

Der Übergang von den praktisch bauenden Steinmetzbruderschaften des Mittelalters zum heutigen Freimaurertum ist von der offiziellen Geschichtsschreibung allerdings nur schwer nachzuzeichnen. Als sicher gilt, dass es einen, mehrere Jahrhunderte dauernden Prozess gab, in dessen Verlauf – aus unterschiedlichen Gründen – zunehmend Mitglieder in die Steinmetzbruderschaften aufgenommen wurden, die beruflich nicht dem praktizierenden Bauhandwerk entstammten.

Dies brachte zwei Entwicklungen mit sich: Zum einen änderte sich die Struktur der Mitglieder. Zum anderen wandelte sich die Tätigkeit des äußeren Erschaffens eines Bauwerkes hin zu einem im Inneren des Menschen stattfindenden Vorgang. Aus den praktisch bauenden Steinmetzbruderschaften wurde das heutige, sogenannte „spekulative“ Freimaurertum.

FREIMAURERISCHES RINGEN

Dieser nicht klar umreißbare Geburtsprozess des spekulativen Freimaurertums fiel mit den Epochen der Renaissance und der Aufklärung in eine äußerst spannende und von gegensätzlichen Strömungen geprägte Zeit. Grob vereinfacht stand das rational geprägte Postulat der Vernunft mit der Idee, dass der Mensch sich durch den Gebrauch des eigenen Verstandes aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien habe, auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite schossen die unterschiedlichsten mehr oder weniger geheimen Verbindungen, Gesellschaften und Bünde, die sich um mehr oder weniger okkultes, esoterisches, spiritistisches oder mystisches Geheimwissen rankten, wie Pilze aus dem Boden.

Diese widerstreitenden gesellschaftlichen Strömungen fanden natürlich auch Eingang ins Freimaurertum. So wurden Freimauerlogen auf der einen Seite zu Orten der freien Meinungsäußerung, wo im geschützten Rahmen die revolutionären Ideen der Aufklärung diskutiert werden konnten. Gleichzeitig aber wurden Freimaurerlogen zu Orten, an denen Symbol und Ritual ein mystisches Erleben ermöglichten. Das gesellschaftliche Ringen zwischen Ratio und Intuition war in den Logen wie unter dem Brennglas zu erleben.

Leider war nicht immer der Wille und die Kraft vorhanden, dieses Spannungsfeld auszuhalten. Und so ringt das Freimaurertum seit seiner Gründung darum, was denn nun das rechtmäßige – sprich: „reguläre“ – Freimaurertum ausmacht und was nicht. Überspitzt und stark vereinfacht findet dieses freimaurerische Ringen zwischen den beiden folgenden Polen statt:

Den ersten Pol würde ich am ehesten als „humanistisches Freimaurertum“ umschreiben. Für diesen sind die drei ersten Grade der Johannismaurerei relevant. In diesen Graden erfolgt die Auseinandersetzung mit sich selbst, mit „der Welt da draußen“ und im dritten Grad schließlich die Konfrontation mit dem eigenen Tod. Dieser freimaurerische Weg ist beinahe ausschließlich auf das Diesseits ausgerichtet und eher rational geprägt. Er dreht sich vor allem um die Frage eines ethisch-moralischen Lebenswandels.

Den anderen Pool würde ich am ehesten als „esoterisch-spirituelles Freimaurertum“ umschreiben. Dieser baut auf den beschriebenen drei Johannisgraden in Form von unterschiedlichen weiterführenden Graden auf. Hier werden die Inhalte der ersten drei Grade aufgenommen, vertieft und um ihre esoterisch-spirituelle Dimensionen erweitert. Neben der Frage eines ethisch-moralischen Lebenswandels wird Freimaurertum hier auch als esoterisch-spiritueller Erkenntnisweg verstanden.

Wo zwischen diesen beiden Polen man sich verortet, kann ein jeder Freimaurer nur für sich selbst entscheiden. Und ich habe für beide dieser gegensätzlichsten Positionen nachvollziehbare und gut begründete Ausführungen lesen dürfen. Mein Eindruck ist, dass jeder Freimaurer der Argumentationslinie folgt, in der er sich am ehesten wiederfindet und die er am ehesten nachvollziehen kann.

DER CHRISTLICHE FREIMAURERORDEN

Die beschriebenen Entwicklungen führten dazu, dass es heute in Deutschland drei eigenständige und ganz unterschiedliche deutsche Großlogen gibt: Die „Großloge der Alten Freien und Angenommenen Freimaurer von Deutschland“ (AFuAM), „Die Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland“ (Freimaurerorden) sowie die „Große National-Mutterloge Zu den drei Weltkugeln“ (3WK). Diese finden sich neben weiteren Logen unter dem Dach der „Vereinigten Großlogen von Deutschland“ zusammen.

Besonders erwähnen möchte ich hiervon die AFuAM. Denn diese ist von der Mitgliederzahl her die mit Abstand größte der Großlogen. Die AfuaM bearbeitet ausschließlich ersten drei Grade der Johannisloge und ist vor allem humanistisch geprägt.

Ich selbst gehöre der zweitgrößten Großloge, dem Freimaurerorden, an. Dieser ist explizit christlich ausgerichtet. Jesus Christus, wie ihn die Bibel überliefert, wird hier als Obermeister angesehen. Er verkörpert das Ideal für jeden Ordensbruder. Dies gilt sowohl für den spirituellen Weg, den er gegangen ist; als auch für sein ethisch-moralisches Handeln. Weiter ist das gesamte Ritual auf Gott (wie jeder einzelne ihn für sich auch verstehen mag) ausgerichtet. Der Weg des Ordensfreimaurers erstreckt sich über 10 Grade.

Wenn ich im Weiteren auf den Inhalt des freimaurerischen Rituals und die Ausrichtung des freimaurerischen Weges eingehe, dann ist es wichtig im Hinterkopf zu behalten, dass ich hierbei von dem ausgehe, was mir im Christlichen Freimaurerorden begegnet. Für die anderen Richtungen kann ich nicht sprechen, weil ich dort nicht in der Tiefe drinstecke. Weiter muss berücksichtigt werden, dass ich aus der Sicht eines Freimaurers schreibe, der den 3. Grad – nämlich den des Johannismeisters – inne hat.

EINWEIHUNG UND RÜCKVERBINDUNG

Steigt man tiefer in das freimaurerische Ritual ein, merkt man schnell, dass es sich hierbei um einen althergebrachten Initiationsritus handelt. Versucht man diesen zu seinen Ursprüngen zurück zu verfolgen, so entdeckt man zunächst markante Parallelen zu den Initiationsriten der Mysterienbünde des Altertums. Einzelne Elemente des freimaurerischen Initiationsritus sind aber noch wesentlich älter. Sie finden sich bereits bei den archaischen Initiationsriten der Urvölker.

Ebendiese archaischen Initiationsriten hat der Franziskaner-Pater Richard Rohr Zeit seines Lebens studiert. Und hierbei machte er ganz interessante Entdeckungen: Unabhängig davon, in welcher Kultur der jeweilige Initiationsritus durchgeführt wurde, verfügte er über dieselben zentralen Wesensmerkmale: So galt es zunächst das egodominierte Falsche Selbst des Initianten zu erschüttern und sterben zu lassen. Dieses Sterben der alten Natur des Initianten wurde in dramatischer und kraftvoller Weise vollzogen. Auf den grausamen Tod erfolgte schließlich die machtvolle Auferstehung. Im Idealfall war durch dieses Ritual ein neuer Mensch geboren. Ein Mensch, der eingeweiht war in das „Große Mysterium des Lebens“; dadurch, dass er zurückverbunden worden war in die (spirituellen) Kreisläufe und Gesetzmäßigkeiten der Schöpfung. Ein Mensch, der in Berührung gekommen war mit seinem Wahren Selbst.

Dies zeigt, dass Initiationsriten immer über den kleinen menschlichen Ego-Horizont hinausweisen. Auf das „absolut Gute“. Auf das, was größer und umfassender ist, als es die egomane Natur des Menschen je sein könnte. Und in diesem „Großen Ganzen“ offenbart sich das, was der Mensch seit jeher „Gott“ nennt. Daher verweist ein Initiationsritus im Idealfall in letzter Konsequenz immer auch auf Gott. Täte er dies nicht, bliebe das launenhafte und selbstfixierte Ego des Menschen die einzige Richtschnur und der einzige Bezugspunkt im Ritual.

Die Idee, dass eine „Einweihung“ notwendig ist, um den Menschen „zurück zu verbinden“, impliziert, dass es mal einen Zustand gegeben haben muss, in dem der Mensch „verbunden“ war. Ein Zustand der Ursprünglichkeit, in dem der Mensch „eins“ war mit dem „Großen Mysterium“. Dieser Zustand ist verlorengegangen. Aus diesem Zustand ist der Mensch herausgefallen. Mythen wie die der Vertreibung aus dem Paradies im Alten Testament der Bibel erzählen uns davon. Initiation setzt im positivsten Falle genau an diesem Punkt an. Sie setzt den „Guten Anfang“, damit der Mensch sich auf den Weg machen kann. Auf seinen Weg nach hause. Auf seinen Weg zurück zur Vereinigung mit seinem Ursprung.

Und genau dieses Wissen hat der Christliche Freimaurerorden meines Erachtens bewahrt. Das Ziel des Weges des Ordensfreimaurers ist die Vereinigung mit seinem Ursprung. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch sämtliche Grade, Symbole und Rituale. Und das, was ich als „Großes Mysterium“ und als „spirituelle Kreisläufe und Gesetzmäßigkeiten der Schöpfung“ beschreibe, wird im Freimaurerorden als „Göttliche Ordnung“ bezeichnet. An entscheidender Stelle ergeht im Ritual die Aufforderung an den Ordensfreimaurer, Gott die Ehre zu geben und sich in die göttliche Ordnung stellen. Es wird unmissverständlich klarstellt, dass es nicht das menschliche Ego ist, das hier im Mittelpunkt steht. Das Ritual des Freimaurerordens weist somit weit über das egodominierte Falsche Selbst des Menschen hinaus. In letzter Konsequenz weist es auf Gott. Auf Gott, den Ursprung allen Seins.

DIE ALTEN PFLICHTEN

Die Wurzeln des Freimaurertums sind folglich im Spirituellen zu suchen. Ein wie auch immer gearteter Gottesbezug war immer gegeben. Spätestens jedoch im spekulativen Freimaurertum ging dieses spirituelle Erbe eine Symbiose mit den Ideen der Aufklärung und des Humanismus ein. Zwei so gegensätzliche Richtungen in sich zu vereinen, ist jedoch nur dann möglich, wenn ein Weg gefunden wird, keine der beiden dogmatisch oder absolut zu verstehen. Das gilt für die spirituelle Seite genauso wie für die humanistische.

Einen wegweisenden und nachhaltig prägenden Ansatz, wie dies funktionieren könnte, verfasste der Reverend und Prediger an der Kirche der schottischen Presbyterianer in London, James Anderson, im Jahre 1723 in den sogenannten „Alten Pflichten“. Hierbei handelt es sich um „die erste gedruckte und veröffentlichte Sammlung von Gesetzen und Konstitutionen (Regeln) der Freimaurer“. Im Abschnitt „Von Gott und der Religion“ schreibt er dort etwas nieder, was noch heute tief in der DNA eines jeden Freimaurers verankert ist, dem ich bisher begegnet bin:

„Der Maurer ist als Maurer verpflichtet, dem Sittengesetz zu gehorchen; und wenn er die Kunst recht versteht, wird er weder ein engstirniger Gottesleugner, noch ein bindungsloser Freigeist sein. In alten Zeiten waren die Maurer in jedem Land zwar verpflichtet, der Religion anzugehören, die in ihrem Lande oder Volke galt, heute jedoch hält man es für ratsamer, sie nur zu der Religion zu verpflichten, in der alle Menschen Übereinstimmen, und jedem seine besonderen Überzeugungen selbst zu belassen.“

Besonders bemerkenswert finde ich hierbei die Idee der „Religion, in der alle Menschen übereinstimmen“. Es ist augenscheinlich, dass hiermit keine dogmatisch verstandene Religion gemeint sein kann. Denn wenn es um dogmatische Glaubenssätze und theologische Lehrgebäude geht, dann stimmen die Menschen nicht überein. Das sehen wir tagtäglich um uns herum. Und das seit Menschengedenken. Unterschiedliche Religionen, sprechen sich gegenseitig die Rechtgläubigkeit ab. Und innerhalb dieser Religionen wiederum sprechen sich unterschiedliche Richtungen gegenseitig die Rechtgläubigkeit ab. Und im Zweifel wird dies gewaltsam ausgetragen. Wahrscheinlich wurde in der Geschichte der Menschheit wegen keinen Anschauungen so viel Blut vergossen, wie wegen der religiösen. Nein, wenn von der „Religion, in der alle Menschen übereinstimmen“ gesprochen wird, kann keine wie auch immer geartete dogmatische Theologie gemeint sein.

EIN MYSTISCHER GOTTESBEGRIFF

Mich erinnert die Idee der „Religion, in der alle Menschen übereinstimmen“ an ein Gottesverständnis, wie man es oft bei den Mystikern der verschiedenen Religionen vorfindet. Denn in der Mystik wird Gott eher als ein universelles Sein verstanden, das die Schöpfung vollständig durchdringt. Und da jeder Mensch den Zugang zu diesem „Sein“ in seinem tiefsten Innersten trägt, ist die Mystik in erster Linie von spirituellem Erleben geprägt. Weniger durch theologische Glaubenssätze. Und ähnlich den Initiationsriten hat auch die mystische Erfahrung das Potential, den Menschen von innen heraus zu transformieren. Die Erfahrungen der Mystiker gleichen sich auffällig. Unabhängig davon, welcher Religion sie angehören. Denn das mystische Erleben geht weit über die Theologien und Dogmen der einzelnen Religionen hinaus. Die Mystiker der verschiedenen Religionen eint ihre mystische Erfahrung und das daraus resultierende Bewusstsein. Auch wenn die dogmatischen Aussagen der jeweiligen Religionen, denen sie angehören, sich konträr gegenüberstehen.

Es ist daher auch nicht erstaunlich, dass die Mystiker in ihren Religionen oftmals nur ein Randdasein fristeten oder – wie im Fall von Meister Eckhart – gar exkommuniziert wurden. In der heutigen Zeit sind die Mystiker des Islam – die Sufis – regelmäßig das Ziel islamistischer Terrorakte.

Wenn es tatsächlich so ist, dass sich die Idee der „Religion in der alle Menschen übereinstimmen“ von der Gottesvorstellung der (in diesem Fall christlichen) Mystiker ableitet, wäre dies ein weiteres Indiz für die spirituellen Wurzeln des Freimaurertums. Der gemeinsame Ausgangspunkt könnte wie bei den Vorläufern des mittelalterlichen Bauhandwerks wieder das christliche Mönchstum sein. Gingen aus ihm doch nahezu alle christlichen Mystiker hervor.

SUPREME BEING UND DREIFACH GROßER BAUMEISTER

Aus der Idee der „Religion in der alle Menschen übereinstimmen“ leitete sich im Laufe der Zeit das „Supreme Being“ ab. Dies stellt weltweit eine der Voraussetzungen dar, damit eine Freimaurerloge von der Großloge in England als „regulär“ anerkannt wird.

Im Christlichen Freimaurerorden findet das Supreme Being Ausdruck im „Dreifach Großen Baumeister der ganzen Welt“. Und genau wie das Supreme Being ist auch der Dreifach Große Baumeister der ganzen Welt weder theologisch noch dogmatisch definiert. Es ist an jedem Bruder selbst, diesen Begriff für sich zu füllen.

Und im Mikrokosmos meiner Loge erlebe ich, dass im Ritual der Bruder mit der kirchlich geprägten Vorstellung von Gott neben dem mit der buddhistisch geprägten, neben dem mit der gnostisch geprägten, neben dem mit der kabbalistisch, mystisch oder kontemplativ geprägten Vorstellung von Gott sitzt.

MEIN FREIMAURERISCHES MANIFEST

Mein Fazit: Die Wurzeln des Freimaurertums sind im Spirituellen zu suchen. Ein wie auch immer gearteter Gottesbezug war immer gegeben. Und für mich persönlich ist ein Freimaurertum ohne Gottesbezug schlichtweg nicht vorstellbar. Mein Eindruck ist, dass sich das freimaurerischen Ritual und die freimaurerische Symbolik nur dann in seiner ganzen Tiefe entfalten können, wenn man sich auch auf die esoterisch-spirituelle Dimensionen einlässt, die diesen innewohnt.

Aber: Das Revolutionäre am damals noch blutjungen spekulativen Freimaurertum war meines Erachtens, dass dieses spirituelle Erbe eine Vereinigung mit den humanistisch geprägten Idealen der Aufklärung einging. Und auch, wenn es in der Geschichte zu mancher Spannung führte, so ist das Zusammenführen und Aushalten dieser gegensätzlichen Pole, meiner Meinung nach, bis heute eine der größten Stärken des Freimaurertums.

Denn so wie sich im Menschen im Idealfall Vernunft und Gewissen ergänzen und gegenseitig austarieren, so kann dies auch im Freimaurertum durch seine aufgeklärt humanistische Seite und seine esoterisch-spirituelle Seite geschehen. Ein Freimaurertum, das seine esoterisch-spirituelle Seite ignoriert, droht immer auf der Ebene des Verstandes steckenzubleiben und nur an der trockenen Oberfläche von Symbol und Ritual zu kratzen. Und ein Freimaurertum, das seine aufgeklärt humanistische Seite ignoriert, läuft immer Gefahr, die Bodenhaftung und den konkreten Bezug zum alltäglichen Hier und Jetzt zu verlieren. Nur wenn beide Pole in Ausgleich und Einklang miteinander gebracht werden können, ist der freimaurerische Weg vollständig.

Und meine Erfahrung ist, dass genau das jeder „gesunde“ spirituelle Weg sowie jedes „gesunde“ Model der Persönlichkeitsentwicklung lehrt: Gegensätze werden nicht dadurch überwunden, dass man sie vernichtet. Gegensätze werden dadurch überwunden, dass man sie annimmt, ausgleicht und zur Vereinigung führt.

Daher empfinde ich persönlich es als vermessen, wenn Freimaurer ein Freimaurertum als „modern“ bezeichnen, das sämtliche spirituellen Bezüge sowie den Gottesbezug getilgt hat. Ein Freimaurertum ist modern zu nennen, wenn dessen Spiritualität und dessen Gottesbezug durch die Aufklärung geläutert worden sind. Das bedeutet, dass es von Dogmatismus und Aberglauben entschlackt ist, die Ideale von Aufklärung und Humanismus integriert hat und sich dennoch seiner spirituellen Verwurzelung und seines immanenten Gottesbezuges bewusst ist.

Der Weg ins Auge des Sturms

JWHW

JHWH – DER „ICH BIN“

Eine der mich berührendsten Geschichten im Alten Testament der Bibel ist die, als Moses das erste Mal Gott begegnete. Gott offenbarte sich ihm hierbei als „JHWH“, der „Ich Bin“.

„JHWH – Ich Bin“ – Lässt man diese Worte in der Stille nachhallen, bekommt man eine Ahnung davon, dass der Name Gottes viel größer und allumfassender ist, als unser, in dualistischen Kategorien denkender Verstand es je erfassen könnte. JHWH – Der „Ich Bin“ – Der Seiende – Das Sein.

DU SOLLST DIR KEIN BILDNIS MACHEN

Und dennoch ziehen seit Jahrtausenden Heerscharen von Gelehrten, Theologen und Dogmatikern aus, um dieses große „Ich Bin“, als das Gott sich offenbart hat, in klar definierte Glaubenssätze zu pressen.

Ich glaube, der Antrieb, der dahinter steckt, ist das Bedürfnis unseres kleinen Egos – unseres Falschen Selbst – die Kontrolle behalten zu wollen. Kontrolle über das Leben. Kontrolle über Gott. Denn wenn ich definieren kann, wie Gott ist und wie Gott nicht ist; was Gut ist und was Böse ist; und was ich zu tun habe, um erleuchtet, erlöst oder errettet zu werden, dann bin es letztendlich ich, der die Kontrolle behält. Denn ich weiß ja, wie Gott und wie der Glaube an Gott und damit auch das gesamte Leben „funktionieren“.

Das Problem hierbei ist nur, dass ich, von dem Moment an, wo ich Gott definiere, ihn gleichzeitig auch limitiere. JHWH – der „Ich Bin“ – Der Seiende – Das Sein verliert das Allumfassende und das Alldurchdringende. Gott ist dann nur noch so groß, wie es ihm mein dualistischer Horizont erlaubt. Ich halte Gott klein genug, dass er meinem Bedürfnis nach Sicherheit dient.

Ein weiteres Problem ist: Sobald ich eine unverrückbare Lehrmeinung über Gott aufstelle, schließe ich automatisch jeden aus, der diese nicht teilt. Letztendlich sind Dogmen aber oftmals nicht mehr als theoretische Lehrgebäude, die wir im Kopf ersonnen haben und im Kopf mit uns herumtragen. Und auf Grund eben dieser theoretischen Konstrukte sprechen Gläubige seit Jahrtausenden Andersgläubigen ab, Teil dieses großen „Ich Bin“ zu sein, als das Gott sich offenbart hat.

Kann es nicht sein, dass Gott in den 10 Geboten genau aus diesen Gründen vom Menschen verlangt „Du sollst Dir von Gott kein Bildnis machen.“? Kann es nicht sein, dass Gott dieses Gebot genau aus diesen Gründen sogar an die zweite Stelle seiner Gebote gesetzt hat? Und ich frage mich auch, ob der Dogmatiker nicht gegen eben dieses 2. Gebot verstößt. Denn malt er nicht ein – sogar sehr konkretes – Bild von Gott, wenn er ihn in eine dogmatische Lehrmeinung presst?

WAS KEIN DOGMA VERMAG

JHWH – Der „Ich Bin“ – Der Seiende – Das Sein entzieht sich letztendlich allen Versuchen unseres Falschen Selbst, es in dualistische Kategorien einzuordnen.

Nach dem Franziskaner-Pater Richard Rohr birgt der Name Gottes JHWH darüber hinaus ein großes Geheimnis. Er ist so beschaffen, dass jeder Mensch ihn aussprechen kann, ohne seine Lippen zu bewegen. Und jeder Mensch spricht diesen Namen auch aus. Ohne Unterlass. Jeden Tag. In jedem Moment. Beim Einatmen die Silbe JH („Jaah“) und beim Ausatmen die Silbe WH („Heeh“). Jaah-Heeh – mit jedem Atemzug spricht der Mensch den Namen Gottes aus. Jeder Atemzug ein Gebet. Jeder Mensch atmet den Namen Gottes im wahrsten Sinne des Wortes. Das Allererste, was ein Mensch in seinem Leben macht: Er spricht den Namen Gottes aus – Jaah-Heeh. Das Allerletzte, was ein Mensch in seinem Leben macht: Er spricht den Namen Gottes aus – Jaah-Heeh.

Dem folgend atmet ausnahmslos jeder Mensch den Namen Gottes. Unabhängig von Geschlecht, Religion, sexueller Identität, Weltanschauung, materiellem Status oder was sonst auch immer Menschen sich im Laufe der Zeit ersonnen haben, um sich selbst als auserwählt fühlen zu dürfen und alle nicht Auserwählten ausgrenzen zu können. Aber bedeutet dies dann nicht auch, dass alle Menschen auf einer tieferen Ebene letztendlich eins sind? Dass keine Weltanschauung, keine Glaubenslehre mich von meinem Mitmenschen trennen kann? Es lohnt sich, diesen Gedanken nachklingen und sich entfalten zu lassen.

DAS AUGE DES STURMS

Und es lohnt sich, selbst in die Stille zu gehen und den eigenen Atem mit dem Namen Gottes – mit diesem [Jaah (einatmen) – Heeh (ausatmen)] – zu verbinden. Das ist für mich das zentrale Element des christlich-kontemplativen Weges. Es geht darum, in die Stille zu gehen, um genau diesen einen Ort zu finden: Der Ort, an dem sich mein Atem mit dem Atem Gottes verbinden kann. Mein persönliches, inneres „Auge des Sturms“. Das ist der Ort, an dem nicht mehr mein falsches Selbst Gott definieren, kontrollieren und kleinhalten muss, sondern an dem mein Wahres Selbst mit Gott eins wird. Mit dem Gott, der sich als das große „Ich Bin“ offenbart hat und dessen Namen ich mit jedem Atemzug ausspreche.

Vielleicht ist es genau diese Erfahrung, die Jesus Christus in der Bibel meint, wenn er davon spricht, dass er und Gott „eins“ sind. Denn auch von Jesus ist überliefert, dass er häufig und oftmals auch über längere Zeiträume in Stille und Einsamkeit verweilte.

Der christlich-kontemplative Weg ist letztendlich die Fortführung des Weges der christlichen Mystiker. In der christlichen Mystik wurde Gott in der Regel auf zweierlei Weise erlebt und verehrt. Einmal als personales Gegenüber; z.B. Gott, der Vater. Dann aber auch als „Geist“ bzw. „Urgrund“, der das Große Ganze in seiner Gesamtheit durchdringt. Dieser Göttliche Urgrund existierte gleichzeitig jedoch auch in den Tiefen eines jeden einzelnen Menschen. Gott war ganz innerhalb des Menschen und Gott war ganz außerhalb des Menschen. Wie innen, so außen. Wie oben, so unten.

Der Weg des Mystikers bestand darin, den Weg der Stille zu gehen, um an den Ort zu gelangen, an dem das Eins-Werden mit diesem Göttlichen Urgrund geschehen kann. Es galt, dieses innere Auge des Sturms zu finden, in dem sich die „Unio Mystica“ vollziehen kann.

Ich erlebe die symbolische Loge, in die sich der Freimaurer im freimaurerischen Ritual begibt, als genau diesen Ort. Ein äußeres Ritual, das letztendlich achtsam machen soll für einen inneren Weg, für einen inneren Ort. Die rituelle Loge: Ein Bild für das innere Auge des Sturms, tief in mir. Der Ort, an dem die „Unio Mystica“ geschehen kann.

Ich kann mir vorstellen, dass es für einen Freimaurer eine wertvolle Übung darstellen kann, sich während des Rituals ganz bewusst mit dem Atem Gottes zu verbinden. [Jaah (einatmen) – Heeh (ausatmen)]. Vielleicht stellt sich dadurch nochmal ein achtsameres Sein im Ritual ein. Und damit auch ein tieferes Erleben des Rituals.

HEILIGE AUGENBLICKE

Das Ziel des Suchens der Stille aber kann in letzter Konsequenz nur sein, mir bewusst zu werden, dass ich den Namen Gottes in jedem Augenblick meines Lebens atme. Auch – oder gerade – wenn ich mich nicht in der Stille oder im Ritual befinde. Das bewusste Suchen der Stille und das Erleben des Rituals kann letztendlich nicht mehr sein als ein Achtsamkeitstraining. Es trainiert mich dafür wahrzunehmen, dass ich in jedem Augenblick den Namen Gottes atme. Dass ich in jedem Augenblick eins bin mit Gott. Dass JHWH – Der „Ich bin“ – Der Seiende – Das Sein mich unablässig durchdringt. Ich muss mir dessen nur bewusst werden. Daher ist auch jeder Augenblick heilig. Egal wie alltäglich. Egal wie unbedeutend. Egal wie profan.