Freimaurerische Bigotterie

ALS FRAU AUßEN VOR?

In meinem privaten Umfeld gibt es den einen oder anderen Menschen, der es ziemlich suspekt fand, als ich mich entschied, Freimaurer zu werden. Insbesondere durch die feministische Brille betrachtet, mutete dieser Schritt mehr als fragwürdig an. Denn kommen bei den Freimaurern nicht alte weiße Männer zusammen, die sich im Glanze einer elitären Exklusivität sonnen? Eine Exklusivität, in der für Frauen kein Platz ist? Kein Vorbehalt gegenüber der Freimaurerei begegnete mir so häufig wie der, dass Frauen dort ausgeschlossen würden.

Nur um dieses Argument ein für alle Mal abzuräumen: Doch, auch in der Freimaurerei gibt es Frauen. Genauso, wie es reine Männerlogen gibt, gibt es auch reine Frauenlogen und auch gemischte Logen.

Allerdings gibt es bei der ganzen Frage bezüglich „Freimaurerei und Frauen“ ein ganz großes „Aber“. Ein „Aber“, das gewichtig und ziemlich hässlich ist. Ein „Aber“, das mich als männlichen Freimaurer beschämt. Und um dieses „Aber“ soll es in diesem Blogartikel gehen.

MEIN ERSTER GÄSTEABEND

Tatsächlich fand mein erster realer Kontakt als Suchender zu einer gemischten Freimaurerloge statt. Eher zufällig bekam ich eine Einladung zu einem Ihrer Gästeabende in die Hand.

Als ich diesen Gästeabend dann besuchte, war ich zunächst etwas irritiert, weil ich in dieser Loge keinen einzigen Mann antraf. Diese Loge war nur auf dem Papier eine gemischte Loge, de facto jedoch eine reine Frauenloge. Die Logenmeisterin erklärte mir an diesem Abend, warum das so ist: Freimaurerlogen, in denen auch Frauen Mitglieder sind, werden durch die offiziellen freimaurerischen Statuten und Institutionen nicht offiziell anerkannt. Folglich ist es Frauenlogen und auch gemischten Logen nicht möglich, die sogenannte „freimaurerische Regularität“ zu erlangen. Dies wiederum hat zur Folge, dass Männer, die sich dafür interessieren, Freimaurer zu werden, sich lieber regulären Männerlogen anschließen, als irregulären Frauenlogen oder irregulären gemischten Logen. Auch mir legte die Logenmeisterin für den Fall, dass ich ernsthaft an der Freimaurerei interessiert sei, nahe, mich dann doch lieber einer reinen, regulären Männerloge anzuschließen.

Den Vortrag dieses Abends hielt ein Mann. Ein eloquenter und gebildeter Mann. Vor allem aber: Ein regulärer Freimaurer. In dem Vortrag, den ich als sehr fundiert und umfassend erinnere, ging es um Gotthold Ephraim Lessing. Dessen Ringparabel ist so etwas wie die Lieblingsgeschichte der Freimaurer. Je länger dieser Gästeabend andauerte, desto mehr hatte ich den Eindruck, dass sich so etwas wie eine informelle Hierarchie herausbildete: Vorne der „richtige“ – weil reguläre – Freimaurer, der alle an seinem Wissen teilhaben ließ. Und zu seinen Füßen die „nicht so ganz richtigen“, – weil irregulären – Freimaurerinnen, die an seinen Lippen hingen.

Natürlich war dieser Abend inhaltlich für mich gewinnbringend gewesen. Und auch insofern spannend, weil ich das erste Mal in meinem Leben echte freimaurerische Luft schnuppern durfte. Doch der Eindruck, wie demütigend innerhalb der Freimaurerei mit den Freimaurerinnen umgegangen wird, ließ einen äußerst faden Beigeschmack zurück.

DIE FRAGE DER REGULARITÄT

Doch was hat es mit dieser „Regularität“, die dafür sorgt, dass Frauen innerhalb der Freimaurerei irgendwie außen vor bleiben, auf sich? Woher stammt die Idee der „Regularität“?

Geht man dieser Frage nach, kommt man an den sogenannten „Alten Pflichten“ nicht vorbei. Hierbei handelt es sich laut Freimaurer-Wiki um die „erste gedruckte und veröffentlichte Sammlung von Gesetzen und Konstitutionen (Regeln) der Freimaurer“. Diese sind 1723 von dem Reverend und Prediger an der Kirche der schottischen Presbyterianer in London, dem Doktor der Philosophie und der Theologie, James Anderson, verfasst und erstmalig am 28. Februar 1723 veröffentlicht worden. In diesen Alten Pflichten wird für das damals noch blutjunge Freimaurertum unter anderem niedergelegt, was einen Freimaurer ausmacht, wie die Ordnung einer Freimaurerloge hergestellt wird und wie sich der einzelne Freimaurer innerhalb und außerhalb der Loge zu verhalten hat. Der gesamte Text setzt voraus, dass nur Männer Freimaurer werden können. So wird durchgehend von Männern, von „der Maurer“, „ein Maurer“ oder „der Bruder“ gesprochen. Im 3. Abschnitt mit dem Titel „Von den Logen“ wird schließlich klar benannt, dass Freimaurer nur „gute und wahre Männer, frei geboren, von reifem Alter und diskreten und vernünftigem Urteilsvermögen“ werden können. Es dürfen „keine Frauen“ zum Freimaurer aufgenommen werden.

Die Alten Pflichten werden von den sogenannten „Basic Principles“ aus dem Jahre 1929 ergänzt, konkretisiert und ausgeschärft. In diesen verständigten sich die Großlogen von England, Irland und Schottland darüber, unter welchen Voraussetzungen Großlogen anerkannt und gestiftet werden. Die Basic Principles sind so etwas wie der Versuch, den kleinsten gemeinsame Nenner zu definieren, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit eine (Groß-) Loge überhaupt als regulär anerkannt werden kann. Acht Punkte sind dort niedergelegt. Der vierte bezieht sich auf die Frage nach „den Frauen und der Freimaurerei“. Dazu steht dort geschrieben: „Die Mitglieder der Großloge und der einzelnen Logen setzen sich ausschließlich aus Brüdern zusammen, die als Männer zu Freimaurern wurden. Und dass jede Großloge keinerlei freimaurerische Zusammenarbeit mit Organisationen haben darf, die weibliche Freimaurer initiieren.“ Also auch die Basic Principles lehnen Frauen als Freimaurer ab.

Ergo: Die Alten Pflichten und die Basic Principles, die maßgeblich sind, wenn es um die Frage geht, ob eine Loge oder Großloge regulär oder irregulär ist, lehnen die Idee, dass auch Frauen Freimaurer sein können, ab. Es könnten an dieser Stelle noch weitere Schriften und Verordnungen mit gleicher Zielrichtung genannt werden, die diese Vorgaben ins jeweilige Großlogen-Recht und den jeweiligen Logen-Alltag transferieren. Doch deren Ursprünge lassen sich in letzter Konsequenz alle auf die Alten Pflichten und die Basic Principles zurückführen. Und da jede reguläre Loge „gesetzmäßig durch eine andere anerkannte Großloge oder durch drei oder mehr regulär konstituierte Logen gegründet worden sein“ muss, vererbt sich die Idee, dass Frauen keine Freimaurer sein können, quasi von regulärer Loge zu regulärer Loge immerfort. Und den Beginn dieser Regularitätskette bildet die Vereinigte Großloge aus England, auf die sich schlussendlich direkt oder indirekt jede reguläre Loge zurückführen lässt.

Nun lassen sich die Mechanismen, die beim Freimaurertum zu greifen anfingen, als Festschreibungen darüber getroffen wurden, wer regulärer und wer irregulärer Freimaurer ist, mit denen vergleichen, die bei den Religionen greifen, wenn sie definieren, welcher Gläubige rechtgläubig ist und welcher nicht. In beiden Fällen werden mehr oder weniger absolute Statuten aufgestellt, die dadurch, dass sie bestimmte Menschen einschließen, gleichzeitig andere Menschen ausgrenzen. Das liegt im Wesen solcher Statuten (oder sollte ich eher von „Dogmen“ sprechen?). Und bei den Freimaurern sind es eben die Frauen, die durch den niedergeschriebenen Buchstaben pauschal ausgegrenzt werden.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Basic Principles innerhalb der weltweiten Bruderschaft der Freimaurer nicht gleichermaßen anerkannt sind. Hintergrund ist, dass es ab dem 18. Jahrhundert eine große Rivalität zwischen zwei der größten damaligen freimaurerischen Richtungen, nämlich der englischen und der französischen, gab. Es ging um Einfluss und Deutungshoheit innerhalb der Bruderschaft der Freimaurer. Anfang des 20. Jahrhunderts schließlich kam es zum Bruch, zum Schisma zwischen der englischen und der französischen Freimaurerei. Mit den Basic Principles nun hat die Vereinigte Großloge von England versucht zu definieren, wer sich tatsächlich Freimaurer nennen darf, sprich wer regulärer Freimaurer ist, und wer nicht. (Groß-) Logen, die einzelne Inhalte der Basic Principles nicht mittrugen, galten von nun an als irregulär. Das brachte es mit sich, dass große und traditionsreiche (Groß-) Logen, wie der Grand Orient de France, sich nicht mehr als regulär bezeichnen durften. Auch die Frauenlogen, die offiziell spätestens seit Anfang des 20. Jahrhunderts existierten, fanden sich irgendwann in der Irregularität wieder. Gleiches gilt für die gemischten Logen, die es bereits seit einigen Jahrzehnten früher gegeben haben dürfte.

Die gesamte innerfreimaurerische Auseinandersetzung um die Frage der Regularität, um die Inhalte der Alten Pflichten und der Basic Principles ist ein sehr weitreichender und fundamentaler Konflikt, dessen Wehen bis in die heutige Zeit hineinreichen. Daher könnte ich allein dieser Auseinandersetzung schon mehrere Blogartikel widmen. Für den vorstehenden Artikel, in dem es um die Frage geht, inwiefern Frauen reguläre Freimaurer sein können, soll mein oberflächlicher und inhaltlich sehr zugespitzter Ritt durch diesen Teil der freimaurerischen Geschichte jedoch ausreichen.

DIE SITUATION HEUTE

Sehr interessant ist es, sich bezüglich dieses Themenkomplexes einmal durch das Freimaurer-Wiki zu klicken. Dort kann man vieles vertiefen, was ich in diesem Blogartikel lediglich anreißen kann. Und dort stieß ich auf die Übersetzung einer sehr interessanten Verlautbarung der Vereinigten Großloge von England aus dem Jahr 1999, die ich hier mal im O-Ton bringen will: „In England und in Wales gibt es zumindest zwei Frauengroßlogen. Außer daß diese Frauen aufnehmen, sind sie, soweit das festgestellt werden kann, in ihrer Ausübung regulär. Es gibt auch eine Großloge, die Männer und Frauen aufnimmt. Diese Großlogen werden von der ‚United Grandlodge‘ (UGLE) nicht anerkannt; es finden keine gegenseitigen Besuche statt. Jedoch gibt es mit den Frauengroßlogen gelegentlich informelle Gespräch über Angelegenheiten von beiderseitigem Interesse. Wenn Brüder von Nichtmaurern darauf angesprochen werden, können sie also klarstellen, daß sich die Freimaurerei nicht auf Männer beschränkt, und das obwohl die UGLE selbst keine Frauen aufnimmt.“ Als bei der Vereinigten Großloge von England mit der Bitte um Konkretisierung dieser Aussage nachgehakt wurde, folgte nachstehende Aussage, die ich hier ebenfalls im O-Ton bringen will: „Um anerkannt zu werden, muss eine Loge reguläre Freimaurerei praktizieren, aber das ist nicht die einzige Voraussetzung. Anerkennung bedeutet auch, daß gegenseitige Logenbesuche möglich sein müssen. Aber weder die UGLE noch die beiden Frauengroßlogen wollen gemischte Logenarbeiten. Es gibt Aktivitäten, die manche Menschen lieber in einer ‚Single-Sex‘-Umgebung praktizieren, ohne den Druck und die Ablenkungen, die in gemischten Gruppen auftreten können. Das gilt für viele sportliche Tätigkeiten: Männer und Frauen spielen Hockey, aber nicht zusammen. Und es gilt für spirituelle Räume: Siehe die Nonnen und die Mönche.“

Diese Aussagen sind höchst interessant. Denn sie sprechen der Frau an sich nicht mehr per se die Fähigkeit ab, Freimaurerinnen zu sein. Vielmehr wird Ihnen sogar zugestanden, dass sie im freimaurerischen Sinne regulär rituell arbeiten. Trotzdem bleiben diese Aussagen letztendlich inkonsequent. Denn Frauen- oder auch gemischten Logen wird eine Regularität mit der Begründung nicht zugesprochen, dass gegenseitige Besuche der rituellen Tempelarbeiten möglich sein müssen. Besuchten sich jedoch Männer und Frauen gegenseitig bei den Tempelarbeiten, handelte es sich bei diesen Ritualen um gemischte Tempelarbeiten, welche wiederum nicht regulär wären. Im Ernst jetzt? Dem geneigten Beobachter stellt sich hierbei die Frage, warum das gesamte Feld der freimaurerischen Tempelarbeiten nicht einfach komplett für Männer und Frauen freigegeben wird. Warum legt man es nicht ins Ermessen jeder einzelnen Loge, jedes einzelnen Freimaurers, in welcher geschlechtlichen Konstellation die rituellen Arbeiten begangen werden wollen?

Eventuell, weil essentielle Teile des männlichen Freimaurertums noch nicht so weit sind? Denn noch 2013, als ich in den christlichen Freimaurerorden aufgenommen wurde, bekam ich mit, wie ein älterer Bruder bei einem freimaurerischen Mahl von sich gab, dass das freimaurerische Ritual ein Ritual sei, dass „auf die männliche Seele abgestimmt“ und folglich „nichts für Frauen“ sei. Bei keinem der Brüder, die diese Aussage vernommen hatten, regte sich Widerspruch. Erst im Nachhinein begriff ich, wie anmaßend solch eine Aussage ist. Denn wenn eine Frau aus Überzeugung Freimaurerin ist und augenscheinlich vom freimaurerischen Ritus und der freimaurerischen Symbolik berührt und inspiriert wird, welcher Mann hat dann das Recht zu behaupten, dass Ritual und Symbolik des Freimaurertums nichts für sie sei? Welch Arroganz, Ignoranz und Überheblichkeit spricht denn bitte aus solch einer Ansicht?!

Ich will aber nicht verschweigen, dass es sich hierbei nicht um die Mehrheitsmeinung unter den Freimaurer-Brüdern zu handeln scheint. Denn in meinem Logenalltag und meinem Social-Media-Umfeld erlebe ich, dass der Umgang zwischen Freimaurern und Freimaurerinnen von Geschwisterlichkeit, Respekt und gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist. Man befindet sich steten Austausch und besucht sich gegenseitig (wenn auch nicht zu gemeinsamen Tempelarbeiten). Man teilt dieselben Werte und dieselben Tempel. Nichtsdestotrotz bleibt natürlich der Makel der Irregularität an den Freimaurerinnen haften.

EIN PLÄDOYER

Jetzt mag der ein oder andere Freimaurer an dieser Stelle sagen: „Wenn der Hagen Unterwegs sich so für die Gleichberechtigung der Frau in freimaurerischen Fragen einsetzt, warum tritt er dann der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland, sprich dem christlichen Freimaurerorden, bei, der keine Frauen zulässt?“ Tatsächlich habe ich mich, bevor ich Freimaurer wurde, sehr ausführlich mit dem Freimaurertum und seinen unterschiedlichen Richtungen befasst. Meine Entscheidung für den christlichen Freimaurerorden war eine wohl überlegte und abgewogene. Und dies liegt in der initiantischen Männerarbeit nach Richard Rohr begründet, in der ich verwurzelt bin. Dort habe ich die Erfahrung gemacht, dass viel männliches Gockelgehabe und Gepose eher wegfällt und Männer ihren Schmerz, ihre Schwachheit, ihre Schattenseiten und ihre Scham eher zulassen und mit Ihresgleichen teilen können, wenn keine Frauen zugegen sind. Daher war für mich klar, dass ich einer rein männlichen Loge beitreten möchte. Und bis heute habe ich diese Entscheidung nicht bereut.

Was mir jedoch negativ aufstößt, ist die Tatsache, dass die aktuelle freimaurerische Rechtslage meiner Großloge gar keine andere Wahl lässt, als mir zu verbieten, gemeinsam mit Frauen an Tempelarbeiten teilzunehmen. Ich empfinde dies als übergriffig und bevormundend. Denn was spricht dagegen, den einzelnen Bruder selbst entscheiden zu lassen, in welcher geschlechtlichen Konstellation er Tempelarbeiten beiwohnen will? Warum wird mir diese Erfahrung verwehrt? Und was mir ebenso negativ aufstößt, ist die Tatsache, dass die aktuelle freimaurerische Rechtslage es mit sich bringt, dass es in meiner Großloge keine Frauenlogen gibt. Warum enthalten wir den erhabenen, wirkmächtigen und bis ins letzte Detail durchkomponierten freimaurerischen Ritus des christlichen Freimaurerordens den Frauen komplett vor? Was ginge denn verloren, wenn es in der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland neben reinen Männerlogen auch reine Frauenlogen oder gar gemischtgeschlechtliche Logen gäbe?

Nur um eines klar zu sagen: Dieser Blogartikel von mir ist kein Plädoyer dafür, dass meine Großloge sich durch die Aufnahme von Frauen in die Irregularität begeben soll. Niemandem wäre dadurch geholfen; weder der Sache der Frauen, noch dem christlichen Freimaurerorden selbst. Allerdings bedarf es für das Ein- und Aufstehen für die Regularität von Freimaurerinnen auch nicht die Aufgabe der eigenen Regularität.

Und dieser Blogartikel ist auch kein Plädoyer dafür, die Idee der Regularität komplett über Bord zu werfen. Auch wenn ich finde, dass der Begriff der freimaurerischen Regularität deutlich weiter gefasst werden sollte, als dies aktuell der Fall ist, so ist die Idee der Regularität dennoch notwendig, um grob abzustecken, wo die freimaurerische Idee beginnt und wo sie endet. Um mal ein plakatives Beispiel zur Veranschaulichung zu bringen: Gäbe es einen Rahmen der Regularität nicht, was spräche dann dagegen, Gesellschaften, wie einst die nationalsozialistische „Thule-Gesellschaft“ aus dem Dritten Reich, die vom Aufbau und den rituellen Formen her viele Überschneidungen zum Freimaurertum aufwies, auch dem Freimaurertum zuzuschlagen? Ich denke, aus diesem Beispiel wird ersichtlich, dass ein Mindestmaß an freimaurerischer Abgrenzung durch Regularität notwendig ist.

Dass diesem Maß an Abgrenzung aktuell allerdings die Frauen zum Opfer fallen, halte ich für grundfalsch. Und so sehr ich mir den Kopf auch zerbreche, es will mir einfach keine schlüssige und tragfähige freimaurerische Begründung dafür einfallen, weshalb Frauen keine regulären Freimaurer sollten werden dürfen.

Daher ist dieser Blogartikel ein Plädoyer dafür, die Frau endlich aus dem Gefängnis der Irregularität herauszuholen und sie in allen freimaurerischen Belangen und auf allen freimaurerischen Ebenen dem Mann vollumfänglich gleichzustellen! Beenden wir doch endlich diesen Zustand, der Frauen innerhalb des Freimaurertums unterm Strich viel zu oft zu Geschwistern zweiter Klasse degradiert. Für mich als Mann ist dieser Zustand beschämend, aus der Zeit gefallen und bigott. Dabei ist der Schritt dahin, diesen Zustand zu beenden, doch gar kein so großer mehr.

05.04.2022: Blue Night – Freimaurer in Hamburg

Am 05. April 2022 um 19:00 Uhr findet im Logenhaus der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland (Freimaurerorden) in der Moorweidenstraße 36 in 20146 Hamburg die nächste Blue Night statt!

Die Blue Night ist ein Format, das sich an Freimaurer, an Suchende und an an der Freimaurerei Interessierte gleichermaßen richtet. Nach nur wenigen Veranstaltungen dieser Art, haben sich die Blue Nights lehrartsübergreifend zu einem regelrechten Geheimtipp innerhalb der deutschen Freimaurerei entwickelt.

Herzstück des Abends wird ein Vortrag des Ordensmeisters der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland, Dr. Uwe Matthies, bilden. Inhaltlich wird er sich der Beziehung des Freimaurertums zur Religion widmen. Hierbei wird ein besonderes Augenmerk auf das Verhältnis von Katholischer Kirche und Freimaurertum gerichtet werden. Auf der Homepage der Blue Night wird der Inhalt des Vortrags wie folgt umschrieben: „In dem Vortag „Freimaurerei und Religion“ spannt Herr Dr. Matthes den Bogen von den christlichen Wurzeln der Freimaurerei, über ihre weltanschauliche und religiöse Ausdifferenzierung sowie vom Kampf zwischen Kirche und Loge bis zu ihrer Aussöhnung. Der Referent betont dabei auch die Alleinstellungsmerkmale der überkonfessionellen, undogmatischen und nicht kirchlichen christlichen Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland seit ihrer Gründung vor über 250 Jahren.“

Auch an diesem Abend wird nach dem Vortrag wieder die Möglichkeit bestehen, in entspannter Atmosphäre und beim Getränk der eigenen Wahl, zum Gehörten ins Gespräch zu kommen.

Wenn Du Interesse an dieser Veranstaltung hast, kannst Du Dich hier anmelden.

Wolfstieg-Gesellschaft

Im Jahr 2020 ging ein verheißungsvoller, unter Freimaurern jedoch auch kontrovers diskutierter Stern am freimaurerischen Himmel auf: Die unabhängige Forschungsgesellschaft Wolfstieg-Gesellschaft. Sie betritt insofern Neuland, als dass sie sich mit ihrem Angebot sowohl an Nicht-Freimaurer*Innen, als auch an Freimaurer*Innen der verschiedenen Lehrarten und Erkenntnisstufen wendet. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie legte die Wolfstieg-Gesellschaft ein hohes Maß an Flexibilität und Innovation an den Tag, weil sie innerhalb kürzester Zeit eine große Bandbreite an regelmäßigen Online-Veranstaltungen auf die Beine stellte. Doch auch das analoge Angebot lässt sich sehen: Vorträge, Workshops, Kolloquien, Seminare und Bücherveröffentlichungen. Mitglieder erhalten jährlich zwei Bücher und zwei Online-Magazine. Parallel wird eine im stetigen Wachstum begriffene Online-Bibliothek aufgebaut.

Wenn Ihr mehr über die Wolfstieg-Gesellschaft erfahren wollt, stöbert gerne ein wenig auf deren Homepage. Wenn Ihr Interesse an ihrem Angebot habt, könnt Ihr Euch dort in entsprechende Verteiler aufnehmen lassen. In Zukunft werde ich auf meinem Blog immer mal wieder von den Veranstaltungen der Wolfstieg-Gesellschaft berichten.

Für Außenstehende wahrnehmbar vorangetrieben wird die Wolfstieg-Gesellschaft von den Freimaurern Giovanni Grippo und Markus Schlegel.

Markus Schlegel ist 1979er Jahrgang und seit 2014 Freimaurer. Seit mehreren Jahren bringt er sich an unterschiedlichen Stellen in seine Großloge „American Canadian Grand Lodge von Deutschland“ ein und wurde für sein Engagement wiederholt ausgezeichnet. Darüber hinaus arbeit(e) er als Mitautor, Lektor und Kommentator an der Veröffentlichung mehrerer freimaurerischer Publikationen mit.

Giovanni Grippo ist 1978 geboren und seit 2000 Freimaurer. Seitdem brachte er sich auf verschiedene Weise in seine Großloge „Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland“ (Christlicher Freimaurerorden) ein und bekleidete hier unter anderem die Ämter des Johannislogenmeisters sowie des Andreaslogenmeisters. Er ist Schriftsteller, der unter anderem diverse Bücher veröffentlicht hat, Verleger (Grippo Verlag) und Essayist. Sein ganz besonderer, persönlicher Schwerpunkt liegt in der jüdischen Mystik, der Kaballa.

INTERVIEW MIT MARKUS UND GIOVANNI:

Mit beiden habe ich mich unterhalten; gerade auch über die Fragen, in denen die Wolfstieg-Gesellschaft polarisiert.

Hagen Unterwegs:
„Was ist das Angebot der Wolfstieg-Gesellschaft?“

Markus Schlegel:
„Wir haben zum einen Angebote für Mitglieder, für Freimaurer/innen im jeweiligen Grad sowie Angebote für Nichtfreimaurer/innen. Jedes Mitglied erhält jedes Jahr mindestens zwei Bücher, zwei Online-Magazine und Zugang zu einer stetig wachsenden Online-Bibliothek. Zum anderen veröffentlichen wir Bücher nur für Freimaurer im jeweiligen Grad und veranstalten regelmäßige Online-Vorträge, Online-Instruktionen und Online-Workshops, sowie Präsenz-Kolloquien und noch mehr, wenn Corona es zulässt. Hierfür haben wir getrennte Einladungs-Verteiler für Freimaurerinnen, Freimaurer und gemischte Freimaurer sowie einen öffentlichen Verteiler für Nichtfreimaurer/innen.“

Hagen:
„An wen richtet sich die Wolfstieg-Gesellschaft?“

Markus:
“An jeden, der sich für die Freimaurerei, vergleichbare Organisationen und angrenzende Themen interessiert. An jeden, der die freimaurerische Diskussionskultur schätzt und erleben möchten.“

Hagen:
„Welche Lücke in der gesamten freimaurerischen Landschaft in Deutschland soll die Wolfstieg-Gesellschaft schließen?“

Markus:
„Die Wolfstieg-Gesellschaft e. V. ist kein Lückenfüller. Die freimaurerische Landschaft in Deutschland ist und war es im Grunde schon immer, eine Zusammenstellung der unterschiedlichsten freimaurerischen Systeme. Nicht nur, dass wir fünf verschiedene anerkannte Großlogen – eine weltweit einmalige Situation – in einem Land haben, sondern den Logen wird durch deren Großlogen, die Nutzung von mehreren Dutzend unterschiedlicher historischer Rituale ermöglicht. Hinzu kommen mehrere gemischte Großlogen und derzeit eine Großloge nur für Frauen. Die Wolfstieg-Gesellschaft möchte eine Brücke zwischen den Systemen bieten, sowie den Logen und Großlogen Handwerkszeug für die tägliche Arbeit in Form von Instruktionen, Vorträgen und Hilfestellungen zur Verfügung stellen.
Wir sehen unseren aktuellen Forschungsauftrag in der Gegenwarts- und Zukunftsforschung. Daher haben wir in den letzten 18 Monaten unterschiedliche Instruktionen und auch ein Konzept für Gästeabende ausgearbeitet. Im kommenden Jahr werden wir uns intensiv mit historischen Instruktionen aus dem 19. Jahrhundert und der Zukunft der Freimaurerei beschäftigen. Hier werden wir das ganze Jahr eine FM-EXPO 2022 mit Vorträgen, Diskussionen und Umfragen veranstalten. Alle Vorträge und Umfragen werden wir im Anschluss in einem EXPO-Buch veröffentlichen.

Hagen:
„Mögt Ihr hier einmal nachzeichnen, wie es zur Gründung der Wolfstieg-Gesellschaft gekommen ist?“

Giovanni Grippo:
„Anfang 2018 suchte eine kleine Gruppe von Freimaurerinnen und Freimaurern nach unabhängigen freimaurerischen Forschungsprojekten, die nicht bereits von anderen bereits existierenden Gesellschaften/Logen/Vereinigungen/Vereinen unterstützt wurden.
Ende 2019 entstand zudem der Wunsch, einen Verein zu gründen, der die freimaurerisch-wissenschaftliche Forschung fördert und die nichtfreimaurerische Öffentlichkeit über die Freimaurerei aufklärt, indem z.B. öffentliche Vorträge, Online-Meetings und Kolloquien veranstaltet werden. Es ging also um eine neutrale Plattform auf der sich Freimaurer und Nichfreimaurer auf Augenhöhe austauschen können. Schließlich nahmen Anfang 2020 Mitglieder dieser Forschergruppe an Online-Meetings der »V-Loge« teil. Denn Covid19 war ausgebrochen.
Daraus entstand zunächst eine Zusammenarbeit mit der Aufgabe, verschiedene in- und ausländische Forschungskreise, -gesellschaften und -logen zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zu bewegen und das durch die Unterstützung der »V-Loge«.
Die Wolfstieg-Gesellschaft ist damit kein Kind der Covid19-Pandemie, aber sie kam genau zur richtigen Zeit.

Hagen:
„Was waren die Motive, die zur Gründung der Wolfstieg-Gesellschaft führten?“

Giovanni:
Vorab möchte ich sagen, dass sich die Mitglieder nicht nur als Förderer der unabhängigen Forschung verstehen, sondern auch als Mitgestalter einer besseren und gemeinsamen Zukunft, die aus der Erforschung der Vergangenheit resultiert.
Wir sind 2018/2019 auch in Gesprächen mit Quatuor Coronati getreten. Es ging dabei um den Zirkel Baden-Kurpfalz. Dort hatten wir vor Gründung der Wolfstieg-Gesellschaft unsere Unterstützung in Bezug zum freimaurerischen Schlossgarten in Schwetzingen angeboten. Das wurde leider nicht angenommen.
Als sich im März 2020 zeigte, dass der Bedarf an Online-Meetings (Instruktionen, Vorträge und Vergleiche) stark anwachsen würde, entschieden sich die Gestalter der V-Loge und andere Logen-Teilnehmer dem Ganzen einen formellen Rahmen zu geben. Dabei stießen wir auf die freimaurerische Persönlichkeit August Wolfstieg und die »Wolfstieg-Gesellschaft« von 1913. Ihr Auftrag bettet sich in der Geschichte der damaligen Gesellschaft ein und stellte sich als perfektes Transportmittel für unseren heutigen Förder- und Forschungsauftrag.“

Hagen:
„Warum habt Ihr ausgerechnet den Namen Wolfstieg-Gesellschaft gewählt?

Giovanni:
“Wir wollten dem Freimaurer August Wolfstieg ein Denkmal setzen.
1899 wurde August Wolfstieg in die Loge „Pythagoras zum flammenden Stern“ in Berlin aufgenommen und bekleidete dort von 1901 bis 1904 das Amt des Vorsitzenden Meisters. 1901 hat er die erste Bibliothekarinnenschule gegründet und in seinem fünfbändigen Werk „Werden und Wesen der Freimaurerei“ (1920-1922) ein an Historizität zuvor nicht dagewesenes Gesamtwerk für die Nachwelt erarbeitet. 1926 wurde vier Jahre nach seinem Tod die ursprünglich 1913 gegründete Fördergesellschaft nach ihm benannt. Die Wiedergründung 2020 erfolgte in Gedenken an ihn und an sein Lebenswerk.“

Hagen:
„Im Zusammenhang mit dem Namen „Wolfstieg-Gesellschaft“, die ursprünglich 1913 gegründet und im Nationalsozialismus aufgelöst worden war, wurde die Kritik laut, dass Ihr Euch mit der (Neu-)Gründung dieser Gesellschaft im Jahr 2020 „ins gemachte Nest gesetzt“ habt und eine historische Kontinuität suggeriert, die es in der Form gar nicht gibt.“

Markus:
„Ja, das hat uns sehr überrascht. Die überwiegende Mehrheit der deutschen Freimaurer kannten August Wolfstieg gar nicht, bevor die Gesellschaft wiedergegründet wurde. Schade finde ich, dass viele Kritiker häufig an keinem einzigen Vortragsabend teilgenommen haben. Ich würde mir wünschen, an unserer Leistung und nicht an unserem Namen gemessen zu werden. Über unsere Vorträge, Bücher und Handreichungen habe ich noch keine vergleichbare Kritik gehört.“

Hagen:
„Von dem Namenspatron Eurer Gesellschaft – Wolfstieg – sind Zitate überliefert, aus denen ein antisemitisches Weltbild spricht und die innerhalb der Freimaurerei eine intolerante Absolutierung der christlichen Richtungen gegenüber den humanistisch-aufgeklärten Richtungen erkennen lassen. In diesem Kontext nochmal meine Frage: Warum habt Ihr ausgerechnet Wolfstieg als Namensgeber gewählt?“

Giovanni:
„Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts fand bei den preußischen Großlogen (die über 80% der deutschen Freimaurer ausmachten) das „Nur-Christen-Prinzip“ Anwendung. August Wolfstieg war Mitglied der preußischen Großloge Royal York zur Freundschaft und vertrat damit eine zu der Zeit übliche Meinung. Diese Meinung hat sich längst überholt und die heutige Wolfstieg-Gesellschaft hat ein interreligiöses, interkulturelles, interkonfessionelles und öbedienzübergreifendes Angebot.“

Hagen:
„Was soll die Wolfstieg-Gesellschaft leisten, was nicht auch die etablierten Forschungslogen wie „Frederik“ und „QC“ leisten können?“

Markus:
„Ich würde lieber sagen, was wir leisten möchten. Wie bereits erwähnt, möchten wir kein Gegenangebot darstellen und streben Kooperationen an.“

Hagen:
„Grundsätzlich würde ich die Verantwortung, die Brüder freimaurerisch zu schulen, bei den Großlogen verorten. Wieso habt Ihr Euch mit der Wolfstieg-Gesellschaft nicht einer der bestehenden Großlogen angeschlossen?“

Markus:
„Das sehe ich nicht so. Die Aufgabe der Instruktion liegt bei der Loge und je nach System meist bei den Aufsehern oder dem Meister vom Stuhl. Die Großlogen wachen über das Ritual und schaffen organisatorische Strukturen. Ich kenne keine Großloge, die im größeren Stil selbst Instruktionen durchführt. Unser Ziel ist es, die Logen bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Außerdem schaffen wir nur ein Angebot. Niemand ist verpflichtet unsere Veröffentlichungen zu lesen oder zu nutzen. Wie stellen den Logen und Großlogen auch die Instruktionen kostenfrei zur Verfügung.“

Hagen:
„Wie gewährleistet die Wolfstieg-Gesellschaft einen wissenschaftlichen Anspruch? Gibt es beispielsweise einen wissenschaftlichen Beirat oder anderweitige Qualitätskontrollen?“

Giovanni:
„Das seht in unserer Satzung unter §8, Punkt 6: „Der Vorstand wird bei wissenschaftlichen Vorhaben und Veröffentlichungen von einem Beirat unterstützt.“ – Wobei ich betonen möchte, dass die Wolfstieg-Gesellschaft hauptsächlich die unabhängige Freimaurerforschung fördert.“

Hagen:
„Wie ist das Verhältnis der Wolfstieg-Gesellschaft zu den Vereinigten Großlogen in Deutschland und den einzelnen Großlogen, die in der VGLvD organisiert sind?“

Markus:
„Als freimaurerische Forschungsgesellschaft, sehen wir uns als Partner der Großlogen. In den letzten 18 Monaten gab es ausschließlich positive Kontakte zur VGLvD. Wir würden uns eine engere Zusammenarbeit in Zukunft wünschen.“

Hagen:
„Wie ist das Verhältnis der Wolfstieg-Gesellschaft zu den etablierten Forschungslogen?“

Giovanni:
„Ich würde das erst einmal nur als eine Art Koexistenz bezeichnen. Im zweiten Schritt sieht man, wie ergänzend die Wolfstieg-Gesellschaft zu den etablierten Forschungslogen/-vereinigungen steht. Wir haben seit März 2020 über 300 Online-Meetings sowie 3 Präsenz-Kolloquien und 3 regionale Kolloquien durchgeführt. Die anderen haben sich eher auf traditionelle Treffen konzentriert. Die Wolfstieg-Gesellschaft beschreitet also neue und unkonventionelle Wege im Vergleich zu den etablierten Forschungslogen.“

Hagen:
„Was für Resonanz habt Ihr bislang auf die Gründung der Wolfstieg-Gesellschaft erhalten?“

Markus:
„Von den Teilnehmern der Kolloquien, Vortrags- und Instruktionsabenden haben wir ausschließlich positive Rückmeldungen erhalten. Das spiegelt sich auch in den stetig wachsenden Mitgliederzahlen wieder.“

Hagen:
„Was ist Eure Vision für die Wolfstieg-Gesellschaft? Wo wollt Ihr mit dieser Gesellschaft mal hin?“

Giovanni:
„Unsere Vision ist es, ein Netzwerk für die unabhängige Freimaurerforschung zu schaffen sowie dem Dialog zwischen Freimaurern und Nichtfreimaurern eine Plattform zu bieten. Wir möchten freimaurerische Werke, Kunst, Denkmäler, Gärten und Installationen wiederentdecken und erforschen, auch die, die in Vergessenheit geraten sind. Wir möchten durch die Gegenwartsforschung die Freimaurerei auch von Verschwörungstheorien und Diffamierungen befreien, die zurzeit im Umlauf sind.“

Hagen:
„Ich danke Euch für das Gespräch.“

Prolog: The Magic Carpet

Der meisterliche Hammer ging auf dem Altar nieder. „In Ordnung, meine Brüder!“ Die Aufforderung erscholl feierlich und bestimmt zugleich. Und der geheiligte Bezirk nahm das ewig gültig Zeichen ein. Mit jedem Licht, das entzündet wurde, wurden Weisheit, Stärke und Schönheit offenbar. In ihrer Mitte schließlich wurde der Magische Teppich ausgerollt. Auf ihm, so hieß es, seien alle Geheimnisse dieser Welt und dieses Lebens abgebildet. Wer das Auge hat, der siehe…

Mit gezogenem Schwert und schweren aber zielstrebigen Schrittes kam der Zeremonienmeister auf mich zu. Vor meinem Platz stoppte er und nahm Haltung an. „Folgen Sie mir, mein Bruder.“, forderte er mich auf. Ich erhob mich und folgte ihm zum Altar; hinter welchem der Logenmeister thronte und über diesen Ort wachte. Der Zeremonienmeister trat beiseite und deutete an, dass ich die drei Stufen zum Altar emporsteigen solle. Oben angekommen streckte mir der Logenmeister über der aufgeschlagenen Bibel zwei Pillen entgegen; eine rote und eine blaue. Er richtete das Wort an mich: „Dies ist Deine letzte Chance. Danach gibt es kein Zurück. Schluckst Du die blaue Kapsel, ist alles aus. Du wachst in Deinem Bett auf und glaubst an das, was Du glauben willst. Schluckst Du die rote Kapsel, bleibst Du im Wunderland. Und ich führe Dich in die tiefsten Tiefen des Kaninchenbaus. Bedenke, alles, was ich Dir anbiete, ist die Wahrheit, nicht mehr.*“ Ich griff nach der roten Kapsel und schluckte sie meine Kehle herunter.

Der Logenmeister deutete hinter mich. Ich drehte mich um. Und blickte auf den Magischen Teppich. Dessen Bilder begangen, zu verschwimmen. So, als seien sie aus Erde, die durch wirbelnde Sturmböen auseinandergeweht wird. Die Motive des Teppichs fingen an, sich aus ihm zu herauszulösen und sich in die Höhe und Breite zu entwickeln. Der Logenmeister trat hinter dem Altar hervor. Er nahm mich an die Hand und führte mich die drei Altarstufen hinab. Bis an den Rand des Magischen Teppichs. Chaotisches Durcheinander wirbelte aus dem Teppich empor und überragte uns. Langsam begangen sich Schemen einer Landschaft herauszubilden. Das Wort wurde Fleisch.

„Ich kann Dir nur die Tür zeigen“, sprach der Logenmeister zu mir, „Durchgehen musst Du ganz alleine.**“ Ich ließ seine Hand los und setzte einen Fuß auf den Teppich. Ganz plötzlich zerfiel von unten nach oben erst mein Fuß, dann das ganze Bein zu Erde. Und wurde vom Magischen Teppich aufgesogen. Doch da war kein Schmerz. Was geschah hier mit mir? Fragend sah ich den Logenmeister an. Er nickte wohlwollend. Ich setzte auch meinen zweiten Fuß auf den Teppich. Von einem Augenblick auf den nächsten zerfiel auch mein restlicher Körper zu Erde und wurde in den Magischen Teppich hineingesogen. Tiefer und tiefer hinein in den Kaninchenbau. Irgendwas in mir wollte schreien. Doch da war nichts mehr, was hätte schreien können.

Bewusstsein kauerte auf dem Erdboden. Aus allen Himmelsrichtungen strömten unzählige Erdkörner darauf zu. Rasend schnell fügten sie sich aneinander und schälten nach und nach, wie aus dem Nichts, einen menschlichen Körper hervor. Das Wort wurde Fleisch. Langsam erhob ich meinen Kopf und erblickte, wo ich war. Umgeben von Natur. Östlich von mir ragte ein sakrales Bauwerk in die Weiten des Himmels empor. Ein Heiligtum…

* Original-Zitat aus dem Film Matrix 1
** Original-Zitat aus dem Film Matrix 1

Hier wird die Geschichte fortgesetzt…

…to be continued

Was bleibt von der Königlichen Kunst?

6. TEIL DER SERIE: „FREIMAUREREI ALS LEBENSEINSTELLUNG“ (GASTBEITRAG)

Was bleibt vom Freimaurertum? Wenn man diese ganzen freimaurerischen Äußerlichkeiten, die Ämter und Grade, die Hierarchien und Institutionen, die Etikette und das Elitäre und den ganzen Habitus, der daraus erwächst, wegnimmt, was bleibt dann noch vom Freimaurertum übrig? Was ist die freimaurerische Lebenseinstellung, der freimaurerische Lebensweg hinter alledem? Was am Freimaurertum hat Bestand, wenn man hinter dessen äußere Fassaden blickt? Seit einigen Monaten begleiten mich ebendiese Fragen. Und ich habe keine abschließende Antwort darauf.

Daher wuchs die Idee in mir, ganz unterschiedliche Feimaurerinnen und Freimaurer zu bitten, ihre Antworten zu diesen Fragen aufzuschreiben und auf meinem Blog zu veröffentlichen. Sie alle eint, dass ich sie als tiefgründig und inspirierend erlebe. Einige von ihnen kenne ich aus meinem tagtäglichen Leben, mit anderen wiederum habe ich mich bislang nur virtuell ausgetauscht. Zu einigen verbinden mich tiefe geschwisterlich freundschaftliche Beziehungen, andere erlebe ich aus der Ferne. Doch ich bin sehr gespannt, was sie dazu zu sagen haben. Über das Jahr verteilt will ich ihre Antworten auf diese Fragen nach und nach auf meinem Blog einstreuen.

Aus einem familiären Hintergrund stammend, der viel kirchliche Tradition und Etikette einforderte und dem Freimaurertum kritisch gegenüber stand, kam Joachim Schmidt über einen guten Freund mit dem Freimaurertum in Berührung. Vor über 15 Jahren schließlich wurde er in die Johannisloge „Ditmarsia“ in Brunsbüttel aufgenommen. Seither bekleidete er beinahe die gesamte Zeit über das Amt des Logensekretärs. Die explizit christliche Ausrichtung des Freimaurerordens, dem sich seine Johannisloge zurechnet, half ihm, je weiter er in dessen Lehrgebäude vorankam, seine persönliche Geschichte mit dem Christentum aufzuarbeiten und sich mit dem christlichen Glauben zu versöhnen. Im Freimaurerorden hat er gefunden, wonach er immer gesucht hatte: Kein Dogma, keine Religion, einfach nur den Glauben an etwas…

Im christlichen Freimaurerorden bauen auf die drei Erkenntnisstufen der Johannisloge die drei Erkenntnisstufen der Andreasloge auf. Hier gehört Joachims Johannisloge der Andreasloge „Concordia“ an, welcher auch meine Johannisloge „Carl zum Felsen“ angehört. Dementsprechend kreuzten sich dort vor ein paar Jahren unsere Wege. Irgendwann outete Joachim sich als begeisterter Leser meines Blogs. Das Feadback, dass ich von ihm bekam, war sehr von Wertschätzung getragen. Im Austausch über meine Serie „Freimaurerei als Lebenseinstellung“ entstand die Idee, dass auch er einen Artikel dazu verfassen könne. Eine Idee, die es mir vom ersten Moment sehr angetan hatte und noch viel mehr jetzt, wo mir Joachims Artikel vorliegt…

WAS BLEIBT VON DER KÖNIGLICHEN KUNST?

„Was bleibt von der Königlichen Kunst … was am Freimaurertum hat Bestand?“ Diese Fragestellung suggeriert, dass es keine Zukunft für uns geben könnte? Ich aber meine: Freimaurertum hat Zukunft! Wenn, ja, wenn wir nicht nur an uns selbst arbeiten, sondern auch daran arbeiten, unsere eigenen Organisationsformen und Öffentlichkeitsarbeit zukunftsfähig zu gestalten. Hier folgen einige meiner Gedanken zu diesem Thema:

Königliche Kunst, was ist das? Für mich das Beste, was aus menschlichem Geist entstanden ist. Die Königliche Kunst ist das Band, welches alle Freimaurer, unabhängig von der jeweiligen Lehrart, miteinander verbindet. Nur wir Freimaurer wissen durch unsere Initiation, was Königliche Kunst ist und was diese uns bedeutet. Es ist der Schatz der Freimaurerei, der nur individuell zu beschreiben ist.

Freimaurertum, das ist die Vielfalt der Lehrarten, der Vereinigungen und der Rituale. Es gibt sie nicht „Die Freimaurerei“ und das ist gut so. Irregualarität, wie oft genannt, die gibt es für mich nicht. Es gibt eine Urloge, die erste Gründungsloge, aus der sich neben verschiedenen anderen Einflüssen viele Lehrarten entwickelt und positioniert haben in den vergangenen 300 Jahren. Freimaurer berufen sich auf die in der Gründungsloge festgelegten „Basic Principles“, „Die alten Pflichten“, das „Supreme Being“ (Höhstes Wesen / höhere Kraft), den Großen Baumeister der Welt und die bei den Arbeiten aufgeschlagene Bibel als Grundlage unserer Kultur. Die Werte der Freimaurerei sind dem europäischen und abendländischen kulturellen Gedächtnis entsprungen. Das heißt Freiheit, Individualismus, Toleranz und Demokratie. In Zeiten der Krise und der politischen Unsicherheiten unverzichtbare Eigenschaften.

Was verbindend uns Freimaurer? Das freimaurerische Ritual ist ein spirituelles Spiel. Die Übungen dienen jedem Bruder individuell; jeder fühlt und erfährt das Ritual anders. Königliche Kunst, egal welcher Lehrart, ist keine Religion, keine Religionsgemeinschaft; es gibt kein Dogma. Es ist Spiritualität, Mystik und Ethik.

Was am Freimaurertum hat Bestand? Was von der Königlichen Kunst bleibt übrig? NICHTS … wenn wir uns nicht bewegen, wird die Zeit uns überrollen. Es sei denn, wir verlieren nicht unsere Freiheit durch einen Wechsel, durch den Verlust der Demokratie. NICHTS, wenn wir in Zukunft Anspruch und Wirklichkeit nicht in Übereinstimmung bringen.

Die Welt verändert sich rasant, wir können uns nicht weiter in der Gesellschaft so verhalten wie in der Gründerzeit der Freimaurerei. Methanoia, kehret um, verändert euch! Eine Handlungsanweisung Johannes des Täufers. Wenn wir diese Anweisung nicht als einen Auftrag ansehen, dann bleibt für die Freimaurerei nur eine schöne Erinnerung an die Gründerjahre und ein Eintrag im Geschichtsbuch erhalten. Es reicht nicht, sich stets auf berühmte Persönlichkeiten der Historie (Goethe, Mozart usw.) zu beziehen. Es reicht auch nicht, nur an sich selbst zu arbeiten. Tue Gutes und sprich auch drüber.

Unserer Tugenden (Außerhalb der Rituale):
– Verschwiegenheit … warum heute noch? In der Feudalzeit, der Gründerzeit der Freimaurerei, ein Mittel, um sich und anderer Leben zu schützen. Aber diese Geheimnistuerei heute noch? Warum in der Öffentlichkeit über das schweigen, was uns ausmacht? Warum noch verschwiegen sein?
– Vorsichtigkeit … Ja, im Umgang mit Sprache. Im Umgang mit Andersdenkenden (Empathie zeigen).
– Mäßigkeit … Ja, unbedingt stärken und durch Vorbild ein Beispiel geben. Dem Überfluss abschwören.
– Barmherzigkeit … Wir sind kein Serviceclub und sollten auch nicht mehr danach streben, einer zu werden. Das können andere besser. Wir sind inzwischen zu wenige, um monetär helfen zu können. Barmherzigkeit; handeln, um Brüdern zu helfen, die, aus welchen Gründen auch immer, in persönliche Schwierigkeiten gekommen sind.

Für die Zukunft: Was haben wir Freimaurer der Welt mitzuteilen? NICHTS … Es geht um uns – nicht um andere! Nur dadurch können wir nach außen wirken. An uns selbst zu arbeiten, reicht aber nicht. Wir sind eine Vereinigung mit weltweiten Verbindungen, auf lokaler Ebene bleiben wir weitestgehend unter uns (Würdenträger ausgenommen).

Was tun, um für unsere Ideale mehr „Follower“ zu gewinnen? Freimaurer schmücken sich oft mit berühmten Namen aus der Vergangenheit, aus der Gründerzeit, der Zeit der Aufklärung… Können wir nicht auch mit berühmten Namen der Gegenwart aufwarten? Ein älterer Bruder sagte mir einmal: Freimaurerei kann auch in der Doppelgarage stattfinden. Wir benötigen keine Schlösser als Logenhäuser. Hilfe für Brüder, die wirtschaftlich oder gesundheitlich gestrandet sind. Suchende nur als Mitglieder aufnehmen, wenn diese in die Freimaurer-Gemeinschaft passen würden. Mitgliederaufnahmen nicht danach ausrichten, Beiträge für die Erhaltung der Logenhäuser zu generieren.

Wirken nach AUßEN. Wirken als Freimaurerei durch Persönlichkeit, Mitmenschlichkeit, Nachhaltigkeit. Unsere Ziele als Freimaurer der Zukunft definieren und dann auch in der Öffentlichkeit publizieren. Was können wir tun, um unsere Königliche Kunst für die Zukunft zu stärken und erhalten: Unsere Logenhäuser öffnen, sich regional präsentieren, aber nicht missionieren. Kontinuierlich laufende und sich wiederholende offene Logenabende in der eigenen Loge durchführen und nicht nur in Gaststätten oder Vereinslokalen. Sich den Menschen öffnen bei unbedingter Einhaltung der Arkandisziplin. Warum soll ein junger Mensch Freimaurer werden, wenn er nicht weiß, was auf ihn zukommt? Die „Blue Night“ der Provinzialloge von Niedersachsen in Hamburg ist ein guter Anfang für eine gute Öffentlichkeitsarbeit. Aber warum nur in Hamburg? Warum nicht die „Blue Night“ als Markenzeichen für alle Logen und Freimaurer, ob in der Stadt oder auf dem Lande.

Was wir nicht tun sollten: In Politik einmischen. Dafür gibt es Parteien. Sich in Religionen einmischen. Dafür gibt es die Religionsgesellschaften. Ich verspüre zu viel Vereinsmeierei und zu viel Dienstgradmentalität in unseren Reihen. Zu viele Orden werden vergeben und die Erkenntnisstufen werden zu wichtig genommen und zu überhöht dargestellt. Wir Freimaurer müssen uns den aktuellen Themen (z.B. Rechtsstaatlichkeit und Nachhaltigkeit) der Zukunft stellen. Unsere Passivität reicht nicht mehr. Um diesen Schatz der Königlichen Kunst zu bewahren, sollten wir Freimaurer in unserem öffentlichen Auftreten und Handeln mit der Zeit gehen. „Tradition heißt nicht, die Asche verwahren, sondern die Flamme am Brennen halten.“ ( Jean Jaures ) „Wer einem Schritt in der Technik macht – sollten mit zwei Schritten Ethik folgen.“ Novalis (Hardenberg)

Freimaurerei: Der einzige noch verbliebene echte Mysterienbund der Gegenwart … darum hat die Königliche Kunst für mich Zukunft … das ist es, was bleibt.

(Joachim Schmidt)