#Gedanke: In die Stille

„Ich tue nichts.

Ich schalte
einfach nur das Licht aus
und die Stille
und die Dunkelheit
saugen mir das Gift aus…

Es ist als ob ich sinke,
wie eine Tauchfahrt
in mein Innerstes.
Ich brauche
den Klang der Stille
wie ein Blauwal.

Ich erinnere mich…

Ich habe Ruhe,
es ist still,
ich bin allein
mit meinen Gedanken,
hier gibt es keine Grenzen,
hier gibt es keine Schranken…

Ich bin allein,
es ist still
und ich finde
zu mir selbst.
Ich verschmelze
mit dem Universum
und verschwinde
in der Welt.“

(Die Firma,
aus: Stille)

Licht

Ein Gastbeitrag von Werner J. Kraftsik

Es gibt Freimaurer, mit denen ich wiederholt inspirierenden Austausch hatte, obwohl ich sie noch nie in meinem Leben gesehen habe oder auch nur ihre Stimme kennen würde. Einer dieser Freimaurer ist Werner J. Kraftsik. Über die Kommentarfunktion meines Blogs kamen wir wiederholt ins Gespräch. Wahrscheinlich wegen seiner tiefgründigen und konstruktiven Art kam mir der Impuls, ihn zu fragen, ob er nicht einen Gastbeitrag auf meinem Blog veröffentlichen möchte. Nur zu gerne willigte er ein.

Bruder Werner J. Kraftsik ist 1946er Jahrgang, verheiratet und dreifacher Vater. Im April 1980 wurde er in die zur Großen National-Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“ (3WK) gehörende Johannisloge „Galilei810“ in Kaiserslautern aufgenommen. In den folgenden Jahrzehnten lernte er im deutschsprachigen Raum sowie in den USA diverse unterschiedliche Lehrarten des Freimaurertums von innen kennen und übte auch verschiedene Logenämter aus. Mittlerweile hat es ihn in die gemischte Freimaurerei verschlagen, wo er aktiver Teil der Loge „Sabina von Steinbach“ des Hochgradsystems des „Alten und Angenommenen Schottischen Ritus von Deutschland“ ist.

Im Laufe der letzten 5 Jahre hat Bruder Werner J. Kraftsik mehrere Bücher zum Freimaurertum veröffentlicht. Näheres hierzu findet Ihr auf seiner Homepage. Ich möchte hier aber nicht unterschlagen, dass seine Veröffentlichungen unter Freimaurern bisweilen auch polarisierten und es durchaus auch Freimaurer gibt, die diese kritisch sehen.

Das ändert nichts daran, dass ich viele der Impulse und Perspektiven des Bruders Werner J. Kraftsik als derart bereichernd empfinde, dass es mir eine Ehre ist, einen Teil davon auf meinem Blog veröffentlichen zu dürfen. Die folgenden Gedanken entstammen seinem aktuellsten Buch mit dem Titel „Licht – Ursprung und Ziel der Freimaurerei!“. Ganz bewusst lässt er diesen Blogartikel mit offenen Fragestellungen enden, um – so die Hoffnung – beim Leser eine Initialzündung für weitere eigene innere Reflektionsprozesse zu setzen.

Doch genug der Vorrede, lest einfach selbst…

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LICHT

Wer sich als Suchender, oder als Freimaurer, mit den in der Freimaurerei verwendeten Symbolen beschäftigt, stößt von Anfang an auf ein immer wiederkehrendes Symbol: LICHT! Eine neugegründete Loge wird mit einer „Lichteinbringung“ eröffnet. Jemand, der sich für die Freimaurerei interessiert, wird häufig als ein „Suchender nach dem „Licht“ bezeichnet. Die freimaurerische Initiation wird mit der „Lichterteilung“ vollendet. Eine ordnungsgemäß arbeitende Loge wird durch das Entzünden verschiedener Lichter „erleuchtet“ und das Ende der Arbeit einer Loge wird durch das Löschen der Lichter vollzogen. Welche Bedeutung Licht für Freimaurer hat, zeigt sich auch darin, mit welchen begleitenden Worten das Licht gelöscht wird:
„Lösch aus du Licht, die Arbeit ist vollbracht,
wer weisen Sinnes – fürchtet nicht die Nacht!
Und ist ihr Dunkel noch so schwarz, so dicht,
des Starken Wahlspruch ist: Durch Nacht zum Licht!
Wer Schönheit hat ist seither selbst gewiss,
ihm leuchtet selbst die Finsternis!“

Fragt man „Initiierte“ konkret danach, was das Licht für sie bedeutet, sind die Antworten oft eher wenig konkret und lauten z.B.: „Mir wurde es seinerzeit als Metapher für Erkenntnis beschrieben.“ Um welche Art Erkenntnis es sich handelt konnte nicht angegeben werden, weil das nie thematisiert worden sei, eine >Eigeninterpretation< lautete: „Aus dem Bauch heraus würde ich auf Selbsterkenntnis oder Bewusstsein (wie bei Prometheus) tippen, was automatisch zu der Frage führt, was man in sich erkennen soll?“ Auch eine Antwort: Es geht um das Streben nach Erkenntnis, sein Wissen erweitern, Ideen entwickeln, sich selbst und seine Fähigkeiten entdecken und ausbauen… Manche antworteten, sehr kryptisch: „Wer suchet, der findet“ und dokumentierten damit, dass neu eingeweihte Freimaurer mit solchen Antworten sich alleine gelassen fühlen müssen, und damit die eigene Ahnungslosigkeit bestätigt scheint und man diese Frage (Suche) als unangemessen empfindet. Manche Antworten weisen darauf hin, sich selbst in seiner geringen oder höheren Bedeutung zu erkennen und entpuppen sich als sehr allgemeine und im Grunde nichtssagende Erklärungen.

Was also ist Licht? Das für Menschen wahrnehmbare Licht ist ein relativ schmaler Teil der insgesamt sehr umfangreichen Elektromagnetischen Strahlung, die von Ultraviolett (Höhen- und Gammastrahlung) bis zu Infrarotstrahlung in den vielfältigsten Erscheinungsformen reicht. Die Ursache des Lichtes ist, wie die gesamte Existenz des uns bekannten Universums, im sogenannten „Urknall“ zu finden. Aus dieser Singularität dehnte sich die konzentrierte Energie aus, ließ Licht und Materie entstehen, legte sämtliche Naturgesetze fest und sorgte damit für das Entstehen von Allem.

Wenn Freimaurer heute das Licht als wesentliches Symbol ihrer Arbeit nutzen, dann ist dies nichts anderes als der Respekt vor der dahinter steckenden Schöpferkraft oder dem Prinzip als der Ursache allen Seins. Aus diesem Grund verehren Menschen das Licht als Symbol für diese Kraft in der Manifestation ihrer unterschiedlichen Gott-Vorstellungen. Freimaurer halten daher zu Recht das Licht für eine essentielle Voraussetzung ihrer Arbeiten, weil ohne Licht nichts existieren würde. Wenn Licht als die Ursache allen Seins erkannt wird, dann auch als die Ursache menschlichen Lebens, das folgerichtig sowohl als Materie, als auch aus Energie, als Teil des Gesamtspektrums, bestehen muss.

Damit werden, für mich, die Hinweise auf „den ewigen Osten“ sinnvoll, weil nach den bekannten Energieerhaltungssätzen Energie (unsere Körper sind materialisierte Energie) allenfalls umgewandelt, nicht aber zerstört wird. Wohin geht „unser Licht“ nach dem Ende unserer Materie? Kehren wir zurück zum Ursprung? Wie geschieht das und was geschieht dann? Gibt es so etwas wie eine Aufgabe, vielleicht sogar eine Art Kreislauf?

Welche Kraft steckt dahinter und können wir diese Kraft erkennen? Könnte es unsere Aufgabe sein, diese Kraft zu erkennen, sie zu nutzen um unser Hier und Jetzt im Sinn dieser Kraft zu verändern? Diese Kraft hat, für mich, einen Namen. Es scheint sinnvoll und zugleich „lohnend“ zu sein, danach zu suchen um damit zu arbeiten. Ich denke, wir könnten damit Antworten auf die Fragen dieser Welt finden.

(Werner J. Kraftsik,
12. März 2020)

Die Pandemie und mein Zen-Meister

IM GRIFF DER SEUCHE

Es war in der Zeit, als die Seuche über uns hereinbrach. Nahezu unbemerkt hatte sie sich in unseren Alltag geschlichen. Es waren zunächst nur einzelne und nur wenige Krankheitsfälle aufgetreten. Doch dann griff das Virus um sich. In immer kürzeren Zeitabständen infizierten sich immer mehr Menschen. Und auch schwerste Krankheitsverläufe häuften sich.

Die Regale in den Supermärkten und Apotheken wurden leergekauft. Boutiquen und Geschäfte mussten schließen. Firmen stellen ihre Arbeit ein, Fabriken ihre Produktion. Ausgangssperren wurden verhängt. Bilder von den überfüllten Intensivstationen der Krankenhäuser und Patienten unter Beatmungsgeräten flimmerten über die Bildschirme. Fahrzeuge und Uniformen von Polizei und Militär auf den Straßen. Und täglich präsentierte man die steigende Zahl derer, die dieses Virus mit dem Leben bezahlt hatten. Das Wort Pandemie hing schwer wie Blei über diesem Land, über diesem Kontinent, über diesem Planeten.

Der stille Begleiter dieser Seuche war die Angst. Unmerklich krabbelte sie bis in den letzten Winkel der Gesellschaft. Und setzte sich in den Köpfen der Menschen fest. Sie begann jede noch so kleine menschliche Regung, jede noch belanglose Handlung des Alltags zu durchdringen. Und auf diese Weise beherrschte sie das Leben ganzer Länder und Kulturen. Denn dieses Virus war unsichtbar. Es konnte überall sein. Jeder konnte sein Träger sein. Es konnte zu jeder Zeit und an jedem Ort zuschlagen. Und das ganz plötzlich. Niemand konnte absehen, wie lange es noch wüten würde. Und wieviele ihm noch zum Opfer fallen würden.

FAHRRADFAHREN LERNENDER ZENMEISTER

In diese Zeit fiel es, dass mein Zen-Meister gerade das Fahrradfahren erlernt hatte. Und so fuhr er mit seinem Fahrrad vor mir her. Noch ganz unsicher und wackelig. Seine gesamte Konzentration war darauf ausgerichtet, die notwendigen Bewegungen und Abläufe richtig zu koordinieren, um mit dem Fahrrad voranzukommen. Ich spazierte hinter ihm her. Immer, wenn er ein paar Meter vorausgefahren war, hielt er an, drehte sich zu mir um und wartete auf mich. Freudestrahlend. Und wenn ich dann bei ihm angelangt war, lobte ich ihn für das, was er da vollbracht hatte. Voll von unbändigem Stolz und motiviert bis in die Haarspitzen setzte er seinen Weg anschließend fort.

Mein Zen-Meister schien nichts zu wissen von all der Gefahr und all der Angst, die mittlerweile seit vielen Wochen diese Gesellschaft durchzog. Für ihn gab es nur dieses Fahrrad. In diesem einen Moment. Dem galt seine gesamte Aufmerksamkeit.

Und ich folgte meinem Zen-Meister. Wir hatten kein Ziel, das wir erreichen wollten. Es gab keine Mindeststrecke, die wir zurücklegen wollten. Ich freute mich für ihn für die vielen kleinen Fortschritte, die er machte. Und ich freute mich mit ihm. Mit jedem Schritt, den ich zurücklegte.

Irgendwann und fast schon nebenbei fiel mir auf, dass sich in die so kalte wie klare Luft des ausklingenden Winters unlängst die Milde des Frühlings gemischt hatte. Und sie verkündete etwas zutiefst Hoffnungsvolles. Es war die Botschaft von dem Leben, das erneut geboren wurde. Es war die Botschaft von dem Licht, das die Dunkelheit und die Kälte zurückdrängte. Es war die Botschaft von der Überwindung des Todes und die Botschaft von dem Neuanfang. Mit einem Mal fiel mir auf, dass die allermeisten Büsche und Bäume bereits Knospen trugen. Vereinzelt begangen diese bereits aufzugehen. Ich schloss meine Augen und atmete tief ein.

Nach einer Weile kamen mein Zen-Meister und ich an einem Baum vorbei, der gerade von einem Gartenlandschaftsbauer beschnitten wurde. Ich fragte ihn, ob ich uns ein paar der abgeschnittenen Zweige mitnehmen dürfte. „Natürlich, gerne.“, entgegnete er. Also sammelte ich ein paar dieser Zweige auf. „Das war ganz schön nett von dem Mann.“, bemerkte mein Zen-Meister. „Ja, das war es.“, dachte ich, als ich die Zweige zurechtschnitt, in Vasen mit frischem Wasser drapierte und in unserem Zuhause aufstellte.

Abstieg

Ich weiß nicht, wie lange wir dort oben schon gestanden hatten. Schweigend. In uns gekehrt. Erstarrt. Das Licht des Mondes und das der Sterne waren zugedeckt von tiefschwarzen Wolken. Jegliche Helligkeit war wie aufgesogen von dieser Schwärze. Zu unseren Füßen erstreckten sich zerklüftete Gesteinshänge. Die sich weit unter uns irgendwo im Dunkel verloren.

Wir blickten auf das Tal vor uns und diesen undurchdringlichen Wald, den es umschloss. Er lag eingehüllt in dichten Nebelschwaden. Riesige Fackelmeere unterbrachen seine Finsternis wie Placken glühender Lava inmitten schwarzen Vulkangesteins. Fürchterliches Kriegsgeschrei, das Wiehern von Pferden, kämpferisches Dröhnen von zahllosen Trommeln und der Rhythmus von Schwertern, Äxten, Keulen und Spießen, die auf Schilde geschlagen wurden, trug der eisige Nachtwind zu uns herauf. Dämonische Heerscharen hatten sich versammelt. Sie waren wütend. Sie waren gierig. Und sie waren bereit für die letzte Schlacht.

Angst kroch in mir hoch. Zog mir den Magen zusammen und schnürte mir die Kehle zu. Mein Blick wanderte zu meinem Seelenbruder. Er war noch immer an meiner Seite. Ruhig und klar stand er neben mir. Und betrachtete, was uns zu Füßen lag. Für einen Moment konnte ich diese Entschlossenheit und diese Zuversicht, die er ausstrahlte, spüren. Dann sah er mich fragend an. Ich nickte. Wollte ich leben, so musste ich dort hinunter. Hinein in die Finsternis und das Dämonische. Bis zum tiefsten Punkt meiner Angst. Ich musste dem, was dort unten auf mich lauerte, gegenübertreten. Und hindurchgehen.

Wortlos befestigten wir unsere Seile an zwei Bäumen und ließen sie den Abhang herabgleiten. Ihre Enden verschwanden irgendwo unter uns in dieser undurchsichtigen Suppe aus Dunkelheit und Nebel.

Und dann begannen wir an unseren Seilen den Abhang hinabzusteigen. Doch es war nur sehr schwer möglich, sicheren Stand zu bekommen. Immer wieder rutschten unsere Füße ab. Immer wieder brach Gestein unter unseren Füßen weg und stürzte in die Tiefe. Der eisige Wind durchzog unsere Körper mit Schmerz und Taubheit. Die Seile pressten rote Schwielen in unsere Hände. Mit jedem Meter, den wir uns herunterarbeiteten, sog der Nebel uns mehr und mehr in sich auf. Erst unsere Beine, irgendwann unsere Oberkörper. Und schließlich schwappte er über uns zusammen wie das Wasser über einem Stein, der ins Meer geworfen worden war. Von nun an galt es blind zu klettern. Nach und nach schwanden unsere Kräfte.

Die Schwielen an unseren Händen platzen auf. Blutige Spuren blieben an unseren Seilen zurück. Erschöpfung. Was wir da vorhatten, war überhaupt nicht zu schaffen! Warum zum Teufel fiel uns das jetzt erst auf? Wie dumm und naiv hatten wir nur sein können? Wir mussten unbedingt wieder hochklettern! Doch dafür waren wir mittlerweile zu weit unten. Keine Kraftreserven mehr für den Weg zurück nach oben. Also stiegen wir weiter bergab. Weiter, immer weiter. Meter für Meter. Kraftlos und mechanisch.

Als ich das Ende des Seils erreicht hatte, bekamen meine Füße unbeholfen einen schmalen, bröckelnden Steinvorsprung zu fassen. Zitternd verweilte ich. Keuchend. Die Hände ums Seil gekrampft. Zaghaft wanderte mein Blick nach unten. Doch nebliges Dunkel deckte alles zu. Wie weit war es noch bis zum Boden? Zwei Meter, zwanzig Meter? Es war nicht zu erkennen.

Mein Seelenbruder kam auf demselben steinernen Vorsprung zu stehen. Ausgelaugt und zittrig. Er atmete schwer. Die Zuversicht und die Ruhe waren aus seinem Gesicht gewichen. Er blickte nach unten und dann zu mir. Hoffnungslosigkeit und Angst mischten sich in seinen Blick. Der Weg nach unten war ungewiss. Doch der Weg zurück nach oben existierte für uns nicht mehr. Panik wallte in uns auf. „Was können wir jetzt noch tun?“, presste ich hervor. „Da ist nichts mehr, was wir noch tun können.“, war die Antwort meines Seelenbruders, „Es ist vorbei.“ Die Kälte des Windes schüttelte unsere Körper durch und entzog uns unser letztes Bisschen Kraft. Der Steinvorsprung, auf dem Wir Halt gefunden hatte, brach unter unseren Füßen langsam weg.

„Hier hast Du keine Macht und keine Kontrolle mehr.“, wisperte irgendeine Stimme von irgendwoher, „Lass los!“ Es klang so süß. Und so verführerisch. Und da war nichts mehr in mir, was diesem lieblichen Wispern hätte widerstehen können. Nichts, nur noch Kraftlosigkeit. Für einen Moment war es, als bliebe Die Zeit stehen. Und dann löste ich Finger für Finger meine tauben Hände vom Seil. Es fühlte sich wie eine lang ersehnte Erlösung an. Langsam kippte ich nach hinten über. Fragend sah mein Seelenbruder zu mir rüber. „Nein!“, schrie er, als er hektisch nach mir griff. Ich fiel. Er bekam mich noch zu fassen. Doch ich riss ihn mit. Wir beide stürzten hinab. Mitten hinein ins Dunkle und ins Ungewisse…