Kabbalistischer Rosenkranz

PROLOG

In diesem Artikel begehe ich gleich zweimal denselben Fehler. Einen Fehler, den man als Autor tunlichst vermeiden sollte. Denn ich benutze zwei mächtige Wörter, die jeweils viele sehr unterschiedliche Bedeutungsebenen beinhalten, ohne vorher in ausreichender Weise zu definieren, was ich unter diesen Worten verstehe und wovon ich ausgehe, wenn sie verwende. Es sind die Worte „Kabbala“ und „Rosenkranz“.

Die Lehre der Kabbala und das Beten von Rosenkränzen haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun und sind auch nicht wirklich miteinander zu vergleichen. Denn das Eine (Kabbala) ist eine Lehre im weitesten Sinne und das Andere (Rosenkranz) eine Gebetsform. Und beide sind bezüglich ihres Umfeldes, in dem sie jeweils praktiziert werden, sowie in den Fragen ihrer Ableitung und Herkunft zu unterschiedlich.

Und dennoch geschah es vor etwa zwei Jahren, dass für mich beides zusammenkam und fortan meinen spirituellen Weg bereichert. Denn seither bete ich den Rosenkranz auf kabbalistische Weise. Was das bedeutet, davon will ich in diesem Blogartikel erzählen. Doch vorher will ich versuchen, zumindest in ganz grober Weise zu umreißen, wie ich die Begriffe Kabbala und Rosenkranz nutze.

KABBALA UND ROSENKRANZ

Kabbala. Seit einigen Jahren mittlerweile nähere ich mich der Lehre der Kabbala an. Doch ist sie ein zu vielgesichtiges und ungreifbares Mysterium, als dass ich von mir behaupten könnte, sie auch nur ansatzweise erfasst zu haben. Ich ringe mit diesem Geheimnis und ich umtanze es. Mit jeder Tür, die es mich durchschreiten lässt, zeigt es mir drei neue Türen auf, die es zu durchschreiten gilt. Es lässt mich aufgehen in den Mysterien allen Seins und wirft mich radikal auf mich selbst zurück. In meinem Blogartikel „Lebensbaum“ hatte ich im Herbst 2019 den ersten Schritt gemacht, auf meinem Blog auch über die Kabbala zu schreiben. Seither arbeitet die Frage in mir, wie der nächste Schritt wohl aussehen könnte. Zu vielfältig sind die Dimensionen der Kabbala und folglich auch die Wege, sich ihr anzunähern.

Wenn ich mein Verständnis der Kabbala mit einem Satz umreißen sollte, würde ich sie am ehesten als spirituellen, zutiefst mystischen Initiationsweg hin zur Vereinigung mit meinem im Göttlichen liegenden Ursprung beschreiben. Das klingt jetzt erstmal wie eine wohlklingende Aneinanderreihung markiger Worte. Wie gesagt, ich bin auf meinem Blog noch nicht an den Punkt angelangt, mein Verständnis der Kabbala vollends ausbreiten zu können. Diejenigen jedoch, die selbst den Weg der Kabbala gehen, werden aus dem, was ich im Folgenden schreibe, herauslesen können, in welcher dieser zahllosen kabbalistischen Facetten ich mich verorte. Und die, die mit der Lehre der Kabbala nichts anfangen können, werden begreifen, warum ich ihr Attribute wie „spirituell“, „mystisch“ und „initiantisch“ zuordne.

Rosenkranz. Was das Beten eines Rosenkranzes angeht, bin ich absoluter Rookie. Diese kleinen Gebetskettchen üben jedoch aufgrund ihrer Beschaffenheit seit jeher eine Faszination auf mich aus. In die Idee allerdings, die dahinter steht und wie man mit diesen Kettchen ordnungsgemäß betet, bin ich bestenfalls oberflächlich eingestiegen.

Kurz beschrieben handelt es sich bei einem Rosenkranz um ein Kettchen mit 54 (Holz-) Perlen, die in einem geschlossenen Kreis angeordnet sind. Am unteren Ende dieser Kette befindet sich ein Bändchen mit 5 weiteren (Holz-) Perlen, das durch ein Kruzifix abgeschlossen wird. Im Übergangsbereich von der Kette zum Bändchen kann sich auch noch ein Bild von Jesus Christus oder der Heiligen Jungfrau Maria befinden. Jede der Perlen hat eine Bedeutung; entweder ein Gebetswort oder einen Gebetssatz. Derjenige, der einen Rosenkranz betet, lässt Perle für Perle durch seine Finger gleiten und spricht für jede Perle das jeweilige Wort oder den jeweiligen Satz, der mit dieser Perle verknüpft ist. Dies kann innerlich geschehen oder durch akustisch wahrnehmbares Aussprechen. Das Rosenkranzgebet kann heute als die weit verbreitetste Gebets- und Andachtsform innerhalb der Katholischen Kirche angesehen werden. Inhaltlich ist diese eng mit der Heiligen Jungfrau Maria, Jesus Christus sowie dem christlichen dreieinigen Gott verbunden.

EIN INITIANTISCHES GEBET

Im Folgenden will ich nun beschreiben, wie diese Form des kabbalistischen Betens eines Rosenkranzes konkret ausgestaltet ist. Hierbei gibt es zwei Elemente, die für mich essentiell sind. Das Eine ist der Gottesname „JHWH“ und das Andere der kabbalistische Lebensbaum, der „Seohirothbaum“.

Der Gottesname JHWH. Mein gesamtes Rosenkranz-Gebet ist von diesem Gottesnamen durchzogen und auf ihn ausgerichtet. Der Name JHWH begegnet uns erstmalig im Alten Testament der Bibel, in 2. Mose 3, 14. Dort stellt sich Gott als JHWH, der „Ich bin“ oder der „Ich bin der ich bin“ vor. Interessant an diesem Namen ist, dass er Gott als etwas Seiendes und Allumfassendes beschreibt, das sich jedem Versuch, es zu definieren oder zu kategorisieren entzieht. Dadurch, dass dieser Name ohne Vokale geschrieben wird, spricht man ihn mit jedem Atemzug aus: „JH“ beim Einatmen und „WH“ beim Ausatmen. Alleine durch unser Da-Sein sind wir also schon aufs Tiefste mit diesem Namen verbunden, ohne dass wir irgendetwas dafür tun müssten. Und unabhängig davon, ob wir darum wissen. Im Frühjahr 2015 bereits widmete ich dem Gottesnamen „JHWH“ meinen Blogartikel „Mein Weg ins Auge des Sturms„.

Der Sephirothbaum. Hierbei handelt es sich um eines der zentralen Symbole der Kabbala. In diesem sind sämtliche kabbalistische Wege und Gesetzmäßigkeiten abgebildet. Der Sephirothbaum besteht aus zehn Sephiroth, die in einer bestimmten Weise zueinander angeordnet sind. In dieser Anordnung der Sephiroth schlummern nahezu unzählige Bedeutungsdimensionen und Möglichkeiten, diese zu lesen und sich zu erschließen. Die Dimension, die für mein Rosenkranz-Gebet relevant ist, ist folgende: Die Sephiroth sind in der Art und Weise übereinander angeordnet, dass man sie unter anderem als drei nebeneinander stehende Säulen erkennen kann. Die linke und die rechte Säule bilden sich jeweils aus drei Sephiroth und stehen in polaren und dualistischen Spannungsverhältnissen zueinander. Die mittlere Säule, die sich aus vier Sephiroth bildet, steht für den Ausgleich von Dualismus und Polarität. Und um diese mittlere Säule geht es mir. Wenn ich meinen kabbalistischen Rosenkranz bete, visualisiere ich mir innerlich den Sephirothbaum und bewege mich von unten nach oben durch die Sephiroth dieser mittleren Säule.

DER ABLAUF DES GEBETS

Wie oben erklärt, ist der praktische Ablauf, wenn ich meinen kabbalistischen Rosenkranz bete, jede einzelne Perle des Rosenkranzkettchens durch meine Finger gleiten zu lassen und innerlich das auszusprechen, was ich mit der jeweiligen Perle verknüpft habe. Und weil der Gottesname JHWH, der das zentrale Element meines Rosenkranz-Gebets darstellt, mit dem Atem eines jeden Einzelnen verbunden ist, habe ich auf jede Perle des Rosenkranzkettchens kein ganzes Wort oder gar einen kompletten Satz gelegt, sondern jeweils nur eine Silbe. Dies hat den Effekt, dass ich mit jeder ungeraden Perle einatme und mit jeder geraden Perle ausatme. Es ist folglich mein Atem, der mich durch das Rosenkranz-Gebet leitet. Diese Logik durchbreche ich lediglich bei zwei Perlen, bei denen ich jeweils einen kompletten Satz spreche. Hier war es mir aus intuitiven Gründen wichtig, die gesamte Bedeutung, die diese Sätze in sich tragen, vollständig in die jeweilige Perle zu legen und nicht aufzusplitten. Dadurch verweile ich jeweils drei Atemzüge lang bei diesen zwei Perlen.

Wie dargelegt, durchschreite ich auf der Ebene der Visualisierung im Zuge des Rosenkranz-Gebets die mittlere Säule des kabbalistischen Sephirothbaumes von unten nach oben. Hierbei werden die (gesprochenen) Worte von Sephira zu Sephira weniger. Bis am Ende nur noch der Gottesname JHWH bleibt, den ich (ein- und aus-) atme…

Doch genug der Erklärungen und Hinführungen, kommen wir zum praktischen Ablauf meines Rosenkranz-Gebets. Dieser sieht wie folgt aus:

1. Perle: „Ich“
2. Perle: „bin“
3. Perle: „der“
4. Perle: „ich“
5. Perle: „bin“

In den ersten fünf Perlen durchschreite ich die deutsche Übersetzung des Gottesnamen JHWH. Und zwar Wort für Wort. Hierbei bete ich pro Perle jeweils ein Wort dieses Namens.

6. Perle: „Ja“
7. Perle: „kin“
8. Perle: „Er hat mich erschaffen“

9. Perle: „Bo“
10. Perle: „as“
11. Perle: „In ihm liegt meine Kraft“

Den nächsten sechs Perlen widme ich dem Namen „Jakin“ (oder auch: „Jachin“) und dem Namen „Boas“. Beide Namen entstammen dem Alten Testament der Bibel und bezeichnen die rechte und die linke Säule des Salomonischen Tempels (vergleiche 2. Chronik 3, 17). Im Ritual des christlichen Freimaurerordens, dem ich angehöre, spielen diese Säulen eine wichtige Rolle. Hier wird der Säule Jakin noch die Bedeutung „Er (Gott) hat mich erschaffen“ und der Säule Boas die Bedeutung „In ihm (Gott) liegt meine Kraft“ beigemessen.

Die innere Dynamik der Bedeutung von Jakin („Gott hat mich erschaffen“) ist die der göttlichen Emanation. Das Göttliche hat seine göttliche Ur-Heimat verlassen und ist in die Materie emaniert. Dies beschreibt einen Schöpfungsvorgang. Am Ende dieses Schöpfungsvorganges steht zunächst meine Zeugung und schließlich mein Geboren-Werden. Ich bin geboren worden beziehungsweise habe (materielle) Gestalt angenommen, als das Göttliche eine Verbindung mit der Materie einging.

An dieser Stelle imaginiere ich die unterste Sephira des Sephirothbaumes, „Malkuth“. Die Sephira Malkuth steht unter anderem genau dafür: Für die Schöpfung, in die das Göttliche emaniert ist. Daher widme ich dem Satz „Er hat mich erschaffen“ in meinem Rosenkranz-Gebet eine eigene Perle.

Die innere Dynamik der Bedeutung von Boas („In ihm liegt meine Kraft“) ist die Hinwendung zum Göttlichen, das Ausrichten auf das Göttliche und der erste Schritt auf dem Weg hin zur Wiedervereinigung mit dem eigenen göttlichen Ursprung.

An dieser Stelle imaginiere ich die Sephira „Yesod“. Diese folgt von unten aus gesehen in der mittleren Säule des Sephirothbaumes auf die Sephira „Malkuth“. In vielen Auslegungen der Kabbala repräsentiert sie unter anderem das Unterbewusste und Unbewusste. Ein Hinweis darauf, dass der, der aufbricht zur Wiedervereinigung mit seinem eigenen göttlichen Ursprung, sich zunächst seinen eigenen dunklen, schwachen und verdrängten Anteilen stellen und diese durchschreiten muss. Aus diesem Grund widme ich dem Satz „In ihm liegt meine Kraft“ in meinem Rosenkranz-Gebet ebenfalls eine eigene Perle.

12. Perle: „Ich“
13. Perle: „bin“
15. Perle: „der“
15. Perle: „ich“
16. Perle: „bin“

Hiernach durchschreite ich in den nächsten fünf Perlen erneut Perle für Perle und Wort für Wort die deutsche Übersetzung des Gottesnamen JHWH.

17. Perle: „Je“
18. Perle: „sus“

19. Perle: „Chris“
20. Perle: „tus“

Den hierauf folgenden vier Perlen widme ich dem Namen „Jesus Christus“. Diese beiden Namen finden ihren Ausdruck in dem Mysterium, das im Christentum seit vielen Jahrhunderten mit der Formulierung „Wahrer Mensch und wahrer Gott“ umschrieben wird. „Jesus“ steht hierbei für den Fleisch gewordenen Gott. Gottes eingeborener Sohn, der als Mensch unter Menschen wandelte. „Christus“ steht hierbei für das Bewusstsein, aus dem dieser Jesus lebte. Es ist das Bewusstsein, auf einer tieferen Ebene eins mit dem Göttlichen zu sein und verbunden mit allem Lebenden. Es ist das Bewusstsein, das göttliche Erbe, den göttlichen Lichtfunken stets in sich zu tragen. Und es ist das Bewusstsein, dass eine alles umfassende und jeden einschließende göttliche Liebe die Kraft ist, die alles durchströmt und trägt.

An dieser Stelle imaginiere ich die Sephira „Tiferet“. Tiferet folgt in der mittleren Säule des Sephirothbaumes auf die Sephira „Yesod“ und stellt den Mittelpunkt des Lebensbaumes dar. Es ist der Punkt, an dem göttliche und materielle Sphäre in Ausgleich und Einklang sind. Das gilt auch für die Kräfte des Lebens, die sich von außen betrachtet polar und dualistisch gegenüber zu stehen scheinen. Tiferet wird oft als Sitz dessen beschrieben, was spirituelle Lehrer wie der Franziskaner-Pater Richard Rohr als das eigene „Wahre Selbst“ beschreiben. Es ist die Entfaltung und der Ausgleich dieser beiden scheinbar so gegensätzlichen Naturen – Jesus und Christus.

21. Perle: „Ich“
22. Perle: „bin“
23. Perle: „der“
24. Perle: „ich“
25. Perle: „bin“

Anschließend durchschreite ich in den nächsten fünf Perlen wieder Perle für Perle und Wort für Wort die deutsche Übersetzung des Gottesnamen JHWH.

26. Perle: „JH“
27. Perle: „WH“

Abschließend widme ich die letzten beiden Perlen dem Gottesnamen JHWH. Zu diesem Gottesnamen habe ich weiter oben bereits alles geschrieben, was aus meiner Sicht für dieses Rosenkranz-Gebet relevant erscheint.

An dieser Stelle imaginiere ich die Sephira „Kether“. Dies ist die nach oben hin abschließende Sephira im Sephirotbaum und folglich die Vollendung des initiantischen Weges der Vereinigung mit dem eigenen göttlichen Ursprung. Von oben aus betrachtet ist es wiederum die erste und damit reinste, konzentrierteste und vollkommste Emanation des Göttlichen. Denn die Sephira Kether ist nicht nur der Abschluss des eigenen initiantischen Weges, sondern gleichzeitig auch der Beginn der Emanation des Göttlichen in diese Welt. Es kommt ganz darauf an, in welche Richtung der Seohirothbaum gelesen wird.

Hiernach beginne ich das Rosenkranz-Gebet in der beschriebenen Weise aufs Neue. Wenn ich dieses Gebet zweimal vollendet habe, habe ich die Rosenkranz-Kette einmal komplett „durchgebetet“.

DAS NACKTE GEBET

So, und nun nimm doch mal alle Erklärungen beiseite, die ich Dir zu diesem Rosenkranz-Gebet und seinen Hintergründen geliefert habe. Schalte ganz bewusst mal Deinen alles erklären und verstehen wollenden Verstand aus und bete dieses Gebet. Und anschließend spüre in Dich hinein, welche Resonanz es in Dir auslöst…

1. Perle: „Ich“
2. Perle: „bin“
3. Perle: „der“
4. Perle: „ich“
5. Perle: „bin“

6. Perle: „Ja“
7. Perle: „kin“
8. Perle: „Er hat mich erschaffen“

9. Perle: „Bo“
10. Perle: „as“
11. Perle: „In ihm liegt meine Kraft“

17. Perle: „Je“
18. Perle: „sus“

19. Perle: „Chris“
20. Perle: „tus“

21. Perle: „Ich“
22. Perle: „bin“
23. Perle: „der“
24. Perle: „ich“
25. Perle: „bin“

26. Perle: „JH“
27. Perle: „WH“

Amen.

Der Weg ins Auge des Sturms

JWHW

JHWH – DER „ICH BIN“

Eine der mich berührendsten Geschichten im Alten Testament der Bibel ist die, als Moses das erste Mal Gott begegnete. Gott offenbarte sich ihm hierbei als „JHWH“, der „Ich Bin“.

„JHWH – Ich Bin“ – Lässt man diese Worte in der Stille nachhallen, bekommt man eine Ahnung davon, dass der Name Gottes viel größer und allumfassender ist, als unser, in dualistischen Kategorien denkender Verstand es je erfassen könnte. JHWH – Der „Ich Bin“ – Der Seiende – Das Sein.

DU SOLLST DIR KEIN BILDNIS MACHEN

Und dennoch ziehen seit Jahrtausenden Heerscharen von Gelehrten, Theologen und Dogmatikern aus, um dieses große „Ich Bin“, als das Gott sich offenbart hat, in klar definierte Glaubenssätze zu pressen.

Ich glaube, der Antrieb, der dahinter steckt, ist das Bedürfnis unseres kleinen Egos – unseres Falschen Selbst – die Kontrolle behalten zu wollen. Kontrolle über das Leben. Kontrolle über Gott. Denn wenn ich definieren kann, wie Gott ist und wie Gott nicht ist; was Gut ist und was Böse ist; und was ich zu tun habe, um erleuchtet, erlöst oder errettet zu werden, dann bin es letztendlich ich, der die Kontrolle behält. Denn ich weiß ja, wie Gott und wie der Glaube an Gott und damit auch das gesamte Leben „funktionieren“.

Das Problem hierbei ist nur, dass ich, von dem Moment an, wo ich Gott definiere, ihn gleichzeitig auch limitiere. JHWH – der „Ich Bin“ – Der Seiende – Das Sein verliert das Allumfassende und das Alldurchdringende. Gott ist dann nur noch so groß, wie es ihm mein dualistischer Horizont erlaubt. Ich halte Gott klein genug, dass er meinem Bedürfnis nach Sicherheit dient.

Ein weiteres Problem ist: Sobald ich eine unverrückbare Lehrmeinung über Gott aufstelle, schließe ich automatisch jeden aus, der diese nicht teilt. Letztendlich sind Dogmen aber oftmals nicht mehr als theoretische Lehrgebäude, die wir im Kopf ersonnen haben und im Kopf mit uns herumtragen. Und auf Grund eben dieser theoretischen Konstrukte sprechen Gläubige seit Jahrtausenden Andersgläubigen ab, Teil dieses großen „Ich Bin“ zu sein, als das Gott sich offenbart hat.

Kann es nicht sein, dass Gott in den 10 Geboten genau aus diesen Gründen vom Menschen verlangt „Du sollst Dir von Gott kein Bildnis machen.“? Kann es nicht sein, dass Gott dieses Gebot genau aus diesen Gründen sogar an die zweite Stelle seiner Gebote gesetzt hat? Und ich frage mich auch, ob der Dogmatiker nicht gegen eben dieses 2. Gebot verstößt. Denn malt er nicht ein – sogar sehr konkretes – Bild von Gott, wenn er ihn in eine dogmatische Lehrmeinung presst?

WAS KEIN DOGMA VERMAG

JHWH – Der „Ich Bin“ – Der Seiende – Das Sein entzieht sich letztendlich allen Versuchen unseres Falschen Selbst, es in dualistische Kategorien einzuordnen.

Nach dem Franziskaner-Pater Richard Rohr birgt der Name Gottes JHWH darüber hinaus ein großes Geheimnis. Er ist so beschaffen, dass jeder Mensch ihn aussprechen kann, ohne seine Lippen zu bewegen. Und jeder Mensch spricht diesen Namen auch aus. Ohne Unterlass. Jeden Tag. In jedem Moment. Beim Einatmen die Silbe JH („Jaah“) und beim Ausatmen die Silbe WH („Heeh“). Jaah-Heeh – mit jedem Atemzug spricht der Mensch den Namen Gottes aus. Jeder Atemzug ein Gebet. Jeder Mensch atmet den Namen Gottes im wahrsten Sinne des Wortes. Das Allererste, was ein Mensch in seinem Leben macht: Er spricht den Namen Gottes aus – Jaah-Heeh. Das Allerletzte, was ein Mensch in seinem Leben macht: Er spricht den Namen Gottes aus – Jaah-Heeh.

Dem folgend atmet ausnahmslos jeder Mensch den Namen Gottes. Unabhängig von Geschlecht, Religion, sexueller Identität, Weltanschauung, materiellem Status oder was sonst auch immer Menschen sich im Laufe der Zeit ersonnen haben, um sich selbst als auserwählt fühlen zu dürfen und alle nicht Auserwählten ausgrenzen zu können. Aber bedeutet dies dann nicht auch, dass alle Menschen auf einer tieferen Ebene letztendlich eins sind? Dass keine Weltanschauung, keine Glaubenslehre mich von meinem Mitmenschen trennen kann? Es lohnt sich, diesen Gedanken nachklingen und sich entfalten zu lassen.

DAS AUGE DES STURMS

Und es lohnt sich, selbst in die Stille zu gehen und den eigenen Atem mit dem Namen Gottes – mit diesem [Jaah (einatmen) – Heeh (ausatmen)] – zu verbinden. Das ist für mich das zentrale Element des christlich-kontemplativen Weges. Es geht darum, in die Stille zu gehen, um genau diesen einen Ort zu finden: Der Ort, an dem sich mein Atem mit dem Atem Gottes verbinden kann. Mein persönliches, inneres „Auge des Sturms“. Das ist der Ort, an dem nicht mehr mein falsches Selbst Gott definieren, kontrollieren und kleinhalten muss, sondern an dem mein Wahres Selbst mit Gott eins wird. Mit dem Gott, der sich als das große „Ich Bin“ offenbart hat und dessen Namen ich mit jedem Atemzug ausspreche.

Vielleicht ist es genau diese Erfahrung, die Jesus Christus in der Bibel meint, wenn er davon spricht, dass er und Gott „eins“ sind. Denn auch von Jesus ist überliefert, dass er häufig und oftmals auch über längere Zeiträume in Stille und Einsamkeit verweilte.

Der christlich-kontemplative Weg ist letztendlich die Fortführung des Weges der christlichen Mystiker. In der christlichen Mystik wurde Gott in der Regel auf zweierlei Weise erlebt und verehrt. Einmal als personales Gegenüber; z.B. Gott, der Vater. Dann aber auch als „Geist“ bzw. „Urgrund“, der das Große Ganze in seiner Gesamtheit durchdringt. Dieser Göttliche Urgrund existierte gleichzeitig jedoch auch in den Tiefen eines jeden einzelnen Menschen. Gott war ganz innerhalb des Menschen und Gott war ganz außerhalb des Menschen. Wie innen, so außen. Wie oben, so unten.

Der Weg des Mystikers bestand darin, den Weg der Stille zu gehen, um an den Ort zu gelangen, an dem das Eins-Werden mit diesem Göttlichen Urgrund geschehen kann. Es galt, dieses innere Auge des Sturms zu finden, in dem sich die „Unio Mystica“ vollziehen kann.

Ich erlebe die symbolische Loge, in die sich der Freimaurer im freimaurerischen Ritual begibt, als genau diesen Ort. Ein äußeres Ritual, das letztendlich achtsam machen soll für einen inneren Weg, für einen inneren Ort. Die rituelle Loge: Ein Bild für das innere Auge des Sturms, tief in mir. Der Ort, an dem die „Unio Mystica“ geschehen kann.

Ich kann mir vorstellen, dass es für einen Freimaurer eine wertvolle Übung darstellen kann, sich während des Rituals ganz bewusst mit dem Atem Gottes zu verbinden. [Jaah (einatmen) – Heeh (ausatmen)]. Vielleicht stellt sich dadurch nochmal ein achtsameres Sein im Ritual ein. Und damit auch ein tieferes Erleben des Rituals.

HEILIGE AUGENBLICKE

Das Ziel des Suchens der Stille aber kann in letzter Konsequenz nur sein, mir bewusst zu werden, dass ich den Namen Gottes in jedem Augenblick meines Lebens atme. Auch – oder gerade – wenn ich mich nicht in der Stille oder im Ritual befinde. Das bewusste Suchen der Stille und das Erleben des Rituals kann letztendlich nicht mehr sein als ein Achtsamkeitstraining. Es trainiert mich dafür wahrzunehmen, dass ich in jedem Augenblick den Namen Gottes atme. Dass ich in jedem Augenblick eins bin mit Gott. Dass JHWH – Der „Ich bin“ – Der Seiende – Das Sein mich unablässig durchdringt. Ich muss mir dessen nur bewusst werden. Daher ist auch jeder Augenblick heilig. Egal wie alltäglich. Egal wie unbedeutend. Egal wie profan.