Was die Corona-Pandemie mich als Freimaurer lehrte…

WIEDER BEISAMMEN

Die Corona-Pandemie hatte eine Schneise in mein freimaurerisches Leben geschlagen. In das rituelle Erleben ebenso wie in die brüderliche Begegnung. Denn als das gesellschaftliche Leben heruntergefahren werden musste, schlossen auch die Logenhäuser ihre Pforten. Und es liegt in der Natur der Sache, dass weder das Eine noch das Andere online adäquat ersetzt werden konnte.

Ein halbes Jahr sollte es dauern, bis die Brüder meiner Loge und ich erstmalig wieder zusammenkommen konnten. Anlass sollte eine rituelle Tempelarbeit im ersten Grad, dem des Johannislehrlings, sein. Doch es war kaum noch etwas so, wie ich es über Jahre hinweg kennen und lieben gelernt hatte. Es fing damit an, dass wir den Tempel einzeln, mit Sicherheitsabstand und dem Tragen eines Mundschutzes zu betreten hatten. Und auch das Ritual an sich war an verschiedenen Stellen derart abgeändert worden, dass es dem Hygienekonzept der zuständigen Behörde gerecht wurde.

Daher fühlte sich dieses Ritual mit einem Mal wieder so neu und ungewohnt an. Den Brüdern und mir war die Unsicherheit bei Ausführung des Rituals förmlich anzumerken…

DER WICHTIGSTE FREIMAURERISCHE GRAD

Welcher freimaurerische Grad, welche freimaurerische Erkenntnisstufe ist die wichtigste? Diese Frage diskutierten vor längerer Zeit amerikanische Freimaurer auf Twitter. Da ich selbst auf Twitter diversen freimaurerischen Accounts aus dem Ausland folge, konnte ich diese Diskussion live mitverfolgen.

Alleine schon diese Fragestellung hat mich mehr als befremdet. Ich fand sie regelrecht abstoßend. Denn in ihr schwingt eine Bewertung, vielleicht sogar die Idee einer Hierarchie innerhalb der einzelnen freimaurerischen Grade mit. So nach dem Motto: Je höher, je geheimnisvoller oder je schwerer zu erreichen ein Grad ist, desto würdiger, auserwählter, wissender, erleuchteter oder was auch immer ist der, der diesen Grad inne hat. Diese Logik hat einen widerlich elitären Beigeschmack. Denn meiner Erfahrung nach erhält man in absolut keinem freimaurerischen Grad verborgenes Wissen, geheime Praktiken, ungeahnte Bewusstseinszustände, höhere Erkenntnis oder was auch immer offenbart, was man nicht auch komplett ohne das Freimaurertum samt seiner Rituale und Symbole erlangen könnte. Nichtsdestotrotz ist der freimaurerische Weg ein wohl einzigartiger initiantischer Weg, dessen Rituale und Symbolik sich aus den vielfältigen Traditionen der Baukunst, der Mysterienbünde, der Mystik, der Aufklärung, des Tempelrittertums, der Gnosis, des Humanismus, der Hermetik und der archaischen Initiationsriten (sicher ist diese Aufzählung nicht abschließend) speist. Unter Zuhilfenahme von Versatzstücken dieser Traditionen wird der Freimaurer in jedem Grad mit den essentiellen Fragestellungen dieses Lebens, seiner spirituellen Kreisläufe und Gesetzmäßigkeiten sowie des Sterbens und des Todes konfrontiert. Ich persönlich erlebe den freimaurerischen initiantischen Weg durch die einzelnen Grade, so wie ich ihn im christlichen Freimaurerorden vorfinde, als sehr stimmig und bewegend. Er weist unheimlich viele Facetten und Bedeutungsebenen auf und durchdringt nach und nach mein gesamtes Leben. Doch ich habe durch ihn absolut gar nichts kennengelernt, was ich nicht schon vorher gewusst hätte oder mir auch ohne das Freimaurertum hätte erschließen können. Aus diesen Gründen befremden mich Fragen, wie die, welche der wichtigste freimaurerische Grad ist, immer sehr.

Und dennoch ging mir diese Frage nach. Wenn man mich fragen würde, welches wäre für mich ganz persönlich der wichtigste Grad? Zu allererst käme mir hier meine Aufnahme in den dritten Grad, den des Johannismeisters, in den Sinn. Hier wurde ich in machtvoller Weise mit meinem eigenen Sterben und meinem eigenen Tod konfrontiert. In der Art und Weise, in der dieses Ritual im christlichen Freimaurerorden ausgestaltet ist, war es das bewegenste Ritual, das ich je erlebt habe. Doch auch der anschließende Weg in die Andreasloge und durch die Andreasloge hindurch (Grad vier bis sechs) war berührend und von der inhaltlichen Ausgestaltung her unheimlich reich und in sich stimmig.

Doch je länger ich über diese Frage nachdachte, desto mehr kristallisierte sich für mich heraus, dass der erste Grad, der des Johannislehrlings, für mich der wichtigste ist! Warum? Dafür muss ich ein wenig ausholen. Denn die Aufnahme in den Grad des Johannislehrlings an sich bewegte mich zwar, jedoch nicht in dem Maße, wie es viele Brüder mir im Vorherein vorgeschwärmt hatten. Und ebenso nicht in dem Maße, wie mich die Initiationen in die Grade ab dem Johannismeister bewegen sollten.

Das, was den Grad des Johannislehrlings für mich so besonders macht, ist die innere Einstellung und das Bewusstsein, was mit diesem Grad einhergeht, sofern man sich darauf einlässt. Es ist die innere Einstellung und das Bewusstsein des Lernenden. So stellte ich mich bewusst hinten an und nahm die Position des Beobachters ein. Ich schaute hin, ich hörte zu. Und ich hielt den Mund, wenn ich nicht gefragt wurde. Wie ein Schwamm sog ich alles auf, was mir an freimaurerischer Symbolik, an freimaurerischen Ritualen und an freimaurerischen Inhalten begegnete. Und dann konnte ich sie förmlich greifen, diese spannungsgeladene Vorfreude, die in der Luft lag, jedes Mal, wenn die Brüder zusammenkamen und sich für das Ritual maurerisch einkleideten. Es hatte etwas Geschäftiges und Erwartungsfrohes. Jedes Mal vor einer Tempelarbeit. Diese Einstellung des Lernenden brachte etwas Achtsames und Demütiges mit sich. Und befanden wir uns dann im Ritual, war alles neu. Jede Handlung, jedes gesprochene Wort, jede Haltung. Das alles war neu und fühlte sich dadurch so unsicher an. Diese innere Unsicherheit sollte über Monate hinweg mein Begleiter im freimaurerischen Ritual sein…

ERINNERUNG DURCH CORONA

…Ganz unwillkürlich verspürte ich genau diese Unsicherheit wieder, als wir nach der coronabedingten Pause erneut rituell zusammenkamen. Zwei Faktoren waren dafür verantwortlich: Die lange Pause sowie die Änderungen im Ritualablauf, die das Corona-Hygienekonzept notwendig gemacht hatte.

Doch je mehr ich ankam in dieser Situation, desto mehr stieg Erinnerung in mir auf. Erinnerung an die Zeit, in der ich genau diese Unsicherheit schon einmal verspürt hatte: Meine Zeit im Johannislehrlingsgrad, kurz nach meiner Aufnahme in die Bruderschaft der Freimaurer, als ich noch frisch gebackener Johannislehrling war.

Daher ist es genau das, was die Corona-Pandemie mich als Freimaurer gelehrt hat: Sie hat mich erinnert an die Einstellung und das Bewusstsein des Johannislehrlingsgrades. Denn sie hat mir ganz neu bewusst gemacht, dass es notwendig ist, ein Lernender zu bleiben. Klar, den Grad des Johannislehrlings habe ich hinter mir gelassen. Ein für alle Mal. Daher halte ich nicht viel von der Aussage „Ein Freimaurer bleibt sein Leben lang Lehrling.“ Denn dem ist faktisch nicht so. Was hingegen ein Freimaurer sein Leben lang bleiben sollte, ist ein Lernender.

Rituelle Heimat

WARUM WIRD MAN FREIMAURER?

Warum wird jemand Freimaurer? Vielen Freimaurer-Brüdern habe ich diese Frage gestellt. Und vieles konnte ich beobachten, seitdem ich in diese Bruderschaft aufgenommen worden war. Herausgekommen ist ein bunter Blumenstrauß an Motivationen. Der wohl häufigste Grund ist, einen Weg zu finden, sich mit sich selbst auseinander zu setzen und an sich zu arbeiten. Dies wird gefolgt von dem Wunsch nach Gemeinschaft und dem Bedürfnis, sich sozial zu engagieren. Manch einer schätzt den philosophischen Austausch, die Auseinandersetzung mit humanistischen Ideen oder sehnt sich nach mystischem Erleben. Ein Bruder erzählte mir mal, dass er sich Erleuchtung erhoffte. Doch auch weniger ehrenwerten Motiven bin ich begegnet. So traf ich auch auf Brüder, die sich von der vermeintlich elitären Fassade des Freimaurertums angezogen fühlten. Auch traf ich auf Brüder, die sich berufliche Vorteile oder gar ein karriereförderliches Netzwerk erhofften. Doch warum nun wurde ich selber Freimaurer?

WARUM WURDE ICH FREIMAURER?

Ich kann heute nachvollziehen, dass ich etwa 15 Jahre vor meiner Aufnahme in die Bruderschaft der Freimaurer anfing, mich ernsthaft mit ihr auseinander zu setzen. Es war zu einer Zeit, in der ich von Ritualen nichts hielt. War etwas rituell, war es für mich nur eine Umschreibung dafür, dass es starr, tot und eng war. Aus genau diesem Grund war ich seinerzeit auch aus der evangelischen Kirche ausgetreten.

Durch eine sehr fundamentale Krise, die mein gesamtes bisheriges Leben völlig in Frage stellte, kam ich mit unterschiedlichen Traditionen der Stille im Christentum (Kontemplation, Mönchstum etc.), den Wegen der christlichen Mystik und den Ideen der archaischen Initiationsriten, der Naturspiritualität sowie der spirituellen Männerarbeit nach Richard Rohr in Berührung. Je tiefer sich einzelne Aspekte davon in meinem Alltag verankerten, desto mehr bekam ich innerlich auch Zugang zu den Wirkweisen von Ritualen. Ich begann Rituale als etwas Halt gebendes zu schätzen, das – vorbei an meinem verkopften Wunsch, das Leben zu kontrollieren – mich auf tiefste Weise zu berühren vermag. Das ging so weit, dass ich, als ich mich nach langer Zeit mal wieder in einen sehr liturgischen Gottesdienst der evangelischen Kirche wagte, hinten auf meiner hölzernen Kirchenbank saß und mit den Tränen rang, als das Abendmahl eingesetzt und ausgeteilt wurde. Das war der Moment, in dem ich entschied, wieder in die evangelische Kirche einzutreten. Und es war auch die Zeit, in der ich auf intuitive Weise zu begreifen begann, warum Menschen durch das freimaurerische Ritual angerührt werden können.

Weiter erschloss ich mir, dass es unterschiedliche Richtungen innerhalb des Freimaurertums gibt. Die Richtung, für die ich mich später bewusst entscheiden sollte, war die des christlichen Freimaurerordens. Denn dieser vereinigte in seiner Symbolik und seinem Ritual vieles von dem, was meinen bisherigen spirituellen Weg so reich beschenkt hatte: Aspekte der christlichen Mystik, der Männerinitiation und des Versenkens in innere Stille.

Damit bin ich der Frage, warum ich selbst Freimaurer wurde, schon ein gutes Stück auf die Spur gekommen. Die eigentliche Frage aber, die sich dahinter verbirgt und die jeder, der mit dem Gedanken spielt, Freimaurer zu werden, für sich beantworten muss, lautet: „Was erhoffe ich mir von der Mitgliedschaft in der Bruderschaft der Freimaurer, was ich ohne diese nicht hätte?“ Meine Antwort darauf war: Ich sehnte mich nach einem regelmäßigen Ritual in meinem Leben. Und ich sehnte mich danach, dass dieses mich mit dem in Berührung kommen lässt, was meinen spirituellen Weg ausmacht.

DAS WESEN DER TEMPELARBEIT

Und habe ich gefunden, was ich zu finden erhofft hatte? Ganz klar: Ja! Ich nehme an kaum einem freimaurerischen Ritual teil, aus dem ich nicht innerlich bewegt hervorgehe. Dabei kann ich allerdings gar nicht so recht erklären, woran das nun eigentlich liegt.

Denn formal betrachtet, handelt es sich bei dem freimaurerischen Ritual lediglich um eine Abfolge ritueller Wechselgespräche und ritueller Handlungen. Hierbei wird symbolisch ein idealer Raum betreten: Die Loge. Ich begreife die Loge als einen Ort, der tief in mir liegt. Mein inneres Auge des Sturms. Der Ort, an dem ich einfach nur bin. Der Ort, an dem mystisches Erleben stattfinden kann. Hat man sich rituell in diese Loge begeben, können weitere rituelle Handlungen – wie zum Beispiel die Aufnahme eines Initianten in diesen Grad – vollzogen werden. Anschließend wird diese Loge rituell und in umgekehrter Reihenfolge, wie sie betreten worden ist, wieder verlassen. Der beschriebene Vorgang findet in jedem freimaurerischen Grad während sogenannter Tempelarbeiten statt.

Das Besondere an den Tempelarbeiten, wie ich sie im christlichen Freimaurerorden erlebe, ist, dass diese zwar mit jedem Grad, den man durchläuft, um neue Aspekte bereichert werden, der gesamte (ordens-) freimaurerische Weg jedoch bereits im ersten Grad – dem des Johannislehrlings – enthalten ist. Und ich habe für mich festgestellt, dass es für die Intensität meines Erlebens beinahe gänzlich irrelevant, in welchem Grad dieses Ritual stattfindet.

Der Ablauf einer Tempelarbeit hat von seinem Wesen her etwas sehr liturgisches. In mir lösen Tempelarbeiten ähnliche Zustände aus wie Meditationen oder vergleichbare Stille-Übungen. Im Laufe der Zeit ist die rituelle Loge so etwas wie eine innere Heimat für mich geworden. Gerade auch in den letzten anderthalb Jahren, in denen sich mein Weg verfinsterte und ich mich Anteilen von mir stellen musste, die ich am liebsten ganz weit weg geschoben hätte, habe ich die freimaurerischen Tempelarbeiten noch mal ganz neu als einen Ort schätzen gelernt, an dem ich zur Ruhe komme und mit mir selbst und meiner spirituellen Sehnsucht in Berührung komme. Wenn der Logenmeister eine jede Tempelarbeit eröffnet, indem er mit seinem Hammer auf den Altar schlägt und die Worte spricht „Ehre sei Gott“, spüre ich in diesem Moment, wie ich heimkehre…

Freimaurerische Vermessenheit

Es gibt zwei Annahmen, die mir in freimaurerischen Kreisen wiederholt begegnet sind und aus denen, meiner Meinung nach, eine hochmütige, anmaßende und überhebliche Selbsteinschätzung der freimaurerischen Bruderschaft spricht. Die erste Annahme lautet: „Freimaurerei war immer.“ Und bei der zweiten Annahme wird jeder Nicht-Freimaurer, der nach Gedankengut und Grundsätzen lebt, die für gewöhnlich Freimaurer für sich reklamieren, kurzerhand zum „Freimaurer ohne Schurz“ erklärt.

„FREIMAUREREI WAR IMMER“

Das Zitat „Freimaurerei war immer“ stammt aus dem in den Jahren 1776 bis 1778 entstandenen Werk „Ernst und Falk“ des Freimaurers Gotthold Ephraim Lessing. In diesem Stück trifft „Ernst“ auf den Freimaurer „Falk“. In einem Wechselgespräch möchte Ernst von Falk zu erfahren, was das Freimaurertum ist und was dessen Wesen ausmacht. In Zuge dieses Gesprächs versucht Falk Ernst zu erklären, dass es sich beim Freimaurertum um eine Geisteshaltung handelt, die seit jeher in der Menschheit vorzufinden ist. Folglich existierte diese Geisteshaltung auch schon lange bevor es das Anfang des 18. Jahrhunderts gegründete Freimaurertum gab. Daher seine Aussage: „Freimaurerei war immer.“

Ich verstehe, was Lessing mit dieser Formulierung ausdrücken will, halte sie aber für fragwürdig und missverständlich. Meiner Meinung nach zäumt Lessing das Pferd von der völlig falschen Seite auf. Denn: Freimaurerei war nicht immer. Das Freimaurertum hatte einen Anfang. Und es wird einmal ein Ende haben. Das Einzige, was immer war und auch immer sein wird, ist das Geheimnis, um das sich das Freimaurertum dreht. Ich würde dieses Geheimnis als das „Mysterium des Lebens“ umschreiben. Diesem Mysterium sieht sich der Mensch von Anbeginn an ausgeliefert. Und dabei erfährt er, wie erhaben und wundervoll und gleichzeitig unkontrollierbar und unerbittlich es ist. Daher versucht der Mensch seit jeher die Gesetzmäßigkeiten und Kreisläufe dieses Mysteriums zu verstehen und das eigene Leben mit ihnen in Einklang zu bringen. Dieses Streben hat immer auch spirituelle Dimension gehabt. Und so bildeten sich in den verschiedenen Zeitaltern der Menschheitsgeschichte unterschiedliche Hüter dieses Mysteriums heraus: Älteste, Schamanen, Priester, Kulte, Religionen, Mysterienbünde. Deren Aufgabe war es, das Wissen um das Mysterium des Lebens zu bewahren sowie nachfolgende Generationen in dieses Wissen einzuweihen und darin zu unterweisen. Das Freimaurertum ist nur ein Hüter dieses Mysteriums unter vielen. Und es ist bei weitem auch nicht einmal der älteste dieser Hüter. Seine Aufgabe ist die Einweihung des Neophyten in dieses Mysterium des Lebens. Somit ist das Freimaurertum auch „nur“ Mittel zum Zweck und nicht der Zweck selbst. Die Aussage „Freimaurerei war immer“ vertauscht diese Reihenfolge und die damit verbundenen Wertigkeiten.

„FREIMAURER OHNE SCHURZ“

Wenn man im Freimaurer-Wiki nach den Begriffen „Freimaurer ohne Schurz“ sucht, stößt man auf folgende Definition: „Bezeichnung für einen Profanen, der maurerische Grundsätze und maurerisches Gedankengut vertritt.“

Ich habe grundsätzlich Bauchschmerzen damit, dass mit dieser Aussage Menschen in „Freimaurer“ und „Profane“ eingeteilt werden. Dies zeugt von einer elitären Selbstwahrnehmung, die den Freimaurer auf eine höhere Stufe stellt als den Nicht-Freimaurer. Wenn es tatsächlich so ist, dass die weltweite Bruderschaft der Freimaurer für Werte wie „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität“ eintritt, werden diese Werte durch das Einteilen in Freimaurer und Profane konterkariert und mit Füßen getreten. Jeder Mensch ist gleich heilig oder gleich profan. Die Mitgliedschaft in einer wie auch immer gearteten Organisation ändert nichts an diesem Fakt.

Dann wirft dies auch die Frage auf, ab wann etwas ein freimaurerischer Wert, Grundsatz oder freimaurerisches Gedankengut ist. Wenn ich noch einmal die Werte „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität“ bemühe, dann frage ich mich: Handelt es sich hierbei um explizit freimaurerische Werte? Oder sind es nicht vielmehr universelle Werte, die das Freimaurertum für sich entdeckt und adaptiert hat? Darüber hinaus ist – wie oben bereits angeführt – auch die Idee der rituellen Initiation keine primär freimaurerische. Folglich stellt sich die Frage, ab wann man Werte, Grundsätze und Gedankengut freimaurerisch nennen kann?

Nun mal angenommen, man käme tatsächlich zu dem Ergebnis, bestimmte Werte, Grundsätze und ein bestimmtes Gedankengut als explizit freimaurerisch einordnen zu können. Ist es dann nicht regelrecht übergriffig, Nicht-Freimaurer, die ihr Leben ebenfalls danach ausgerichtet haben, einfach für sich zu vereinnahmen? Ist das nicht erst recht der Fall, wenn diese vielleicht sogar aus guten Gründen keine Freimaurer sind?

Ich selber zum Beispiel habe eine Affinität für alte Kirchengebäude und liturgische Gottesdienste. Darüber hinaus hat das Gebot von Jesus Christus der Selbst-, Nächsten- und Gottesliebe einen hohen Stellenwert auf meinem spirituellen Weg. Das alles trifft wahrscheinlich auch auf einen praktizierenden Katholiken zu. Trotzdem würde ich mich sehr dagegen verwehren, wenn Katholiken mich deshalb einfach als Katholik – vielleicht als „Katholik ohne Kirchenschein“ oder so – bezeichnen würden. Schließlich gibt es trotz einiger Überschneidungen klare Gründe, weshalb ich kein Mitglied der Katholischen Kirche bin. Das liegt in der Hierarchie und in dem Dogma dieser Institution begründet.

Ebenso kann jemand von außen betrachtet große Schnittmengen mit dem Gedankengut, den Werten und den Grundsätzen des Freimaurertums aufweisen und trotzdem ganz bewusst nie Mitglied einer Freimaurerloge geworden sein. Ihn dann einfach – quasi gegen seinen Willen – als Freimaurer (ohne Schurz) zu adaptieren ist schlichtweg übergriffig.

Natürlich ist ein Freimaurer jemand, der ein bestimmtes Gedankengut sowie bestimmte Werte und Grundsätze in seinem Leben praktiziert. Darüber hinaus aber eben auch jemand, der versucht, sich die freimaurerische Symbolik zu erschließen, im Austausch mit den Brüdern steht und regelmäßig am freimaurerischen Ritual teilnimmt. Und zumindest für die letztgenannten Punkte bedarf es der Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge. Wer diese Kriterien nicht erfüllt, ist kein besserer oder schlechterer Mensch, auch kein heiligerer oder profanerer Mensch, sondern einfach nur kein Freimaurer. Auch kein Freimaurer ohne Schurz.

DEN BAU VOLLENDEN

Eine wichtige Voraussetzung für die Errichtung eines Bauwerkes ist, dass vor Baubeginn fehlerfrei vermessen worden wird. Denn aus den gemessenen Daten errechnet sich schließlich der Bauplan. Und aus diesem leitet sich zum Beispiel ab, wie viel Bauzeit zu veranschlagen ist, wie viel Material benötig wird und wie viele Bauleute eingesetzt werden müssen. Das gesamte Projekt steht daher auf tönernen Füßen und droht nicht vollendet zu werden, hat man sich vor Baubeginn vermessen.

Vermessen im wahrsten Sinne des Wortes sind, wie ich dargelegt habe, die Aussage „Freimaurerei war immer“ und die Idee des „Freimaurers ohne Schurz“. (Zugegebenermaßen ist dieses Wortspiel etwas bemüht, trifft aber dennoch ganz gut, was ich ausdrücken will.) Denn dieses hochmütige, anmaßende und überhebliche Selbstbild, das aus diesen Aussagen trieft, steht im krassen Widerspruch zum tiefsten Wesenskern des Freimaurertums. Dieser Eindruck wächst und verfestigt sich in mir, je länger ich Freimaurer bin, je höher ich in den freimaurerischen Graden komme und je tiefer ich ins freimaurerische Ritual und seine Symbolik eintauche. Das genannte Selbstbild ist völlig ungeeignet, den freimaurerischen Bau zu vollenden. Und hierbei ist es egal, ob ich vom inneren Tempel spreche, den jeder Freimaurer in sich selbst errichtet oder vom universellen Tempel der Humanität, in den der einzelne Freimaurer sich als Baustein einfügt.

Daher, liebe Freimaurer-Brüder, lassen wir den Geist, der hinter diesem egodurchseuchten Selbstbild steht, doch sterben! Legen wir ihn in den Sarg, in sein eigenes Grab! Er soll das Fleisch sein, das sich von den Knochen löst, wenn der Verwesungsprozess einsetzt! Verrotten soll er und im Sarg zurückbleiben. Niemals mehr soll er (mit) auferstehen! Es liegt nur an uns. Was hindert uns daran?

Wörter und Götter und so

NICHTS NEUES UNTER DER SONNE?

Im Januar 2018 erschien das Buch „Wörter machen Götter“ des Freimaurers Klaus-Jürgen Grün. Ein Buch, in dem er Stellung bezieht. Nicht nur für ein humanistisch atheistisch geprägtes Freimaurertum. Sondern auch explizit gegen den christlichen Freimaurerorden (Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland – GLLvD). Ein Buch, das polarisiert und innerhalb des deutschen Freimaurertums für verbitterte Auseinandersetzungen und Anfeindungen gesorgt hat.

Bruder Grün gehört der vorwiegend humanistisch ausgerichteten freimaurerischen Richtung der „Alten freien und angenommenen Maurer von Deutschland“ (AfuaM) an. Bereits in der Vergangenheit hat er Veröffentlichungen verschiedenster Art herausgebracht, die sich von einem humanistischen Standpunkt aus kritisch mit den Fragen der Religion und des Gottesglaubens auseinandersetzen. Nur konsequent stellt er auch die esoterisch spirituellen Bezüge im Lehr-, Symbol- und Ritualgebäude der ersten drei Johannisgrade des Freimaurertums in Frage. Folgerichtig hinterfragt er dasselbe in den unterschiedlichen Systemen der (Hoch-) Grade, die auf die ersten drei Johannisgrade folgen (können). Denn in diesen werden regelhaft die esoterisch spirituellen Aspekte des Freimaurertums aufgegriffen, vertieft und erweitert.

Die Auseinandersetzungen, ob der freimaurerische Weg einen wie auch immer gearteten Gottesbezug benötigt und ob Symbol und Ritual des Freimaurertums immer auch eine esoterisch spirituelle Dimension innewohnen muss, sind so alt wie das Freimaurertum selbst. Auch heute werden sie geführt. Viel zu häufig. Gerne auch voller Inbrunst. Und nicht selten kräftig unter die Gürtellinie (siehe hier).

Ich selbst habe mich auf meinem Blog zu diesem Thema klar positioniert (siehe hier). Doch ich habe auch die freimaurerischen Standpunkte, die konträr zu den meinen stehen, als gleich-berechtigt auf meinem Blog zugelassen (siehe hier und hier).

Das Streitthema, zu dem Bruder Klaus-Jürgen Grün sich äußert, ist also kein neues. Und auch sein Werk „Wörter machen Götter“ ist nicht seine erste Verlautbarung dazu. Warum also hat es nun solch einen Wirbel ausgelöst und so viel Unfrieden in das deutsche Freimaurertum getragen?

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich selbst habe das Buch von Bruder Grün nicht gelesen. Doch kenne ich mittlerweile seitenweise Zitate daraus und habe auch mehrere Rezensionen gelesen. Das langt nicht, um fundiert inhaltlich zu diskutieren. Aber es langt, um mir ein Bild über den Stil dieses Buches zu machen. Und um Fragen zu stellen…

POTENTIAL DER VERLETZUNG

Ich glaube, das, was am schwersten an dem Buch von Bruder Grün wiegt, ist, dass er dem gesamten christlichen Freimaurerorden pauschal jegliche Regularität abspricht. Dies tut er mit einer Absolutheit und einer Vehemenz, die jeden Andersdenkenden automatisch ausgrenzt. Und damit verlässt er die Ebene der gleichberechtigten Begegnung und des gleichberechtigten Austausches. Er stellt ein Über-Unter-Verhältnis her. Dadurch schafft er die gleiche Ausgangssituation, wie sie religiöse Fundamentalisten gegenüber Ungläubigen schaffen. Auf der einen Seite steht der „Gläubige“, der im Besitz der „absoluten Wahrheit“ über etwas ist. Und auf der anderen Seite steht der „Ungläubige“, der einen großen Makel hat, so lange er diese Wahrheit nicht vollständig übernommen hat. Das treibt Bruder Klaus-Jürgen Grün so weit, sich sogar anzumaßen, selber besser beurteilen zu können, wie der einzelne Ordensfreimaurer das eigene Ordensritual und den Begriff des „Dreifach großen Baumeisters“ zu verstehen und für sich auszufüllen und zu leben hat.

Weiter wählt er bezogen auf den Freimaurerorden eine Wortwahl, die vor allem dazu geeignet ist, die Gefühle religiöser Menschen zu verletzen. Und auch so manche Schlussfolgerung, die er bezüglich des Freimaurerordens zieht, ist bestenfalls plakativ und provozierend; schlimmstenfalls aber irgendwo zwischen übler Nachrede und Rufmord anzusiedeln.

So überrascht es nicht, dass mir einiges, was ich aus diesem Buch las, tiefe und schmerzhafte Stiche versetzt hat. Es verlangte mir einiges an Impulskontrolle ab, mich nicht ebenfalls mit wehenden Fahnen und gewetzten Messern in die entflammten Kontroversen zu stürzen.

Eine bittere Erkenntnis, die mir die ganzen vorangegangenen Auseinandersetzungen um Gott und Spiritualität innerhalb des Freimaurertums gebracht hatten, war, dass Fundamentalismus kein Merkmal ist, das sich nur in den Religionen finden lässt. Viel zu oft hatte ich erleben müssen, dass humanistische und atheistische Brüder dieselben Argumentationsweisen, denselben Absolutheitsanspruch und dieselbe Toleranzfähigkeit an den Tag legten wie religiöse Fundamentalisten. In diesen Fällen war lediglich das religiöse Dogma durch ein nichtreligiöses ersetzt worden. Und das Buch von Bruder Grün setzt leider ein dickes Ausrufezeichen hinter diese Beobachtung.

Wie es scheint sind auch die „Vereinigten Großlogen von Deutschland“ (VGL) zu einer ganz ähnlichen Einschätzung über dieses Buch gekommen. In der VGL haben sich die fünf eigenständigen Großlogen, die die Johannisgrade auf deutschem Boden bearbeiten, zusammengefunden. Unter anderem auch die Großloge AfuaM und der christliche Freimaurerorden. Und der Senat der VGL – in dem die Großloge AfuaM aus Proportsgründen die Mehrheit stellt – hat das Buch einstimmig als „Hetzschrift“ eingeordnet.

AUS DER GESCHICHTE NICHTS GELERNT?

Das letzte Mal, dass eine freimaurerische Richtung einer anderen freimaurerischen Richtung die Rechtmäßigkeit in derart massiver Weise abgesprochen hat, war in den Zeiten des aufstrebenden Nationalsozialismus. Doch damals war es genau umgekehrt. Damals war es der christliche Freimaurerorden, der seinen humanistischen Brüdern die Existenzberechtigung absprach. Dies geschah auch, um sich dem Nationalsozialismus bis zur Aufgabe der eigenen Identität anzubiedern.

Das Ende vom Lied ist hinlänglich bekannt. Wenn überhaupt, dann lieferte das Verhalten des Freimaurerordens lediglich den Feinden des gesamten Freimaurertums Munition. Und schlussendlich wurden alle Richtungen des Freimaurertums verboten und verfolgt.

Meinem Verständnis nach ist der christliche Freimaurerorden damals seinen humanistischen Brüdern gegenüber schuldig geworden. Inwiefern dies aufgearbeitet worden ist und eine Aussöhnung stattgefunden hat, kann ich (noch) nicht abschließend beurteilen.

Doch dieses freimaurerische Kapitel hat mich sensibilisiert für die Verantwortung, die jeder einzelne Freimaurer für das trägt, was er öffentlich von sich gibt. Das gilt ganz besonders für die heutige Zeit, in der am rechten politischen Rand und in Reihen konservativ dogmatischer Christen wieder die wirrsten Verschwörungstheorien entstehen und verbreitet werden, woran „die Freimaurer“ denn so alles Schuld seien. Bruder Klaus-Jürgen Grün war sich seiner Verantwortung offenbar nicht bewusst, als er sein Buch schrieb.

TRENNENDES UND VERBINDENDES

Manchmal habe ich den Eindruck, es gibt für Menschen nur zwei grundsätzliche Arten, miteinander umzugehen. So kann man entweder betonen, was einen verbindet. Oder man kann betonen, was einen trennt. Was für die Menschheit im Allgemeinen gilt, gilt für die Bruderschaft der Freimaurer im Besonderen.

Und von dem Moment an, wo Dogmatismus Spiel kommt, wird immer das Trennende betont. Denn Dogmatismus geht von einer „feststehenden Definition oder einer grundlegenden, normativen Lehraussage“ aus, „deren Wahrheitsanspruch als unumstößlich festgestellt wird“ (vergleiche Wikipedia). Das bringt mit sich, dass jede Anschauung und jeder Mensch, der mit dieser Lehraussage nicht konform geht, ausgegrenzt wird.

Bruder Grün spricht mit seinem Buch ganz klar die Sprache eines Dogmatikers. Er betont das Trennende. Und absolutiert diesen Standpunkt. Er stellt sein Dogma über brüderliche Begegnung. Ebenso gut hätte er ein Buch darüber schreiben können, was das christliche und das humanistische Freimaurertum verbindet. Dieses Buch wäre wahrscheinlich um einiges länger und umfangreicher geworden. Stattdessen ergießt er sich darin zu betonen, was beide Lager voneinander trennt.

Und er sieht in diesen Unterschieden nichts, was bereichert oder im positiven Sinne herausfordert. Sondern nur etwas, was ausgelöscht gehört. Das zeigt, dass er von einer Art gleichgeschalteter Einheitsfreimaurerei auszugeht. Und in dieser hat nur Platz, wer einer humanistisch atheistischen Überzeugung anhängt, wie Bruder Klaus-Jürgen Grün sie definiert.

VIELFALT UND VERWURZELUNG

Das ist wahrscheinlich der Punkt, an dem ich am weitesten mit ihm auseinanderliege. Für mich sind die unterschiedlichen und bisweilen auch gegensätzlichen Facetten, die sich im Freimaurertum wiederfinden, eine der größten Stärken dieser Bruderschaft. Für mich ergänzen und bereichern diese sich gegenseitig.

Denn das, was diese unterschiedlichen Brüder miteinander verbindet, ist das Erleben des freimaurerischen Rituals und der freimaurerischen Symbolik. Und dies verbindet auf einer viel tieferen Ebene, als dass der Buchstabe des Dogmas jemals dringen könnte. Das ist meines Erachtens das „berühmte“ freimaurerische Geheimnis.

Aus diesem Grund bin ich gerne bereit, die Spannungen, die diese freimaurerische Vielfalt mit sich bringt, auszuhalten und mitzutragen. Und mit dieser inneren Haltung begegne ich auch den freimaurerischen Brüdern, die mir – wie Bruder Grün – absprechen, ihr Bruder zu sein. Natürlich erfordert dies ein hohes Maß an Ausdauer und Leidensfähigkeit und auch eine gewisse Frustrationstoleranz. Aber die Begegnungen und der Austausch, die es mit sich bringt, wiegen das allemal auf.

Wahrscheinlich wäre es sehr viel einfacher, mich in meiner eigenen freimaurerischen Wagenburg zu verschanzen und alles zu bekämpfen, was meine kleine, heile Welt in Frage stellt. Es wäre der Weg des geringsten Widerstands. Der Weg, den Bruder Klaus-Jürgen Grün mit seinem Buch gewählt hat. Aber dieser Weg ist eben nicht meiner.

Nur um eines ganz klar zu sagen: Dieses bewusste Aushalten und Annehmen der Spannungen zwischen den unterschiedlichen freimaurerischen Richtungen hat nichts mit Beliebigkeit, Gleichgültigkeit oder Ignoranz zu tun. Natürlich habe ich eine ganz klare Verwurzelung in der Lehrart des christlichen Freimaurerordens. Und diese Verwurzelung ist bewusst gewählt. Ich kann sie begründen und ich schätze sie. Trotzdem sehe ich in den anderen Lehrarten keine Bedrohung für meinen eigenen freimaurerischen Weg. Sondern etwas, das meinen Weg ergänzt, bereichert und im positiven Sinne herausfordert. In dem Freimaurertum, für das ich stehe, haben Atheisten ebenso Platz wie Gottesgläubige, die unterschiedlichen Agnostiker ebenso wie ganze Bandbreite der spirituell Suchenden, Gnostiker und Mystiker. Und so weiter. Der viel zitierte Satz „Einheit in Vielfalt“ ist für mich keine hohle Phrase, sondern gelebte Wirklichkeit.

Und dieser Satz findet für mich organisatorischen Ausdruck in der VGL. Meines Erachtens tut es dem christlichen Freimaurerorden und der Großloge AfuaM nur gut, durch diesen Dachverband in regelmäßiger Kommunikation zu stehen und sich immer wieder miteinander auseinandersetzen zu müssen. Ohne die VGL bestünde die Gefahr, dass beide Großlogen zu sehr in ihrem eigenen Saft schmoren.

BLUTENDE WUNDEN UND OFFENE FRAGEN

Mein Bruder und Freund René Schon meinte zu mir, dass Bruder Grün in seinem Buch interessante und schlüssige Thesen in Bezug auf die Gottesfrage bringt. Das stelle ich nicht in Abrede. Ich las an verschiedener Stelle, dass Bruder Klaus-Jürgen Grün ein „brillanter Geist“ sein soll. Doch ein Buch ist grundsätzlich nicht nur nach seinem Inhalt zu bewerten, sondern auch nach seinen Auswirkungen.

Und diese sind überwiegend destruktiver Natur. Denn dieses Buch hat schmerzhafte Kreisläufe der gegenseitigen Verletzungen angestoßen. Es hat Gräben gerissen zwischen Menschen, die sich als Brüder begegnen sollten. Es hat die „freimaurerische Ökumene“ um Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte, zurückgeworfen. Die Wunden, die es gerissen hat, werden noch lange bluten. Und die Narben wird man noch wesentlich länger sehen.

Für mich bleibt die Frage, welche Absicht Bruder Grün verfolgt hat. Er bringt ein Buch heraus, das von seinem Inhalt und von seiner Machart her geeignet ist, maximalen Flurschaden innerhalb des deutschen Freimaurertums anzurichten. Welche Folgen dieses Werk haben wird, muss ihm vorher bewusst gewesen sein. Schließlich ist er lange genug Freimaurer und kennt die unterschiedlichen Richtungen gut genug, um das abschätzen zu können.

War es seine Absicht, möglichst viele Brüder, die er unmöglich alle persönlich kennen konnte – Brüder wie mich -, stumpf zu verletzen? Oder suchte er den Skandal, um gute Verkaufszahlen zu generieren? Oder nutzt er das Buch, um eine persönliche Fehde auszutragen? Glaubt er tatsächlich, dass seine destruktive Art und Weise geeignet ist, das deutsche Freimaurertum in seine Richtung zu verändern? Wollte er nur einen Impuls setzen, der ihm letztendlich komplett entglitten ist? Oder wollte er den Bruch zwischen dem christlichen Freimaurerorden und der Großloge AfuaM herbeizuführen; mit dem Ziel, dass einer oder sogar beide die VGL verlassen?

Egal, was die Motive von Bruder Klaus-Jürgen Grün auch gewesen sein mögen, der Kollateralschaden, den dieses Buch mit sich bringt, steht in keinem Verhältnis zu dem Nutzen, den es haben könnte. Es zeigt sich wieder mal: Der Zweck heiligt nicht die Mittel.