Achtsam durch das Maurerjahr

Vor einigen Monaten schrieb ich einen Blogartikel darüber, was meine Motivation war, Freimaurer zu werden: Ich hatte mich nach einem Ort gesehnt, in dem sich auf rituelle Weise den Themen genähert wird, die meinen spirituellen Weg ausmachen: Innere Stille, Männerinitiation, Archetypen, christliche Mystik, schöpfungsspirituelle Kreisläufe. Diesen Ort habe ich im christlichen Freimaurerorden gefunden. Seine Tempelarbeiten sind mir rituelle Heimat geworden.

Darüber hinaus entfaltete sich im Laufe der Jahre eine weitere Tiefendimension des Rituals des Freimaurerordens in mir: Achtsamkeit für den Jahreszeitenkreislauf. Seitdem ich Freimaurer bin, nehme ich den Weg durch die wiederkehrenden Jahreszeiten und das, was sie in ihrem Wesen ausmacht, bewusster wahr. Ich denke mal, das rührt daher, dass über das Jahr verteilt immer wieder Tempelarbeiten stattfinden, die den Inhalt der jeweiligen Jahreszeit rituell aufnehmen und vertiefen. Dadurch geschieht ein Rückverbinden in die jeweilige Jahreszeit und schließlich in den Jahreszeitenkreislauf.

Dies beginnt mit dem Stiftungsfest meiner Johannisloge Anfang März. Hierbei wird auf rituelle Weise das alte Logenjahr beendet und das neue Logenjahr begonnen. Zufällig fällt das Stiftungsfest meiner Johannisloge mit dem Frühling in eine sehr passende Jahreszeit. Denn so wie beim Stiftungsfest die Loge quasi abermals neu geboren wird, geschieht dasselbe auch im Frühling mit der Natur um uns herum. Der Frühling ist die Zeit, in der die Natur aus ihrem Winterschlaf erwacht und das neue Leben allerorten zu sprießen beginnt.

Im Sommer dann zur Sommersonnenwende wird das Johannisfest rituell begangen. Es findet genau an dem Zeitpunkt statt, an dem der Tag am längsten und die Nacht am kürzesten ist. Genau dann also, wenn die Sonne dermaßen kraftvoll ist, wie sonst das ganze Jahr über nicht. Das Ritual des Johannisfestes hat das Vergehen und Werden des Lichtes zum Inhalt und ist von seiner grundlegenden Aussagekraft her sehr anrührend.

Als nächstes dann, nachdem die dunkle Jahreszeit angebrochen ist, feiert meine Andreasloge ihr Stiftungsfest. Inhalt und Zielrichtung dieses Rituals decken sich weitestgehend mit dem Stiftungsfest der Johannisloge. Der Zeitpunkt für dieses Stiftungsfest liegt mit dem hereinbrechenden Dunkel des Winters dennoch sehr stimmig. Ist die Andreasloge doch der Teil des Weges des Ordensfreimaurers, in dem er tief in seine eigene Finsternis hinabzusteigen und sich seinen eigenen Schatten zu stellen hat.

Nur wenig später findet alljährlich in der Zeit um Totensonntag und Volkstrauertag herum die Trauerloge statt. Vor einigen Jahren widmete ich der Trauerloge einen eigenen Blogartikel. In diesem Ritual ist die Symbolik des Todes omnipräsent. Hierbei wird auf rituelle Weise all den Freimaurer-Brüdern gedacht, die im zurückliegenden Jahr von uns gegangen – in den ewigen Osten eingegangen – sind. Und auch der Zeitpunkt dieser Tempelarbeit ist mit der angebrochenen dunklen Jahreszeit nur zu folgerichtig gewählt.

In der Adventszeit dann, wenn die Finsternis und die Kälte des Winters am stärksten sind, findet die Adventsloge statt. Inhalt dieser vergleichsweise schmucklosen Tempelarbeit ist derselbe wie der der gesamten Weihnachtszeit: Ausharren. Hoffen. Auf die Geburt des Heilands. Auf die Neugeburt des Lichtes. Und irgendwann, wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten…

Lebensbaum

Im Laufe der Zeit ist der Lebensbaum ein ganz zentrales und fundamentales Symbol meines spirituellen Weges geworden.

BÄUME UND WÄLDER

Ich glaube, seinen Anfang nahm dies auf einem Seminar über initiantische Schwertarbeit. Ein katholischer Geistlicher hatte es vor einigen Jahren in einem Kloster abgehalten und ich hatte es besucht. Eines Morgens vor dem Frühstück schickte er uns raus in die Natur. Sein Auftrag an uns war, dass wir bei einer Pflanze verweilen sollten. Ich suchte mir einem großen Baum aus, der direkt an einem Fluss stand. Etwa eine halbe Stunde stand ich vor diesem Baum. Betrachtete ihn und berührte ihn. Und mit jedem Augenblick, den ich vor diesem Baum verweilte, wurde mir bewusster, wie erhaben er war. Erhaben, in sich ruhend und wunderschön. Irgendwann hatte ich das Bedürfnis, diesen Baum zu umarmen. Ganz fest drückte ich ihn an mich. Als ich diesen Platz wieder verließ, verneigte ich mich vor ihm. Ein tiefes Gefühl von Ehrfurcht hatte dieser Baum in mir zurückgelassen.

Diese Erfahrung brannte sich in mir ein und sollte fortan mein Begleiter sein. Und es sollten weitere Erfahrungen dieser Art folgen. Auf eine intuitive Weise wurden Bäume so etwas wie Bezugspunkte der Achtsamkeit und Kontemplation für mich. Und dort, wo viele Bäume zusammen standen und in einem Wald aufgingen, schufen sie gleichzeitig Orte, die mir spirituelles Erleben ermöglichten. Der Wald wurde zu meinem Tempel. Blicke ich zurück, so waren es die spirituellen Zeiten in den Wäldern, die mich am grundlegendsten und nachhaltigsten verändert haben.

LEBENSBAUM

Als ich anfing, mich oberflächlich mit der Idee des Lebensbaumes zu befassen, stellte ich schnell fest, dass diese Idee in nahezu jeder Kultur Bestandteil der Religionen und Kulte war. Mal als zentrales Symbol, mal lediglich in Randbereichen. Die in unseren Breitengraden wohl bekanntesten Lebensbäume dürften die aus dem germanisch-skandinavischen Kulturkreis stammende Weltenesche Yggdrasil sowie der Sephirothbaum aus der jüdisch-christlichen Kabbala sein.

So unterschiedlich diese Lebensbäume auf dem ersten Blick auch daherkommen, so weisen sie unterhalb dieser Oberfläche doch markante Ähnlichkeiten auf. Das gilt sowohl in Bezug auf ihre Darstellungen, als auch in Bezug auf die kosmischen Ordnungen und den damit verbundenen Gesetzmäßigkeiten, die sie in sich bergen und ausdrücken.

SPIRITUELLE PRINZIPIEN DES BAUMES

Ich habe mich gefragt, ob solche Erfahrungen, wie ich sie mit Bäumen und in Wäldern gemacht habe, der Grund dafür gewesen sein könnten, dass das Symbol des Lebensbaums Einzug in fast alle Religionen und Kulte gefunden hatte. Unabhängig von dieser Fragestellung aber ist der Baum als solcher aufgrund seiner Beschaffenheit geradezu prädestiniert, spirituelle Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten auszudrücken:

1. Licht
Zu allererst ist da sein Streben zum Licht empor. Sämtliche Lebens- und Wachstumsprozesse des Baumes sind auf die Sonne, als Quelle des Lichts, ausgerichtet. Mit seinem gesamten Wesen streckt der Baum sich der Sonne entgegen.

2. Verbindung
Dann verbindet der Baum die Unterwelt und die Oberwelt miteinander, sowie sämtliche Zwischenwelten. Seine Wurzeln reichen bis tief ins Erdreich hinein und seine Krone küsst den Himmel. Dazwischen durchläuft und verbindet er mindestens zwei weitere Ebenen. Nämlich die der Erdoberfläche sowie die Ebene zwischen Erdoberfläche und Krone.

3. Eins mit allem
Weiter ist der einzelne Baum verbunden mit dem gesamten Leben um ihn herum. Zwar wirkt es, wenn man einen einzelnen Baum im Wald betrachtet, zunächst so, als stünde dieser isoliert für sich. Schaut man jedoch genauer hin, so stellt man fest, dass dieser einzelne Baum durch Wurzelsysteme, andere Pflanzen, Botenstoffe, den Wald bevölkernde Tiere und Insekten sowie energetische Felder mit dem gesamten Ökosystem um sich herum zutiefst verwoben ist und in wechselseitigem Austausch steht. Es ist fast so, als stelle dieser einzelne Baum ein Hologramm dar, in dem sich das gesamte Ökosystem des Waldes widerspiegelt.

4. Werden und Vergehen
Schlussendlich ist der Baum Teil des ewig gleichen Kreislaufs des Werdens und Vergehens allen Lebens. Dieser Kreislauf hatte seinen Anfang darin, dass das Samenkorn, aus dem der Baum mal hervorgehen würde, sterben musste, um das Leben des Baumes hervorbringen zu können. Und seither kann man Jahr für Jahr die Schönheit dieses Kreislaufs am Baum ablesen. Es beginnt damit, dass im Frühling die ersten Knospen hervorbrechen, aus denen sich dann die Blätter und Blüten des Baumes entwickeln. Im Sommer stehen Blätter im vollsten Saft und die Blüten bringen Frucht. Im Herbst schließlich verfärben sich die Blätter bunt und die Früchte des Baumes können geerntet werden. Bis schließlich die Blätter herabfallen und verrotten. Den Winter wiederum überdauert der Baum kahl und scheinbar leblos. Nur um im Frühling ein weiteres Mal neu geboren zu werden und diesen Kreislauf ein weiteres Mal zu durchlaufen.

Ganz sicher fallen einem noch weitere Eigenschaften des Baumes auf, die spirituelle Parallelen aufweisen, wenn man sich nur länger mit diesem Phänomen auseinandersetzt.

ANNÄHERUNG AN DEN SEPHIROTHBAUM

Der Lebensbaum, in den ich tiefer eingestiegen bin, ist der Sephirothbaum der jüdisch-christlichen Kabbala. Zwei Freimaurer-Brüder meiner Loge, die ebenso wie ich einen spirituellen Zugang zur freimaurerischen Symbolik und zum freimaurerischen Ritual haben, brachten mich damit in Berührung.


(Der Sephirothbaum nach Isaak Luria,
Quelle: https://www.wikipedia.org/)

Als ich die Darstellung des Sephirothbaumes zum ersten Mal sah, empfand ich diese als sehr mechanisch und kalt. Auf den ersten Blick hatte diese Darstellung für mich so gar nichts mit Leben zu tun. Je mehr ich mich jedoch darin einlas, was für Welten im Sephirothbaum dargestellt sind und welche Gesetzmäßigkeiten durch ihn ausgedrückt werden – und auch über die Darstellung des Sephirothbaumes meditierte – desto mehr begann ich zu erahnen, welche spirituelle Tiefe und Weite im ihm verborgen liegen. Und ich bekam eine Ahnung davon, dass in diesem Baum das Wissen um das, was meinen spirituellen Weg bis dato geprägt und beschenkt hatte, verborgen liegen könnte: Die Initiation in das Wahre Selbst und das Mysterium des Lebens, der Weg der Mystiker hinein in die Unio Mystica, das Rückverbinden in die Kreisläufe des Lebens, das Versenken in innere Stille. Und schließlich stellt dieser Baum eine der Matrixen dar, die dem Weg durch die zehn Grade des christlichen Freimaurerordens zugrunde liegt.

Mehrfach schon wollte ich mich dem Sephirothbaum auf diesem Blog annähern. Doch jedes Mal aufs Neue brach ich dieses Unterfangen wieder ab. Denn dieser Baum war und ist schlichtweg zu umfassend, facettenreich und zu vielschichtig. Daher möchte ich hier jetzt eine Art Teil-Einstieg wagen, indem ich lediglich drei Aspekte des Sephirothbaumes anreiße; und dies auch nur ganz kurz und oberflächlich. Das kann und soll erstmal nur eine grobe Vorstellung geben. Meine Idee dahinter ist, in weiteren Blockartikeln diese Aspekte aufzugreifen, zu vertiefen und auf ihnen aufzubauen, um wiederum weitere Aspekte einzuführen.

DREI ASPEKTE DES SEPHIROTHBAUMES

1. Die Sephiroth:
Der Sephirothbaum besteht aus zehn Sphären, die Sephiroth genannt werden. Jede dieser zehn Sephiroth hat ganz spezifische Eigenschaften und Qualitäten. Diese zehn Sephiroth können in mindestens zwei Richtungen „gelesen“ werden: Von oben, von der Krone aus, oder von unten, von der materialisierten Welt aus. Von oben aus gelesen beschreibt der Baum die verschiedenen Stufen der Emanation des Göttlichen. Diese durchläuft sämtliche Sephiroth und entfernt sich mit jeder Sefirah ein Stück mehr von ihrer Ursprünglichkeit. In der letzten Sefirah schließlich ist das Göttliche in seiner abgeschwächtesten Form gebunden. Folglich kann der umgekehrte Weg durch die Sephiroth des Lebensbaumes als eine stufenweisen Initiation verstanden werden. An deren Ende steht die Vereinigung mit dem eigenen göttlichen Ursprung.

2. Die vier Ebenen:
Bei dem Weg durch die Sephiroth werden gleichzeitig vier Ebenen, die unter anderem den vier Elementen der Welt und den vier seelischen Sphären des Menschen zugeordnet werden können, durchlaufen. Die unterste Sefirah wird dem Element Erde sowie der Leibseele zugeordnet. Die nächsten drei Sephiroth werden dem Element Wasser sowie der äußeren Gefühlsseele und die darauf folgenden drei Sephiroth dem Element Luft sowie der inneren Gefühlsseele zugeordnet. Die letzten drei Sephiroth schließlich werden dem Element Feuer sowie der Geistseele zugeordnet.

3. Die drei Säulen:
Weiter fällt auf, dass die Sephiroth in der Form übereinander angeordnet sind, dass man sie als drei nebeneinander stehende Säulen verstehen kann. Die linke und die rechte Säule bilden sich jeweils aus drei Sephiroth und stehen in polaren und dualistischen Spannungsverhältnissen zueinander. Die mittlere Säule, die sich aus vier Sephiroth bildet, steht für den Ausgleich von Dualismus und Polarität.

HEILIGES RINGEN

Diese von mir gewählten Aspekte sind nicht willkürlicher Natur. Denn es sind die Aspekte, über die ich mit meinem Hintergrund und meiner Prägung als erstes Zugang zum Sephirothbaum gefunden hatte.

Die Auseinandersetzung mit dem Sephirothbaum ist jedoch wie ein Ringkampf. Immer wenn man meint, etwas verstanden zu haben, geht eine neue Tür auf und man realisiert, was man alles noch nicht weiß. Macht man drei Schritte vorwärts, schmeißt es einen im nächsten Moment wieder zwei Schritte zurück. Und in dieses heilige Ringen um Wissen und Nichtwissen, um Erblicken und Erblinden, um Eporsteigen und Niederstürzen bin ich mit meinem Blog nun auch eingetreten. Ob ich dem gewachsen bin, weiß ich nicht…

Waldläufer

Vor einigen Jahren zogen wir an den Rand des großen Waldes. Irgendwann fing ich an, einigermaßen regelmäßig in ihm joggen zu gehen. Mit jedem Schritt, den ich in diesen Wald setzte, kehrte ich heim. Mit jedem Atemzug, mit dem ich diesen Wald in mich aufsog und wieder losließ, nahm er mich in seine Tiefe auf. Als seinen Sohn. Als einen Teil von sich. Als einen Teil von mir. Nach und nach und zunächst noch eher beiläufig nahm ich wahr, dass dieser Wald mir seine Geschichte erzählte. Er wisperte sie von den Höhen seiner Kronen bis in die Tiefen seiner Wurzeln.

Er erzählte mir die Geschichte vom Winter. Die Zeit, in der Frost sich über den Wald legte und in sein Erdreich drang. Die einst belaubten Bäume waren kahl. Nur das Nadelkleid der immergrünen Tannen überdauerte. Es hatte etwas Majestätisches, wenn fahles Gold der Sonne sanft durch die Wipfel kroch und den Raureif, der das Geäst und den Boden bedeckte, erstrahlen ließ. Die nackten Äste der Laubbäume, das satte Grün der Nadelbäume und das dreckige Braun des Bodens in all seinen Schattierungen strahlten eine seltsame Ruhe und Harmonie aus. Die Luft durchzog eine Klarheit, wie man sie nur in dieser Zeit zu schmecken vermochte. Und wenn Schnee alles in sein weißes Kleid hüllte, vereinigte sich die ruhende Majestät des Waldes mit dem Zauber des Märchenhaften.

Er erzählte mir die Geschichte vom Frühling. Die Zeit des machtvollen Neugeboren Werdens. Mit jedem Tag stieg die Sonne am Firmament ein wenig höher. Sie schenkte erste Momente der Wärme und des Lichts. Eine erwartungsfrohe Milde mischte sich in die Kälte der Luft. Und verdrängte diese schließlich ganz. Je mehr die Sonne erstarkte, desto mehr erwachte der Wald. Die einst so kahlen Äste der Bäume, Büsche und Sträucher brachten zahllose Knospen hervor. Und als aus diesen erste zarte Blätter hervorbrachen, zog ein fast schon surreal helles Grün in den Wald ein. Unzählige Gräser und Blumen in den unterschiedlichsten Farben überzogen die Lichtungen. Und auch das Lied der Vögel erhielt wieder Einzug in den Wald. Was sie sangen war voller Hoffnung und voller Vorfreude.

Er erzählte mir die Geschichte vom Sommer. Die Zeit der Fruchtbarkeit und des Überflusses. Die Bäume kleidete saftiges und kraftvolles Grün. Das Dickicht zu ihren Füßen war dicht und undurchdringlich. Die Lichtungen schmückten zahllose Gräser und Blumen in den buntesten Farben. Insekten aller Art flatterten aufgeregt zwischen ihnen hin und her. Am Morgen begrüßte das Konzert der Vögel den neuen Tag. Und am Abend verabschiedeten die Vögel ihn wieder. Flimmern der Hitze breitete die Sonne über den Baumkronen aus. Doch die mächtigen Wipfel ließen lediglich Schatten auf den Boden den Waldes fallen. Der Kühle des Schattens wohnte eine eigentümliche Stille inne. An diesem Ort kam der verschwenderische und wilde Überschwang des Sommers ein wenig zur Ruhe.

Er erzählte mir die Geschichte vom Herbst. Die Zeit der Ernte. Die Zeit des wundervollen Sterbens. Die Zeit des Übergangs. Mit jedem Tag nahm die Kraft der Sonne etwas ab. Und doch tauchte sie die Horizonte des Himmels in die prachtvollsten Farbenmeere. Jedes Mal, wenn sie aufging. Und jedes Mal, wenn sie erstarb. Manchmal in den Morgenstunden und manchmal in den Abendstunden hüllten dichte Nebelschleier alles in sich ein. Die Laubbäume kleideten sich in atemberaubend schöne Farbsynfonien. In die Wärme der Luft mischte sich eine eigentümliche Kälte. Mancher Sturm wogte durch die Baumwipfel. Modriger Geruch von Feuchtigkeit zog in den Wald ein. Und entlockte dem Erdreich unterschiedlichste Pilze. Leise breiteten Kreuzspinnen in Geäst und Gräsern ihre Netze aus. Und harrten aus, was da kommen möge.

War es tatsächlich nur der große Wald, der mir von der Schönheit der Jahreszeiten erzählte? Oder waren es nicht auch die Jahreszeiten, die mir von der Schönheit des großen Waldes erzählten? Und benutzte nicht eine jede ihre ganz eigenen Bilder dafür? Und ließ so eine andere Facette des Waldes erstrahlen? Eine jede Facette auf ihre Art so wundervoll und so erhaben. Alle diese Facetten zusammen ergeben ein Bild, dessen Pracht von keinem Dichter beschrieben, von keinem Maler auf Leinwand gebannt, von keinem Musiker ausgedrückt und von keinem Baumeister je erbaut werden könnte. Dankbar.

Weihnachtsbaum – Ein archetypisches Symbol?

WUNDERVOLLE KLEINE MOMENTE

Unbeholfen rückte sie ihren kleinen Kinderstuhl durch das Wohnzimmer. Bis er schließlich direkt vor dem Weihnachtsbaum stehen blieb. Und dann setzte sie sich auf den Stuhl und blickte ihn überwältigt an. Diesen Baum, der so prachtvoll geschmückt war. In dem so viele Lichter funkelten. Ehrfurchtsvoll berührte sie einzelne seiner Zweige. Ganz vorsichtig und ganz verstohlen. Auf ihrem Gesicht hatte sich ein Strahlen ausgebreitet, wie ich es bei ihr noch nie zuvor gesehen hatte. Der ganzen Situation wohnte eine tiefe Ruhe und Ergriffenheit inne.

Zwischen den Tagen besuchten wir Freunde. Natürlich stand auch bei denen ein Weihnachtsbaum im Wohnzimmer. Irgendwann bemerkten wir, dass unsere Tochter sich auf ein Kissen vor den Weihnachtsbaum gesetzt hatte. Wieder blickte sie ihn überwältigt an. Wieder dieses Strahlen in ihrem Gesicht. Als sie merkte, dass wir sie beobachten, guckte sie uns an, zeigte auf den Baum und rief freudestrahlend: „Weiha, Weiha!“ Ihr Wort für „Weihnachtsbaum“.

In beiden Situationen war er plötzlich wieder da: Dieser Kloß in meinem Hals. Für einen kurzen Moment traten mir die Tränen in die Augen. Es waren wieder welche von diesen unzähligen, kleinen, wundervollen Momenten, wie ich sie so oft erlebe, seitdem unsere Tochter auf der Welt ist.

Diese Weihnachtszeit war die erste Weihnachtszeit, die unsere Tochter bewusst erlebt hat. Und sie war es, die ein wenig des Weihnachtszaubers zurückholte, den ich seit meiner Kindheit nicht mehr gekannt hatte. Auch wenn mir bewusst ist, dass sie das alles in ein paar Wochen oder Monaten wieder vergessen haben wird. Es wird eine dieser Erinnerungen sein, die ich für sie bewahren werde. Und wenn sie möchte, werde ich diese Erinnerung einmal mit ihr teilen.

ARCHETYPISCHE BILDER UND SYMBOLE

Die beschriebenen Situationen warfen in mir die Frage auf, warum Weihnachtsbäume solch eine Faszination auf unsere kleine Tochter ausüben. Und das, obwohl sie noch gar nicht in der Lage ist, vom Verstand her zu begreifen, was es mit diesen Bäumen auf sich hat. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr reifte der Verdacht, dass es sich bei dem Weihnachtsbaum um ein archetypisches Symbol handeln könnte.

Archetypen sind Urbilder menschlicher Vorstellungs- und Handlungsmuster. Diese haben sich im Laufe der Menschheitsgeschichte tief im kollektiven Unterbewusstsein der Menschheit verwurzelt. Sie manifestieren sich in kraftvollen Bildern und Symbolen. Jeder Mensch verfügt über einen intuitiven Zugang zu diesen Bildern und Symbolen. Archetypen können im Inneren eines Menschen Resonanzen auslösen und Prozesse anstoßen, noch bevor der Verstand sie überhaupt begreift.

Das wohl ultimative archetypische Bild ist das vom Kreislauf des „Werden und Vergehen allen Lebens“. Leben wird einmal geboren; Leben stirbt irgendwann; und aus dem Tod heraus entsteht neues Leben. Ich kenne keinen archaischen Initiationsritus, keinen Mysterienbund, der dieses Bild nicht rituell oder in Symbole gekleidet aufnimmt und ausdrückt.

DUNKELHEIT UND TOD

Irgendwann gelangt dieser Kreislauf des Werdens und Vergehens allen Lebens im Reich des Todes und der Dunkelheit an. Die Zeit, in der die Nächte tief und lang sind. Die Zeit, in der der Winter das ganze Land in seinen frostigen Klauen gefangen hält. Die Zeit, in der die einstige Kraft der Sonne verblasst ist.

Und genau in dieser Zeit stellen wir den Weihnachtsbaum auf. Einen Nadelbaum, der sowohl im Sommer, als auch im Winter sein grünes Kleid trägt. Ein Symbol für das Leben inmitten des Todes. Und diesen Nadelbaum schmücken wir mit Lichtern, die wir entzünden. Ein Symbol für die Hoffnung auf die Wiedergeburt des Lichtes inmitten der tiefsten Dunkelheit. Lässt man diese Bilder in sich nachhallen, merkt man, was für machtvolle Dimensionen ihnen innewohnen.

Während ich diesen Artikel schrieb, wurde mir bewusst, dass das Symbol des Weihnachtsbaums und die freimaurerische Andreasloge ganz ähnliche Resonanzen in mir erzeugen. Die Andreasloge umfasst die Grade vier bis sechs innerhalb des Lehrgebäudes des christlichen Freimaurerordens bzw. des sogenannten „Schwedischen Systems“. Ich selbst habe aktuell den fünften Grad inne. Die dominierenden Themen der Andreasloge sind (die eigene) Dunkelheit und (der eigene) Tod. Und trotzdem sind auch die Hoffnung auf Aufrichtung und Licht in diesem Herrschaftsbereich der Dunkelheit und des Todes präsent. Entsprechend sind das Ritual sowie die Einrichtung des Tempels der Andreasloge gehalten.

EPILOG

Anfang Januar schmückten wir unseren Weihnachtsbaum wieder ab und stellten ihn zur Abholung an die Straße. Als ich mit meiner Tochter das erste Mal an ihm vorbeiging, weinte sie, als sie ihn sah und rannte zu ihm hin. Dann schien es, als versuchte sie ihn zu umarmen oder aber an möglichst vielen Stellen zu berühren. Schließlich wollte sie ihn an der Spitze wieder zurück nach Hause zu schleifen. Als das nicht gelang, wimmerte sie: „Weiha, Weiha?“ Sie trauerte um ihren geliebten Weihnachtsbaum. Doch dessen Zeit war vergangen…

Unsterblich

„Holy Spirit,
I surrender,
take me
where you wanna go.“

Ich biege mit dem Kinderwagen ab auf einen schmalen Feldweg. Die müden Augen meiner Tochter schweifen über die Landschaft, die uns umgibt. In ihnen spiegeln sich die letzten Strahlen, der Abendsonne. Das gleichmäßige Holpern des Kinderwagens wiegt meine Tochter langsam in den Schlaf.

Als dieses alte, fast schon vergessene Lied in mir aufsteigt. Es stammt aus einer Zeit, in der wir glaubten, die ganze Welt liege uns zu Füßen. Es war dieselbe Welt, die wir mit dem Feuer unserer Herzen in Brand stecken wollten. Wir träumten von nicht weniger als einer geistlichen Revolution. Wir waren schrill, bunt und laut. Unsere Soundtracks von harten E-Gitarren-Riffs getragen. Wir waren wechselhaft, überheblich und naiv. So scheiße naiv. Doch unsere Herzen waren aufrichtig; unsere Formen authentisch. Jesus Freaks halt. Es war die Zeit, in der wir irgendwie unsterblich waren. Eine Zeit, von der wir glaubten, sie würde nie zu Ende gehen. Doch schneller, als uns lieb war, war sie vorbei. Noch heute blicke ich manches Mal in Wehmut zurück.

„I need your healing hands
to be laid on this land,
just to make it fruitful,
so that I can stand.“

Ich bemerke, dass ich dieses fast schon vergessene Lied angefangen habe zu singen. Links und rechts von uns Felder, soweit das Auge reicht. Pralle Ähren schaukeln im milden Abendwind. Meine Tochter hat ihre Äuglein geschlossen. Von irgendwoher hallt das rhythmische Klappern einer S-Bahn, die über Schienen gleitet. Die Schatten werden länger. Das Gold der Sonne verblast. Vögel steigen in den Himmel empor und ziehen weite Kreise. Und mit einem Mal wird mir bewusst, dass die gesamte Schöpfung um mich herum schon längst in dieses fast vergessene Lied mit einstimmt…

„I give praise
to the king of kings.
I bow down
before you, Lord.
You forgive my sins.

Daddy,
turn me upside down,
I change my life
for you.
In your presence
I go mad,
Jesus,
I love you!“

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(Das zitierte Lied heißt “I surrender” und stammt aus der Feder von Kristian “Kuky” Reschke. Wollt Ihr mehr über Kuky erfahren, schaut doch mal hier vorbei: https://kristianreschke.wordpress.com/about/)

Die Zeit der Ernte

In einer Zeit, als eine fast schon vergessen geglaubte Kälte sich in die Morgenstunden schlich … als die Sonne in den Abendstunden die wundervollsten Gemälde an den Himmel zu malen begann … als die Tage langsam kürzer wurden …

… Da fingen sie wieder an, ihre Netze zu weben. Die Spinnen, die das Kreuz tragen. Diese lautlosen Weberinnen aus dem Verborgenen. Sie spannten ihre Netze auf zwischen den Zeiten. Und dort verharrten sie. Um am Abend die letzten warmen Sonnenstrahlen einzusammeln. Und am Morgen die ersten kühlen Tropfen des Raureifs.

Wie stumme Herolde verkünden sie seither unermüdlich: Ein Jegliches hat seine Zeit gehabt! Die Zeit des Aussäens. Die Zeit des Wachsens. Die Zeit des Reifens.

Und es war der Sommer, der sein Übriges dazugetan hatte. Er hatte mit seinem Leben und seinem Überfluss verwöhnt. Seine Sonnenstrahlen waren kraftvoll und warm gewesen. Seine Regenschauer mild und ausgiebig. Was ausgesät war, wuchs. Was gewachsen war, reifte. Was gereift war, brachte Frucht.

Doch jetzt verkünden die Spinnen, die das Kreuz tragen, dass die Zeit der Ernte anbricht. Während die Kraft des Sommers allmählich schwindet, gilt es, seinen Ertrag einzufahren.

Und voller Dank im Herzen auf eine reichhaltige Ernte zu blicken. Dankbarkeit. Für das, was zurückliegt. Für das, was die Zeit gebar. Und Hoffnung. Für das, was vor uns liegt. Für das, was da kommen mag.

Denn die Spinnen, die das Kreuz tragen, weisen auch weit über sich selbst hinaus. Auf eine Zeit, in der die Felder brachliegen werden. In der nicht mehr gesät und nicht mehr geerntet werden wird. In der uns nur das nähren wird, was wir irgendwann einmal geerntet haben. Eine Zeit, in der auch sie nicht mehr sein werden: Die Spinnen, die das Kreuz tragen…