Fast schon greifbar

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Als ich das Buch ausgelesen hatte, legte ich es neben mir auf den Nachttisch. Ich hielt kurz inne. Ich war bewegt. Von dem, was ich da gerade gelesen hatte. Bewegt. Und auf irgendeine Weise auch 
 dankbar. So recht greifen konnte ich es zunÀchst noch nicht.

Das Buch, das ich meine, ist das aktuell erschienene Werk von Philip Militz. Es heißt „Nicht von gestern – Freimaurer heute“. In diesem stellt der freimaurerische Blogger (http://www.freimaurer-in-60-minuten.de/) auf 168 Seiten 10 ganz unterschiedliche Freimaurer vor. Aber warum hat mich dieses Buch so angesprochen? Was macht dieses, optisch recht unscheinbar daherkommende, BĂŒchlein aus?

Zum Einen sind es die ausgewÀhlten CharaktÀre, die Philip Militz in kleinen Geschichten vorstellt:
Von denen hat mich am stĂ€rksten die Gesichte von Kenan angesprochen. Kenan ist Freimaurer. Und Muslim. Außerdem ist der Kampfsporttrainer in einem sozial schwachen Stadtteil in Berlin. Dort arbeitet er mit „Problem-Kids“. Eine Pointe seines Lebensweges ist, dass er dadurch, dass er Freimaurer wurde, auch wieder Zugang zum Islam bekommen hat.
Innerlich schlucken ließ mich die Geschichte von Hannes. Hannes hat als Freimaurer Nazi-Deutschland erlebt und das KZ ĂŒberlebt. Es war fĂŒr ihn ein weiter Weg zurĂŒck in die „NormalitĂ€t“. Das Erlebte hinterließ Spuren. Diese drĂŒckte er in Gedichten aus, aus denen eine authentische Tiefe spricht. UnwillkĂŒrlich musste ich an Dietrich Bonhoeffer denken, als ich Hannes‘ Gedichte las.
Oder die Geschichte des „begnadeten KĂŒnstlers“ Jens aus Schleswig-Holstein (http://www.jens-rusch.de/index.php/Hauptseite). Der der heimtĂŒckischen Krankheit Krebs von Angesicht zu Angesicht gegenĂŒberstand. Als diese am mĂ€chtigsten war, schleppte er sich „an SchlĂ€uchen hĂ€ngend“ ins freimaurerische Ritual. Mal fĂŒr Mal. Dort fand er Ruhe, inneren Halt und neue Kraft. Schlussendlich lehrte diese Krankheit ihm Dankbarkeit und das Gebet. Und auch wenn er sie schließlich niederrang, so wĂ€re er doch niemals so vermessen, sich als „geheilt“ zu bezeichnen.
Oder die Geschichte von Harry, der sich gegen eine „Karriere“ im Rotlicht-Milieu entschied und einen Imbiss in dem Hamburger Szene-Stadtteil „Schanzenviertel“ eröffnete.
Oder, oder, oder
 Von eher humanistisch geprĂ€gten Freimaurern, ĂŒber christlich-mystisch geprĂ€gte Freimaurer; von Jo Gerner aus „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ ĂŒber Karlheinz Böhm bis hin zum „obersten Freimaurer Deutschlands“ kommen sie alle zu Wort. Eine bunte Mischung von Menschen.
Regelrecht geĂ€rgert hat mich, dass auch Axel Springer (Ja, auch der war Freimaurer.) ein Kapitel gewidmet ist. Das erste sogar. Denn ist nicht gerade seine Bild-„Zeitung“ Inbegriff fĂŒr einen tendenziösen, einseitigen, teilweise menschenverachtenden, niedrigste menschliche Instinkte bedienenden und freiheitlich-demokratische Werte verhöhnenden Journalismus?! Aus Protest habe ich das Kapitel ĂŒber ihn erst ganz zum Schluss gelesen. Und war angenehm ĂŒberrascht, wie differenziert und ausgewogen Philip Militz sich diesem polarisierenden Bruder nĂ€hert.
Das wĂŒrdige Schlusswort erhĂ€lt eine Frau. Und zwar „FrauMaurer“ Sylvia (http://www.freimaurerinnen.de/blog/). Sie bringt die erfrischende weibliche Seite des Freimaurertums zum klingen. Und rĂ€umt mit dem Vorurteil auf, Freimaurertum sei nur was fĂŒr MĂ€nner. Mein ganz persönlicher Eindruck ist, dass es den Herren Freimaurern und dem Freimaurertum an sich mehr als gut tut, von weiblichen Freimaurern hinterfragt und ergĂ€nzt zu werden.

Sie alle sind Charaktere, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Diese Vielfalt zeigt, wie breit gefĂ€chert das Freimaurertum ist. Doch was eint diese so unterschiedlichen Menschen? Außer, dass sie alle Teil einer, von außen betrachtet, recht seltsam wirkenden Bruderschaft sind? Sie allesamt sind Menschen, die nicht unachtsam durchs Leben gehen. FĂŒr die es mehr gibt als Spaß und Konsum. Die sich mit den essentiellen Themen des Lebens auseinandersetzen.

Und so verwundert es nicht, dass jeder der Portraitierten irgendwann auch auf das Thema „Tod“ zu sprechen kommt. Wohl das ultimative Lebensthema eines jeden Menschen. Diesem nĂ€hern sie sich von unterschiedlichen Seiten; jedoch angenehm unaufgeregt und versöhnlich. Und es ist wohl eine der Geschichten, die das Leben schreibt, dass drei der Portraitierten das Erscheinen des Buches nicht mehr erlebten. Auch dies trĂ€gt dazu bei, dass dieses Werk ein ganz besonderes ist.

Aber neben den vorgestellten Charakteren ist es auch die Art und Weise, wie diese vorgestellt werden, was dieses Buch ausmacht. Philip Milith legt ein feines GespĂŒr fĂŒr sein GegenĂŒber an den Tag. In einer sehr achtsamen und wertschĂ€tzenden Weise beschreibt er, was sein GegenĂŒber ausmacht und was dessen ureigensten Lebensthemen sind. Fast beilĂ€ufig werden immer wieder die BezĂŒge zum Freimaurertum hergestellt. Und so bekommt man eine Ahnung davon, was fĂŒr ein Mensch das ist, der da Philip Militz gegenĂŒbersitzt. Und wie dieser Mensch sein Freimaurer-Sein lebt. Welche Facetten des Freimaurertums fĂŒr ihn besonders wertvoll sind. Auf welche Weise er durch freimaurerische Symbolik und rituelle Arbeit berĂŒhrt wird. Wo das Freimaurer-Sein ihn verĂ€ndert hat. Und so wird diese so abstrakte Idee „Freimaurertum“ plötzlich sehr real und fast schon greifbar.

Philip Militz gelingt es darĂŒber hinaus, durch die Art und Weise, wie er diese Aufeinandertreffen beschreibt, eine fast schon vertrauliche Kaminzimmer-AtmosphĂ€re herzustellen. Mehrfach fĂŒhlte ich mich, als sĂ€ĂŸe ich bei den GesprĂ€chen direkt daneben.

Ich glaube, dass solche BĂŒcher, in denen Freimaurer nicht nur ĂŒber hochgeistige abstrakte Ideen reden, sondern sich in ihr Innerstes blicken lassen, Außenstehenden einen viel tieferen Einblick ins Freimaurertum gewĂ€hren, als es zum Beispiel eine Veröffentlichung der freimaurerischen Ritualtexte jemals könnte. Denn hier erfĂ€hrt der Leser, was fĂŒr Menschen es sind, die sich Freimaurer nennen. Was fĂŒr Ängste diese Menschen haben und was fĂŒr Hoffnungen. Was die Werte dieser Menschen sind und wie sich das Freimaurertum in ihren Leben auswirkt.

Am Ende blieb fast so etwas wie das GefĂŒhl, die Menschen dieses Buches persönlich kennengelernt zu haben. Und so ergab es sich, dass ich Harry einfach anquatschte, als er mir mal im Schanzenviertel zufĂ€llig ĂŒber den Weg lief. „Moin, Du bist doch Harry, oder?“ Was mit Harrys fragendem Blick begann, endete mit einer herzlichen Umarmung. Und dem Austausch unserer Handy-Nummern


Mit einem Mysterium ringen

Ernst und Falk

Um einen der Besteller in der freimaurerischen Literatur handelt es sich bei dem Werk “Ernst und Falk – GesprĂ€che fĂŒr Freimaurer“ von Gotthold Ephraim Lessing aus dem Jahr 1778. Dort trifft der “Suchende Ernst“ auf den “Freimaurer Falk“. Ernst möchte von Falk erfahren, was es mit dem Freimaurertum auf sich hat. Er will das freimaurerische Geheimnis ergrĂŒnden.

Es ist der damaligen Zeit geschuldet, dass dieses Werk heutzutage an der einen oder anderen Stelle bisweilen ein wenig umstĂ€ndlich formuliert und eingerostet daherkommt. Da es an sich aber nach wie vor erstaunlich aktuell ist, haben es sich der freimaurerische Blogger Rene Schon (http://freimaurergedanken.com/) und Thorsten Dörfler mal vorgenommen und ganz krĂ€ftig vom Staub der Jahrhunderte befreit. „Ernst und Falk 2014: GesprĂ€che fĂŒr Freimaurer“ heißt diese ĂŒberarbeitete, 64 Seiten starke und sogar um ein Kapitel ergĂ€nzte Version.

Doch was macht dieses Werk so besonders? Neben dem Inhalt ganz klar die Form, in der es gehalten ist. Diese erinnert nĂ€mlich an die LehrgesprĂ€che, die im Buddhismus die alten ZEN-Meister mit ihren SchĂŒlern fĂŒhrten. Ebenso an die LehrgesprĂ€che, die die alten christlichen WĂŒstenvĂ€ter mit ihren Adepten fĂŒhrten. Und selbst Jesus Christus unterrichtete und predigte ĂŒberwiegend in vergleichbaren Formen.

WĂ€hrend Ernst nach verstandesgemĂ€ĂŸ erfassbaren Fakten ĂŒber das Freimaurertum fragt, antwortet Falk ihm in Bildern, Gleichnissen und Allegorien. Allesamt nicht dazu geeignet, die konkrete Frage zu beantworten. Wohl aber, um beim GegenĂŒber eigene innere Prozesse anzustoßen. An deren Ende so etwas wie die Antwort auf die ursprĂŒngliche Frage stehen könnte. Wichtig hierbei ist in erster Linie aber nicht die Antwort an sich. Sondern der Weg, den der Fragende zurĂŒckgelegt hat, um zu der Antwort zu gelangen.

Und wĂ€hrend Ernst noch um rational verstĂ€ndliche Fakten ringt, wird dem Leser langsam klar, dass es sich beim Freimaurertum um ein Mysterium handelt. Eins, das schwerlich nur mit Worten zu beschreiben ist. Eins, das innerlich erlebt werden will. Eins, das sich im tĂ€glichen sozialen Leben ausdrĂŒcken und beweisen muss. Das schon existierte, lange bevor es die Formen gab, die heute das Freimaurertum ausmachen. Das es wohl schon gab, bevor der Begriff „Freimaurer“ ĂŒberhaupt existierte.

Ich erinnere mich noch ganz genau, als ich das Original von Lessing das erste Mal las. Es war in der Zeit, als ich mit dem Gedanken spielte, Freimaurer zu werden. Ein Logenmeister, den ich bis heute sehr schĂ€tze, gab es mir zu lesen. Recht schnell war ich regelrecht genervt davon, dass der Falk auf die Fragen des Ernst auf die beschriebene Weise eingeht. „Kann er denn nicht einfach mal konkret sagen, was Phase ist?“

Doch bald schon merkte ich, dass dieses Werk mich mit auf eine Art Reise mitgenommen hatte. Und plötzlich war ich es, der mit Falk um Antworten rang; nicht mehr Ernst. Ich war es, der sich diesem Mysterium “Freimaurertum“ zu nĂ€hern begann. Und es umkreiste. Und zwischen den Zeilen begann ich etwas von diesen Mysterium zu erahnen… Genau dieser innere Prozess ist es, der, meines Erachtens, dieses Werk ausmacht.

Vielleicht ĂŒberblicken wir noch gar nicht, wie hoch der Wert des vorliegenden Buches von Rene Schon und Thorsten Dörfler einzuschĂ€tzen ist. Aber eines ist auf jeden Fall jetzt schon klar: Ihnen ist es gelungen, dem Menschen des 21. Jahrhundert einen Zugang zu diesem besonderen Werk zu legen. Und das, ohne den Inhalt zu verwĂ€ssern oder die Form zu beschĂ€digen.

Jeder aufrichtig “Suchende“ – egal ob Freimaurer oder nicht – wird in diesem Buch wertvolle AnstĂ¶ĂŸe bekommen, die noch eine ganze Weile nachklingen können. Vorausgesetzt natĂŒrlich, er lĂ€sst sich darauf ein und macht sich innerlich auf den Weg


MĂ€nner-Initiation 2015

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In der Zeit, als die Religion noch nicht institutionalisiert war, kannte sie jede Kultur: Initiationsriten. Der junge Mann durchlief Rituale, die ihn mit seinem Tod und mit seinem Schatten konfrontierten. Rituale, die ihn die Frage nach seiner tiefsten IdentitĂ€t als Mann stellen ließen. Oftmals waren diese Rituale der Beginn der ganz persönlichen Heldenreise des jungen Mannes zu sich selbst. Zu seinem Platz im Mysterium des Lebens, in dieser Welt und in der Gemeinschaft der Menschen. Er wurde in etwas initiiert, das viel umfassender und grĂ¶ĂŸer war als er und sein kleines Ego.

Unsere westliche Welt hat das alte Wissen um die Notwendigkeit der Initiation des Mannes vergessen. ZurĂŒckgeblieben sind orientierungslose MĂ€nner; unfĂ€hig ihr Innerstes auszudrĂŒcken. EingezwĂ€ngt zwischen den Rollenklischees vom Softi und vom Macho. MĂ€nner, die nur schwer Zugang bekommen zu ihrer archaisch-kriegerischen Seite, ebenso wie zu ihrer liebevoll-zĂ€rtlichen. WĂŒtende MĂ€nner, Ă€ngstliche MĂ€nner.

Eines der Lebensthemen des Franziskaner-Paters Richard Rohr ist die Frage, welche spirituellen Formen der mĂ€nnlichen Seele entsprechen. Welche Formen sind notwendig, damit der Mann mit seinem tiefsten Innersten in BerĂŒhrung kommen kann?

Richard Rohr verglich die unterschiedlichen Initiationsriten der verschiedenen Kulturen und Zeiten miteinander. Er stellte fest, dass diese sich in ihren grundsĂ€tzlichen Aussagen und Zielrichtungen ĂŒberraschend Ă€hnelten. Und unterschieden sich auch die verwendeten Rituale und Symbole Ă€ußerlich, so waren die inneren Wege, die sie die jungen MĂ€nner gehen ließen, doch die gleichen.

Aus diesem Wissen und nach diesem Vorbild entstand ein neuer Initiationsritus. Ein Ritus, der den Mann den alten Weg von Leid, Tod und Auferstehung gehen lĂ€sst. Ein Ritus, der ihn mit seiner dunklen Seite konfrontiert. Ein Ritus, der den Mann mit seinem tiefsten Innersten in BerĂŒhrung kommen lĂ€sst. Ein Ritus, der letztendlich den Startpunkt markiert fĂŒr die ganz persönliche Heldenreise des Mannes.

Der Verein MĂ€nnerpfade (http://maennerpfade.org/node/1) wird vom 02. – 06. September in SĂŒddeutschland wieder eine MĂ€nner-Initiation nach Richard Rohr durchfĂŒhren.

Höre in Dich hinein, Mann! Vielleicht ist diese Initiation genau der nÀchste Schritt auf Deinem spirituellen Weg?!

Das Lied vom neuen Anfang

Auf einmal waren sie wieder da: Die Vögel, die morgens vor meinem Schlafzimmerfenster das Lied vom neuen Anfang singen. Die Sonnenstrahlen, die morgens sanft in mein Schlafzimmer kriechen und mich wachkĂŒssen. Die bunten BlĂŒten, die durch die Erdkruste brechen und die Wiesen in ein prachtvolles Gewand kleiden. Das zarte GrĂŒn, das die BĂ€ume und StrĂ€ucher ziert.

Und auch in den Augen der Menschen nehme ich wieder dieses wunderschöne Strahlen wahr. Ihre Gesichter wirken aufgehellt, irgendwie hoffnungsvoller. Es sind immer noch dieselben Menschen wie in den letzten Wochen und Monaten. Doch irgendetwas hat sich im Innersten dieser Menschen verÀndert.

Hinter uns liegen die dunklen Monate. Die Zeit, in der die Sonne nur wenig Kraft hatte. Die Zeit, in der Frost und KĂ€lte alles durchdrangen. Als die Nacht den Tag niedergerungen und die Dunkelheit das Licht besiegt hatte. Die große Kraft des Lichtes ließ sich nur noch erahnen. Unsere Erinnerungen waren der einzige Ort, an dem es noch strahlen durfte.

Doch jetzt sind die Tage angebrochen, in denen das Licht neu geboren wird. Unaufhaltsam ersteht es auf und findet zu alter StĂ€rke zurĂŒck. Und mit dem Licht kehrt auch das Leben zurĂŒck. Die gesamte Schöpfung strebt dem Licht entgegen. ErblĂŒht aufs Neue. Wird fruchtbar. Das Leben sprießt, wohin ich auch schaue.

Und als wollte uns die Sonne mit der hinter uns liegenden Zeit versöhnen, taucht sie den Himmel in die erhabensten Farben. Morgen fĂŒr Morgen und Abend fĂŒr Abend. Der Himmel des FrĂŒhlings sieht genauso wundervoll aus, wie er es einst im Herbst tat. Doch erzĂ€hlte der Herbst noch vom wundervollen Sterben, so erzĂ€hlt der FrĂŒhling jetzt von der kraftvollen Auferstehung.

Wohin man auch blickt, stimmt die gesamte Schöpfung wieder in das ewige Loblied auf ihren Schöpfer ein. „Dann jauchzt mein Herz Dir großer Herrscher zu: Wie groß bist Du?! Wie groß bist Du?!“ Was vor uns liegt ist Licht. Was vor uns liegt ist Leben.

(Dieser Text ist ganz besonders meiner geliebten Frau gewidmet.)

Der Weg ins Auge des Sturms

JWHW

JHWH – DER „ICH BIN“

Eine der mich berĂŒhrendsten Geschichten im Alten Testament der Bibel ist die, als Moses das erste Mal Gott begegnete. Gott offenbarte sich ihm hierbei als „JHWH“, der „Ich Bin“.

„JHWH – Ich Bin“ – LĂ€sst man diese Worte in der Stille nachhallen, bekommt man eine Ahnung davon, dass der Name Gottes viel grĂ¶ĂŸer und allumfassender ist, als unser, in dualistischen Kategorien denkender Verstand es je erfassen könnte. JHWH – Der „Ich Bin“ – Der Seiende – Das Sein.

DU SOLLST DIR KEIN BILDNIS MACHEN

Und dennoch ziehen seit Jahrtausenden Heerscharen von Gelehrten, Theologen und Dogmatikern aus, um dieses große „Ich Bin“, als das Gott sich offenbart hat, in klar definierte GlaubenssĂ€tze zu pressen.

Ich glaube, der Antrieb, der dahinter steckt, ist das BedĂŒrfnis unseres kleinen Egos – unseres Falschen Selbst – die Kontrolle behalten zu wollen. Kontrolle ĂŒber das Leben. Kontrolle ĂŒber Gott. Denn wenn ich definieren kann, wie Gott ist und wie Gott nicht ist; was Gut ist und was Böse ist; und was ich zu tun habe, um erleuchtet, erlöst oder errettet zu werden, dann bin es letztendlich ich, der die Kontrolle behĂ€lt. Denn ich weiß ja, wie Gott und wie der Glaube an Gott und damit auch das gesamte Leben „funktionieren“.

Das Problem hierbei ist nur, dass ich, von dem Moment an, wo ich Gott definiere, ihn gleichzeitig auch limitiere. JHWH – der „Ich Bin“ – Der Seiende – Das Sein verliert das Allumfassende und das Alldurchdringende. Gott ist dann nur noch so groß, wie es ihm mein dualistischer Horizont erlaubt. Ich halte Gott klein genug, dass er meinem BedĂŒrfnis nach Sicherheit dient.

Ein weiteres Problem ist: Sobald ich eine unverrĂŒckbare Lehrmeinung ĂŒber Gott aufstelle, schließe ich automatisch jeden aus, der diese nicht teilt. Letztendlich sind Dogmen aber oftmals nicht mehr als theoretische LehrgebĂ€ude, die wir im Kopf ersonnen haben und im Kopf mit uns herumtragen. Und auf Grund eben dieser theoretischen Konstrukte sprechen GlĂ€ubige seit Jahrtausenden AndersglĂ€ubigen ab, Teil dieses großen „Ich Bin“ zu sein, als das Gott sich offenbart hat.

Kann es nicht sein, dass Gott in den 10 Geboten genau aus diesen GrĂŒnden vom Menschen verlangt „Du sollst Dir von Gott kein Bildnis machen.“? Kann es nicht sein, dass Gott dieses Gebot genau aus diesen GrĂŒnden sogar an die zweite Stelle seiner Gebote gesetzt hat? Und ich frage mich auch, ob der Dogmatiker nicht gegen eben dieses 2. Gebot verstĂ¶ĂŸt. Denn malt er nicht ein – sogar sehr konkretes – Bild von Gott, wenn er ihn in eine dogmatische Lehrmeinung presst?

WAS KEIN DOGMA VERMAG

JHWH – Der „Ich Bin“ – Der Seiende – Das Sein entzieht sich letztendlich allen Versuchen unseres Falschen Selbst, es in dualistische Kategorien einzuordnen.

Nach dem Franziskaner-Pater Richard Rohr birgt der Name Gottes JHWH darĂŒber hinaus ein großes Geheimnis. Er ist so beschaffen, dass jeder Mensch ihn aussprechen kann, ohne seine Lippen zu bewegen. Und jeder Mensch spricht diesen Namen auch aus. Ohne Unterlass. Jeden Tag. In jedem Moment. Beim Einatmen die Silbe JH („Jaah“) und beim Ausatmen die Silbe WH („Heeh“). Jaah-Heeh – mit jedem Atemzug spricht der Mensch den Namen Gottes aus. Jeder Atemzug ein Gebet. Jeder Mensch atmet den Namen Gottes im wahrsten Sinne des Wortes. Das Allererste, was ein Mensch in seinem Leben macht: Er spricht den Namen Gottes aus – Jaah-Heeh. Das Allerletzte, was ein Mensch in seinem Leben macht: Er spricht den Namen Gottes aus – Jaah-Heeh.

Dem folgend atmet ausnahmslos jeder Mensch den Namen Gottes. UnabhĂ€ngig von Geschlecht, Religion, sexueller IdentitĂ€t, Weltanschauung, materiellem Status oder was sonst auch immer Menschen sich im Laufe der Zeit ersonnen haben, um sich selbst als auserwĂ€hlt fĂŒhlen zu dĂŒrfen und alle nicht AuserwĂ€hlten ausgrenzen zu können. Aber bedeutet dies dann nicht auch, dass alle Menschen auf einer tieferen Ebene letztendlich eins sind? Dass keine Weltanschauung, keine Glaubenslehre mich von meinem Mitmenschen trennen kann? Es lohnt sich, diesen Gedanken nachklingen und sich entfalten zu lassen.

DAS AUGE DES STURMS

Und es lohnt sich, selbst in die Stille zu gehen und den eigenen Atem mit dem Namen Gottes – mit diesem [Jaah (einatmen) – Heeh (ausatmen)] – zu verbinden. Das ist fĂŒr mich das zentrale Element des christlich-kontemplativen Weges. Es geht darum, in die Stille zu gehen, um genau diesen einen Ort zu finden: Der Ort, an dem sich mein Atem mit dem Atem Gottes verbinden kann. Mein persönliches, inneres „Auge des Sturms“. Das ist der Ort, an dem nicht mehr mein falsches Selbst Gott definieren, kontrollieren und kleinhalten muss, sondern an dem mein Wahres Selbst mit Gott eins wird. Mit dem Gott, der sich als das große „Ich Bin“ offenbart hat und dessen Namen ich mit jedem Atemzug ausspreche.

Vielleicht ist es genau diese Erfahrung, die Jesus Christus in der Bibel meint, wenn er davon spricht, dass er und Gott „eins“ sind. Denn auch von Jesus ist ĂŒberliefert, dass er hĂ€ufig und oftmals auch ĂŒber lĂ€ngere ZeitrĂ€ume in Stille und Einsamkeit verweilte.

Der christlich-kontemplative Weg ist letztendlich die FortfĂŒhrung des Weges der christlichen Mystiker. In der christlichen Mystik wurde Gott in der Regel auf zweierlei Weise erlebt und verehrt. Einmal als personales GegenĂŒber; z.B. Gott, der Vater. Dann aber auch als „Geist“ bzw. „Urgrund“, der das Große Ganze in seiner Gesamtheit durchdringt. Dieser Göttliche Urgrund existierte gleichzeitig jedoch auch in den Tiefen eines jeden einzelnen Menschen. Gott war ganz innerhalb des Menschen und Gott war ganz außerhalb des Menschen. Wie innen, so außen. Wie oben, so unten.

Der Weg des Mystikers bestand darin, den Weg der Stille zu gehen, um an den Ort zu gelangen, an dem das Eins-Werden mit diesem Göttlichen Urgrund geschehen kann. Es galt, dieses innere Auge des Sturms zu finden, in dem sich die „Unio Mystica“ vollziehen kann.

Ich erlebe die symbolische Loge, in die sich der Freimaurer im freimaurerischen Ritual begibt, als genau diesen Ort. Ein Ă€ußeres Ritual, das letztendlich achtsam machen soll fĂŒr einen inneren Weg, fĂŒr einen inneren Ort. Die rituelle Loge: Ein Bild fĂŒr das innere Auge des Sturms, tief in mir. Der Ort, an dem die „Unio Mystica“ geschehen kann.

Ich kann mir vorstellen, dass es fĂŒr einen Freimaurer eine wertvolle Übung darstellen kann, sich wĂ€hrend des Rituals ganz bewusst mit dem Atem Gottes zu verbinden. [Jaah (einatmen) – Heeh (ausatmen)]. Vielleicht stellt sich dadurch nochmal ein achtsameres Sein im Ritual ein. Und damit auch ein tieferes Erleben des Rituals.

HEILIGE AUGENBLICKE

Das Ziel des Suchens der Stille aber kann in letzter Konsequenz nur sein, mir bewusst zu werden, dass ich den Namen Gottes in jedem Augenblick meines Lebens atme. Auch – oder gerade – wenn ich mich nicht in der Stille oder im Ritual befinde. Das bewusste Suchen der Stille und das Erleben des Rituals kann letztendlich nicht mehr sein als ein Achtsamkeitstraining. Es trainiert mich dafĂŒr wahrzunehmen, dass ich in jedem Augenblick den Namen Gottes atme. Dass ich in jedem Augenblick eins bin mit Gott. Dass JHWH – Der „Ich bin“ – Der Seiende – Das Sein mich unablĂ€ssig durchdringt. Ich muss mir dessen nur bewusst werden. Daher ist auch jeder Augenblick heilig. Egal wie alltĂ€glich. Egal wie unbedeutend. Egal wie profan.

Aus meiner dunkelsten Stunde

Traurig siehst Du mich an,
doch was soll ich Dir sagen?
Ich habe keine Antworten
auf meine Fragen.
Mich zermartert Ungewissheit,
doch alles, was ich tun kann,
ist es zu ertragen.

Ich werde warten.
Ich werde warten.
Ich werde warten,
mein Gott, auf Dich warten.
Und ich spĂŒre mit jedem Gebet,
dass mein Glaube immer noch lebt.
Ja, ich werde warten.

Er tut so unendlich weh,
der Moment der Ohnmacht.
Einsames Sterben,
aus der Illusion erwacht.
Mit der Angst kommt die Wut,
wo der Ratschlag nichts mehr gilt.
Endlose Nacht.

Ich werde warten.
Ich werde warten.
Ich werde warten,
mein Gott, auf Dich warten.
Und ich spĂŒre mit jedem Gebet,
dass mein Glaube immer noch lebt.
Ja, ich werde warten.

Sage Satan „Guten Tag“,
dass ich mein verschissenes Leben mag
mit jedem Tag.

Ich werde warten.
Ich werde warten.
Ich werde warten,
mein Gott, auf Dich warten.
Und ich spĂŒre mit jedem Gebet,
dass mein Glaube immer noch lebt.
Ja, ich werde warten.