Freimaurerische Bigotterie

ALS FRAU AUßEN VOR?

In meinem privaten Umfeld gibt es den einen oder anderen Menschen, der es ziemlich suspekt fand, als ich mich entschied, Freimaurer zu werden. Insbesondere durch die feministische Brille betrachtet, mutete dieser Schritt mehr als fragwĂŒrdig an. Denn kommen bei den Freimaurern nicht alte weiße MĂ€nner zusammen, die sich im Glanze einer elitĂ€ren ExklusivitĂ€t sonnen? Eine ExklusivitĂ€t, in der fĂŒr Frauen kein Platz ist? Kein Vorbehalt gegenĂŒber der Freimaurerei begegnete mir so hĂ€ufig wie der, dass Frauen dort ausgeschlossen wĂŒrden.

Nur um dieses Argument ein fĂŒr alle Mal abzurĂ€umen: Doch, auch in der Freimaurerei gibt es Frauen. Genauso, wie es reine MĂ€nnerlogen gibt, gibt es auch reine Frauenlogen und auch gemischte Logen.

Allerdings gibt es bei der ganzen Frage bezĂŒglich „Freimaurerei und Frauen“ ein ganz großes „Aber“. Ein „Aber“, das gewichtig und ziemlich hĂ€sslich ist. Ein „Aber“, das mich als mĂ€nnlichen Freimaurer beschĂ€mt. Und um dieses „Aber“ soll es in diesem Blogartikel gehen.

MEIN ERSTER GÄSTEABEND

TatsÀchlich fand mein erster realer Kontakt als Suchender zu einer gemischten Freimaurerloge statt. Eher zufÀllig bekam ich eine Einladung zu einem Ihrer GÀsteabende in die Hand.

Als ich diesen GĂ€steabend dann besuchte, war ich zunĂ€chst etwas irritiert, weil ich in dieser Loge keinen einzigen Mann antraf. Diese Loge war nur auf dem Papier eine gemischte Loge, de facto jedoch eine reine Frauenloge. Die Logenmeisterin erklĂ€rte mir an diesem Abend, warum das so ist: Freimaurerlogen, in denen auch Frauen Mitglieder sind, werden durch die offiziellen freimaurerischen Statuten und Institutionen nicht offiziell anerkannt. Folglich ist es Frauenlogen und auch gemischten Logen nicht möglich, die sogenannte „freimaurerische RegularitĂ€t“ zu erlangen. Dies wiederum hat zur Folge, dass MĂ€nner, die sich dafĂŒr interessieren, Freimaurer zu werden, sich lieber regulĂ€ren MĂ€nnerlogen anschließen, als irregulĂ€ren Frauenlogen oder irregulĂ€ren gemischten Logen. Auch mir legte die Logenmeisterin fĂŒr den Fall, dass ich ernsthaft an der Freimaurerei interessiert sei, nahe, mich dann doch lieber einer reinen, regulĂ€ren MĂ€nnerloge anzuschließen.

Den Vortrag dieses Abends hielt ein Mann. Ein eloquenter und gebildeter Mann. Vor allem aber: Ein regulĂ€rer Freimaurer. In dem Vortrag, den ich als sehr fundiert und umfassend erinnere, ging es um Gotthold Ephraim Lessing. Dessen Ringparabel ist so etwas wie die Lieblingsgeschichte der Freimaurer. Je lĂ€nger dieser GĂ€steabend andauerte, desto mehr hatte ich den Eindruck, dass sich so etwas wie eine informelle Hierarchie herausbildete: Vorne der „richtige“ – weil regulĂ€re – Freimaurer, der alle an seinem Wissen teilhaben ließ. Und zu seinen FĂŒĂŸen die „nicht so ganz richtigen“, – weil irregulĂ€ren – Freimaurerinnen, die an seinen Lippen hingen.

NatĂŒrlich war dieser Abend inhaltlich fĂŒr mich gewinnbringend gewesen. Und auch insofern spannend, weil ich das erste Mal in meinem Leben echte freimaurerische Luft schnuppern durfte. Doch der Eindruck, wie demĂŒtigend innerhalb der Freimaurerei mit den Freimaurerinnen umgegangen wird, ließ einen Ă€ußerst faden Beigeschmack zurĂŒck.

DIE FRAGE DER REGULARITÄT

Doch was hat es mit dieser „RegularitĂ€t“, die dafĂŒr sorgt, dass Frauen innerhalb der Freimaurerei irgendwie außen vor bleiben, auf sich? Woher stammt die Idee der „RegularitĂ€t“?

Geht man dieser Frage nach, kommt man an den sogenannten „Alten Pflichten“ nicht vorbei. Hierbei handelt es sich laut Freimaurer-Wiki um die „erste gedruckte und veröffentlichte Sammlung von Gesetzen und Konstitutionen (Regeln) der Freimaurer“. Diese sind 1723 von dem Reverend und Prediger an der Kirche der schottischen Presbyterianer in London, dem Doktor der Philosophie und der Theologie, James Anderson, verfasst und erstmalig am 28. Februar 1723 veröffentlicht worden. In diesen Alten Pflichten wird fĂŒr das damals noch blutjunge Freimaurertum unter anderem niedergelegt, was einen Freimaurer ausmacht, wie die Ordnung einer Freimaurerloge hergestellt wird und wie sich der einzelne Freimaurer innerhalb und außerhalb der Loge zu verhalten hat. Der gesamte Text setzt voraus, dass nur MĂ€nner Freimaurer werden können. So wird durchgehend von MĂ€nnern, von „der Maurer“, „ein Maurer“ oder „der Bruder“ gesprochen. Im 3. Abschnitt mit dem Titel „Von den Logen“ wird schließlich klar benannt, dass Freimaurer nur „gute und wahre MĂ€nner, frei geboren, von reifem Alter und diskreten und vernĂŒnftigem Urteilsvermögen“ werden können. Es dĂŒrfen „keine Frauen“ zum Freimaurer aufgenommen werden.

Die Alten Pflichten werden von den sogenannten „Basic Principles“ aus dem Jahre 1929 ergĂ€nzt, konkretisiert und ausgeschĂ€rft. In diesen verstĂ€ndigten sich die Großlogen von England, Irland und Schottland darĂŒber, unter welchen Voraussetzungen Großlogen anerkannt und gestiftet werden. Die Basic Principles sind so etwas wie der Versuch, den kleinsten gemeinsame Nenner zu definieren, welche Voraussetzungen erfĂŒllt sein mĂŒssen, damit eine (Groß-) Loge ĂŒberhaupt als regulĂ€r anerkannt werden kann. Acht Punkte sind dort niedergelegt. Der vierte bezieht sich auf die Frage nach „den Frauen und der Freimaurerei“. Dazu steht dort geschrieben: „Die Mitglieder der Großloge und der einzelnen Logen setzen sich ausschließlich aus BrĂŒdern zusammen, die als MĂ€nner zu Freimaurern wurden. Und dass jede Großloge keinerlei freimaurerische Zusammenarbeit mit Organisationen haben darf, die weibliche Freimaurer initiieren.“ Also auch die Basic Principles lehnen Frauen als Freimaurer ab.

Ergo: Die Alten Pflichten und die Basic Principles, die maßgeblich sind, wenn es um die Frage geht, ob eine Loge oder Großloge regulĂ€r oder irregulĂ€r ist, lehnen die Idee, dass auch Frauen Freimaurer sein können, ab. Es könnten an dieser Stelle noch weitere Schriften und Verordnungen mit gleicher Zielrichtung genannt werden, die diese Vorgaben ins jeweilige Großlogen-Recht und den jeweiligen Logen-Alltag transferieren. Doch deren UrsprĂŒnge lassen sich in letzter Konsequenz alle auf die Alten Pflichten und die Basic Principles zurĂŒckfĂŒhren. Und da jede regulĂ€re Loge „gesetzmĂ€ĂŸig durch eine andere anerkannte Großloge oder durch drei oder mehr regulĂ€r konstituierte Logen gegrĂŒndet worden sein“ muss, vererbt sich die Idee, dass Frauen keine Freimaurer sein können, quasi von regulĂ€rer Loge zu regulĂ€rer Loge immerfort. Und den Beginn dieser RegularitĂ€tskette bildet die Vereinigte Großloge aus England, auf die sich schlussendlich direkt oder indirekt jede regulĂ€re Loge zurĂŒckfĂŒhren lĂ€sst.

Nun lassen sich die Mechanismen, die beim Freimaurertum zu greifen anfingen, als Festschreibungen darĂŒber getroffen wurden, wer regulĂ€rer und wer irregulĂ€rer Freimaurer ist, mit denen vergleichen, die bei den Religionen greifen, wenn sie definieren, welcher GlĂ€ubige rechtglĂ€ubig ist und welcher nicht. In beiden FĂ€llen werden mehr oder weniger absolute Statuten aufgestellt, die dadurch, dass sie bestimmte Menschen einschließen, gleichzeitig andere Menschen ausgrenzen. Das liegt im Wesen solcher Statuten (oder sollte ich eher von „Dogmen“ sprechen?). Und bei den Freimaurern sind es eben die Frauen, die durch den niedergeschriebenen Buchstaben pauschal ausgegrenzt werden.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Basic Principles innerhalb der weltweiten Bruderschaft der Freimaurer nicht gleichermaßen anerkannt sind. Hintergrund ist, dass es ab dem 18. Jahrhundert eine große RivalitĂ€t zwischen zwei der grĂ¶ĂŸten damaligen freimaurerischen Richtungen, nĂ€mlich der englischen und der französischen, gab. Es ging um Einfluss und Deutungshoheit innerhalb der Bruderschaft der Freimaurer. Anfang des 20. Jahrhunderts schließlich kam es zum Bruch, zum Schisma zwischen der englischen und der französischen Freimaurerei. Mit den Basic Principles nun hat die Vereinigte Großloge von England versucht zu definieren, wer sich tatsĂ€chlich Freimaurer nennen darf, sprich wer regulĂ€rer Freimaurer ist, und wer nicht. (Groß-) Logen, die einzelne Inhalte der Basic Principles nicht mittrugen, galten von nun an als irregulĂ€r. Das brachte es mit sich, dass große und traditionsreiche (Groß-) Logen, wie der Grand Orient de France, sich nicht mehr als regulĂ€r bezeichnen durften. Auch die Frauenlogen, die offiziell spĂ€testens seit Anfang des 20. Jahrhunderts existierten, fanden sich irgendwann in der IrregularitĂ€t wieder. Gleiches gilt fĂŒr die gemischten Logen, die es bereits seit einigen Jahrzehnten frĂŒher gegeben haben dĂŒrfte.

Die gesamte innerfreimaurerische Auseinandersetzung um die Frage der RegularitĂ€t, um die Inhalte der Alten Pflichten und der Basic Principles ist ein sehr weitreichender und fundamentaler Konflikt, dessen Wehen bis in die heutige Zeit hineinreichen. Daher könnte ich allein dieser Auseinandersetzung schon mehrere Blogartikel widmen. FĂŒr den vorstehenden Artikel, in dem es um die Frage geht, inwiefern Frauen regulĂ€re Freimaurer sein können, soll mein oberflĂ€chlicher und inhaltlich sehr zugespitzter Ritt durch diesen Teil der freimaurerischen Geschichte jedoch ausreichen.

DIE SITUATION HEUTE

Sehr interessant ist es, sich bezĂŒglich dieses Themenkomplexes einmal durch das Freimaurer-Wiki zu klicken. Dort kann man vieles vertiefen, was ich in diesem Blogartikel lediglich anreißen kann. Und dort stieß ich auf die Übersetzung einer sehr interessanten Verlautbarung der Vereinigten Großloge von England aus dem Jahr 1999, die ich hier mal im O-Ton bringen will: „In England und in Wales gibt es zumindest zwei Frauengroßlogen. Außer daß diese Frauen aufnehmen, sind sie, soweit das festgestellt werden kann, in ihrer AusĂŒbung regulĂ€r. Es gibt auch eine Großloge, die MĂ€nner und Frauen aufnimmt. Diese Großlogen werden von der ‚United Grandlodge‘ (UGLE) nicht anerkannt; es finden keine gegenseitigen Besuche statt. Jedoch gibt es mit den Frauengroßlogen gelegentlich informelle GesprĂ€ch ĂŒber Angelegenheiten von beiderseitigem Interesse. Wenn BrĂŒder von Nichtmaurern darauf angesprochen werden, können sie also klarstellen, daß sich die Freimaurerei nicht auf MĂ€nner beschrĂ€nkt, und das obwohl die UGLE selbst keine Frauen aufnimmt.“ Als bei der Vereinigten Großloge von England mit der Bitte um Konkretisierung dieser Aussage nachgehakt wurde, folgte nachstehende Aussage, die ich hier ebenfalls im O-Ton bringen will: „Um anerkannt zu werden, muss eine Loge regulĂ€re Freimaurerei praktizieren, aber das ist nicht die einzige Voraussetzung. Anerkennung bedeutet auch, daß gegenseitige Logenbesuche möglich sein mĂŒssen. Aber weder die UGLE noch die beiden Frauengroßlogen wollen gemischte Logenarbeiten. Es gibt AktivitĂ€ten, die manche Menschen lieber in einer ‚Single-Sex‘-Umgebung praktizieren, ohne den Druck und die Ablenkungen, die in gemischten Gruppen auftreten können. Das gilt fĂŒr viele sportliche TĂ€tigkeiten: MĂ€nner und Frauen spielen Hockey, aber nicht zusammen. Und es gilt fĂŒr spirituelle RĂ€ume: Siehe die Nonnen und die Mönche.“

Diese Aussagen sind höchst interessant. Denn sie sprechen der Frau an sich nicht mehr per se die FĂ€higkeit ab, Freimaurerinnen zu sein. Vielmehr wird Ihnen sogar zugestanden, dass sie im freimaurerischen Sinne regulĂ€r rituell arbeiten. Trotzdem bleiben diese Aussagen letztendlich inkonsequent. Denn Frauen- oder auch gemischten Logen wird eine RegularitĂ€t mit der BegrĂŒndung nicht zugesprochen, dass gegenseitige Besuche der rituellen Tempelarbeiten möglich sein mĂŒssen. Besuchten sich jedoch MĂ€nner und Frauen gegenseitig bei den Tempelarbeiten, handelte es sich bei diesen Ritualen um gemischte Tempelarbeiten, welche wiederum nicht regulĂ€r wĂ€ren. Im Ernst jetzt? Dem geneigten Beobachter stellt sich hierbei die Frage, warum das gesamte Feld der freimaurerischen Tempelarbeiten nicht einfach komplett fĂŒr MĂ€nner und Frauen freigegeben wird. Warum legt man es nicht ins Ermessen jeder einzelnen Loge, jedes einzelnen Freimaurers, in welcher geschlechtlichen Konstellation die rituellen Arbeiten begangen werden wollen?

Eventuell, weil essentielle Teile des mĂ€nnlichen Freimaurertums noch nicht so weit sind? Denn noch 2013, als ich in den christlichen Freimaurerorden aufgenommen wurde, bekam ich mit, wie ein Ă€lterer Bruder bei einem freimaurerischen Mahl von sich gab, dass das freimaurerische Ritual ein Ritual sei, dass „auf die mĂ€nnliche Seele abgestimmt“ und folglich „nichts fĂŒr Frauen“ sei. Bei keinem der BrĂŒder, die diese Aussage vernommen hatten, regte sich Widerspruch. Erst im Nachhinein begriff ich, wie anmaßend solch eine Aussage ist. Denn wenn eine Frau aus Überzeugung Freimaurerin ist und augenscheinlich vom freimaurerischen Ritus und der freimaurerischen Symbolik berĂŒhrt und inspiriert wird, welcher Mann hat dann das Recht zu behaupten, dass Ritual und Symbolik des Freimaurertums nichts fĂŒr sie sei? Welch Arroganz, Ignoranz und Überheblichkeit spricht denn bitte aus solch einer Ansicht?!

Ich will aber nicht verschweigen, dass es sich hierbei nicht um die Mehrheitsmeinung unter den Freimaurer-BrĂŒdern zu handeln scheint. Denn in meinem Logenalltag und meinem Social-Media-Umfeld erlebe ich, dass der Umgang zwischen Freimaurern und Freimaurerinnen von Geschwisterlichkeit, Respekt und gegenseitiger WertschĂ€tzung geprĂ€gt ist. Man befindet sich steten Austausch und besucht sich gegenseitig (wenn auch nicht zu gemeinsamen Tempelarbeiten). Man teilt dieselben Werte und dieselben Tempel. Nichtsdestotrotz bleibt natĂŒrlich der Makel der IrregularitĂ€t an den Freimaurerinnen haften.

EIN PLÄDOYER

Jetzt mag der ein oder andere Freimaurer an dieser Stelle sagen: „Wenn der Hagen Unterwegs sich so fĂŒr die Gleichberechtigung der Frau in freimaurerischen Fragen einsetzt, warum tritt er dann der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland, sprich dem christlichen Freimaurerorden, bei, der keine Frauen zulĂ€sst?“ TatsĂ€chlich habe ich mich, bevor ich Freimaurer wurde, sehr ausfĂŒhrlich mit dem Freimaurertum und seinen unterschiedlichen Richtungen befasst. Meine Entscheidung fĂŒr den christlichen Freimaurerorden war eine wohl ĂŒberlegte und abgewogene. Und dies liegt in der initiantischen MĂ€nnerarbeit nach Richard Rohr begrĂŒndet, in der ich verwurzelt bin. Dort habe ich die Erfahrung gemacht, dass viel mĂ€nnliches Gockelgehabe und Gepose eher wegfĂ€llt und MĂ€nner ihren Schmerz, ihre Schwachheit, ihre Schattenseiten und ihre Scham eher zulassen und mit Ihresgleichen teilen können, wenn keine Frauen zugegen sind. Daher war fĂŒr mich klar, dass ich einer rein mĂ€nnlichen Loge beitreten möchte. Und bis heute habe ich diese Entscheidung nicht bereut.

Was mir jedoch negativ aufstĂ¶ĂŸt, ist die Tatsache, dass die aktuelle freimaurerische Rechtslage meiner Großloge gar keine andere Wahl lĂ€sst, als mir zu verbieten, gemeinsam mit Frauen an Tempelarbeiten teilzunehmen. Ich empfinde dies als ĂŒbergriffig und bevormundend. Denn was spricht dagegen, den einzelnen Bruder selbst entscheiden zu lassen, in welcher geschlechtlichen Konstellation er Tempelarbeiten beiwohnen will? Warum wird mir diese Erfahrung verwehrt? Und was mir ebenso negativ aufstĂ¶ĂŸt, ist die Tatsache, dass die aktuelle freimaurerische Rechtslage es mit sich bringt, dass es in meiner Großloge keine Frauenlogen gibt. Warum enthalten wir den erhabenen, wirkmĂ€chtigen und bis ins letzte Detail durchkomponierten freimaurerischen Ritus des christlichen Freimaurerordens den Frauen komplett vor? Was ginge denn verloren, wenn es in der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland neben reinen MĂ€nnerlogen auch reine Frauenlogen oder gar gemischtgeschlechtliche Logen gĂ€be?

Nur um eines klar zu sagen: Dieser Blogartikel von mir ist kein PlĂ€doyer dafĂŒr, dass meine Großloge sich durch die Aufnahme von Frauen in die IrregularitĂ€t begeben soll. Niemandem wĂ€re dadurch geholfen; weder der Sache der Frauen, noch dem christlichen Freimaurerorden selbst. Allerdings bedarf es fĂŒr das Ein- und Aufstehen fĂŒr die RegularitĂ€t von Freimaurerinnen auch nicht die Aufgabe der eigenen RegularitĂ€t.

Und dieser Blogartikel ist auch kein PlĂ€doyer dafĂŒr, die Idee der RegularitĂ€t komplett ĂŒber Bord zu werfen. Auch wenn ich finde, dass der Begriff der freimaurerischen RegularitĂ€t deutlich weiter gefasst werden sollte, als dies aktuell der Fall ist, so ist die Idee der RegularitĂ€t dennoch notwendig, um grob abzustecken, wo die freimaurerische Idee beginnt und wo sie endet. Um mal ein plakatives Beispiel zur Veranschaulichung zu bringen: GĂ€be es einen Rahmen der RegularitĂ€t nicht, was sprĂ€che dann dagegen, Gesellschaften, wie einst die nationalsozialistische „Thule-Gesellschaft“ aus dem Dritten Reich, die vom Aufbau und den rituellen Formen her viele Überschneidungen zum Freimaurertum aufwies, auch dem Freimaurertum zuzuschlagen? Ich denke, aus diesem Beispiel wird ersichtlich, dass ein Mindestmaß an freimaurerischer Abgrenzung durch RegularitĂ€t notwendig ist.

Dass diesem Maß an Abgrenzung aktuell allerdings die Frauen zum Opfer fallen, halte ich fĂŒr grundfalsch. Und so sehr ich mir den Kopf auch zerbreche, es will mir einfach keine schlĂŒssige und tragfĂ€hige freimaurerische BegrĂŒndung dafĂŒr einfallen, weshalb Frauen keine regulĂ€ren Freimaurer sollten werden dĂŒrfen.

Daher ist dieser Blogartikel ein PlĂ€doyer dafĂŒr, die Frau endlich aus dem GefĂ€ngnis der IrregularitĂ€t herauszuholen und sie in allen freimaurerischen Belangen und auf allen freimaurerischen Ebenen dem Mann vollumfĂ€nglich gleichzustellen! Beenden wir doch endlich diesen Zustand, der Frauen innerhalb des Freimaurertums unterm Strich viel zu oft zu Geschwistern zweiter Klasse degradiert. FĂŒr mich als Mann ist dieser Zustand beschĂ€mend, aus der Zeit gefallen und bigott. Dabei ist der Schritt dahin, diesen Zustand zu beenden, doch gar kein so großer mehr.

28.06.2022: Blue Night Plaza – Freimaurer in Hamburg

Wer heute Abend um 19:30 Uhr noch nichts vor und Interesse an der Freimaurerei hat, kann sich im Logenhaus der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland in der Moorweidenstraße 36 in 20146 Hamburg zur nĂ€chsten Blue Night Plaza einfinden.

Hierbei wird das Thema der vorangegangenen Blue Night „Freimaurerei und Persönlichkeitsentwicklung“ vertieft.

Wie folgt beschreiben die Initiatoren die heutige Blue Night Plaza auf ihrer Homepage:

„Erfahren Sie wie der kommende Referent, Herr Uwe Dörger – langjĂ€hriger Freimaurer und erfahrener selbststĂ€ndiger Coach, seine persönliche Verbindung zu unserem Thema sieht und individuell erfĂ€hrt.

Es erwartet Sie ein spannender Abend mit anschließendem Ausklang im Logenhaus, an dem Sie der Tradition nĂ€her kommen.

Die Plaza der Blue Night versteht sich als Vertiefung der zuvor stattgefundenen Blue Night und ermöglicht persönlicheres, tiefer gehendes VerstĂ€ndnis zum gewĂ€hlten Thema.“

Kurzentschlossene können sich hier anmelden.

08.06.2022: Blue Night – Freimaurer in Hamburg

Morgen, am Mittwoch, den 08. Juni 2022 um 19:30 Uhr, steht im Logenhaus der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland in der Moorweidenstraße 36 in 20146 Hamburg die nĂ€chste Blue Night an!

In bewĂ€hrter Manier wird es zunĂ€chst einen Vortrag geben. Dieser wird sich um das Thema „Freimaurerei und Persönlichkeitsentwicklung“ drehen und von Bruder Björn Motzkus von der Johannisloge „Phoenix zur Wahrheit“ gehalten werden. Und hiernach wird man wieder in geselligem Rahmen ĂŒber das Gehörte reden können.

Auf der Homepage der Blue Night wird der Inhalt des Vortrags wie folgt beschrieben: „Erfahren Sie, wie die Freimaurer durch Metaphern, Symbole und Rituale zu einem global gĂŒltigen „Persönlichkeitsentwicklungsprogramm“ geworden ist. Ihnen wird an diesem Abend Einblick in das System der Freimaurerei geben, Ihnen die AbkĂŒrzung zur persönlichen Entwicklung aufgezeigt und dabei bildlich darstellen, welches Konzept Ihnen im Alltag weiterhelfen kann, auch wenn Sie noch kein Freimaurer sind. Erleben Sie eine Ahnung des freimaurerischen Geheimnisses – Freimaurerei war immer, ist immer und wird immer sein.“

Suchende, an der Freimaurerei Interessierte und Freimaurer selbst können sich hier anmelden.

Die toxische Seite des Christentums

SPIRITUALITÄT UND TOXISCHE RELIGION

Wer auf meinem Blog liest, dem wird eines sehr schnell klar: Das prÀgende Element, das sich durch jedes meiner Bilder, durch jeden Buchstaben, den ich niederschreibe, zieht, ist SpiritualitÀt. Und da ich die Geschichten, Symbole und Bilder meiner SpiritualitÀt in erster Linie dem Christentum entlehne, nehme ich auch hÀufig Bezug auf Gott und auf Jesus Christus. Folglich ist auch meine grundsÀtzliche Beziehung zum Christentum zunÀchst eine positive.

Wenn Ihr wissen wollt, wie ich „SpiritualitĂ€t“ fĂŒr mich definiere, lest Ihr am besten meinen Artikel „Spirituelle Heldenreise„. Und wenn Euch interessiert, was ich unter „Gott“ verstehe, lege ich Euch meinen Artikel „Freimaurertum benötigt SpiritualitĂ€t und Gottesbezug“ ans Herz. Diese Blogartikel vorausgesetzt, ist der Ausgangspunkt sowie der Endpunkt von SpiritualitĂ€t, wie ich sie verstehe, immer das mit menschlicher und göttlicher WĂŒrde beschenkte Individuum. Und ĂŒber diese WĂŒrde verfĂŒgt das Individuum ganz unabhĂ€ngig von seinem Geschlecht, seiner Religion, seinem kulturellen oder sozioökonomischen Hintergrund, seiner geschlechtlichen IdentitĂ€t, seiner Weltanschauung oder was auch immer. Weiter geht es in dieser SpiritualitĂ€t immer um das Verbunden-Sein beziehungsweise das Eins-Sein dieses Individuum mit allem, was existiert und seinem eigenen göttlichen Urgrund. Es geht immer um die Überwindung des egodominierten Selbst („Falsches Selbst“), das Freilegen des eigenen ursprĂŒnglichen göttlichen Kerns („Wahres Selbst“) und die RĂŒckkehr zum eigenen Ursprung. Folglich kann SpiritualitĂ€t niemals faschistisch motiviert sein, sich ĂŒber Feindbilder definieren oder im Widerspruch zur Wissenschaft stehen. Vielmehr ist sie sogar eine bereichernde ErgĂ€nzung, FortfĂŒhrung und Horizonterweiterung der Wissenschaft. Spirituelle Weltsicht kann und muss immer undogmatisch, nondualistisch, interdependent und holistisch sein.

Dieses VerstĂ€ndnis von SpiritualitĂ€t hat zur Folge, dass ich den unterschiedlichen Religionen und religiösen Traditionen der Menschheit zuerst einmal wertschĂ€tzend gegenĂŒberstehe. Und aus der Innenansicht des Christentums heraus könnte ich unzĂ€hlige Blogartikel mit der NĂ€chstenliebe und dem sozialen und karitativen Engagement, das ich bei vielen Christen erleben durfte, fĂŒllen. Das bedeutet fĂŒr mich im Umkehrschluss jedoch nicht, dass ich die Religion im Allgemeinen oder das Christentum im Besonderen verklĂ€re oder unkritisch sehe. Schließlich bin ich auf meinem Weg zur GenĂŒge mit den toxischen Seiten der Religion in BerĂŒhrung gekommen. Auf meinem Blog habe ich die Religion beziehungsweise bestimmte religiöse AuswĂŒchse immer wieder auch kritisch gestellt.

Das aktuelle Weltgeschehen jedoch hat mich jĂŒngst innehalten und die Rolle der Religion noch einmal kritischer hinterfragen lassen. Als GlĂ€ubiger ist mir hierbei aufgefallen, dass die Bilder der letzten 20 Jahre, die mich im Zusammenhang mit geopolitischen MachtkĂ€mpfen und kriegerischen Auseinandersetzungen am stĂ€rksten verstört und betroffen gemacht haben, die Religion zu verantworten hat. Und als Christ beobachte ich mit Sorge, dass Teile des Christentums zunehmend eine destruktive und lebensverachtende Rolle in diesen MachtkĂ€mpfen und Auseinandersetzungen einnehmen.

Im Folgenden werde ich exemplarisch vier dieser mich verstörenden Ereignisse herausgreifen und kurz Revue passieren lassen. Abschließend werde ich an dem, was der christliche ReligionsgrĂŒnder Jesus Christus laut biblischer Überlieferung zum Thema Macht und Gewalt vor etwa 2000 Jahren gelehrt hat, Maß nehmen, und daran die beschriebenen aktuellen Entwicklungen des Christentums bemessen. Auch, wenn mein Fokus primĂ€r auf dem Christentum liegt, so will ich, den Einstieg dennoch mit dem Islam machen.

ISLAMISTISCHER TERRORISMUS

Alles begann mit dem 11. September 2001. Von denen, die damals alt genug waren, den Anschlag auf das World Trade Center bewusst mitbekommen zu haben, ist mir bislang niemand begegnet, der nicht auch ĂŒber 20 Jahre spĂ€ter noch klar benennen könnte, was er in dem Moment, als die Passagiermaschinen in die Tower stĂŒrzten, gerade machte. Ich selber nahm damals an einem „Ethik-Seminar“ teil. Es ging um ethisch-moralisches Handeln im beruflichen Kontext. Zuerst vibrierte mein Handy. Eine Freundin hatte mir eine SMS (denn WhatsApp und Co. gab es damals noch nicht) mit folgendem sinngemĂ€ĂŸen Inhalt geschickt: „Das World-Trade-Center ist kaputt. Das Pentagon ist kaputt. Und mir ist auch schon ganz schlecht.“ Im nĂ€chsten Moment platzte eine Kollegin aufgeregt in den Seminarraum. Diese hielt sich ein Radio ans Ohr. So ein analoges Radio mit ausziehbarer Antenne und so. Im ĂŒbernĂ€chsten Moment war der gesamte Kurs auch schon um einen Fernseher herum versammelt und zog sich die schockierenden Bilder aus New York rein. Immer und immer wieder. Als ich am nĂ€chsten Tag in einer norddeutschen Großstadt eine Tageszeitung kaufen wollte, gab es keine mehr. Vom deutschlandweiten Blatt bis hin zur kleinen Regionalzeitung, sie waren alle ausverkauft.

Der Anschlag vom 11. September hatte traumatisierendes Potenzial. Zum einen, weil die Weltgemeinschaft es niemals fĂŒr möglich gehalten hĂ€tte, dass solch eine Tat auf amerikanischem Grund und Boden möglich sein könnte. Und zum anderen, weil er einer breiten westlichen Öffentlichkeit zum ersten Mal die RealitĂ€t islamistischen Terrorismus‘ vor Augen fĂŒhrte.

In den folgenden Jahren sollten weitere AnschlĂ€ge unterschiedlicher islamistischer Couleur auf europĂ€ischem Grund und Boden folgen. Insbesondere der Anschlag auf das VerlagsgebĂ€ude der französischen Satirezeitschrift „Carlie Hebdo“ im Jahr 2015 als Rache fĂŒr die Veröffentlichung von Karikaturen des muslimischen Propheten Mohammed traf mich bis ins Mark. Er ließ mich fassungslos und wĂŒtend zurĂŒck. Schwang in der TatausfĂŒhrung doch so unendlich viel Verachtung fĂŒr die freiheitlichen Werte des Westens mit. Damals hĂ€tte ich nie zu denken gewagt, dass selbst diese Tat noch zu toppen gewesen wĂ€re: Im Jahr 2020 wurden in Frankreich Lehrer von Islamisten enthauptet, weil der Stoff ihres Unterrichts nicht genehm war. Wie barbarisch, wie bestialisch!

Neun Jahre nach dem Terroranschlag vom 11. September nahm ich an einem Seminar der UniversitĂ€t Hamburg teil. Es ging um den Umgang mit Menschen anderer Kulturen. Zwei Aussagen, die dort von den Dozenten getĂ€tigt wurden, sind bei mir haften geblieben. Die erste Aussage war: Es gibt eine Korrelation zwischen der sozialen Lebenssituation in einer Gesellschaft und der Bereitschaft des Einzelnen, islamistisch motivierte terroristische AnschlĂ€ge zu begehen. Je unsicherer ein Gesellschaftssystem und je prekĂ€rer die Lebenssituation der Bevölkerung, desto grĂ¶ĂŸer ist die Wahrscheinlichkeit, dass dort auch Terrorakte verĂŒbt werden. Daher ereignet sich auch die große Masse islamistischer TerroranschlĂ€ge in muslimischen LĂ€ndern. Und die zweite Aussage war: Die mit großem Abstand meisten Opfer islamistischer Terrorakte sind Moslems. Klar, beides relativiert nicht die Verantwortung, die die Religion des Islam fĂŒr diese menschen- und lebensverachtenden Taten trĂ€gt, aber es ordnet sie in einen grĂ¶ĂŸeren Kontext ein und leitet sie ein wenig her. Das Ă€ndert jedoch nichts daran, dass der Islam die rechtfertigende Ideologie und auch die praktische Infrastruktur fĂŒr diese Taten geliefert hatte.

In den christlichen Kreisen, in denen ich mich damals bewegte, wurde vergleichsweise schnell mit dem Finger auf den Islam gezeigt. Die GrĂ€ueltaten des islamistischen Terrorismus galten als letzter Beweis dafĂŒr, dass der Islam an sich von Grund auf böse oder gar ein satanischer Irrweg sei. Die GrĂ€ueltaten des Christentums, wie zum Beispiel KreuzzĂŒge und Hexenverbrennungen, lagen lange genug zurĂŒck, so dass mancher Christ sich ruhigen Gewissens ĂŒber „diese Moslems“ erheben konnte. Damals war die Welt noch in Ordnung: Die Moslems waren die Bösen und die Christen die Guten. Doch schleichend und von der Öffentlichkeit zunĂ€chst unbemerkt, sollte sich dies nach und nach Ă€ndern…

REGENWALD IN FLAMMEN

2018/2019 gingen Bilder durch Presse und soziale Medien, auf denen große FlĂ€chen des brasilianischen Amazonas-Regenwaldes in Flammen zu sehen waren. Dieser Regenwald brannte in einem Ausmaß und einer Geschwindigkeit wie niemals zuvor. Mitverantwortlich dafĂŒr zeichnete der damalige brasilianische PrĂ€sident, Jair Messias Bolsonaro. 2018 ins Amt gewĂ€hlt, betrieb er eine Politik, die der Brandrohdung des Amazonas-Regenwaldes Vorschub leistete und Bestimmungen zum Schutz des Regenwaldes sukzessive aufgeweichte und abgeschaffte. Auch seine Maßnahmen zur EindĂ€mmung der BrĂ€nde wurde als völlig unzureichend kritisiert. Sie waren zu wenig, zu langsam und zu halbherzig.

Laut Wikipedia vertritt Bolsonaro „gesellschaftspolitisch rechtspopulistische bis rechtsextreme und wirtschaftspolitisch neoliberale Positionen“. Was mir lange Zeit gar nicht bewusst war, war, wie tief Bolsonaro in den evangelikal christlichen Milieus Brasiliens verwurzelt ist. Und dass die Stimmen eben dieser Milieus ausschlaggebend fĂŒr seine Wahl zum PrĂ€sidenten Brasiliens gewesen waren. In diesen Milieus soll er Zustimmungswerte von bis zu 73 Prozent erhalten haben.

Doch wie kam es dazu? Denn noch Ende der 70er beziehungsweise Anfang der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts waren 9 von 10 Brasilianern katholisch gewesen. Seither jedoch sind die evangelikalen Richtungen des Christentums dort die am stĂ€rksten wachsenden Glaubensgemeinschaften. Mittlerweile zĂ€hlen rund 30 Prozent von Brasiliens Gesamtbevölkerung zu evangelikal christlichen Kirchen. Geht diese Entwicklung so weiter, wird es dort in absehbarer Zeit mehr Evangelikale als Katholiken geben. Und die evangelikalen Milieus sind welche, die sich ins politische Geschehen einmischen und versuchen, Einfluss zu nehmen. Sei es, um Steuererleichterungen fĂŒr ihre wie Wirtschaftsunternehmen gefĂŒhrten Kirchen zu erreichen, sei es, um ihre national rechts-konservativen Positionen in der Gesellschaft durchzusetzen und zu verfestigen oder um ihnen wohlgesonnene EntscheidungstrĂ€ger an den wichtigen gesellschaftlichen Positionen zu installieren. Bolsonaro hatte dies erkannt und sich den evangelikal christlichen Milieus angedient. Die Frau, die er geheiratet hatte, entstammte der evangelikalen Kirche des populĂ€ren Predigers Silas Malafai. In selbiger Kirche hatte Bolsonaro sich 2016 medienwirksam taufen lasse, und das obwohl er nach wie vor Katholik gewesen war. Im Wahlkampf schließlich hatte er die Positionen der evangelikalen Christen beispielsweise in Fragen der Sexualethik, der Drogenpolitik oder auch der Familienpolitik eingenommen und war mit Slogans wie „Brasilien ĂŒber alles. Gott ĂŒber allen“ in den Wahlkampf gezogen. Als Dank war in den evangelikal christlichen Milieus fleißig das Kreuz bei Bolsonaro gemacht worden.

Und kaum hatte Bolsonaro die Macht ergriffen, gingen diese apokalyptischen Bilder aus dem brasilianischen Amazonas-Regenwald um die Welt. Dieser brannte in einem Ausmaß nieder, wie es bis dahin nicht vorstellbar gewesen wĂ€re. Die internationale Presse beobachtete das Krisenmanagement des neuen PrĂ€sidenten mit UnverstĂ€ndnis. Steckte dieser selbst hinter diesen BrĂ€nden, mit dem Ziel neues Weideland zu generieren? Verschleppte und unterminierte er bewusst die BrandbekĂ€mpfungsmaßnahmen? Oder war seine Intervention einfach nur schlecht koordiniert und durchgefĂŒhrt? So mancher begrĂŒndete Verdacht wurde in den Medien diskutiert. Und auch wenn man in dieser Sache von außen ziemlich eindeutige Indizien sammeln konnte, so liegt es doch in der Natur der Sache, dass die abschließende BeweisfĂŒhrung unvollendet bleiben musste.

Was einen aber förmlich ansprang, war das Schweigen der großen Mehrheit des evangelikalen Christentums, das Bolsonaro ins Amt gewĂ€hlt hatte. Es war das Schweigen eben jener Christen, die sonst so lautstark ihre Stimme erheben, wenn es darum geht, gegen die Gleichstellung von Homosexuellen oder die Möglichkeit des Schwangerschaftsabbruchs zu kĂ€mpfen. Als es um die Bewahrung der Schöpfung, um das Ausrotten ganzer Tierarten, um die Vernichtung des Lebensraumes indigener Menschen und die BekĂ€mpfung des Klimawandels ging, da schwiegen genau diese Christen. Und dieses Schweigen war unĂŒberhörbar.

ERSTÜRMUNG DES KAPITOLS

Am 06. Januar 2021 erstĂŒrmte ein Mob ĂŒberwiegend weißer MĂ€nner eines der zentralen Symbole der amerikanischen Demokratie: Das Kapitol. Der Grund hierfĂŒr war die demokratische Abwahl des bis dato amtierenden PrĂ€sidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald John Trump. Auch wenn dieser Sturm vergleichsweise gesittet vonstattenging, so brachte er dennoch Vandalismus und Diebstahl mit sich und forderte eine Handvoll Menschenleben. Viel schlimmer jedoch: Es war ein Tabubruch von ungeahnter Reichweite, weil er fundamental mit der demokratischen Idee brach. Sehr schnell wurde klar, dass dieser Sturm in seinem Kern christlich motiviert war. FĂŒr den geneigten Beobachter dĂŒrften insbesondere die Bilder dieses gehörnten, halbnackten und stark tĂ€towierten, selbsternannten „Q-Anon-Schamanen“, der nach der ErstĂŒrmung im Inneren des Kapitols unter „Halleluja“- und „Amen“-Rufen eine christliche Gebetsgemeinschaft anleitete, am schwersten einzuordnen und zu ertragen gewesen sein.

Die ErstĂŒrmung des Kapitols stellte den vorlĂ€ufigen Höhepunkt einer lĂ€ngeren Entwicklung dar, die in den 1970er Jahren ihren Anfang genommen und unter PrĂ€sident Trump eine neue IntensitĂ€t und Dynamik bekommen hatte. Über Jahrzehnte hinweg hatten sich im christlich evangelikalen Spektrum der USA sehr meinungsstarke und medial zunehmend prĂ€sente Strömungen herausgebildet, die ihren Einfluss auf die Politik, insbesondere ins Republikanische Milieu hinein, sukzessive ausbauten. Sich im apokalyptischen Endkampf gegen die antichristlichen KrĂ€fte des omniprĂ€senten, jedoch nur schwer greifbaren Feindbildes „Kultur-Marxismus“ wĂ€hnend, hatten sich diese evangelikalen Strömungen ideologisch zusehends radikalisiert und ihr politisches Koordinatensystem ins Rechtsextremistische und Nationalistische verschoben. AuffĂ€llig war auch, wie dieses Weltbild nach und nach anschlussfĂ€hig fĂŒr die krudesten Verschwörungsideologien geworden war. Hervorzuheben seien hier die Ideologien rund um „Q-Anon“ (oder auch einfach nur „Q“). Deren Kern die Annahme ist, dass weltweit satanische Eliten in Hinterzimmern und Kellern Kinder quĂ€lten und töteten, um anschließend deren Blut zu trinken. In PrĂ€sident Trump hatte dieses christlich evangelikale Spektrum „seinen“ PrĂ€sidenten im Amt. Ein PrĂ€sident, der ihresgleichen an den wichtigen Schalthebel der Macht installiert und Gesetzesvorhaben in ihrem Sinne verabschiedet hatte.

LĂ€sst man diese Entwicklung des evangelikalen Christentums in den Vereinigten Staaten von Amerika Revue passieren, ĂŒberrascht es nicht mehr wirklich, dass es allem voran Christen waren, die in den Chor derer einstimmten, die die Abwahl von Donald Trump als durch Betrug zustande gekommen ansahen. Und dies, ohne dass es belastbare Beweise fĂŒr diese Behauptung gegeben hĂ€tte. Und es ĂŒberrascht ebenso wenig, dass es eben diese Christen waren, die vorneweg marschierten, als es darum ging, das Kapitol zu erstĂŒrmen. War diesen Menschen bewusst, was fĂŒr einen Schaden ihr Verhalten im Herzen der Demokratie anrichtete; was fĂŒr eine Signalwirkung dies fĂŒr nicht-demokratische oder demokratiefeindliche Gesellschaftssysteme gehabt hat? Und auch hier war wieder augenscheinlich, welche zentrale Rolle das Christentum bei der Rechtfertigung dieser Taten spielte. Denn deren Antriebsfedern waren christlich begrĂŒndete Apokalyptik und christlich legitimierte Feindbilder.

RUSSLAND-UKRAINE-KRIEG

Am 24. Februar 2022 begann Russland einen brutalen und gnadenlosen Angriffskrieg, als es mit einem massiven militÀrischen Aufgebot zu Land, zur Luft und zur See in den benachbarten Bruderstaat Ukraine einmarschierte. Was dies auslöste, wird von vielen Russen und Ukrainern als Bruderkrieg bezeichnet. Wie wahrscheinlich ganz Europa versetzten auch mich die Bilder, die dieser Krieg produzierte, in eine Art Schockstarre. Und es dauerte einige Tage, bis ich anfing, mich aus ihr zu lösen und Worte zu finden.

Neben den unzĂ€hligen Fragen, die solch ein Krieg immer aufwirft, fragte ich mich zunehmend auch, welche Rolle die Russisch-Orthodoxe Kirche in dieser Auseinandersetzung eigentlich einnimmt. In ersten Internet-Recherchen fand ich Bilder von deren Geistlichen, die russische Raketen und Schusswaffen segneten. Allerdings konnte ich nicht verifizieren, dass diese Bilder tatsĂ€chlich im Zusammenhang mit dem aktuellen Russland-Ukraine-Krieg stehen. Was ich jedoch verifizieren konnte, war, dass Russisch-Orthodoxe Geistliche vor der Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 militĂ€risches GerĂ€t, Raketen, Schusswaffen und Soldaten der russischen StreitkrĂ€fte gesegnet hatten. In den Jahren danach jedoch war innerhalb der Russisch-Orthodoxen Kirche ein leidenschaftlicher Streit darum entbrannt, ob es aus christlicher Sicht ĂŒberhaupt zu vertreten sei, Kriegswaffen zu segnen. Aber selbst, wenn die Russisch-Orthodoxe Kirche in dieser Frage ihre Position in Frage gestellt und geĂ€ndert haben sollte, so befremdet ihre Haltung im aktuellen Krieg zwischen Russland und der Ukraine dennoch sehr. In der Vergangenheit waren von dem Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche, Kyrill I. (der im Übrigen mehrfacher MilliardĂ€r ist) zu hören, dass der Kriegsdienst ein Akt der NĂ€chstenliebe sei. Und auch als die Kriegsmaschinerie des russischen PrĂ€sidenten Wladimir Wladimirowitsch Putin sich in Richtung Ukraine in Bewegung setzte, war keinerlei Intervention von Seiten dieser Kirche zu vernehmen. Das höchste der GefĂŒhle war der Appell, die Anzahl der Kriegsopfer möglichst gering zu halten. Mit zunehmender Kriegsdauer radikalisierten sich die Worte des Russisch-Orthodoxen Kirchenoberhauptes. So begann er irgendwann, den Krieg gegen die Ukraine als notwendigen und apokalyptischen Glaubenskrieg gegen einen gottlosen Westen, gegen „die KrĂ€fte des Bösen“ zu deklarieren. Und fĂŒr solch einen heiligen Krieg nimmt man Opfer unter den orthodoxen Glaubensgeschwistern in der Ukraine sowie die Zerstörung ihrer GotteshĂ€user als notwendigen Kollateralschaden halt in Kauf. Meiner Ansicht nach, gibt es fĂŒr dieses Verhalten der Russisch-Orthodoxen Kirche zwei BeweggrĂŒnde:

Zum einen ist da dieser uneingeschrĂ€nkt herrschende Machthaber Russlands, Wladimir Putin. Dieser inszeniert sich seit Jahren als orthodoxer Christ und sucht auf diese Weise den Schulterschluss mit der Russisch-Orthodoxen Kirche. So lĂ€sst er sich gerne in medial wirksamer Weise beim Besuch russisch-orthodoxer Gottesdienste, beziehungsweise beim Praktizieren russisch-orthodoxer Rituale in Szene setzen und soll auch schon GesetzesentwĂŒrfe vorab mit der KirchenfĂŒhrung abgestimmt haben. Weiter umgibt er sich mit einer verklĂ€renden Lebensgeschichte, wonach seine glĂ€ubige Mutter ihn als SĂ€ugling heimlich und gegen den erklĂ€rten Willen seines atheistischen Vaters hatte taufen lassen. Das entsprechende Taufkreuz soll auf dramatische Weise einen Brand in einem von Putins Anwesen ĂŒberstanden haben. Dies und die Tatsache, dass seine Familie diesen Vorfall unversehrt ĂŒberlebt hatte, soll Putins Bekehrungsmoment zum russisch-orthodoxen Glauben gewesen sein. Daher trĂ€gt er dieses Kreuz bis heute unablĂ€ssig um seinen Hals. Putin weiß, dass die Russisch-Orthodoxe Kirche nicht nur etwa 70 Prozent der Bevölkerung bindet, sondern auch, dass sie eng mit der russischen Geschichte und der russischen IdentitĂ€t verbunden ist. So war sie ein entscheidender Faktor des inneren Zusammenhalts, als sich im 10. Jahrhundert der erste Staat auf russischem Gebiet grĂŒndete und stabilisierte. Und gerade nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den 1980er und 1990er Jahren, gab sie weiten Teilen der russischen Gesellschaft Zuflucht, Trost und IdentitĂ€t. Die Russisch-Orthodoxe Kirche ist in Russland ein nicht zu unterschĂ€tzender Machtfaktor. Putins Großmachtfantasien lassen sich nur mit ihr verwirklichen, nicht gegen sie. Am 18. MĂ€rz 2022 schließlich erreichte der Orthodoxe Christ Wladimir Putin einen an Zynismus und Menschenverachtung nicht zu ĂŒberbietenden Tiefpunkt. Am Jahrestag der Annexion der Krim riss er den Bibelvers „Es gibt keine grĂ¶ĂŸere Liebe, als wenn einer sein Leben fĂŒr seine Freunde hingibt“ (Johannesevangelium, Kapitel 15, Vers 13) völlig aus dem Zusammenhang und entfremdete ihn dahingehend, ihn als göttliche Rechtfertigung fĂŒr den Krieg in der Ukraine zu missbrauchen.

DarĂŒber hinaus gibt es Stimmen, die der Ansicht sind, die Russisch-Orthodoxe Kirche selbst habe ein vitales Interesse daran, dass Russland diesen Krieg mit der Ukraine fĂŒhrt und auch gewinnt. Hintergrund ist, dass auf ukrainischem Boden mehrere orthodoxe Kirche existieren. Hervorzuheben, weil sie aufgrund ihrer GrĂ¶ĂŸen herausragende Stellungen einnehmen, sind hierbei die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche, die dem Moskauer Patriarch untersteht, sowie die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche, die sich 2018 aus dem Zusammenschluss verschiedener orthodoxer Kirchen grĂŒndete und bis 2019 dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel unterstanden hatte. 2019 war diese Ukrainisch-Orthodoxe Kirche fĂŒr eigenstĂ€ndig erklĂ€rt und in der Folge durch das Griechisch-Orthodoxe Patriarchat von Alexandria, die Kirche von Griechenland und Zypern, anerkannt worden. Dies hatte natĂŒrlich auch die EigenstĂ€ndigkeit der Ukraine gegenĂŒber Russlands zementiert und die EinflusssphĂ€ren der Russisch-Orthodoxen Kirche geschmĂ€lert. Eine wie auch immer geartete Eingliederung der Ukraine in ein russisches Reich wĂŒrde dies wieder abmildern.

NatĂŒrlich sind die Motivationen fĂŒr den Einmarsch Russlands in die Ukraine vielschichtig und mannigfaltig. Es spielen geopolitische und wirtschaftspolitische GrĂŒnde, die Frage nach Lebensraum und Rohstoffen sowie nationalistische und geschichtsrevisionistische BeweggrĂŒnde hinein. DarĂŒber hinaus aber, so mein Eindruck, tobt unter seiner OberflĂ€che ein Religionskrieg; und zwar ein christlich motivierter. Dieser Eindruck verfestigte sich zusehends, als ich in den Sozialen Medien von Vertretern einer rechtsextrem christlichen Weltsicht las, die Wladimir Putin dafĂŒr feierten, dass dieser mit militĂ€rischer StĂ€rke in letzter Konsequenz gegen einen dekadenten, degenerierten und von links-grĂŒn versifften Eliten durchseuchten Westen zu Felde zieht.

ZWISCHENRUF

Das waren jetzt drei Ereignisse, die aufgrund ihres verstörenden Charakters bei mir besonders haften geblieben sind. Drei Ereignisse, bei denen das Christentum direkt oder indirekt eine sehr unrĂŒhmliche Rolle gespielt hat. Als ich diesen Blogartikel schrieb, wurde mir bewusst, dass die Auswahl dieser Ereignisse willkĂŒrlichen Charakter hat, weil man noch so viel mehr Ă€hnlich gelagerte Ereignisse hervorkramen könnte. Was ist beispielsweise mit dem Missbrauchsskandal in der Katholischen Kirche? Hat es außerhalb des Christentums je solch ein System gegeben, in dem ĂŒber Jahrhunderte hinweg, durch die Hierarchien der Institution gedeckt und vertuscht in struktureller Weise Kinder misshandelt und missbraucht werden? ErnĂŒchternd ist es auch, sich mal mit dem Verhalten großer Teile der westlichen Christenheit zu den AbwĂŒrfen der Atombomben ĂŒber Hiroshima und Nagasaki im Jahr 1945, die bis heute vielen hunderttausend Menschen das Leben gekostet haben, auseinanderzusetzen. Diese AufzĂ€hlung ließe sich wohl noch lange fortsetzen…

In diesem Kontext stellt der ReligionsgrĂŒnder des Christentums, Jesus Christus, dem Christentum in weiten Teilen ein Armutszeugnis aus, wenn er in der Bibel (MatthĂ€us 7, 17-21) folgendes sagt: „So bringt jeder gute Baum gute FrĂŒchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte FrĂŒchte. Ein guter Baum kann nicht schlechte FrĂŒchte bringen und ein fauler Baum kann nicht gute FrĂŒchte bringen. Jeder Baum, der nicht gute FrĂŒchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Darum, an ihren FrĂŒchten sollt ihr sie erkennen.“ Was sind die FrĂŒchte des Christentums?

Ich stelle all diese Fragen als tief im Christentum verwurzelter GlÀubiger. Und als tief im Christentum verwurzelter GlÀubiger muss ich es mir gefallen lassen, wenn Menschen, die sich nicht zum Christentum zÀhlen, mir genau diese Fragen vorwerfen. TatsÀchlich kam mir beim Schreiben dieses Blogartikels die Frage, ob diese Welt nicht ein besserer Ort wÀre, wenn es meine Religion, das Christentum, einfach gar nicht gÀbe.

DIE LEHRE JESU CHRISTI

Auch wenn es seltsam klingt, mir geht es in diesem Blogartikel nicht darum, mich politisch zu positionieren. Ich kann und will nicht darĂŒber urteilen, ob man als GlĂ€ubiger seinen christlichen Glauben eher konservativ oder eher liberal zu leben hat. FĂŒr beides gibt es gute GrĂŒnde. Und fĂŒr beides gibt es schlechte Vorbilder. FĂŒr mich haben die „Christen in der AfD“ dieselbe Berechtigung wie die „Bundesarbeitsgemeinschaft Christ*innen bei BĂŒndnis90/DIE GRÜNEN“. Egal jedoch, ob konservativ oder liberal, Jesus Christus, der BegrĂŒnder des Christentums, hat klare und unmissverstĂ€ndliche Ansagen dazu gemacht, was den Umgang mit Gewalt und dem Mitmenschen angeht. Und an diesen Standards habe ich als Christ Maß zu nehmen, egal, ob ich mich als konservativ oder als liberal verorte.

Um diesen Standards auf die Spur zu kommen, langt ein Blick in das Neue Testament der Bibel, um genau zu sein in das Evangelium nach MatthĂ€us, Kapitel 5 bis 7. Dort findet sich die sogenannte „Bergpredigt“. Diese dĂŒrfte wohl die Predigt von Jesus Christus mit der grĂ¶ĂŸten Strahlkraft und dem höchsten Verbreitungsgrad sein. Sie durchzieht vom ersten bis zum letzten Buchstaben ein Geist kompromissloser Gewaltlosigkeit und Friedfertigkeit. Gleich zu Beginn, in den Seligpreisungen, wird dort diese Richtung unmissverstĂ€ndlich klargemacht. So wird unter anderem den „Leid Tragenden“, den „SanftmĂŒtigen“, den „nach Gerechtigkeit Hungernden und DĂŒrstenden“, den „Barmherzigen“, den „Frieden Stiftenden“ und den „um der Gerechtigkeit Willen Verfolgten“ Seligkeit zugesprochen (MatthĂ€us 5, 1-12). Dadurch hebt Jesus Menschen, die diese Eigenschaften aufweisen oder diesen Werten nachstreben, gleichzeitig auch als Menschen hervor, an deren Lebenswandel es sich zu orientieren lohnt. Im Weiteren scheint Jesus so etwas wie einen Wesenskern zu definieren, den jeder Einzelne von sich aus besitzt und der von seinem GegenĂŒber zu respektieren ist und nicht angerĂŒhrt werden darf. Der Vergleich zur MenschenwĂŒrde drĂ€ngt sich auf. Zumindest deute ich es in diese Richtung, wenn Jesus sagt, dass man sich seinem Bruder gegenĂŒber nicht erst dann schuldig macht, wenn man ihn tötet, sondern bereits, wenn man ihn „nur“ mit Worten wie „Nichtsnutz oder Narr“ belegt. Dies verbindet er mit der Forderung, sich mit seinem Widersacher unverzĂŒglich versöhnen (MatthĂ€us 5, 21-26). Eines der stĂ€rksten Motive in der Bergpredigt jedoch ist die Aufforderung, Gleiches nicht mit Gleichem zu vergelten. Es soll kein „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ geben, sondern, wenn einem auf die rechte Backe geschlagen wird, soll man auch die andere hinhalten, wenn einem der Rock genommen wird, soll man auch noch den Mantel geben und wenn man genötigt wird, eine Meile zu gehen, soll man zwei Meilen gehen (MatthĂ€us 5, 38-41). Diese ganzen Forderungen gipfeln schließlich in der Aufforderung, die eigenen Feinde zu lieben und fĂŒr die zu bitten, die einen verfolgen. Nur durch dieses Handeln beweist man sich als Kind Gottes. Und: Wenn man nur die liebt, die einen auch lieben oder nur zu seinen „BrĂŒdern“ freundlich ist, was tut man da Besonderes (MatthĂ€us 5, 43-48)? Auch im Weiteren wendet Jesus den Blick weg vom Ă€ußeren Feind, hin zum inneren Feind, wenn er sagt: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ Es soll nicht darum gehen, den „Splitter“ im Auge des NĂ€chsten zu sehen, sondern den „Balken“ aus dem eigenen Auge zu entfernen (MatthĂ€us 7, 1-5). FĂŒr den Umgang mit unseren Mitmenschen formuliert Jesus abschließend folgende Maßgabe: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch!“ (MatthĂ€us 7, 12). Ein Verhaltenskodex, der auch unter „Goldene Regel“ bekannt ist. Eine Forderung, die oberflĂ€chlich betrachtet erst einmal griffig und nett klingt. Taucht man jedoch tiefer in sie ein, realisiert man, dass sie ganz viel Achtsamkeit und Empathie erfordert. Denn es geht darum, die eigenen BedĂŒrfnisse und auch die des Mitmenschen wahrzunehmen, zu ergrĂŒnden, zu verstehen und zu respektieren. Das war jetzt ein exemplarischer Ritt durch die Bergpredigt von Jesus Christus. Es ließen sich in den Evangelien des Neuen Testaments der Bibel zahlreiche weitere Stellen mit einer identischen Zielrichtung finden.

Mir ist schon klar, dass eine friedfertige und gewaltlose Ausrichtung, wie Jesus sie fordert, in der Realpolitik, in der es in letzter Konsequenz immer um Macht geht, wohl nicht umzusetzen sein dĂŒrfte. Zu komplex sind realpolitische ZusammenhĂ€nge und zu eindimensional sind Jesu Forderungen. Mein Eindruck ist jedoch, dass es Jesus in der Bergpredigt gar nicht um einen Leitfaden fĂŒr politisches Handeln gegangen ist, sondern um eine Orientierung fĂŒr die Menschen, die ihm nachfolgen. Und diese Nachfolger von Jesus Christus sind nun mal die Christen. An sie richten sich seine Forderungen nach Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit. Der einzelne Christ wiederum ist derjenige, der politisch aktiv werden kann. Und mein Blogartikel zeigt, dass es tatsĂ€chlich viele Christen sind, die politisch Einfluss nehmen und sich engagieren. Und wenn diese Christen sich zu allererst an Jesu Forderungen nach Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit orientierten und nicht damit beschĂ€ftigt sind, sich krankmachenden Endzeitideen, apokalyptischen Wahnvorstellungen und paranoiden Feindbildern hinzugeben, könnte diese Welt ein besserer Ort sein. Ganz sicher wĂ€ren uns solch verstörende und traumatisierende Ereignisse, wie ich sie in diesem Blogartikel beschreibe, dann erspart geblieben. Ich frage mich, wann die Christen, die diese Ereignisse (mit) zu verantworten haben, endlich anfangen, die Lehre ihres ReligionsgrĂŒnders, Jesus Christus, von dem sie ja schließlich vorgeben, ihm nachzufolgen, ernst zu nehmen?