MAL WIEDER
Wie die Kesselflicker stritten sie untereinander. Freimaurer. In irgendeinem Online-Forum. Mal wieder. Es ging um die immer gleiche Frage: âVertrĂ€gt sich die Idee eines wie auch immer gearteten Gottes mit dem freimaurerischen Weg?â âOder ist sie sogar die Grundvoraussetzung fĂŒr diesen Weg?â Es ging krĂ€ftig unter die GĂŒrtellinie. âBrĂŒderâ aus unterschiedlichen Lehrarten fielen verbal ĂŒber einander her. Und zerfleischten sich gegenseitig. In herablassender und ĂŒberheblicher Weise wurde die „RechtmĂ€Ăigkeit“ des anderen in Frage gestellt. Und mit FĂŒĂen getreten. Mal wieder. Wenn das BrĂŒderlichkeit bedeutet, will ich nicht wissen, wie Feindschaft aussiehtâŠ
Diese Art der Auseinandersetzungen hinterlassen Verwundungen. Und so habe ich in den Jahren, in denen ich nun schon ich Freimaurer bin, zu viele Freimaurer-BrĂŒder kennengelernt, deren Idealismus an solchen Auseinandersetzungen zu zerbrechen drohte. Zu viele aufrichtige Freimaurer, die ernsthaft mit dem Gedanken gerungen haben, dieser Bruderschaft fĂŒr immer den RĂŒcken zu kehren. Wie bitter.
IDEALE?
Dabei trĂ€gt die Bruderschaft der Freimaurer doch so blumige und erhabene Werte wie „Freiheit, Gleichheit, BrĂŒderlichkeit, Toleranz und HumanitĂ€t“ vor sich her. Stoisch, stolz, stur. Und gerade die Toleranz wird immer ganz besonders hoch aufgehĂ€ngt. Hehre Ideale? Oder durch die Jahrhunderte ausgehöhlte WorthĂŒlsen?
GrundsĂ€tzlich bietet das Freimaurertum das ideale Ăbungsfeld, um solche Werte wie „Toleranz“ zu leben. Sollte man zumindest meinen. Denn im Freimaurertum kommen zwar sehr unterschiedliche, bisweilen auch gegensĂ€tzliche Strömungen zusammen. Das bĂŒrgt zunĂ€chst einmal ein enormes Spannungspotential in sich. Doch das, was die Bruderschaft der Freimaurer eint, sind Ritual und Symbolik. Beides kann sich natĂŒrlich je nach freimaurerischer Richtung deutlich voneinander unterscheiden. Doch Symbol und Ritual zielen auf ein emotional-intuitives Erleben ab. Und eben dieses Erleben sollte Verbindung genug sein, dass Freimaurer-BrĂŒder aus unterschiedlichen Richtungen sich wertschĂ€tzend und auf Augenhöhe begegnen können.
INTOLERANZ DURCH DOGMATISMUS
Und in meinem direkten Umfeld habe ich auch viele Freimaurer kennen- und schĂ€tzen lernen dĂŒrfen, die aufrichtig darum ringen, Werte wie Toleranz in ihrem alltĂ€glichen Leben auch zu praktizieren. Doch zu oft habe ich auch die andere Seite kennenlernen mĂŒssen, die der Bruderschaft der Freimaurer ebenfalls ausgeprĂ€gt innewohnt: Intoleranz durch Dogmatismus.
Laut Wikipedia versteht man unter einem Dogma „eine feststehende Definition oder eine grundlegende, normative Lehraussage, deren Wahrheitsanspruch als unumstöĂlich festgestellt wird“. Als Dogmatismus wĂŒrde ich folglich das offensive Vertreten und Verbreiten eben dieses Dogmas beschreiben.
Meine Erfahrung ist: Dogmatismus bezieht sich ausdrĂŒcklich nicht nur auf religiöse Ansichten. Sondern ebenso auf nicht-religiöse und auf antireligiöse. Es ist einer der gröĂten blinden Flecken von Humanismus und Atheismus, bei Dogmatismus mit dem Finger immer nur auf die Religion zu zeigen. Entscheidend ist nicht, welchen Standpunkt man vertritt, sondern wie man ihn vertritt.
Denn dieses widerliche Drecksvieh Dogmatismus trĂ€gt viele Masken. Es hat sich eingenistet in einer dualistischen Weltsicht, die alles in „Richtig und Falsch“, „Gut und Böse“, „Schwarz und WeiĂ“ kategorisiert. Und es fĂŒhlt sich am sichersten, wenn es alles, was nicht dieser Weltsicht entspricht, herabwĂŒrdigen, bekĂ€mpfen und bestenfalls gĂ€nzlich vernichten kann. Keine Lehre, keine Anschauung, die dafĂŒr nicht anfĂ€llig wĂ€re. Da bildet das Freimaurertum leider keine Ausnahme.
Und Dogmatismus bringt immer Intoleranz mit sich. Egal, um welche Anschauung es auch geht. Wird eine einzelne Anschauung absolutiert, wird automatisch jede andere Anschauung herabgewĂŒrdigt. Und damit auch der Mensch, der ihr anhĂ€ngt.
FREIMAURERISCHES GEHEIMNIS
Dabei sind doch das freimaurerische Ritual, die freimaurerische Symbolik und auch jegliche freimaurerische Lehraussage bestenfalls mit einer TĂŒr zu vergleichen. Das, was den Wesenskern des Freimaurertums lehrartsĂŒbergreifend ausmacht, liegt hinter dieser TĂŒr. Die TĂŒr ist lediglich der Zugang. Und somit ausschlieĂlich Mittel zum Zweck. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Das Problem ist, dass einige Freimaurer-BrĂŒder diese TĂŒr als absolut hinstellen. Sie bleiben vor oder in ihr stehen. Und verlieren sich darin, zu definieren, wie diese TĂŒr auszusehen hat. Und als ob das nicht schon genug wĂ€re, wird auch noch jeder angegriffen oder in Frage gestellt, der diese TĂŒr anders wahrnimmt.
Doch das, was das Freimaurertum ausmacht, ist nicht diese TĂŒr, sondern das Mysterium, das sich hinter dieser TĂŒr verbirgt. Es ist das, was ich immer mehr schlecht als recht als das „GroĂe Mysterium des Lebens“ zu umschreiben versuche. Und dieses Mysterium ist zu groĂ, zu umfassend und zu unfassbar, als dass man es mit dem Verstand begreifen, mit Worten beschreiben oder es gar dogmatisch definieren könnte. Es ist zu fragil und zu wundervoll, als dass man dogmatische Auseinandersetzungen darĂŒber fĂŒhren könnte oder sollte. Dieses Mysterium kann nur erlebt werden. Und dieses Erleben ist das eigentliche Geheimnis, der eigentliche Schatz des Freimaurertums. Doch diesen Schatz wird niemals heben, wer nicht ĂŒber den Buchstaben der Lehrmeinung hinauswĂ€chst.
Und ich denke, es versteht sich von selbst, dass das Freimaurertum nur ein Zugang unter vielen zum Erleben dieses Mysteriums ist. Das wiederum macht diese kleinkarierten freimaurerischen Streitigkeiten noch lÀcherlicher, substanzloser und irrelevanter.
EINHEIT IN VIELFALT
Ich persönlich erlebe es jedes Mal als eine unheimliche Bereicherung, wenn ich Freimaurer-BrĂŒder aus anderen Lehrarten kennenlerne, denen ich abspĂŒre, dass sie durch die freimaurerische Symbolik und das freimaurerische Ritual mit eben diesem GroĂen Mysterium des Lebens in BerĂŒhrung gekommen sind. Denn bei den Begegnungen mit diesen BrĂŒdern geht es nicht mehr um die wahre Lehre oder die richtige Definition. Vielmehr findet ein Begegnen auf einer Ebene statt, die viel tiefer geht, als die verstandesgemĂ€Ăe. Und der Freimaurer-Bruder der anderen Lehrart stellt dann nicht mehr eine Gefahr fĂŒr meinen eigenen Weg dar. Sondern er ist jemand, von dem ich lernen kann.
Das heiĂt im Umkehrschluss nicht, dass ich mir meiner eigenen freimaurerischen Verwurzelung nicht bewusst wĂ€re. Oder dass ich diese aufgebe. Ganz im Gegenteil. Bewusst habe ich mich fĂŒr die christlich-spirituelle Richtung des Freimaurertums entschieden und nicht fĂŒr die wesentlich gröĂere, vorwiegend humanistisch geprĂ€gte. Und je tiefer ich in das Ritual und die Symbolik des Christlichen Freimaurerordens eintauche, desto mehr bestĂ€tigt mich das in meiner Entscheidung.
Von einer klaren Verwurzelung aus kann ich auf die anderen Richtungen des Freimaurertums zugehen und mich auf sie einlassen. Ich kann diese als gleich-berechtigt und gleich-wertvoll wĂŒrdigen. Und ich bin offen dafĂŒr, dass diese meinen eigenen freimaurerischen Weg bereichern können. Das alles aber, ohne mich und meinen eigenen Weg zu verleugnen. Genau das ist gelebte Toleranz fĂŒr mich. Denn Toleranz bedeutet nicht GleichgĂŒltigkeit oder Beliebigkeit. Toleranz findet fĂŒr mich seinen Ausdruck in dem oft strapazierten Satz. âEinheit durch Vielfaltâ. Und dieser setzt eine klare Verortung und ein offenes Herz voraus.
EPILOG: TOLERANZ AUF FREIMAURERGEDANKEN.COM
Nach der eingangs geschilderten Auseinandersetzung kamen der freimaurerische Blogger Rene Schon und ich mal wieder in den Austausch. Wir sind beide Mitglieder des besagten Online-Forums. Und wir hatten beide das zweifelhafte VergnĂŒgen, diese leidliche Auseinandersetzung live miterleben zu dĂŒrfen.
Rene Schon geht den freimaurerischen Weg als bekennender Atheist. Und damit stellt er sozusagen den kompletten Gegenentwurf zu mir dar. Ăber das Bloggen haben wir uns kennen und schĂ€tzen gelernt. Rene hilft mir zu verstehen, wie Freimaurer, die an keine wie auch immer geartete Göttlichkeit glauben, Zugang zur freimaurerischen Symbolik und zum freimaurerischen Ritual finden. Und so hat sich ĂŒber alle zeitliche und örtliche Distanz hinweg ĂŒber das brĂŒderliche VerhĂ€ltnis hinaus auch eine Freundschaft entwickelt.
Besagte Auseinandersetzung lieĂ bei uns beiden einen ganz faden Beigeschmack zurĂŒck. Irgendetwas zwischen Frustration und Resignation. Es schrie förmlich danach, niedergeschrieben zu werden. Und so nĂ€herte sich Rene diesem Thema aus seiner humanistisch geprĂ€gten freimaurerischen Perspektive an und ich aus meiner christlich-spirituellen geprĂ€gten.
Ich möchte Euch Renes Artikel zum Thema Toleranz ebenso ans Herz legen. Ich bin fest davon ĂŒberzeugt, dass sich seine Perspektive und meine Perspektive gegenseitig ergĂ€nzen und vervollstĂ€ndigen. Doch lest selbst: https://freimaurergedanken.com/2017/11/15/freizeit-toleranz/