Achtsam durch das Maurerjahr

Vor einigen Monaten schrieb ich einen Blogartikel darüber, was meine Motivation war, Freimaurer zu werden: Ich hatte mich nach einem Ort gesehnt, in dem sich auf rituelle Weise den Themen genähert wird, die meinen spirituellen Weg ausmachen: Innere Stille, Männerinitiation, Archetypen, christliche Mystik, schöpfungsspirituelle Kreisläufe. Diesen Ort habe ich im christlichen Freimaurerorden gefunden. Seine Tempelarbeiten sind mir rituelle Heimat geworden.

Darüber hinaus entfaltete sich im Laufe der Jahre eine weitere Tiefendimension des Rituals des Freimaurerordens in mir: Achtsamkeit für den Jahreszeitenkreislauf. Seitdem ich Freimaurer bin, nehme ich den Weg durch die wiederkehrenden Jahreszeiten und das, was sie in ihrem Wesen ausmacht, bewusster wahr. Ich denke mal, das rührt daher, dass über das Jahr verteilt immer wieder Tempelarbeiten stattfinden, die den Inhalt der jeweiligen Jahreszeit rituell aufnehmen und vertiefen. Dadurch geschieht ein Rückverbinden in die jeweilige Jahreszeit und schließlich in den Jahreszeitenkreislauf.

Dies beginnt mit dem Stiftungsfest meiner Johannisloge Anfang März. Hierbei wird auf rituelle Weise das alte Logenjahr beendet und das neue Logenjahr begonnen. Zufällig fällt das Stiftungsfest meiner Johannisloge mit dem Frühling in eine sehr passende Jahreszeit. Denn so wie beim Stiftungsfest die Loge quasi abermals neu geboren wird, geschieht dasselbe auch im Frühling mit der Natur um uns herum. Der Frühling ist die Zeit, in der die Natur aus ihrem Winterschlaf erwacht und das neue Leben allerorten zu sprießen beginnt.

Im Sommer dann zur Sommersonnenwende wird das Johannisfest rituell begangen. Es findet genau an dem Zeitpunkt statt, an dem der Tag am längsten und die Nacht am kürzesten ist. Genau dann also, wenn die Sonne dermaßen kraftvoll ist, wie sonst das ganze Jahr über nicht. Das Ritual des Johannisfestes hat das Vergehen und Werden des Lichtes zum Inhalt und ist von seiner grundlegenden Aussagekraft her sehr anrührend.

Als nächstes dann, nachdem die dunkle Jahreszeit angebrochen ist, feiert meine Andreasloge ihr Stiftungsfest. Inhalt und Zielrichtung dieses Rituals decken sich weitestgehend mit dem Stiftungsfest der Johannisloge. Der Zeitpunkt für dieses Stiftungsfest liegt mit dem hereinbrechenden Dunkel des Winters dennoch sehr stimmig. Ist die Andreasloge doch der Teil des Weges des Ordensfreimaurers, in dem er tief in seine eigene Finsternis hinabzusteigen und sich seinen eigenen Schatten zu stellen hat.

Nur wenig später findet alljährlich in der Zeit um Totensonntag und Volkstrauertag herum die Trauerloge statt. Vor einigen Jahren widmete ich der Trauerloge einen eigenen Blogartikel. In diesem Ritual ist die Symbolik des Todes omnipräsent. Hierbei wird auf rituelle Weise all den Freimaurer-Brüdern gedacht, die im zurückliegenden Jahr von uns gegangen – in den ewigen Osten eingegangen – sind. Und auch der Zeitpunkt dieser Tempelarbeit ist mit der angebrochenen dunklen Jahreszeit nur zu folgerichtig gewählt.

In der Adventszeit dann, wenn die Finsternis und die Kälte des Winters am stärksten sind, findet die Adventsloge statt. Inhalt dieser vergleichsweise schmucklosen Tempelarbeit ist derselbe wie der der gesamten Weihnachtszeit: Ausharren. Hoffen. Auf die Geburt des Heilands. Auf die Neugeburt des Lichtes. Und irgendwann, wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten…

Adams Wiederkehr

BLOGPARADE – BUCHVORSTELLUNG

Vor einigen Monaten stolperte ich über einen ganz besonderen Blog: Er nennt sich „Der Krisenwandler“ und wird von Didi Burnault geführt. Dieser setzt sich dort auf berührend ehrliche und gleichzeitig konstruktive und bodenständige Weise mit seiner Depressionserkrankung auseinander. Dieser Blog tat es mir dermaßen an, dass er es in meine Sammlung spiritueller Links schaffte.

Anfang Juni diesen Jahres startete der Krisenwandler eine „Buchparade„. Wer wollte, war dazu aufgerufen, ein oder mehrere Bücher vorzustellen, die sein Leben nachhaltig geprägt haben. Nur zu gerne beteilige ich mich daran.

Ich habe mich dafür entschieden, das Buch „Adams Wiederkehr – Initiation und Männerspiritualität“ (früherer Titel: „Endlich Mann werden“) des Franziskaner-Paters Richard Rohr vorzustellen. Dieses umfasst 240 Seiten und kostet etwa 17,- €uro.

ÜBER DEN AUTOR

Richard Rohr (geb. 20.03.1943, Topeka) wurde 1961 in den Franziskanerorden aufgenommen und 1970 in West-Topeka zum Franziskaner-Priester geweiht. Im selben Jahr beendete er sein Theologiestudium am St. Leonhard Seminar in Dayton mit dem Master-Grad. Hiernach begann er als Religionslehrer Jugend-Exerzitien zu leiten, woraus die charismatische Familien- und Laien-Kommune „New Jerusalem“ in Cincinnati hervorging. Nach einem langjährigen Engagement in der Friedensbewegung lebt er seit 1987 in der Franziskanergemeinschaft in Albuquerque in New Mexico, wo er das „Center for Action and Contemplation“ aufbaute. Richard Rohr begründete auch die Männerbewegung M.A.L.Es (Men as Learners and Elders).

Neben zahlreichen Publikationen und Vorträgen zu den Themenkreisen männlicher Spiritualität, sowie der Durchführung von entsprechenden Seminaren, brachte er sich federführend in die Ausgestaltung eines Initiationsritus für Männer ein. Diesen durchliefen seit Anfang der 1990er Jahre viele tausend Männer aus den USA, aus Europa sowie aus Australien. Hieraus ist eine spirituelle Männerbewegung entstanden.

Inhaltlich befasst sich Richard Rohr unter anderem mit dem Enneagramm, den Formen und Bedürfnissen männlicher Spiritualität, dem kontemplativen Gebet, den alten archaischen Initiationsriten, archetypischen Bildern, christlicher Mystik und den praktischen Konsequenzen, die sich aus diesen Themen für das alltägliche Handeln ergeben. Er würdigt seine christlichen Wurzeln, ist aber bemüht, die großen, gemeinsamen spirituellen Linien, die zu jeder Zeit und in jeder Kultur in den unterschiedlichen Religionen und Kulten Ausdruck fanden, freizulegen und wertzuschätzen. Er geht davon aus, dass alles Sein auf einer tieferen Ebene miteinander verbunden ist. Folglich ist jeder einzelne Mensch Teil des „Großen Ganzen“ und spiegelt dieses wie ein Hologramm in sich selbst wieder.

Mein spiritueller Weg wurde nachhaltig von Richard Rohr geprägt. Das gilt sowohl für die Themen, die er bewegt, als auch für seine Herangehensweise an diese. 2007 durchlief ich seine Männerinitiation. Diese stieß tiefe und umwälzende innere Prozesse bei mir an. Prozesse, die noch immer ihre Kreise ziehen. 2009 lernte ich Richard Rohr persönlich kennen, als ich und weitere Männer mehrere Tage lang auf engstem Raum mit ihm zusammenarbeiten durften. Es galt, die erste Männerinitiation auf deutschem Boden durchzuführen. Ich war tief beeindruckt von der Herzlichkeit, der Offenheit, der Authentizität und der Demut, mit der er den Menschen begegnete.

ZUM INHALT DES BUCHES

Zeit seines Lebens hat sich Richard Rohr mit den archaischen Initiationsriten befasst. Er hat die Riten der unterschiedlichen Kulturen studiert, erforscht und miteinander verglichen. Die Quintessenz dessen, was er dabei zu Tage förderte, hat er in seinem Buch „Adams Wiederkehr“ zusammengefasst. In gewisser Weise handelt es sich bei dem Buch um so etwas wie das Lebenswerk oder das persönliche Manifest von Richard Rohr.

Mit am interessantesten ist seine Feststellung, dass so gut wie alle alten Kulturen über Initiationsriten für ihre jungen Männer verfügten. Diese Riten existierten noch vor den institutionalisierten Religionen. „Sie entwickelten sich beinahe überall vor der Achsenzeit (ca. 800 bis 200 vor Christus) als die Menschheit weltweit organisiert zu denken begann.“ Interessant ist auch, dass in der Regel nur junge Männer initiiert wurden. Die rituellen Unterweisungen für die Frauen lagen eher im Bereich der Fruchtbarkeitskulte.

Besonders bemerkenswert ist, dass diese Initiationsriten unabhängig vom jeweiligen geographischen Ort und der jeweiligen kulturellen Einbettung, in der sie stattfanden, markante Parallelen aufwiesen. Dies gilt sowohl für die inhaltliche Zielrichtung, als auch für die symbolische und rituelle Ausgestaltung. Auch die Abläufe dieser Initiationen glichen sich augenscheinlich.

„Der Weg der Initiation wurde immer an heiligen Orten der Kraft und in Form eines Rituals gelehrt.“ Hierbei nahm die Natur großen Raum ein. In vielen Kulturen hatten die Initianten lange Zeiten der Einsamkeit in der Natur zu verbringen.

Doch zunächst wurde der zu initiierende junge Mann vom „alltäglichen Leben, den alten Rollen, Bestärkung durch die Frauen“ getrennt. Dies brachte ihn „in den Schwellenraum“. Ein Ort außerhalb der eigenen Wohlfühlzone. Der Schwellenraum „ist die gesegnete Zeit, wenn wir nicht sicher sind und wir nicht die Kontrolle haben, wenn sich etwas wirklich Neues ereignen kann“. Es ist der Raum, in dem „das Alte nicht mehr“ ist und „das Neue noch nicht“. Es ist die Zeit des Abstiegs, des Wartens ohne Antworten, des „Chaos des Unbewussten“, der Einsamkeit und die Zeit des „Ringens mit der eigenen dunklen Seite“. Doch nur an diesem Ort ist „eine Begegnung mit dem Numinosen“ möglich. Nur an diesem Ort ist tiefgreifende Veränderung, innere Transformation möglich.

In diesem Schwellenraum wurde der junge Mann mit Wahrheiten konfrontiert, die ihm seine Sterblichkeit, seinen eigenen Schatten, seine Schwachheit und seine Irrelevanz vor Augen führen sollten. Die sogenannten „Fünf harten Wahrheiten“ leitete Richard Rohr daraus ab. Diese lauten: „Das Leben ist hart“, „Du bist nicht so wichtig“, „In Deinem Leben geht es nicht um Dich“, „Du hast nicht die Kontrolle“, „Du wirst sterben“. Dies sind Wahrheiten, die geeignet sind, das Ego-Selbst des jungen Mannes in seinen Grundfesten zu erschüttern, von seinem Thron zu stoßen und in einen neuen Kontext des „Großen Ganzen“ zu verorten und einzubetten.

Am tiefsten und dunkelsten Punkt des Schwellenraums schließlich wurde der junge Mann auf dramatische Weise verwundet. Und starb einen grausamen Tod. Er stürzte hinab in sein eigenes Grab. Umgeben von der Finsternis und der Stille des Todes. Und dort hatte er auszuharren…

Auf den Tod des jungen Mannes erfolgte die machtvolle Auferstehung des gereiften Mannes. Und dieser Mann hatte eine Weihe erlebt. Er war auf verschiedenen Ebenen eingeweiht – initiiert – worden: Initiiert ins „Mann-Sein“ und damit in die Gemeinschaft der Männer. Im Idealfall war er aber auch in das „große Geheimnis“ oder die „große Vision“ des Lebens initiiert worden. Im Idealfall war er „rückverbunden“ worden in die spirituellen Kreisläufe und Gesetzmäßigkeiten allen Seins. Im Idealfall war er in Berührung gekommen mit seinem „eigenen Seinsgrund“ und hatte gekostet vom Eins-Sein mit allem, was ist. Im Idealfall hatte er sich als „geliebten Sohn Gottes“ erfahren.

Im Idealfall war das „Falsche Selbst“ des jungen Mannes gestorben und das „Wahre Selbst“ auferstanden. Meistens ging damit einher, dass der Initiant auch einen neuen Namen annahm. Seinen ureigensten Seelennamen. Diese Erfahrungen hatten das Potential, der Anfang der ganz persönlichen Heldenreise des Mannes zu werden. Denn im Gegensatz zu den Religionen erzählten die Initiationsriten den Weg des Mannes von seinem Ende her. Und für diesen Weg setzten sie den „guten Anfang“. Es gab in der Biografie und der Identität des Mannes in Bezug auf seine Initiation immer ein klares „Davor“ und ein klares „Danach“.

In einigen Kulturen kehrte der Mann aus den Tiefen dieses Rituals mit einer Waffe zurück. Diese hatte er sich während seiner Zeit im Schwellenraum selbst bauen müssen. Nicht selten brachte er auch „ein Geschenk“ in die Gemeinschaft mit.

Seine Ausführungen zu den archaischen Initiationsriten flankiert Richard Rohr immer wieder mit sehr klarer Kritik an der Religion, der er selber angehört: Dem Christentum. Seiner Einschätzung nach wusste das Christentum in seinen Anfängen um die Notwendigkeit und den Wert der Initiation. Doch je mehr sich das Christentum institutionalisierte und zum weltlichen Machtfaktor wurde, desto mehr geriet dieser Schatz in Vergessenheit. Heute findet sich dieses Wissen nur noch in rudimentärer Form wieder. Zum Beispiel in der Symbolik von Taufe und Abendmahl oder in Feierlichkeiten wie Firmung und Konfirmation.

SCHWÄCHEN DES BUCHES

Auf vergleichsweise wenigen Seiten hat Richard Rohr sehr viel Essentielles zum Thema Initiationsriten und männlicher Spiritualität zusammengetragen. Da liegt es in der Natur des gewählten Formats, dass er vieles lediglich anreißen kann, ohne weiter in die Tiefe zu gehen.

Vom Schreibstil her gelingt es Richard Rohr sehr anschaulich und nachvollziehbar sein. Daher liest sich das Buch auch sehr flüssig. Im Umkehrschluss kommt dieser Schreibstil jedoch nur wenig wissenschaftlich daher.

Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass Richard Rohr nur vergleichsweise wenig mit Quellenangaben arbeitet. Ich will nicht unterschlagen, dass er dem Buch einige Seiten mit Quellenangaben und auch weiterführender und vertiefender Literatur hintenanstellt. Allerdings wären mehr und auch mehr direkte Verweise im Text oftmals hilfreich gewesen.

Dann gelingt es Richard Rohr nicht immer, seine Themen trennscharf voneinander abzugrenzen. So kommt es hier und da zu Überschneidungen und zu Wiederholungen. Manches Mal werden Gedanken angerissen, abgeschlossen und an späterer Stelle wieder aufgenommen; ohne dass dies dem Leser vorher transparent gemacht worden wäre.

Und zu guter Letzt blendet Richard Rohr in dem Buch die Initiationsriten der Mysterienbünde komplett aus. Er widmet sich tatsächlich ausschließlich den archaischen Initiationsriten. Dabei trifft vieles, was er für diese Initiationsriten herausarbeitet, genauso für die Initiationsriten der Mysterienbünde zu. Hier wäre es interessant gewesen zu beleuchten, in welcher historischen und inhaltlichen Beziehung diese beiden unterschiedlichen Formen der Initiationsriten zueinander stehen.

MEIN FAZIT

Dieses Buch hat meinen spirituellen Weg geprägt wie nur wenige andere. Und weil ich im persönlichen Austausch mit Richard Rohr erfahren durfte, welch inhaltliche Substanz und Tiefe dieser Mann mitbringt, lässt es mich auch die Schwächen dieses Buches einordnen und mir verzeihlich erscheinen.

Da ich die Initiation nach Richard Rohr selbst durchlaufen habe, wandelte und vertiefte sich auch mein Zugang zu diesem Buch. Und je länger sich das, was ich in diesem Initiationsritus durchlebt habe, in meinem Leben entfaltet, desto mehr fallen mir neue Facetten darin auf. Es gibt wohl kein Buch, das ich so oft zur Hand nehme und immer wieder Neues entdecke.

Und zu guter Letzt habe ich durch dieses Buch überhaupt erst begriffen, dass im Kern des freimaurerischen Rituals ein alt hergebrachter Initiationsritus überlebt hat. Und sozusagen als Nebenprodukt gelang es mir auch durch dieses Buch, die Brücke zu schlagen, dass diese besondere Verbindung von mittelalterlichem Bauhandwerk und archaischem Initiationsritus, die das Wesen des Freimaurertums ausmacht, wohl zur Zeit des Benediktinerordens im Zeitalter der Romanik seinen Anfang nahm. Als mir das klargeworden war, entschloss ich mich, der Bruderschaft der Freimaurer beizutreten. Das Buch eines praktizierenden Katholischen Mönchspaters hat den ausschlaggebenden Impuls gesetzt, Freimaurer zu werden … wenn das nur der Papst wüsste…

Im Schwellenraum

Schwarze Wolkenberge türmten sich am Himmel auf. Und tauchten das Land in bleiernes Dunkel. Nur vereinzelt riss der Sturm Löcher in die Wolken. Und bahnte dem fahlen und dämmrigen Licht des vollen Mondes den Weg. Neblige Schleier durchzogen die Landschaft. Das Wogen karger Äste zeichnete sich am Himmel ab.

Irgendwo, eingehüllt vom Nebel, ragten die Überreste einer alte Ruine empor. Ein eisiger Wind pfiff durch die geborstenen Fenster und Türen. Gesteinsbrocken, die einst so prachtvoll das Dach zusammenhielten, lagen wahllos und verloren auf dem von Rissen durchzogenen Boden umher. Seit langer Zeit hatte kein Mensch mehr einen Fuß in dieses einst so erhabene Gemäuer gesetzt. Dämonen und Getier hatten hier ihr Königreich ausgerufen und Schatten sich in jedem Winkel eingenistet. Die beiden Säulen vor dem Eingang waren umgestürzt. Es ließ sich kaum noch erahnen, wie majestätisch sie in vergangenen Tagen dort gewacht haben mögen. Die massive Steinplatte des Altars, der seit jeher den Osten dieses Ortes ausgefüllte, war zerbrochen. Nichts erinnerte mehr an rituelle Worte und geweihte Handlungen.

Inmitten der Trümmer. Unter meinen Knien schmerzte der harte Steinboden. Mein Gesicht in den Händen vergraben. Die Kälte und die Einsamkeit dieses Gemäuers krochen langsam in mir hoch. Keine Ahnung, wie lange ich hier schon kauerte. Zu schwach, mich zu erheben. Zu schwach…

Ein seltsam vertrauter Schmerz webte sich bedächtig in mich ein. Und eine stumme Traurigkeit kletterte aus den Tiefen meines Selbst zu mir herauf. Jede Faser meines Seins sehnte sich danach zu weinen. Doch selbst dazu war ich nicht stark genug. Keine einzige Träne. Meine Augen waren ausgedorrt wie mein Herz. Und mein Schrei erstarb, noch bevor er meine Lippen erreicht hatte. Ich blieb stumm. So stumm wie der Ort, an dem ich mich befand.

Irgendwann begannen meine Hände meine linke Seite abzutasten. Sie suchten den Griff meines Schwertes. Doch da war kein Schwert mehr…

Ein fragwürdiges Bild?

Wenn man sich als Außenstehender mit dem Freimaurertum beschäftigt, ist so ziemlich das Erste, worauf man stößt, das Bild vom „Rauen Stein“ und vom „Behauenen Stein“ (oder auch Kubus).

Verkürzt dargestellt soll es die Arbeit des Freimaurers an sich selbst ausdrücken. Der Raue Stein beschreibt den unvollkommen Ist-Zustand des Freimaurers und der Behauene Stein das Ideal. Im übertragenen Sinne ist es eine Lebensaufgabe des Freimaurers, alle Ecken und Kanten von sich selbst abzuschlagen, bis ein makellos behauender Kubus übrig bleibt. Ein Stein, der im großen Tempelbau Verwendung finden kann. Je nachdem, welcher Richtung man innerhalb des Freimaurertums angehört, kann dieser Tempel für den „Tempel Salomons“ oder den „Tempel der Humanität“ stehen.

Dieses Bild ist den mittelalterlichen Steinmetzen der Dombauhütten entlehnt. Deren Aufgabe war es, grobe Gesteinsbrocken so lange mittels Hammer und Meißel zu behauen, bis diese in einem sakralen Bauwerk Verwendung finden konnten.

Jeder Suchende, der bei unserer Loge anklopft, wird mit diesem Bild konfrontiert. Und gerne wird diesem Bild noch ein moderner Anstrich verpasst: Mit der wohlklingenden Formulierung, wonach der freimaurerische Weg folglich im Grunde genommen nichts anderes darstellt, als ein Persönlichkeitsentwicklungstraining. Das Exklusive daran, so wird dann gerne weiter angereichert, ist, dass es das wohl älteste bekannte Persönlichkeitstraining der Menschheit ist. In der Regel nicken die Suchenden dann immer genauso eifrig wie artig mit ihren Köpfen. Denn wer kann schon etwas dagegen haben, an sich selbst arbeiten zu wollen?

Auch ich nickte seinerzeit genauso eifrig wie artig, als ich dieses Bild vorgesetzt bekam. Doch je länger ich mich mit diesem Bild auseinandersetze, desto mehr stellt sich mir die Frage, ob es wirklich so glücklich gewählt ist.

Denn ich frage mich, ob dieses Abschlagen der Ecken und Kanten des Rauen Steins letztendlich nichts anderes ist, als das künstliche Abtrennen von Bereichen meines Selbst, die ich – aus welchen Gründen auch immer – als nicht „würdig“ oder nicht wünschenswert identifiziert habe.

Ich habe auf meinem bisherigen Lebensweg recht schmerzhaft lernen müssen, dass es genau das Gegenteil bewirkt, wenn ich Bereiche meines Selbst, denen ich mich nicht zu stellen vermag, einfach unterdrücke oder sie eben abtrenne. Ich habe lernen müssen, dass es allgemein gültige psychologische Gesetzmäßigkeiten sind, wonach alles, was ich von mir selbst als „unerwünscht“ unterdrücke oder abtrenne, an anderer Stelle und in viel mächtigerer und destruktiverer Weise wieder hervorbrechen und sich entladen wird.

Der kürzlich verstorben Sänger Leonard Cohen singt in seinem bemerkenswerten Lied „Anthems“ die Zeile „There is a crack in everything, that is how the light gets in“. Es geht ein Riss durch alles und genau durch diesen scheint das Licht herein.

Dieser Riss – meine Unvollkommenheit, mein Schmerz, mein Hass, meine Angst, mein Egoismus, meine Rastlosigkeit, meine Sucht, meine Wut, mein Neid – genau dieser Riss ist der Ort, an dem das Licht hereinbricht. Das alles gehört zu mir. Das alles hat mich etwas zu lehren und erfüllt seinen Zweck auf meinem Weg. Schlage ich etwas davon ab, schlage ich einen Teil von dem ab, was meine Person ausmacht.

Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass ethisch-moralisches Handeln irrelevant wäre. Oder dass es keine Werte gäbe, an denen man sein Leben ausrichten sollte. Lediglich der Umgang mit den Anteilen von mir, die diesem Bemühen zuwider laufen, ist ein anderer.

Es geht nicht darum, diese Anteile zu unterdrücken oder abzutrennen. Sondern es geht zunächst darum, diese Anteile anschauen zu können, ohne sie bewerten zu müssen, und schließlich anzunehmen. Nur wenn das geschieht, lerne ich darauf zu hören, was diese Anteile mir über mich zu sagen haben.

In der Männerarbeit nach Richard Rohr bezeichnen wir dies als Schattenarbeit. Es geht darum, den eigenen „Dunklen Bruder“ zu umarmen, anstatt ihn zu bekämpfen.

Wenn ich dies vermag, werden die Ecken und Kanten meines Rauen Steins zu dem Ort, an dem das Licht hindurchbricht. Dann wird mein Dunkler Bruder zum Lehrmeister über mich selbst. Schlage ich hingegen die Ecken und Kanten meines Rauen Steines ab bzw. spalte meinen Dunklen Bruder von mir ab, bringe ich mich um ganz entscheidende Lektionen meines Lebens.

Das sind die Gründe, weshalb sich mir die Frage stellt, ob dieses freimaurerische Bild des Weges vom Rauen Stein zum Behauenen Stein wirklich so gut gewählt ist. Oder ob es nicht sogar zweifelhaft – oder besser: fragwürdig – ist… ?

dunkler-bruder
(Bild von cac.org)

(Einschränkend muss ich zu mir sagen, dass ich mich aktuell im 3. Grad – dem des Johannismeisters – befinde. Der Weg eines Ordensfreimaurers, den ich gehe, erstreckt sich über 10 Grade. Wohl ist in den ersten drei Graden die gesamte freimaurerische Lehre enthalten. Dennoch lernt man in jedem Grad weitere, vertiefende und erweiternde Aspekte der einzelnen freimaurerischen Symbole kennen. Daher kann ich nicht sicher sagen, ob ich diesen Text genauso schreiben würde, wenn ich mich in einem höheren Grad befände.)