Legende

Aus westlicher Richtung sollte ich das Heiligtum betreten. So wie unzählige Suchende und Neophyten vor mir. Die Sonne prangte über mir. Doch die mannigfach rötlichen Schleier, die sie über Himmel und Landschaft legte, zeugten davon, dass ihre Kraft am Schwinden war. Der Tag lag im Sterben. Die Dunkelheit und die Kälte der Nacht streckten ihre unerbittlichen Klauen nach allem aus, was sie zu fassen bekamen.

Ich trat auf das große, steinerne Portal mit dem massiven Holztor zu. Gesäumt wurde es von zwei Säulen. Davor stand ein älterer Mann in einer weißen Kutte. Auf seiner Brust ein rotes Tatzenkreuz, auf dem Kopf der hohe Hut des Magiers, in der Hand das Schwert des Kriegers. An der Klinge seines Schwertes tänzelten unzählige feurige Flammen. Ein voller Bart bedeckte den Großteil seines Gesichtes. Seine tiefblauen Augen blickten mich durchdringend an. „Wer bist Du?“, stieß er hervor. Ja, wer war ich? Verzweifelt rang ich nach einer Antwort. Doch es blieb nur mein Schweigen. „Woher kommst Du und wohin gehst Du?“, fragte der Wächter nun. Doch auch auf diese Fragen vermochte ich keine Antwort zu finden. Vielleicht erhoffte ich, sie hinter dem hölzernen Tor zu erhalten, das der Alte bewachte. Hilflos wich ich seinem Blick aus. Und wieder nur mein Schweigen. Unvermittelt jedoch trat der Alte beiseite und das Tor öffnete sich.

Nachdem ich es durchschritten hatte, blieb ich stehen. Und verharrte einen Augenblick lang. Vor mir breitete sich ein weiter Raum aus. Dieser wurde zu allen Seiten von gewaltigen, dunkelgrauen Steinmauern begrenzt, die sich schier unendlich in die Höhe erhoben. Ein atemberaubendes Gewölbe schloss diese Mauern zum Himmel hin ab. Eine Kathedrale. Bunte, langgezogene Fenster, die sich beinahe über die gesamte Höhe erstrecken, waren in die Wände eingelassen. Die untergehende Sonne schien in schummrigem Bunt durch sie ins Innere dieses Bauwerks. Am östlichen Ende stand ein massiver Altar. Auf diesem brannten drei Kerzen. Hinter dem Altar führte ein kleines hölzernes Tor ins Freie. Solche Tore existierten ebenfalls in der Nordwand sowie in der Südwand. Die ganze Kathedrale schien sich zu Gott empor zu strecken. Jeder Winkel flüsterte: „Ehre sei Gott!“

Jäh wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, als das Tor, durch das ich diese Kathedrale betreten hatte, hinter mir rumpelnd ins Schloss fiel. Ich drehte mich um und rüttelte an seinem massiven Knauf. Doch das Tor war verschlossen. Kurz wallte so etwas wie Panik in mir auf. Hektisch blickte ich um mich. Die Sonne schien so gut wie untergegangen zu sein, denn undurchsichtige Dunkelheit breitete sich nun überall in der Kathedrale aus. Auch der nur noch schwache Schimmer, der durch die hohen Fenster fiel, änderte nichts mehr daran. Einzig der Altar im Osten wurde noch von den drei Kerzen erhellt. Eine unheimliche Ahnung ergriff von mir Besitz: Diese Kathedrale versank in Finsternis. Ich musste hier raus!

Eilig hastete ich zum Tor im Süden. Und riss es auf. Unverhofft sah ich mich einer in eine schwarzen Kutte gekleideten Gestalt gegenüber; die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Sie hielt einen kleinen wie spitzen Dolch in der erhobenen Hand. Urplötzlich stach sie auf mich ein. Mit beiden Händen gelang es mir, ihren Stoß abzufangen und die Hand, in der sie das Messer führte, festzuhalten. Durch die Wucht dieses Angriffs ging ich in die Knie. Die Gestalt presste den Dolch weiter in meine Richtung. Ich stemmte mich mit aller Gewalt dagegen. Meine Arme schmerzten zusehends. Langsam kam die Gestalt mit ihrem Gesicht dem meinen nahe, als wollte sie mich küssen. Als mich ihr eisiger Atem umwehte, erkannte ich ihr Gesicht: Es war mein Gesicht! Die Gestalt holte tief Luft. Mein Atem entwich meiner Lunge. Etwas abgrundtief Kaltes und unbeschreibliches Trauriges blieb zurück. Ich rang nach Luft. Doch da war keine Luft mehr. Panik! Die Gestalt saugte meinen Atem in sich auf! Mein Körper sackte zusammen. Kälte und Traurigkeit breiteten sich in mir aus. Und hinterließen taube Leblosigkeit. Tränen liefen meine Wangen hinunter. Schließlich konnte ich sehen, wie ein kleiner Lichtfunke durch meinen Mund meinen Körper verließ. Er schwebte geradewegs auf die schwarze Gestalt zu. Sie schien diesen Lichtfunken in sich aufzusaugen.

Unverhofft erblickte ich einen eisernen Kerzenständer, der neben mir auf dem Boden stand. Meine rechte Hand ließ den Arm der Gestalt los. Als ich nach dem Kerzenständer griff, ließ sie den Dolch in meinen Bauch gleiten. Schmerz durchfuhr mich. Blut quoll hervor. Ein donnerndes Rumoren dröhnte durch die Kathedrale. Ich nahm mein letztes bisschen Kraft zusammen und schleuderte den Kerzenständer in das Gesicht der Gestalt. Sie taumelte nach hinten. Und fiel zu Boden.

Ich sank in mich zusammen. „Steh auf und lauf!“, schrie etwas in mir. Plötzlich schlug ein massiver Steinquader krachend neben mir in den Boden ein. Splitter flogen durch den Raum. Ein Grollen begann den Raum zu erfüllen. Steine sowie Balken der Konstruktion des Dachgewölbes stürzten in die Tiefe. Risse taten sich im Steinboden auf. Die Mauern bröckelten. Die pompösen Fenster barsten. Die Kathedrale brach in sich zusammen! Ich musste hier raus! Taumelnd richtete ich mich auf. Und stolperte zum Tor im Norden. Das Dröhnen, das die Kathedrale durchzog, schwoll an.

Am Nordtor angelangt, drückte ich zitternd die Klinke herunter. Doch dahinter stand eine weitere Gestalt! Es durchfuhr mich! Sie war gekleidet wie die erste; die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Schlagartig holte sie mit ihrem Dolch aus und stach in die Richtung meines Kopfes. Sie traf mich an der Stirn. Ich stürzte rücklings zu Boden. Blut lief über mein Gesicht. Im nächsten Moment schon kniete die Gestalt auf mir. Unter ihrer Kapuze konnte ich wieder mein Gesicht erkennen. Verdammt, was nur hatte es damit auf sich?! Wieder entwich mein Atem meiner Lunge. Wieder diese Leblosigkeit, diese Kälte, diese Traurigkeit. Ich ergab mich.

Plötzlich bemerkte ich, wie ich langsam aus meinen Körper trat. Schließlich stand ich neben mir und dieser Gestalt, die auf mir kniete. Ich schaute zu, wie mich dieser Lichtfunke abermals verließ und auf die Gestalt zuschwebte. Etwas Wunderschönes, zutiefst Friedliches und gleichzeitig unendlich Liebevolles ging von diesem Funken aus. Sein Strahlen verbreitete Helligkeit und Wärme. So etwas Wundervolles hatte ich vorher noch nie gesehen. Ein Gefühl von überwältigender Ergriffenheit überkam mich. Ich sah, wie Tränen aus meinem Körper, der dort auf dem Boden lag, rannen. Für einen Moment stand die Zeit still. Und mir wurde bewusst: Dies hier ist mein Ende. Dieser Funke wird erlöschen, sobald er im Inneren der Gestalt angekommen ist.

Ein dumpfer Schlag durchfuhr meinen Körper. Ich ruckte zusammen. Und öffnete wieder die Augen. Jetzt lag die Gestalt regungslos auf mir. War sie tot? War sie bewusstlos? Teile der hölzernen Dachkonstruktion lagen auf ihr. Ich versuchte sie von mir wegzudrücken. Doch das Holz wog schwer. Ich mobilisierte meine letzte Kraftreserven. Ruck um Ruck zog ich mich unter der Gestalt hervor. Und bleib neben ihr liegen.

Keine Kraft mehr aufzustehen. Also kroch ich über den kalten Steinboden. Eine blutige Spur zog sich hinter mir her. Das Hinabstürzen und Zerschellen von massiven Holz- und Gesteinsbrocken erfüllte jetzt die gesamte Kathedrale und wuchs noch weiter an. Die Außenwände begannen in sich zusammenfallen und rissen die Reste des Daches mit sich. Überall schlugen Trümmer ein. Vom Eingang im Westen aus tat sich ein breiter Riss im Boden auf. Und arbeitete sich unaufhaltsam vor in Richtung Altarraum im Osten. Er hinterließ eine tiefe Schlucht. Ich musste durch das Osttor hindurch sein, bevor der Riss dort angekommen ist! Geschwächt und vor Schmerzen stöhnend robbte ich Meter für Meter voran. „Ergib Dich! Lass Dein Leben endlich los.“, flüsterte eine Stimme in mir. „Nein, niemals!“, befahl ich mir, „Niemals!“

Als ich am Tor im Osten ankam, drückte ich mit allerletzter Kraft seine Klinke herunter. Unter mir breitete sich langsam eine Blutlache aus. Mein Blut. Ich spürte, wie der Boden um mich herum langsam aufriss. Das Tor schwang knarrend auf. Und wieder stand solch eine schwarz gekleidete Gestalt vor mir! Sie stieß ihren Dolch in Richtung meines Herzens. Ich konnte den Stoß parieren, zunächst einmal. Doch langsam drückte sie fester. Bösartig lächelte mich mein eigenes Gesicht unter der Kapuze an. Plötzlich konnte ich den kalten Atem der Gestalt spüren. Wieder begann mein Atem meiner Kehle zu entweichen. Wieder drangen diese leblose Kälte und Traurigkeit in mich ein. Doch diesmal krallten sie sich in meinem Inneren fest. Ganz fest. Dieser winzig kleine Lichtfunken verließ abermals meinen Mund und schwebte auf die Gestalt hinzu. Mein letzter Lebenswille erlosch. „Es ist vorbei.“, ging es mir durch den Kopf, als die Gestalt ihren Dolch langsam in mein Herz rammte. Schmerz durchfuhr mich. Blut quoll hervor.

Das Letzte, was ich sah, war, wie alle drei Gestalten um mich herum knieten. Gierig und triumphierend. Im Eingang der Kathedrale stürzten die beiden Säulen um. Wenige Meter hinter uns brach der Altar in sich zusammen. Seine Kerzen erloschen. Der Boden unter uns gab nun nach. Ich verlor den Halt. Die drei Gestalten und ich rutschten in den Spalt, der sich berstend im Altarraum auftat.

Und fielen. Hinein in die Tiefe. Mein Schrei erstarb, noch bevor er meine Lippen verlassen konnte. Wir stürzten ins Dunkle. Aus meinem äußeren Schweigen wurde inneres Schweigen. Aus Dunkelheit wurde Finsternis. In beides tauchten wir ein. Tiefer und tiefer. Bis es uns ganz und gar verschlungen hatte. Stille.

Stille. Mein tauber Körper lag auf hartem Untergrund. Ich drehte mich nach links und stieß gegen Holz. Und als ich mich nach rechts drehte, ebenso. Ich wollte meinen Kopf aufrichten, doch auch nach oben wurde ich durch Holz begrenzt. Mein Bewusstsein verlor sich erneut im schweigenden Dunkel. Finsternis.

Schließlich wurde der Sargdeckel von außen geöffnet. Das warme Hell einer von Kerzen erleuchteten, steinernen Gruft fiel zu mir herein. Leblos und leer lag mein Körper da. Der alte Mann mit dem weißem Rauschebart und den hellblauen Augen stieg zu mir in den Sarg. Auf seinem Haupt noch immer der hohe Hut des Magiers. Das Schwert des Kriegers auf den Rücken geschnallt. „Erhebe Dich, Sohn!“, sprach er. Er setzte seinen rechten Fuß an meinen rechten Fuß und ergriff mit seiner rechten Hand meine rechte Hand. Und zog mich zu sich empor. Hierbei setzte er sein rechtes Knie an mein rechtes Knie, drückte seine Brust an die meine und legte seinen linken Arm von rechts um meine Schultern. So zog er mich zu sich heran. Dort standen wir. In inniger Umarmung. Ich zitterte am ganzen Leib vor Schwachheit und vor Schmerz.

Nun atmete der alte Mann tief ein, wobei er die Wortsilbe „JH“ wisperte. Hiernach atmete er lange aus, wobei er die Wortsilbe „WH“ wisperte. Neues Leben, nie gekannte Kraft und grenzenlose Freude durchströmten mich. Als der Alte dasselbe zum zweiten Mal tat, hatte sich mein Atem bereits mit dem seinen verbunden. Wir atmeten gemeinsam. Eins miteinander. Der Alte wisperte wieder beim Einatmen die Silbe „JH“ und beim Ausatmen die Silbe „WH“. Ich erhob mein Haupt. Das Zittern entwich meinem Körper. Beim dritten Mal atmeten wir gemeinsam ein und aus und ich flüsterte die Silben „JH – WH“ mit. Ich öffnete meine Augen.

Ich war nackt. Der alte Mann war nicht mehr da. Zu meinen Füßen lagen sein hoher Hut und sein Schwert, das in einer Schwertscheide steckte. Beides nahm ich an mich und schaute mich um. Anscheinend befand ich mich in einer Grotte oder einer Gruft. Die Wände bestanden aus steinernem Schutt und Geröll. Es waren die Trümmer der Kathedrale. Unzählige Kerzen tauchten alles in warmes und doch nur sehr spärliches Licht. Um den Sarg herum lagen die drei schwarzen Gestalten auf dem Boden. Regungslos. Waren sie tot? Was, wenn sie sich plötzlich erhoben? Hastig befestige ich den hohen Hut an der Schwertscheide, schnallte beides auf meinen Rücken und zog das Schwert. Dessen flammende Klinge erleuchtete diesen Ort. Die drei Gestalten lagen weiterhin leblos auf dem Boden. Meine suchenden Blicke fanden keinen Ausgang. Wie nur sollte ich diesen Ort wieder verlassen? Mein Blick wanderte hoch und verlor sich in einem schier endlosen Schacht, der nach oben führte. Am Ende dieses Schachtes erahnte ich den Schimmer von Licht. Wollte ich hier raus, musste ich den Schacht komplett emporklettern.

Also begann ich zu klettern. Aufwärts. Geröllstück um Geröllstück. In aller Vorsicht setze ich einen Fuß nach dem anderen. Es war schwer, sicheren Stand zu erlangen und mich festzuhalten. Doch Stück für Stück bewegte ich mich empor. Dem Licht entgegen. Manches Mal glitten meine Füße ab. Manches Mal stürzten Trümmerteile in die Tiefe. Das Gestein presste tiefe Furchen in meine Hände. Die Schwielen, die es hinterließ, rissen auf und begangen zu bluten. Meine Beine wurden schwächer und schwächer. Doch unaufhaltsam kam das Licht näher.

Schließlich erreichte ich das obere Ende des Schachtes. Die milde Luft eines frühlingshaften Morgens umwehte meine Nase. Und füllte meine Lungen. „Tritt heraus, Bruder!“, ertönte eine tiefe männliche Stimme. Eine Hand wurde mir entgegengestreckt. Ich ergriff sie und wurde aus dem Schacht gezogen. Die Hand gehörte zu einem kräftigen, kahlköpfigen Mann. Seine tiefbraunen Augen blitzten mich an. Ich sank auf meine Knie. Von mir ausgehend erstreckten sich saftige grüne Wiesen in alle Himmelsrichtungen. Sie waren durchsetzt von Blumen in den unterschiedlichsten Farben. In weiter Ferne waren Bäume und Wälder zu erahnen. Die noch sehr zarten morgendlichen Sonnenstrahlen tauchten die gesamte Landschaft in etwas Verheißungsvolles. Hoffnung. Einige Meter entfernt saßen weitere Männer um ein Lagerfeuer herum.

Irritiert schaute ich um mich. „Wo ist die Kathedrale?“ „Schau in Dich.“, antwortete der Mann. „Wo willst Du solch eine Kathedrale finden, wenn nicht in Dir?“ Seine Worte hallten in mir nach. Er zeigte auf die Männer am Lagerfeuer: „Schau um Dich. Wo willst Du solch eine Kathedrale finden, wenn nicht in Deinem Mitmenschen?“ Wieder hallten seine Worte in mir nach. „Schau über Dich. Wo willst Du solch eine Kathedrale finden, wenn nicht unter dem Himmelszelt, zwischen dem südlichen und dem nördlichen Horizont sowie dem westlichen und dem östlichen Horizont?“ Jetzt fielen mir die Wundmale auf, die der Mann an der Stirn, über dem Herzen sowie am Bauch trug. Unwillkürlich fasste ich mir an die Stirn und blickte an mir herunter. „Wir alle hier tragen dieselben Narben, auch Du. Denn wir alle sind denselben Tod gestorben. Die Verwundungen, die uns zugefügt worden sind, sind unsere Heiligen Wunden geworden.“

Wir setzten uns zu den Männern ans Lagerfeuer. Ein Laib Brot wurde von Bruder zu Bruder gereicht. Jeder riss sich ein Stück davon ab. Ebenso wurde ein Kelch roten Weins herumgereicht, aus dem jeder Bruder trank. „Wer bist Du?“, die Frage, die der Wächter mir gestellt hatte, bevor ich die Kathedrale betreten hatte, kam mir wieder in den Sinn. Jetzt konnte ich sie beantworten: „Ich bin Sohn. Ich bin Bruder.“

Alsbald stand der erste Mann auf und wandte sein Haupt gen Osten. Dorthin, wo die Sonne aufging. Dorthin, wo der Ursprung des Lichts lag. Denn dort lag unsere Bestimmung. Nach und nach standen auch die restlichen Männer auf und wendeten sich dem Osten zu. Und dann pilgerten wir los. Einer nach dem anderen. Dem hellen Licht der Sonne entgegen. Schließlich begann der erste Mann ein Lied anzustimmen. Einer nach dem anderen stimmten wir mit ein. Und dies war, was wir sangen:

„Bless the Lord, my Soul
and bless his Holy Name.
Bless the Lord, my Soul,
he rescued me from Death.
Bless the Lord, my Soul,
and bless his Holy Name.
Bless the Lord, my Soul,
he leads me into Light.“

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„Bei dem zitierten Lied „Bless the Lord, my Soul“
handelt es sich um einen Choral der Mönchs-Kommunität Taizé).

Krieger

Die Sonne grüßt das Antlitz
und die Feuer sind entfacht.
Mit dem Schwert erhoben
stürzt er sich in die Schlacht.

Tief aus seinem Herzen bricht
der barbarisch wilde Schrei.
Mit jedem seiner Wundmale,
spürt er so tief, er ist frei.

Schwerter, die sich kreuzen,
heilige Wut in seinem Blick,
ein Fels gegen das Dunkle,
weicht keinen Schritt zurück.

Lasst die Hörner schallen, lasst die Trommeln rufen,
kämpfen für ein Königreich, das die Ahnen schufen.
Hört den Ruf der Trommeln, hört der Hörner Schall,
im Glauben des Kriegers finden sie ihren Widerhall.

Die Sonne stirbt am Horizont,
als er dem Tier entgegen zieht,
die Fackel fest in seiner Hand,
in seinem Herzen das alte Lied.

Feuerstöße, Klauen schlagen,
Gebrüll hallt durch die Nacht.
Ein schwerer Hieb ins Herz,
als die Leidenschaft erwacht.

Gebadet im Drachenblut,
als er ihre Ketten sprengt.
Leise sinkt er auf die Knie,
als sie seinen Namen nennt.

Lasst die Hörner schallen, lasst die Trommeln rufen,
kämpfen für ein Königreich, das die Ahnen schufen.
Hört den Ruf der Trommeln, hört der Hörner Schall,
im Glauben des Kriegers finden sie ihren Widerhall.

Ode an das Leben

Diesen Morgen konnte ich sie wieder hören. Das erste Mal nach einer unendlich langen Zeit. Zugvögel. Sie kehrten zurück. Und sie brachten frohe Kunde mit. Ihr Ruf drang von irgendwoher bis in mein Zimmer. Von meinem Ohr bis tief in mein Herz. In ihrem Ruf lag etwas Verheißungsvolles. Und die hoffnungsvolle Gewissheit, dass auf jede Zeit der Dunkelheit eine Zeit des Lichts folgt. Mit ihrem Ruf brach die Kruste des Frostes, die alles Leben unter sich eingeschlossen hatte, langsam auf.

Die Dunkelheit und die Kälte hatten ihren bitteren Kelch für mich bereitgehalten. Zitternd hatte ich ihn entgegengenommen … angesetzt … und getrunken. Mit jedem Schluck hatte sich mein Magen zusammengezogen und ein pochender Schmerz meinen Kopf zerrissen. Krampfend war ich zu Boden gegangen. Stöhnend hatte ich mich im Dreck, in meinen Blut, meinen Fäkalien und meinem Erbrochenen gewälzt. Die Haut löste sich von meinen Knochen. Und so war ich irgendwann vor dem Leben niedergekniet. In meiner ganzen Schwachheit. Gebrochen. Mit Tränen in den Augen. Um Gnade winselnd. Doch das Leben hatte mir nur zugeraunt, dass ich mich dieser Lektion nicht entziehen könne. Ich hatte diesen Kelch auszutrinken. Bis zum letzten Tropfen. Und als ich ihn wieder absetzte, konnte ich auf dem Boden des Kelchs mein eigenes Spiegelbild zu erkennen…

Mit dem Ruf der Zugvögel erwachte der neue Tag. Ich trat ins Freie. Und hielt inne. Mit jedem Atemzug durchfuhr mich die belebende Milde des Frühlings. Sie durchzog den gesamten Morgen. Meine Augen ruhten einen Moment am Horizont. Von dort breiteten sich die ersten, noch schwachen Sonnenstrahlen über das Land aus. Alles, was sie berührten, wurde in zarte Farbsinfonien getaucht. Aus den Kronen der noch kahlen Bäume erklangen die ersten vielstimmigen und von Freude nur so überquellenden Lieder der Singvögel. Sie begrüßten das, was vor uns lag. Davon kündeten auch die Schneeglöckchen und Krokusse, die den frostigen Grund durchbrachen und sich ganz zaghaft dem neuen Tag entgegenreckten. Mein Herz stimmte mit ein in diese Ode an das Leben, die die Schöpfung an diesem Morgen sang.

Nicht-Ort

Eigentlich war der ganze Weg seit jeher vorgezeichnet… Er hatte ausgebreitet vor mir gelegen. Die ganze Zeit schon. Ich war wohl nur nicht achtsam genug gewesen, es auch zu sehen…

Zu Anfang war alles irgendwie noch stimmig gewesen. Die Richtung schlüssig, die Entwicklungen nachvollziehbar. Eins hatte auf dem anderen aufgebaut. Hatte ich einen Schritt gemacht, zeichnete sich der nächste bereits ab.

Doch mit einem Mal fand ich mich an diesem seltsamen Ort wieder. Hier war plötzlich nichts mehr stimmig. Meine Erwartungen waren enttäuscht. Dieser Ort stellte einen abrupten Bruch dar. Einen Bruch zu allem, was vorher war. Einen Bruch zu allem, was ich erwartet hatte.

Dieser Ort erzählte die Geschichte von Tod und Sterben. Das Alte war nicht mehr. Doch ebenso war auch das Neue noch nicht. Dieser Ort war weder noch.

Hier fand das ewig gleiche Ringen statt. Dieses Ringen, in das die Menschheit von Anbeginn an gefangen ist. Und dieser Ort nahm mich mitten hinein in diesen Kampf. Er riss mich zu Grunde, wo ich zerbrach. Und ließ mich verharren. Er rang mich nieder. Und gab mir die Kraft zu bestehen.

Eine seltsame Traurigkeit durchzog diesen Ort. Oder war es Hoffnung? Mysterium durchströmte hier alles. War dieser Ort Dunkelheit? Ja, war er. Finsternis umschlang mich von allen Seiten. War dieser Ort Licht? Ja, war er. Es schien. Unauslöschlich. Die Dunkelheit hat es nicht überwinden können.

Ich hatte nie beabsichtigt, an diesem Ort zu gelangen. Weder hatte ich ihn gesucht, noch erwartet. Doch als aus meiner Verschwiegenheit inneres Schweigen wurde und aus meinem inneren Schweigen Stille, betrat ich ihn. Es war der Moment, als die Tugend an ihr Ende kam und dem Sein Platz machte.

Wohl niemand, der sich an diesem Ort befand, hatte ursprünglich hierher gewollt. Doch vielleicht war genau das der Grund, weshalb sie alle hier waren. Und beinahe niemand, der diesen Ort wieder verließ, kehrte auch gerne wieder hierher zurück.

Doch in dem Moment, als ich aufhörte, diesen Ort begreifen zu wollen, wurde ich gewahr, wie wunderschön er war. Es war der Moment, in dem ich meinem Inneren erlaubte, dort anzukommen. Und zu sein. Erst jetzt erkannte ich die Pracht und Gegenwärtigkeit, die diesem Ort innewohnte. Er war auf seine ganz eigene Weise zeitlos.

Waldläufer

Vor einigen Jahren zogen wir an den Rand des großen Waldes. Irgendwann fing ich an, einigermaßen regelmäßig in ihm joggen zu gehen. Mit jedem Schritt, den ich in diesen Wald setzte, kehrte ich heim. Mit jedem Atemzug, mit dem ich diesen Wald in mich aufsog und wieder losließ, nahm er mich in seine Tiefe auf. Als seinen Sohn. Als einen Teil von sich. Als einen Teil von mir. Nach und nach und zunächst noch eher beiläufig nahm ich wahr, dass dieser Wald mir seine Geschichte erzählte. Er wisperte sie von den Höhen seiner Kronen bis in die Tiefen seiner Wurzeln.

Er erzählte mir die Geschichte vom Winter. Die Zeit, in der Frost sich über den Wald legte und in sein Erdreich drang. Die einst belaubten Bäume waren kahl. Nur das Nadelkleid der immergrünen Tannen überdauerte. Es hatte etwas Majestätisches, wenn fahles Gold der Sonne sanft durch die Wipfel kroch und den Raureif, der das Geäst und den Boden bedeckte, erstrahlen ließ. Die nackten Äste der Laubbäume, das satte Grün der Nadelbäume und das dreckige Braun des Bodens in all seinen Schattierungen strahlten eine seltsame Ruhe und Harmonie aus. Die Luft durchzog eine Klarheit, wie man sie nur in dieser Zeit zu schmecken vermochte. Und wenn Schnee alles in sein weißes Kleid hüllte, vereinigte sich die ruhende Majestät des Waldes mit dem Zauber des Märchenhaften.

Er erzählte mir die Geschichte vom Frühling. Die Zeit des machtvollen Neugeboren Werdens. Mit jedem Tag stieg die Sonne am Firmament ein wenig höher. Sie schenkte erste Momente der Wärme und des Lichts. Eine erwartungsfrohe Milde mischte sich in die Kälte der Luft. Und verdrängte diese schließlich ganz. Je mehr die Sonne erstarkte, desto mehr erwachte der Wald. Die einst so kahlen Äste der Bäume, Büsche und Sträucher brachten zahllose Knospen hervor. Und als aus diesen erste zarte Blätter hervorbrachen, zog ein fast schon surreal helles Grün in den Wald ein. Unzählige Gräser und Blumen in den unterschiedlichsten Farben überzogen die Lichtungen. Und auch das Lied der Vögel erhielt wieder Einzug in den Wald. Was sie sangen war voller Hoffnung und voller Vorfreude.

Er erzählte mir die Geschichte vom Sommer. Die Zeit der Fruchtbarkeit und des Überflusses. Die Bäume kleidete saftiges und kraftvolles Grün. Das Dickicht zu ihren Füßen war dicht und undurchdringlich. Die Lichtungen schmückten zahllose Gräser und Blumen in den buntesten Farben. Insekten aller Art flatterten aufgeregt zwischen ihnen hin und her. Am Morgen begrüßte das Konzert der Vögel den neuen Tag. Und am Abend verabschiedeten die Vögel ihn wieder. Flimmern der Hitze breitete die Sonne über den Baumkronen aus. Doch die mächtigen Wipfel ließen lediglich Schatten auf den Boden den Waldes fallen. Der Kühle des Schattens wohnte eine eigentümliche Stille inne. An diesem Ort kam der verschwenderische und wilde Überschwang des Sommers ein wenig zur Ruhe.

Er erzählte mir die Geschichte vom Herbst. Die Zeit der Ernte. Die Zeit des wundervollen Sterbens. Die Zeit des Übergangs. Mit jedem Tag nahm die Kraft der Sonne etwas ab. Und doch tauchte sie die Horizonte des Himmels in die prachtvollsten Farbenmeere. Jedes Mal, wenn sie aufging. Und jedes Mal, wenn sie erstarb. Manchmal in den Morgenstunden und manchmal in den Abendstunden hüllten dichte Nebelschleier alles in sich ein. Die Laubbäume kleideten sich in atemberaubend schöne Farbsynfonien. In die Wärme der Luft mischte sich eine eigentümliche Kälte. Mancher Sturm wogte durch die Baumwipfel. Modriger Geruch von Feuchtigkeit zog in den Wald ein. Und entlockte dem Erdreich unterschiedlichste Pilze. Leise breiteten Kreuzspinnen in Geäst und Gräsern ihre Netze aus. Und harrten aus, was da kommen möge.

War es tatsächlich nur der große Wald, der mir von der Schönheit der Jahreszeiten erzählte? Oder waren es nicht auch die Jahreszeiten, die mir von der Schönheit des großen Waldes erzählten? Und benutzte nicht eine jede ihre ganz eigenen Bilder dafür? Und ließ so eine andere Facette des Waldes erstrahlen? Eine jede Facette auf ihre Art so wundervoll und so erhaben. Alle diese Facetten zusammen ergeben ein Bild, dessen Pracht von keinem Dichter beschrieben, von keinem Maler auf Leinwand gebannt, von keinem Musiker ausgedrückt und von keinem Baumeister je erbaut werden könnte. Dankbar.

#Gedanke: In den tiefen Schacht

„Ich grabe im Geröll
mit beiden Händen,
meine Finger taub,
die Augen brennen.
Baue mir Berge
aus Schmerz und Fragen,
sollen sie mich unter sich begraben.

Ich gehe mit dem Hammer
in zerfurchte Felsen,
mache keine Pause,
muss Jahre wälzen.
Haue Löcher
in die Angst,
in mein Gewissen.
Erste Brocken
sind aus Kindheit und Vermissen.

Dann hinab
in die Tiefe,
in den dunklen Schacht,
wo die Kerze erstickt
und ich doch weiter mach‘.
Auch wenn hier unten
der Vogel kein Lied mehr singt,
werde ich tonnenweise Schutt
nach oben bringen.

Und irgendwann
unter den letzten Steinen
ein erster Glanz,
ein erstes Scheinen…“

(Bosse,
aus: Steine)

Im Schwellenraum

Schwarze Wolkenberge türmten sich am Himmel auf. Und tauchten das Land in bleiernes Dunkel. Nur vereinzelt riss der Sturm Löcher in die Wolken. Und bahnte dem fahlen und dämmrigen Licht des vollen Mondes den Weg. Neblige Schleier durchzogen die Landschaft. Das Wogen karger Äste zeichnete sich am Himmel ab.

Irgendwo, eingehüllt vom Nebel, ragten die Überreste einer alte Ruine empor. Ein eisiger Wind pfiff durch die geborstenen Fenster und Türen. Gesteinsbrocken, die einst so prachtvoll das Dach zusammenhielten, lagen wahllos und verloren auf dem von Rissen durchzogenen Boden umher. Seit langer Zeit hatte kein Mensch mehr einen Fuß in dieses einst so erhabene Gemäuer gesetzt. Dämonen und Getier hatten hier ihr Königreich ausgerufen und Schatten sich in jedem Winkel eingenistet. Die beiden Säulen vor dem Eingang waren umgestürzt. Es ließ sich kaum noch erahnen, wie majestätisch sie in vergangenen Tagen dort gewacht haben mögen. Die massive Steinplatte des Altars, der seit jeher den Osten dieses Ortes ausgefüllte, war zerbrochen. Nichts erinnerte mehr an rituelle Worte und geweihte Handlungen.

Inmitten der Trümmer. Unter meinen Knien schmerzte der harte Steinboden. Mein Gesicht in den Händen vergraben. Die Kälte und die Einsamkeit dieses Gemäuers krochen langsam in mir hoch. Keine Ahnung, wie lange ich hier schon kauerte. Zu schwach, mich zu erheben. Zu schwach…

Ein seltsam vertrauter Schmerz webte sich bedächtig in mich ein. Und eine stumme Traurigkeit kletterte aus den Tiefen meines Selbst zu mir herauf. Jede Faser meines Seins sehnte sich danach zu weinen. Doch selbst dazu war ich nicht stark genug. Keine einzige Träne. Meine Augen waren ausgedorrt wie mein Herz. Und mein Schrei erstarb, noch bevor er meine Lippen erreicht hatte. Ich blieb stumm. So stumm wie der Ort, an dem ich mich befand.

Irgendwann begannen meine Hände meine linke Seite abzutasten. Sie suchten den Griff meines Schwertes. Doch da war kein Schwert mehr…