Spirituelle Heldenreise

DER GARTEN EDEN

Ziemlich zu Beginn der Bibel kann man eine interessante Geschichte lesen: Die ersten beiden Menschen, Adam und Eva, leben, nachdem sie von Gott geschaffen worden waren, in einem paradiesischen Garten. Dem Garten Eden. Ein Garten, in dem Gott ein- und ausgeht.

Ich habe keine Ahnung, ob diese Geschichte ein historischer Tatsachenbericht ist, ein Märchen oder irgendwas dazwischen. Was ich an ihr aber ansprechend finde, ist das Bild, das sie malt. Das Bild von einer unschuldigen Ursprünglichkeit, einer Harmonie mit allem Geschaffenen und eines Eins-Sein mit dem Göttlichen, in das die ersten Menschen eingewoben sind.

Doch die Geschichte geht weiter: Der Mensch verliert diesen harmonischen Urzustand und wird aus diesem paradiesischen Garten vertrieben. Danach findet er sich in der Welt wieder, die uns Tag für Tag umgibt und deren Gesetzmäßigkeiten wir unerbittlich unterworfen sind. Eine Welt, in der ein Großteil der Menschen wie gefangen in einem Kokon vor sich hin existiert und sich des eigenen Ursprungs überhaupt nicht mehr bewusst ist.

DAS WESEN DER HELDENREISE

Auf gewisse Weise stellt der Verlust des Gartens Eden den Startpunkt eines jeden menschlichen Lebens dar. Und gleichzeitig auch den Startpunkt eines jeden spirituellen Weges.

Der Mensch trägt dieses Erbe der Ursprünglichkeit, der Harmonie mit allem Geschaffenen und des Eins-Sein mit dem Göttlichen nach wie vor in sich. Dieses Erbe ist gleichzeitig seine Bestimmung. Doch der Kokon, in dem der Mensch eingeschlossen ist und in dem er sich allzu wohlig eingerichtet hat, sorgt dafür, dass er sich dessen nicht mehr bewusst ist.

Allerdings führt das Leben den Menschen immer wieder in Situationen der Krise, die ihn heraus aus seiner Komfortzone und an seine Grenzen führen. Situationen, in denen der Mensch nicht länger stark ist oder die Kontrolle hat. Diese Situationen – oder besser: diese Orte – nannten die alten Initiationsriten Schwellenräume. Diese Schwellenräume stellen den Menschen immer wieder aufs Neue vor die Entscheidung, ob er aufwachen und seiner Bestimmung folgen will. Oder ob er sich noch tiefer in seinen Kokon zurückziehen will. Der Schwellenraum ist ein schmerzhafter und beängstigender Ort. Doch dieser Ort birgt das Potenzial in sich, ein Heiliger Ort zu werden.

Die Überlieferungen der Menschheit erzählen uns davon, dass es in allen Kulturen und zu allen Zeiten einzelne Menschen gab, die aufwachten, nachdem das Leben sie in solche Schwellenräumen geführt hatte. Sie ließen zu, dass etwas ihren Kokon durchbrach, ihnen den Schleier vor ihren Augen hinweg nahm, sie aus ihrem Tiefschlaf riss.

Mit einem Mal, inmitten all ihrer Kontrolllosigkeit und Schwachheit, wurden sie sich eines leisen Wisperns bewusst, das die gesamte Schöpfung durchzieht. Und dieses Wispern erzählte ihnen von dieser tiefen Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, nach der Harmonie mit allem Geschaffenen, nach dem Eins-Sein mit dem Göttlichen. Dieses Wispern war schon immer da gewesen. Doch erst jetzt nahmen sie es wahr. Und mehr noch: Sie spürten, dass dieses Wispern auf eine tiefe und unaussprechliche Weise Resonanz in ihnen erzeugte. Es war nicht nur das Wispern der Schöpfung um sie herum, nein, es war gleichzeitig auch das Wispern ihres eigenen tiefsten Seelengrundes.

Also brachen diese Menschen auf. Und folgten diesem Wispern, dieser Sehnsucht und damit ihrer eigenen Bestimmung. Sie begaben sich auf ihre ganz persönliche Heldenreise. Und diese sollte sie tief hinein ins Fremde, in die entlegensten Landstriche führen. Auf dieser Reise hatten sie mit Monstern, Riesen und wilden Tieren zu kämpfen und mit Geistern und Schatten zu ringen. Sie mussten manche Prüfung bestehen. Sie mussten hinabzusteigen in die Dunkelheit und hinauf auf den Gipfel des höchsten Berges. Und auf dieser Reise schlussendlich wurden sie tödlich verletzt und starben schließlich.

Denn nur wenn diese Menschen ihrem eigenen Tod gegenübertraten und durch ihn hindurchschritten, wenn sie das Mysterium von Tod und Auferstehung durchlitten, nur dann brachen sie durch zu ihrer eigenen Ursprünglichkeit, zu der Harmonie mit allem Geschaffenen und zum Eins-Sein mit dem Göttlichen. Dies war seit jeher ihre eigentliche Bestimmung gewesen und ihre wahre Identität; ihr Wahres Selbst.

Doch erst nach Vollendung der Heldenreise begriff der zum Helden gewordene Mensch, dass diese Sehnsucht, dieses Wispern, das ihn auf die Reise geführt hatte, aus den Tiefen seines eigenen Urgrundes aufgestiegen war. Folglich war das Ziel dieser Reise von Anfang an die Vereinigung mit seinem eigenen Ursprung gewesen. Doch es gab keinen anderen Weg dorthin zurück als den eigenen Tod. Dies konnte der Held aber erst im Rückblick verstehen.

BEDEUTUNG VON SPIRITUALITÄT

Diese Heldenreisen sind, meiner Meinung nach, von ihrem Wesen her immer zutiefst spirituell. Nun ist das Wort „Spiritualität“ eines, das ich zwar oft und gerne benutze, aber eben auch eines, das erstmal sehr unbestimmt und somit offen für alle möglichen Deutungen ist. Daher will ich mal versuchen, mich dem anzunähern, was ich unter Spiritualität verstehe und dies ins Verhältnis zum Wesen der Heldenreise setzen.

Über den von mir sehr geschätzten Freimaurer Jens Rusch bin ich über folgende Definition von Spiritualität gestolpert, deren Urheber ich allerdings nicht eindeutig verifizieren konnte: „Spiritualität ist der Ruf des Menschen nach sich selbst in einem geistigen Raum, der ihn übersteigt.“

Diese Definition von Spiritualität wirkt wie eine kurze Zusammenfassung dessen, was ich zur Heldenreise geschrieben habe. Der „Ruf des Menschen“ ist das, was ich mit „Wispern“ oder „Sehnsucht“ umschrieben habe, was der Mensch zunächst als von außen kommend wahrnimmt und erst später realisiert, dass dieser Ruf seinem eigenen Inneren entspringt. Der „geistige Raum, der ihn übersteigt“, ist der Zustand, den ich als „eigene Ursprünglichkeit, Harmonie mit allem Geschaffenen und Eins-Sein mit dem Göttlichen“ umschrieb.

Schaut man bei Wikipedia nach, so wird „Spiritualität“ dort unter anderem wie folgt beschrieben: „…eine Suche, die Hinwendung, die unmittelbare Anschauung oder das subjektive Erleben einer sinnlich nicht fassbaren und rational nicht erklärbaren transzendenten Wirklichkeit, die der materiellen Welt zugrunde liegt. Spirituelle Einsichten können mit Sinn- und Wertfragen des Daseins, mit der Erfahrung der Ganzheit der Welt in ihrer Verbundenheit mit der eigenen Existenz, mit der letzten Wahrheit und absoluter, höchster Wirklichkeit sowie mit der Integration des Heiligen, Unerklärlichen oder ethisch Wertvollen ins eigene Leben verbunden sein. Es geht dabei nicht um gedankliche Einsichten, Logik oder die Kommunikation darüber, sondern es handelt sich in jedem Fall um intensive psychische, höchstpersönliche Zustände und Erfahrungen, die direkte Auswirkungen auf die Lebensführung und die ethischen Vorstellungen der Person haben. Voraussetzung ist eine religiöse Überzeugung, die jedoch nicht mit einer bestimmten Religion verbunden sein muss.“

Diese Definition weist ebenfalls viele Aspekte auf, die sich auch in meiner Darstellung der Heldenreise wiederfinden lassen. So ist auch die Heldenreise ein „Erleben einer sinnlich nicht fassbaren und rational nicht erklärbaren transzendenten Wirklichkeit, die der materiellen Welt zugrunde liegt“, die schließlich in „der Erfahrung der Ganzheit der Welt in ihrer Verbundenheit mit der eigenen Existenz“ mündet. Interessant hierbei ist, dass es sich „bei dieser Erfahrung nicht um gedankliche Einsichten, Logik oder die Kommunikation darüber“, sondern „um intensive psychische, höchstpersönliche Zustände und Erfahrungen, die direkte Auswirkungen auf die Lebensführung und die ethischen Vorstellungen der Person haben“ und deren Voraussetzung „eine religiöse Überzeugung, die jedoch nicht mit einer bestimmten Religion verbunden sein muss“, handelt.

Die beiden von mir angeführten Definitionen von Spiritualität lesen sich beinahe wie Blaupausen für die Idee und das Wesen der Heldenreise.

INITIATION UND HELDENREISE

Von dieser Feststellung ausgehend – nämlich, dass die Heldenreise an sich zutiefst spirituell ist – ist es interessant, einen weiteren Bogen zu schlagen: Den zu den archaischen Initiationsriten.

Wiederholt habe ich auf meinem Blog von meinem spirituellen Vater geschrieben: Dem Franziskaner-Pater Richard Rohr. Mehrfach nahm ich hierbei Bezug auf dessen Erforschungen der alten, archaischen Männerinitiationen (hierbei möchte ich insbesondere auf meine Artikel „Adams Wiederkehr“ sowie „Die Sehnsucht der männlichen Seele“ verweisen).

Vergleicht man nun das, was Richard Rohr über Wesen und Inhalt der archaischen Initiationsriten herausgefunden hat, mit dem, was ich hier über die Idee der Heldenreise herausgearbeitet habe, so fällt auf, dass diese Riten ihre Initianten Rituale durchlaufen ließen, die markante Überschneidungen zur Heldenreise aufweisen.

So begannen auch die archaischen Initiationsriten immer mit dem Schwellenraum. Der Initiant, der in der Regel zum Zeitpunkt des Rituals auch an der Schwelle zum Mann-Werden stand, wurde einem Ort, einem Zustand der Kontrolllosigkeit ausgeliefert. Hier hatte er keine Macht mehr. Hier war er abgeschnitten von dem, was ihn bestätigte und stark machte. Hier war dieser junge und sonst vor Kraft und Energie nur so strotzende Mann plötzlich schwach, armselig, irrelevant, nackt, verletzlich. Er war aus seiner Rolle gefallen. Und er hatte keine Gewissheit, ob er von diesem Ort jemals wieder würde zurückkehren können.

Doch dieser Schwellenraum führte ihn weiter hinab in die Tiefe. Der Initiant hatte seinem eigenen Schatten gegenüberzutreten. Er musste sich dem stellen, was schon immer in ihm schlummerte, was er aber beharrlich verdrängt und unterdrückt hatte. All das Böse, all die Angst, all der Schmerz, all die Zwänge. Er musste mit der Bestie in sich ringen. Es ging darum, den Initianten auf sich selbst zurückzuwerfen, ihm die Maske vom Gesicht zu reißen und ihm keine Möglichkeit zu lassen, aus dieser Situation oder vor sich selbst zu fliehen. Auf diese Weise sollte sein Ego-Selbst – oder auch: das Falsche Selbst – erschüttert und demontiert werden. Nur an diesem Ort, den kein Mann freiwillig und von sich aus je betreten würde, kann tiefgreifende Veränderung, wahre Transformation geschehen.

Schließlich wurde der Initiant schwer verwundet und in sein eigenes Grab geworfen. Er starb. Und das auf sehr dramatische sowie grausame Art und Weise. Doch dieser Tod war unausweichlich. Das alte, das egodominierte Falsche Selbst des Initianten musste sterben, wenn tiefgreifende Transformation geschehen sollte. Umgeben von der Finsternis und der Stille des Todes hatte er auszuharren.

Auf den Tod des jungen Mannes erfolgte die machtvolle Auferstehung des gereiften Mannes. Im Idealfall war dieser nicht nur ins Mann-Sein und damit einhergehend in die Gemeinschaft der Männer eingeweiht worden, sondern er war auch rückverbunden worden in das Mysterium des Lebens; in diese unschuldige Ursprünglichkeit, in diese Harmonie mit allem Geschaffenen und in dieses Eins-Sein mit dem Göttlichen, von dem ich eingangs sprach. Im Idealfall war das egodominierte Falsche Selbst des jungen Mannes gestorben und das Wahre Selbst, das seit jeher im Einklang mit den spirituellen Kreisläufen und Gesetzmäßigkeiten allen Seins existiert, auferstanden. Der Initiationsritus hatte somit zweierlei erfüllt: Er hatte einen „guten Anfang“ für den Weg des Initiierten gelegt und gleichzeitig hatte er den Initiierten in die Vereinigung mit seinem Ursprung geführt.

In nicht wenigen Kulturen kehrte der initiierte, gereifte Mann aus diesem Ritual mit einem neuen Namen – seinem ureigensten Seelennamen – zurück. Nahezu immer aber, behielt der initiierte Mann Wunden von seiner Initiation zurück. Seine heiligen Wunden. Die daraus resultierenden Narben sollten ihn sein Leben lang an diese Erfahrung erinnern.

DER BEZUG ZUM FREIMAURERTUM

Ich hatte es in verschiedenen meiner Blogartikel angeführt: Steigt man tiefer ins freimaurerische Ritual und dessen Symbolik ein, realisiert man, dass es sich hierbei um einen althergebrachten Initiationsritus handelt. Und dieser Initiationsritus weist markante Parallelen zu den alten, archaischen Männerinitiationsriten auf. Für meine Großloge, den christlichen Freimaurerorden, kann ich dies ohne Abstriche feststellen. Spätestens ab dem dritten Grad, dem des Johannismeisters, ist dieses Erbe nicht mehr zu übersehen. In den Ritualen der anderen freimaurerischen Richtungen stecke ich in der Tiefe nicht drin. Doch bei dem, was ich von außen betrachtet sehe, scheint dies in allen freimaurerischen Ausprägungen der Fall zu sein. Im Laufe der Zeit jedoch geriet dieses Wissen zunehmend in den Hintergrund und verblasste von Ritualreform zu Ritualreform mehr und mehr.

Folglich lebt in dem Initiationsritual des Freimaurertums auch das Wesen der Heldenreise weiter. Ich würde sogar noch weiter gehen: Das freimaurerische Initiationsritual ist dem Wesen der Heldenreise nachempfunden.

Nun habe ich in diesem Artikel verschiedene Thesen aufgestellt, die alle aufeinander aufbauen, nämlich:
– Die Idee der Heldenreise ist von ihrem gesamten Wesen her zutiefst spirituell.
– Die archaischen Initiationsriten bergen das Prinzip der Heldenreise in sich.
– Das freimaurerische Initiationsritual birgt die Grundzüge der alten, archaischen Männerinitiationsriten in sich.
Als letzte Konsequenz bedeutet dies, dass das Freimaurertum an sich zutiefst spirituell ist.

Ich hatte es in meinem Artikel „Freimaurertum benötigt Spiritualität und Gottesbezug“ bereits geschrieben: Das spirituelle Wesen des Freimaurertums ging in jener Zeit, als das Freimaurertum sich nach und nach in institutionalisierte Formen goss, eine Vereinigung mit den Ideen der Aufklärung und des Humanismus ein. Das, was das Freimaurertum seither ausmacht, ist das Zusammenbringen und Aushalten genau dieser zwei gegensätzlichen Pole: Aufklärung und Humanismus auf der einen sowie Esoterik und Spiritualität auf der anderen Seite. Negiert man eine dieser beiden Seiten zu Gunsten der anderen, kommt eine Unwucht in den eigenen freimaurerischen Weg. Die freimaurerische Tugend der Mäßigkeit, die unter anderem ausdrückt, dass es darum geht, das rechte Maß zwischen den Extrempolen zu finden und diese in Einklang miteinander zu bringen, erinnert mich an genau diese Herausforderung.

Daher ist dieser Artikel ein Plädoyer dafür, im Freimaurertum nicht nur ein Instrumentarium für einen ethisch-moralischen Lebenswandel zu sehen. Nein, es gilt im Freimaurertum auch die Dimensionen der eigenen Heldenreise (wieder-) zu entdecken. Und dies ist der ganz persönliche Weg zurück zur unschuldigen Ursprünglichkeit, zur Harmonie mit allem Geschaffenen und zum Eins-Sein mit dem Göttlichen. Sprich: Der Weg zurück zur Vereinigung mit dem eigenen Ursprung. Und diese Heldenreise ist immer zutiefst spirituell…

Von dem was bleibt – eine Gedankensammlung

5. TEIL DER SERIE: „FREIMAUREREI ALS LEBENSEINSTELLUNG“ (GASTBEITRAG)

Was bleibt vom Freimaurertum? Wenn man diese ganzen freimaurerischen Äußerlichkeiten, die Ämter und Grade, die Hierarchien und Institutionen, die Etikette und das Elitäre und den ganzen Habitus, der daraus erwächst, wegnimmt, was bleibt dann noch vom Freimaurertum übrig? Was ist die freimaurerische Lebenseinstellung, der freimaurerische Lebensweg hinter alledem? Was am Freimaurertum hat Bestand, wenn man hinter dessen äußere Fassaden blickt? Seit einigen Monaten begleiten mich ebendiese Fragen. Und ich habe keine abschließende Antwort darauf.

Daher wuchs die Idee in mir, ganz unterschiedliche Feimaurerinnen und Freimaurer zu bitten, ihre Antworten zu diesen Fragen aufzuschreiben und auf meinem Blog zu veröffentlichen. Sie alle eint, dass ich sie als tiefgründig und inspirierend erlebe. Einige von ihnen kenne ich aus meinem tagtäglichen Leben, mit anderen wiederum habe ich mich bislang nur virtuell ausgetauscht. Zu einigen verbinden mich tiefe geschwisterlich freundschaftliche Beziehungen, andere erlebe ich aus der Ferne. Doch ich bin sehr gespannt, was sie dazu zu sagen haben. Über das Jahr verteilt will ich ihre Antworten auf diese Fragen nach und nach auf meinem Blog einstreuen.

Mit dem nun folgenden Text meldet sich der Blogger und Buchautor René Schon zu Wort. Rene ist 1976 in Fürth/Bayern geboren, liiert und hat einen Sohn. Rene ist Mitglied der Loge „Jacob de Molay zum Stern im Süden“ („Südloge“), der freimaurerischen Forschungsloge „Quatuor Coronati“ sowie im Emirat Shriners in Heidelberg. Zudem betreibt er den Freimaurer-Blog „Freimaurergedanken„.

Sich selbst beschreibt Rene als bekennenden Freimaurer, der seinen freimaurerischen Weg als überzeugter Ateist mit einem ausgeprägten humanitären Ansatz geht. Die Grundlagen dieses Weges sind Gleichheit, Toleranz, Freiheit, Brüderlichkeit/Schwesterlichkeit und Humanität. Diese Werte bilden für ihn die unumgänglichen Eckpfeiler des ethischen Bundes der Freimaurer, weshalb er sich für ein brüderliches und schwesterliches Miteinander unterschiedlichster Freimaurer im Kleinen sowie für die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Großlogen im Großen einsetzt. Die Freimaurerei ist für ihn ein Werkzeug, ethische und moralische Werte zu vermitteln.

Im Salierverlag sind bereits folgende Bücher von Rene erschienen:
– Ernst und Falk 2014: Gespräche für Freimaurer (ISBN-10: 9783943539523 / ISBN-13: 978-3943539523)
– Laut denken mit einem Freund: Logengespräche über Politik, Gesellschaft und Religion (ISBN-10: 9783943539912 / ISBN-13: 978-3943539912)

Mit Rene verbindet mich mittlerweile seit einigen Jahren eine freundschaftliche Beziehung, trotz vieler hundert Kilometer, die wir auseinander wohnen. Ich erlebe ihn als entschieden und streitbar und gleichzeitig herzlich und zugewandt. Und auch wenn es bisweilen schon mal vorgekommen ist, dass Rene sich mit etwas Übereifer in das ein oder andere inhaltliche Gefecht gestürzt hat, so schätze seine Meinung doch sehr; insbesondere als Gegenpart zu meiner eigenen Meinung. Umso größer war meine Freude, als er zusagte, sich in meiner aktuellen Blogreihe ebenfalls zu Wort zu melden.

VON DEM WAS BLEIBT – EINE GEDANKENSAMMLUNG

WAS BLEIBT?

„Was bleibt vom Freimaurertum? Wenn man diese ganzen freimaurerischen Äußerlichkeiten, die Ämter und Grade, die Hierarchien und Institutionen, die Etikette und das Elitäre und den ganzen Habitus, der daraus erwächst, wegnimmt, was bleibt dann noch vom Freimaurertum übrig? Was ist die freimaurerische Lebenseinstellung, der freimaurerische Lebensweg hinter alledem? Was am Freimaurertum hat Bestand, wenn man hinter dessen äußere Fassaden blickt?“

Diese vielen Fragen haben mich vor einigen Wochen von meinem Br. Hagen aus Hamburg erreicht mit der Bitte, ein paar Zeilen und Worte hierzu zu schreiben. Natürlich komme ich dem gern nach, aber ich habe Hagen schon gewarnt, dass dies durchaus mit kritischen Worten passieren kann…

WAS BLEIBT, WENN MAN DIE GRADE WEGLÄSST?

Das ist eine wirklich sehr gute Frage. Allerdings wurde diese schon vor vielen Jahren gestellt. Selbst die Gründerväter des ‚Freimaurerbundes zur aufgehenden Sonne‘ hatten beschlossen, dass sie die Grade gern weglassen würden und nur in einem einzigen Grad arbeiten wollen. Sie wollten nicht, dass die Brüder durch die Grade getrennt werden. Leider hielt dies nicht lange an, da die Brüder die 3 Grade wieder zurückhaben wollten.

Ohne Grade dürfen Lehrlinge und Gesellen in einigen Logen nicht am brüderlichen Gespräch teilnehmen, wie ich erfahren musste. Dies ist erst ab dem Meistergrad „erwünscht“. Die jüngeren Brüder sollen sich in der Zurückhaltung üben, im Zuhören und aus den Gesprächen lernen. Ob man hier von einer Begegnung auf der Winkelwaage sprechen kann/darf, wage ich zu bezweifeln.

Allein bei einer sogenannten „Weißen Arbeit“, einer Tafelloge (wenn die Freimaurer als Feierlichkeit zusammen ein gemeinsames Essen veranstalten) werden die einzelnen Grade strikt getrennt. Dabei kommt es dazu, dass die Lehrlinge gerne die erfahrenen Meister bedienen und somit servieren dürfen.

Wenn man dies aber alles weglassen würde, dann könnten sich die Brüder und Schwestern wirklich auf einer Ebene der Winkelwaage begegnen. Losgelöst von den Zwängen eines Grades, von den Regeln der Logen und auf Augenhöhe.

WAS BLEIBT, WENN MAN DIE ÄMTER WEGLÄSST?

Sicherlich auf den ersten Blick erstmal etwas Verwirrung bis hin zum Chaos. Die Ämter sind vor allem dazu da, eine Loge zu führen. Eine Freimaurer Loge ist leider nichts anderes, als ein eingetragener Verein. Daher braucht es viele der Positionen um die Loge zu leiten. Modernes Management in alten und hochtrabenden Titeln, wie es sie aber in jedem beliebigen Kegelverein auch gibt.

Natürlich würde das Weglassen von Ämtern einige der Brüder in ein gewisses Ungemacht stürzen. Sie leben für das Tragen eines Amtes und gehen in diesem dann völlig auf. Warum nur? Um etwas zu kompensieren, was ihnen im Leben verwehrt wurde? Mag sein, doch ich möchte hierüber kein Urteil fällen. Doch leider kenne ich einige dieser Brüder, die genau darin ihre Motivation sehen, dem Beamtenrat anzugehören.

Ich war schon immer der Meinung und habe es mehrfach gesagt: Das Amt sucht sich seinen Träger und auch wenn das einige nicht einsehen wollen, es wird so bleiben.

Wenn man die Loge oder die Großloge unterstützen möchte, muss man dazu nicht unbedingt einen Titel haben. Es muss von Herzen sein und dem Wohle der Loge dienen.

WAS BLEIBT, WENN MAN DEN ABAW WEGLÄSST?

Denken wir einen Schritt weiter. Was wäre nun, wenn wir einzelne Elemente aus den Ritualen weglassen würden. Nehmen wir als Beispiel den Baumeister aller Welten, das übergeordnete „supreme beeing“. Wenn wir nun dieses Element weglassen würden, hätten die Rituale keinen Bezug mehr zur Transzendenz. Aber wäre das so schlimm?

Ich persönlich würde hier mit einem klaren NEIN antworten. Natürlich wird nun der eine oder andere wieder schreien: „Dann ist es aber nicht mehr die reguläre Freimaurerei!“ Nun ja, das stimmt nur zum Teil. Die Großloge von England schreibt ein „supereme beeing“ vor. Daran könnte man auch als Atheist glauben, denn es ist jedem selbst überlassen, wie dieses Symbol zu füllen ist. Oder man lässt es einfach weg. Darüber habe ich schon ausführlich geschrieben und auch diskutiert.

Der Baumeister ist in einigen Ausrichtungen der Freimaurerei, wie z.B. dem Freimaurerorden ein wesentliches Element. Hier wäre der Verlust sicherlich eine schwerwiegende Entscheidung für die Brüder, und der Fortbestand ist damit in Frage gestellt. Aber auch diese Brüder sollten sich die Fragen stellen, was IN IHNEN SELBST übrigbleibt, wenn man dieses Symbol entfernen würde. Wären sie dann weniger ethische und humanistische Menschen?

Ein freimaurerisches Ritual wird auch ohne diese Symbole tragend und auch erfüllend sein. Es gibt bereits Logen (oh ja, auch reguläre!), die mit Ritualen arbeiten, welche ohne das Symbol des Allmächtigen Baumeisters auskommen. Religion oder der Glaube an ein höheres Wesen kann eben nicht nur verbinden, es kann auch Menschengruppen trennen oder sogar spalten.

WAS BLEIBT VON DEN LOGEN ÜBRIG

Von den Logen würden nach dem Wegfall der Äußerlichkeiten sicherlich schöne und nach außen oft pompöse Logenhäuser übrigbleiben. In vielen Städten sind diese Häuser bekannt oder werden auch der Öffentlichkeit für Events zur Verfügung gestellt, da solche Gebäude auch unterhalten werden wollen.

Wenn schon die Gebäude bekannt sind und auch zugänglich, dann wäre mit dem Wegfall „des freimaurerischen Rahmens“ sicherlich auch keine Deckung mehr gegeben. Dann würden die Brüder und Schwestern öffentlich dazu stehen müssen, was sie hier als Freimaurer tun und für welche Werte sie sich einsetzen. Ob dann das allgemeine Jammern über den Verlust der Deckung losgeht? Ausschließen, dass der Verlust der Deckung in einigen Bereichen zu Konsequenzen führt, kann man leider nicht. Daher ist die Frage nach der Deckung immer eine grenzwertige und vor allem sehr individuelle Frage. Blickt man auf die aktuelle Pandemie und die Anfeindungen und Verschwörungstheorien, welchen wir Freimaurer ausgesetzt sind, kann ich verstehen, wenn der ein oder andere Bruder (und natürlich auch Schwester) in sicherer Deckung leben möchte. Auch in anderen Ländern (nehmen wir die Türkei als Beispiel) darf man die Gefahr nicht verharmlosen, welche der Verlust der Deckung mit sich bringen würde.

VOM HABITUS – DER ART DES SOZIALVERHALTENS

Ich denke aber, dass die Frage auf einen ganz anderen Aspekt abzielt. Ich denke, was meinen Br. Hagen mehr interessiert, ist die Frage nach dem Habitus, also nach dem Verhalten, der inneren Haltung, dem Benehmen und Gebaren.

Diese Frage kann man schwer analysieren, denn so unterschiedlich die Brüder und Schwestern auch sind, so unterschiedlich ist sicherlich der Anspruch an einen selbst.

„GECHILLTE ZUFRIEDENHEIT“

Einer meiner Brüder meinte einmal, dass doch eine gewisse innere Ruhe da sein sollte, eine (so wie er sagte) „gechillte Zufriedenheit“. Natürlich wäre diese Ausgeglichenheit ein erstrebenswertes Gut und Ziel. Aber nicht alle Menschen sind dafür geschaffen. Oftmals reißen uns andere Dinge, sei es eine Pandemie, eine Lebenskrise oder auch nur wenig Schlaf aus den Bahnen, die wir selbst bis dahin leicht lenken und kontrollieren können.

Dabei ist gerade das Streben nach der (selbst im Ritual) oft angepriesenen Zufriedenheit eines der wichtigsten Ziele eines Freimaurers. Übernehmen wir diesen Aspekt in unser soziales und privates Umfeld, dann können wir ein ausgeglicheneres Leben führen und nicht immer dem Glück hinterherlaufen und damit dramatische Gefühlsachterbahnen vermeiden.

IDEALE DER FREIMAURER – EINE ERSTREBENSWERTE LEBENSWEISE

Wenn wir die Ideale der Freimaurerei, also die Toleranz, die Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit/Schwesterlichkeit und Humanität, in uns aufgenommen haben, also nicht nur Logenbrüder sind für 2 Stunden in der Woche, während unseres Logenbesuches, so sollten wir ein Leben führen, was vollgepackt ist mit ethischen und moralischen Werten. Wenn dann die Werte und Ideale in „Mark und Bein“ übergegangen sind, dann haben wir uns erfolgreich bemüht, ein besserer Mensch zu werden. Wenn wir diese Werte nun auch noch nach außen tragen, auch ohne die Freimauerei, dann haben wir eine kleine Verbesserung in jedem von uns selbst erreicht.

VOM STREBEN NACH MEHR

Sollten wir also nun die Werte der Maurerei, die sich schon lange bewährt haben, in uns aufgenommen haben, also weitestgehend verinnerlicht haben, so können wir nach dem oft gesuchten „Mehr“ streben. Nach dem „Mehr“ in uns selbst und weiterhin an dem eigenen rauen Stein arbeiten. Somit wirken wir nicht nur durch unsere ethischen Werte in der Gesellschaft und an dem „um uns“, sondern auch wiederum an uns selbst. Ein nie endender Kreislauf der Selbstverwirklichung bis zur „Selbstoptimierung“. Dazu kommt dann auch die Frage nach dem, was nach uns kommt, was von uns bleibt.

Aber auch hier stellt sich die Frage, ob es dazu eine Freimaurerei braucht. Auch das kann man verneinen, denn die Wege zur Vervollkommnung des eigenen Ichs lernt man nicht ausschließlich in der Freimaurerei. Diese Werkzeuge wurden schon mehrfach exportiert und in diversen selbstbildenden Seminaren oder Vorträgen dem interessierten Publikum präsentiert. Wir Menschen neigen dazu, nach dem „Mehr“ zu suchen, zu streben und einen Sinn im Leben zu finden.

Doch auch hier finden wir nicht allein in der Maurerei eine Lösung, dann halten wir es doch wie Jean-Paul Sartre. Wir müssen selbst unserem Leben einen Sinn geben. Es gibt kein höheres Wesen oder eine vordefinierte Bestimmung, welche wir nicht selbst erkennen und vor allem erst einmal definieren müssen. Wir müssen unserem eigenen Leben selbst einen Sinn geben!

Die Werkzeuge der Freimaurerei können uns helfen und erkennen lassen, aber den Weg, müssen wir schon selbst bauen und gehen. Dazu benötigen wir dann den offenen Geist, das Sapere Aude und den Willen zur Erkenntnis.

FAZIT – EIN ETHISCHER BUND

Sollten wir die Freimaurerei nicht nur als Hobby betreiben, sondern mit einem echten und wahren Anspruch an uns selbst, so benötigen wir dazu sicherlich keine Ämter und Grade. Die wahre Freimaurerei sollte keine Hürden oder Grenzen kennen.

Sicherlich aber benötigen wir die Logen, in denen der brüderliche Umgang, die Nächstenliebe gelebt und ausgelebt werden. Die ethische und moralische Grundlage unseres Handelns als Freimaurer kann dort vermittelt werden und uns in unsrem Sein formen.

Wir waren und sind ein ethischer Bund, auch wenn das gerade einige Strömungen und Mitglieder von einigen Großlogen nicht immer einsehen wollen und sich eher als eine Art Religion sehen. Aber das sind wir „Gott sein Dank“ nicht! Aber ein Bund Menschen von gutem Ruf, die gleiche Ideale und Ziele verfolgen, auf Basis von (hoffentlich) identischen ethischen und moralischen Werten. Wir müssen die Werte in uns aufnehmen, sie Bestandteil unseres Lebens werden lassen. Dann können wir auch in der Gesellschaft wirken und unsere, eben diese Werte vertreten.

Darauf ein 3×3.

(Rene Schon)

Freimaurerei ist eine Haltung und ein Weg

4. TEIL DER SERIE: „FREIMAUREREI ALS LEBENSEINSTELLUNG“ (GASTBEITRAG)

Was bleibt vom Freimaurertum? Wenn man diese ganzen freimaurerischen Äußerlichkeiten, die Ämter und Grade, die Hierarchien und Institutionen, die Etikette und das Elitäre und den ganzen Habitus, der daraus erwächst, wegnimmt, was bleibt dann noch vom Freimaurertum übrig? Was ist die freimaurerische Lebenseinstellung, der freimaurerische Lebensweg hinter alledem? Was am Freimaurertum hat Bestand, wenn man hinter dessen äußere Fassaden blickt? Seit einigen Monaten begleiten mich ebendiese Fragen. Und ich habe keine abschließende Antwort darauf.

Daher wuchs die Idee in mir, ganz unterschiedliche Feimaurerinnen und Freimaurer zu bitten, ihre Antworten zu diesen Fragen aufzuschreiben und auf meinem Blog zu veröffentlichen. Sie alle eint, dass ich sie als tiefgründig und inspirierend erlebe. Einige von ihnen kenne ich aus meinem tagtäglichen Leben, mit anderen wiederum habe ich mich bislang nur virtuell ausgetauscht. Zu einigen verbinden mich tiefe geschwisterlich freundschaftliche Beziehungen, andere erlebe ich aus der Ferne. Doch ich bin sehr gespannt, was sie dazu zu sagen haben. Über das Jahr verteilt will ich ihre Antworten auf diese Fragen nach und nach auf meinem Blog einstreuen.

In diesem Artikel mischt sich Kai Stührenberg in die Diskussion ein. Kai stammt aus Bremen, ist 1964 geboren, verheiratet und Vater dreier Kinder. Nach der Lehre als Elektroanlageninstallateur leistete er seinen Zivildienst und absolvierte sein Studium zum Betriebswirt. Hiernach war er viele Jahre als Selbständiger, als Marketing- und Vertriebsleiter, als Trainer und schließlich siebzehn Jahre als Wirtschaftsförderer tätig. Aktuell bekleidet er das Amt des Staatsrats für Arbeit und Europa in der Bremer Verwaltung. Daneben spielt er Gitarre in einer Bremer Band.

Am 24.04.2014 wurde Kai in die Johannisloge „Zum Silbernen Schlüssel“ unter der Großloge „Zu den 3 Weltkugeln“ im Orient Bremen aufgenommen. Seit dem 09.03.2017 hat er dort den Grad des Johannismeisters inne. Am 25.11.2017 wurde Kai bei der Albert Pike Lodge 1067 im Orient ACGL angenommen und am 08.06.2018 in den Inneren Orient der Großen Loge Royal York zur Freundschaft aufgenommen. Aktuell hat er den „Royal & Select Master (VIII/IX)“ im Kapitel „Adam Kraft Council No.3“ des York Ritus in Hannover inne. In seinen Logen übt Kai unterschiedliche Ämter aus und ist auch im Förderverein des Freimaurer-Wiki aktiv. Er ist einer der Initiatoren des Podcasts „Freimaurer im Gespräch“ und hat im August 2018 im Leipziger Freimaurer Verlag das Buch „Die Arbeit am Rauen Stein – Ein Arbeitsbuch für Freimaurer im Lehrlingsgrad“ herausgebracht. Darüber hinaus ist er Mitglied in verschiedenen, dem Freimaurertum sehr ähnlichen Organisationen.

Kais und meine Wege kreuzen sich seit ein paar Jahren in den Sozialen Medien. Mir fiel er auf, weil ich bei dem, was er so von sich gab, eine tiefe spirituelle Verbundenheit spürte. Mittlerweile haben wir uns auch im richtigen Leben kennenlernen dürfen. Hierbei habe ich Kai als herzlichen und tiefsinnigen Bruder kennengelernt. Ein Bruder, der die Widersprüche, Spannungen und Gegensätze des Lebens und der Menschen sehen, aushalten, annehmen und integrieren kann. Daher war ich sehr gespannt, was er in dieser Blogreihe zu sagen hat…

FREIMAUREREI IST EINE HALTUNG UND EIN WEG

Meiner Zeit als Freimaurer ist eine lange Zeit der Suche vorangegangen. In den frühen 90ern wurde ich durch das Buch „Das Foucaultsche Pendel“ von Umberto Eco auf die Freimaurerei im Kontext von Geheimbünden und gnostischen Gruppierungen aufmerksam.

Nach intensiver Beschäftigung mit diesen Bünden und den dahinerliegenden Ideen, orientierte sich meine Aktivität zunächst auf die Rosenkreuzer und auf die Lehren der Hermetik.

Durch die Beschäftigung mit den Ideen der Hermetik und der Gnosis bekam ich das erste mal ein Gefühl für die Zusammenhänge dieser Welt. All das, was mir in den monotheistischen Religionen nicht einleuchtend war und zu Fragen führte, insbesondere über das Warum von Not und Elend in der Welt und die Ungerechtigkeit, die man überall sehen kann, konnte ich mir auf einmal zumindest ansatzweise beantworten.

Die Freimaurerei geriet für mich aber erstmal in den Hintergrund. Nach dem Besuch von Gästeabenden erschien mir der zeitliche Aufwand und die Verpflichtung im Kontext von Familie und Beruf zu hoch.

Die Suche nach Erkenntnis ging aber weiter. Mir gelang es, eine Grundidee davon zu bekommen, warum die Welt so ist wie sie ist und warum wir hier sind – warum ich da bin.

Bevor ich auf mein Verständnis der Freimaurerei eingehe und die Bedeutung der Freimaurerei auf mich und mein Leben eingehe, möchte ich ein paar Worte zu meinem Verständnis von Spiritualität schreiben. Das erscheint mir hilfreich, da es meine Sichtweisen auf die Welt entscheidend prägt und auch mein Blick auf die Freimaurerei davon bestimmt wird.

Nach dem Gedankengebäude der Hermetik (siehe Hermes Trismegistos oder die hermetischen Gesetze) aber auch einiger östlicher Lehren sowie dem der christlichen Mystik geht die unsterbliche Seele einen Weg und das „Ich“, also unsere derzeitige Inkarnation, begleitet sie dabei.

Gefallen aus dem göttlichen Seinszustand (was auch immer man sich darunter vorstellen mag) fällt sie in die Dualität dieser Welt. Dort muss sie sich gemäß dem Gesetz des Karmas immer wieder inkarnieren und Erfahrungen machen, damit sie sich reinigt, die Elemente ins Gleichgewicht bringt und irgendwann stärker als das Ego wird.

Dieser Weg ist ein geistiger, also die Überwindung der Materie durch den Geist. Wobei diese Welt natürlich auch Teil der Schöpfung ist, denn darin sind alle Gegensätze und die Einheit verbunden. Einordnungen wie „Gut“ oder „böse“, „männlich“ und „weiblich“, „Tag“ und „Nacht“ oder auf unseren Teppich bezogen „Mond“ und „Sonne“ oder „Jakin“ und „Boas“ sind allesamt Teile der Schöpfung aber eben auch Anteile von uns, die es zu verstehen und zu integrieren gilt. Die Dualität, die durch das musivische Pflaster symbolisiert wird, ist etwas, was es zu überwinden gilt und dennoch Teil des Ganzen ist.

Diese Sichtweise sollte man nicht mit der aus Buchhandlungen bekannten Trivialesoterik verwechseln. Wenn es auch Überschneidungen gibt, so spreche ich hier nicht über „Wünsch Dir was beim Universum“, sondern über die Lehren eines Pythagoras, Platon und dem viele Jahrhunderte später auftauchenden Neoplatonismus, sowie kluger Geister wie z.B. Giordano Bruno, Meister Eckhart, Isaac Newton oder Jacob Böhme und nicht zuletzt auch Wolfgang von Goethe, der diese Ansichten in dem „Gesang über den Wassern“ schön ausdrückt:

„Des Menschen Seele gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es, zum Himmel steigt es,
und wieder nieder muß es, ewig wechselnd.
Strömt von der hohen, steilen Felswand der reine Strahl,
dann stäubt er lieblich in Wolkenwellen zum glatten Fels.
Und leicht empfangend, wallt er verschleiernd,
leisrauschend zur Tiefe nieder.
Ragen Klippen dem Sturz entgegen,
schäumt er unmutig stufenweise zum Abgrund.
Im flachen Bette schleicht er das Wiesental hin.
Und in dem glatten See weiden ihr Antlitz alle Gestirn.
Wind ist der Welle lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus schäumende Wogen.
Seele des Menschen, wie gleichst Du dem Wasser!
Schicksal des Menschen, wie gleichst Du dem Wind!“

Der von mir beschriebene spirituelle Weg im Sinne der Hermetik oder des östlichen Yoga ist für den, der ihn gehen will, ein sehr befriedigender aber auch sehr anspruchsvoll. Er erzeugt die Hoffnung auf ein Ende dieses Weges, irgendwann in einem wiederlangten göttlichen Zustand aber er bedeutet auch Arbeit an sich selbst. Gleichzeitig erklärt er warum Menschen in so unterschiedlichen Lebensumständen leben müssen. Die Idee, dass jeder Mensch die Erfahrungen macht, die seiner Seele zuträglich sind, ist nicht ohne Gefahr des Zynismus und der Hybris, aber sie vermeidet den Bezug auf einen personalisierten Gott, der oberflächlich betrachtet, nicht viel für die Menschen übrig zu haben scheint. Es ist zumindest ein Denkmodell, das Erklärungsansätze ermöglicht für Dinge die bei einer stereotypen Betrachtung schlicht widersprüchlich und unerklärlich sind.

Gott ist in diesem Sinne das Prinzip der Schöpfung, vergleichbar einem Naturgesetz. Dieses Prinzip wirkt so wie die Gravitation, unabhängig davon, ob man an sie glaubt oder nicht. Ich glaube nicht daran, dass eine Institution Gott mein Verhalten beurteilt und jemand entscheidet, ob ich für Himmel oder Hölle bestimmt bin, aber ich glaube an ein übergeordnetes Prinzip, das ursächlich ist für die Schöpfung. Das ist mein Bild vom freimaurerischen „allmächtigen Baumeister aller Welten“ oder auch des „dreifach großen Baumeisters“ im Sinne des Hermes Trismegistos.

In diesem Verständnis erzeugt die Schöpfung einen Strom oder eine Energie, vergleichbar mit Elektrizität oder Magnetismus. Man kann sich mit diesem Strom bewegen oder dagegen anschwimmen. Alle in anderen Ideenwelten zur Anwendung kommenden Begriffe, wie Schicksal oder auch Karma sind an diesen Strom gebunden. Es ist der Kontext, in dem man sein Leben mehr oder weniger frei gestalten kann.

Manche Gruppierungen sprechen davon, dass man seiner Bestimmung folgen oder auch seinem „wahren Willen“ erkennen soll. Das trifft es ganz gut. Erkennt man den als Ganzes oder auch in jedem Augenblick, kann man versuchen, „das Richtige“ zu tun, was auch immer das für einen ist.

Der Spirituelle Weg führt über verschiedene Stufen zurück zu Ursprung (Religio=Rückbindung). Im westlichen Okkultismus finden wir für diesen Weg immer eine Gradstruktur, oft angelehnt an den kabbalistischen Lebensbaum mit seinen zehn Sephiroth.

Diese Gradstruktur erkennen wir auch in der Freimaurerei. Dort wird der Bezug zur Kabbala aber heute nur noch andeutungsweise und das auch nur in den Hochgraden hergestellt.

Für mich erschien die Freimaurerei wie ein System, das hilfreich sein könnte auf dem Weg der persönlichen Entwicklung. Deshalb habe ich 2014 entschlossen, Freimaurer zu werden.

Ich habe großartige Menschen kennengelernt und nach anfänglicher Enttäuschung, dass viele meiner Fragen nicht beantwortet werden konnten, verstanden, welche Qualität darin liegt in einer Loge zu Brüdern und Schwestern unterschiedlichster Couleur Zugang zu finden. Alle geeint durch gemeinsame Werte, das Versprechen, an sich zu arbeiten und die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Mit den Jahren habe ich Freunde gewonnen und Vertrauen zu Menschen, die ich sonst nie getroffen hätte. Menschen, die weder meinem Alter entsprechen, noch meiner politischen Orientierung. Ich habe als Kriegsdienstverweigerer mit Soldaten in der Kette gestanden und verstanden, dass das Außen immer nur eine Facette des Menschen ist. Ich habe Menschen gefunden, mit denen ich mich über Symmetrien und Kristallgitter einer esoterischen Geometrie auseinandersetzen kann und Brüder, mit denen ich über meine Erlebnisse in Beruf und Familie sprechen kann oder mit denen ich meine Hoffnungen und Sorgen bereden konnte. Das Spektrum ist groß und auf jeden Fall unglaublich bereichernd.

Die Freimaurerei trägt die Qualität der Freundschaft in sich, die Möglichkeit, Brücken zu bauen und Gräben zu überwinden. Etwas, das wir Maurer gar nicht hoch genug schätzen können und diese Welt heute mehr braucht denn je.

Ich nehme die Freimaurerei sehr ernst. Sie hat Einfluss auf mein tägliches Handeln, denn ich gleiche mein Tun mit meinen Werten ab. Ich prüfe mich regelmäßig und versuche, die Toleranz nicht nur zu postulieren, sondern auch zu leben. Ich gebe mir jeden Tag auf´s Neue Mühe, mehr zuzuhören und von anderen zu lernen anstatt andere zu überzeugen. Das gelingt nicht immer, aber die Freimaurerei und meine Initiation geben mir die Kraft und das Rüstzeug, hier nicht müde zu werden.

Freimaurer zu sein hilft mir auch dabei, Kritik auszuhalten und für Werte einzustehen, denn ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin, sondern Teil einer jahrhundertealten Bewegung mit großen Geistern. Ich bin Teil von etwas Größerem, einer Idee, und einem Committment zu Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit, Toleranz und Humanität. Das stärkt mich und sorgt gleichzeitig für die nötige Demut. Die Freimaurerei gibt mir Zuversicht und hat mir zu viel mehr Gelassenheit, Ruhe und Verständnis verholfen. Diese Veränderung ist mir von vielen Menschen in meinem Umfeld zurückgespielt worden, sie scheint daher real vorhanden zu sein.

Auch wenn man als Freimaurer nicht mit der Nase drauf gestoßen wird, so kann man in vielen freimaurerischen Büchern und Instruktionen erkennen, welche Weisheit und Lehren über die Schöpfung in der Freimaurerei verborgen sind. Vieles ist in Vergessenheit geraten und vieles bewusst oder aus Unkenntnis von Brüdern entfernt worden. Aber der Kern ist noch da und kann in jeder Lehrart gefunden und erlebt werden.

Das Ziel des von mir eingangs beschriebenen Weges oder den Sinn des Lebens finden wir in unserer Symbolik. Im Hexagram ist das Ziel des freimaurerischen Weges offenbart. Natürlich auch in unserem zentralen Symbol – Winkelmaß und Zirkel – denn diese beiden sind in der Kombination ebenfalls ein Hexagram.

Das Hexagram symbolisiert die Verbindung von Feuer und Wasser, also der Aufhebung der Gegensätze. Es symbolisiert die Aufhebung der Dualität, also den Zustand der Einheit, den ich vorher bereits als göttlichen Zustand beschrieben habe. Wenn man versteht, dass das Hexagram auch noch eine Beziehung zum Kubus, also dem behauenen Stein, haben könnte, dann eröffnen sich weitere Möglichkeiten der Erkenntnis. Das Freimaurerische Ritual ist für mich ein symbolisches Abbild der Schöpfung in Konstruktion und Ablauf. Die Loge ein Symbol für den Kosmos in der Verbindung von Mikro- und Makrokosmos, ein heiliger Raum.

Der Weg zu diesem Ziel wird durch das Pentagram symbolisiert. Hier haben wir die vier Elemente Erde, Feuer, Wasser und Luft, die wir analog Platon oder auch C.G. Jung z.B. als Synonyme für charakterliche Qualitäten ansehen können und das fünfte Element, den Geist. Dieser zeigt uns den Weg, über den Ausgleich der Elemente zu einem geistigen Zustand, der Überwindung der Materie durch den Geist. Verbunden mit der Vorstellung, dass Materie nur manifestierter Geist ist, kann uns das Hinweise zur Natur der Schöpfung geben.

Gleichzeitig bekommen wir eine Idee davon, wie sehr wir selber unseres Glückes Schmied sind, also der Gestalter unserer eigenen Realität durch das, was wir denken und tun. Genau das ist es, was das freimaurerische Ritual uns lehren kann, auch wenn es nicht für jeden sofort offensichtlich ist.

Primär aber geht es in der Freimaurerei um das Diesseits. Darum, ein guter Mensch zu sein. Im Ritual lernen wir Freiheit, Gleichheit, Toleranz, Humanität, Geschwisterlichkeit – die Grundtugenden der Freimaurerei.

Wir lernen durch die Arbeit am rauen Stein unsere Emotionen zu kontrollieren und uns zu beherrschen. Wir lernen als Lehrling Demut und wir üben das Míteinander in der Loge. Wir veredeln unseren Charakter und versuchen, uns moralisch ethisch richtig zu verhalten, wobei die besondere Schwierigkeit ist, dass uns niemand erzählt, was das eigentlich ist, sondern dass wir das als Individuum selbst herausfinden müssen. Ohne Dogmen, ohne Lehrgebäude, sondern nur in Form von Anregungen für das eigene Denken. Sapere Aude – Nutze Deinen Verstand.

Natürlich tun wir auch Gutes in den Logen, für Kinder in Not, für Geflüchtete, für Kranke und arme Mitbürger und vieles Mehr. Aber das ist für mich eher ein Effekt als der Sinn der Freimaurerei. Charity ist wünschenswert und wichtig aber diese Aktivitäten können auch dazu einladen, sich selbstzufrieden zurückzulehnen und sich moralisch ethisch überlegen zu fühlen. Genau das wäre im freimaurerischen Sinn grundlegend falsch, denn es lenkt von der Arbeit an uns selbst ab.

Vor einiger Zeit sprach ich mit einem Bruder, der schon 40 Jahre Freimaurer war über die Selbsterkenntnis als Ziel der Freimaurerei. Am Ende des Gesprächs und am Ende der Unterhaltung sagte er mir zu meinem tiefen Erstaunen, dass er noch nie darüber nachgedacht hat, dass es bei der Freimaurerei um Selbsterkenntnis gehen könnte. Daran sehen wir, wie groß das Spektrum der Sichtweisen in der Freimaurerei ist und auch wie unterschiedlich jeder Bruder oder jede Schwester die Arbeit am rauen Stein für sich auslegen kann. „Einheit in der Vielfalt“ – besser kann man es nicht umschreiben.

Für mich ist es allerdings eindeutig: Der Kern der Freimaurerei sollte die Arbeit am rauen Stein sein, und das bedeutet für mich, dass es bei der freimaurerischen Arbeit um die Selbsterkenntnis geht. Was das für den einzelnen Bruder oder die Schwester bedeutet, ist divers.

Das ganze System und die darin enthaltene Symbolik sind Werkzeuge, die uns an die Hand gegeben werden, um auf dem Weg der Selbsterkenntnis voranzuschreiten. Das funktioniert bei dem einen Bruder besser als bei dem anderen und jeder kann selbst entscheiden, wie schnell und wie weit er gehen möchte. Diese Individualität ist ein wesentliches Merkmal der Freimaurerei und als Qualitätskriterium kaum zu überschätzen. Sie schafft den Rahmen für Menschen, die die Freimaurerei zu einer Lebenseinstellung machen, aber auch für Menschen, die sich einfach im Kreise gleichgesinnter bewegen möchten. Sie schafft die Möglichkeit für ein ethisch-moralisches Regulativ für manche Brüder, sie ermöglicht durch die Rituale und Regeln gruppendynamische Prozesse und gibt Impulse für tiefe spirituelle Wege.

Insofern ist die Freimaurerei für mich eine gute Vorbereitung für die weitere spirituelle Entwicklung. Nicht umsonst ist in vielen co-masonischen oder unabhängigen Orden der Meistergrad eine Voraussetzung für die Aufnahme. In jedem Fall ist sie eine wertvolle Basis für alles, was kommen mag.

„Einheit in der Vielfalt“ ist für mich der zentrale Satz. Der Konsens, der alle Brüder und Schwestern verbindet, ist groß genug, um Identifikation zu ermöglichen. Er ist aber auch flexibel genug, um Dogmen zu verhindern und er ist komplex genug, um auch höchste Ansprüche befriedigen zu können.

Die verschiedenen Lehrarten mögen oberflächlich sehr viele Unterschiede haben. Dringt man tiefer ein in Ritual und Symbolik, dann findet man aber mehr Verbindendes als Trennendes. Genau darauf sollten wir uns konzentrieren. Für Freimaurer kann es nicht darum gehen, welches die bessere Lehrart ist, sondern nur darum, wie man gemeinsam an sich selbst und an einer besseren Welt arbeiten kann.

Genauso ist es vollkommen unwichtig, welche Ämter ein Bruder oder eine Schwester innehat und welche Besuchsregeln nun was zulassen und was nicht. Diese Themen nehmen oft einen viel zu großen Raum in der Freimaurerei ein. Das alles sind Aspekte, die geprägt sind vom Ego, ohne jeden echten Wert für die Freimaurerei. Formalia, Regularitätsdiskussionen und Machtstreben sind absurd und sollten im Grunde zu profan für einen Freimaurer oder eine Freimaurerin sein. Sie lenken uns letztendlich nur von der eigentlichen Arbeit an uns selbst ab.

Wichtig ist nur, dass wir uns der Freimaurerei wirklich verpflichtet fühlen. Brüder, die in ihrem Worten oder Taten, sich über andere Menschen erheben, anderen Menschen körperliches oder seelisches Leid antun oder sich in politisch fragwürdigen Kontexten äußern, und sich dabei als Freimaurer outen, laufen Gefahr, dass sie nicht nur sich selbst unglaubwürdig machen, sondern auch noch das Bild der Freimaurerei insgesamt in Frage stellen. Daher spricht viel für Deckung und viel für ein hohes Verantwortungsbewusstsein bei einem gleichzeitig offenen Umgang mit der Freimaurerei.

Ich persönlich wünsche mir eine steigende Wertschätzung und gesellschaftliche Anerkennung der Freimaurerei in der Gesellschaft. Aber das kann nur durch eine Fokussierung auf die innere Arbeit geschehen und nicht durch die politische Positionierung in gesellschaftlichen Kontexten. Diese würde nur der heute im medialen Diskurs immanenten Polarisierung zum Opfer fallen. Außerdem wäre alleine der Versuch einer Positionierung zum Scheitern verurteilt, denn wie um alles in der Welt, wollten wir uns darauf einigen, welche politischen Konzepte aus freimaurerischer Perspektive die richtigen sind?

Als Freimaurer sollten wir Offenheit und Toleranz leben, Vielfalt fördern und Gleichheit denken und brüderlich/schwesterlich handeln und dort aufmerken, wo Menschen Unrecht geschieht. Vor allem müssen wir aber kontinuierlich an uns arbeiten, damit jeder Bruder in seinem Kontext ein Vorbild ist. Nur durch unser Verhalten können wir glaubhaft den Sinn der Freimaurerei belegen, nicht durch die Postulierung einer Position.

Freimaurerei wirkt im Inneren und das Ergebnis wirkt dann im Außen. Nur so gibt es aus meiner Sicht eine Berechtigung für die Freimaurerei mit all ihren anachronistischen Bräuchen auch in der heutigen Zeit.

Das ist die Religion die immer war und immer sein wird und das ist die Essenz der Zeitlosigkeit. Darin liegt der Wert der Freimaurerei, denn Menschen werden immer wieder geboren, wachsen auf, bekommen Verantwortung, müssen sich im Leben zurechtfinden und herausfinden, wer sie sind. Auf diesem Weg braucht es Werkzeuge, Werte und Menschen, die einen dabei begleiten.

Darüber hinaus ist die in den Logen gelebte Freundschaft, das Vertrauen untereinander und die Verbindlichkeit etwas, was wir in unserer Gesellschaft immer häufiger vermissen und was Menschen in der Freimaurerei finden können.

Diese Sinnsuche des Menschen ist zeitlos und es gibt kaum ein vergleichbares System der Arbeit an sich selbst, wie die ernsthaft gelebte Freimaurerei.

(Kai Stührenberg)

Was die Corona-Pandemie mich als Freimaurer lehrte…

WIEDER BEISAMMEN

Die Corona-Pandemie hatte eine Schneise in mein freimaurerisches Leben geschlagen. In das rituelle Erleben ebenso wie in die brüderliche Begegnung. Denn als das gesellschaftliche Leben heruntergefahren werden musste, schlossen auch die Logenhäuser ihre Pforten. Und es liegt in der Natur der Sache, dass weder das Eine noch das Andere online adäquat ersetzt werden konnte.

Ein halbes Jahr sollte es dauern, bis die Brüder meiner Loge und ich erstmalig wieder zusammenkommen konnten. Anlass sollte eine rituelle Tempelarbeit im ersten Grad, dem des Johannislehrlings, sein. Doch es war kaum noch etwas so, wie ich es über Jahre hinweg kennen und lieben gelernt hatte. Es fing damit an, dass wir den Tempel einzeln, mit Sicherheitsabstand und dem Tragen eines Mundschutzes zu betreten hatten. Und auch das Ritual an sich war an verschiedenen Stellen derart abgeändert worden, dass es dem Hygienekonzept der zuständigen Behörde gerecht wurde.

Daher fühlte sich dieses Ritual mit einem Mal wieder so neu und ungewohnt an. Den Brüdern und mir war die Unsicherheit bei Ausführung des Rituals förmlich anzumerken…

DER WICHTIGSTE FREIMAURERISCHE GRAD

Welcher freimaurerische Grad, welche freimaurerische Erkenntnisstufe ist die wichtigste? Diese Frage diskutierten vor längerer Zeit amerikanische Freimaurer auf Twitter. Da ich selbst auf Twitter diversen freimaurerischen Accounts aus dem Ausland folge, konnte ich diese Diskussion live mitverfolgen.

Alleine schon diese Fragestellung hat mich mehr als befremdet. Ich fand sie regelrecht abstoßend. Denn in ihr schwingt eine Bewertung, vielleicht sogar die Idee einer Hierarchie innerhalb der einzelnen freimaurerischen Grade mit. So nach dem Motto: Je höher, je geheimnisvoller oder je schwerer zu erreichen ein Grad ist, desto würdiger, auserwählter, wissender, erleuchteter oder was auch immer ist der, der diesen Grad inne hat. Diese Logik hat einen widerlich elitären Beigeschmack. Denn meiner Erfahrung nach erhält man in absolut keinem freimaurerischen Grad verborgenes Wissen, geheime Praktiken, ungeahnte Bewusstseinszustände, höhere Erkenntnis oder was auch immer offenbart, was man nicht auch komplett ohne das Freimaurertum samt seiner Rituale und Symbole erlangen könnte. Nichtsdestotrotz ist der freimaurerische Weg ein wohl einzigartiger initiantischer Weg, dessen Rituale und Symbolik sich aus den vielfältigen Traditionen der Baukunst, der Mysterienbünde, der Mystik, der Aufklärung, des Tempelrittertums, der Gnosis, des Humanismus, der Hermetik und der archaischen Initiationsriten (sicher ist diese Aufzählung nicht abschließend) speist. Unter Zuhilfenahme von Versatzstücken dieser Traditionen wird der Freimaurer in jedem Grad mit den essentiellen Fragestellungen dieses Lebens, seiner spirituellen Kreisläufe und Gesetzmäßigkeiten sowie des Sterbens und des Todes konfrontiert. Ich persönlich erlebe den freimaurerischen initiantischen Weg durch die einzelnen Grade, so wie ich ihn im christlichen Freimaurerorden vorfinde, als sehr stimmig und bewegend. Er weist unheimlich viele Facetten und Bedeutungsebenen auf und durchdringt nach und nach mein gesamtes Leben. Doch ich habe durch ihn absolut gar nichts kennengelernt, was ich nicht schon vorher gewusst hätte oder mir auch ohne das Freimaurertum hätte erschließen können. Aus diesen Gründen befremden mich Fragen, wie die, welche der wichtigste freimaurerische Grad ist, immer sehr.

Und dennoch ging mir diese Frage nach. Wenn man mich fragen würde, welches wäre für mich ganz persönlich der wichtigste Grad? Zu allererst käme mir hier meine Aufnahme in den dritten Grad, den des Johannismeisters, in den Sinn. Hier wurde ich in machtvoller Weise mit meinem eigenen Sterben und meinem eigenen Tod konfrontiert. In der Art und Weise, in der dieses Ritual im christlichen Freimaurerorden ausgestaltet ist, war es das bewegenste Ritual, das ich je erlebt habe. Doch auch der anschließende Weg in die Andreasloge und durch die Andreasloge hindurch (Grad vier bis sechs) war berührend und von der inhaltlichen Ausgestaltung her unheimlich reich und in sich stimmig.

Doch je länger ich über diese Frage nachdachte, desto mehr kristallisierte sich für mich heraus, dass der erste Grad, der des Johannislehrlings, für mich der wichtigste ist! Warum? Dafür muss ich ein wenig ausholen. Denn die Aufnahme in den Grad des Johannislehrlings an sich bewegte mich zwar, jedoch nicht in dem Maße, wie es viele Brüder mir im Vorherein vorgeschwärmt hatten. Und ebenso nicht in dem Maße, wie mich die Initiationen in die Grade ab dem Johannismeister bewegen sollten.

Das, was den Grad des Johannislehrlings für mich so besonders macht, ist die innere Einstellung und das Bewusstsein, was mit diesem Grad einhergeht, sofern man sich darauf einlässt. Es ist die innere Einstellung und das Bewusstsein des Lernenden. So stellte ich mich bewusst hinten an und nahm die Position des Beobachters ein. Ich schaute hin, ich hörte zu. Und ich hielt den Mund, wenn ich nicht gefragt wurde. Wie ein Schwamm sog ich alles auf, was mir an freimaurerischer Symbolik, an freimaurerischen Ritualen und an freimaurerischen Inhalten begegnete. Und dann konnte ich sie förmlich greifen, diese spannungsgeladene Vorfreude, die in der Luft lag, jedes Mal, wenn die Brüder zusammenkamen und sich für das Ritual maurerisch einkleideten. Es hatte etwas Geschäftiges und Erwartungsfrohes. Jedes Mal vor einer Tempelarbeit. Diese Einstellung des Lernenden brachte etwas Achtsames und Demütiges mit sich. Und befanden wir uns dann im Ritual, war alles neu. Jede Handlung, jedes gesprochene Wort, jede Haltung. Das alles war neu und fühlte sich dadurch so unsicher an. Diese innere Unsicherheit sollte über Monate hinweg mein Begleiter im freimaurerischen Ritual sein…

ERINNERUNG DURCH CORONA

…Ganz unwillkürlich verspürte ich genau diese Unsicherheit wieder, als wir nach der coronabedingten Pause erneut rituell zusammenkamen. Zwei Faktoren waren dafür verantwortlich: Die lange Pause sowie die Änderungen im Ritualablauf, die das Corona-Hygienekonzept notwendig gemacht hatte.

Doch je mehr ich ankam in dieser Situation, desto mehr stieg Erinnerung in mir auf. Erinnerung an die Zeit, in der ich genau diese Unsicherheit schon einmal verspürt hatte: Meine Zeit im Johannislehrlingsgrad, kurz nach meiner Aufnahme in die Bruderschaft der Freimaurer, als ich noch frisch gebackener Johannislehrling war.

Daher ist es genau das, was die Corona-Pandemie mich als Freimaurer gelehrt hat: Sie hat mich erinnert an die Einstellung und das Bewusstsein des Johannislehrlingsgrades. Denn sie hat mir ganz neu bewusst gemacht, dass es notwendig ist, ein Lernender zu bleiben. Klar, den Grad des Johannislehrlings habe ich hinter mir gelassen. Ein für alle Mal. Daher halte ich nicht viel von der Aussage „Ein Freimaurer bleibt sein Leben lang Lehrling.“ Denn dem ist faktisch nicht so. Was hingegen ein Freimaurer sein Leben lang bleiben sollte, ist ein Lernender.

Ich bin Freimaurerin und Freimaurerei ist ich

3. TEIL DER SERIE: „FREIMAUREREI ALS LEBENSEINSTELLUNG“ (GASTBEITRAG)

Was bleibt vom Freimaurertum? Wenn man diese ganzen freimaurerischen Äußerlichkeiten, die Ämter und Grade, die Hierarchien und Institutionen, die Etikette und das Elitäre und den ganzen Habitus, der daraus erwächst, wegnimmt, was bleibt dann noch vom Freimaurertum übrig? Was ist die freimaurerische Lebenseinstellung, der freimaurerische Lebensweg hinter alledem? Was am Freimaurertum hat Bestand, wenn man hinter dessen äußere Fassaden blickt? Seit einigen Monaten begleiten mich ebendiese Fragen. Und ich habe keine abschließende Antwort darauf.

Daher wuchs die Idee in mir, ganz unterschiedliche Feimaurerinnen und Freimaurer zu bitten, ihre Antworten zu diesen Fragen aufzuschreiben und auf meinem Blog zu veröffentlichen. Sie alle eint, dass ich sie als tiefgründig und inspirierend erlebe. Einige von ihnen kenne ich aus meinem tagtäglichen Leben, mit anderen wiederum habe ich mich bislang nur virtuell ausgetauscht. Zu einigen verbinden mich tiefe geschwisterlich freundschaftliche Beziehungen, andere erlebe ich aus der Ferne. Doch ich bin sehr gespannt, was sie dazu zu sagen haben. Über das Jahr verteilt will ich ihre Antworten auf diese Fragen nach und nach auf meinem Blog einstreuen.

Der dritte Text stammt von Inka Schulze-Buxloh. Inka ist 44 Jahre alt, Mutter und arbeitet als Bibliothekarin. 2013 trat das Freimaurertum in ihr Leben, 2014 wurde sie dann in die Freimaurerinnenloge Constantia im Orient Düsseldorf aufgenommen. Diese gehört zu der Frauen-Großloge von Deutschland (FGLD). Dort arbeitet sie mittlerweile im Grad der Johannismeisterin. Persönlich habe ich Inka bislang (leider) noch nicht kennenlernen dürfen. Doch über meinen Blog sind wir in Austausch gekommen und haben diesen teilweise sehr rege und bisweilen auch kontrovers über Sprachnachrichten fortgesetzt. Dies ließ den Wunsch in mir wachsen, auch von ihr mal einen Artikel auf meinem Blog zu veröffentlichen. Und glücklicherweise hatte auch sie Lust darauf.

ICH BIN FREIMAURERIN UND DIE FREIMAUREREI IST ICH

Um mich richtig einzustimmen, habe ich die Texte der beiden Brüder gelesen.

Es gibt viele Übereinstimmungen, aber genauso viele Dinge, die ich anders sehe. Das ist nur natürlich. Die Freimaurerei ist auf der einen Seite zutiefst persönlich – auf der anderen Seite jedoch einfach nur menschlich.

Wenn Du selbst dafür bereit bist, lässt die Freimaurerei positive Wesensarten aus Dir heraus, die Du bis dato nicht gekannt hast.

Auf diesen Satz möchte ich gerne genauer eingehen.
Normalerweise ist die Welt voll von Gegensätzen (Liebe – Hass, hell – dunkel, gut – böse, usw.).
Die Freimaurerei ist durch und durch positiv. Sie hat tatsächlich keinen Gegensatz. Nicht nur das: Sie kann Gegensätzlichkeiten überbrücken. Wer an sich arbeitet, also bereit ist, mit Hilfe der Freimaurerei seine Ecken und Kanten zu bearbeiten – der benutzt die Freimaurerei in einem ihrer vielen Sinne: Aus guten Menschen bessere zu machen.
Zugegeben, das klingt sehr theoretisch. Viele fragen sich immer wieder, wie das denn praktisch funktionieren kann. Aus meiner Sicht ganz einfach: Neugierig sein, über den Tellerrand schauen, anderen Menschen bewusst zuhören, andere Meinungen (im ethischen Rahmen) akzeptieren, empathisch sein, …

Einige werden jetzt einwerfen: „Dafür brauche ich doch nicht Freimaurer zu werden.“
Nein, tatsächlich nicht. Denn die Freimaurerei ist nur ein Weg, aber nicht der Weg.

Damit kommen wir zu einem weiteren schönen Punkt. DEN Weg gibt es in der Freimaurerei nicht. Ich schrieb im ersten Absatz, wie zutiefst persönlich die Freimaurerei ist. Sie passt sich jedem Menschen individuell an. Sie erwartet nichts. Außer, dass man seinen Weg geht. „Der Weg ist das Ziel.“

Ein weiterer passender Punkt an dieser Stelle ist: „Was bleibt vom Freimaurertum? Wenn man diese ganzen freimaurerischen Äußerlichkeiten, die Ämter und Grade, die Hierarchien und Institutionen, die Etikette und das Elitäre und den ganzen Habitus, der daraus erwächst, wegnimmt, was bleibt dann noch vom Freimaurertum übrig?“
Meine Antwort: „Ich bin Freimaurerin und Freimaurerei ist ich.“ Nicht ich suche mir ein Amt oder strebe danach. Das Amt findet mich. Ich kann mich noch gut an die Zeit nach meiner Aufnahme vor sechs Jahren erinnern. Damals meinte eine Schwester zu mir, dass ich nach einiger Zeit gewiss ein Amt übernehmen würde. Ich habe sie damals gebeten, den Gedanken nicht weiter zu verfolgen. Ich war glücklich, endlich einmal ich selbst sein zu dürfen. Niemand stellte Erwartungen an mich. Ich fühlte mich zum ersten Mal in meinem Leben frei.
Wie sieht es heute aus? Ich habe ein Amt und auch diverse Aufgaben inne. Aber das sind alles Arbeiten, die ich mir nicht selbst ausgesucht habe. Ich habe nicht bewusst danach gestrebt. Selbstverständlich passen sie aber zu mir. Auch, wenn sie mich immer wieder vor Herausforderungen stellen. Daher erfüllen sie mich einerseits mit Freude, andererseits bedeuten sie natürlich Arbeit…

…Aber Freimaurerei bedeutet Arbeit. Arbeit an sich selbst und nicht verzagen dürfen bei anderen Freimaurern oder Gästen. Ich gebe gerne zu, dass dies genauso anstrengend sein kann, wie es sich anhört. Aber es lohnt sich. Denn dafür sind wir Freimaurer.

Was kann ich noch erzählen?
Für mich ist der Mensch ein ganzheitliches und gleichzeitig sehr vielschichtiges Wesen.
Das bedeutet für mich, dass meine Frauenloge meine Mutterloge ist, ich mich aber dennoch sehr gerne mit Brüdern austausche oder einfach nur still zuhöre, um zu lernen und mir meine eigenen Gedanken zu machen. Daher bin ich sehr froh, vor der Pandemie immer wieder gern gesehene Besucherin bei Gästeabenden diverser Bruderlogen gewesen zu sein und in den jetzigen schwierigen Zeiten Einladungen zu Online-Veranstaltungen zu erhalten.

Mein Fazit: In „meiner“ Freimaurerei ist alles stimmig. Ich reflektiere mein Verhalten sehr regelmäßig (immer?) und bemühe mich, Hinweise meiner Schwestern – verbal oder nonverbal – zu erkennen und richtig zu verstehen. „Richtig zu verstehen“ ist an dieser Stelle sehr wichtig. Denn auch hier bin ich wieder gefragt. Nur weil mir eine Schwester etwas signalisiert, muss es ja nicht richtig sein. Das entscheide wiederum nur ich – wie erst einmal grundsätzlich in „meiner“ Freimaurerei.

Ich habe viel über die persönliche Freimaurerei gesprochen. Das liegt daran, dass jedes Glied der weltumspannenden Bruder- und Schwesternkette aus einzelnen Menschen besteht. Jeder Mensch in dieser Kette ist für die Festigkeit verantwortlich. Wie kann ich also für die Haltbarkeit garantieren, wenn ich nicht selbst stark bin? Mit stark sein meine ich in diesem Zusammenhang, das richtige Gleichgewicht in mir finden zwischen meiner Freiheit und meiner Verantwortung. Der Schwester oder dem Bruder gegenüber bedeutet es für mich, das richtige Maß an verantwortbarer Menschenliebe entgegenbringen zu können.

Natürlich könnte ich noch viel mehr schreiben. Aber ich finde immer, gerade im Internet dürfen Texte nicht zu lang sein. Sonst verliert man beim Lesen die Lust. Ich freue mich auf reichlich Kommentare und einen hoffentlich intensiven Austausch.