Es gibt zwei Annahmen, die mir in freimaurerischen Kreisen wiederholt begegnet sind und aus denen, meiner Meinung nach, eine hochmĂŒtige, anmaĂende und ĂŒberhebliche SelbsteinschĂ€tzung der freimaurerischen Bruderschaft spricht. Die erste Annahme lautet: „Freimaurerei war immer.“ Und bei der zweiten Annahme wird jeder Nicht-Freimaurer, der nach Gedankengut und GrundsĂ€tzen lebt, die fĂŒr gewöhnlich Freimaurer fĂŒr sich reklamieren, kurzerhand zum „Freimaurer ohne Schurz“ erklĂ€rt.
„FREIMAUREREI WAR IMMER“
Das Zitat „Freimaurerei war immer“ stammt aus dem in den Jahren 1776 bis 1778 entstandenen Werk „Ernst und Falk“ des Freimaurers Gotthold Ephraim Lessing. In diesem StĂŒck trifft „Ernst“ auf den Freimaurer „Falk“. In einem WechselgesprĂ€ch möchte Ernst von Falk zu erfahren, was das Freimaurertum ist und was dessen Wesen ausmacht. In Zuge dieses GesprĂ€chs versucht Falk Ernst zu erklĂ€ren, dass es sich beim Freimaurertum um eine Geisteshaltung handelt, die seit jeher in der Menschheit vorzufinden ist. Folglich existierte diese Geisteshaltung auch schon lange bevor es das Anfang des 18. Jahrhunderts gegrĂŒndete Freimaurertum gab. Daher seine Aussage: „Freimaurerei war immer.“
Ich verstehe, was Lessing mit dieser Formulierung ausdrĂŒcken will, halte sie aber fĂŒr fragwĂŒrdig und missverstĂ€ndlich. Meiner Meinung nach zĂ€umt Lessing das Pferd von der völlig falschen Seite auf. Denn: Freimaurerei war nicht immer. Das Freimaurertum hatte einen Anfang. Und es wird einmal ein Ende haben. Das Einzige, was immer war und auch immer sein wird, ist das Geheimnis, um das sich das Freimaurertum dreht. Ich wĂŒrde dieses Geheimnis als das „Mysterium des Lebens“ umschreiben. Diesem Mysterium sieht sich der Mensch von Anbeginn an ausgeliefert. Und dabei erfĂ€hrt er, wie erhaben und wundervoll und gleichzeitig unkontrollierbar und unerbittlich es ist. Daher versucht der Mensch seit jeher die GesetzmĂ€Ăigkeiten und KreislĂ€ufe dieses Mysteriums zu verstehen und das eigene Leben mit ihnen in Einklang zu bringen. Dieses Streben hat immer auch spirituelle Dimension gehabt. Und so bildeten sich in den verschiedenen Zeitaltern der Menschheitsgeschichte unterschiedliche HĂŒter dieses Mysteriums heraus: Ălteste, Schamanen, Priester, Kulte, Religionen, MysterienbĂŒnde. Deren Aufgabe war es, das Wissen um das Mysterium des Lebens zu bewahren sowie nachfolgende Generationen in dieses Wissen einzuweihen und darin zu unterweisen. Das Freimaurertum ist nur ein HĂŒter dieses Mysteriums unter vielen. Und es ist bei weitem auch nicht einmal der Ă€lteste dieser HĂŒter. Seine Aufgabe ist die Einweihung des Neophyten in dieses Mysterium des Lebens. Somit ist das Freimaurertum auch „nur“ Mittel zum Zweck und nicht der Zweck selbst. Die Aussage „Freimaurerei war immer“ vertauscht diese Reihenfolge und die damit verbundenen Wertigkeiten.
„FREIMAURER OHNE SCHURZ“
Wenn man im Freimaurer-Wiki nach den Begriffen „Freimaurer ohne Schurz“ sucht, stöĂt man auf folgende Definition: „Bezeichnung fĂŒr einen Profanen, der maurerische GrundsĂ€tze und maurerisches Gedankengut vertritt.“
Ich habe grundsĂ€tzlich Bauchschmerzen damit, dass mit dieser Aussage Menschen in âFreimaurerâ und âProfaneâ eingeteilt werden. Dies zeugt von einer elitĂ€ren Selbstwahrnehmung, die den Freimaurer auf eine höhere Stufe stellt als den Nicht-Freimaurer. Wenn es tatsĂ€chlich so ist, dass die weltweite Bruderschaft der Freimaurer fĂŒr Werte wie „Freiheit, Gleichheit, BrĂŒderlichkeit, Toleranz und HumanitĂ€t“ eintritt, werden diese Werte durch das Einteilen in Freimaurer und Profane konterkariert und mit FĂŒĂen getreten. Jeder Mensch ist gleich heilig oder gleich profan. Die Mitgliedschaft in einer wie auch immer gearteten Organisation Ă€ndert nichts an diesem Fakt.
Dann wirft dies auch die Frage auf, ab wann etwas ein freimaurerischer Wert, Grundsatz oder freimaurerisches Gedankengut ist. Wenn ich noch einmal die Werte „Freiheit, Gleichheit, BrĂŒderlichkeit, Toleranz und HumanitĂ€t“ bemĂŒhe, dann frage ich mich: Handelt es sich hierbei um explizit freimaurerische Werte? Oder sind es nicht vielmehr universelle Werte, die das Freimaurertum fĂŒr sich entdeckt und adaptiert hat? DarĂŒber hinaus ist – wie oben bereits angefĂŒhrt – auch die Idee der rituellen Initiation keine primĂ€r freimaurerische. Folglich stellt sich die Frage, ab wann man Werte, GrundsĂ€tze und Gedankengut freimaurerisch nennen kann?
Nun mal angenommen, man kĂ€me tatsĂ€chlich zu dem Ergebnis, bestimmte Werte, GrundsĂ€tze und ein bestimmtes Gedankengut als explizit freimaurerisch einordnen zu können. Ist es dann nicht regelrecht ĂŒbergriffig, Nicht-Freimaurer, die ihr Leben ebenfalls danach ausgerichtet haben, einfach fĂŒr sich zu vereinnahmen? Ist das nicht erst recht der Fall, wenn diese vielleicht sogar aus guten GrĂŒnden keine Freimaurer sind?
Ich selber zum Beispiel habe eine AffinitĂ€t fĂŒr alte KirchengebĂ€ude und liturgische Gottesdienste. DarĂŒber hinaus hat das Gebot von Jesus Christus der Selbst-, NĂ€chsten- und Gottesliebe einen hohen Stellenwert auf meinem spirituellen Weg. Das alles trifft wahrscheinlich auch auf einen praktizierenden Katholiken zu. Trotzdem wĂŒrde ich mich sehr dagegen verwehren, wenn Katholiken mich deshalb einfach als Katholik – vielleicht als „Katholik ohne Kirchenschein“ oder so – bezeichnen wĂŒrden. SchlieĂlich gibt es trotz einiger Ăberschneidungen klare GrĂŒnde, weshalb ich kein Mitglied der Katholischen Kirche bin. Das liegt in der Hierarchie und in dem Dogma dieser Institution begrĂŒndet.
Ebenso kann jemand von auĂen betrachtet groĂe Schnittmengen mit dem Gedankengut, den Werten und den GrundsĂ€tzen des Freimaurertums aufweisen und trotzdem ganz bewusst nie Mitglied einer Freimaurerloge geworden sein. Ihn dann einfach – quasi gegen seinen Willen – als Freimaurer (ohne Schurz) zu adaptieren ist schlichtweg ĂŒbergriffig.
NatĂŒrlich ist ein Freimaurer jemand, der ein bestimmtes Gedankengut sowie bestimmte Werte und GrundsĂ€tze in seinem Leben praktiziert. DarĂŒber hinaus aber eben auch jemand, der versucht, sich die freimaurerische Symbolik zu erschlieĂen, im Austausch mit den BrĂŒdern steht und regelmĂ€Ăig am freimaurerischen Ritual teilnimmt. Und zumindest fĂŒr die letztgenannten Punkte bedarf es der Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge. Wer diese Kriterien nicht erfĂŒllt, ist kein besserer oder schlechterer Mensch, auch kein heiligerer oder profanerer Mensch, sondern einfach nur kein Freimaurer. Auch kein Freimaurer ohne Schurz.
DEN BAU VOLLENDEN
Eine wichtige Voraussetzung fĂŒr die Errichtung eines Bauwerkes ist, dass vor Baubeginn fehlerfrei vermessen worden wird. Denn aus den gemessenen Daten errechnet sich schlieĂlich der Bauplan. Und aus diesem leitet sich zum Beispiel ab, wie viel Bauzeit zu veranschlagen ist, wie viel Material benötig wird und wie viele Bauleute eingesetzt werden mĂŒssen. Das gesamte Projekt steht daher auf tönernen FĂŒĂen und droht nicht vollendet zu werden, hat man sich vor Baubeginn vermessen.
Vermessen im wahrsten Sinne des Wortes sind, wie ich dargelegt habe, die Aussage „Freimaurerei war immer“ und die Idee des „Freimaurers ohne Schurz“. (ZugegebenermaĂen ist dieses Wortspiel etwas bemĂŒht, trifft aber dennoch ganz gut, was ich ausdrĂŒcken will.) Denn dieses hochmĂŒtige, anmaĂende und ĂŒberhebliche Selbstbild, das aus diesen Aussagen trieft, steht im krassen Widerspruch zum tiefsten Wesenskern des Freimaurertums. Dieser Eindruck wĂ€chst und verfestigt sich in mir, je lĂ€nger ich Freimaurer bin, je höher ich in den freimaurerischen Graden komme und je tiefer ich ins freimaurerische Ritual und seine Symbolik eintauche. Das genannte Selbstbild ist völlig ungeeignet, den freimaurerischen Bau zu vollenden. Und hierbei ist es egal, ob ich vom inneren Tempel spreche, den jeder Freimaurer in sich selbst errichtet oder vom universellen Tempel der HumanitĂ€t, in den der einzelne Freimaurer sich als Baustein einfĂŒgt.
Daher, liebe Freimaurer-BrĂŒder, lassen wir den Geist, der hinter diesem egodurchseuchten Selbstbild steht, doch sterben! Legen wir ihn in den Sarg, in sein eigenes Grab! Er soll das Fleisch sein, das sich von den Knochen löst, wenn der Verwesungsprozess einsetzt! Verrotten soll er und im Sarg zurĂŒckbleiben. Niemals mehr soll er (mit) auferstehen! Es liegt nur an uns. Was hindert uns daran?