Adams Wiederkehr

BLOGPARADE – BUCHVORSTELLUNG

Vor einigen Monaten stolperte ich über einen ganz besonderen Blog: Er nennt sich „Der Krisenwandler“ und wird von Didi Burnault geführt. Dieser setzt sich dort auf berührend ehrliche und gleichzeitig konstruktive und bodenständige Weise mit seiner Depressionserkrankung auseinander. Dieser Blog tat es mir dermaßen an, dass er es in meine Sammlung spiritueller Links schaffte.

Anfang Juni diesen Jahres startete der Krisenwandler eine „Buchparade„. Wer wollte, war dazu aufgerufen, ein oder mehrere Bücher vorzustellen, die sein Leben nachhaltig geprägt haben. Nur zu gerne beteilige ich mich daran.

Ich habe mich dafür entschieden, das Buch „Adams Wiederkehr – Initiation und Männerspiritualität“ (früherer Titel: „Endlich Mann werden“) des Franziskaner-Paters Richard Rohr vorzustellen. Dieses umfasst 240 Seiten und kostet etwa 17,- €uro.

ÜBER DEN AUTOR

Richard Rohr (geb. 20.03.1943, Topeka) wurde 1961 in den Franziskanerorden aufgenommen und 1970 in West-Topeka zum Franziskaner-Priester geweiht. Im selben Jahr beendete er sein Theologiestudium am St. Leonhard Seminar in Dayton mit dem Master-Grad. Hiernach begann er als Religionslehrer Jugend-Exerzitien zu leiten, woraus die charismatische Familien- und Laien-Kommune „New Jerusalem“ in Cincinnati hervorging. Nach einem langjährigen Engagement in der Friedensbewegung lebt er seit 1987 in der Franziskanergemeinschaft in Albuquerque in New Mexico, wo er das „Center for Action and Contemplation“ aufbaute. Richard Rohr begründete auch die Männerbewegung M.A.L.Es (Men as Learners and Elders).

Neben zahlreichen Publikationen und Vorträgen zu den Themenkreisen männlicher Spiritualität, sowie der Durchführung von entsprechenden Seminaren, brachte er sich federführend in die Ausgestaltung eines Initiationsritus für Männer ein. Diesen durchliefen seit Anfang der 1990er Jahre viele tausend Männer aus den USA, aus Europa sowie aus Australien. Hieraus ist eine spirituelle Männerbewegung entstanden.

Inhaltlich befasst sich Richard Rohr unter anderem mit dem Enneagramm, den Formen und Bedürfnissen männlicher Spiritualität, dem kontemplativen Gebet, den alten archaischen Initiationsriten, archetypischen Bildern, christlicher Mystik und den praktischen Konsequenzen, die sich aus diesen Themen für das alltägliche Handeln ergeben. Er würdigt seine christlichen Wurzeln, ist aber bemüht, die großen, gemeinsamen spirituellen Linien, die zu jeder Zeit und in jeder Kultur in den unterschiedlichen Religionen und Kulten Ausdruck fanden, freizulegen und wertzuschätzen. Er geht davon aus, dass alles Sein auf einer tieferen Ebene miteinander verbunden ist. Folglich ist jeder einzelne Mensch Teil des „Großen Ganzen“ und spiegelt dieses wie ein Hologramm in sich selbst wieder.

Mein spiritueller Weg wurde nachhaltig von Richard Rohr geprägt. Das gilt sowohl für die Themen, die er bewegt, als auch für seine Herangehensweise an diese. 2007 durchlief ich seine Männerinitiation. Diese stieß tiefe und umwälzende innere Prozesse bei mir an. Prozesse, die noch immer ihre Kreise ziehen. 2009 lernte ich Richard Rohr persönlich kennen, als ich und weitere Männer mehrere Tage lang auf engstem Raum mit ihm zusammenarbeiten durften. Es galt, die erste Männerinitiation auf deutschem Boden durchzuführen. Ich war tief beeindruckt von der Herzlichkeit, der Offenheit, der Authentizität und der Demut, mit der er den Menschen begegnete.

ZUM INHALT DES BUCHES

Zeit seines Lebens hat sich Richard Rohr mit den archaischen Initiationsriten befasst. Er hat die Riten der unterschiedlichen Kulturen studiert, erforscht und miteinander verglichen. Die Quintessenz dessen, was er dabei zu Tage förderte, hat er in seinem Buch „Adams Wiederkehr“ zusammengefasst. In gewisser Weise handelt es sich bei dem Buch um so etwas wie das Lebenswerk oder das persönliche Manifest von Richard Rohr.

Mit am interessantesten ist seine Feststellung, dass so gut wie alle alten Kulturen über Initiationsriten für ihre jungen Männer verfügten. Diese Riten existierten noch vor den institutionalisierten Religionen. „Sie entwickelten sich beinahe überall vor der Achsenzeit (ca. 800 bis 200 vor Christus) als die Menschheit weltweit organisiert zu denken begann.“ Interessant ist auch, dass in der Regel nur junge Männer initiiert wurden. Die rituellen Unterweisungen für die Frauen lagen eher im Bereich der Fruchtbarkeitskulte.

Besonders bemerkenswert ist, dass diese Initiationsriten unabhängig vom jeweiligen geographischen Ort und der jeweiligen kulturellen Einbettung, in der sie stattfanden, markante Parallelen aufwiesen. Dies gilt sowohl für die inhaltliche Zielrichtung, als auch für die symbolische und rituelle Ausgestaltung. Auch die Abläufe dieser Initiationen glichen sich augenscheinlich.

„Der Weg der Initiation wurde immer an heiligen Orten der Kraft und in Form eines Rituals gelehrt.“ Hierbei nahm die Natur großen Raum ein. In vielen Kulturen hatten die Initianten lange Zeiten der Einsamkeit in der Natur zu verbringen.

Doch zunächst wurde der zu initiierende junge Mann vom „alltäglichen Leben, den alten Rollen, Bestärkung durch die Frauen“ getrennt. Dies brachte ihn „in den Schwellenraum“. Ein Ort außerhalb der eigenen Wohlfühlzone. Der Schwellenraum „ist die gesegnete Zeit, wenn wir nicht sicher sind und wir nicht die Kontrolle haben, wenn sich etwas wirklich Neues ereignen kann“. Es ist der Raum, in dem „das Alte nicht mehr“ ist und „das Neue noch nicht“. Es ist die Zeit des Abstiegs, des Wartens ohne Antworten, des „Chaos des Unbewussten“, der Einsamkeit und die Zeit des „Ringens mit der eigenen dunklen Seite“. Doch nur an diesem Ort ist „eine Begegnung mit dem Numinosen“ möglich. Nur an diesem Ort ist tiefgreifende Veränderung, innere Transformation möglich.

In diesem Schwellenraum wurde der junge Mann mit Wahrheiten konfrontiert, die ihm seine Sterblichkeit, seinen eigenen Schatten, seine Schwachheit und seine Irrelevanz vor Augen führen sollten. Die sogenannten „Fünf harten Wahrheiten“ leitete Richard Rohr daraus ab. Diese lauten: „Das Leben ist hart“, „Du bist nicht so wichtig“, „In Deinem Leben geht es nicht um Dich“, „Du hast nicht die Kontrolle“, „Du wirst sterben“. Dies sind Wahrheiten, die geeignet sind, das Ego-Selbst des jungen Mannes in seinen Grundfesten zu erschüttern, von seinem Thron zu stoßen und in einen neuen Kontext des „Großen Ganzen“ zu verorten und einzubetten.

Am tiefsten und dunkelsten Punkt des Schwellenraums schließlich wurde der junge Mann auf dramatische Weise verwundet. Und starb einen grausamen Tod. Er stürzte hinab in sein eigenes Grab. Umgeben von der Finsternis und der Stille des Todes. Und dort hatte er auszuharren…

Auf den Tod des jungen Mannes erfolgte die machtvolle Auferstehung des gereiften Mannes. Und dieser Mann hatte eine Weihe erlebt. Er war auf verschiedenen Ebenen eingeweiht – initiiert – worden: Initiiert ins „Mann-Sein“ und damit in die Gemeinschaft der Männer. Im Idealfall war er aber auch in das „große Geheimnis“ oder die „große Vision“ des Lebens initiiert worden. Im Idealfall war er „rückverbunden“ worden in die spirituellen Kreisläufe und Gesetzmäßigkeiten allen Seins. Im Idealfall war er in Berührung gekommen mit seinem „eigenen Seinsgrund“ und hatte gekostet vom Eins-Sein mit allem, was ist. Im Idealfall hatte er sich als „geliebten Sohn Gottes“ erfahren.

Im Idealfall war das „Falsche Selbst“ des jungen Mannes gestorben und das „Wahre Selbst“ auferstanden. Meistens ging damit einher, dass der Initiant auch einen neuen Namen annahm. Seinen ureigensten Seelennamen. Diese Erfahrungen hatten das Potential, der Anfang der ganz persönlichen Heldenreise des Mannes zu werden. Denn im Gegensatz zu den Religionen erzählten die Initiationsriten den Weg des Mannes von seinem Ende her. Und für diesen Weg setzten sie den „guten Anfang“. Es gab in der Biografie und der Identität des Mannes in Bezug auf seine Initiation immer ein klares „Davor“ und ein klares „Danach“.

In einigen Kulturen kehrte der Mann aus den Tiefen dieses Rituals mit einer Waffe zurück. Diese hatte er sich während seiner Zeit im Schwellenraum selbst bauen müssen. Nicht selten brachte er auch „ein Geschenk“ in die Gemeinschaft mit.

Seine Ausführungen zu den archaischen Initiationsriten flankiert Richard Rohr immer wieder mit sehr klarer Kritik an der Religion, der er selber angehört: Dem Christentum. Seiner Einschätzung nach wusste das Christentum in seinen Anfängen um die Notwendigkeit und den Wert der Initiation. Doch je mehr sich das Christentum institutionalisierte und zum weltlichen Machtfaktor wurde, desto mehr geriet dieser Schatz in Vergessenheit. Heute findet sich dieses Wissen nur noch in rudimentärer Form wieder. Zum Beispiel in der Symbolik von Taufe und Abendmahl oder in Feierlichkeiten wie Firmung und Konfirmation.

SCHWÄCHEN DES BUCHES

Auf vergleichsweise wenigen Seiten hat Richard Rohr sehr viel Essentielles zum Thema Initiationsriten und männlicher Spiritualität zusammengetragen. Da liegt es in der Natur des gewählten Formats, dass er vieles lediglich anreißen kann, ohne weiter in die Tiefe zu gehen.

Vom Schreibstil her gelingt es Richard Rohr sehr anschaulich und nachvollziehbar sein. Daher liest sich das Buch auch sehr flüssig. Im Umkehrschluss kommt dieser Schreibstil jedoch nur wenig wissenschaftlich daher.

Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass Richard Rohr nur vergleichsweise wenig mit Quellenangaben arbeitet. Ich will nicht unterschlagen, dass er dem Buch einige Seiten mit Quellenangaben und auch weiterführender und vertiefender Literatur hintenanstellt. Allerdings wären mehr und auch mehr direkte Verweise im Text oftmals hilfreich gewesen.

Dann gelingt es Richard Rohr nicht immer, seine Themen trennscharf voneinander abzugrenzen. So kommt es hier und da zu Überschneidungen und zu Wiederholungen. Manches Mal werden Gedanken angerissen, abgeschlossen und an späterer Stelle wieder aufgenommen; ohne dass dies dem Leser vorher transparent gemacht worden wäre.

Und zu guter Letzt blendet Richard Rohr in dem Buch die Initiationsriten der Mysterienbünde komplett aus. Er widmet sich tatsächlich ausschließlich den archaischen Initiationsriten. Dabei trifft vieles, was er für diese Initiationsriten herausarbeitet, genauso für die Initiationsriten der Mysterienbünde zu. Hier wäre es interessant gewesen zu beleuchten, in welcher historischen und inhaltlichen Beziehung diese beiden unterschiedlichen Formen der Initiationsriten zueinander stehen.

MEIN FAZIT

Dieses Buch hat meinen spirituellen Weg geprägt wie nur wenige andere. Und weil ich im persönlichen Austausch mit Richard Rohr erfahren durfte, welch inhaltliche Substanz und Tiefe dieser Mann mitbringt, lässt es mich auch die Schwächen dieses Buches einordnen und mir verzeihlich erscheinen.

Da ich die Initiation nach Richard Rohr selbst durchlaufen habe, wandelte und vertiefte sich auch mein Zugang zu diesem Buch. Und je länger sich das, was ich in diesem Initiationsritus durchlebt habe, in meinem Leben entfaltet, desto mehr fallen mir neue Facetten darin auf. Es gibt wohl kein Buch, das ich so oft zur Hand nehme und immer wieder Neues entdecke.

Und zu guter Letzt habe ich durch dieses Buch überhaupt erst begriffen, dass im Kern des freimaurerischen Rituals ein alt hergebrachter Initiationsritus überlebt hat. Und sozusagen als Nebenprodukt gelang es mir auch durch dieses Buch, die Brücke zu schlagen, dass diese besondere Verbindung von mittelalterlichem Bauhandwerk und archaischem Initiationsritus, die das Wesen des Freimaurertums ausmacht, wohl zur Zeit des Benediktinerordens im Zeitalter der Romanik seinen Anfang nahm. Als mir das klargeworden war, entschloss ich mich, der Bruderschaft der Freimaurer beizutreten. Das Buch eines praktizierenden Katholischen Mönchspaters hat den ausschlaggebenden Impuls gesetzt, Freimaurer zu werden … wenn das nur der Papst wüsste…

Bedrückende Vision

Im Januar dieses Jahres zeichnete die politische Partei ÖDP (Ökologisch Demokratische Partei) ein beängstigendes Bild; nämlich das des „stummen Frühlings“: „Das heute stattfindende Verschwinden der blühenden Wiesen … ist eines unserer größten Umweltprobleme: Wo nichts mehr blüht, verschwinden Bienen und andere Insekten. Wo die Insekten fehlen, gibt es keine Vögel mehr. Der „stumme Frühling“ ist dann wohl kaum noch zu verhindern. Wer möchte in einer Welt ohne Farben, ohne Naturmusik, ohne wildes Leben seine Tage verbringen oder gar Kinder und Enkel aufziehen?“

Eine Natur, in der das Summen der Insekten verstummt ist. In der keine Bienen, keine Hummeln, keine Schmetterlinge mehr um bunte Blüten kreisen. Eine Natur, in der das Lied der Vögel nicht mehr erklingt. Was für eine bedrückende Vision!

Im alltäglichen Kleinklein geriet diese grausame Vorstellung bei mir langsam wieder in Vergessenheit. Bis ich dann im April mal wieder im Garten meiner Eltern saß. Meine Eltern haben ein kleines Häuschen auf dem Lande. Inmitten des Gartens wachsen große und prachtvolle Fliederbüsche. Diese standen in voller Blüte. Doch es war kein Summen zu vernehmen. Kein aufgeregtes Fliegen von Blüte zu Blüte. Um die Fliederbüsche herum war es stumm. Mehrere Stunden saß ich neben den Fliederbüschen. Doch meine Beobachtungen blieben unverändert. Ein paar Tage später dann saß ich auf der Terrasse meiner Schwiegereltern. Auch dort steht ein großer Fliederbusch. Auch dieser stand in voller Blüte. Doch auch um diesen herum war es stumm.

Bleiben die Insekten weg, bleiben als nächstes die Vögel weg. Denn für viele Vogelarten stellen Insekten eine wichtige Nahrungsquelle dar. Und so passt es ins Bild, dass die deutschen Naturschutzbünde in ihren jüngsten Zählungen den niedrigsten Bestand an Vögeln in Deutschland festgestellt haben, seitdem diese Erhebungen durchgeführt werden. Nach dem Konzert der Insekten verstummt das Konzert der Vögel. Was zurückbleibt ist stumm, leblos, leer.

Und damit habe ich noch nicht einmal einen Ausblick gewagt, wie sich dieses Sterben auf die großen Gesamtkreisläufe von Mensch, Tier und Natur auswirken wird. Wie wird sich das Antlitz unserer Erde verändern? Was wird von der Vielfalt der Arten übrigbleiben? Was von dieser ganzen erhabenen und wundervollen Schönheit um uns herum wird auch in Zukunft noch Bestand haben?

Diese bedrückende Vision legte einen seltsamen Schleier aus Einsamkeit und Sinnlosigkeit über den Frühling. Wäre das Leben in solch einer Welt überhaupt noch lebenswert? Wie konnte ich es überhaupt verantworten, Leben in solch eine Welt gesetzt zu haben? Wird meine Tochter das, was für mich als Kind mal selbstverständlich war, nur noch aus Erzählungen, Büchern und Filmen kennen?

Doch viel wichtiger sind die Fragen, die damit einhergehen: Was kann ich selbst tun, um dieser Entwicklung entgegen zu wirken? Wie kann ich meine Konsumgewohnheiten ändern? Wie kann ich meinen Alltag und meine Umgebung anders gestalten? Wie kann ich selbst Teil eines Wandels sein? Ganz sicher bedarf es dafür nicht nur den einen oder anderen guten Vorsatz. Sondern ein ganz neues Bewusstsein…

Sinfonie

Da stehe ich. Umgeben von dem Grün des Schilfgrases. Und dem hellen Braun des Sandes. Und Du mit mir. In meinem Arm.

Deine wachen Äuglein blicken aufgeregt in die Ferne. Dorthin, von wo das gleichmäßige Rauschen der Brandung zu uns rüberweht. Dorthin, von wo der Wind den Geschmack des Salzes mit sich führt.

Irgendwo beugen sich ein paar karge Kiefern unter den Windböen. Das Schilfgras raschelt seine ganz eigene Sinfonie dazu. Und die tief dunklen Wolken am Firmament tauchen das gesamte Spektakel in ein gespenstisches Licht.

Für Dich ist das alles hier zum ersten Mal. Still und überwältigt nimmst Du dieses Schauspiel wahr. Jedes kleine Detail scheinst Du in Dich aufzusaugen.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal etwas so bewusst wahrgenommen habe, wie Du es gerade tust. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so innehalten konnte, wie Du es gerade tust.

Während meine Augen den Deinen in die Ferne folgen, kann ich ihn mit einem Mal wieder förmlich schmecken: Diesen wohlig milden Geruch, der dem Wind in diesen Gegenden innewohnt.

Und mit jeder Brise, die ich einatme, steigt der Augenblick aus meinen Erinnerungen auf, als ich diesen Geruch zum ersten Mal wahrnahm. Damals. Als ich das allererste Mal in meinem Leben am Meer war. Ich dachte, diesen Moment bereits tief in meinem Vergessen vergraben zu haben.

Und es bewegt mich, diesen ganz besonderen, allerersten Moment in Deinem Leben mit Dir teilen zu dürfen. Hier und jetzt.

Und zugleich schmerzt es mich. Denn es erinnert mich daran, wie lange mein allererster Moment mittlerweile schon zurückliegt. Und wie viele allererste Momente es seither gab, die mir wie Sand durch die Finger rannen. Es gab keine Möglichkeit, auch nur einen von ihnen festzuhalten.

Wenn wir uns gleich auf den Weg zurück zu unserem Ferienhäuschen machen, wird dieser allererste Moment von Dir unwiederbringlich sterben. Später wirst Du Dich nicht einmal mehr an ihn erinnern können.

Doch ich werde diesen Augenblick für Dich bewahren. Irgendwo tief in meiner Erinnerung. Gut verwahrt.

Der große Fluss

Jeden Morgen überquere ich den großen Fluss. Auf meinem Weg zur Arbeit in die pulsierende Metropole.

Umgeben von Menschen mit Kopfhörern auf den Ohren und Displays vor den Augen. Nicht wahrnehmend, was ihnen ihre Umgebung zu sagen hat. Unachtsam für die ganzen kleinen Details des Alltags. Und viel zu oft bin ich selbst nur ein Teil dieser grauen, unachtsamen Masse. Kopfhörer auf den Ohren, ein Display vor den Augen. Konsumieren und betäuben statt wahrnehmen.

Manchmal jedoch gelingt es der morgendlichen Sonne, einzelne der Fahrgäste zu berühren. Dann beobachte ich sie heimlich. Wie sich ihre Blicke in der Weite, die sich auf der anderen Seite des Waggonfensters auftut, verlieren. In der Weite des großen Flusses, der der Sonne entgegenfließt. Bis zum Horizont. Und irgendwo dort ganz hinten kommen sie mit sich selbst in Berührung.

Manchmal bin es aber auch ich, dessen Blick sich in dieser Weite verliert. Es ist, als bliebe die Zeit stehen. Nur für diesen einen Augenblick. Und dann steigt so etwas wie Ehrfurcht in mir auf. Ehrfurcht und Dankbarkeit. Für einen kurzen Augenblick bedauern meine Gedanken nicht die Vergangenheit oder befürchten die Zukunft. Sondern sind präsent, im Hier und Jetzt. Und für einen kurzen Moment erahne ich, was die Mystiker der verschiedenen Traditionen mit den Worten „Eins-Sein“ und „Verbunden-Sein“ gemeint haben könnten… Bis mich dann plötzlich am Bahnfenster vorbeirasende Lärmschutzwände aus diesem Moment wieder jäh herausreißen.

Solche Momente zeigen mir, dass der große Fluss, den ich tagtäglich überquere, so viel Essentielles zu erzählen hat. Von dieser Welt und von diesem Leben.

Und gerade jetzt im Herbst benutzt er so mächtige Bilder dafür. Den einen Morgen liegt er zugebettet in dichtestem Nebel. Den anderen Morgen taucht ihn die Sonne in Farben so wundervoll, dass mir die Worte fehlen. Eingerahmt vom prachtvollen Bunt der Bäume, die seine Ufer säumen. Ein Anblick, dessen Erhabenheit nur betrachtet und genossen, nicht aber eingefangen und konserviert werden kann. Ein Anblick, der mir bewusst macht, dass ich Teil von etwas viel Größerem bin, als dass ich und mein kleines Ego es je fassen könnten.

Und trotzdem schwingt in diesem Bild auch eine seltsame Melancholie mit. Denn der Herbst lässt auch keinen Zweifel daran, dass die Zeit des Lichtes, die Zeit der Fruchtbarkeit und die Zeit des Überflusses im Sterben liegt. Der Sommer wird schwächer von Tag zu Tag. Unwiderbringlich. Und schließlich wird er sterben. Vor uns liegt der lange und beschwerliche Weg durch das Dunkle. Es ist, als wolle uns der Herbst eine schöne Erinnerung, einen Funken Hoffnung mit auf diesen Weg geben.

So erzählt mir der große Fluss die ewige Geschichte vom Werden und Vergehen. Und gleichzeitig erzählt er mir von der Hoffnung, dass auf jedes Sterben auch ein Auferstehen folgt.

Unwillkürlich fühle ich mich an den Satz erinnert, der mir auf meinem Weg durch das freimaurerische Ritual an unterschiedlicher Stelle begegnet ist: “Kein Leben ohne Tod. Kein Tod ohne Leben.“ Aus diesem Satz spricht jenes alte Wissen, dass in allem Leben das Sterben bereits angelegt ist. Gleichzeitig aber auch, dass in jedem Tod die Geburt des neuen Lebens angelegt ist. Vielmehr: Das Sterben ist sogar notwendige Voraussetzung dafür, dass etwas neu geboren werden kann.

Und genau diesen Kreislauf von Werden und Vergehen und von Sterben und Auferstehen durchlaufen wir. Jahr für Jahr, Tag für Tag, Atemzug für Atemzug. Daher ist der Tod nicht das Ende, sondern notwendiger Teil der Verwandlung. Das Alte muss sterben, damit das Neue geboren werden kann.

Seit jeher ist es ein wesentlicher Aspekt von Initiationsriten, den Initianten für diese Gesetzmäßigkeiten achtsam zu machen. Ihn diese Gesetzmäßigkeiten rituell erleben zu lassen. Und ihn auf diese Weise in diese Gesetzmäßigkeiten „zurückzuverbinden“. Damit er irgendwann erkennt, dass nicht nur die äußere Welt, sondern auch sein innerer Weg sich in diesen Kreisläufen vollzieht.

Das ist eines der großen Mysterien des Lebens. Von diesem Mysterium erzählt mir das freimaurerische Ritual. Und von diesem Mysterium erzählt mir auch der große Fluss, den ich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit überquere.

Wenn ich achtsam bin, kann ich dieses Mysterium überall in der Natur entdecken. Die Sprache, die die Natur hierfür verwendet, ist für jeden verständlich. Wir nehmen uns nur viel zu wenig Zeit, hinzuschauen und zuzuhören. Denn es scheint viel einfacher, den Kopfhörer auf den Ohren und das Display vor dem Gesicht zu haben. Einfacher, als inne zu halten und einfach nur wahrzunehmen?

Ich habe für mich den Entschluss gefasst, dass der große Fluss mein Lehrmeister sein darf. Er darf mich Achtsamkeit lehren. Achtsamkeit für die Mysterien und Kreisläufe des Lebens. Genauso, wie ich es auch dem freimaurerischen Ritual erlaubt habe…

(Dieser Artikel ist ganz besonders den Freimaurern Horst S. und Gerd-Wilhelm R. gewidmet, die in diesem Jahr – im hohen Lebensalter und doch viel zu früh – ihren Weg in den Ewigen Osten angetreten haben.)

Das Lied vom neuen Anfang

Auf einmal waren sie wieder da: Die Vögel, die morgens vor meinem Schlafzimmerfenster das Lied vom neuen Anfang singen. Die Sonnenstrahlen, die morgens sanft in mein Schlafzimmer kriechen und mich wachküssen. Die bunten Blüten, die durch die Erdkruste brechen und die Wiesen in ein prachtvolles Gewand kleiden. Das zarte Grün, das die Bäume und Sträucher ziert.

Und auch in den Augen der Menschen nehme ich wieder dieses wunderschöne Strahlen wahr. Ihre Gesichter wirken aufgehellt, irgendwie hoffnungsvoller. Es sind immer noch dieselben Menschen wie in den letzten Wochen und Monaten. Doch irgendetwas hat sich im Innersten dieser Menschen verändert.

Hinter uns liegen die dunklen Monate. Die Zeit, in der die Sonne nur wenig Kraft hatte. Die Zeit, in der Frost und Kälte alles durchdrangen. Als die Nacht den Tag niedergerungen und die Dunkelheit das Licht besiegt hatte. Die große Kraft des Lichtes ließ sich nur noch erahnen. Unsere Erinnerungen waren der einzige Ort, an dem es noch strahlen durfte.

Doch jetzt sind die Tage angebrochen, in denen das Licht neu geboren wird. Unaufhaltsam ersteht es auf und findet zu alter Stärke zurück. Und mit dem Licht kehrt auch das Leben zurück. Die gesamte Schöpfung strebt dem Licht entgegen. Erblüht aufs Neue. Wird fruchtbar. Das Leben sprießt, wohin ich auch schaue.

Und als wollte uns die Sonne mit der hinter uns liegenden Zeit versöhnen, taucht sie den Himmel in die erhabensten Farben. Morgen für Morgen und Abend für Abend. Der Himmel des Frühlings sieht genauso wundervoll aus, wie er es einst im Herbst tat. Doch erzählte der Herbst noch vom wundervollen Sterben, so erzählt der Frühling jetzt von der kraftvollen Auferstehung.

Wohin man auch blickt, stimmt die gesamte Schöpfung wieder in das ewige Loblied auf ihren Schöpfer ein. „Dann jauchzt mein Herz Dir großer Herrscher zu: Wie groß bist Du?! Wie groß bist Du?!“ Was vor uns liegt ist Licht. Was vor uns liegt ist Leben.

(Dieser Text ist ganz besonders meiner geliebten Frau gewidmet.)