Legende

Aus westlicher Richtung sollte ich das Heiligtum betreten. So wie unzählige Suchende und Neophyten vor mir. Die Sonne prangte über mir. Doch die mannigfach rötlichen Schleier, die sie über Himmel und Landschaft legte, zeugten davon, dass ihre Kraft am Schwinden war. Der Tag lag im Sterben. Die Dunkelheit und die Kälte der Nacht streckten ihre unerbittlichen Klauen nach allem aus, was sie zu fassen bekamen.

Ich trat auf das große, steinerne Portal mit dem massiven Holztor zu. Gesäumt wurde es von zwei Säulen. Davor stand ein älterer Mann in einer weißen Kutte. Auf seiner Brust ein rotes Tatzenkreuz, auf dem Kopf der hohe Hut des Magiers, in der Hand das Schwert des Kriegers. An der Klinge seines Schwertes tänzelten unzählige feurige Flammen. Ein voller Bart bedeckte den Großteil seines Gesichtes. Seine tiefblauen Augen blickten mich durchdringend an. „Wer bist Du?“, stieß er hervor. Ja, wer war ich? Verzweifelt rang ich nach einer Antwort. Doch es blieb nur mein Schweigen. „Woher kommst Du und wohin gehst Du?“, fragte der Wächter nun. Doch auch auf diese Fragen vermochte ich keine Antwort zu finden. Vielleicht erhoffte ich, sie hinter dem hölzernen Tor zu erhalten, das der Alte bewachte. Hilflos wich ich seinem Blick aus. Und wieder nur mein Schweigen. Unvermittelt jedoch trat der Alte beiseite und das Tor öffnete sich.

Nachdem ich es durchschritten hatte, blieb ich stehen. Und verharrte einen Augenblick lang. Vor mir breitete sich ein weiter Raum aus. Dieser wurde zu allen Seiten von gewaltigen, dunkelgrauen Steinmauern begrenzt, die sich schier unendlich in die Höhe erhoben. Ein atemberaubendes Gewölbe schloss diese Mauern zum Himmel hin ab. Eine Kathedrale. Bunte, langgezogene Fenster, die sich beinahe über die gesamte Höhe erstrecken, waren in die Wände eingelassen. Die untergehende Sonne schien in schummrigem Bunt durch sie ins Innere dieses Bauwerks. Am östlichen Ende stand ein massiver Altar. Auf diesem brannten drei Kerzen. Hinter dem Altar führte ein kleines hölzernes Tor ins Freie. Solche Tore existierten ebenfalls in der Nordwand sowie in der Südwand. Die ganze Kathedrale schien sich zu Gott empor zu strecken. Jeder Winkel flüsterte: „Ehre sei Gott!“

Jäh wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, als das Tor, durch das ich diese Kathedrale betreten hatte, hinter mir rumpelnd ins Schloss fiel. Ich drehte mich um und rüttelte an seinem massiven Knauf. Doch das Tor war verschlossen. Kurz wallte so etwas wie Panik in mir auf. Hektisch blickte ich um mich. Die Sonne schien so gut wie untergegangen zu sein, denn undurchsichtige Dunkelheit breitete sich nun überall in der Kathedrale aus. Auch der nur noch schwache Schimmer, der durch die hohen Fenster fiel, änderte nichts mehr daran. Einzig der Altar im Osten wurde noch von den drei Kerzen erhellt. Eine unheimliche Ahnung ergriff von mir Besitz: Diese Kathedrale versank in Finsternis. Ich musste hier raus!

Eilig hastete ich zum Tor im Süden. Und riss es auf. Unverhofft sah ich mich einer in eine schwarzen Kutte gekleideten Gestalt gegenüber; die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Sie hielt einen kleinen wie spitzen Dolch in der erhobenen Hand. Urplötzlich stach sie auf mich ein. Mit beiden Händen gelang es mir, ihren Stoß abzufangen und die Hand, in der sie das Messer führte, festzuhalten. Durch die Wucht dieses Angriffs ging ich in die Knie. Die Gestalt presste den Dolch weiter in meine Richtung. Ich stemmte mich mit aller Gewalt dagegen. Meine Arme schmerzten zusehends. Langsam kam die Gestalt mit ihrem Gesicht dem meinen nahe, als wollte sie mich küssen. Als mich ihr eisiger Atem umwehte, erkannte ich ihr Gesicht: Es war mein Gesicht! Die Gestalt holte tief Luft. Mein Atem entwich meiner Lunge. Etwas abgrundtief Kaltes und unbeschreibliches Trauriges blieb zurück. Ich rang nach Luft. Doch da war keine Luft mehr. Panik! Die Gestalt saugte meinen Atem in sich auf! Mein Körper sackte zusammen. Kälte und Traurigkeit breiteten sich in mir aus. Und hinterließen taube Leblosigkeit. Tränen liefen meine Wangen hinunter. Schließlich konnte ich sehen, wie ein kleiner Lichtfunke durch meinen Mund meinen Körper verließ. Er schwebte geradewegs auf die schwarze Gestalt zu. Sie schien diesen Lichtfunken in sich aufzusaugen.

Unverhofft erblickte ich einen eisernen Kerzenständer, der neben mir auf dem Boden stand. Meine rechte Hand ließ den Arm der Gestalt los. Als ich nach dem Kerzenständer griff, ließ sie den Dolch in meinen Bauch gleiten. Schmerz durchfuhr mich. Blut quoll hervor. Ein donnerndes Rumoren dröhnte durch die Kathedrale. Ich nahm mein letztes bisschen Kraft zusammen und schleuderte den Kerzenständer in das Gesicht der Gestalt. Sie taumelte nach hinten. Und fiel zu Boden.

Ich sank in mich zusammen. „Steh auf und lauf!“, schrie etwas in mir. Plötzlich schlug ein massiver Steinquader krachend neben mir in den Boden ein. Splitter flogen durch den Raum. Ein Grollen begann den Raum zu erfüllen. Steine sowie Balken der Konstruktion des Dachgewölbes stürzten in die Tiefe. Risse taten sich im Steinboden auf. Die Mauern bröckelten. Die pompösen Fenster barsten. Die Kathedrale brach in sich zusammen! Ich musste hier raus! Taumelnd richtete ich mich auf. Und stolperte zum Tor im Norden. Das Dröhnen, das die Kathedrale durchzog, schwoll an.

Am Nordtor angelangt, drückte ich zitternd die Klinke herunter. Doch dahinter stand eine weitere Gestalt! Es durchfuhr mich! Sie war gekleidet wie die erste; die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Schlagartig holte sie mit ihrem Dolch aus und stach in die Richtung meines Kopfes. Sie traf mich an der Stirn. Ich stürzte rücklings zu Boden. Blut lief über mein Gesicht. Im nächsten Moment schon kniete die Gestalt auf mir. Unter ihrer Kapuze konnte ich wieder mein Gesicht erkennen. Verdammt, was nur hatte es damit auf sich?! Wieder entwich mein Atem meiner Lunge. Wieder diese Leblosigkeit, diese Kälte, diese Traurigkeit. Ich ergab mich.

Plötzlich bemerkte ich, wie ich langsam aus meinen Körper trat. Schließlich stand ich neben mir und dieser Gestalt, die auf mir kniete. Ich schaute zu, wie mich dieser Lichtfunke abermals verließ und auf die Gestalt zuschwebte. Etwas Wunderschönes, zutiefst Friedliches und gleichzeitig unendlich Liebevolles ging von diesem Funken aus. Sein Strahlen verbreitete Helligkeit und Wärme. So etwas Wundervolles hatte ich vorher noch nie gesehen. Ein Gefühl von überwältigender Ergriffenheit überkam mich. Ich sah, wie Tränen aus meinem Körper, der dort auf dem Boden lag, rannen. Für einen Moment stand die Zeit still. Und mir wurde bewusst: Dies hier ist mein Ende. Dieser Funke wird erlöschen, sobald er im Inneren der Gestalt angekommen ist.

Ein dumpfer Schlag durchfuhr meinen Körper. Ich ruckte zusammen. Und öffnete wieder die Augen. Jetzt lag die Gestalt regungslos auf mir. War sie tot? War sie bewusstlos? Teile der hölzernen Dachkonstruktion lagen auf ihr. Ich versuchte sie von mir wegzudrücken. Doch das Holz wog schwer. Ich mobilisierte meine letzte Kraftreserven. Ruck um Ruck zog ich mich unter der Gestalt hervor. Und bleib neben ihr liegen.

Keine Kraft mehr aufzustehen. Also kroch ich über den kalten Steinboden. Eine blutige Spur zog sich hinter mir her. Das Hinabstürzen und Zerschellen von massiven Holz- und Gesteinsbrocken erfüllte jetzt die gesamte Kathedrale und wuchs noch weiter an. Die Außenwände begannen in sich zusammenfallen und rissen die Reste des Daches mit sich. Überall schlugen Trümmer ein. Vom Eingang im Westen aus tat sich ein breiter Riss im Boden auf. Und arbeitete sich unaufhaltsam vor in Richtung Altarraum im Osten. Er hinterließ eine tiefe Schlucht. Ich musste durch das Osttor hindurch sein, bevor der Riss dort angekommen ist! Geschwächt und vor Schmerzen stöhnend robbte ich Meter für Meter voran. „Ergib Dich! Lass Dein Leben endlich los.“, flüsterte eine Stimme in mir. „Nein, niemals!“, befahl ich mir, „Niemals!“

Als ich am Tor im Osten ankam, drückte ich mit allerletzter Kraft seine Klinke herunter. Unter mir breitete sich langsam eine Blutlache aus. Mein Blut. Ich spürte, wie der Boden um mich herum langsam aufriss. Das Tor schwang knarrend auf. Und wieder stand solch eine schwarz gekleidete Gestalt vor mir! Sie stieß ihren Dolch in Richtung meines Herzens. Ich konnte den Stoß parieren, zunächst einmal. Doch langsam drückte sie fester. Bösartig lächelte mich mein eigenes Gesicht unter der Kapuze an. Plötzlich konnte ich den kalten Atem der Gestalt spüren. Wieder begann mein Atem meiner Kehle zu entweichen. Wieder drangen diese leblose Kälte und Traurigkeit in mich ein. Doch diesmal krallten sie sich in meinem Inneren fest. Ganz fest. Dieser winzig kleine Lichtfunken verließ abermals meinen Mund und schwebte auf die Gestalt hinzu. Mein letzter Lebenswille erlosch. „Es ist vorbei.“, ging es mir durch den Kopf, als die Gestalt ihren Dolch langsam in mein Herz rammte. Schmerz durchfuhr mich. Blut quoll hervor.

Das Letzte, was ich sah, war, wie alle drei Gestalten um mich herum knieten. Gierig und triumphierend. Im Eingang der Kathedrale stürzten die beiden Säulen um. Wenige Meter hinter uns brach der Altar in sich zusammen. Seine Kerzen erloschen. Der Boden unter uns gab nun nach. Ich verlor den Halt. Die drei Gestalten und ich rutschten in den Spalt, der sich berstend im Altarraum auftat.

Und fielen. Hinein in die Tiefe. Mein Schrei erstarb, noch bevor er meine Lippen verlassen konnte. Wir stürzten ins Dunkle. Aus meinem äußeren Schweigen wurde inneres Schweigen. Aus Dunkelheit wurde Finsternis. In beides tauchten wir ein. Tiefer und tiefer. Bis es uns ganz und gar verschlungen hatte. Stille.

Stille. Mein tauber Körper lag auf hartem Untergrund. Ich drehte mich nach links und stieß gegen Holz. Und als ich mich nach rechts drehte, ebenso. Ich wollte meinen Kopf aufrichten, doch auch nach oben wurde ich durch Holz begrenzt. Mein Bewusstsein verlor sich erneut im schweigenden Dunkel. Finsternis.

Schließlich wurde der Sargdeckel von außen geöffnet. Das warme Hell einer von Kerzen erleuchteten, steinernen Gruft fiel zu mir herein. Leblos und leer lag mein Körper da. Der alte Mann mit dem weißem Rauschebart und den hellblauen Augen stieg zu mir in den Sarg. Auf seinem Haupt noch immer der hohe Hut des Magiers. Das Schwert des Kriegers auf den Rücken geschnallt. „Erhebe Dich, Sohn!“, sprach er. Er setzte seinen rechten Fuß an meinen rechten Fuß und ergriff mit seiner rechten Hand meine rechte Hand. Und zog mich zu sich empor. Hierbei setzte er sein rechtes Knie an mein rechtes Knie, drückte seine Brust an die meine und legte seinen linken Arm von rechts um meine Schultern. So zog er mich zu sich heran. Dort standen wir. In inniger Umarmung. Ich zitterte am ganzen Leib vor Schwachheit und vor Schmerz.

Nun atmete der alte Mann tief ein, wobei er die Wortsilbe „JH“ wisperte. Hiernach atmete er lange aus, wobei er die Wortsilbe „WH“ wisperte. Neues Leben, nie gekannte Kraft und grenzenlose Freude durchströmten mich. Als der Alte dasselbe zum zweiten Mal tat, hatte sich mein Atem bereits mit dem seinen verbunden. Wir atmeten gemeinsam. Eins miteinander. Der Alte wisperte wieder beim Einatmen die Silbe „JH“ und beim Ausatmen die Silbe „WH“. Ich erhob mein Haupt. Das Zittern entwich meinem Körper. Beim dritten Mal atmeten wir gemeinsam ein und aus und ich flüsterte die Silben „JH – WH“ mit. Ich öffnete meine Augen.

Ich war nackt. Der alte Mann war nicht mehr da. Zu meinen Füßen lagen sein hoher Hut und sein Schwert, das in einer Schwertscheide steckte. Beides nahm ich an mich und schaute mich um. Anscheinend befand ich mich in einer Grotte oder einer Gruft. Die Wände bestanden aus steinernem Schutt und Geröll. Es waren die Trümmer der Kathedrale. Unzählige Kerzen tauchten alles in warmes und doch nur sehr spärliches Licht. Um den Sarg herum lagen die drei schwarzen Gestalten auf dem Boden. Regungslos. Waren sie tot? Was, wenn sie sich plötzlich erhoben? Hastig befestige ich den hohen Hut an der Schwertscheide, schnallte beides auf meinen Rücken und zog das Schwert. Dessen flammende Klinge erleuchtete diesen Ort. Die drei Gestalten lagen weiterhin leblos auf dem Boden. Meine suchenden Blicke fanden keinen Ausgang. Wie nur sollte ich diesen Ort wieder verlassen? Mein Blick wanderte hoch und verlor sich in einem schier endlosen Schacht, der nach oben führte. Am Ende dieses Schachtes erahnte ich den Schimmer von Licht. Wollte ich hier raus, musste ich den Schacht komplett emporklettern.

Also begann ich zu klettern. Aufwärts. Geröllstück um Geröllstück. In aller Vorsicht setze ich einen Fuß nach dem anderen. Es war schwer, sicheren Stand zu erlangen und mich festzuhalten. Doch Stück für Stück bewegte ich mich empor. Dem Licht entgegen. Manches Mal glitten meine Füße ab. Manches Mal stürzten Trümmerteile in die Tiefe. Das Gestein presste tiefe Furchen in meine Hände. Die Schwielen, die es hinterließ, rissen auf und begangen zu bluten. Meine Beine wurden schwächer und schwächer. Doch unaufhaltsam kam das Licht näher.

Schließlich erreichte ich das obere Ende des Schachtes. Die milde Luft eines frühlingshaften Morgens umwehte meine Nase. Und füllte meine Lungen. „Tritt heraus, Bruder!“, ertönte eine tiefe männliche Stimme. Eine Hand wurde mir entgegengestreckt. Ich ergriff sie und wurde aus dem Schacht gezogen. Die Hand gehörte zu einem kräftigen, kahlköpfigen Mann. Seine tiefbraunen Augen blitzten mich an. Ich sank auf meine Knie. Von mir ausgehend erstreckten sich saftige grüne Wiesen in alle Himmelsrichtungen. Sie waren durchsetzt von Blumen in den unterschiedlichsten Farben. In weiter Ferne waren Bäume und Wälder zu erahnen. Die noch sehr zarten morgendlichen Sonnenstrahlen tauchten die gesamte Landschaft in etwas Verheißungsvolles. Hoffnung. Einige Meter entfernt saßen weitere Männer um ein Lagerfeuer herum.

Irritiert schaute ich um mich. „Wo ist die Kathedrale?“ „Schau in Dich.“, antwortete der Mann. „Wo willst Du solch eine Kathedrale finden, wenn nicht in Dir?“ Seine Worte hallten in mir nach. Er zeigte auf die Männer am Lagerfeuer: „Schau um Dich. Wo willst Du solch eine Kathedrale finden, wenn nicht in Deinem Mitmenschen?“ Wieder hallten seine Worte in mir nach. „Schau über Dich. Wo willst Du solch eine Kathedrale finden, wenn nicht unter dem Himmelszelt, zwischen dem südlichen und dem nördlichen Horizont sowie dem westlichen und dem östlichen Horizont?“ Jetzt fielen mir die Wundmale auf, die der Mann an der Stirn, über dem Herzen sowie am Bauch trug. Unwillkürlich fasste ich mir an die Stirn und blickte an mir herunter. „Wir alle hier tragen dieselben Narben, auch Du. Denn wir alle sind denselben Tod gestorben. Die Verwundungen, die uns zugefügt worden sind, sind unsere Heiligen Wunden geworden.“

Wir setzten uns zu den Männern ans Lagerfeuer. Ein Laib Brot wurde von Bruder zu Bruder gereicht. Jeder riss sich ein Stück davon ab. Ebenso wurde ein Kelch roten Weins herumgereicht, aus dem jeder Bruder trank. „Wer bist Du?“, die Frage, die der Wächter mir gestellt hatte, bevor ich die Kathedrale betreten hatte, kam mir wieder in den Sinn. Jetzt konnte ich sie beantworten: „Ich bin Sohn. Ich bin Bruder.“

Alsbald stand der erste Mann auf und wandte sein Haupt gen Osten. Dorthin, wo die Sonne aufging. Dorthin, wo der Ursprung des Lichts lag. Denn dort lag unsere Bestimmung. Nach und nach standen auch die restlichen Männer auf und wendeten sich dem Osten zu. Und dann pilgerten wir los. Einer nach dem anderen. Dem hellen Licht der Sonne entgegen. Schließlich begann der erste Mann ein Lied anzustimmen. Einer nach dem anderen stimmten wir mit ein. Und dies war, was wir sangen:

„Bless the Lord, my Soul
and bless his Holy Name.
Bless the Lord, my Soul,
he rescued me from Death.
Bless the Lord, my Soul,
and bless his Holy Name.
Bless the Lord, my Soul,
he leads me into Light.“

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„Bei dem zitierten Lied „Bless the Lord, my Soul“
handelt es sich um einen Choral der Mönchs-Kommunität Taizé).

Adams Wiederkehr

BLOGPARADE – BUCHVORSTELLUNG

Vor einigen Monaten stolperte ich über einen ganz besonderen Blog: Er nennt sich „Der Krisenwandler“ und wird von Didi Burnault geführt. Dieser setzt sich dort auf berührend ehrliche und gleichzeitig konstruktive und bodenständige Weise mit seiner Depressionserkrankung auseinander. Dieser Blog tat es mir dermaßen an, dass er es in meine Sammlung spiritueller Links schaffte.

Anfang Juni diesen Jahres startete der Krisenwandler eine „Buchparade„. Wer wollte, war dazu aufgerufen, ein oder mehrere Bücher vorzustellen, die sein Leben nachhaltig geprägt haben. Nur zu gerne beteilige ich mich daran.

Ich habe mich dafür entschieden, das Buch „Adams Wiederkehr – Initiation und Männerspiritualität“ (früherer Titel: „Endlich Mann werden“) des Franziskaner-Paters Richard Rohr vorzustellen. Dieses umfasst 240 Seiten und kostet etwa 17,- €uro.

ÜBER DEN AUTOR

Richard Rohr (geb. 20.03.1943, Topeka) wurde 1961 in den Franziskanerorden aufgenommen und 1970 in West-Topeka zum Franziskaner-Priester geweiht. Im selben Jahr beendete er sein Theologiestudium am St. Leonhard Seminar in Dayton mit dem Master-Grad. Hiernach begann er als Religionslehrer Jugend-Exerzitien zu leiten, woraus die charismatische Familien- und Laien-Kommune „New Jerusalem“ in Cincinnati hervorging. Nach einem langjährigen Engagement in der Friedensbewegung lebt er seit 1987 in der Franziskanergemeinschaft in Albuquerque in New Mexico, wo er das „Center for Action and Contemplation“ aufbaute. Richard Rohr begründete auch die Männerbewegung M.A.L.Es (Men as Learners and Elders).

Neben zahlreichen Publikationen und Vorträgen zu den Themenkreisen männlicher Spiritualität, sowie der Durchführung von entsprechenden Seminaren, brachte er sich federführend in die Ausgestaltung eines Initiationsritus für Männer ein. Diesen durchliefen seit Anfang der 1990er Jahre viele tausend Männer aus den USA, aus Europa sowie aus Australien. Hieraus ist eine spirituelle Männerbewegung entstanden.

Inhaltlich befasst sich Richard Rohr unter anderem mit dem Enneagramm, den Formen und Bedürfnissen männlicher Spiritualität, dem kontemplativen Gebet, den alten archaischen Initiationsriten, archetypischen Bildern, christlicher Mystik und den praktischen Konsequenzen, die sich aus diesen Themen für das alltägliche Handeln ergeben. Er würdigt seine christlichen Wurzeln, ist aber bemüht, die großen, gemeinsamen spirituellen Linien, die zu jeder Zeit und in jeder Kultur in den unterschiedlichen Religionen und Kulten Ausdruck fanden, freizulegen und wertzuschätzen. Er geht davon aus, dass alles Sein auf einer tieferen Ebene miteinander verbunden ist. Folglich ist jeder einzelne Mensch Teil des „Großen Ganzen“ und spiegelt dieses wie ein Hologramm in sich selbst wieder.

Mein spiritueller Weg wurde nachhaltig von Richard Rohr geprägt. Das gilt sowohl für die Themen, die er bewegt, als auch für seine Herangehensweise an diese. 2007 durchlief ich seine Männerinitiation. Diese stieß tiefe und umwälzende innere Prozesse bei mir an. Prozesse, die noch immer ihre Kreise ziehen. 2009 lernte ich Richard Rohr persönlich kennen, als ich und weitere Männer mehrere Tage lang auf engstem Raum mit ihm zusammenarbeiten durften. Es galt, die erste Männerinitiation auf deutschem Boden durchzuführen. Ich war tief beeindruckt von der Herzlichkeit, der Offenheit, der Authentizität und der Demut, mit der er den Menschen begegnete.

ZUM INHALT DES BUCHES

Zeit seines Lebens hat sich Richard Rohr mit den archaischen Initiationsriten befasst. Er hat die Riten der unterschiedlichen Kulturen studiert, erforscht und miteinander verglichen. Die Quintessenz dessen, was er dabei zu Tage förderte, hat er in seinem Buch „Adams Wiederkehr“ zusammengefasst. In gewisser Weise handelt es sich bei dem Buch um so etwas wie das Lebenswerk oder das persönliche Manifest von Richard Rohr.

Mit am interessantesten ist seine Feststellung, dass so gut wie alle alten Kulturen über Initiationsriten für ihre jungen Männer verfügten. Diese Riten existierten noch vor den institutionalisierten Religionen. „Sie entwickelten sich beinahe überall vor der Achsenzeit (ca. 800 bis 200 vor Christus) als die Menschheit weltweit organisiert zu denken begann.“ Interessant ist auch, dass in der Regel nur junge Männer initiiert wurden. Die rituellen Unterweisungen für die Frauen lagen eher im Bereich der Fruchtbarkeitskulte.

Besonders bemerkenswert ist, dass diese Initiationsriten unabhängig vom jeweiligen geographischen Ort und der jeweiligen kulturellen Einbettung, in der sie stattfanden, markante Parallelen aufwiesen. Dies gilt sowohl für die inhaltliche Zielrichtung, als auch für die symbolische und rituelle Ausgestaltung. Auch die Abläufe dieser Initiationen glichen sich augenscheinlich.

„Der Weg der Initiation wurde immer an heiligen Orten der Kraft und in Form eines Rituals gelehrt.“ Hierbei nahm die Natur großen Raum ein. In vielen Kulturen hatten die Initianten lange Zeiten der Einsamkeit in der Natur zu verbringen.

Doch zunächst wurde der zu initiierende junge Mann vom „alltäglichen Leben, den alten Rollen, Bestärkung durch die Frauen“ getrennt. Dies brachte ihn „in den Schwellenraum“. Ein Ort außerhalb der eigenen Wohlfühlzone. Der Schwellenraum „ist die gesegnete Zeit, wenn wir nicht sicher sind und wir nicht die Kontrolle haben, wenn sich etwas wirklich Neues ereignen kann“. Es ist der Raum, in dem „das Alte nicht mehr“ ist und „das Neue noch nicht“. Es ist die Zeit des Abstiegs, des Wartens ohne Antworten, des „Chaos des Unbewussten“, der Einsamkeit und die Zeit des „Ringens mit der eigenen dunklen Seite“. Doch nur an diesem Ort ist „eine Begegnung mit dem Numinosen“ möglich. Nur an diesem Ort ist tiefgreifende Veränderung, innere Transformation möglich.

In diesem Schwellenraum wurde der junge Mann mit Wahrheiten konfrontiert, die ihm seine Sterblichkeit, seinen eigenen Schatten, seine Schwachheit und seine Irrelevanz vor Augen führen sollten. Die sogenannten „Fünf harten Wahrheiten“ leitete Richard Rohr daraus ab. Diese lauten: „Das Leben ist hart“, „Du bist nicht so wichtig“, „In Deinem Leben geht es nicht um Dich“, „Du hast nicht die Kontrolle“, „Du wirst sterben“. Dies sind Wahrheiten, die geeignet sind, das Ego-Selbst des jungen Mannes in seinen Grundfesten zu erschüttern, von seinem Thron zu stoßen und in einen neuen Kontext des „Großen Ganzen“ zu verorten und einzubetten.

Am tiefsten und dunkelsten Punkt des Schwellenraums schließlich wurde der junge Mann auf dramatische Weise verwundet. Und starb einen grausamen Tod. Er stürzte hinab in sein eigenes Grab. Umgeben von der Finsternis und der Stille des Todes. Und dort hatte er auszuharren…

Auf den Tod des jungen Mannes erfolgte die machtvolle Auferstehung des gereiften Mannes. Und dieser Mann hatte eine Weihe erlebt. Er war auf verschiedenen Ebenen eingeweiht – initiiert – worden: Initiiert ins „Mann-Sein“ und damit in die Gemeinschaft der Männer. Im Idealfall war er aber auch in das „große Geheimnis“ oder die „große Vision“ des Lebens initiiert worden. Im Idealfall war er „rückverbunden“ worden in die spirituellen Kreisläufe und Gesetzmäßigkeiten allen Seins. Im Idealfall war er in Berührung gekommen mit seinem „eigenen Seinsgrund“ und hatte gekostet vom Eins-Sein mit allem, was ist. Im Idealfall hatte er sich als „geliebten Sohn Gottes“ erfahren.

Im Idealfall war das „Falsche Selbst“ des jungen Mannes gestorben und das „Wahre Selbst“ auferstanden. Meistens ging damit einher, dass der Initiant auch einen neuen Namen annahm. Seinen ureigensten Seelennamen. Diese Erfahrungen hatten das Potential, der Anfang der ganz persönlichen Heldenreise des Mannes zu werden. Denn im Gegensatz zu den Religionen erzählten die Initiationsriten den Weg des Mannes von seinem Ende her. Und für diesen Weg setzten sie den „guten Anfang“. Es gab in der Biografie und der Identität des Mannes in Bezug auf seine Initiation immer ein klares „Davor“ und ein klares „Danach“.

In einigen Kulturen kehrte der Mann aus den Tiefen dieses Rituals mit einer Waffe zurück. Diese hatte er sich während seiner Zeit im Schwellenraum selbst bauen müssen. Nicht selten brachte er auch „ein Geschenk“ in die Gemeinschaft mit.

Seine Ausführungen zu den archaischen Initiationsriten flankiert Richard Rohr immer wieder mit sehr klarer Kritik an der Religion, der er selber angehört: Dem Christentum. Seiner Einschätzung nach wusste das Christentum in seinen Anfängen um die Notwendigkeit und den Wert der Initiation. Doch je mehr sich das Christentum institutionalisierte und zum weltlichen Machtfaktor wurde, desto mehr geriet dieser Schatz in Vergessenheit. Heute findet sich dieses Wissen nur noch in rudimentärer Form wieder. Zum Beispiel in der Symbolik von Taufe und Abendmahl oder in Feierlichkeiten wie Firmung und Konfirmation.

SCHWÄCHEN DES BUCHES

Auf vergleichsweise wenigen Seiten hat Richard Rohr sehr viel Essentielles zum Thema Initiationsriten und männlicher Spiritualität zusammengetragen. Da liegt es in der Natur des gewählten Formats, dass er vieles lediglich anreißen kann, ohne weiter in die Tiefe zu gehen.

Vom Schreibstil her gelingt es Richard Rohr sehr anschaulich und nachvollziehbar sein. Daher liest sich das Buch auch sehr flüssig. Im Umkehrschluss kommt dieser Schreibstil jedoch nur wenig wissenschaftlich daher.

Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass Richard Rohr nur vergleichsweise wenig mit Quellenangaben arbeitet. Ich will nicht unterschlagen, dass er dem Buch einige Seiten mit Quellenangaben und auch weiterführender und vertiefender Literatur hintenanstellt. Allerdings wären mehr und auch mehr direkte Verweise im Text oftmals hilfreich gewesen.

Dann gelingt es Richard Rohr nicht immer, seine Themen trennscharf voneinander abzugrenzen. So kommt es hier und da zu Überschneidungen und zu Wiederholungen. Manches Mal werden Gedanken angerissen, abgeschlossen und an späterer Stelle wieder aufgenommen; ohne dass dies dem Leser vorher transparent gemacht worden wäre.

Und zu guter Letzt blendet Richard Rohr in dem Buch die Initiationsriten der Mysterienbünde komplett aus. Er widmet sich tatsächlich ausschließlich den archaischen Initiationsriten. Dabei trifft vieles, was er für diese Initiationsriten herausarbeitet, genauso für die Initiationsriten der Mysterienbünde zu. Hier wäre es interessant gewesen zu beleuchten, in welcher historischen und inhaltlichen Beziehung diese beiden unterschiedlichen Formen der Initiationsriten zueinander stehen.

MEIN FAZIT

Dieses Buch hat meinen spirituellen Weg geprägt wie nur wenige andere. Und weil ich im persönlichen Austausch mit Richard Rohr erfahren durfte, welch inhaltliche Substanz und Tiefe dieser Mann mitbringt, lässt es mich auch die Schwächen dieses Buches einordnen und mir verzeihlich erscheinen.

Da ich die Initiation nach Richard Rohr selbst durchlaufen habe, wandelte und vertiefte sich auch mein Zugang zu diesem Buch. Und je länger sich das, was ich in diesem Initiationsritus durchlebt habe, in meinem Leben entfaltet, desto mehr fallen mir neue Facetten darin auf. Es gibt wohl kein Buch, das ich so oft zur Hand nehme und immer wieder Neues entdecke.

Und zu guter Letzt habe ich durch dieses Buch überhaupt erst begriffen, dass im Kern des freimaurerischen Rituals ein alt hergebrachter Initiationsritus überlebt hat. Und sozusagen als Nebenprodukt gelang es mir auch durch dieses Buch, die Brücke zu schlagen, dass diese besondere Verbindung von mittelalterlichem Bauhandwerk und archaischem Initiationsritus, die das Wesen des Freimaurertums ausmacht, wohl zur Zeit des Benediktinerordens im Zeitalter der Romanik seinen Anfang nahm. Als mir das klargeworden war, entschloss ich mich, der Bruderschaft der Freimaurer beizutreten. Das Buch eines praktizierenden Katholischen Mönchspaters hat den ausschlaggebenden Impuls gesetzt, Freimaurer zu werden … wenn das nur der Papst wüsste…

Zeit der Verwandlung

Dichter Nebel hat sich auf das Land gelegt. Und hüllt alles in seinen grauen Schleier. Von den Straßenlaternen sind nur noch fahle Lichtkränze zurückgeblieben. Silbriger Tau ziert die Spinnennetze, die allgegenwärtig an den Hecken, Mauern und Büschen prangen. In das verblassende Grün der Bäume schummeln sich erste zarte Farbtupfer. Und die Konturen dieser Bäume verschmelzen unmerklich mit dem Hintergrund. Die Dämmerung ist bestenfalls zu erahnen. Irgendwo dort hinterm Horizont.

Die Kerzen auf dem Altar werfen ein erstes schwaches Licht auf diesen Morgen. Ruhig lodern ihre Flammen vor sich hin. Und zeichnen schwache Bilder an die Wände. In ihren dunklen Schatten ruht ein menschlicher Totenschädel. Unablässig spricht er die immer gleiche Mahnung: „Gedenke, Mensch, dass Du sterben wirst!“ Und in der Mitte von Licht und Dunkelheit hängt der Menschensohn. Gekreuzigt. Aufgehängt zwischen Leben und Tod. Er, der die Schwelle zum Totenreich endgültig überschritten hat. Er, der gestorben ist, um aufzuerstehen. Er, der die Verwandlung durchschritten hat. Dieses Bild strahlt an diesem Morgen eine seltsame Ruhe aus. Und eine seltsame Vorahnung.

Draußen hallen gehetzte Schritte vom Asphalt der kleinen Straßen wieder. Teilnahmslose Gesichter. Gesengte Blicke. Am Bahnhof wartende Personen. Ungeduldig. Abgelenkt. Abwesend. Der tagtägliche, gleichgeschaltete und über das Oberflächliche nicht hinauskommende Trott. Menschen unachtsam für diese machtvolle Verwandlung, die sich überall um sie herum gerade vollzieht.

Dieser Morgen drängt vergangene Bilder an die Oberfläche. Vom Grund des tiefen und weiten Meeres meiner Erinnerung. Bilder von dem Moment, als ich in meinem eigenen Grab lag. Eingebettet inmitten der vier Himmelsrichtungen. Umgeben von der Präsenz des Todes. Schwarze Tränen regnete es an diesem Tag. Die Verwesung fraß sich zwischen meine Haut und meine Knochen. Im Westen hatte ich die Schwelle zum Heiligen Bezirk überschritten. Doch auf meinem Weg in den Osten war ich niedergestreckt worden. Vielleicht von mir selbst. Vielleicht von Gott. Die Zeit der Verwandlung war nahe…

Jetzt ist die Zeit der Verwandlung da. Hier im Schwellenraum. Es geschehe also.

Freimaurerei und Gott – Wie verträgt sich das?

FREIMAURERTUM UND GOTT - EIN VORWORT (ZU TEIL 1/3):

Keine Frage ist so geeignet, heftigste Diskurse innerhalb des Freimaurertums auszulösen, wie die Frage nach Gott. Vereinfacht und überspitzt reichen die Positionen von "man kann nur ein Freimaurer sein, wenn man an einen wie auch immer gearteten Gott glaubt" bis hin zu "man kann nur ein Freimaurer sein, wenn man nicht an einen Gott glaubt".

Für die Leser meines Blogs ist es nicht schwer, mich innerhalb dieser Diskussion zu verorten: Für mich bedingt der Weg eines Freimaurers die Vorstellung eines Gottes; wenn auch nicht im dogmatischen Sinne. Diese Position hat ihre Berechtigung, ist aber nicht die einzig mögliche.

In drei Blogartikeln möchte ich nun die Gelegenheit geben, auch die Positionen zu Wort kommen zu lassen, die sich nicht mit meiner Position decken oder dieser sogar konträr gegenüberstehen. Ich freue mich sehr, hierfür die Freimaurer und Blogger Rene Schon und Jürgen Scheffler gewonnen zu haben. Beide gehen den Weg des Freimaurers als bekennende Atheisten.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Frage nach Gott nicht nur geeignet ist, Kontroversen innerhalb des Freimaurertums auszulösen, sondern auch aufzuzeigen, welche Vielfalt innerhalb des Freimaurertums möglich ist. Wenn der Leser die beiden Artikel von Rene Schon und Jürgen Scheffler sowie meinen Artikel zum Thema gelesen haben wird, wird er eine Vorstellung davon haben, über welche Bandbreite das Freimaurertum verfügt…

Genug der Worte. Vorhang auf für den Beitrag von...

JÜRGEN SCHEFFLER:

juergen-scheffler

FREIMAUREREI UND GOTT – WIE VERTRÄGT SICH DAS?

Um es vorweg zu nehmen – nach meiner Meinung, gar nicht.

In der deutschen Freimaurerei gibt es neben anderen kleineren Zweigen 2 Zweige mit höheren Mitgliedszahlen.

Zum einen wäre da der FO (Freimaurerorden), der sehr religiös aufgestellt ist. Hier wird im Ritual gebetet und auch Jesus Christus als der Große Meister angesehen. Ich will und kann mich zu den Gepflogenheiten dieses Ordens nicht äußern, ist auch gänzlich nicht meine Welt.

Der zweite, sicherlich größte Bereich der Freimaurerei in Deutschland, ist die sogenannte humanitäre Freimaurerei AFuAM (Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland) hier bin ich Mitglied und stütze meinen nachfolgenden Text nur auf diesen Bereich.

Bewusst werde ich auch nicht auf die Hochgrade, die man heute „weiterführende Grade“ nennen soll, eingehen – ich lehne sie einfach ab, da sie nach meiner Meinung in die gänzlich falsche Richtung weisen und mit Freimaurerei nichts mehr zu tun haben.

EINLEITEND ERST EINMAL ETWAS GESCHICHTE:

Die Freimaurerei entstand aus den alten Bauhütten des Mittelalters und nicht, wie sie wohl oft lesen werden, aus den alten Dombauhütten. Warum die Freimaurerei immer wieder den Dombauhütten zugesprochen wird, bleibt mir ein Rätsel und ist wohl dem Versuch der Zuordnung zur christlichen Religion geschuldet. Entgegen der geschätzten max. 50 Dombauhütten in Deutschland stehen sicherlich tausende Bauhütten in denen die alte Steinmetzbruderschaft aktiv war. Man kann sicherlich davon ausgehen, dass jede mittlere und große Stadt mindestens eine Bauhütte hatte, einfach, weil spätestens seit der Zeit des Hochmittelalters (beginnend etwa Mitte des 13. Jahrhunderts) sehr viel in Stein gebaut wurde. Dazu gehörten neben den imposanten Dombauten, Kirchen und Schlössern natürlich auch die Bauten der Alltagsarchitektur wie Rathäuser, große Bürgerhäuser sowie Stadtmauern, Burgen und andere Befestigungseinrichtungen. Auch hier wurden alle möglichen Mittel der damaligen Baukunst eingesetzt, um möglichst imposante und wehrhafte Gebäude zu errichten, die den gesellschaftlichen Stand ihrer Eigentümer und der Städte widerspiegelten. In dieser Zeit erstarkten die Steinmetzbruderschaften und deren Bauhütten bis ihre Sonderstellung um 1731 mit dem endgültigen Verbot durch Kaiser Karl VI endete.

Nahezu zeitgleich entstand die spekulative Maurerei, die Freimaurer, wie wir sie heute noch kennen.

Man sollte auch noch betrachten, dass zur Zeit der alten Bauhütten in unserem Land noch Leibeigenschaft herrschte. Niemand durfte ohne Erlaubnis sein Land verlassen. Lediglich den Mitgliedern der Steinmetzbruderschaften wurde, sicherlich nicht uneigennützig, eine eigene Gesetzbarkeit und Reisefreiheit gewährt.

Man stelle sich jetzt einmal vor, dass diese Reisenden mit dem Wissen, was sich nicht nur auf die Steinmetzkunst beschränkte, aus aller Herren Länder in diesen Bauhütten abstiegen. Sie hatten in diesen dunklen Zeiten, in dem noch die „Heilige“ Inquisition mit ihren Gottesurteilen, Folter und Hexenverbrennungen tobte, sicherlich sehr viel, was den Kirchen sicherlich nicht gefallen haben dürfte, zu berichten. Das ging natürlich nur in „gedeckten“ Räumen, den Bauhütten, in denen man sich vor nicht willkommenen Gästen durch geheime Zeichen, Wort und Griff schütze.

JETZT EIN WENIG SPEKULATION:

Leider ist aus dieser Zeit kaum etwas schriftlich überliefert, aber man kann versuchen, seine Schlussfolgerungen hieraus aus logischen Schlüssen zu ziehen.

Ich stelle mir diese Bauhütten als ziemlich raue und sicherlich auch nicht gerade saubere Arbeitsunterkünfte vor, was natürlich zur Frage führt, warum strebten gegen Anfang des 18. Jahrhunderts sogar Adlige und das Großbürgertum in diese, zu dieser Zeit natürlich nur noch spekulativen Bauhütten der Freimaurer, warum wurden die Bauhüttentraditionen überhaupt fortgesetzt?

Religion und deren Rituale können es nicht gewesen sein, denn die fand man zuhauf in den Kirchen dieser Zeit. Ich vermute einmal, es war der freie Geist, der aus den Bauhütten ausstrahlte. In dieser spekulativen Freimaurerei versuchte man damals, seine Ideale von einer freien, humanitären Gesellschaft am fiktiven Bau nachzubilden. Man übernahm die gedeckten Räume in die man nur Zugang bekam, wenn man die geheimen Zeichen, Worte und Griffe beherrschte. Man versucht den fiktiven Bau, der heute allgemein als der Tempel der Humanität für eine humane Gesellschaft bezeichnet wird, durch Rituale und Botschaften die bedingt vergleichbar den Graden der alten Bauhüttentradition aufgebaut sind, zu festigen. In den alten Bauhütten gab es nur Lehrlinge und Gesellen wo hingegen der Meister immer aus den Reihen der Gesellen gewählt wurde. Das änderte sich im Laufe des frühen 18. Jahrhunderts.

DER BRUCH IM LEHRGEBÄUDE DER SPEKULATIVEN FREIMAUREREI:

Neben der spekulativen Freimaurerei entstand gegen Ende des 17. Jahrhunderts das Rosenkreuzertum. Ein sehr christlich und mystisch aufgebauter Orden, der den neu entstehenden Freimaurerlogen arg zu schaffen machte. Zur Abwehr entwickelte man einen neuen Grad in der Freimaurerei, den Meistergrad, der entgegen dem Lehrlings- und Gesellengrad nichts mehr mit den alten Bruderschaften zu tun hatte und auch sehr viele christliche und mystische Elemente enthielt. Für mich war das der eigentliche Bruch im Lehrgebäude, an dem nach meiner Meinung die Freimaurerei bis heute zu leiden hat.

Man wendete sich von der möglicherweise in den alten Bauhütten vorhandenen Streitkultur gegen alle Restriktionen aus Glaubensfragen und Obrigkeitsdenken wieder ab und wurde zahm, sehr zahm wie man aus den „Alten Pflichten“ dem bis heutige gültigen Gesetz der Freimaurer von 1723 leicht erlesen kann.

GOTT, RELIGION UND DEREN BEGRIFFLICHKEITEN IN DER FREIMAUREREI DER GEGENWART.

Inhaltlich wurde, wie bereits oben erwähnt, ein Meistergrad in die Freimaurerei integriert, der mit dem eigentlichen Lehrgebäude eines Steinmetzes überhaupt nichts zu tun hat. Zusätzlich wurden den alten Bauhütten im allgemeinen Sprachgebrauch der Begriff Dombauhütten zugewiesen. Auch aus den Bauhütten, den ursprünglich gedeckten Räumen wurden die Tempel und aus den eigentlichen, symbolisch nachzubildenden Arbeiten der alten Bauleute wurden demnach zwangsläufig Tempelarbeiten.

Stellt man sich eine alte Bauhütte vor, könnte man sich leicht eine etwas schmuddelige, einfache Hütte mit einem großen Reißbrett in zentraler Stelle voller Zeichnungen und Zeichenwerkzeuge zur Erstellung dieser Zeichnungen vorstellen.

Heute ist dieses Reißbrett, sicherlich ehemals der Arbeitsplatz des Meisters der Bauhütte (des Architekten) zu einem Altar geworden. Auf diesem liegen dann als Zeichnungen für den symbolischen Bau festgeschriebene „Heilige“ Bücher und die Werkzeuge des Meisters oder des Architekten, der den symbolischen Bau in Ordnung bringt, der Zirkel und das Winkelmaß. Überträgt man diese Symbolik in den fiktiven Bau scheint klar zu werden, die Grundlagen für eine humane Gesellschaft sind maßgeblich aus heiligen Büchern zu holen – Ich empfinde dies als eine Katastrophe und vermute mal, die alten Steinmetzen würden dem niemals zustimmen können.

Ein ganz wichtiges Symbol für die reguläre Freimaurerei darf hier natürlich nicht vergessen werde. Das ist der „Große Baumeister aller Welten“.

Die „reguläre“ Freimaurerei hat sich weltweit den „Gesetzen“ der Englischen Großloge untergeordnet, in der klar definiert ist, dass eine reguläre Loge einen „Großen Baumeister aller Welten“ sowie ein bestimmtes „Heiliges Buch“ anzuerkennen hat. Leider kann, oder womöglich will sie sich aus diesem religiös definierte Zangengriff nicht befreien. Sie hält vehement an alten Traditionen fest, oder an das, was sie dafür hält.

So hat man in der humanitären Freimaurerei sicherlich Probleme, diesen Begriff des „Großen Baumeisters aller Welten“ zu definieren und zuzuordnen. Wenn man ihn liest, fällt einem natürlich direkt nur Gott ein. Diesen Gottesbezug will man allerdings in dieser offensichtlichen Form nicht aufrechterhalten, das wäre ja konträr einer rein humanitären und auf Wissen basierenden Freimaurerei. Kurzum deutet man um, man beschreibt diesen Begriff als ein „Schöpferisches Prinzip“ was sich jeder selbst definieren darf. Ein „Schöpferisches Prinzip“ in einem Tempel, in den heiligen Hallen, bei einer Tempelarbeit mit Altar und „Heiligem Buch“? Und, man dankt diesem „schöpferischen Prinzip“ sogar und bittet es an bestimmten Ritualstellen um Hilfe. Hier erscheint mir der FO (Freimaurerorden) mit seiner definierten christlichen Ausrichtung sehr viel ehrlicher.

Zugegeben, bei mir hat es etliche Jahre gedauert, bis ich diese Ungereimtheiten für mich erkannt hatte. Ich habe in der Vergangenheit etliche Jahre mit mir, den Ritualen, den Symbolen, meinen Freimaurer-Brüdern und der Freimaurerei insgesamt gerungen. Freimaurerei war für mich wichtig, da sie eine global organisierte Bruderschaft ist, die sich als Gegenpol zur globalen Wirtschaft- und Finanzwelt aufstellen könnte. Leider möchte sie das offensichtlich nicht, obwohl es dringend erforderlich wäre.

Ich hatte immer gedacht, eine der riesigen Vorteile der Freimaurerei ist das Gespräch, das Streitgespräch auf Augenhöhe mit Brüdern aus unterschiedlichen gesellschaftlichen und sozialen Schichten. Das findest man sonst nirgendwo und unsere so hochgelobte Streitkultur wird auch immer wieder auf Gästeabenden besonders betont. Was soll das denn, wenn wir dies nicht nutzen wollen?

Tiefer, aufgezwungener Glaube hat im tiefsten Mittelalter der Menscheit weit über tausend Jahre Entwicklung gekostet und sehr viel Leid gebracht. Die Freimaurerei tut gut daran, ihre Grundlagen aus der Moderne, aus der Wissenschaft zu beziehen. Wissen heißt nicht unbedingt Recht zu haben. Wissen heißt lediglich eine Theorie zu haben, die wissenschaftlich beweisbar oder wenigstens logisch schlüssig ist. Eine wissenschaftliche These schreit, ganz anders als ein Glaube, nach Gegenthese. Wissenschaft will Wissen schaffen und ist daher immer auf der Suche nach neueren Erkenntnissen. Nach Thesen, die bessere Argumente haben. Das passt gut in die Freimaurerei, wie ich sie mir vorstelle.

Auch zugegeben, auf der Webseite von AFuAM hat sich in den letzten paar Jahren sehr viel getan. Von mir immer wieder kritisierte Textpassagen sind gänzlich verschwunden. Die Webseite stellt sich heute durchaus sehr modern dar, aber an den nach wie vor religiösen Kern, da geht man tunlichst besser nicht heran.

Es wird darauf hingewiesen, dass in den Logen verschiedene Facetten der Ausprägung von Freimaurerei zu finden sind, löst sich aber nicht von den „Alten Pflichten“ von 1723 und versucht einmal „Neue Pflichten“ zu deklarieren. Das passt nicht zusammen, was man leider oft erst nach vielen Jahren Freimaurerei bemerkt.

Ein Satz auf dieser Webseite hat es mir besonders angetan: „…Freimaurer wissen zwar nicht, wie eine menschliche Welt im Einzelnen auszusehen hat, denn sie verzichten darauf, gesellschaftlich-politische Utopien zu formulieren….“. Hier ist der Begriff „Utopien“ allein schon negativ konnotiert – warum eigentlich? Möchte man damit etwas besonders negativ betonen? „Visionen“ passt hier deutlich besser und wäre sicher angebracht gewesen.

Hätte ich damals so eine Bemerkung auf der Webseite von AFuAM gelesen, ich wäre niemals Freimaurer geworden. Es ist für mich eine regelrechte Aufgabe, eine Kapitualtion vor dem großen Plan der Gestaltung einer humanen Gesellschaft. Der symbolische Bau einer humanen Gesellschaft der „Tempel der Humanität“ hat für die Freimaurerei offensichtlich keine Bedeutung mehr.

Auch heißt es bei uns im Ritual „Wir bauen den Tempel der Humanität ….. die Steine, deren wir bedürfen, sind die Menschen“. Dies scheint mir ein Hinweis auf alle Menschen – die eingeschlossen, die nicht Freimaurer sind. Die Frage ist lediglich, wer erstellt den Plan, wer ist der Architekt dieses symbolischen Baus? Wenn der Meister keine eigenen Zeichnungen mehr auflegt, sondern mit seinem Zeichenwerkzeug auf ein „Heiliges Buch“ verweist, kommt da wieder einer dieser ominösen Götter ins Spiel? Das kann und darf es nicht sein, wir müssen uns unsere Welt selbst gestalten – wir sind die Meister und wir erstellen die Zeichnungen nach denen der symbolische Bau erfolgt.

Ich habe als Ziel der freimaurerischen Arbeiten immer den symbolischen Bau als den Bau einer menschlichen Welt verstanden. Wo bleibt dieses Ziel? Ist dieses Ziel bewusst aufgegeben worden, weil es niemals eine Bedeutung im Lehrgebäude der symbolischen Freimaurerei hatte? Weil der Meistergrad nicht angefasst werden darf und dieses religiös Mystische, dieses Spiel zwischen Leben, Tod und Auferstehung unbedingt erhalten werden muss?

Wie wollen wir eine menschliche Welt gestalten ohne uns bewusst mit diesen gesellschaftlich-politische Utopien zu beschäftigen und im Idealfall sogar zu definieren. Bei allen Irrtümern, die daraus entstehen können, es würde sich viel leichter in einer global organisierten Runde von gleichdenkenden Brüdern und wer mag, auch mit Schwestern erreichen – viel besser als allein.

Die Freimaurerei in ihrer Verzahnung zu diesen alten Glaubensvorstellungen versagt da meines Erachtens vollständig. Sie kann sich einfach nicht lösen und ich, wie einige Brüder in meinem Umfeld, haben die Hoffnung für Erneuerung bereits aufgegeben.

Für mich ist es unglaublich, dass wir uns nach wie vor anmaßen, in der Tradition des Humanismus und vor allem der Aufklärung zu stehen. Es kann sein, dass wir in den Zeiten der Aufklärung stehen geblieben sind (was ich sogar bestreiten möchte, da die Aufklärung Fortschritt wollte) – aber ist das tatsächlich sinnbringend in der heutigen Zeit?

In der Tradition stehend, heißt für mich, die fortschrittlichen Gedanken dieser Zeit weiter zu entwickeln und nicht in dieser Zeit verhaftet zu bleiben. Es ist noch nicht lange her, da wurden den jungen interessierten Herren in meiner Loge gesagt „Wir, die Freimaurer, verstehen unter Tradition nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.“ Ist das etwa auch so ein weiterer abgedroschener, sinnentleerter Spruch ohne Bedeutung?

JÜRGEN SCHEFFLER

REFERENZEN:
– Man siehe hierzu auch meine schon ein paar Jahre alten Ausführungen für eine mögliche Freimaurerei der Zukunft:
https://www.moderne-freimaurer.de/cms/WS_Reform-der-Freimaurerei-notwendig-Historie.html
– Grundsätzliches und weiterführende Gedanken zum Gottesglauben habe ich jüngst hier geschrieben:
https://www.moderne-freimaurer.de/cms/NS_Von-Gott-und-der-Welt.html

Die Sehnsucht der männlichen Seele

WIE ALLES BEGANN…

Im Dezember des letzten Jahres hatte mein Blog seinen 1-jährigen Geburtstag. Rechtzeitig dazu war er von insgesamt 46 Ländern aus 10000 Mal aufgerufen worden. Eine Marke, von der ich nie zu träumen gewagt hätte, sie nach so kurzer Zeit schon zu reißen.

Ich weiß noch, wie ich mit meinem Freund und Weggefährten Jörg am 1. Januar 2014 bei sternenklarer Nacht am Lagerfeuer bei Zigarre und Whisky zusammensaß und er von seinen Erfahrungen mit seinem Blog (http://www.schoepfungsspiritualitaet.de/) erzählte. Schon länger ging ich mit der Idee schwanger, eventuell auch mit dem Bloggen anzufangen. An diesem Abend fasste ich den Entschluss: „Ja, ich werde Blogger!“

Von da an dauerte es fast ein ganzes Jahr bis zu meinem ersten Artikel. Zunächst galt es zu recherchieren, was man alles zu bedenken hat und in welche Fallen man tapsen kann. Dann musste ich mir klar darüber werden, wie mein Blog heißen und wie er optisch aufgemacht sein soll. Schließlich begann ein schier endloses „Trial an Error“.

Doch wozu das alles? Wovon soll mein Blog erzählen? Für diese Frage muss ich etwas weiter ausholen…

SCHMERZHAFTE ERFAHRUNG

Vielleicht begann alles mit meinen Fragen nach „männlicher Spiritualität“. Welche spirituellen Bilder sind stark genug, um von der Sehnsucht der männlichen Seele zu erzählen und dem Mann Zugang zu seiner inneren Welt zu ermöglichen? Welche spirituellen Formen haben die Kraft, den Mann von innen heraus zu transformieren und sowohl seine liebevoll-zärtliche als auch seine archaisch-kriegerische Seite zu integrieren? Wie kann ein Mann Zugang zu seiner innersten kraftvollen Männlichkeit erhalten, ohne diese Kraft missbrauchen zu müssen?

Fragen, denen ich mich hatte stellen müssen. Denn auf sehr bittere und schmerzhafte Weise hatte ich lernen müssen, dass ein dogmatisch verstandener Glaube mit einem dualistischen Weltbild – das alles in Gut und Böse, Richtig und Falsch einteilt – das tiefste Sehnen der männlichen Seele nach authentischer und kraftvoller Spiritualität nicht zu stillen vermag. Es war eine Phase der Orientierungslosigkeit und es war eine Phase der Angst, die mein Leben zutiefst verunsicherte. Und in Frage stellte.

Doch in dieser Krise geschahen zwei Dinge: Zum Einen kam ich mit Literatur des Franziskaner-Paters Richard Rohr in Berührung. Zum Anderen begann ich, mich mit freimaurerischer Symbolik auseinanderzusetzen. Zwei Dinge, die weite Kreise ziehen sollten…

PATRIARCHAT UND FEMINISMUS

Seit den 70er-Jahren geht Richard Rohr genau dieser Frage nach authentischer und transformierender männlicher Spiritualität nach. Hierbei machte er die Beobachtung, dass Jahrhunderte des Patriarchats einen großen Verlierer hervorgebracht haben: Nämlich den Mann. Denn irgendwo im tagtäglichen Wettstreit um Macht, Geld, Sex und Prestige verschüttete bei den allermeisten Männern der Zugang zu ihrer inneren Welt. Die Leere, die zurückblieb überkompensierte „Mann“ mit dem äußeren Zur-Schau-Stellen von Status, Potenz und Stärke.

Auch der Feminismus – so notwendig und segensreich er auch ist – vermochte den Männern diesen Zugang nicht wieder freizulegen. Der Feminismus konnte zwar kranke männliche Strukturen benennen, in Frage stellen und zum Teil auch aufbrechen. Den Weg zu einer gesunden Männlichkeit kann er den Männern aber nicht abnehmen.

ARCHAISCHE INITIATIONSRITEN

Richard Rohr stellte bei seinen Nachforschungen fest, dass alle archaische Kulturen über Einweihungsriten für ihre (jungen) Männer verfügten. Initiationsriten. Doch interessanter war seine Feststellung, das diese Riten sich sowohl in ihren inhaltlichen Aussagen, als auch in ihren rituellen Ausgestaltungen erstaunlich glichen. Und das, obwohl sie zum Teil von ganz unterschiedlichen Kulturen auf ganz unterschiedlichen Kontinenten praktiziert wurden.

In all diesen Riten ging es darum, das Ego des jungen Mannes in seinen Grundfesten zu erschüttern. Ihn mit seinem eigenen Schatten, seiner Schwachheit und seiner Irrelevanz zu konfrontieren. Der Initiant durchlief rituell den Kreislauf des Werden und Vergehen allen Lebens. Er wurde verwundet und starb einen grausamen Tod. Der Mann, der auferstand, hatte eine Weihe erlebt. In etwas, das viel größer, weiter und allumfassender war, als sein ständig um sich selbst kreisendes Ego es je sein könnte. Nicht selten kehrte der junge Mann aus der Tiefe dieses Rituals mit einem neuen – seinem ureigensten – Namen zurück. Diese Erfahrung hatte das Potential, der Anfang der ganz persönlichen Heldenreise des Mannes zu werden.

VERLORENES ERBE

Weiter fiel Richard Rohr auf, dass in der westlichen Welt das Erbe dieser Männerinitiation verlorengegangen ist. Rudimentäre Überbleibsel finden sich vielleicht noch in der Idee der kirchlichen Taufe und Konfirmation bzw. in Taufe und Firmung.

Und das in einer Zeit, in der der Gedanke der Männerinitiation wohl aktueller ist denn je. Denn verfügt eine Gesellschaft über keine Übergangsriten mehr, die ihre Männer aus dem Gefängnis ihres egodominierten Falschen Selbst herausführen, bleiben viel zu viele innerlich trauernde und verängstigte Männer zurück. Da Männer aber oftmals schwer Zugang zu vermeintlich schwachen Gefühlen wie der Trauer oder Angst bekommen, manifestieren sich diese Emotionen viel zu oft als Wut. Richard Rohr prägte hierfür den Begriff des „Angry Young Man“. Angry Young Men – Treffender kann man posende Gangmitglieder, marschierende Neonazis, religiöse Selbstmordattentäter oder randalierende Punks wohl nicht beschreiben. Doch die Gewalt dieser (jungen) Männer ist tief in Angst und Trauer verwurzelt. Angst und Trauer, zu der sie selbst keinen Zugang mehr finden.

Also verglich Richard Rohr die unterschiedlichen Initiationsriten der verschiedenen Zeiten und Kulturen miteinander und extrahierte deren Gemeinsamkeiten. Hieraus entwickelte er einen Initiationsritus, der das alte Wissen bewahrt. Der aber ebenso den Mann des 21. Jahrhundert dort abholt, wo er steht.

Vor einigen Jahren durchlief ich diesen Ritus. Es war ein einschneidendes spirituelles Erlebnis. Es hat mich zutiefst berührt. Und meinen weiteren spirituellen Weg entscheidend geprägt. Sei es durch das Erleben des Verbunden-Seins mit allem, wie ich es bis dahin nicht gekannt hatte. Sei es durch die inneren Themen, die ich mit auf den Weg bekommen habe. Vielleicht sogar durch ein neues Bewusstsein für das Leben, in das ich eingetaucht bin.

WESEN DES FREIMAURERTUMS

Parallel dazu tauchte ich in die Welt des Freimaurertums ein. Irgendwie übte diese Bruderschaft eine seltsame Faszination auf mich aus. Und so las ich Buch um Buch zu diesem Thema. Vom abstrusesten Verschwörungsschinken bis hin zum trockensten wissenschaftlichen Schinken. Stetig davon angetrieben, unbedingt verstehen zu wollen, was das Wesen dieser Bruderschaft ausmacht. Ich merkte, wie ich mich für die Welt des Freimaurertums öffnete. Und wie ich innerlichen Zugang zu dieser Welt bekam.

Allerdings begriff ich erst durch die Literatur von Richard Rohr, dass ein wesentlicher Teil dessen, was das Wesen des Freimaurertums ausmacht, ein alter, überlieferter Initiationsritus ist. Diese Bruderschaft hat in ihrem Kern den Gedanken der Männerinitiation durch die Jahrhunderte hindurch bewahrt. Allerdings benutzt das Freimaurertum kaum noch archaische Bilder und Symbole, um dies auszudrücken. Sondern Bilder und Symbole, die den Dombauhütten und den Steinmetzbruderschaften des Mittelalters entlehnt sind.

MISSING LINK

Doch wie kam es dazu, dass sich im Laufe der Geschichte diese beiden Linien – die der Inititiation und die der Steinmetze – im Freimaurertum kreuzten? Witzigerweise war es wieder Richard Rohr, der mir das fehlende Puzzleteil zu dieser Frage lieferte. In seinem Buch „Adams Wiederkehr“ beschreibt er fast schon beiläufig ein altes Ritual, das der Mönchsorden der Benediktiner in den ersten Jahrhunderten seines Bestehens praktiziert hat: Zur Feier des Gelöbnisses lag der Kandidat in ein Leichentuch gehüllt vor dem Altar, während um ihn herum Kerzen standen, die entzündet waren und Requiem gesungen wurden. Das Bild einer Beerdigung. Im Laufe der Zeremonie erstand der Kandidat aus diesem Grab auf und wurde in den Orden aufgenommen. Das alte initiantische Bild von Tod und Auferstehung. Richard Rohr erklärte dies damit, dass der Benediktiner-Orden, der einzige Mönchsorden ist, der auf Grund seines Alters noch mit archaischen Intitiationsriten in Berührung gekommen ist.

Und plötzlich setzte sich das Puzzle für mich zusammen. Denn die Benediktiner waren auch einer der Mönchsorden, die in der Zeit der Vorromanik mit dem Bau von Klosteranlagen – insbesondere der Klosterkirchen – begangen. In der Romanik entwickelten sich die „bauenden“ Mönche zu „reisenden“ Mönchen. Diese reisten von Klosterbaustelle zu Klosterbaustelle, um Klosterkirchen zu errichten. Hieraus wiederum gingen die Bauhütten und Steinmetzbruderschaften, die im Mittelalter die gotischen Sakralbauten erschufen, hervor. Diese aber existierten und wirkten mittlerweile organisatorisch unabhängig von den Mönchsorden. Bis zu der Zeit der Aufklärung wiederum entwickelte sich aus ihnen das spekulative Freimaurertum.

Der Mönchsorden der Benediktiner scheint also der Knotenpunkt zu sein, an dem sich der Gedanke der Männerinitiation mit dem Kirchenbauhandwerk verband. Als ich das begriffen hatte, fasste ich den Entschluss, an die Tore des Tempels der Bruderschaft der Freimaurer zu klopfen und um Einlass zu bitten.

WARUM NUN DIESER BLOG?

Ich glaube, es ist etwas ganz besonderes an unserer Zeit, dass Männer mit ganz unterschiedlichen spirituellen Hintergründen und Geschichten wieder beginnen, das alte Erbe der Initiation zu entdecken. Der Ritus nach Richard Rohr ist nur ein Beispiel dafür. Ich habe viele aufrichtige Männer kennenlernen dürfen, die sich wieder auf ihre ganz eigenen Heldenreisen begeben haben. Die sich ihren dunklen Seiten gestellt haben. Die in Demut die archaische Kraft und die Zerbrechlichkeit ihres Mann-Seins angenommen haben. Zentral in den Biographien dieser Männer war das Durchlaufen eines Initiationsritus.

Und dann ist da seit jeher diese alte Bruderschaft der Freimaurer inmitten der Gesellschaft, die das Erbe der Initiation seit einer so langen Zeit bewahrt. Und deren Wurzeln sich Jahrhunderte, vielleicht sogar Jahrtausende zurückverfolgen lassen.

Meine Erfahrung ist allerdings, dass das Freimaurertum für manch spirituell aufrichtig suchenden Mann bisweilen abschreckend daherkommt. So wirken die Grade, die ein Freimaurer durchläuft, oftmals hierarchisch. Und auch die äußeren Formen erwecken nicht selten einen elitären und starren Eindruck.

Trotzdem glaube ich, dass diese beiden so unterschiedlichen Traditionen der Männerinitiation sich gegenseitig ergänzen und bereichern können. Setzen sie doch bei denselben Fragen an, die sich die männliche Seele seit jeher stellt. Und geben Sie auf diese Fragen – bei näherer Betrachtung – doch auch ganz ähnliche Antworten. Und genau das ist es, wovon ich auf diesem Blog erzählen möchte…

Der große Fluss

Jeden Morgen überquere ich den großen Fluss. Auf meinem Weg zur Arbeit in die pulsierende Metropole.

Umgeben von Menschen mit Kopfhörern auf den Ohren und Displays vor den Augen. Nicht wahrnehmend, was ihnen ihre Umgebung zu sagen hat. Unachtsam für die ganzen kleinen Details des Alltags. Und viel zu oft bin ich selbst nur ein Teil dieser grauen, unachtsamen Masse. Kopfhörer auf den Ohren, ein Display vor den Augen. Konsumieren und betäuben statt wahrnehmen.

Manchmal jedoch gelingt es der morgendlichen Sonne, einzelne der Fahrgäste zu berühren. Dann beobachte ich sie heimlich. Wie sich ihre Blicke in der Weite, die sich auf der anderen Seite des Waggonfensters auftut, verlieren. In der Weite des großen Flusses, der der Sonne entgegenfließt. Bis zum Horizont. Und irgendwo dort ganz hinten kommen sie mit sich selbst in Berührung.

Manchmal bin es aber auch ich, dessen Blick sich in dieser Weite verliert. Es ist, als bliebe die Zeit stehen. Nur für diesen einen Augenblick. Und dann steigt so etwas wie Ehrfurcht in mir auf. Ehrfurcht und Dankbarkeit. Für einen kurzen Augenblick bedauern meine Gedanken nicht die Vergangenheit oder befürchten die Zukunft. Sondern sind präsent, im Hier und Jetzt. Und für einen kurzen Moment erahne ich, was die Mystiker der verschiedenen Traditionen mit den Worten „Eins-Sein“ und „Verbunden-Sein“ gemeint haben könnten… Bis mich dann plötzlich am Bahnfenster vorbeirasende Lärmschutzwände aus diesem Moment wieder jäh herausreißen.

Solche Momente zeigen mir, dass der große Fluss, den ich tagtäglich überquere, so viel Essentielles zu erzählen hat. Von dieser Welt und von diesem Leben.

Und gerade jetzt im Herbst benutzt er so mächtige Bilder dafür. Den einen Morgen liegt er zugebettet in dichtestem Nebel. Den anderen Morgen taucht ihn die Sonne in Farben so wundervoll, dass mir die Worte fehlen. Eingerahmt vom prachtvollen Bunt der Bäume, die seine Ufer säumen. Ein Anblick, dessen Erhabenheit nur betrachtet und genossen, nicht aber eingefangen und konserviert werden kann. Ein Anblick, der mir bewusst macht, dass ich Teil von etwas viel Größerem bin, als dass ich und mein kleines Ego es je fassen könnten.

Und trotzdem schwingt in diesem Bild auch eine seltsame Melancholie mit. Denn der Herbst lässt auch keinen Zweifel daran, dass die Zeit des Lichtes, die Zeit der Fruchtbarkeit und die Zeit des Überflusses im Sterben liegt. Der Sommer wird schwächer von Tag zu Tag. Unwiderbringlich. Und schließlich wird er sterben. Vor uns liegt der lange und beschwerliche Weg durch das Dunkle. Es ist, als wolle uns der Herbst eine schöne Erinnerung, einen Funken Hoffnung mit auf diesen Weg geben.

So erzählt mir der große Fluss die ewige Geschichte vom Werden und Vergehen. Und gleichzeitig erzählt er mir von der Hoffnung, dass auf jedes Sterben auch ein Auferstehen folgt.

Unwillkürlich fühle ich mich an den Satz erinnert, der mir auf meinem Weg durch das freimaurerische Ritual an unterschiedlicher Stelle begegnet ist: “Kein Leben ohne Tod. Kein Tod ohne Leben.“ Aus diesem Satz spricht jenes alte Wissen, dass in allem Leben das Sterben bereits angelegt ist. Gleichzeitig aber auch, dass in jedem Tod die Geburt des neuen Lebens angelegt ist. Vielmehr: Das Sterben ist sogar notwendige Voraussetzung dafür, dass etwas neu geboren werden kann.

Und genau diesen Kreislauf von Werden und Vergehen und von Sterben und Auferstehen durchlaufen wir. Jahr für Jahr, Tag für Tag, Atemzug für Atemzug. Daher ist der Tod nicht das Ende, sondern notwendiger Teil der Verwandlung. Das Alte muss sterben, damit das Neue geboren werden kann.

Seit jeher ist es ein wesentlicher Aspekt von Initiationsriten, den Initianten für diese Gesetzmäßigkeiten achtsam zu machen. Ihn diese Gesetzmäßigkeiten rituell erleben zu lassen. Und ihn auf diese Weise in diese Gesetzmäßigkeiten „zurückzuverbinden“. Damit er irgendwann erkennt, dass nicht nur die äußere Welt, sondern auch sein innerer Weg sich in diesen Kreisläufen vollzieht.

Das ist eines der großen Mysterien des Lebens. Von diesem Mysterium erzählt mir das freimaurerische Ritual. Und von diesem Mysterium erzählt mir auch der große Fluss, den ich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit überquere.

Wenn ich achtsam bin, kann ich dieses Mysterium überall in der Natur entdecken. Die Sprache, die die Natur hierfür verwendet, ist für jeden verständlich. Wir nehmen uns nur viel zu wenig Zeit, hinzuschauen und zuzuhören. Denn es scheint viel einfacher, den Kopfhörer auf den Ohren und das Display vor dem Gesicht zu haben. Einfacher, als inne zu halten und einfach nur wahrzunehmen?

Ich habe für mich den Entschluss gefasst, dass der große Fluss mein Lehrmeister sein darf. Er darf mich Achtsamkeit lehren. Achtsamkeit für die Mysterien und Kreisläufe des Lebens. Genauso, wie ich es auch dem freimaurerischen Ritual erlaubt habe…

(Dieser Artikel ist ganz besonders den Freimaurern Horst S. und Gerd-Wilhelm R. gewidmet, die in diesem Jahr – im hohen Lebensalter und doch viel zu früh – ihren Weg in den Ewigen Osten angetreten haben.)