Als ich das Buch ausgelesen hatte, legte ich es neben mir auf den Nachttisch. Ich hielt kurz inne. Ich war bewegt. Von dem, was ich da gerade gelesen hatte. Bewegt. Und auf irgendeine Weise auch ⊠dankbar. So recht greifen konnte ich es zunÀchst noch nicht.
Das Buch, das ich meine, ist das aktuell erschienene Werk von Philip Militz. Es heiĂt „Nicht von gestern – Freimaurer heute“. In diesem stellt der freimaurerische Blogger (http://www.freimaurer-in-60-minuten.de/) auf 168 Seiten 10 ganz unterschiedliche Freimaurer vor. Aber warum hat mich dieses Buch so angesprochen? Was macht dieses, optisch recht unscheinbar daherkommende, BĂŒchlein aus?
Zum Einen sind es die ausgewÀhlten CharaktÀre, die Philip Militz in kleinen Geschichten vorstellt:
Von denen hat mich am stĂ€rksten die Gesichte von Kenan angesprochen. Kenan ist Freimaurer. Und Muslim. AuĂerdem ist der Kampfsporttrainer in einem sozial schwachen Stadtteil in Berlin. Dort arbeitet er mit âProblem-Kidsâ. Eine Pointe seines Lebensweges ist, dass er dadurch, dass er Freimaurer wurde, auch wieder Zugang zum Islam bekommen hat.
Innerlich schlucken lieĂ mich die Geschichte von Hannes. Hannes hat als Freimaurer Nazi-Deutschland erlebt und das KZ ĂŒberlebt. Es war fĂŒr ihn ein weiter Weg zurĂŒck in die âNormalitĂ€tâ. Das Erlebte hinterlieĂ Spuren. Diese drĂŒckte er in Gedichten aus, aus denen eine authentische Tiefe spricht. UnwillkĂŒrlich musste ich an Dietrich Bonhoeffer denken, als ich Hannesâ Gedichte las.
Oder die Geschichte des âbegnadeten KĂŒnstlersâ Jens aus Schleswig-Holstein (http://www.jens-rusch.de/index.php/Hauptseite). Der der heimtĂŒckischen Krankheit Krebs von Angesicht zu Angesicht gegenĂŒberstand. Als diese am mĂ€chtigsten war, schleppte er sich âan SchlĂ€uchen hĂ€ngendâ ins freimaurerische Ritual. Mal fĂŒr Mal. Dort fand er Ruhe, inneren Halt und neue Kraft. Schlussendlich lehrte diese Krankheit ihm Dankbarkeit und das Gebet. Und auch wenn er sie schlieĂlich niederrang, so wĂ€re er doch niemals so vermessen, sich als âgeheiltâ zu bezeichnen.
Oder die Geschichte von Harry, der sich gegen eine âKarriereâ im Rotlicht-Milieu entschied und einen Imbiss in dem Hamburger Szene-Stadtteil âSchanzenviertelâ eröffnete.
Oder, oder, oder⊠Von eher humanistisch geprĂ€gten Freimaurern, ĂŒber christlich-mystisch geprĂ€gte Freimaurer; von Jo Gerner aus âGute Zeiten â Schlechte Zeitenâ ĂŒber Karlheinz Böhm bis hin zum âobersten Freimaurer Deutschlandsâ kommen sie alle zu Wort. Eine bunte Mischung von Menschen.
Regelrecht geĂ€rgert hat mich, dass auch Axel Springer (Ja, auch der war Freimaurer.) ein Kapitel gewidmet ist. Das erste sogar. Denn ist nicht gerade seine Bild-âZeitungâ Inbegriff fĂŒr einen tendenziösen, einseitigen, teilweise menschenverachtenden, niedrigste menschliche Instinkte bedienenden und freiheitlich-demokratische Werte verhöhnenden Journalismus?! Aus Protest habe ich das Kapitel ĂŒber ihn erst ganz zum Schluss gelesen. Und war angenehm ĂŒberrascht, wie differenziert und ausgewogen Philip Militz sich diesem polarisierenden Bruder nĂ€hert.
Das wĂŒrdige Schlusswort erhĂ€lt eine Frau. Und zwar âFrauMaurerâ Sylvia (http://www.freimaurerinnen.de/blog/). Sie bringt die erfrischende weibliche Seite des Freimaurertums zum klingen. Und rĂ€umt mit dem Vorurteil auf, Freimaurertum sei nur was fĂŒr MĂ€nner. Mein ganz persönlicher Eindruck ist, dass es den Herren Freimaurern und dem Freimaurertum an sich mehr als gut tut, von weiblichen Freimaurern hinterfragt und ergĂ€nzt zu werden.
Sie alle sind Charaktere, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Diese Vielfalt zeigt, wie breit gefĂ€chert das Freimaurertum ist. Doch was eint diese so unterschiedlichen Menschen? AuĂer, dass sie alle Teil einer, von auĂen betrachtet, recht seltsam wirkenden Bruderschaft sind? Sie allesamt sind Menschen, die nicht unachtsam durchs Leben gehen. FĂŒr die es mehr gibt als SpaĂ und Konsum. Die sich mit den essentiellen Themen des Lebens auseinandersetzen.
Und so verwundert es nicht, dass jeder der Portraitierten irgendwann auch auf das Thema âTodâ zu sprechen kommt. Wohl das ultimative Lebensthema eines jeden Menschen. Diesem nĂ€hern sie sich von unterschiedlichen Seiten; jedoch angenehm unaufgeregt und versöhnlich. Und es ist wohl eine der Geschichten, die das Leben schreibt, dass drei der Portraitierten das Erscheinen des Buches nicht mehr erlebten. Auch dies trĂ€gt dazu bei, dass dieses Werk ein ganz besonderes ist.
Aber neben den vorgestellten Charakteren ist es auch die Art und Weise, wie diese vorgestellt werden, was dieses Buch ausmacht. Philip Milith legt ein feines GespĂŒr fĂŒr sein GegenĂŒber an den Tag. In einer sehr achtsamen und wertschĂ€tzenden Weise beschreibt er, was sein GegenĂŒber ausmacht und was dessen ureigensten Lebensthemen sind. Fast beilĂ€ufig werden immer wieder die BezĂŒge zum Freimaurertum hergestellt. Und so bekommt man eine Ahnung davon, was fĂŒr ein Mensch das ist, der da Philip Militz gegenĂŒbersitzt. Und wie dieser Mensch sein Freimaurer-Sein lebt. Welche Facetten des Freimaurertums fĂŒr ihn besonders wertvoll sind. Auf welche Weise er durch freimaurerische Symbolik und rituelle Arbeit berĂŒhrt wird. Wo das Freimaurer-Sein ihn verĂ€ndert hat. Und so wird diese so abstrakte Idee âFreimaurertumâ plötzlich sehr real und fast schon greifbar.
Philip Militz gelingt es darĂŒber hinaus, durch die Art und Weise, wie er diese Aufeinandertreffen beschreibt, eine fast schon vertrauliche Kaminzimmer-AtmosphĂ€re herzustellen. Mehrfach fĂŒhlte ich mich, als sĂ€Ăe ich bei den GesprĂ€chen direkt daneben.
Ich glaube, dass solche BĂŒcher, in denen Freimaurer nicht nur ĂŒber hochgeistige abstrakte Ideen reden, sondern sich in ihr Innerstes blicken lassen, AuĂenstehenden einen viel tieferen Einblick ins Freimaurertum gewĂ€hren, als es zum Beispiel eine Veröffentlichung der freimaurerischen Ritualtexte jemals könnte. Denn hier erfĂ€hrt der Leser, was fĂŒr Menschen es sind, die sich Freimaurer nennen. Was fĂŒr Ăngste diese Menschen haben und was fĂŒr Hoffnungen. Was die Werte dieser Menschen sind und wie sich das Freimaurertum in ihren Leben auswirkt.
Am Ende blieb fast so etwas wie das GefĂŒhl, die Menschen dieses Buches persönlich kennengelernt zu haben. Und so ergab es sich, dass ich Harry einfach anquatschte, als er mir mal im Schanzenviertel zufĂ€llig ĂŒber den Weg lief. âMoin, Du bist doch Harry, oder?â Was mit Harrys fragendem Blick begann, endete mit einer herzlichen Umarmung. Und dem Austausch unserer Handy-NummernâŠ




