Adams Wiederkehr

BLOGPARADE – BUCHVORSTELLUNG

Vor einigen Monaten stolperte ich über einen ganz besonderen Blog: Er nennt sich „Der Krisenwandler“ und wird von Didi Burnault geführt. Dieser setzt sich dort auf berührend ehrliche und gleichzeitig konstruktive und bodenständige Weise mit seiner Depressionserkrankung auseinander. Dieser Blog tat es mir dermaßen an, dass er es in meine Sammlung spiritueller Links schaffte.

Anfang Juni diesen Jahres startete der Krisenwandler eine „Buchparade„. Wer wollte, war dazu aufgerufen, ein oder mehrere Bücher vorzustellen, die sein Leben nachhaltig geprägt haben. Nur zu gerne beteilige ich mich daran.

Ich habe mich dafür entschieden, das Buch „Adams Wiederkehr – Initiation und Männerspiritualität“ (früherer Titel: „Endlich Mann werden“) des Franziskaner-Paters Richard Rohr vorzustellen. Dieses umfasst 240 Seiten und kostet etwa 17,- €uro.

ÜBER DEN AUTOR

Richard Rohr (geb. 20.03.1943, Topeka) wurde 1961 in den Franziskanerorden aufgenommen und 1970 in West-Topeka zum Franziskaner-Priester geweiht. Im selben Jahr beendete er sein Theologiestudium am St. Leonhard Seminar in Dayton mit dem Master-Grad. Hiernach begann er als Religionslehrer Jugend-Exerzitien zu leiten, woraus die charismatische Familien- und Laien-Kommune „New Jerusalem“ in Cincinnati hervorging. Nach einem langjährigen Engagement in der Friedensbewegung lebt er seit 1987 in der Franziskanergemeinschaft in Albuquerque in New Mexico, wo er das „Center for Action and Contemplation“ aufbaute. Richard Rohr begründete auch die Männerbewegung M.A.L.Es (Men as Learners and Elders).

Neben zahlreichen Publikationen und Vorträgen zu den Themenkreisen männlicher Spiritualität, sowie der Durchführung von entsprechenden Seminaren, brachte er sich federführend in die Ausgestaltung eines Initiationsritus für Männer ein. Diesen durchliefen seit Anfang der 1990er Jahre viele tausend Männer aus den USA, aus Europa sowie aus Australien. Hieraus ist eine spirituelle Männerbewegung entstanden.

Inhaltlich befasst sich Richard Rohr unter anderem mit dem Enneagramm, den Formen und Bedürfnissen männlicher Spiritualität, dem kontemplativen Gebet, den alten archaischen Initiationsriten, archetypischen Bildern, christlicher Mystik und den praktischen Konsequenzen, die sich aus diesen Themen für das alltägliche Handeln ergeben. Er würdigt seine christlichen Wurzeln, ist aber bemüht, die großen, gemeinsamen spirituellen Linien, die zu jeder Zeit und in jeder Kultur in den unterschiedlichen Religionen und Kulten Ausdruck fanden, freizulegen und wertzuschätzen. Er geht davon aus, dass alles Sein auf einer tieferen Ebene miteinander verbunden ist. Folglich ist jeder einzelne Mensch Teil des „Großen Ganzen“ und spiegelt dieses wie ein Hologramm in sich selbst wieder.

Mein spiritueller Weg wurde nachhaltig von Richard Rohr geprägt. Das gilt sowohl für die Themen, die er bewegt, als auch für seine Herangehensweise an diese. 2007 durchlief ich seine Männerinitiation. Diese stieß tiefe und umwälzende innere Prozesse bei mir an. Prozesse, die noch immer ihre Kreise ziehen. 2009 lernte ich Richard Rohr persönlich kennen, als ich und weitere Männer mehrere Tage lang auf engstem Raum mit ihm zusammenarbeiten durften. Es galt, die erste Männerinitiation auf deutschem Boden durchzuführen. Ich war tief beeindruckt von der Herzlichkeit, der Offenheit, der Authentizität und der Demut, mit der er den Menschen begegnete.

ZUM INHALT DES BUCHES

Zeit seines Lebens hat sich Richard Rohr mit den archaischen Initiationsriten befasst. Er hat die Riten der unterschiedlichen Kulturen studiert, erforscht und miteinander verglichen. Die Quintessenz dessen, was er dabei zu Tage förderte, hat er in seinem Buch „Adams Wiederkehr“ zusammengefasst. In gewisser Weise handelt es sich bei dem Buch um so etwas wie das Lebenswerk oder das persönliche Manifest von Richard Rohr.

Mit am interessantesten ist seine Feststellung, dass so gut wie alle alten Kulturen über Initiationsriten für ihre jungen Männer verfügten. Diese Riten existierten noch vor den institutionalisierten Religionen. „Sie entwickelten sich beinahe überall vor der Achsenzeit (ca. 800 bis 200 vor Christus) als die Menschheit weltweit organisiert zu denken begann.“ Interessant ist auch, dass in der Regel nur junge Männer initiiert wurden. Die rituellen Unterweisungen für die Frauen lagen eher im Bereich der Fruchtbarkeitskulte.

Besonders bemerkenswert ist, dass diese Initiationsriten unabhängig vom jeweiligen geographischen Ort und der jeweiligen kulturellen Einbettung, in der sie stattfanden, markante Parallelen aufwiesen. Dies gilt sowohl für die inhaltliche Zielrichtung, als auch für die symbolische und rituelle Ausgestaltung. Auch die Abläufe dieser Initiationen glichen sich augenscheinlich.

„Der Weg der Initiation wurde immer an heiligen Orten der Kraft und in Form eines Rituals gelehrt.“ Hierbei nahm die Natur großen Raum ein. In vielen Kulturen hatten die Initianten lange Zeiten der Einsamkeit in der Natur zu verbringen.

Doch zunächst wurde der zu initiierende junge Mann vom „alltäglichen Leben, den alten Rollen, Bestärkung durch die Frauen“ getrennt. Dies brachte ihn „in den Schwellenraum“. Ein Ort außerhalb der eigenen Wohlfühlzone. Der Schwellenraum „ist die gesegnete Zeit, wenn wir nicht sicher sind und wir nicht die Kontrolle haben, wenn sich etwas wirklich Neues ereignen kann“. Es ist der Raum, in dem „das Alte nicht mehr“ ist und „das Neue noch nicht“. Es ist die Zeit des Abstiegs, des Wartens ohne Antworten, des „Chaos des Unbewussten“, der Einsamkeit und die Zeit des „Ringens mit der eigenen dunklen Seite“. Doch nur an diesem Ort ist „eine Begegnung mit dem Numinosen“ möglich. Nur an diesem Ort ist tiefgreifende Veränderung, innere Transformation möglich.

In diesem Schwellenraum wurde der junge Mann mit Wahrheiten konfrontiert, die ihm seine Sterblichkeit, seinen eigenen Schatten, seine Schwachheit und seine Irrelevanz vor Augen führen sollten. Die sogenannten „Fünf harten Wahrheiten“ leitete Richard Rohr daraus ab. Diese lauten: „Das Leben ist hart“, „Du bist nicht so wichtig“, „In Deinem Leben geht es nicht um Dich“, „Du hast nicht die Kontrolle“, „Du wirst sterben“. Dies sind Wahrheiten, die geeignet sind, das Ego-Selbst des jungen Mannes in seinen Grundfesten zu erschüttern, von seinem Thron zu stoßen und in einen neuen Kontext des „Großen Ganzen“ zu verorten und einzubetten.

Am tiefsten und dunkelsten Punkt des Schwellenraums schließlich wurde der junge Mann auf dramatische Weise verwundet. Und starb einen grausamen Tod. Er stürzte hinab in sein eigenes Grab. Umgeben von der Finsternis und der Stille des Todes. Und dort hatte er auszuharren…

Auf den Tod des jungen Mannes erfolgte die machtvolle Auferstehung des gereiften Mannes. Und dieser Mann hatte eine Weihe erlebt. Er war auf verschiedenen Ebenen eingeweiht – initiiert – worden: Initiiert ins „Mann-Sein“ und damit in die Gemeinschaft der Männer. Im Idealfall war er aber auch in das „große Geheimnis“ oder die „große Vision“ des Lebens initiiert worden. Im Idealfall war er „rückverbunden“ worden in die spirituellen Kreisläufe und Gesetzmäßigkeiten allen Seins. Im Idealfall war er in Berührung gekommen mit seinem „eigenen Seinsgrund“ und hatte gekostet vom Eins-Sein mit allem, was ist. Im Idealfall hatte er sich als „geliebten Sohn Gottes“ erfahren.

Im Idealfall war das „Falsche Selbst“ des jungen Mannes gestorben und das „Wahre Selbst“ auferstanden. Meistens ging damit einher, dass der Initiant auch einen neuen Namen annahm. Seinen ureigensten Seelennamen. Diese Erfahrungen hatten das Potential, der Anfang der ganz persönlichen Heldenreise des Mannes zu werden. Denn im Gegensatz zu den Religionen erzählten die Initiationsriten den Weg des Mannes von seinem Ende her. Und für diesen Weg setzten sie den „guten Anfang“. Es gab in der Biografie und der Identität des Mannes in Bezug auf seine Initiation immer ein klares „Davor“ und ein klares „Danach“.

In einigen Kulturen kehrte der Mann aus den Tiefen dieses Rituals mit einer Waffe zurück. Diese hatte er sich während seiner Zeit im Schwellenraum selbst bauen müssen. Nicht selten brachte er auch „ein Geschenk“ in die Gemeinschaft mit.

Seine Ausführungen zu den archaischen Initiationsriten flankiert Richard Rohr immer wieder mit sehr klarer Kritik an der Religion, der er selber angehört: Dem Christentum. Seiner Einschätzung nach wusste das Christentum in seinen Anfängen um die Notwendigkeit und den Wert der Initiation. Doch je mehr sich das Christentum institutionalisierte und zum weltlichen Machtfaktor wurde, desto mehr geriet dieser Schatz in Vergessenheit. Heute findet sich dieses Wissen nur noch in rudimentärer Form wieder. Zum Beispiel in der Symbolik von Taufe und Abendmahl oder in Feierlichkeiten wie Firmung und Konfirmation.

SCHWÄCHEN DES BUCHES

Auf vergleichsweise wenigen Seiten hat Richard Rohr sehr viel Essentielles zum Thema Initiationsriten und männlicher Spiritualität zusammengetragen. Da liegt es in der Natur des gewählten Formats, dass er vieles lediglich anreißen kann, ohne weiter in die Tiefe zu gehen.

Vom Schreibstil her gelingt es Richard Rohr sehr anschaulich und nachvollziehbar sein. Daher liest sich das Buch auch sehr flüssig. Im Umkehrschluss kommt dieser Schreibstil jedoch nur wenig wissenschaftlich daher.

Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass Richard Rohr nur vergleichsweise wenig mit Quellenangaben arbeitet. Ich will nicht unterschlagen, dass er dem Buch einige Seiten mit Quellenangaben und auch weiterführender und vertiefender Literatur hintenanstellt. Allerdings wären mehr und auch mehr direkte Verweise im Text oftmals hilfreich gewesen.

Dann gelingt es Richard Rohr nicht immer, seine Themen trennscharf voneinander abzugrenzen. So kommt es hier und da zu Überschneidungen und zu Wiederholungen. Manches Mal werden Gedanken angerissen, abgeschlossen und an späterer Stelle wieder aufgenommen; ohne dass dies dem Leser vorher transparent gemacht worden wäre.

Und zu guter Letzt blendet Richard Rohr in dem Buch die Initiationsriten der Mysterienbünde komplett aus. Er widmet sich tatsächlich ausschließlich den archaischen Initiationsriten. Dabei trifft vieles, was er für diese Initiationsriten herausarbeitet, genauso für die Initiationsriten der Mysterienbünde zu. Hier wäre es interessant gewesen zu beleuchten, in welcher historischen und inhaltlichen Beziehung diese beiden unterschiedlichen Formen der Initiationsriten zueinander stehen.

MEIN FAZIT

Dieses Buch hat meinen spirituellen Weg geprägt wie nur wenige andere. Und weil ich im persönlichen Austausch mit Richard Rohr erfahren durfte, welch inhaltliche Substanz und Tiefe dieser Mann mitbringt, lässt es mich auch die Schwächen dieses Buches einordnen und mir verzeihlich erscheinen.

Da ich die Initiation nach Richard Rohr selbst durchlaufen habe, wandelte und vertiefte sich auch mein Zugang zu diesem Buch. Und je länger sich das, was ich in diesem Initiationsritus durchlebt habe, in meinem Leben entfaltet, desto mehr fallen mir neue Facetten darin auf. Es gibt wohl kein Buch, das ich so oft zur Hand nehme und immer wieder Neues entdecke.

Und zu guter Letzt habe ich durch dieses Buch überhaupt erst begriffen, dass im Kern des freimaurerischen Rituals ein alt hergebrachter Initiationsritus überlebt hat. Und sozusagen als Nebenprodukt gelang es mir auch durch dieses Buch, die Brücke zu schlagen, dass diese besondere Verbindung von mittelalterlichem Bauhandwerk und archaischem Initiationsritus, die das Wesen des Freimaurertums ausmacht, wohl zur Zeit des Benediktinerordens im Zeitalter der Romanik seinen Anfang nahm. Als mir das klargeworden war, entschloss ich mich, der Bruderschaft der Freimaurer beizutreten. Das Buch eines praktizierenden Katholischen Mönchspaters hat den ausschlaggebenden Impuls gesetzt, Freimaurer zu werden … wenn das nur der Papst wüsste…

Der Weg ins Auge des Sturms

JWHW

JHWH – DER „ICH BIN“

Eine der mich berührendsten Geschichten im Alten Testament der Bibel ist die, als Moses das erste Mal Gott begegnete. Gott offenbarte sich ihm hierbei als „JHWH“, der „Ich Bin“.

„JHWH – Ich Bin“ – Lässt man diese Worte in der Stille nachhallen, bekommt man eine Ahnung davon, dass der Name Gottes viel größer und allumfassender ist, als unser, in dualistischen Kategorien denkender Verstand es je erfassen könnte. JHWH – Der „Ich Bin“ – Der Seiende – Das Sein.

DU SOLLST DIR KEIN BILDNIS MACHEN

Und dennoch ziehen seit Jahrtausenden Heerscharen von Gelehrten, Theologen und Dogmatikern aus, um dieses große „Ich Bin“, als das Gott sich offenbart hat, in klar definierte Glaubenssätze zu pressen.

Ich glaube, der Antrieb, der dahinter steckt, ist das Bedürfnis unseres kleinen Egos – unseres Falschen Selbst – die Kontrolle behalten zu wollen. Kontrolle über das Leben. Kontrolle über Gott. Denn wenn ich definieren kann, wie Gott ist und wie Gott nicht ist; was Gut ist und was Böse ist; und was ich zu tun habe, um erleuchtet, erlöst oder errettet zu werden, dann bin es letztendlich ich, der die Kontrolle behält. Denn ich weiß ja, wie Gott und wie der Glaube an Gott und damit auch das gesamte Leben „funktionieren“.

Das Problem hierbei ist nur, dass ich, von dem Moment an, wo ich Gott definiere, ihn gleichzeitig auch limitiere. JHWH – der „Ich Bin“ – Der Seiende – Das Sein verliert das Allumfassende und das Alldurchdringende. Gott ist dann nur noch so groß, wie es ihm mein dualistischer Horizont erlaubt. Ich halte Gott klein genug, dass er meinem Bedürfnis nach Sicherheit dient.

Ein weiteres Problem ist: Sobald ich eine unverrückbare Lehrmeinung über Gott aufstelle, schließe ich automatisch jeden aus, der diese nicht teilt. Letztendlich sind Dogmen aber oftmals nicht mehr als theoretische Lehrgebäude, die wir im Kopf ersonnen haben und im Kopf mit uns herumtragen. Und auf Grund eben dieser theoretischen Konstrukte sprechen Gläubige seit Jahrtausenden Andersgläubigen ab, Teil dieses großen „Ich Bin“ zu sein, als das Gott sich offenbart hat.

Kann es nicht sein, dass Gott in den 10 Geboten genau aus diesen Gründen vom Menschen verlangt „Du sollst Dir von Gott kein Bildnis machen.“? Kann es nicht sein, dass Gott dieses Gebot genau aus diesen Gründen sogar an die zweite Stelle seiner Gebote gesetzt hat? Und ich frage mich auch, ob der Dogmatiker nicht gegen eben dieses 2. Gebot verstößt. Denn malt er nicht ein – sogar sehr konkretes – Bild von Gott, wenn er ihn in eine dogmatische Lehrmeinung presst?

WAS KEIN DOGMA VERMAG

JHWH – Der „Ich Bin“ – Der Seiende – Das Sein entzieht sich letztendlich allen Versuchen unseres Falschen Selbst, es in dualistische Kategorien einzuordnen.

Nach dem Franziskaner-Pater Richard Rohr birgt der Name Gottes JHWH darüber hinaus ein großes Geheimnis. Er ist so beschaffen, dass jeder Mensch ihn aussprechen kann, ohne seine Lippen zu bewegen. Und jeder Mensch spricht diesen Namen auch aus. Ohne Unterlass. Jeden Tag. In jedem Moment. Beim Einatmen die Silbe JH („Jaah“) und beim Ausatmen die Silbe WH („Heeh“). Jaah-Heeh – mit jedem Atemzug spricht der Mensch den Namen Gottes aus. Jeder Atemzug ein Gebet. Jeder Mensch atmet den Namen Gottes im wahrsten Sinne des Wortes. Das Allererste, was ein Mensch in seinem Leben macht: Er spricht den Namen Gottes aus – Jaah-Heeh. Das Allerletzte, was ein Mensch in seinem Leben macht: Er spricht den Namen Gottes aus – Jaah-Heeh.

Dem folgend atmet ausnahmslos jeder Mensch den Namen Gottes. Unabhängig von Geschlecht, Religion, sexueller Identität, Weltanschauung, materiellem Status oder was sonst auch immer Menschen sich im Laufe der Zeit ersonnen haben, um sich selbst als auserwählt fühlen zu dürfen und alle nicht Auserwählten ausgrenzen zu können. Aber bedeutet dies dann nicht auch, dass alle Menschen auf einer tieferen Ebene letztendlich eins sind? Dass keine Weltanschauung, keine Glaubenslehre mich von meinem Mitmenschen trennen kann? Es lohnt sich, diesen Gedanken nachklingen und sich entfalten zu lassen.

DAS AUGE DES STURMS

Und es lohnt sich, selbst in die Stille zu gehen und den eigenen Atem mit dem Namen Gottes – mit diesem [Jaah (einatmen) – Heeh (ausatmen)] – zu verbinden. Das ist für mich das zentrale Element des christlich-kontemplativen Weges. Es geht darum, in die Stille zu gehen, um genau diesen einen Ort zu finden: Der Ort, an dem sich mein Atem mit dem Atem Gottes verbinden kann. Mein persönliches, inneres „Auge des Sturms“. Das ist der Ort, an dem nicht mehr mein falsches Selbst Gott definieren, kontrollieren und kleinhalten muss, sondern an dem mein Wahres Selbst mit Gott eins wird. Mit dem Gott, der sich als das große „Ich Bin“ offenbart hat und dessen Namen ich mit jedem Atemzug ausspreche.

Vielleicht ist es genau diese Erfahrung, die Jesus Christus in der Bibel meint, wenn er davon spricht, dass er und Gott „eins“ sind. Denn auch von Jesus ist überliefert, dass er häufig und oftmals auch über längere Zeiträume in Stille und Einsamkeit verweilte.

Der christlich-kontemplative Weg ist letztendlich die Fortführung des Weges der christlichen Mystiker. In der christlichen Mystik wurde Gott in der Regel auf zweierlei Weise erlebt und verehrt. Einmal als personales Gegenüber; z.B. Gott, der Vater. Dann aber auch als „Geist“ bzw. „Urgrund“, der das Große Ganze in seiner Gesamtheit durchdringt. Dieser Göttliche Urgrund existierte gleichzeitig jedoch auch in den Tiefen eines jeden einzelnen Menschen. Gott war ganz innerhalb des Menschen und Gott war ganz außerhalb des Menschen. Wie innen, so außen. Wie oben, so unten.

Der Weg des Mystikers bestand darin, den Weg der Stille zu gehen, um an den Ort zu gelangen, an dem das Eins-Werden mit diesem Göttlichen Urgrund geschehen kann. Es galt, dieses innere Auge des Sturms zu finden, in dem sich die „Unio Mystica“ vollziehen kann.

Ich erlebe die symbolische Loge, in die sich der Freimaurer im freimaurerischen Ritual begibt, als genau diesen Ort. Ein äußeres Ritual, das letztendlich achtsam machen soll für einen inneren Weg, für einen inneren Ort. Die rituelle Loge: Ein Bild für das innere Auge des Sturms, tief in mir. Der Ort, an dem die „Unio Mystica“ geschehen kann.

Ich kann mir vorstellen, dass es für einen Freimaurer eine wertvolle Übung darstellen kann, sich während des Rituals ganz bewusst mit dem Atem Gottes zu verbinden. [Jaah (einatmen) – Heeh (ausatmen)]. Vielleicht stellt sich dadurch nochmal ein achtsameres Sein im Ritual ein. Und damit auch ein tieferes Erleben des Rituals.

HEILIGE AUGENBLICKE

Das Ziel des Suchens der Stille aber kann in letzter Konsequenz nur sein, mir bewusst zu werden, dass ich den Namen Gottes in jedem Augenblick meines Lebens atme. Auch – oder gerade – wenn ich mich nicht in der Stille oder im Ritual befinde. Das bewusste Suchen der Stille und das Erleben des Rituals kann letztendlich nicht mehr sein als ein Achtsamkeitstraining. Es trainiert mich dafür wahrzunehmen, dass ich in jedem Augenblick den Namen Gottes atme. Dass ich in jedem Augenblick eins bin mit Gott. Dass JHWH – Der „Ich bin“ – Der Seiende – Das Sein mich unablässig durchdringt. Ich muss mir dessen nur bewusst werden. Daher ist auch jeder Augenblick heilig. Egal wie alltäglich. Egal wie unbedeutend. Egal wie profan.

Enthaltsamkeit – Ein Selbstversuch

Am Anfang war der Wunsch nach Achtsamkeit und Entschleunigung (und eine Wette, die ich zu verlieren drohte – aber das ist eine andere Geschichte).

ALLE JAHRE WIEDER…

Meine letzten zwei Adventszeiten begannen mit der Sehnsucht nach Besinnlichkeit und stiller Rückschau. Doch nachdem wir den letzten Tannenzweig drapiert und die letzte Kerze entzündet hatten, wurden die wundervoll besinnlichen Momente mit meiner Frau schon bald von einem Marathon an sentimentalen Jahresrückblicken abgelöst. Als Weihnachtsfeiern waren diese deklariert. Und jede dieser Feiern war für sich schon Grund genug, gut und üppig zu essen und auch mal über den Durst zu trinken. Ein paar Kilo später kam ich dann jedes Mal irgendwo in überstimulierter Deprimiertheit wieder zu mir. Der Zauber von Weihnachten war schneller verflogen, als er es doch versprochen hatte. Alle Jahre wieder.

DIE IDEE DES FASTENS

Doch dieses Jahr wollte ich die Advents- und Weihnachtszeit anders erleben. Bewusster. Achtsamer. Daher beschloss ich, die Woche vor Weihnachten zu fasten.

Das Fasten ist seit jeher auch Teil des christlichen Glaubens. Bereits Jesus Christus fastete 40 Tage lang in der Wüste, bevor er sein Wirken begann. Und seitdem es das Christentum gibt, existierten neben den institutionalisierten Hierarchien auch immer Mönchsbewegungen, bei denen das Fasten stets seinen festen Platz hatte. Gleiches gilt für einen Großteil der verschiedenen christlichen Mystiker, deren Wurzeln überwiegend ebenfalls im Mönchstum liegen.

WIE ICH ES ERLEBTE

Das Fasten als besondere Form der Enthaltsamkeit hat also seit jeher einen hohen Stellenwert im christlichen Mönchstum und in der christlichen Mystik gehabt. Und in der Woche vor Weihnachten, in der ich fastete, begann ich zu erahnen, weshalb das so sein könnte. Aber lest selbst:

Schon in den ersten beiden Tagen ertappte ich mich ständig dabei, wie ich zugreifen und es mir in den Mund stopfen wollte, wenn irgendwo ein Schüsselchen mit Knabberzeug oder Süßkram herumstand. Ich war mir gar nicht (mehr) bewusst gewesen, wie sehr ich mich darauf konditioniert hatte, das Gefühl von Appetit oder von Hunger nicht aushalten zu können, sondern sofort stillen zu müssen. Wie ferngesteuert kam ich mir vor. Und war entsetzt, dass es mir vorher so gar nicht aufgefallen war.

Ab dem zweiten Tag fing ich an, Gerüche bewusster wahrzunehmen. Ich hatte es schon gar nicht mehr zu schätzen gewusst, wie gut Essen riechen kann. Es war wohl zu selbstverständlich geworden. Einmal blieb ich extra im Eingang eines Dönerladens stehen, nur um das brutzelnde Dönerfleisch zu riechen. Ein anderes Mal stieg ich eine Station eher aus der U-Bahn aus, um noch durch die Fressmeile eines Einkaufzentrums gehen zu können und die verschiedenen Essensgerüche aufzunehmen.

In dieser Zeit merkte ich auch, dass sich mein Geschmackssinn veränderte. Zum Beispiel nahm ich den Geschmack von Tee viel intensiver wahr. Meinen Kräutertee süßte ich immer mit ein wenig Honig. Am sechsten Tag leckte ich die Reste von dem Löffel ab, mit dem ich den Honig in den Tee gerührt hatte. Niemals werde ich diese – nie für möglich gehaltene – Geschmacksexplosion in meinem Mund vergessen.

Ab dem dritten Tag zwang mein Körper mich, meine Geschwindigkeit herunterzufahren. Hätte ich vorher noch einen Sprint hingelegt, um den haltenden Bus oder die einfahrende S-Bahn zu erreichen; so passierte es mir jetzt regelmäßig, dass ich sie vor meiner Nase abfahren lassen musste. Mein Körper teilte sich seine Kräfte ein. Diese Erfahrung wurde intensiver mit jedem Tag. Mit zunehmender Dauer fühlte ich mich wie in einem Kokon. Während die Menschenmassen in den Fußgängerzonen, in den Bahnhöfen und auf den Weihnachtsmärkten an mir vorbeihetzten, bewegte ich mich in meiner ganz eigenen Geschwindigkeit. Mitten in diesem Wahnsinn war ich irgendwie außerhalb dieses Wahnsinns. Wahrnehmend. Beobachtend. Und plötzlich sah ich Details, an denen ich an gewöhnlichen Tagen stumpf vorbeieile.

War ich an den ersten vier Tagen noch überrascht, wozu ich auch ohne Nahrung im Stande bin; so bauten meine Kräfte ab dem fünften Tag merklich ab. Besonders meine Beine wurden schwächer. Und das Teufelchen auf meiner Schulter fing an, die Graubereiche auszuloten. Mehrfach stand ich vor Coffee-Shops und rang mit mir. Warum nicht einfach einen schönen, großen, süßen und heißen Karamell-Macchiato durch die Kehle rinnen zu lassen?

Was mir gar nicht so auffiel, was meine Frau mir aber spiegelte, war, dass ich mit jedem Tag des Fastens gereizter und ungeduldiger wurde. Schon wenn Kleinigkeiten nicht nach meinen Vorstellungen liefen oder Dinge geschahen, die ich als unnötig empfand, war ich zunehmend genervt und zunehmend aggressiv.

Meine Frau sagte mir hinterher, ich sei richtiggehend ein anderer Mensch geworden, als ich nach einer Woche das erste Brötchen gegessen und anschließend eine Nacht geschlafen hatte.

Nachdem ich die ersten kleineren Mahlzeiten wieder zu mir genommen hatte, breitete sich in mir das wohlige Gefühl aus, den Körper entschlackt zu haben. Und ich konnte auch einfache und kleine Mahlzeiten wieder mit einer ganz anderen Wertschätzung und Dankbarkeit genießen (Nebenbei hatte ich auch besagte Wette gewonnen – aber das ist eine andere Geschichte).

WAS DAS FASTEN MICH LEHRTE

Wenn ich auf meine Fastenzeit zurückblicke, kann ich sagen, dass es ein Achtsamkeitstraining war. Ich begann wieder bewusster wahrzunehmen. Sei es meine visuelle Umgebung, sei es Geschmack, seien es Gerüche.

Und dann war es ein guttuendes und bestärkendes Gefühl, meinem Hunger und meinen Essensgelüsten wiederstehen zu können; es überwinden zu können. Der Hunger hat ein wenig von seinem Schrecken und von der Notwendigkeit, ihn unmittelbar stillen zu müssen, verloren. Denn mir ist bewusst geworden, dass vieles, was wir in der westlichen Welt als Hunger bezeichnen, für gewöhnlich nicht mehr als antrainierter Appetit ist.

Ich kann mir vorstellen, dass es genau diese beiden Aspekte sind, die das Fasten für die christlichen Mönche und die christlichen Mystiker so attraktiv gemacht haben: Das Schulen der eigenen Achtsamkeit und das Überwinden des Körpers.

FREIMAURER-TUGEND DER MÄßIGKEIT

Im Freimaurertum hat die Tugend der „Mäßigkeit“ einen hohen Stellenwert. Und meiner Einschätzung nach hat der christliche Freimaurerorden vieles, was in seinem Ritual und seiner Symbolik Ausdruck findet, der christlichen Mystik entlehnt. Daher stellt sich mir die Frage, ob es sich bei der Freimaurer-Tugend der „Mäßigkeit“ um eine – im Laufe der Zeit abgewandelte – Form der Enthaltsamkeit der christlichen Mönche und Mystiker handelt. Da sich meines Erachtens die Wurzeln des modernen Freimaurertums mindestens bis in die Zeit der ersten christlichen Mönchsorden zurückverfolgen lassen, ist diese Vermutung nicht abwegig.

Was ich aber sicher sagen kann, ist, dass das Fasten eine Übung ist, die absolut geeignet ist, die Tugend der „Mäßigkeit“ zu trainieren.

EIN AUSBLICK

Zurückblickend bewege ich jetzt die Frage, in welcher Form es möglich und sinnvoll ist, regelmäßigere Zeiten des Fastens in mein Leben einzubauen. Damit das, was mich das Fasten gelehrt hat, nicht nur eine einmalige Erfahrung bleibt. Damit das, was mich das Fasten gelehrt hat, nicht irgendwann wieder in Vergessenheit gerät.