Was macht das Freimaurer-Sein aus?

1. TEIL DER SERIE: „FREIMAUREREI ALS LEBENSEINSTELLUNG“ (GASTBEITRAG)

Was bleibt vom Freimaurertum? Wenn man diese ganzen freimaurerischen Äußerlichkeiten, die Ämter und Grade, die Hierarchien und Institutionen, die Etikette und das Elitäre und den ganzen Habitus, der daraus erwächst, wegnimmt, was bleibt dann noch vom Freimaurertum übrig? Was ist die freimaurerische Lebenseinstellung, der freimaurerische Lebensweg hinter alledem? Was am Freimaurertum hat Bestand, wenn man hinter dessen äußere Fassaden blickt? Seit einigen Monaten begleiten mich ebendiese Fragen. Und ich habe keine abschließende Antwort darauf.

Daher wuchs die Idee in mir, ganz unterschiedliche Feimaurerinnen und Freimaurer zu bitten, ihre Antworten zu diesen Fragen aufzuschreiben und auf meinem Blog zu veröffentlichen. Sie alle eint, dass ich sie als tiefgründig und inspirierend erlebe. Einige von ihnen kenne ich aus meinem tagtäglichen Leben, mit anderen wiederum habe ich mich bislang nur virtuell ausgetauscht. Zu einigen verbinden mich tiefe geschwisterlich freundschaftliche Beziehungen, andere erlebe ich aus der Ferne. Doch ich bin sehr gespannt, was sie dazu zu sagen haben. Über das Jahr verteilt will ich ihre Antworten auf diese Fragen nach und nach auf meinem Blog einstreuen.

Den Anfang dieser Serie macht ein Freund und Freimaurer-Bruder aus meinem persönlichen Umfeld, dem ich mich spirituell auf tiefe Weise verbunden weiß. Im April 2000 war er in die erste Erkenntnisstufe des christlichen Freimaurerordens aufgenommen worden und befindet sich mittlerweile seit einigen Jahren in der zehnten Erkenntnisstufe. Darüber hinaus möchte er keine weiteren Informationen über sich preisgeben. Ein Wunsch, den ich respektiere und dem gerne nachkomme.

WAS MACHT DAS FREIMAURER-SEIN AUS?

Die kleine Geschichte soll ein Einstieg sein:
Ein Mann blieb bei regnerischer Nacht mit seinem Auto liegen. Ein anderer hielt und nahm ihn mit zu sich nach Hause, organisierte den Transport des Autos in eine Werkstatt und gewährte dem Liegenbleiber kostenlos Logis bis zur Reparatur des Autos. Sie hatten viele und gute Gespräche. Dabei stellten sie fest, dass sie beide Freimaurer waren. Zum Abschied fragte der unfreiwillige Gast seinen Gastgeber: „Hast du das alles für mich getan, weil ich Freimaurer bin?“ Die Antwort: „Nein, ich habe das getan, weil ich Freimaurer bin.“

Der Weg des Freimaurers leistet im wesentlichen dreierlei:
1. unterstützt er die persönliche Entwicklung jedes einzelnen
2. bietet er im Leben Orientierung, einen Kompass für das eigene Verhalten
3. ist er darauf angelegt, dass man diesen Weg in Gemeinschaft geht.
Die beiden ersten Aspekte werden aus drei Wurzeln gespeist:
– eine historische
– eine ethische
– eine spirituelle Komponente
Nicht nur bei den einzelnen Lehrarten sind diese Aspekte unterschiedlich gewichtet, sondern auch jeder einzelne Bruder wird aus diesen Quellen in unterschiedlichen Anteilen schöpfen.

Was ist damit gemeint? Lessing hat geschrieben: „Freimaurerei war immer“. Ähnliche Rituale wie bei uns finden sich in vielen zum Teil uralten Einweihungszeremonien. Unsere Gebräuche speisen sich aus Quellen, die schon im alten Ägypten und noch früher praktiziert wurden. Freimaurer, die sich gerne in der Linie unserer Vorfahren verorten, betonen, dass die Tempelritter und auch der Benedektinerorden über das gleiche Wissen verfügten, wie die moderne Freimaurerei. Es gibt eine Linie von den Tempelrittern über die Bauhütten der Gotik bis hin zu unseren Ritualen. Allerdings ist diese Linie meines Erachtens wissenschaftlich noch nicht abschliessend belegt.

In jedem Fall spürt der sich an der Historie orientierende Bruder sich einer größeren Kraft verbunden. Aus der Gewissheit, in einer guten Tradition zu stehen, bekommt er Vorbilder. Seien es die Gebräuche der Tempelritter oder die großen Geister, die auch Freimaurer waren: zum Beispiel Goethe, Mozart oder auch preußische und österreichische Kaiser.

Zum zweiten erhält der Bruder ethische Leitlinien für sein Leben und hat damit Entscheidungshilfen und Verhaltensklarheit. Zum Beispiel durch die Tugenden, die im Lehrgebäude der Freimaurerei thematisiert werden und auch durch brüderliche Gespräche. (An dieser Stelle sei betont, dass die Freimaurerei keinerlei Dogmen beinhaltet. Jeder ist frei, aus dem Schatz der Lehre oder dem Kontakt mit anderen Brüdern das Seine zu nehmen). Die Tugenden, die in unserer Lehre angesprochen werden, sind ein Angebot. Der Bruder ist aufgefordert sich damit auseinander zu setzen.

Was heißt es zum Beispiel in seinem Leben das richtige Maß zu finden? Ich orientiere mich sehr gerne an dem Entwicklungsquadrat nach Schulz v.Thun. Es basiert auf der Annahme, dass jede Tugend eine ausgleichende Schwestertugend braucht, damit sie nicht in eine negative Übertreibung kippt. Z.B. braucht die Sparsamkeit die Schwestertugend Großzügigkeit, weil sie sonst Gefahr läuft zum Geiz zu werden. Die Großzügigkeit alleine könnte zur Verschwendung werden. Unsere Zusammenkünfte erinnern mich auch immer wieder daran in allen Dingen Einseitigkeiten, Extreme zu vermeiden.

Drittens erwächst ihm große Kraft daraus, dass er eine Idee entwickeln wird,
– woher er kommt und in dieses Leben gestellt ist.
– wer er ist und wie er von der Schöpfung gedacht ist.
– wohin er nach diesem Leben geht.
Daraus erwächst ein großes Vertrauen in das Leben und darin, in diesem Leben gut aufgehoben zu sein. In der Freimaurerei wird man sich nur wohl fühlen, wenn man daran glauben kann, dass es eine schöpferische, gestaltende Kraft im Universum gibt. Dem einzelnen wird die Freiheit gelassen, selbst zu entscheiden, wie er sich das vorstellt und wie er es nennt (Gott, Evolution, etc.).

Bei uns, in der christlichen Freimaurerei, halten wir darüber hinaus die Lehre Jesu Christi für richtig. Auf den Kern gebracht heißt es für mich: Das dreifache Liebesgebot (liebe Gott, liebe deinen Nächsten, liebe dich selbst) zu befolgen (jedenfalls mich darum zu bemühen).

Bei entsprechendem Glück wird ein Freimaurer das Geheimnis des Lebens erkennen, nicht mit deinem Verstand, sondern durch Erleben im Ritual. So ausgerüstet wird er dem Leben und seinen Mitmenschen anders begegnen. Unser Ritual bildet einen festen Rahmen. Gefüllt wird er durch das Gemeinschaftsleben. Erst in der Begegnung mit den Brüdern, im Austausch über das Erlebte kommt unsere Lehre zur vollen Anwendung. Niemand ist alleine unterwegs. Ich mag besonders gerne das Bild: „Leben einzeln und frei, wie ein Baum und dabei, brüderlich wie ein Wald.“ (H. Wader)

Licht

Ein Gastbeitrag von Werner J. Kraftsik

Es gibt Freimaurer, mit denen ich wiederholt inspirierenden Austausch hatte, obwohl ich sie noch nie in meinem Leben gesehen habe oder auch nur ihre Stimme kennen würde. Einer dieser Freimaurer ist Werner J. Kraftsik. Über die Kommentarfunktion meines Blogs kamen wir wiederholt ins Gespräch. Wahrscheinlich wegen seiner tiefgründigen und konstruktiven Art kam mir der Impuls, ihn zu fragen, ob er nicht einen Gastbeitrag auf meinem Blog veröffentlichen möchte. Nur zu gerne willigte er ein.

Bruder Werner J. Kraftsik ist 1946er Jahrgang, verheiratet und dreifacher Vater. Im April 1980 wurde er in die zur Großen National-Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“ (3WK) gehörende Johannisloge „Galilei810“ in Kaiserslautern aufgenommen. In den folgenden Jahrzehnten lernte er im deutschsprachigen Raum sowie in den USA diverse unterschiedliche Lehrarten des Freimaurertums von innen kennen und übte auch verschiedene Logenämter aus. Mittlerweile hat es ihn in die gemischte Freimaurerei verschlagen, wo er aktiver Teil der Loge „Sabina von Steinbach“ des Hochgradsystems des „Alten und Angenommenen Schottischen Ritus von Deutschland“ ist.

Im Laufe der letzten 5 Jahre hat Bruder Werner J. Kraftsik mehrere Bücher zum Freimaurertum veröffentlicht. Näheres hierzu findet Ihr auf seiner Homepage. Ich möchte hier aber nicht unterschlagen, dass seine Veröffentlichungen unter Freimaurern bisweilen auch polarisierten und es durchaus auch Freimaurer gibt, die diese kritisch sehen.

Das ändert nichts daran, dass ich viele der Impulse und Perspektiven des Bruders Werner J. Kraftsik als derart bereichernd empfinde, dass es mir eine Ehre ist, einen Teil davon auf meinem Blog veröffentlichen zu dürfen. Die folgenden Gedanken entstammen seinem aktuellsten Buch mit dem Titel „Licht – Ursprung und Ziel der Freimaurerei!“. Ganz bewusst lässt er diesen Blogartikel mit offenen Fragestellungen enden, um – so die Hoffnung – beim Leser eine Initialzündung für weitere eigene innere Reflektionsprozesse zu setzen.

Doch genug der Vorrede, lest einfach selbst…

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LICHT

Wer sich als Suchender, oder als Freimaurer, mit den in der Freimaurerei verwendeten Symbolen beschäftigt, stößt von Anfang an auf ein immer wiederkehrendes Symbol: LICHT! Eine neugegründete Loge wird mit einer „Lichteinbringung“ eröffnet. Jemand, der sich für die Freimaurerei interessiert, wird häufig als ein „Suchender nach dem „Licht“ bezeichnet. Die freimaurerische Initiation wird mit der „Lichterteilung“ vollendet. Eine ordnungsgemäß arbeitende Loge wird durch das Entzünden verschiedener Lichter „erleuchtet“ und das Ende der Arbeit einer Loge wird durch das Löschen der Lichter vollzogen. Welche Bedeutung Licht für Freimaurer hat, zeigt sich auch darin, mit welchen begleitenden Worten das Licht gelöscht wird:
„Lösch aus du Licht, die Arbeit ist vollbracht,
wer weisen Sinnes – fürchtet nicht die Nacht!
Und ist ihr Dunkel noch so schwarz, so dicht,
des Starken Wahlspruch ist: Durch Nacht zum Licht!
Wer Schönheit hat ist seither selbst gewiss,
ihm leuchtet selbst die Finsternis!“

Fragt man „Initiierte“ konkret danach, was das Licht für sie bedeutet, sind die Antworten oft eher wenig konkret und lauten z.B.: „Mir wurde es seinerzeit als Metapher für Erkenntnis beschrieben.“ Um welche Art Erkenntnis es sich handelt konnte nicht angegeben werden, weil das nie thematisiert worden sei, eine >Eigeninterpretation< lautete: „Aus dem Bauch heraus würde ich auf Selbsterkenntnis oder Bewusstsein (wie bei Prometheus) tippen, was automatisch zu der Frage führt, was man in sich erkennen soll?“ Auch eine Antwort: Es geht um das Streben nach Erkenntnis, sein Wissen erweitern, Ideen entwickeln, sich selbst und seine Fähigkeiten entdecken und ausbauen… Manche antworteten, sehr kryptisch: „Wer suchet, der findet“ und dokumentierten damit, dass neu eingeweihte Freimaurer mit solchen Antworten sich alleine gelassen fühlen müssen, und damit die eigene Ahnungslosigkeit bestätigt scheint und man diese Frage (Suche) als unangemessen empfindet. Manche Antworten weisen darauf hin, sich selbst in seiner geringen oder höheren Bedeutung zu erkennen und entpuppen sich als sehr allgemeine und im Grunde nichtssagende Erklärungen.

Was also ist Licht? Das für Menschen wahrnehmbare Licht ist ein relativ schmaler Teil der insgesamt sehr umfangreichen Elektromagnetischen Strahlung, die von Ultraviolett (Höhen- und Gammastrahlung) bis zu Infrarotstrahlung in den vielfältigsten Erscheinungsformen reicht. Die Ursache des Lichtes ist, wie die gesamte Existenz des uns bekannten Universums, im sogenannten „Urknall“ zu finden. Aus dieser Singularität dehnte sich die konzentrierte Energie aus, ließ Licht und Materie entstehen, legte sämtliche Naturgesetze fest und sorgte damit für das Entstehen von Allem.

Wenn Freimaurer heute das Licht als wesentliches Symbol ihrer Arbeit nutzen, dann ist dies nichts anderes als der Respekt vor der dahinter steckenden Schöpferkraft oder dem Prinzip als der Ursache allen Seins. Aus diesem Grund verehren Menschen das Licht als Symbol für diese Kraft in der Manifestation ihrer unterschiedlichen Gott-Vorstellungen. Freimaurer halten daher zu Recht das Licht für eine essentielle Voraussetzung ihrer Arbeiten, weil ohne Licht nichts existieren würde. Wenn Licht als die Ursache allen Seins erkannt wird, dann auch als die Ursache menschlichen Lebens, das folgerichtig sowohl als Materie, als auch aus Energie, als Teil des Gesamtspektrums, bestehen muss.

Damit werden, für mich, die Hinweise auf „den ewigen Osten“ sinnvoll, weil nach den bekannten Energieerhaltungssätzen Energie (unsere Körper sind materialisierte Energie) allenfalls umgewandelt, nicht aber zerstört wird. Wohin geht „unser Licht“ nach dem Ende unserer Materie? Kehren wir zurück zum Ursprung? Wie geschieht das und was geschieht dann? Gibt es so etwas wie eine Aufgabe, vielleicht sogar eine Art Kreislauf?

Welche Kraft steckt dahinter und können wir diese Kraft erkennen? Könnte es unsere Aufgabe sein, diese Kraft zu erkennen, sie zu nutzen um unser Hier und Jetzt im Sinn dieser Kraft zu verändern? Diese Kraft hat, für mich, einen Namen. Es scheint sinnvoll und zugleich „lohnend“ zu sein, danach zu suchen um damit zu arbeiten. Ich denke, wir könnten damit Antworten auf die Fragen dieser Welt finden.

(Werner J. Kraftsik,
12. März 2020)

Dogma trennt

EIN CHRIST UND EIN BUDDHIST

Vor einigen Jahren war ich auf der Zeremonie einer christlichen Taufe. Der Sohn eines guten Freundes hatte sich entschieden, sich taufen zu lassen. Wenn ich mich recht entsinne, war er zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt. Die Taufe fand in einem Fluss – der Elbe – statt. Es war eine stimmige und naturverbundene Zeremonie.

Unter den Gästen lernte ich einen Buddhisten kennen, mit dem ich ins Gespräch kam. Je länger wir uns unterhielten, desto größer war die Verbundenheit, die wir für einander empfanden. Erzählte er doch von seinen Erfahrungen mit innerer Stille, Kontemplation und Achtsamkeit, die den meinen sehr, sehr ähnlich waren. Das galt Ebenfalls für das Bewusstsein, das daraus resultierte, sowie das Wahrnehmen des Lebens und des Menschen. Auch bei den ethisch-moralischen Konsequenzen, die sich daraus für den eigenen Lebenswandel ergeben, waren wir nicht weit auseinander.

Nach der Taufe stellten wir christlich Gläubigen uns in einen Kreis und sprachen das Apostolische Glaubensbekenntnis. Bei diesem Bekenntnis handelt es sich um so etwas wie den kleinsten gemeinsamen inhaltlichen Nenner der Christenheit. Hierin wird in drei Abschnitten definiert und proklamiert, was der Christ unter Gott, was er unter Jesus Christus und was er unter dem Heiligen Geist versteht. Der Buddhist stand seltsam ausgegrenzt daneben und sprach dieses Bekenntnis nicht mit.

Später fragte ich ihn, warum er das Apostolische Glaubensbekenntnis nicht mitgesprochen hatte. Nur folgerichtig meinte er sinngemäß zu mir, dass es halt nicht seine Glaubenslehre sei, die in diesem Glaubensbekenntnis formuliert sei. Deswegen konnte und wollte er es auch nicht mitsprechen. Es beschämte mich ein wenig, dass dieser Menschen in dieser Situation durch mein christliches Glaubensbekenntnis ausgeschlossen worden war.

ERFAHRUNG UND LEHRMEINUNG

Schon seltsam: Als es um die spirituellen Erfahrungen ging, die unsere jeweiligen Religionen uns ermöglicht hatten, sowie um das daraus resultierende Bewusstsein samt der Konsequenzen für den eigenen spirituellen Weg, waren der Buddhist und ich fast schon deckungsgleich beieinander. Als es jedoch um die Worte ging, mit denen unsere Religionen diese Erfahrungen in „feststehende Definitionen, grundlegende normative Lehraussagen mit unumstößlichem Wahrheitsgehalt“ – sprich in Dogmen – gepresst hatten, lagen wir meilenweit auseinander. Unsere Erfahrungen einten uns, unsere Dogmen trennten uns.

Diese Tendenz, das Trennende zu betonen, wird von den verschiedenen Religionen der Menschheit oftmals dadurch verstärkt, dass die eigenen Dogmen als göttlich offenbart und folglich absolut verstanden und vertreten werden.

Ich glaube, die Welt, in der wir leben, könnte ein besserer Ort sein, wenn sich die Gläubigen der unterschiedlichen Religionen zu allererst offen, wertschätzend und gleichberechtigt begegneten und über ihre sich so stark gleichenden Erfahrungen mit dem Göttlichen austauschten und erst danach darauf schauten, welche bisweilen gegensätzlichen Lehrgebäude ihre Religionen daraus errichtet haben. An besagtem Tag konnten der Buddhist und ich davon schmecken, dass solch ein besserer Ort möglich ist…

Legende

Aus westlicher Richtung sollte ich das Heiligtum betreten. So wie unzählige Suchende und Neophyten vor mir. Die Sonne prangte über mir. Doch die mannigfach rötlichen Schleier, die sie über Himmel und Landschaft legte, zeugten davon, dass ihre Kraft am Schwinden war. Der Tag lag im Sterben. Die Dunkelheit und die Kälte der Nacht streckten ihre unerbittlichen Klauen nach allem aus, was sie zu fassen bekamen.

Ich trat auf das große, steinerne Portal mit dem massiven Holztor zu. Gesäumt wurde es von zwei Säulen. Davor stand ein älterer Mann in einer weißen Kutte. Auf seiner Brust ein rotes Tatzenkreuz, auf dem Kopf der hohe Hut des Magiers, in der Hand das Schwert des Kriegers. An der Klinge seines Schwertes tänzelten unzählige feurige Flammen. Ein voller Bart bedeckte den Großteil seines Gesichtes. Seine tiefblauen Augen blickten mich durchdringend an. „Wer bist Du?“, stieß er hervor. Ja, wer war ich? Verzweifelt rang ich nach einer Antwort. Doch es blieb nur mein Schweigen. „Woher kommst Du und wohin gehst Du?“, fragte der Wächter nun. Doch auch auf diese Fragen vermochte ich keine Antwort zu finden. Vielleicht erhoffte ich, sie hinter dem hölzernen Tor zu erhalten, das der Alte bewachte. Hilflos wich ich seinem Blick aus. Und wieder nur mein Schweigen. Unvermittelt jedoch trat der Alte beiseite und das Tor öffnete sich.

Nachdem ich es durchschritten hatte, blieb ich stehen. Und verharrte einen Augenblick lang. Vor mir breitete sich ein weiter Raum aus. Dieser wurde zu allen Seiten von gewaltigen, dunkelgrauen Steinmauern begrenzt, die sich schier unendlich in die Höhe erhoben. Ein atemberaubendes Gewölbe schloss diese Mauern zum Himmel hin ab. Eine Kathedrale. Bunte, langgezogene Fenster, die sich beinahe über die gesamte Höhe erstrecken, waren in die Wände eingelassen. Die untergehende Sonne schien in schummrigem Bunt durch sie ins Innere dieses Bauwerks. Am östlichen Ende stand ein massiver Altar. Auf diesem brannten drei Kerzen. Hinter dem Altar führte ein kleines hölzernes Tor ins Freie. Solche Tore existierten ebenfalls in der Nordwand sowie in der Südwand. Die ganze Kathedrale schien sich zu Gott empor zu strecken. Jeder Winkel flüsterte: „Ehre sei Gott!“

Jäh wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, als das Tor, durch das ich diese Kathedrale betreten hatte, hinter mir rumpelnd ins Schloss fiel. Ich drehte mich um und rüttelte an seinem massiven Knauf. Doch das Tor war verschlossen. Kurz wallte so etwas wie Panik in mir auf. Hektisch blickte ich um mich. Die Sonne schien so gut wie untergegangen zu sein, denn undurchsichtige Dunkelheit breitete sich nun überall in der Kathedrale aus. Auch der nur noch schwache Schimmer, der durch die hohen Fenster fiel, änderte nichts mehr daran. Einzig der Altar im Osten wurde noch von den drei Kerzen erhellt. Eine unheimliche Ahnung ergriff von mir Besitz: Diese Kathedrale versank in Finsternis. Ich musste hier raus!

Eilig hastete ich zum Tor im Süden. Und riss es auf. Unverhofft sah ich mich einer in eine schwarzen Kutte gekleideten Gestalt gegenüber; die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Sie hielt einen kleinen wie spitzen Dolch in der erhobenen Hand. Urplötzlich stach sie auf mich ein. Mit beiden Händen gelang es mir, ihren Stoß abzufangen und die Hand, in der sie das Messer führte, festzuhalten. Durch die Wucht dieses Angriffs ging ich in die Knie. Die Gestalt presste den Dolch weiter in meine Richtung. Ich stemmte mich mit aller Gewalt dagegen. Meine Arme schmerzten zusehends. Langsam kam die Gestalt mit ihrem Gesicht dem meinen nahe, als wollte sie mich küssen. Als mich ihr eisiger Atem umwehte, erkannte ich ihr Gesicht: Es war mein Gesicht! Die Gestalt holte tief Luft. Mein Atem entwich meiner Lunge. Etwas abgrundtief Kaltes und unbeschreibliches Trauriges blieb zurück. Ich rang nach Luft. Doch da war keine Luft mehr. Panik! Die Gestalt saugte meinen Atem in sich auf! Mein Körper sackte zusammen. Kälte und Traurigkeit breiteten sich in mir aus. Und hinterließen taube Leblosigkeit. Tränen liefen meine Wangen hinunter. Schließlich konnte ich sehen, wie ein kleiner Lichtfunke durch meinen Mund meinen Körper verließ. Er schwebte geradewegs auf die schwarze Gestalt zu. Sie schien diesen Lichtfunken in sich aufzusaugen.

Unverhofft erblickte ich einen eisernen Kerzenständer, der neben mir auf dem Boden stand. Meine rechte Hand ließ den Arm der Gestalt los. Als ich nach dem Kerzenständer griff, ließ sie den Dolch in meinen Bauch gleiten. Schmerz durchfuhr mich. Blut quoll hervor. Ein donnerndes Rumoren dröhnte durch die Kathedrale. Ich nahm mein letztes bisschen Kraft zusammen und schleuderte den Kerzenständer in das Gesicht der Gestalt. Sie taumelte nach hinten. Und fiel zu Boden.

Ich sank in mich zusammen. „Steh auf und lauf!“, schrie etwas in mir. Plötzlich schlug ein massiver Steinquader krachend neben mir in den Boden ein. Splitter flogen durch den Raum. Ein Grollen begann den Raum zu erfüllen. Steine sowie Balken der Konstruktion des Dachgewölbes stürzten in die Tiefe. Risse taten sich im Steinboden auf. Die Mauern bröckelten. Die pompösen Fenster barsten. Die Kathedrale brach in sich zusammen! Ich musste hier raus! Taumelnd richtete ich mich auf. Und stolperte zum Tor im Norden. Das Dröhnen, das die Kathedrale durchzog, schwoll an.

Am Nordtor angelangt, drückte ich zitternd die Klinke herunter. Doch dahinter stand eine weitere Gestalt! Es durchfuhr mich! Sie war gekleidet wie die erste; die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Schlagartig holte sie mit ihrem Dolch aus und stach in die Richtung meines Kopfes. Sie traf mich an der Stirn. Ich stürzte rücklings zu Boden. Blut lief über mein Gesicht. Im nächsten Moment schon kniete die Gestalt auf mir. Unter ihrer Kapuze konnte ich wieder mein Gesicht erkennen. Verdammt, was nur hatte es damit auf sich?! Wieder entwich mein Atem meiner Lunge. Wieder diese Leblosigkeit, diese Kälte, diese Traurigkeit. Ich ergab mich.

Plötzlich bemerkte ich, wie ich langsam aus meinen Körper trat. Schließlich stand ich neben mir und dieser Gestalt, die auf mir kniete. Ich schaute zu, wie mich dieser Lichtfunke abermals verließ und auf die Gestalt zuschwebte. Etwas Wunderschönes, zutiefst Friedliches und gleichzeitig unendlich Liebevolles ging von diesem Funken aus. Sein Strahlen verbreitete Helligkeit und Wärme. So etwas Wundervolles hatte ich vorher noch nie gesehen. Ein Gefühl von überwältigender Ergriffenheit überkam mich. Ich sah, wie Tränen aus meinem Körper, der dort auf dem Boden lag, rannen. Für einen Moment stand die Zeit still. Und mir wurde bewusst: Dies hier ist mein Ende. Dieser Funke wird erlöschen, sobald er im Inneren der Gestalt angekommen ist.

Ein dumpfer Schlag durchfuhr meinen Körper. Ich ruckte zusammen. Und öffnete wieder die Augen. Jetzt lag die Gestalt regungslos auf mir. War sie tot? War sie bewusstlos? Teile der hölzernen Dachkonstruktion lagen auf ihr. Ich versuchte sie von mir wegzudrücken. Doch das Holz wog schwer. Ich mobilisierte meine letzte Kraftreserven. Ruck um Ruck zog ich mich unter der Gestalt hervor. Und bleib neben ihr liegen.

Keine Kraft mehr aufzustehen. Also kroch ich über den kalten Steinboden. Eine blutige Spur zog sich hinter mir her. Das Hinabstürzen und Zerschellen von massiven Holz- und Gesteinsbrocken erfüllte jetzt die gesamte Kathedrale und wuchs noch weiter an. Die Außenwände begannen in sich zusammenfallen und rissen die Reste des Daches mit sich. Überall schlugen Trümmer ein. Vom Eingang im Westen aus tat sich ein breiter Riss im Boden auf. Und arbeitete sich unaufhaltsam vor in Richtung Altarraum im Osten. Er hinterließ eine tiefe Schlucht. Ich musste durch das Osttor hindurch sein, bevor der Riss dort angekommen ist! Geschwächt und vor Schmerzen stöhnend robbte ich Meter für Meter voran. „Ergib Dich! Lass Dein Leben endlich los.“, flüsterte eine Stimme in mir. „Nein, niemals!“, befahl ich mir, „Niemals!“

Als ich am Tor im Osten ankam, drückte ich mit allerletzter Kraft seine Klinke herunter. Unter mir breitete sich langsam eine Blutlache aus. Mein Blut. Ich spürte, wie der Boden um mich herum langsam aufriss. Das Tor schwang knarrend auf. Und wieder stand solch eine schwarz gekleidete Gestalt vor mir! Sie stieß ihren Dolch in Richtung meines Herzens. Ich konnte den Stoß parieren, zunächst einmal. Doch langsam drückte sie fester. Bösartig lächelte mich mein eigenes Gesicht unter der Kapuze an. Plötzlich konnte ich den kalten Atem der Gestalt spüren. Wieder begann mein Atem meiner Kehle zu entweichen. Wieder drangen diese leblose Kälte und Traurigkeit in mich ein. Doch diesmal krallten sie sich in meinem Inneren fest. Ganz fest. Dieser winzig kleine Lichtfunken verließ abermals meinen Mund und schwebte auf die Gestalt hinzu. Mein letzter Lebenswille erlosch. „Es ist vorbei.“, ging es mir durch den Kopf, als die Gestalt ihren Dolch langsam in mein Herz rammte. Schmerz durchfuhr mich. Blut quoll hervor.

Das Letzte, was ich sah, war, wie alle drei Gestalten um mich herum knieten. Gierig und triumphierend. Im Eingang der Kathedrale stürzten die beiden Säulen um. Wenige Meter hinter uns brach der Altar in sich zusammen. Seine Kerzen erloschen. Der Boden unter uns gab nun nach. Ich verlor den Halt. Die drei Gestalten und ich rutschten in den Spalt, der sich berstend im Altarraum auftat.

Und fielen. Hinein in die Tiefe. Mein Schrei erstarb, noch bevor er meine Lippen verlassen konnte. Wir stürzten ins Dunkle. Aus meinem äußeren Schweigen wurde inneres Schweigen. Aus Dunkelheit wurde Finsternis. In beides tauchten wir ein. Tiefer und tiefer. Bis es uns ganz und gar verschlungen hatte. Stille.

Stille. Mein tauber Körper lag auf hartem Untergrund. Ich drehte mich nach links und stieß gegen Holz. Und als ich mich nach rechts drehte, ebenso. Ich wollte meinen Kopf aufrichten, doch auch nach oben wurde ich durch Holz begrenzt. Mein Bewusstsein verlor sich erneut im schweigenden Dunkel. Finsternis.

Schließlich wurde der Sargdeckel von außen geöffnet. Das warme Hell einer von Kerzen erleuchteten, steinernen Gruft fiel zu mir herein. Leblos und leer lag mein Körper da. Der alte Mann mit dem weißem Rauschebart und den hellblauen Augen stieg zu mir in den Sarg. Auf seinem Haupt noch immer der hohe Hut des Magiers. Das Schwert des Kriegers auf den Rücken geschnallt. „Erhebe Dich, Sohn!“, sprach er. Er setzte seinen rechten Fuß an meinen rechten Fuß und ergriff mit seiner rechten Hand meine rechte Hand. Und zog mich zu sich empor. Hierbei setzte er sein rechtes Knie an mein rechtes Knie, drückte seine Brust an die meine und legte seinen linken Arm von rechts um meine Schultern. So zog er mich zu sich heran. Dort standen wir. In inniger Umarmung. Ich zitterte am ganzen Leib vor Schwachheit und vor Schmerz.

Nun atmete der alte Mann tief ein, wobei er die Wortsilbe „JH“ wisperte. Hiernach atmete er lange aus, wobei er die Wortsilbe „WH“ wisperte. Neues Leben, nie gekannte Kraft und grenzenlose Freude durchströmten mich. Als der Alte dasselbe zum zweiten Mal tat, hatte sich mein Atem bereits mit dem seinen verbunden. Wir atmeten gemeinsam. Eins miteinander. Der Alte wisperte wieder beim Einatmen die Silbe „JH“ und beim Ausatmen die Silbe „WH“. Ich erhob mein Haupt. Das Zittern entwich meinem Körper. Beim dritten Mal atmeten wir gemeinsam ein und aus und ich flüsterte die Silben „JH – WH“ mit. Ich öffnete meine Augen.

Ich war nackt. Der alte Mann war nicht mehr da. Zu meinen Füßen lagen sein hoher Hut und sein Schwert, das in einer Schwertscheide steckte. Beides nahm ich an mich und schaute mich um. Anscheinend befand ich mich in einer Grotte oder einer Gruft. Die Wände bestanden aus steinernem Schutt und Geröll. Es waren die Trümmer der Kathedrale. Unzählige Kerzen tauchten alles in warmes und doch nur sehr spärliches Licht. Um den Sarg herum lagen die drei schwarzen Gestalten auf dem Boden. Regungslos. Waren sie tot? Was, wenn sie sich plötzlich erhoben? Hastig befestige ich den hohen Hut an der Schwertscheide, schnallte beides auf meinen Rücken und zog das Schwert. Dessen flammende Klinge erleuchtete diesen Ort. Die drei Gestalten lagen weiterhin leblos auf dem Boden. Meine suchenden Blicke fanden keinen Ausgang. Wie nur sollte ich diesen Ort wieder verlassen? Mein Blick wanderte hoch und verlor sich in einem schier endlosen Schacht, der nach oben führte. Am Ende dieses Schachtes erahnte ich den Schimmer von Licht. Wollte ich hier raus, musste ich den Schacht komplett emporklettern.

Also begann ich zu klettern. Aufwärts. Geröllstück um Geröllstück. In aller Vorsicht setze ich einen Fuß nach dem anderen. Es war schwer, sicheren Stand zu erlangen und mich festzuhalten. Doch Stück für Stück bewegte ich mich empor. Dem Licht entgegen. Manches Mal glitten meine Füße ab. Manches Mal stürzten Trümmerteile in die Tiefe. Das Gestein presste tiefe Furchen in meine Hände. Die Schwielen, die es hinterließ, rissen auf und begangen zu bluten. Meine Beine wurden schwächer und schwächer. Doch unaufhaltsam kam das Licht näher.

Schließlich erreichte ich das obere Ende des Schachtes. Die milde Luft eines frühlingshaften Morgens umwehte meine Nase. Und füllte meine Lungen. „Tritt heraus, Bruder!“, ertönte eine tiefe männliche Stimme. Eine Hand wurde mir entgegengestreckt. Ich ergriff sie und wurde aus dem Schacht gezogen. Die Hand gehörte zu einem kräftigen, kahlköpfigen Mann. Seine tiefbraunen Augen blitzten mich an. Ich sank auf meine Knie. Von mir ausgehend erstreckten sich saftige grüne Wiesen in alle Himmelsrichtungen. Sie waren durchsetzt von Blumen in den unterschiedlichsten Farben. In weiter Ferne waren Bäume und Wälder zu erahnen. Die noch sehr zarten morgendlichen Sonnenstrahlen tauchten die gesamte Landschaft in etwas Verheißungsvolles. Hoffnung. Einige Meter entfernt saßen weitere Männer um ein Lagerfeuer herum.

Irritiert schaute ich um mich. „Wo ist die Kathedrale?“ „Schau in Dich.“, antwortete der Mann. „Wo willst Du solch eine Kathedrale finden, wenn nicht in Dir?“ Seine Worte hallten in mir nach. Er zeigte auf die Männer am Lagerfeuer: „Schau um Dich. Wo willst Du solch eine Kathedrale finden, wenn nicht in Deinem Mitmenschen?“ Wieder hallten seine Worte in mir nach. „Schau über Dich. Wo willst Du solch eine Kathedrale finden, wenn nicht unter dem Himmelszelt, zwischen dem südlichen und dem nördlichen Horizont sowie dem westlichen und dem östlichen Horizont?“ Jetzt fielen mir die Wundmale auf, die der Mann an der Stirn, über dem Herzen sowie am Bauch trug. Unwillkürlich fasste ich mir an die Stirn und blickte an mir herunter. „Wir alle hier tragen dieselben Narben, auch Du. Denn wir alle sind denselben Tod gestorben. Die Verwundungen, die uns zugefügt worden sind, sind unsere Heiligen Wunden geworden.“

Wir setzten uns zu den Männern ans Lagerfeuer. Ein Laib Brot wurde von Bruder zu Bruder gereicht. Jeder riss sich ein Stück davon ab. Ebenso wurde ein Kelch roten Weins herumgereicht, aus dem jeder Bruder trank. „Wer bist Du?“, die Frage, die der Wächter mir gestellt hatte, bevor ich die Kathedrale betreten hatte, kam mir wieder in den Sinn. Jetzt konnte ich sie beantworten: „Ich bin Sohn. Ich bin Bruder.“

Alsbald stand der erste Mann auf und wandte sein Haupt gen Osten. Dorthin, wo die Sonne aufging. Dorthin, wo der Ursprung des Lichts lag. Denn dort lag unsere Bestimmung. Nach und nach standen auch die restlichen Männer auf und wendeten sich dem Osten zu. Und dann pilgerten wir los. Einer nach dem anderen. Dem hellen Licht der Sonne entgegen. Schließlich begann der erste Mann ein Lied anzustimmen. Einer nach dem anderen stimmten wir mit ein. Und dies war, was wir sangen:

„Bless the Lord, my Soul
and bless his Holy Name.
Bless the Lord, my Soul,
he rescued me from Death.
Bless the Lord, my Soul,
and bless his Holy Name.
Bless the Lord, my Soul,
he leads me into Light.“

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„Bei dem zitierten Lied „Bless the Lord, my Soul“
handelt es sich um einen Choral der Mönchs-Kommunität Taizé).

Rituelle Heimat

WARUM WIRD MAN FREIMAURER?

Warum wird jemand Freimaurer? Vielen Freimaurer-Brüdern habe ich diese Frage gestellt. Und vieles konnte ich beobachten, seitdem ich in diese Bruderschaft aufgenommen worden war. Herausgekommen ist ein bunter Blumenstrauß an Motivationen. Der wohl häufigste Grund ist, einen Weg zu finden, sich mit sich selbst auseinander zu setzen und an sich zu arbeiten. Dies wird gefolgt von dem Wunsch nach Gemeinschaft und dem Bedürfnis, sich sozial zu engagieren. Manch einer schätzt den philosophischen Austausch, die Auseinandersetzung mit humanistischen Ideen oder sehnt sich nach mystischem Erleben. Ein Bruder erzählte mir mal, dass er sich Erleuchtung erhoffte. Doch auch weniger ehrenwerten Motiven bin ich begegnet. So traf ich auch auf Brüder, die sich von der vermeintlich elitären Fassade des Freimaurertums angezogen fühlten. Auch traf ich auf Brüder, die sich berufliche Vorteile oder gar ein karriereförderliches Netzwerk erhofften. Doch warum nun wurde ich selber Freimaurer?

WARUM WURDE ICH FREIMAURER?

Ich kann heute nachvollziehen, dass ich etwa 15 Jahre vor meiner Aufnahme in die Bruderschaft der Freimaurer anfing, mich ernsthaft mit ihr auseinander zu setzen. Es war zu einer Zeit, in der ich von Ritualen nichts hielt. War etwas rituell, war es für mich nur eine Umschreibung dafür, dass es starr, tot und eng war. Aus genau diesem Grund war ich seinerzeit auch aus der evangelischen Kirche ausgetreten.

Durch eine sehr fundamentale Krise, die mein gesamtes bisheriges Leben völlig in Frage stellte, kam ich mit unterschiedlichen Traditionen der Stille im Christentum (Kontemplation, Mönchstum etc.), den Wegen der christlichen Mystik und den Ideen der archaischen Initiationsriten, der Naturspiritualität sowie der spirituellen Männerarbeit nach Richard Rohr in Berührung. Je tiefer sich einzelne Aspekte davon in meinem Alltag verankerten, desto mehr bekam ich innerlich auch Zugang zu den Wirkweisen von Ritualen. Ich begann Rituale als etwas Halt gebendes zu schätzen, das – vorbei an meinem verkopften Wunsch, das Leben zu kontrollieren – mich auf tiefste Weise zu berühren vermag. Das ging so weit, dass ich, als ich mich nach langer Zeit mal wieder in einen sehr liturgischen Gottesdienst der evangelischen Kirche wagte, hinten auf meiner hölzernen Kirchenbank saß und mit den Tränen rang, als das Abendmahl eingesetzt und ausgeteilt wurde. Das war der Moment, in dem ich entschied, wieder in die evangelische Kirche einzutreten. Und es war auch die Zeit, in der ich auf intuitive Weise zu begreifen begann, warum Menschen durch das freimaurerische Ritual angerührt werden können.

Weiter erschloss ich mir, dass es unterschiedliche Richtungen innerhalb des Freimaurertums gibt. Die Richtung, für die ich mich später bewusst entscheiden sollte, war die des christlichen Freimaurerordens. Denn dieser vereinigte in seiner Symbolik und seinem Ritual vieles von dem, was meinen bisherigen spirituellen Weg so reich beschenkt hatte: Aspekte der christlichen Mystik, der Männerinitiation und des Versenkens in innere Stille.

Damit bin ich der Frage, warum ich selbst Freimaurer wurde, schon ein gutes Stück auf die Spur gekommen. Die eigentliche Frage aber, die sich dahinter verbirgt und die jeder, der mit dem Gedanken spielt, Freimaurer zu werden, für sich beantworten muss, lautet: „Was erhoffe ich mir von der Mitgliedschaft in der Bruderschaft der Freimaurer, was ich ohne diese nicht hätte?“ Meine Antwort darauf war: Ich sehnte mich nach einem regelmäßigen Ritual in meinem Leben. Und ich sehnte mich danach, dass dieses mich mit dem in Berührung kommen lässt, was meinen spirituellen Weg ausmacht.

DAS WESEN DER TEMPELARBEIT

Und habe ich gefunden, was ich zu finden erhofft hatte? Ganz klar: Ja! Ich nehme an kaum einem freimaurerischen Ritual teil, aus dem ich nicht innerlich bewegt hervorgehe. Dabei kann ich allerdings gar nicht so recht erklären, woran das nun eigentlich liegt.

Denn formal betrachtet, handelt es sich bei dem freimaurerischen Ritual lediglich um eine Abfolge ritueller Wechselgespräche und ritueller Handlungen. Hierbei wird symbolisch ein idealer Raum betreten: Die Loge. Ich begreife die Loge als einen Ort, der tief in mir liegt. Mein inneres Auge des Sturms. Der Ort, an dem ich einfach nur bin. Der Ort, an dem mystisches Erleben stattfinden kann. Hat man sich rituell in diese Loge begeben, können weitere rituelle Handlungen – wie zum Beispiel die Aufnahme eines Initianten in diesen Grad – vollzogen werden. Anschließend wird diese Loge rituell und in umgekehrter Reihenfolge, wie sie betreten worden ist, wieder verlassen. Der beschriebene Vorgang findet in jedem freimaurerischen Grad während sogenannter Tempelarbeiten statt.

Das Besondere an den Tempelarbeiten, wie ich sie im christlichen Freimaurerorden erlebe, ist, dass diese zwar mit jedem Grad, den man durchläuft, um neue Aspekte bereichert werden, der gesamte (ordens-) freimaurerische Weg jedoch bereits im ersten Grad – dem des Johannislehrlings – enthalten ist. Und ich habe für mich festgestellt, dass es für die Intensität meines Erlebens beinahe gänzlich irrelevant, in welchem Grad dieses Ritual stattfindet.

Der Ablauf einer Tempelarbeit hat von seinem Wesen her etwas sehr liturgisches. In mir lösen Tempelarbeiten ähnliche Zustände aus wie Meditationen oder vergleichbare Stille-Übungen. Im Laufe der Zeit ist die rituelle Loge so etwas wie eine innere Heimat für mich geworden. Gerade auch in den letzten anderthalb Jahren, in denen sich mein Weg verfinsterte und ich mich Anteilen von mir stellen musste, die ich am liebsten ganz weit weg geschoben hätte, habe ich die freimaurerischen Tempelarbeiten noch mal ganz neu als einen Ort schätzen gelernt, an dem ich zur Ruhe komme und mit mir selbst und meiner spirituellen Sehnsucht in Berührung komme. Wenn der Logenmeister eine jede Tempelarbeit eröffnet, indem er mit seinem Hammer auf den Altar schlägt und die Worte spricht „Ehre sei Gott“, spüre ich in diesem Moment, wie ich heimkehre…