Freiheit!

In meiner Nachbarschaft hatte jemand auf seinem Grundstück eine Fahne gehisst. „Freiheit“ stand auf ihr. In altdeutschen Buchstaben. Allmorgendlich baute sich mein Nachbar vor seiner Fahne auf, stand stramm, salutierte. Und schmetterte eine altdeutsche Fanfare auf seiner altdeutschen Trompete.

Als ich letzt mit dem Kinderwagen an seinem Grundstück vorbeischob, sprach er mich an. Er meinte zu mir, dass die Bundesrepublik Deutschland sich schleichend in eine Diktatur verwandelt habe. Eine Diktatur, die in allen Sektoren des öffentlichen und privaten gesellschaftlichen Lebens die grundgesetzlich zugesicherten Freiheitsrechte seiner Volksgemeinschaft beschneide. Und jetzt solle auch noch die Böllerei zu Silvester verboten werden! „Ich kann ja viel ertragen“, polterte mein Nachbar, „aber das geht eindeutig zu weit! Das ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat!“ Daher habe er sich trotzdem klammheimlich Knallkörper gekauft, so mein Nachbar weiter. Und zwar eine Atombombe. Diese habe er in „Onkel Alis Kiosk“ unter der Ladentheke bekommen.

Ali hatte vor vielen Jahren diesen Kiosk übernommen. Vorher war der Kiosk ein Tante-Emma-Laden gewesen. Jahrzehntelang hatte eine alte, schmächtige, grauhaarige Frau dort gebückt hinter dem Tresen gestanden und den Leuten zu überhöhten Preisen alles mögliche verkauft. Gleichzeitig war sie so etwas wie der Umschlagplatz von Klatsch und Tratsch im Ort. Ihr „Psst, wusstest Du schon?“, war legendär und sollte noch jahrelang in meinem Kopf herumgeistern. Irgendwann hatte sie aus Altersgründen den Laden aufgeben müssen. Und wie sollte es auch anders sein, war dieser Laden natürlich von so ’nem Türken übernommen worden. Aus dem „Tante Emma Laden“ wurde „Onkel Alis Kiosk“.

Dabei hätte der Ali doch erst einmal unter Beweis stellen müssen, dass er sich auch integrieren kann, bevor er solch einen Laden übernehmen darf, hatte mein Nachbar stets betont. Oftmals, wenn wir in der Pinte an der Ecke gesessen hatten, hatte sich mein Nachbar darüber echauffiert, dass die schleichende Überfremdung seines Vaterlandes selbst vor dem Tante-Emma-Laden unseres Ortes keinen Halt gemacht hatte. Meist hatte es fünf oder sechs Biere gebraucht, um seinen kritischen Geist an die Oberfläche zu spülen. Dann aber mit umso mehr Nachdruck!

Doch jetzt sah mein Nachbar das völlig anders. Dass der Ali unter der Hand Knallkörper verkaufte, deren Verkauf in diesem Jahr verboten war, sei doch schließlich der Beweis dafür, dass er sich mittlerweile gut in die Deutsche Leitkultur integriert habe. „Der Ali ist ein richtiger Pfundskerl! Und wahrscheinlich sogar ein besserer Deutscher als so mancher Volksdeutscher. Denn schließlich traut er sich noch was!“ Mein Nachbar bekam sich gar nicht mehr ein, so sehr zollte er dem Ali Anerkennung.

Und so eine Atombombe mache schließlich auch was her. Wahrscheinlich war er noch nie in seinem Leben an einen Knallkörper gelangt, der solch einen „Wums“ habe, erklärte mein Nachbar freudestrahlend. „Ist so eine Atombombe nicht ein wenig zu laut?“, fragte ich nach. „Ach was“, entgegnete er, „da können diese ganzen verweichlichten Gutmenschen mal sehen, wo der Hammer hängt!“

Silvester war es dann soweit. Extra schon am Nachmittag, damit es auch ja jeder mitbekommt, hat mein Nachbar dann seine Atombombe gezündet. Und der „Wums“ war tatsächlich ganz schön laut. Die umliegenden Häuser und Grundstücke wurden von einer großen Feuerwalze dem Erdboden gleichgemacht. Die Feuersbrunst breitete sich rasend aus und fegte auch über den angrenzenden Spielplatz hinweg. Die angeregten Gespräche junger Eltern, das Durcheinander kindlichen Geschreis, das alles verstummte mit einem Mal. Kleine Kinder, vielleicht drei, vier oder fünf Jahre alt, die auf den Schaukeln saßen, loderten auf und zerfielen zu Asche im selben Moment. Es waren Bilder, die mich an die apokalyptischen Visionen von Sarah Connor in Terminator 2 erinnerten. Zurück blieben die Überreste glühender Metallkonstruktionen, verkohlte Baumstümpfe, verbrannte Erde.

Als ich einige Tage später wieder mit dem Kinderwagen unterwegs war und meinem Nachbarn begegnete, meinte ich zu ihm, dass sein Feuerwerk ja nicht von schlechten Eltern gewesen sei. Er lachte bestätigend. „Aber guck Dir doch mal Deinen Rasen an“, sagte ich ihm, „der sieht ja aus, als hätte die Sonne eines Klimawandel-Rekord-Sommers wochenlang unablässig auf ihn eingestrahlt, ohne dass er zwischendurch mal gewässert worden wäre. Das dauert bestimmt Wochen bis Du den Rasen wieder hinbekommen hast.“ „Das war es mir wert!“, bekräftigte er, „das war es wert!“

(Dieser Artikel ist meinem Freund Matze-Atze gewidmet.)

Never again!

Ein Geschwür breitet sich aus in diesem Land: Geschichtsrelativismus. Menschen wollen sich nicht mehr erinnern. An die Schuld, die dieses Land einst auf sich geladen hat.

Dabei ist ein Erinnern notwendiger denn jeh.

Denn wieder spielt die Finanzwelt Russisches Roulette. Denn wieder wächst die Schere zwischen Arm und Reich. Denn wieder suchen Menschen klare Feindbilder. Denn wieder zünden rechte Schlägertrupps Häuser und Menschen an. Denn wieder sind die politisch Verantwortlichen nicht in der Lage, tragfähige Mehrheiten zu finden. Denn wieder liefern sich linke Schlägertrupps Straßenschlachten mit der Polizei. Denn wieder sitzt extremistisches Gedankengut in Deutschen Parlamenten.

Ich will nicht vergessen!

Ich werde nicht vergessen!

Wo Faschismus beginnt

BILDER DER GEWALT

Asylunterkünfte brennen. Die Braunen marschieren wieder. Um diesen Fremden zu zeigen, dass sie unerwünscht sind. Flüchtlinge, heimatlos und traumatisiert. Als die Polizei eingreift, fliegen Flaschen, Steine, Feuerwerkskörper. Barrikaden werden errichtet und in Brand gesteckt. Die Zahl der verletzten Polizisten wird in den zweistelligen Bereich gehen. Bürgerkriegsähnliche Bilder werden später von den Nachrichtensendern ausgestrahlt werden. Bilder, von denen ich gehofft hatte, sie in Deutschland nie wieder mitansehen zu müssen.

In den darauffolgenden Tagen wird sich auch die AntiFa berufen fühlen, aufzumarschieren. Den braunen Schläger-Trupps folgen die schwarz-roten. Auch diese werden zur Gewalt greifen. Alles wieder auf dem Rücken der Polizeibeamten. Die Bilder später in den Nachrichten werden denen der Nazi-Ausschreitungen erschreckend ähneln.

Ein x-beliebig anderer Ort in einem x-beliebigen Land zu einer x-beliebigen Zeit: Ein junger Mann holt unter seinem Mantel eine Schnellfeuerwaffe hervor. Lädt durch, legt an, drückt ab. Wieder und wieder. Im Namen Allahs. Sein einziger Vorsatz: Möglichst viele mit in den Tod zu reißen. Menschen, deren einziger Fehler es ist, die falschen Weltbilder für wahr zu halten. Oder in der falschen Gegend geboren worden zu sein. Vielleicht sind sie einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Nur wenige Minuten wird es dauern. Doch diese werden ausreichen, um ein ganzes Land in Schockstarre zu versetzen.

WIE KONNTE ES SOWEIT KOMMEN?

Das, was an diesen Taten so schockiert, ist die Empathielosigkeit, die die Gewalttäter ihren Opfern gegenüber an den Tag legen. Wie kann es dazu kommen, dass Menschen ihre natürliche Hemmschwelle, einem anderen Menschen Gewalt anzutun, verlieren? Wieviel Indoktrination braucht es, zu legitimieren, einen anderen Menschen zu töten? Wie lange muss ein Mensch konditioniert werden, bis er im Gegenüber nur noch den Angehörigen einer feindlichen Weltanschauung oder den Vertreter eines verhassten Systems sieht? Und nicht mehr einen Menschen. Mit denselben Bedürfnissen, den denselben Hoffnungen und denselben Ängsten.

Wenn man im Gegenüber nicht mehr den Menschen sehen kann und dessen Würde einer Anschauung unterordnet, ist – meines Erachtens – der Punkt erreicht, an dem Faschismus seinen Anfang nimmt. Hierbei ist es völlig unerheblich, ob diese Anschauung politischer oder religiöser Natur ist. Ein Wesensmerkmal faschistischer Systeme war und ist immer auch die Empathielosigkeit bestimmter menschlicher Gruppierungen gegenüber.

WAS WIR ERNTEN

In fast allen spirituellen Traditionen findet man das Prinzip von Saat und Ernte. Vereinfacht besagt dieses, dass man mit allem, was man sagt, tut und unterlässt oder auch denkt und fühlt, eine Saat ausstreut. Diese wird irgendwann aufgehen und Früchte hervorbringen. Entsprechend der Saat können diese Früchte konstruktiver oder destruktiver Natur sein.

Dies vorausgesetzt, frage ich mich, was für eine Welt wir uns aktuell erschaffen. Was wird die Menschheit ernten, wenn das, was sie aussät, abscheulichste Gewalttaten sind? Wenn diese Taten heroischer sind, je brutaler sie sind und je mehr Opfer sie hervorbringen. Denn mit jeder Gewalttat bleiben ganze Scharen von verwundeten, trauernden und zornigen Menschen zurück. Verletzt an Leib und Seele.

Wenn Wunden aber eins benötigen, um zu heilen, so ist es vor allem Zeit. Doch genau diese scheint der Menschheit nur so durch die Finger zu rinnen. Wir befinden uns in einer – sich immer schneller drehenden – Spirale aus Gewalt und Gegengewalt. Die Wunden der ersten Tat sind noch nicht verheilt, da reißt die Reaktion auf diese Tat schon wieder neue.

Und je weiter man in der Menschheitsgeschichte zurückblickt, desto schwieriger ist es zu benennen, wer irgendwann mal den Anfang dieses Kreislaufs gesetzt hat. Kaum noch zu bestimmen, wer die Schuld an dem trägt, was wir aktuell erleben.

Trotzdem aber wird jede dieser Gewalttaten als Rechtfertigung genommen, zu verurteilen. Endlich hat manch Otto-Normal-Verbraucher einen Grund, „diese Ausländer“ – die ihm ja eh schon immer irgendwie suspekt waren – ablehnen zu dürfen. Und so sieht man im Flüchtling auch nicht mehr das heimatlose Kriegsopfer mit einer erschütternden Lebensgeschichte. Sondern nur noch einen Faktor, der uns Geld kostet.

DER WEG DES FRIEDENS

Diese Zeit brüllt uns förmlich ins Gesicht: Wo sind die Menschen, die die Fähigkeit besitzen, die Dinge differenziert zu betrachten und in einen größeren historischen Rahmen einzubetten? Die in der Lage sind, verschiedene Standpunkte einzunehmen und zu verstehen. Die nicht gleich ganze Menschengruppen stigmatisieren, weil einzelne von ihnen Gewalttaten begangen haben. Die nicht nur nach Begründungen suchen, das Andersartige zu bekämpfen. Sondern es wagen, empathisch zu sein und sich in dessen Situation hinein zu versetzen. Die die Spannung aushalten, für erlittenes Unrecht keine Vergeltung zu üben; weil Gewalt gegen Menschen für sie kein probates Mittel darstellt. Die dieses Unrecht trotzdem ganz klar benennen und aufzeigen können. Ohne jedoch es missbrauchen zu müssen, die eigene Schuld zu relativieren. Die Menschen, für die jeder Mensch eine Würde hat. Nicht nur der, der ihrer Wertegemeinschaft, ihrer Religion oder ihrem Volk angehört.

Eigentlich braucht die Menschheit genau die Werte, die auch schon Jesus Christus vor etwa 2000 Jahren von den Menschen einforderte: Seinen Nächsten – insbesondere seinen Feind – zu lieben wie sich selbst. Erst den Balken im eigenen Auge zu entfernen, bevor man auf den Splitter im Auge des Nächsten zeigt. Jeden so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte.

Konsequent zu Ende gedacht bedeuten diese Forderungen nichts anderes, als das eigene Ego von seinem Thron zu stoßen und sich seiner inneren dunklen Seite zu stellen.

Dahinter verbirgt sich das Wissen, dass ich nur dann empathisch sein kann, wenn ich mein Ego entmachtet habe. Denn das Ego ist der angstmotivierte Anteil in mir, der nach Macht und Anerkennung von außen strebt. Der Teil, der die Kontrolle behalten will und in den Krieg zieht, wenn diese bedroht ist. Es ist der Teil in mir, der auf Vergeltung drängt, wenn er angegriffen worden ist.

Außerdem verbirgt sich dahinter das Wissen, dass es keinen äußeren Feind gibt. Das, was ich an anderen bekämpfe, ist letztendlich nur Projektion meines eigenen, unerlösten Anteils. Mein eigener Schatten. Und anstatt, diesen Feind außerhalb von mir zu suchen, muss ich den Blick nach innen richten. Ich muss lernen, meine Schattenseite zu betrachten und auszuhalten und so aus dem Unbewussten ins Bewusste zu holen. Sie zu umarmen, anstatt sie zu bekämpfen.

Dieser Weg nach innen ist der beschwerlichere, als der nach außen gerichtete Angriff. Vielleicht sagte der Christliche Mystiker Thomas Merton deshalb, dass es ein viel heldenhafteres Opfer verlangt, Frieden zu stiften, als den Krieg zu erklären.

Aber genau solche Helden braucht unsere heutige Zeit nötiger denn je! Menschen, die sich auf diesen inneren Weg des Friedens begeben, anstatt auf den äußeren Weg des Krieges!