„I AM
not a slave
to a god,
that doesn’t exist.
I AM
not a slave
to a world,
that doesn’t give a shit.“
(Marilyn Manson,
aus: Fight Song)
„I AM
not a slave
to a god,
that doesn’t exist.
I AM
not a slave
to a world,
that doesn’t give a shit.“
(Marilyn Manson,
aus: Fight Song)
Vor 9 Wochen erblickte unsere Tochter das Licht der Welt. Sehr schnell entdeckten sie und ich ein gemeinsames Ritual: Nachdem sie am spĂ€ten Abend getrunken hat und von uns gewickelt worden ist, nehme ich sie auf den Arm und trage sie in den Schlaf. Allabendlich drehen wir so gemeinsam unsere Runden in ihrem Zimmer. ZunĂ€chst starren ihre wachen Ăuglein noch aufgeregt in der Dunkelheit umher. Bis die Kleine sich dann schlieĂlich in meinen Arm einkuschelt und ihre Augen nach und nach zufallen. Und irgendwann nur noch regelmĂ€Ăiges, zufriedenes Atmen zurĂŒckbleibt. In diesen Momenten kann ich meine Dankbarkeit fĂŒr dieses kleine Wesen kaum fassen.
Eines jedoch ist mir dabei aufgefallen: Je krampfhafter ich will, dass sie endlich schlĂ€ft, desto lĂ€nger dauert es, bis sie tatsĂ€chlich einschlĂ€ft. Und oftmals ist ihr Schlaf dann auch nur ein oberflĂ€chlicher. Je mehr ich jedoch innerlich bei ihr und in dieser gemeinsamen Situation ankomme und je weniger ich die Absicht verfolge, sie in den Schlaf bringen zu wollen, desto schneller und desto besser schlĂ€ft sie schlieĂlich ein.
Ich glaube, das, was meine Tochter mich in diesen Situationen lehrt, ist Absichtslosigkeit. Die FĂ€higkeit, Dinge um ihrer selbst Willen zu tun. Und nicht, um irgendwann irgendetwas etwas zu erreichen.
Einer Gesellschaft, die durch Jahrhunderte des Kapitalismus geprĂ€gt ist, fĂ€llt es schwer, etwas mit Absichtslosigkeit anzufangen. Denn in der Regel hat alles, was wir tun, einen bestimmten Zweck zu erfĂŒllen. Das Endziel solch einer materialistisch geprĂ€gten Gesellschaft ist immer Geld zu verdienen. Geld, um partizipieren zu können. Geld, um konsumieren zu können. Geld, um bestimmen zu können. Eine TĂ€tigkeit hat nur noch den Wert, der dem fiskalischen Nutzen entspricht, den sie fĂŒr mich einmal haben wird. Und so haben wir uns nach und nach eine Lebenseinstellung angeeignet, die unser gesamtes Leben in eine einzige Kosten-Nutzen-Rechnung zwĂ€ngt. Ich tue etwas, damit ich irgendwann mal etwas davon habe.
Gelegentlich lese ich in den Gleichnissen des ZEN-Buddhismus und denen der christlichen WĂŒstenvĂ€ter. In beiden monastisch geprĂ€gten Traditionen scheint die Tugend der Absichtslosigkeit einen hohen Stellenwert zu haben. Immer wieder werden die SchĂŒler angehalten, TĂ€tigkeiten um ihrer selbst Willen auszuĂŒben und nicht, um dadurch ein in der Zukunft liegendes Ziel zu erreichen.
Das ĂŒberspitzt sich schlieĂlich bis hin zu folgendem Paradox: Auf der einen Seite wird den SchĂŒlern beigebracht, dass sie hart und diszipliniert dafĂŒr arbeiten mĂŒssen, um Erleuchtung zu erlangen. So gilt es, sich einem strikten Tagesablauf zu unterwerfen, regelmĂ€Ăig in die Stille zu gehen und sich Disziplinen wie das Fasten aufzuerlegen. Doch auf der anderen Seite wird den SchĂŒlern beigebracht, dass dies alles nicht notwendig ist, um Erleuchtung zu erlangen. Viel mehr: Sie können Erleuchtung nur erlangen, wenn sie das BedĂŒrfnis, erleuchtet zu sein, aufgeben. Sie mĂŒssen es also aufgeben, ihre monastischen Disziplinen mit dem Ziel auszuĂŒben, Erleuchtung zu erlangen. Das entbindet sie nicht von der Notwendigkeit, diese Disziplinen zu ĂŒben. Lediglich ihre innere Einstellung zu diesen Disziplinen muss eine absichtslose sein.
Ein Paradox, das durch den Verstand nicht aufzulösen ist. Aber dadurch ist es nicht weniger wahr. Ganz im Gegenteil: Meine Erfahrung ist: Je tiefer und je reifer ein spiritueller Weg ist, desto höher ist die FĂ€higkeit, solche Paradoxe stehenlassen zu können. Und nicht rational auflösen zu mĂŒssen.
Doch warum eigentlich hat Absichtslosigkeit in diesen monastischen Traditionen solch einen hohen Stellenwert? Ich glaube, weil Absichtslosigkeit eine der groĂen Lehrerinnen ist, die uns in die GegenwĂ€rtigkeit fĂŒhren kann. Denn das Leben geschieht ausschlieĂlich im gegenwĂ€rtigen Moment. Gott offenbart sich ausschlieĂlich und vollkommen im gegenwĂ€rtigen Moment. Nicht im RĂŒckblick auf die Vergangenheit und nicht im Vorgriff auf die Zukunft. AusschlieĂlich im Hier und Jetzt. Wenn ich aber etwas tue mit der Absicht, ein in der Zukunft liegendes Ziel zu erlangen, so verpasse ich den gegenwĂ€rtigen Augenblick. Und damit das Leben und auch Gott.
WÀhrend ich an diesem Artikel schrieb, stieg in mir die Frage auf, mit welcher Motivation ich eigentlich ins freimaurerische Ritual gehe. Tue ich dies nicht auch, um etwas zu erlangen? Sei es Selbsterkenntnis? Sei es Erleuchtung? Oder sei es auch nur ein meditativer Zustand? Könnte es nicht ein wesentlicher Bestandteil des freimaurerischen Weges sein, zu lernen, absichtslos ins Ritual zu gehen? Und absichtslos im Ritual zu verweilen? Weil sich nur so dieses Ritual in seiner ganzen Dimension entfalten kann?
Ich weiĂ es nicht sicher. Doch ich will diesen Impuls in mir weiter nachwirken lassen. Und bis dahin darf meine Tochter mich weiter Absichtslosigkeit lehren. Abend fĂŒr Abend. Sie, meine kleine ZEN-Meisterin…
„Wir kennen den Preis des Lebens,
nur seinen Wert, den kennen wir nicht.“
(Betontod,
aus: Nebel)
Neben der Natur waren es schon immer sakrale Bauten, die mir halfen, mich innerlich zu sammeln , still zu werden und auf Gott auszurichten. Allen voran alte Kirchen aus der Gotik und aus der Romanik. Wenn meine Frau und ich in eine neue Stadt kamen, zog es mich immer erst einmal mit gezĂŒcktem Fotoapparat in die dortigen Kirchen. Nicht selten sehr zum Leidwesen meiner Frau. Ich glaube, diese Faszination ist ein wesentlicher Grund, weshalb ich Freimaurer geworden binâŠ
Denn in den mittelalterlichen BauhĂŒtten waren es vor allem die Steinmetzbruderschaften, die um die Geheimnisse des Bauhandwerkes wussten. Und diese umfassten neben dem praktischen Bauen und Vollenden eines GebĂ€udes auch das Wissen darum, wie diese GebĂ€ude aufgebaut und ausgerichtet sein mussten, damit sie dem Streben der menschlichen Seele nach Transzendenz entsprechen.
In einem mehrere Jahrhunderte andauernden und von der offiziellen Geschichtsschreibung nur schwer zu fassenden Prozess entwickelte sich aus diesen praktisch bauenden Bruderschaften das sogenannte „spekulative Freimaurertum“: Denn im Laufe der Zeit waren zunehmend Personen aufgenommen worden, die beruflich nicht unbedingt mehr im praktizierenden Bauhandwerk verwurzelt sein mussten. Dadurch wandelte sich auch das Bild des Ă€uĂeren Bauens eines sakralen GebĂ€udes, das den Menschen auf das Göttliche ausrichtet, hin zu einem im Inneren des Menschen stattfindenden Vorgang. Dieser Prozess fand sein offizielles Ende am Johannistag des Jahres 1717. Denn an diesem Tag schlossen sich in England vier Logen zur ersten Freimaurerloge zusammen. Die erste GroĂloge Englands war entstanden. Dies markiert die offizielle Geburtsstunde des heutigen, spekulativen Freimaurertums. Fortan entstanden in ganz Europa Freimaurerlogen.
In Deutschland fielen insbesondere in so liberalen StĂ€dten wie Hamburg und Berlin die von Humanismus, Toleranz und Gleichheit geprĂ€gten Werte und Ideale des Freimaurertums auf fruchtbaren Boden. NatĂŒrlich gab es in den noch jungen Freimaurerlogen nach wie vor BrĂŒder, die beruflichen Bezug zum Bauhandwerk hatten. Architekten zum Beispiel. Und so verwundert es nicht, dass diese in der BlĂŒtezeit des Freimaurertums von Anfang des 18. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts ihre Spuren in der Architektur der StĂ€dte, in denen sie wirkten, hinterlieĂen.
Der Freimaurer und Blogger Philip Militz (http://www.freimaurer.online/) sowie der Ordensfreimaurer und Architekt Linus Scheffran haben sich jetzt in Hamburg und Berlin auf die Suche nach den heute noch sichtbaren Spuren gemacht, die Freimaurer einst in diesen StĂ€dten hinterlieĂen. Aus dem, was sie hierbei gefunden haben, sind fĂŒr beide StĂ€dte spannende und auch aufschlussreiche StĂ€dtefĂŒhrungen entstanden. Philip Militz selbst beschreibt die Idee dieser Touren wie folgt: âDer Anspruch ist, keine normalen StadtfĂŒhrungen anzubieten. Anhand der freimaurerischen Spuren möchten wir unterhaltsam Interessierten die Freimaurerei nĂ€her bringen bzw. âInsidern‘ Deutschlands fĂŒhrende Freimaurer-Metropolen aus neuen Blickwinkeln zeigen. Ganz bewusst wird auch mit einigen gĂ€ngigen Klischees âgespieltâ, um durch die FĂŒhrung mit diesen zu brechen.â Wie die Idee zu diesen FĂŒhrungen entstand, beschreibt Philip Militz hier: http://www.freimaurer.online/2016/04/freimaurer-fuehrungen-durch-hamburg-und-berlin/ NĂ€here Informationen zu den FĂŒhrungen an sich findest Du hier: http://www.freimaurer.online/touren/.
Und ganz vielleicht kreuzen sich ja mal unsere Wege, wĂ€hrend wir uns auf gemeinsamer Spurensuche in Hamburg oder Berlin befinden…
„Ich habe es gesehen in Esoterik,
beim Pendeln und Engergietanken,
beim Auswandern, Einchecken, Auschecken:
Mein Ich
ist ein Rucksack aus Gedanken.
Schöne Ablenkungsmanöver,
hilft trotzdem alles nichts.
Ein Ich, ist ein Knast, ist ein Ich.“
(Bosse,
aus: Wir nehmen uns mit)
Manchmal sind es ganz alltĂ€gliche Situationen, die einem mehr ĂŒber einen selbst offenbaren, als einem lieb ist. Ich hatte letzt so ein Aha-Erlebnis, als ich im Auto unterwegs war.
Ich fuhr auf folgende Situation zu; war aber noch etwa 400 Meter von ihr entfernt: Eine Ampel stand auf GrĂŒn. Etwa Hundert Meter vor dieser Ampel hatte ein LKW gehalten; wohl zum Be- und Entladen. Da Gegenverkehr kam, stauten sich hinter diesem LKW bereits drei Autos auf.
WĂ€hrend ich mich dieser Situation nĂ€herte, begannen meine Gedanken sich plötzlich zu verselbststĂ€ndigen: „Hoffentlich komme ich noch bei GrĂŒn ĂŒber die Kreuzung! – Was ist, wenn auch ich hinter dem LKW halten muss? – Wenn ich zu lange hinter dem LKW warten muss, komme ich nicht mehr bei GrĂŒn ĂŒber die Kreuzung! Und dann komme ich zu spĂ€t zu meinem Termin! – Und das legt man mir sicherlich als Unhöflichkeit aus!“ Ich merkte, wie ich unruhig und fahrig wurde. Stress stieg in mir auf.
Als ich mich dem LKW aber bis auf etwa hundert Meter genĂ€hert hatte, war der Gegenverkehr vorĂŒber. Die Autos, die hinter ihm gehalten hatten, setzten nun an ihm vorbei. Und auch ich selbst kam noch in derselben GrĂŒnphase der Ampel ĂŒber die Kreuzung.
Viel LĂ€rm um nichts also. Mal wieder. Doch im Nachhinein offenbarte mir diese Situation zwei Dinge ĂŒber mich:
1: Mein Verstand neigt dazu, nicht in der Gegenwart zu sein. WĂ€re ich in dieser Situation einfach nur gegenwĂ€rtig gewesen, wĂ€re ich ĂŒber die Kreuzung gefahren, ohne mir irgendwelche Sorgen zu machen. Ich hĂ€tte mir eine Menge unnötigen Stress erspart. Stattdessen kreisten meine Gedanken um eine Situation, die noch vor mir lag. Einen Situation, die ich in dem Moment noch gar nicht beeinflussen konnte. Eine Situation, von der ich noch nicht einmal wissen konnte, ob sie ĂŒberhaupt eintreffen wĂŒrde.
2: Mein Verstand neigt dazu sich Sorgen zu machen. Und diese darĂŒber hinaus auch noch zu ĂŒbertreiben. Die Situation, um die es ging, war eine komplett harmlose, wie man sie tagtĂ€glich im StraĂenverkehr erleben kann. Und doch machte mein Verstand etwas RiesengroĂes draus. Mit den schlimmsten Konsequenzen. Die Anhaltspunkte fĂŒr ein derartiges Horror-Szenario waren mehr als gering. Und doch nutzte mein Verstand sie, um das Ganze in den schlimmsten Farben auszumalen.
Witzigerweise ist genau dies einer der Hauptkritikpunkte von spirituellen Lehrern wie z.B. Eckhart Tolle oder Richard Rohr am westlichen Menschen des 21. Jahrhunderts: Dass dieser sich zu viel in seinem Verstand aufhĂ€lt. Denn dem Verstand ist es nahezu unmöglich, einfach nur (gegenwĂ€rtig) zu sein. Entweder blickt er zurĂŒck und bedauert oder rechtfertigt die Vergangenheit. Oder er blickt – wie in meinem Fall – nach vorne und befĂŒrchtet oder ertrĂ€umt die Zukunft. Nur eines ist er in der Regel nicht: GegenwĂ€rtig.
Und dabei ist doch ausschlieĂlich der momentane Augenblick der Ort, an dem das Leben geschieht. Der Ort, an dem Gott sich voll und ganz offenbart. Es ist an uns zu lernen, im Hier und Jetzt zu verweilen, um in genau diesem Bewusstsein leben zu können.
Und so zeigte mir diese Begebenheit wieder mal nur, dass es eine Sache ist, ĂŒber spirituelle Prinzipien zu schreiben und eine andere, nach diesen im Alltag auch zu leben. Mal wieder klaffte bei mir eine riesige LĂŒcke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Mein Verstand hatte sich verstrickt und hing irgendwo weit hinten in einer fiktiven Zukunft fest.
Und somit brachte ich mich um das, was dieser Moment der Autofahrt fĂŒr mich parat gehabt haben könnte: Die wundervolle Landschaft um mich herum; das ĂŒberwĂ€ltigende Schauspiel von Sonne und Wolken am Himmel; das LĂ€cheln des FuĂgĂ€ngers, der mir entgegen kam; die Katze, die auf dem Torpfosten lag und ihre Umgebung beobachtete, als gĂ€be es nur diesen einen Augenblick in ihrem ganzen Leben.
Vielleicht hĂ€tte ich mir mal wieder bewusst sein können, dass ich mit all dem um mich herum auf einer tieferen Ebene verbunden bin. Dass ich eins bin mit all dem. Vielleicht…
„Doch das Königreich
ist in eurem Inneren
und es ist auĂerhalb von euch.
Wenn ihr euch selbst erkennt,
dann werdet ihr erkannt,
und ihr werdet wissen,
dass ihr die Kinder des lebendigen Vaters seid.
Aber wenn ihr euch nicht erkennt,
dann werdet ihr in der Armut sein
und seid die Armut.“
(Jesus Christus,
Thomasevangelium, Logion 3)