#Gedanke: Einfachheit der Religionen

„Die grĂ¶ĂŸten Religionen
sind tatsÀchlich alle ganz einfach.

Sie bleiben ohne Zweifel alle
sehr wesentlich verschieden voneinander,
aber in ihrer inneren RealitÀt
sind Christentum, Buddhismus, Islam und Judentum
Ă€ußerst einfach.

Und sie fĂŒhren alle schließlich
zu dem einfachsten und ĂŒberraschendsten Endpunkt
der unmittelbaren Konfronation
mit dem Absoluten Sein,
der Absoluten Liebe,
der Absoluten Barmherzigkeit
oder der Absoluten Leere
durch ein unmittelbares und hellwaches
Engagement im alltĂ€glichen Leben.“

(Thomas Merton)

Ich bin Freimaurerin und Freimaurerei ist ich

3. TEIL DER SERIE: „FREIMAUREREI ALS LEBENSEINSTELLUNG“ (GASTBEITRAG)

Was bleibt vom Freimaurertum? Wenn man diese ganzen freimaurerischen Äußerlichkeiten, die Ämter und Grade, die Hierarchien und Institutionen, die Etikette und das ElitĂ€re und den ganzen Habitus, der daraus erwĂ€chst, wegnimmt, was bleibt dann noch vom Freimaurertum ĂŒbrig? Was ist die freimaurerische Lebenseinstellung, der freimaurerische Lebensweg hinter alledem? Was am Freimaurertum hat Bestand, wenn man hinter dessen Ă€ußere Fassaden blickt? Seit einigen Monaten begleiten mich ebendiese Fragen. Und ich habe keine abschließende Antwort darauf.

Daher wuchs die Idee in mir, ganz unterschiedliche Feimaurerinnen und Freimaurer zu bitten, ihre Antworten zu diesen Fragen aufzuschreiben und auf meinem Blog zu veröffentlichen. Sie alle eint, dass ich sie als tiefgrĂŒndig und inspirierend erlebe. Einige von ihnen kenne ich aus meinem tagtĂ€glichen Leben, mit anderen wiederum habe ich mich bislang nur virtuell ausgetauscht. Zu einigen verbinden mich tiefe geschwisterlich freundschaftliche Beziehungen, andere erlebe ich aus der Ferne. Doch ich bin sehr gespannt, was sie dazu zu sagen haben. Über das Jahr verteilt will ich ihre Antworten auf diese Fragen nach und nach auf meinem Blog einstreuen.

Der dritte Text stammt von Inka Schulze-Buxloh. Inka ist 44 Jahre alt, Mutter und arbeitet als Bibliothekarin. 2013 trat das Freimaurertum in ihr Leben, 2014 wurde sie dann in die Freimaurerinnenloge Constantia im Orient DĂŒsseldorf aufgenommen. Diese gehört zu der Frauen-Großloge von Deutschland (FGLD). Dort arbeitet sie mittlerweile im Grad der Johannismeisterin. Persönlich habe ich Inka bislang (leider) noch nicht kennenlernen dĂŒrfen. Doch ĂŒber meinen Blog sind wir in Austausch gekommen und haben diesen teilweise sehr rege und bisweilen auch kontrovers ĂŒber Sprachnachrichten fortgesetzt. Dies ließ den Wunsch in mir wachsen, auch von ihr mal einen Artikel auf meinem Blog zu veröffentlichen. Und glĂŒcklicherweise hatte auch sie Lust darauf.

ICH BIN FREIMAURERIN UND DIE FREIMAUREREI IST ICH

Um mich richtig einzustimmen, habe ich die Texte der beiden BrĂŒder gelesen.

Es gibt viele Übereinstimmungen, aber genauso viele Dinge, die ich anders sehe. Das ist nur natĂŒrlich. Die Freimaurerei ist auf der einen Seite zutiefst persönlich – auf der anderen Seite jedoch einfach nur menschlich.

Wenn Du selbst dafĂŒr bereit bist, lĂ€sst die Freimaurerei positive Wesensarten aus Dir heraus, die Du bis dato nicht gekannt hast.

Auf diesen Satz möchte ich gerne genauer eingehen.
Normalerweise ist die Welt voll von GegensĂ€tzen (Liebe – Hass, hell – dunkel, gut – böse, usw.).
Die Freimaurerei ist durch und durch positiv. Sie hat tatsĂ€chlich keinen Gegensatz. Nicht nur das: Sie kann GegensĂ€tzlichkeiten ĂŒberbrĂŒcken. Wer an sich arbeitet, also bereit ist, mit Hilfe der Freimaurerei seine Ecken und Kanten zu bearbeiten – der benutzt die Freimaurerei in einem ihrer vielen Sinne: Aus guten Menschen bessere zu machen.
Zugegeben, das klingt sehr theoretisch. Viele fragen sich immer wieder, wie das denn praktisch funktionieren kann. Aus meiner Sicht ganz einfach: Neugierig sein, ĂŒber den Tellerrand schauen, anderen Menschen bewusst zuhören, andere Meinungen (im ethischen Rahmen) akzeptieren, empathisch sein, 


Einige werden jetzt einwerfen: „DafĂŒr brauche ich doch nicht Freimaurer zu werden.“
Nein, tatsÀchlich nicht. Denn die Freimaurerei ist nur ein Weg, aber nicht der Weg.

Damit kommen wir zu einem weiteren schönen Punkt. DEN Weg gibt es in der Freimaurerei nicht. Ich schrieb im ersten Absatz, wie zutiefst persönlich die Freimaurerei ist. Sie passt sich jedem Menschen individuell an. Sie erwartet nichts. Außer, dass man seinen Weg geht. „Der Weg ist das Ziel.“

Ein weiterer passender Punkt an dieser Stelle ist: „Was bleibt vom Freimaurertum? Wenn man diese ganzen freimaurerischen Äußerlichkeiten, die Ämter und Grade, die Hierarchien und Institutionen, die Etikette und das ElitĂ€re und den ganzen Habitus, der daraus erwĂ€chst, wegnimmt, was bleibt dann noch vom Freimaurertum ĂŒbrig?“
Meine Antwort: „Ich bin Freimaurerin und Freimaurerei ist ich.“ Nicht ich suche mir ein Amt oder strebe danach. Das Amt findet mich. Ich kann mich noch gut an die Zeit nach meiner Aufnahme vor sechs Jahren erinnern. Damals meinte eine Schwester zu mir, dass ich nach einiger Zeit gewiss ein Amt ĂŒbernehmen wĂŒrde. Ich habe sie damals gebeten, den Gedanken nicht weiter zu verfolgen. Ich war glĂŒcklich, endlich einmal ich selbst sein zu dĂŒrfen. Niemand stellte Erwartungen an mich. Ich fĂŒhlte mich zum ersten Mal in meinem Leben frei.
Wie sieht es heute aus? Ich habe ein Amt und auch diverse Aufgaben inne. Aber das sind alles Arbeiten, die ich mir nicht selbst ausgesucht habe. Ich habe nicht bewusst danach gestrebt. SelbstverstĂ€ndlich passen sie aber zu mir. Auch, wenn sie mich immer wieder vor Herausforderungen stellen. Daher erfĂŒllen sie mich einerseits mit Freude, andererseits bedeuten sie natĂŒrlich Arbeit



Aber Freimaurerei bedeutet Arbeit. Arbeit an sich selbst und nicht verzagen dĂŒrfen bei anderen Freimaurern oder GĂ€sten. Ich gebe gerne zu, dass dies genauso anstrengend sein kann, wie es sich anhört. Aber es lohnt sich. Denn dafĂŒr sind wir Freimaurer.

Was kann ich noch erzÀhlen?
FĂŒr mich ist der Mensch ein ganzheitliches und gleichzeitig sehr vielschichtiges Wesen.
Das bedeutet fĂŒr mich, dass meine Frauenloge meine Mutterloge ist, ich mich aber dennoch sehr gerne mit BrĂŒdern austausche oder einfach nur still zuhöre, um zu lernen und mir meine eigenen Gedanken zu machen. Daher bin ich sehr froh, vor der Pandemie immer wieder gern gesehene Besucherin bei GĂ€steabenden diverser Bruderlogen gewesen zu sein und in den jetzigen schwierigen Zeiten Einladungen zu Online-Veranstaltungen zu erhalten.

Mein Fazit: In „meiner“ Freimaurerei ist alles stimmig. Ich reflektiere mein Verhalten sehr regelmĂ€ĂŸig (immer?) und bemĂŒhe mich, Hinweise meiner Schwestern – verbal oder nonverbal – zu erkennen und richtig zu verstehen. „Richtig zu verstehen“ ist an dieser Stelle sehr wichtig. Denn auch hier bin ich wieder gefragt. Nur weil mir eine Schwester etwas signalisiert, muss es ja nicht richtig sein. Das entscheide wiederum nur ich – wie erst einmal grundsĂ€tzlich in „meiner“ Freimaurerei.

Ich habe viel ĂŒber die persönliche Freimaurerei gesprochen. Das liegt daran, dass jedes Glied der weltumspannenden Bruder- und Schwesternkette aus einzelnen Menschen besteht. Jeder Mensch in dieser Kette ist fĂŒr die Festigkeit verantwortlich. Wie kann ich also fĂŒr die Haltbarkeit garantieren, wenn ich nicht selbst stark bin? Mit stark sein meine ich in diesem Zusammenhang, das richtige Gleichgewicht in mir finden zwischen meiner Freiheit und meiner Verantwortung. Der Schwester oder dem Bruder gegenĂŒber bedeutet es fĂŒr mich, das richtige Maß an verantwortbarer Menschenliebe entgegenbringen zu können.

NatĂŒrlich könnte ich noch viel mehr schreiben. Aber ich finde immer, gerade im Internet dĂŒrfen Texte nicht zu lang sein. Sonst verliert man beim Lesen die Lust. Ich freue mich auf reichlich Kommentare und einen hoffentlich intensiven Austausch.

Neuer Blog: Akono – Perspektive Mannsein

Ein sehr anregender und tiefsinniger Blog, den ich Euch wĂ€rmstens ans Herz legen will, ist online gegangen: „Akono – Perspektive Mannsein“!

Betrieben wird der Blog von Stefan Szych. Dieser ist 1965 geboren, verheiratet, zweifacher Vater, Katholik und Journalist. Seit 2004 ist er Freimaurer im christlichen Freimaurerorden und 2016 durchlief er die MĂ€nnerinitiation nach Richard Rohr. Bereits im Juni 2020 veröffentlichte er den Artikel „Warum Freimaurer?“ auf meinem Blog.

Die Aufmachung seines Blogs ist einfach und gleichzeitig edel gehalten, weshalb er ĂŒbersichtlich daherkommt und man sich intuitiv auf ihm zurechtfindet.

Dem Inhalt hat Stefan den Kategorien „Mannwerden„, „Mannsein“ und „Einssein“ zugeordnet. Hierbei geht es darum, „vom Jungen zum Mann“ zu werden, als Mann in die eigene „leise wahre StĂ€rke“ zu kommen und in die „eine Einheit“, die „das Ziel eines jeden Mannes“ ist, hineinzuwachsen. Ein wesentliches Element der IdentitĂ€tsfindung als Mann bedeutet in diesem Kontext auch, sich wieder als „geliebten Sohn“ zu begreifen und den „verlorengegangenen Kontakt zum leiblichen Vater, zu Gott und zum eigenen Wahren Selbst“ wieder zu entdecken. Ziel dieses Prozesses ist es, der Mensch zu werden, „als der man gedacht war“, der seinen „Platz im großen Bild“ wiedergefunden hat, „eins mit allem, was ihn umgibt, ist“ und somit „Schöpfer seines Lebens“ geworden ist.

Hierbei schöpft Stefan auf seinem Blog aus der FĂŒlle der christlichen Mystik, der archaischen Initiationsriten, der spirituellen MĂ€nnerarbeit, des christlichen Freimaurerordens, der Lehre der Archetypen, des christlichen Mönchstums, der SchöpfungsspiritualitĂ€t, der jĂŒdisch-christlichen Kabbala sowie den verschiedenen Traditionen der Stille der unterschiedlichen Religionen … und ganz bestimmt ist diese AufzĂ€hlung nicht mal abschließend.

Neben Artikeln, die sich um die genannten Themenfelder drehen, veröffentlicht Stefan auch fortlaufend Rezensionen zu BĂŒchern, die in dieses Spektrum gehören. Die Erfahrungen, die er in Jahrzehnten als Journalist gesammelt hat, kommen ihm hierbei sicherlich zu pass.

Abgerundet wird der Blog durch einen Veranstaltungskalender, eine ausfĂŒhrliche Linksammlung (auf der sich auch mein Blog wiederfindet 😉) und das Archiv sĂ€mtlicher veröffentlichter Artikel.

Anekdote

Es war, als der FrĂŒhling langsam zum Leben erwachte. Die Strahlen der Sonne fanden zu neuer Kraft und der Gesang der Vögel hielt Einzug.

Es war eine dieser NĂ€chte, die ich auf der Matratze auf dem Fußboden vor dem Bett meines Zen-Meisters zugebracht hatte. Wir hatten sein Zimmerfenster ĂŒber Nacht offen gelassen.

Am nĂ€chsten Morgen erwachte ich, als die Vögel vor dem Fenster ihre Lieder sangen und die ersten Sonnenstrahlen an den Rollos und VorhĂ€ngen vorbei ins Zimmer schlichen. Mein Zen-Meister war bereits wach. Eingekuschelt in seine Bettdecke saß er auf dem Bett. Es war recht kĂŒhl im Zimmer.

Ich stand auf, um das Fenster zu schließen. „Nicht zu machen!“, sagte mein Zen-Meister, „Die Vögel singen gerade so schön!“ Kurz hielt ich inne. Das Lied der Vögel klang nicht anders als sonst auch.

Ich machte kehrt, krabbelte zu meinem Zen-Meister ins Bett und kuschelte mich zu ihm unter die Bettdecke. Und dort saßen wir dann. Und lauschten dem Lied der Vögel. Eine ganze Weile. Und mir wurde bewusst, dass die Vögel noch nie so schön gesungen hatten wie an diesem Morgen.

Warum Freimaurer?

2. TEIL DER SERIE: „FREIMAUREREI ALS LEBENSEINSTELLUNG“ (GASTBEITRAG)

Was bleibt vom Freimaurertum? Wenn man diese ganzen freimaurerischen Äußerlichkeiten, die Ämter und Grade, die Hierarchien und Institutionen, die Etikette und das ElitĂ€re und den ganzen Habitus, der daraus erwĂ€chst, wegnimmt, was bleibt dann noch vom Freimaurertum ĂŒbrig? Was ist die freimaurerische Lebenseinstellung, der freimaurerische Lebensweg hinter alledem? Was am Freimaurertum hat Bestand, wenn man hinter dessen Ă€ußere Fassaden blickt? Seit einigen Monaten begleiten mich ebendiese Fragen. Und ich habe keine abschließende Antwort darauf.

Daher wuchs die Idee in mir, ganz unterschiedliche Feimaurerinnen und Freimaurer zu bitten, ihre Antworten zu diesen Fragen aufzuschreiben und auf meinem Blog zu veröffentlichen. Sie alle eint, dass ich sie als tiefgrĂŒndig und inspirierend erlebe. Einige von ihnen kenne ich aus meinem tagtĂ€glichen Leben, mit anderen wiederum habe ich mich bislang nur virtuell ausgetauscht. Zu einigen verbinden mich tiefe geschwisterlich freundschaftliche Beziehungen, andere erlebe ich aus der Ferne. Doch ich bin sehr gespannt, was sie dazu zu sagen haben. Über das Jahr verteilt will ich ihre Antworten auf diese Fragen nach und nach auf meinem Blog einstreuen.

Der zweite Text stammt von Stefan Szych. Wie ich Stefan ist Freimaurer und nach Richard Rohr initiiert. Er ist mir Bruder, Freund und WeggefĂ€hrte. Stefan ist 1965er Baujahr, verheiratet, Vater zweier erwachsener Kinder und lebt im Hamburger Einzugsbereich. 2004 wurde er in die Johannisloge „Zur unverbrĂŒchlichen Einigkeit“ des christlichen Freimaurerordens aufgenommen. Mittlerweile hat er die zehnte Erkenntnisstufe inne. Seit jeher engagiert Stefan sich sehr stark in den unterschiedlichen Abteilungen des Freimaurerordens. Beispielsweise ist er aktuell der wortfĂŒhrende Logenmeister (Ritualleiter) der Andreasloge „Concordia“ (Grad 4 bis 6) sowie „Bruder Redner“ in seiner Johannisloge (Grad 1 bis 3) und in seinem Ordenskapitel „Inviolabilis“ (Grad 7 bis 10). 2016 durchlief er die MĂ€nnerinitiation nach Richard Rohr.

WARUM FREIMAURER?

Als Hagen mich vor ein paar Monaten fragte „Was ist Freimaurerei fĂŒr Dich?“, war die Antwort klar: Lebenspraxis nicht Hobby

Warum?

Dazu muss ich etwas ausholen. Macht es euch also bequem und folgt mir durch mein freimaurerisch-spirituelles Leben.

Ein Hobby ĂŒbt man aus, wenn es die Zeit zulĂ€sst. Freimaurerei ist immer. Sprich, sie beeinflusst alles, was ich tue. Und wenn ich mal nicht maurerisch handele, meldet sie sich irgendwann wieder als jene innere Stimme, die mir zuflĂŒstert „War das jetzt ok so?“

Das war nicht immer so, denn geboren bin ich als Profaner. Niemand wird als Freimaurer geboren.

Dabei lernte ich, wie ich im Nachhinein feststelle, den ersten Freimaurer in meiner Familie kennen: Mein Opa. Er kein echter Freimaurer, lebte aber wie einer. Er war friedlich, ausgleichend, liebevoll und ein Mann, der Kompromisse mehr schÀtzte als die bedingungslose Konfrontation. In Glaubensfragen konnte er bestimmt sein, ohne jedoch Dogmen anzuhaften. Er war Calvinist, seine Frau katholisch. Probleme im Glauben? Nie. Die Form war egal, der Inhalt zÀhlte.

Den nĂ€chsten Freimaurer traf ich als Reporter im NiedersĂ€chsischen Landtag: Er war ein harter Hund in der Politik, Fraktionschef, Wadenbeißer, aber nie ehrabschneidend. Dass er Freimaurer war, erfuhr ich erst, als ich selbst aufgenommen worden war.

In meiner tiefsten Krise, als ich arbeitslos war, fand ich die ersten BĂŒcher des Franziskaners Richard Rohr. Sie nahmen mich sofort gefangen und ich machte mich auf die Suche nach einer MĂ€nnergruppe. Es sollte eine Gruppe sein, in der ich mich mit MĂ€nnern ĂŒber MĂ€nnerthemen austauschen konnte.

Nein, nicht eine dieser Auto- und Fußballgruppen. Es sollte um mich und meine GefĂŒhle, meine Ängste aber auch Hoffnungen gehen.

Auf der Suche nach so einer MĂ€nnergruppe fand ich zunĂ€chst eine Opfer-Gruppe. Vier MĂ€nner, die sich abwechselnd bei einem der Mitglieder trafen und redeten. Dabei war „reden“ war das falsche Wort: Sie suhlten sich in ihrem Leiden, ihrem Selbstmitleid und den Ungerechtigkeiten dieser ach so harten Welt, in der sie sich von allen herumkommandiert fĂŒhlten: Von den Chefs, den UmstĂ€nden, ihren Frauen und Kindern. Nach zwei Treffen war fĂŒr mich Schluss.

Es sollte zwei weitere Jahre dauern, bis ich den dritten Bruder traf. Es war ein Kollege, der sich mir offenbarte und mich dann eineinhalb Jahre auf die Aufnahme vorbereitete – arbeitsbegleitend sozusagen. Er wurde mein Pate, begleitete mich durch die ersten Jahre des Logenlebens intensiv und auch heute noch.

Was zeichnet diese Drei MĂ€nner aus?

Sie lebten, was sie lehrten.

Und alle drei waren es glÀubige MÀnner, die kein Tamtam um ihren Glauben machten, sondern ihn in sich trugen, verwurzelt, ihn lebten wie das Atmen.

Nach meiner Aufnahme suchte ich meinen Platz in der Loge, durchlebte als Geselle die freimaurerische PubertĂ€t, denn nach der ersten Aufnahme in einen neuen Grad wusste ich natĂŒrlich alles besser als die BrĂŒder, die seit 30 Jahren und mehr Jahren Freimaurer waren.

Langsam fand ich meinen Platz, wurde Redner und erarbeitete mir, wĂ€hrend ich die VortrĂ€ge fĂŒr die Loge schrieb, mein Wissen ĂŒber die Freimaurerei.

Es sollte zehn Jahre dauern bis bei mir der Groschen fiel: Nach einer gescheiterten Wahl zum Logenmeister erlebte ich eine tiefe Krise mit Zweifeln an mir, der Freimaurerei, den BrĂŒdern, ja selbst an meinem Paten, der meine Wahl aktiv behindert hatte.

Ich dachte an Austritt.

Doch jede Niederlage trÀgt ihre Lehre in sich.

Denn parallel hatte ich mich mit einem Bruder, mit dem ich mich monatelang heftig gestritten hatte, ohne Aussprache versöhnt. Vergebung ist eine starke Macht, erfuhr ich aus dieser heilenden Begegnung. Und so wandte ich diese beglĂŒckende Erfahrung nach monatelangem Hadern mit mir und den UmstĂ€nden in der Loge auch auf mein „Schicksal“ in der Loge an. Es folgte eine Aussprache mit dem Konkurrenten, eine Versöhnung und eine jahrelange sehr fruchtbare und vertrauensvolle Zusammenarbeit fĂŒr die Loge.

Und so wuchs ich, wie ich im Nachhinein feststelle, in dieser Zeit immer tiefer in die Freimaurerei hinein. Das erkannten offenbar andere BrĂŒder und wĂ€hlten mich ein Jahr nach meiner Krise zum WortfĂŒhrenden Andreasmeister, also zu einem Logenmeister der zweiten Abteilung unserer Lehrart.

So ein Logenmeister wird immer vom obersten Beamten der Großloge eingesetzt und so kam es zu jenem denkwĂŒrdigen Tag: Der Landesgroßmeister rief mich im Tempel zu sich, ich kniete nieder fĂŒr die Einsetzung – und war plötzlich in einer anderen Welt:
Es gab nur noch ihn, den Dreifach Großen Baumeister, und mich. Die Verbindung zwischen dem Bruder und mir war so intensiv, so vertraut, so selbstverstĂ€ndlich, dass ich dafĂŒr den Begriff „Initiation“ verwende.

Und es gab ein „Mehr“ als nur uns drei. Da war mehr als dieser Ort, dieser Raum, diese Stelle. Es war ein geheiligter Moment. Ich begriff, dass hier mehr geschah, als die offensichtliche Handlung. Ich wurde verwandelt, nicht heilig, nicht besonders. Nein, in mir wurde eine TĂŒr aufgeschlossen, ein Vorhang beiseite gezogen, Licht auf den Weg geworfen


Parallel las ich weiter die BĂŒcher von Richard Rohr. Und ich ging noch einen Schritt weiter: Im Jahre 2016, zwölf Jahre nach meiner Aufnahme zum Freimaurer, wurde ich nach dem Ritual von Richard Rohr (MROP – Mens Rites of Passage) in Österreich initiiert.

Und dieses Ritual verbunden mit der jahrelangen LektĂŒre von Richards BĂŒchern und den Erfahrungen aus der Freimaurerei, wirkten wie ein Brandbeschleuniger. Ich lebte plötzlich in einer Klarheit, einer Konsequenz, die mir fast schon unheimlich war.

Nein, ich bin nicht perfekt, ich bin kein Heiliger, nicht einmal fast. Ich bin immer noch auf der Suche, mache Fehler, versage, gehe Umwege oder in Sackgassen.

Aber ich kenne den Weg, weiß wie ich diese Suche möglichst sinnvoll und gottverbunden gestalten und wieder zurĂŒckfinden kann. Wenn ich mich verirre.

Ich erkannte in mir, dass es nicht um richtig oder falsch geht, sondern um das demĂŒtige Anerkennen dessen, was ist. Nicht fatalistisch oder resignierend, sondern heilend, und erleichternd:

Es ist hart ein Mensch zu sein, aber ich trage das, was ich tragen kann und soll.
Ich bin nicht wichtig, aber mein Name ist bei IHM notiert.
In diesem Leben geht es nicht um mich, jedoch ich lebe, aber nicht mehr ich, sondern der Obermeister lebt in mir.
Ich habe nicht die Kontrolle, aber wer kann schon sein Leben um eine Handbreit verlÀngern?
Es stimmt: Ich werde sterben, aber nichts kann mich scheiden von der Liebe Gottes.

Kurz gesagt:

Freimaurerei hat mich auf den spirituellen Pfad meines Lebens gefĂŒhrt.
Dem gebe ich mich hin – als Mann, Ehemann, Vater, Kollege und Bruder – als ganzer Mensch.

Menschsein ist kein Hobby, es ist Lebenspraxis.