Ideal und Spiegelbild

„Letzte Nacht hat mich der Mond gefragt,
ob ich glücklich bin.
Als ob man dazu mal kurz was sagen kann,
als ob es so einfach ist.

Ich habe ihn ganz cool ignoriert
und die Sterne angeschaut.
Aber irgendwie hat mir der Mond da schon
die Stimmung voll versaut.

Ich wollte nur träumen
und einfach so dastehen,
doch dann musste ich vor Hunger
in die Küche gehen.

Da hat der Kühlschrank
mich dann prompt gefragt,
ob ich glücklich bin…“

Ich blickte in den Spiegel. Doch ich erkannte mich nicht mehr. Die Person, die mir da gegenüberstand, war mir seltsam fremd geworden. Ich schaute in die zahllosen Spiegel um mich herum. Doch das, was auf mich zurückgeworfen wurde, ließ sich nicht mehr in Einklang bringen mit dem, wie ich mich selber sah.

Ich war davon überzeugt gewesen, „es“ begriffen zu haben. Schließlich hatte ich mein Leben lang so viel dafür getan. Und noch viel mehr darüber gelesen. Doch nun realisierte ich in beinahe jedem Augenblick, dass da eine riesige Lücke klaffte. Eine Lücke zwischen meinem Ideal und dem was ist.

Irgendwann hatte ich mich entschieden zu bloggen. Ich wollte erzählen von meiner großen Sehnsucht. Ich wollte erzählen von den Momenten, die für einen Augenblick den Schleier wegrissen hatten. Momente, die mich hatten davon kosten lassen, dass ich auf einer tiefen Ebene verbunden bin mit allem, was ist. Eins mit dem, was die Menschen seit jeher mit Begriffen wie „Gott“ zu umschreiben versuchen. Momente, die mich in meinem Inneren so unendlich tief angerührt hatten. Ich wollte erzählen von den großen spirituellen Weisheitslinien, die ich überall zu entdecken begann: In der Mystik, in den alten Initiationsriten, im Freimaurertum, in den archetypischen Erzählungen und Bildern der Menschheit, in Symbolen, Ritualen, Tempeln und Kirchen, in der Natur und schlussendlich in jedem Menschen selbst.

Und so begann ich zu erzählen. Ich erzählte von Toleranz und wurde immer absoluter. Ich erzählte von Stille und wurde immer lauter und unsteter. Ich erzählte vom Loslassen und verkrampfte zusehends vom ganzen Festhalten. Ich erzählte von Liebe und wurde immer egozentrierter. Ich erzählte von Empathie und wurde immer kälter. Rastlosigkeit, Wechselhaftigkeit und Oberflächlichkeit wurden meine ständigen Begleiter. Angst umgarnte mich und sog mich langsam in sich auf. Und dann war da diese ständige Wut in mir. Wut, die immer häufiger danach verlangte, sich zu entladen.

Und schließlich stellte mir das Leben die Frage: „Wer bist Du, Hagen? Wer bist Du, dass Du Dir anmaßt, hier als Lehrer aufzutreten? Wer bist Du?“

Ja, wer bin ich denn eigentlich? Die zahllosen Beschreibungen die ich mir im Laufe der Zeit angeeignet habe, kommen an ihre Grenzen. Bin ich Freimaurer? Bin ich kontemplativer Christ, keltischer Christ? Bin ich ein initiierter Mann? Bin ich Ehemann und Vater? Bin ich eine „kontraphobische 6“ gemäß dem Enneagramm, schizoid-zwanghaft gemäß der Grundtypen der Angst von Fritz Riemann, Krieger-Priester gemäß der Lehre von den Archetypen? Alle diese Beschreibungen mögen ihre Berechtigung haben. Und doch sind sie alle zu klein. Zu unvollständig. Zu beschränkend. Zu verkopft. Auch mein Spiegelbild vermag mir diese Frage nicht mehr zu beantworten.

Also werde ich von nun an für eine Weile den Stift aus der Hand legen. Ich werde mir Zeit nehmen, hinzuhören. Ich werde mir Zeit nehmen, hinzuschauen. Die Dinge sollen sich wieder setzen und entfalten dürfen. Sie sollen wieder sein dürfen. Ohne dass ich sie auf meinem Blog gleich beschreiben, einordnen und preisgeben muss. Und wenn die Zeit gekommen ist, werde ich zurückkehren. Dann werde ich den Stift wieder in die Hand nehmen. Ein Jegliches hat seine Zeit. Erzählen hat seine Zeit. Schweigen hat seine Zeit. Es geschehe also…

(Eingangstext von: Die Toten Hosen,
aus: „Der Mond, der Kühlschrank und ich“)

#Gedanke: Seinsgrund

„Es genügt,
dass man sich ausliefert.
Sich auszuliefern heißt,
dass man sich dem Grund
des eigenen Seins übergibt.

Lass Dich nicht von dem Wahn blenden,
dieser Grund sei irgendein äußerer Gott.
Dein Ursprung
ist in Dir selbst.

Ergib Dich ihm.
Das bedeutet,
dass Du den Ursprung suchen
und mit ihm eins werden musst.“

(Ramana Maharshi)

Wörter und Götter und so

NICHTS NEUES UNTER DER SONNE?

Im Januar 2018 erschien das Buch „Wörter machen Götter“ des Freimaurers Klaus-Jürgen Grün. Ein Buch, in dem er Stellung bezieht. Nicht nur für ein humanistisch atheistisch geprägtes Freimaurertum. Sondern auch explizit gegen den christlichen Freimaurerorden (Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland – GLLvD). Ein Buch, das polarisiert und innerhalb des deutschen Freimaurertums für verbitterte Auseinandersetzungen und Anfeindungen gesorgt hat.

Bruder Grün gehört der vorwiegend humanistisch ausgerichteten freimaurerischen Richtung der „Alten freien und angenommenen Maurer von Deutschland“ (AfuaM) an. Bereits in der Vergangenheit hat er Veröffentlichungen verschiedenster Art herausgebracht, die sich von einem humanistischen Standpunkt aus kritisch mit den Fragen der Religion und des Gottesglaubens auseinandersetzen. Nur konsequent stellt er auch die esoterisch spirituellen Bezüge im Lehr-, Symbol- und Ritualgebäude der ersten drei Johannisgrade des Freimaurertums in Frage. Folgerichtig hinterfragt er dasselbe in den unterschiedlichen Systemen der (Hoch-) Grade, die auf die ersten drei Johannisgrade folgen (können). Denn in diesen werden regelhaft die esoterisch spirituellen Aspekte des Freimaurertums aufgegriffen, vertieft und erweitert.

Die Auseinandersetzungen, ob der freimaurerische Weg einen wie auch immer gearteten Gottesbezug benötigt und ob Symbol und Ritual des Freimaurertums immer auch eine esoterisch spirituelle Dimension innewohnen muss, sind so alt wie das Freimaurertum selbst. Auch heute werden sie geführt. Viel zu häufig. Gerne auch voller Inbrunst. Und nicht selten kräftig unter die Gürtellinie (siehe hier).

Ich selbst habe mich auf meinem Blog zu diesem Thema klar positioniert (siehe hier). Doch ich habe auch die freimaurerischen Standpunkte, die konträr zu den meinen stehen, als gleich-berechtigt auf meinem Blog zugelassen (siehe hier und hier).

Das Streitthema, zu dem Bruder Klaus-Jürgen Grün sich äußert, ist also kein neues. Und auch sein Werk „Wörter machen Götter“ ist nicht seine erste Verlautbarung dazu. Warum also hat es nun solch einen Wirbel ausgelöst und so viel Unfrieden in das deutsche Freimaurertum getragen?

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich selbst habe das Buch von Bruder Grün nicht gelesen. Doch kenne ich mittlerweile seitenweise Zitate daraus und habe auch mehrere Rezensionen gelesen. Das langt nicht, um fundiert inhaltlich zu diskutieren. Aber es langt, um mir ein Bild über den Stil dieses Buches zu machen. Und um Fragen zu stellen…

POTENTIAL DER VERLETZUNG

Ich glaube, das, was am schwersten an dem Buch von Bruder Grün wiegt, ist, dass er dem gesamten christlichen Freimaurerorden pauschal jegliche Regularität abspricht. Dies tut er mit einer Absolutheit und einer Vehemenz, die jeden Andersdenkenden automatisch ausgrenzt. Und damit verlässt er die Ebene der gleichberechtigten Begegnung und des gleichberechtigten Austausches. Er stellt ein Über-Unter-Verhältnis her. Dadurch schafft er die gleiche Ausgangssituation, wie sie religiöse Fundamentalisten gegenüber Ungläubigen schaffen. Auf der einen Seite steht der „Gläubige“, der im Besitz der „absoluten Wahrheit“ über etwas ist. Und auf der anderen Seite steht der „Ungläubige“, der einen großen Makel hat, so lange er diese Wahrheit nicht vollständig übernommen hat. Das treibt Bruder Klaus-Jürgen Grün so weit, sich sogar anzumaßen, selber besser beurteilen zu können, wie der einzelne Ordensfreimaurer das eigene Ordensritual und den Begriff des „Dreifach großen Baumeisters“ zu verstehen und für sich auszufüllen und zu leben hat.

Weiter wählt er bezogen auf den Freimaurerorden eine Wortwahl, die vor allem dazu geeignet ist, die Gefühle religiöser Menschen zu verletzen. Und auch so manche Schlussfolgerung, die er bezüglich des Freimaurerordens zieht, ist bestenfalls plakativ und provozierend; schlimmstenfalls aber irgendwo zwischen übler Nachrede und Rufmord anzusiedeln.

So überrascht es nicht, dass mir einiges, was ich aus diesem Buch las, tiefe und schmerzhafte Stiche versetzt hat. Es verlangte mir einiges an Impulskontrolle ab, mich nicht ebenfalls mit wehenden Fahnen und gewetzten Messern in die entflammten Kontroversen zu stürzen.

Eine bittere Erkenntnis, die mir die ganzen vorangegangenen Auseinandersetzungen um Gott und Spiritualität innerhalb des Freimaurertums gebracht hatten, war, dass Fundamentalismus kein Merkmal ist, das sich nur in den Religionen finden lässt. Viel zu oft hatte ich erleben müssen, dass humanistische und atheistische Brüder dieselben Argumentationsweisen, denselben Absolutheitsanspruch und dieselbe Toleranzfähigkeit an den Tag legten wie religiöse Fundamentalisten. In diesen Fällen war lediglich das religiöse Dogma durch ein nichtreligiöses ersetzt worden. Und das Buch von Bruder Grün setzt leider ein dickes Ausrufezeichen hinter diese Beobachtung.

Wie es scheint sind auch die „Vereinigten Großlogen von Deutschland“ (VGL) zu einer ganz ähnlichen Einschätzung über dieses Buch gekommen. In der VGL haben sich die fünf eigenständigen Großlogen, die die Johannisgrade auf deutschem Boden bearbeiten, zusammengefunden. Unter anderem auch die Großloge AfuaM und der christliche Freimaurerorden. Und der Senat der VGL – in dem die Großloge AfuaM aus Proportsgründen die Mehrheit stellt – hat das Buch einstimmig als „Hetzschrift“ eingeordnet.

AUS DER GESCHICHTE NICHTS GELERNT?

Das letzte Mal, dass eine freimaurerische Richtung einer anderen freimaurerischen Richtung die Rechtmäßigkeit in derart massiver Weise abgesprochen hat, war in den Zeiten des aufstrebenden Nationalsozialismus. Doch damals war es genau umgekehrt. Damals war es der christliche Freimaurerorden, der seinen humanistischen Brüdern die Existenzberechtigung absprach. Dies geschah auch, um sich dem Nationalsozialismus bis zur Aufgabe der eigenen Identität anzubiedern.

Das Ende vom Lied ist hinlänglich bekannt. Wenn überhaupt, dann lieferte das Verhalten des Freimaurerordens lediglich den Feinden des gesamten Freimaurertums Munition. Und schlussendlich wurden alle Richtungen des Freimaurertums verboten und verfolgt.

Meinem Verständnis nach ist der christliche Freimaurerorden damals seinen humanistischen Brüdern gegenüber schuldig geworden. Inwiefern dies aufgearbeitet worden ist und eine Aussöhnung stattgefunden hat, kann ich (noch) nicht abschließend beurteilen.

Doch dieses freimaurerische Kapitel hat mich sensibilisiert für die Verantwortung, die jeder einzelne Freimaurer für das trägt, was er öffentlich von sich gibt. Das gilt ganz besonders für die heutige Zeit, in der am rechten politischen Rand und in Reihen konservativ dogmatischer Christen wieder die wirrsten Verschwörungstheorien entstehen und verbreitet werden, woran „die Freimaurer“ denn so alles Schuld seien. Bruder Klaus-Jürgen Grün war sich seiner Verantwortung offenbar nicht bewusst, als er sein Buch schrieb.

TRENNENDES UND VERBINDENDES

Manchmal habe ich den Eindruck, es gibt für Menschen nur zwei grundsätzliche Arten, miteinander umzugehen. So kann man entweder betonen, was einen verbindet. Oder man kann betonen, was einen trennt. Was für die Menschheit im Allgemeinen gilt, gilt für die Bruderschaft der Freimaurer im Besonderen.

Und von dem Moment an, wo Dogmatismus Spiel kommt, wird immer das Trennende betont. Denn Dogmatismus geht von einer „feststehenden Definition oder einer grundlegenden, normativen Lehraussage“ aus, „deren Wahrheitsanspruch als unumstößlich festgestellt wird“ (vergleiche Wikipedia). Das bringt mit sich, dass jede Anschauung und jeder Mensch, der mit dieser Lehraussage nicht konform geht, ausgegrenzt wird.

Bruder Grün spricht mit seinem Buch ganz klar die Sprache eines Dogmatikers. Er betont das Trennende. Und absolutiert diesen Standpunkt. Er stellt sein Dogma über brüderliche Begegnung. Ebenso gut hätte er ein Buch darüber schreiben können, was das christliche und das humanistische Freimaurertum verbindet. Dieses Buch wäre wahrscheinlich um einiges länger und umfangreicher geworden. Stattdessen ergießt er sich darin zu betonen, was beide Lager voneinander trennt.

Und er sieht in diesen Unterschieden nichts, was bereichert oder im positiven Sinne herausfordert. Sondern nur etwas, was ausgelöscht gehört. Das zeigt, dass er von einer Art gleichgeschalteter Einheitsfreimaurerei auszugeht. Und in dieser hat nur Platz, wer einer humanistisch atheistischen Überzeugung anhängt, wie Bruder Klaus-Jürgen Grün sie definiert.

VIELFALT UND VERWURZELUNG

Das ist wahrscheinlich der Punkt, an dem ich am weitesten mit ihm auseinanderliege. Für mich sind die unterschiedlichen und bisweilen auch gegensätzlichen Facetten, die sich im Freimaurertum wiederfinden, eine der größten Stärken dieser Bruderschaft. Für mich ergänzen und bereichern diese sich gegenseitig.

Denn das, was diese unterschiedlichen Brüder miteinander verbindet, ist das Erleben des freimaurerischen Rituals und der freimaurerischen Symbolik. Und dies verbindet auf einer viel tieferen Ebene, als dass der Buchstabe des Dogmas jemals dringen könnte. Das ist meines Erachtens das „berühmte“ freimaurerische Geheimnis.

Aus diesem Grund bin ich gerne bereit, die Spannungen, die diese freimaurerische Vielfalt mit sich bringt, auszuhalten und mitzutragen. Und mit dieser inneren Haltung begegne ich auch den freimaurerischen Brüdern, die mir – wie Bruder Grün – absprechen, ihr Bruder zu sein. Natürlich erfordert dies ein hohes Maß an Ausdauer und Leidensfähigkeit und auch eine gewisse Frustrationstoleranz. Aber die Begegnungen und der Austausch, die es mit sich bringt, wiegen das allemal auf.

Wahrscheinlich wäre es sehr viel einfacher, mich in meiner eigenen freimaurerischen Wagenburg zu verschanzen und alles zu bekämpfen, was meine kleine, heile Welt in Frage stellt. Es wäre der Weg des geringsten Widerstands. Der Weg, den Bruder Klaus-Jürgen Grün mit seinem Buch gewählt hat. Aber dieser Weg ist eben nicht meiner.

Nur um eines ganz klar zu sagen: Dieses bewusste Aushalten und Annehmen der Spannungen zwischen den unterschiedlichen freimaurerischen Richtungen hat nichts mit Beliebigkeit, Gleichgültigkeit oder Ignoranz zu tun. Natürlich habe ich eine ganz klare Verwurzelung in der Lehrart des christlichen Freimaurerordens. Und diese Verwurzelung ist bewusst gewählt. Ich kann sie begründen und ich schätze sie. Trotzdem sehe ich in den anderen Lehrarten keine Bedrohung für meinen eigenen freimaurerischen Weg. Sondern etwas, das meinen Weg ergänzt, bereichert und im positiven Sinne herausfordert. In dem Freimaurertum, für das ich stehe, haben Atheisten ebenso Platz wie Gottesgläubige, die unterschiedlichen Agnostiker ebenso wie ganze Bandbreite der spirituell Suchenden, Gnostiker und Mystiker. Und so weiter. Der viel zitierte Satz „Einheit in Vielfalt“ ist für mich keine hohle Phrase, sondern gelebte Wirklichkeit.

Und dieser Satz findet für mich organisatorischen Ausdruck in der VGL. Meines Erachtens tut es dem christlichen Freimaurerorden und der Großloge AfuaM nur gut, durch diesen Dachverband in regelmäßiger Kommunikation zu stehen und sich immer wieder miteinander auseinandersetzen zu müssen. Ohne die VGL bestünde die Gefahr, dass beide Großlogen zu sehr in ihrem eigenen Saft schmoren.

BLUTENDE WUNDEN UND OFFENE FRAGEN

Mein Bruder und Freund René Schon meinte zu mir, dass Bruder Grün in seinem Buch interessante und schlüssige Thesen in Bezug auf die Gottesfrage bringt. Das stelle ich nicht in Abrede. Ich las an verschiedener Stelle, dass Bruder Klaus-Jürgen Grün ein „brillanter Geist“ sein soll. Doch ein Buch ist grundsätzlich nicht nur nach seinem Inhalt zu bewerten, sondern auch nach seinen Auswirkungen.

Und diese sind überwiegend destruktiver Natur. Denn dieses Buch hat schmerzhafte Kreisläufe der gegenseitigen Verletzungen angestoßen. Es hat Gräben gerissen zwischen Menschen, die sich als Brüder begegnen sollten. Es hat die „freimaurerische Ökumene“ um Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte, zurückgeworfen. Die Wunden, die es gerissen hat, werden noch lange bluten. Und die Narben wird man noch wesentlich länger sehen.

Für mich bleibt die Frage, welche Absicht Bruder Grün verfolgt hat. Er bringt ein Buch heraus, das von seinem Inhalt und von seiner Machart her geeignet ist, maximalen Flurschaden innerhalb des deutschen Freimaurertums anzurichten. Welche Folgen dieses Werk haben wird, muss ihm vorher bewusst gewesen sein. Schließlich ist er lange genug Freimaurer und kennt die unterschiedlichen Richtungen gut genug, um das abschätzen zu können.

War es seine Absicht, möglichst viele Brüder, die er unmöglich alle persönlich kennen konnte – Brüder wie mich -, stumpf zu verletzen? Oder suchte er den Skandal, um gute Verkaufszahlen zu generieren? Oder nutzt er das Buch, um eine persönliche Fehde auszutragen? Glaubt er tatsächlich, dass seine destruktive Art und Weise geeignet ist, das deutsche Freimaurertum in seine Richtung zu verändern? Wollte er nur einen Impuls setzen, der ihm letztendlich komplett entglitten ist? Oder wollte er den Bruch zwischen dem christlichen Freimaurerorden und der Großloge AfuaM herbeizuführen; mit dem Ziel, dass einer oder sogar beide die VGL verlassen?

Egal, was die Motive von Bruder Klaus-Jürgen Grün auch gewesen sein mögen, der Kollateralschaden, den dieses Buch mit sich bringt, steht in keinem Verhältnis zu dem Nutzen, den es haben könnte. Es zeigt sich wieder mal: Der Zweck heiligt nicht die Mittel.

#Gedanke: Wesen der Mysterienbünde

„Mir scheint, dass alle Mysterienbünde
mit mehr oder weniger Konsequenz darauf ausgehen,
den Gegensatz zwischen Transzendenz und Immanenz aufzuheben.

Der Myste erkennt diesen Gegensatz nicht mehr an,
die Überwindung, Erhöhung, Vergottung
besteht zu einem guten Teil darin,
dass dieser Gegensatz als bedeutungslos und wesenlos erlebt wird.
Das Wunder wird Natur,
der Glaube wird schauen.

Es handelt sich hier also nur um Vorgänge im Menschen,
in ihm vollzieht sich etwas,
was er nicht anders ausdrücken kann, als durch Umschreibungen wie:
Er wird Bürger einer höheren Welt,
er steigt in reinere Sphären auf,
er wird eins mit Gott.“

(August Horneffer)

Ist das die viel gerühmte freimaurerische Toleranz?

MAL WIEDER

Wie die Kesselflicker stritten sie untereinander. Freimaurer. In irgendeinem Online-Forum. Mal wieder. Es ging um die immer gleiche Frage: „Verträgt sich die Idee eines wie auch immer gearteten Gottes mit dem freimaurerischen Weg?“ „Oder ist sie sogar die Grundvoraussetzung für diesen Weg?“ Es ging kräftig unter die Gürtellinie. „Brüder“ aus unterschiedlichen Lehrarten fielen verbal über einander her. Und zerfleischten sich gegenseitig. In herablassender und überheblicher Weise wurde die „Rechtmäßigkeit“ des anderen in Frage gestellt. Und mit Füßen getreten. Mal wieder. Wenn das Brüderlichkeit bedeutet, will ich nicht wissen, wie Feindschaft aussieht…

Diese Art der Auseinandersetzungen hinterlassen Verwundungen. Und so habe ich in den Jahren, in denen ich nun schon ich Freimaurer bin, zu viele Freimaurer-Brüder kennengelernt, deren Idealismus an solchen Auseinandersetzungen zu zerbrechen drohte. Zu viele aufrichtige Freimaurer, die ernsthaft mit dem Gedanken gerungen haben, dieser Bruderschaft für immer den Rücken zu kehren. Wie bitter.

IDEALE?

Dabei trägt die Bruderschaft der Freimaurer doch so blumige und erhabene Werte wie „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität“ vor sich her. Stoisch, stolz, stur. Und gerade die Toleranz wird immer ganz besonders hoch aufgehängt. Hehre Ideale? Oder durch die Jahrhunderte ausgehöhlte Worthülsen?

Grundsätzlich bietet das Freimaurertum das ideale Übungsfeld, um solche Werte wie „Toleranz“ zu leben. Sollte man zumindest meinen. Denn im Freimaurertum kommen zwar sehr unterschiedliche, bisweilen auch gegensätzliche Strömungen zusammen. Das bürgt zunächst einmal ein enormes Spannungspotential in sich. Doch das, was die Bruderschaft der Freimaurer eint, sind Ritual und Symbolik. Beides kann sich natürlich je nach freimaurerischer Richtung deutlich voneinander unterscheiden. Doch Symbol und Ritual zielen auf ein emotional-intuitives Erleben ab. Und eben dieses Erleben sollte Verbindung genug sein, dass Freimaurer-Brüder aus unterschiedlichen Richtungen sich wertschätzend und auf Augenhöhe begegnen können.

INTOLERANZ DURCH DOGMATISMUS

Und in meinem direkten Umfeld habe ich auch viele Freimaurer kennen- und schätzen lernen dürfen, die aufrichtig darum ringen, Werte wie Toleranz in ihrem alltäglichen Leben auch zu praktizieren. Doch zu oft habe ich auch die andere Seite kennenlernen müssen, die der Bruderschaft der Freimaurer ebenfalls ausgeprägt innewohnt: Intoleranz durch Dogmatismus.

Laut Wikipedia versteht man unter einem Dogma „eine feststehende Definition oder eine grundlegende, normative Lehraussage, deren Wahrheitsanspruch als unumstößlich festgestellt wird“. Als Dogmatismus würde ich folglich das offensive Vertreten und Verbreiten eben dieses Dogmas beschreiben.

Meine Erfahrung ist: Dogmatismus bezieht sich ausdrücklich nicht nur auf religiöse Ansichten. Sondern ebenso auf nicht-religiöse und auf antireligiöse. Es ist einer der größten blinden Flecken von Humanismus und Atheismus, bei Dogmatismus mit dem Finger immer nur auf die Religion zu zeigen. Entscheidend ist nicht, welchen Standpunkt man vertritt, sondern wie man ihn vertritt.

Denn dieses widerliche Drecksvieh Dogmatismus trägt viele Masken. Es hat sich eingenistet in einer dualistischen Weltsicht, die alles in „Richtig und Falsch“, „Gut und Böse“, „Schwarz und Weiß“ kategorisiert. Und es fühlt sich am sichersten, wenn es alles, was nicht dieser Weltsicht entspricht, herabwürdigen, bekämpfen und bestenfalls gänzlich vernichten kann. Keine Lehre, keine Anschauung, die dafür nicht anfällig wäre. Da bildet das Freimaurertum leider keine Ausnahme.

Und Dogmatismus bringt immer Intoleranz mit sich. Egal, um welche Anschauung es auch geht. Wird eine einzelne Anschauung absolutiert, wird automatisch jede andere Anschauung herabgewürdigt. Und damit auch der Mensch, der ihr anhängt.

FREIMAURERISCHES GEHEIMNIS

Dabei sind doch das freimaurerische Ritual, die freimaurerische Symbolik und auch jegliche freimaurerische Lehraussage bestenfalls mit einer Tür zu vergleichen. Das, was den Wesenskern des Freimaurertums lehrartsübergreifend ausmacht, liegt hinter dieser Tür. Die Tür ist lediglich der Zugang. Und somit ausschließlich Mittel zum Zweck. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Das Problem ist, dass einige Freimaurer-Brüder diese Tür als absolut hinstellen. Sie bleiben vor oder in ihr stehen. Und verlieren sich darin, zu definieren, wie diese Tür auszusehen hat. Und als ob das nicht schon genug wäre, wird auch noch jeder angegriffen oder in Frage gestellt, der diese Tür anders wahrnimmt.

Doch das, was das Freimaurertum ausmacht, ist nicht diese Tür, sondern das Mysterium, das sich hinter dieser Tür verbirgt. Es ist das, was ich immer mehr schlecht als recht als das „Große Mysterium des Lebens“ zu umschreiben versuche. Und dieses Mysterium ist zu groß, zu umfassend und zu unfassbar, als dass man es mit dem Verstand begreifen, mit Worten beschreiben oder es gar dogmatisch definieren könnte. Es ist zu fragil und zu wundervoll, als dass man dogmatische Auseinandersetzungen darüber führen könnte oder sollte. Dieses Mysterium kann nur erlebt werden. Und dieses Erleben ist das eigentliche Geheimnis, der eigentliche Schatz des Freimaurertums. Doch diesen Schatz wird niemals heben, wer nicht über den Buchstaben der Lehrmeinung hinauswächst.

Und ich denke, es versteht sich von selbst, dass das Freimaurertum nur ein Zugang unter vielen zum Erleben dieses Mysteriums ist. Das wiederum macht diese kleinkarierten freimaurerischen Streitigkeiten noch lächerlicher, substanzloser und irrelevanter.

EINHEIT IN VIELFALT

Ich persönlich erlebe es jedes Mal als eine unheimliche Bereicherung, wenn ich Freimaurer-Brüder aus anderen Lehrarten kennenlerne, denen ich abspüre, dass sie durch die freimaurerische Symbolik und das freimaurerische Ritual mit eben diesem Großen Mysterium des Lebens in Berührung gekommen sind. Denn bei den Begegnungen mit diesen Brüdern geht es nicht mehr um die wahre Lehre oder die richtige Definition. Vielmehr findet ein Begegnen auf einer Ebene statt, die viel tiefer geht, als die verstandesgemäße. Und der Freimaurer-Bruder der anderen Lehrart stellt dann nicht mehr eine Gefahr für meinen eigenen Weg dar. Sondern er ist jemand, von dem ich lernen kann.

Das heißt im Umkehrschluss nicht, dass ich mir meiner eigenen freimaurerischen Verwurzelung nicht bewusst wäre. Oder dass ich diese aufgebe. Ganz im Gegenteil. Bewusst habe ich mich für die christlich-spirituelle Richtung des Freimaurertums entschieden und nicht für die wesentlich größere, vorwiegend humanistisch geprägte. Und je tiefer ich in das Ritual und die Symbolik des Christlichen Freimaurerordens eintauche, desto mehr bestätigt mich das in meiner Entscheidung.

Von einer klaren Verwurzelung aus kann ich auf die anderen Richtungen des Freimaurertums zugehen und mich auf sie einlassen. Ich kann diese als gleich-berechtigt und gleich-wertvoll würdigen. Und ich bin offen dafür, dass diese meinen eigenen freimaurerischen Weg bereichern können. Das alles aber, ohne mich und meinen eigenen Weg zu verleugnen. Genau das ist gelebte Toleranz für mich. Denn Toleranz bedeutet nicht Gleichgültigkeit oder Beliebigkeit. Toleranz findet für mich seinen Ausdruck in dem oft strapazierten Satz. „Einheit durch Vielfalt“. Und dieser setzt eine klare Verortung und ein offenes Herz voraus.

EPILOG: TOLERANZ AUF FREIMAURERGEDANKEN.COM

Nach der eingangs geschilderten Auseinandersetzung kamen der freimaurerische Blogger Rene Schon und ich mal wieder in den Austausch. Wir sind beide Mitglieder des besagten Online-Forums. Und wir hatten beide das zweifelhafte Vergnügen, diese leidliche Auseinandersetzung live miterleben zu dürfen.

Rene Schon geht den freimaurerischen Weg als bekennender Atheist. Und damit stellt er sozusagen den kompletten Gegenentwurf zu mir dar. Über das Bloggen haben wir uns kennen und schätzen gelernt. Rene hilft mir zu verstehen, wie Freimaurer, die an keine wie auch immer geartete Göttlichkeit glauben, Zugang zur freimaurerischen Symbolik und zum freimaurerischen Ritual finden. Und so hat sich über alle zeitliche und örtliche Distanz hinweg über das brüderliche Verhältnis hinaus auch eine Freundschaft entwickelt.

Besagte Auseinandersetzung ließ bei uns beiden einen ganz faden Beigeschmack zurück. Irgendetwas zwischen Frustration und Resignation. Es schrie förmlich danach, niedergeschrieben zu werden. Und so näherte sich Rene diesem Thema aus seiner humanistisch geprägten freimaurerischen Perspektive an und ich aus meiner christlich-spirituellen geprägten.

Ich möchte Euch Renes Artikel zum Thema Toleranz ebenso ans Herz legen. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich seine Perspektive und meine Perspektive gegenseitig ergänzen und vervollständigen. Doch lest selbst: https://freimaurergedanken.com/2017/11/15/freizeit-toleranz/