Eine Nachlese

UNGELÖSTE FRAGEN

Letzten Monat habe ich einen Blogartikel über das Buch „Wörter machen Götter“ des Freimaurer-Bruders Klaus-Jürgen Grün geschrieben.

In dem Buch hatte sich Bruder Grün kritisch mit Religion und Gottesglauben auseinandersetzt und die Idee eines atheistisch humanistischen Freimaurertums dargelegt. In Zuge dessen sprach er dem christlichen Freimaurerorden jegliche Regularität ab und bedachte ihn mit Schlussfolgerungen und Formulierungen, die mindestens geeignet waren, Brüder des Freimaurerordens vor den Kopf zu stoßen.

Und so löste dieses Buch auch heftigste Auseinandersetzungen zwischen Freimaurern aus dem christlichen Lager und Freimaurern aus dem humanistischen Lager aus. Auch mich hatte einiges, was ich aus diesem Buch las, verletzt. In meinem Blogartikel versuchte ich nachzuspüren, was genau dieses Buch in mir auslöste und warum.

Das Schreiben des Artikels wiederum, aber auch die durch ihn losgetretenen Diskussionen ließen nochmal ganz neue Fragen in mir aufsteigen. Fragen, die ich lange nicht so recht greifen konnte. Und denen ich mich mit diesem Artikel annähern möchte…

WAS IN MIR UND WARUM?

Ein Freimaurer-Bruder brachte es ziemlich treffend auf den Punkt, als er in einem Online-Forum schrieb: „Ich verstehe nicht, wie jemand, der fest im Glauben verankert ist, sich von Meinungsäußerungen, die sich gegen seinen Glauben richten, provoziert fühlen kann. Kann man denn Gott beleidigen? Kann man sich persönlich angegriffen fühlen, sofern jemand etwas gegen seine Religion sagt?…“

Noch deutlicher wurde der von mir sehr geschätzte Nitya: „…Lieber Hagen, für deine Gefühle bist ganz allein du verantwortlich … Und wenn du dich verletzt fühlst, ist dies nur ein Impuls zu schauen, was da verletzt wird. Verletzt werden können immer nur Vorstellungen, denen du glaubst. Du – kannst nicht verletzt werden….“

Ich konnte es nicht leugnen: Durch die Worte von Bruder Klaus-Jürgen Grün fühlte ich mich tatsächlich gekränkt und persönlich angegriffen. Doch warum überhaupt? Denn, wenn Nitya und besagter Freimaurer-Bruder Recht hatten, hätte da gar nichts in mir sein dürfen, was hätte verletzt werden können. Was genau ist es also, was sich in mir verletzt fühlte? Und warum tat es dies?“

WORAUF RICHTE ICH MEINE ENERGIE?

Ein Freimaurer-Bruder meiner Loge, zu dem sich in den letzten Jahren eine von Tiefe und Vertrautheit geprägte Beziehung entwickelt hat, stellt mir gerne die Frage, worauf ich meine Energie richte.

Dahinter steht die Idee, dass es Dinge gibt, die mir gut tun, weil sie mir Energie geben und Dinge, die mir nicht gut tun, weil sie mir Energie rauben. Und in vielen Bereichen meines Lebens habe ich die Wahl. Ich kann selbst entscheiden, worauf ich meine Aufmerksamkeit – und damit meine Energie – richte. Und worauf eben nicht.

Die Auseinandersetzungen um das Buch von Bruder Grün taten mir augenscheinlich nicht gut. Folglich haben sie mir Energie geraubt. Trotzdem habe ich Zeit, Kraft und Herzblut investiert, um in diesen Auseinandersetzungen mitzumischen. Und das aus freien Stücken. Doch was war mein innerer Antrieb? Was war ausschlaggebend, dass es mir so verlockend erschien, mich in etwas hineinzugeben, was mir nicht gut tut?

DOCH NUR FUNDAMENTALISMUS

In der gesamten Diskussion um das Buch von Bruder Klaus-Jürgen Grün ging es ausschließlich um im Kopf erdachte Anschauungen. Da haute der Atheist dem Gläubigen seine theoretischen Konstrukte in fundamentalistischer Weise um die Ohren. Und umgekehrt nicht minder.

Ich selber bin in meiner Jugend christlich fundamentalistisch geprägt worden. Mein Glaube war „durch ein kompromissloses Festhalten an religiösen Grundsätzen gekennzeichnet“ (vergleiche Wikipedia). Es gab Glaubenssätze, die ich für wahr zu halten hatte, Regeln, die ich zu befolgen und Handlungen, die ich zu vollziehen hatte. Das gesamte Leben war eingeteilt in „gut und schlecht“, in „richtig und falsch“, in „schwarz und weiß“. Und folglich sämtliche Menschen in „die und wir“.

Es war für mich ein langer, schwerer und sehr schmerzhafter Weg heraus aus diesen fundamentalistischen Strukturen. Seither habe ich mich viel damit auseinandergesetzt, wie fundamentalistische Mechanismen funktionieren.

Hierbei habe ich vor allem eine relativ plumpe Erfahrung gemacht: Fundamentalistisch geprägte Diskussionen haben keinen Mehrwert. Punkt. Ich weiß nicht, ob ich schon jemals erlebt habe, dass Menschen sich durch fundamentalistische Diskussionen näher gekommen wären. Auf jeden Fall aber habe ich schon viel zu oft erleben müssen, wie Menschen sich dadurch entzweien. Fundamentalismus trennt. Immer. Egal, ob religiöser Fundamentalismus, atheistischer Fundamentalismus, humanistischer Fundamentalismus oder welcher Fundamentalismus auch immer.

Und mit meinem Blogartikel habe ich mich in eben solch eine fundamentalistische Auseinandersetzung gestürzt. In eine Auseinandersetzung, die von ihrer Art und ihrem Inhalt her ausschließlich dazu geeignet war, Menschen zu entzweien und zu verletzen. Ausgerechnet ich als gebranntes Kind bin in diese Falle getappt. Wie nur konnte mir das passieren?

DAS EIGENTLICHE PROBLEM

Die spirituellen Lehrer, denen ich nur zu gerne meine Aufmerksamkeit widme, sagen sinngemäß alle dasselbe: Der Mensch ist in seinem innersten Wesen einfach nur „Sein“. Seine tiefste Essenz ist Liebe. „Sein“ und „Liebe“ – beides sind Begrifflichkeiten, die so weit, so unfassbar und so allumfassend sind, dass sie nicht durch fundamentalistische Definitionen zu beschreiben, zu begreifen oder auch nur zu auszudrücken wären.

Das zeigt, dass die Diskussionen um das Buch von Bruder Grün schlichtweg irrelevant sind. Sie finden lediglich an der Peripherie dessen statt, was ist. Denn sie bewegen sich ausschließlich auf der Ebene der erdachten Definitionen. Menschen definieren, wo sich ihre Anschauungen voneinander unterscheiden. Und zwangsläufig bringt das mit sich, dass sie anfangen, sich selbst zu definieren; z.B. als Christ, als Atheist, als Humanist, als Agnostiker usw..

Durch diese Selbst-Kategorisierungen aber beschneiden und verstümmeln die Menschen ihr wahrstes und innerstes Wesen. Und mir scheint, je verstümmelter das eigene Wesen, desto vehementer und absoluter wird dieses nach außen als die „einzige Wahrheit“ vertreten.

UNGELÖSTE FRAGEN

Zusammengefasst sagt es wahrscheinlich mehr über mich aus, als mir lieb sein kann, dass das Buch von Bruder Klaus-Jürgen Grün mich überhaupt verletzen konnte und ich mich auch noch genötigt sah, in dieser ganzen Auseinandersetzung mitzumischen.

Als mir dies zu dämmern begann, war mein spontaner Impuls, es sofort mit wohlig spirituell klingenden Worten zu erklären, zu rechtfertigen, zu relativieren. So blumige Formulierungen wie „Wahres Selbst“ und „Falsches Selbst“ hätte ich ganz gewiss dafür gewählt. Und mit jeder Erklärung wären die Fragen, die das alles in mir aufgeworfen hatte, wohl abstrakter geworden. Und ein Stück von mir weggerückt. Irgendwann dann wäre meine kleine Welt ganz sicher wieder in Ordnung gewesen. Und ich hätte mir selbst auf die Schulter klopfen können, was ich mal wieder für hochtrabendes Zeug von mir gegeben habe.

Diesem Impuls will ich ganz bewusst widerstehen. Daher schildere ich hier zwar welche Fragen aktuell in mir wüten. Ich will es mir aber verkneifen, voreilige Antworten zu geben. Denn wenn ich ehrlich bin, habe ich auch gar keine Antworten. Ich lasse diese Fragen zu. Sie dürfen sein. Ohne dass ich sie „wegmachen“ muss. Und vielleicht finden mich irgendwann auch die Antworten auf sie…

Wörter und Götter und so

NICHTS NEUES UNTER DER SONNE?

Im Januar 2018 erschien das Buch „Wörter machen Götter“ des Freimaurers Klaus-Jürgen Grün. Ein Buch, in dem er Stellung bezieht. Nicht nur für ein humanistisch atheistisch geprägtes Freimaurertum. Sondern auch explizit gegen den christlichen Freimaurerorden (Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland – GLLvD). Ein Buch, das polarisiert und innerhalb des deutschen Freimaurertums für verbitterte Auseinandersetzungen und Anfeindungen gesorgt hat.

Bruder Grün gehört der vorwiegend humanistisch ausgerichteten freimaurerischen Richtung der „Alten freien und angenommenen Maurer von Deutschland“ (AfuaM) an. Bereits in der Vergangenheit hat er Veröffentlichungen verschiedenster Art herausgebracht, die sich von einem humanistischen Standpunkt aus kritisch mit den Fragen der Religion und des Gottesglaubens auseinandersetzen. Nur konsequent stellt er auch die esoterisch spirituellen Bezüge im Lehr-, Symbol- und Ritualgebäude der ersten drei Johannisgrade des Freimaurertums in Frage. Folgerichtig hinterfragt er dasselbe in den unterschiedlichen Systemen der (Hoch-) Grade, die auf die ersten drei Johannisgrade folgen (können). Denn in diesen werden regelhaft die esoterisch spirituellen Aspekte des Freimaurertums aufgegriffen, vertieft und erweitert.

Die Auseinandersetzungen, ob der freimaurerische Weg einen wie auch immer gearteten Gottesbezug benötigt und ob Symbol und Ritual des Freimaurertums immer auch eine esoterisch spirituelle Dimension innewohnen muss, sind so alt wie das Freimaurertum selbst. Auch heute werden sie geführt. Viel zu häufig. Gerne auch voller Inbrunst. Und nicht selten kräftig unter die Gürtellinie (siehe hier).

Ich selbst habe mich auf meinem Blog zu diesem Thema klar positioniert (siehe hier). Doch ich habe auch die freimaurerischen Standpunkte, die konträr zu den meinen stehen, als gleich-berechtigt auf meinem Blog zugelassen (siehe hier und hier).

Das Streitthema, zu dem Bruder Klaus-Jürgen Grün sich äußert, ist also kein neues. Und auch sein Werk „Wörter machen Götter“ ist nicht seine erste Verlautbarung dazu. Warum also hat es nun solch einen Wirbel ausgelöst und so viel Unfrieden in das deutsche Freimaurertum getragen?

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich selbst habe das Buch von Bruder Grün nicht gelesen. Doch kenne ich mittlerweile seitenweise Zitate daraus und habe auch mehrere Rezensionen gelesen. Das langt nicht, um fundiert inhaltlich zu diskutieren. Aber es langt, um mir ein Bild über den Stil dieses Buches zu machen. Und um Fragen zu stellen…

POTENTIAL DER VERLETZUNG

Ich glaube, das, was am schwersten an dem Buch von Bruder Grün wiegt, ist, dass er dem gesamten christlichen Freimaurerorden pauschal jegliche Regularität abspricht. Dies tut er mit einer Absolutheit und einer Vehemenz, die jeden Andersdenkenden automatisch ausgrenzt. Und damit verlässt er die Ebene der gleichberechtigten Begegnung und des gleichberechtigten Austausches. Er stellt ein Über-Unter-Verhältnis her. Dadurch schafft er die gleiche Ausgangssituation, wie sie religiöse Fundamentalisten gegenüber Ungläubigen schaffen. Auf der einen Seite steht der „Gläubige“, der im Besitz der „absoluten Wahrheit“ über etwas ist. Und auf der anderen Seite steht der „Ungläubige“, der einen großen Makel hat, so lange er diese Wahrheit nicht vollständig übernommen hat. Das treibt Bruder Klaus-Jürgen Grün so weit, sich sogar anzumaßen, selber besser beurteilen zu können, wie der einzelne Ordensfreimaurer das eigene Ordensritual und den Begriff des „Dreifach großen Baumeisters“ zu verstehen und für sich auszufüllen und zu leben hat.

Weiter wählt er bezogen auf den Freimaurerorden eine Wortwahl, die vor allem dazu geeignet ist, die Gefühle religiöser Menschen zu verletzen. Und auch so manche Schlussfolgerung, die er bezüglich des Freimaurerordens zieht, ist bestenfalls plakativ und provozierend; schlimmstenfalls aber irgendwo zwischen übler Nachrede und Rufmord anzusiedeln.

So überrascht es nicht, dass mir einiges, was ich aus diesem Buch las, tiefe und schmerzhafte Stiche versetzt hat. Es verlangte mir einiges an Impulskontrolle ab, mich nicht ebenfalls mit wehenden Fahnen und gewetzten Messern in die entflammten Kontroversen zu stürzen.

Eine bittere Erkenntnis, die mir die ganzen vorangegangenen Auseinandersetzungen um Gott und Spiritualität innerhalb des Freimaurertums gebracht hatten, war, dass Fundamentalismus kein Merkmal ist, das sich nur in den Religionen finden lässt. Viel zu oft hatte ich erleben müssen, dass humanistische und atheistische Brüder dieselben Argumentationsweisen, denselben Absolutheitsanspruch und dieselbe Toleranzfähigkeit an den Tag legten wie religiöse Fundamentalisten. In diesen Fällen war lediglich das religiöse Dogma durch ein nichtreligiöses ersetzt worden. Und das Buch von Bruder Grün setzt leider ein dickes Ausrufezeichen hinter diese Beobachtung.

Wie es scheint sind auch die „Vereinigten Großlogen von Deutschland“ (VGL) zu einer ganz ähnlichen Einschätzung über dieses Buch gekommen. In der VGL haben sich die fünf eigenständigen Großlogen, die die Johannisgrade auf deutschem Boden bearbeiten, zusammengefunden. Unter anderem auch die Großloge AfuaM und der christliche Freimaurerorden. Und der Senat der VGL – in dem die Großloge AfuaM aus Proportsgründen die Mehrheit stellt – hat das Buch einstimmig als „Hetzschrift“ eingeordnet.

AUS DER GESCHICHTE NICHTS GELERNT?

Das letzte Mal, dass eine freimaurerische Richtung einer anderen freimaurerischen Richtung die Rechtmäßigkeit in derart massiver Weise abgesprochen hat, war in den Zeiten des aufstrebenden Nationalsozialismus. Doch damals war es genau umgekehrt. Damals war es der christliche Freimaurerorden, der seinen humanistischen Brüdern die Existenzberechtigung absprach. Dies geschah auch, um sich dem Nationalsozialismus bis zur Aufgabe der eigenen Identität anzubiedern.

Das Ende vom Lied ist hinlänglich bekannt. Wenn überhaupt, dann lieferte das Verhalten des Freimaurerordens lediglich den Feinden des gesamten Freimaurertums Munition. Und schlussendlich wurden alle Richtungen des Freimaurertums verboten und verfolgt.

Meinem Verständnis nach ist der christliche Freimaurerorden damals seinen humanistischen Brüdern gegenüber schuldig geworden. Inwiefern dies aufgearbeitet worden ist und eine Aussöhnung stattgefunden hat, kann ich (noch) nicht abschließend beurteilen.

Doch dieses freimaurerische Kapitel hat mich sensibilisiert für die Verantwortung, die jeder einzelne Freimaurer für das trägt, was er öffentlich von sich gibt. Das gilt ganz besonders für die heutige Zeit, in der am rechten politischen Rand und in Reihen konservativ dogmatischer Christen wieder die wirrsten Verschwörungstheorien entstehen und verbreitet werden, woran „die Freimaurer“ denn so alles Schuld seien. Bruder Klaus-Jürgen Grün war sich seiner Verantwortung offenbar nicht bewusst, als er sein Buch schrieb.

TRENNENDES UND VERBINDENDES

Manchmal habe ich den Eindruck, es gibt für Menschen nur zwei grundsätzliche Arten, miteinander umzugehen. So kann man entweder betonen, was einen verbindet. Oder man kann betonen, was einen trennt. Was für die Menschheit im Allgemeinen gilt, gilt für die Bruderschaft der Freimaurer im Besonderen.

Und von dem Moment an, wo Dogmatismus Spiel kommt, wird immer das Trennende betont. Denn Dogmatismus geht von einer „feststehenden Definition oder einer grundlegenden, normativen Lehraussage“ aus, „deren Wahrheitsanspruch als unumstößlich festgestellt wird“ (vergleiche Wikipedia). Das bringt mit sich, dass jede Anschauung und jeder Mensch, der mit dieser Lehraussage nicht konform geht, ausgegrenzt wird.

Bruder Grün spricht mit seinem Buch ganz klar die Sprache eines Dogmatikers. Er betont das Trennende. Und absolutiert diesen Standpunkt. Er stellt sein Dogma über brüderliche Begegnung. Ebenso gut hätte er ein Buch darüber schreiben können, was das christliche und das humanistische Freimaurertum verbindet. Dieses Buch wäre wahrscheinlich um einiges länger und umfangreicher geworden. Stattdessen ergießt er sich darin zu betonen, was beide Lager voneinander trennt.

Und er sieht in diesen Unterschieden nichts, was bereichert oder im positiven Sinne herausfordert. Sondern nur etwas, was ausgelöscht gehört. Das zeigt, dass er von einer Art gleichgeschalteter Einheitsfreimaurerei auszugeht. Und in dieser hat nur Platz, wer einer humanistisch atheistischen Überzeugung anhängt, wie Bruder Klaus-Jürgen Grün sie definiert.

VIELFALT UND VERWURZELUNG

Das ist wahrscheinlich der Punkt, an dem ich am weitesten mit ihm auseinanderliege. Für mich sind die unterschiedlichen und bisweilen auch gegensätzlichen Facetten, die sich im Freimaurertum wiederfinden, eine der größten Stärken dieser Bruderschaft. Für mich ergänzen und bereichern diese sich gegenseitig.

Denn das, was diese unterschiedlichen Brüder miteinander verbindet, ist das Erleben des freimaurerischen Rituals und der freimaurerischen Symbolik. Und dies verbindet auf einer viel tieferen Ebene, als dass der Buchstabe des Dogmas jemals dringen könnte. Das ist meines Erachtens das „berühmte“ freimaurerische Geheimnis.

Aus diesem Grund bin ich gerne bereit, die Spannungen, die diese freimaurerische Vielfalt mit sich bringt, auszuhalten und mitzutragen. Und mit dieser inneren Haltung begegne ich auch den freimaurerischen Brüdern, die mir – wie Bruder Grün – absprechen, ihr Bruder zu sein. Natürlich erfordert dies ein hohes Maß an Ausdauer und Leidensfähigkeit und auch eine gewisse Frustrationstoleranz. Aber die Begegnungen und der Austausch, die es mit sich bringt, wiegen das allemal auf.

Wahrscheinlich wäre es sehr viel einfacher, mich in meiner eigenen freimaurerischen Wagenburg zu verschanzen und alles zu bekämpfen, was meine kleine, heile Welt in Frage stellt. Es wäre der Weg des geringsten Widerstands. Der Weg, den Bruder Klaus-Jürgen Grün mit seinem Buch gewählt hat. Aber dieser Weg ist eben nicht meiner.

Nur um eines ganz klar zu sagen: Dieses bewusste Aushalten und Annehmen der Spannungen zwischen den unterschiedlichen freimaurerischen Richtungen hat nichts mit Beliebigkeit, Gleichgültigkeit oder Ignoranz zu tun. Natürlich habe ich eine ganz klare Verwurzelung in der Lehrart des christlichen Freimaurerordens. Und diese Verwurzelung ist bewusst gewählt. Ich kann sie begründen und ich schätze sie. Trotzdem sehe ich in den anderen Lehrarten keine Bedrohung für meinen eigenen freimaurerischen Weg. Sondern etwas, das meinen Weg ergänzt, bereichert und im positiven Sinne herausfordert. In dem Freimaurertum, für das ich stehe, haben Atheisten ebenso Platz wie Gottesgläubige, die unterschiedlichen Agnostiker ebenso wie ganze Bandbreite der spirituell Suchenden, Gnostiker und Mystiker. Und so weiter. Der viel zitierte Satz „Einheit in Vielfalt“ ist für mich keine hohle Phrase, sondern gelebte Wirklichkeit.

Und dieser Satz findet für mich organisatorischen Ausdruck in der VGL. Meines Erachtens tut es dem christlichen Freimaurerorden und der Großloge AfuaM nur gut, durch diesen Dachverband in regelmäßiger Kommunikation zu stehen und sich immer wieder miteinander auseinandersetzen zu müssen. Ohne die VGL bestünde die Gefahr, dass beide Großlogen zu sehr in ihrem eigenen Saft schmoren.

BLUTENDE WUNDEN UND OFFENE FRAGEN

Mein Bruder und Freund René Schon meinte zu mir, dass Bruder Grün in seinem Buch interessante und schlüssige Thesen in Bezug auf die Gottesfrage bringt. Das stelle ich nicht in Abrede. Ich las an verschiedener Stelle, dass Bruder Klaus-Jürgen Grün ein „brillanter Geist“ sein soll. Doch ein Buch ist grundsätzlich nicht nur nach seinem Inhalt zu bewerten, sondern auch nach seinen Auswirkungen.

Und diese sind überwiegend destruktiver Natur. Denn dieses Buch hat schmerzhafte Kreisläufe der gegenseitigen Verletzungen angestoßen. Es hat Gräben gerissen zwischen Menschen, die sich als Brüder begegnen sollten. Es hat die „freimaurerische Ökumene“ um Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte, zurückgeworfen. Die Wunden, die es gerissen hat, werden noch lange bluten. Und die Narben wird man noch wesentlich länger sehen.

Für mich bleibt die Frage, welche Absicht Bruder Grün verfolgt hat. Er bringt ein Buch heraus, das von seinem Inhalt und von seiner Machart her geeignet ist, maximalen Flurschaden innerhalb des deutschen Freimaurertums anzurichten. Welche Folgen dieses Werk haben wird, muss ihm vorher bewusst gewesen sein. Schließlich ist er lange genug Freimaurer und kennt die unterschiedlichen Richtungen gut genug, um das abschätzen zu können.

War es seine Absicht, möglichst viele Brüder, die er unmöglich alle persönlich kennen konnte – Brüder wie mich -, stumpf zu verletzen? Oder suchte er den Skandal, um gute Verkaufszahlen zu generieren? Oder nutzt er das Buch, um eine persönliche Fehde auszutragen? Glaubt er tatsächlich, dass seine destruktive Art und Weise geeignet ist, das deutsche Freimaurertum in seine Richtung zu verändern? Wollte er nur einen Impuls setzen, der ihm letztendlich komplett entglitten ist? Oder wollte er den Bruch zwischen dem christlichen Freimaurerorden und der Großloge AfuaM herbeizuführen; mit dem Ziel, dass einer oder sogar beide die VGL verlassen?

Egal, was die Motive von Bruder Klaus-Jürgen Grün auch gewesen sein mögen, der Kollateralschaden, den dieses Buch mit sich bringt, steht in keinem Verhältnis zu dem Nutzen, den es haben könnte. Es zeigt sich wieder mal: Der Zweck heiligt nicht die Mittel.

Weihnachtsbaum – Ein archetypisches Symbol?

WUNDERVOLLE KLEINE MOMENTE

Unbeholfen rückte sie ihren kleinen Kinderstuhl durch das Wohnzimmer. Bis er schließlich direkt vor dem Weihnachtsbaum stehen blieb. Und dann setzte sie sich auf den Stuhl und blickte ihn überwältigt an. Diesen Baum, der so prachtvoll geschmückt war. In dem so viele Lichter funkelten. Ehrfurchtsvoll berührte sie einzelne seiner Zweige. Ganz vorsichtig und ganz verstohlen. Auf ihrem Gesicht hatte sich ein Strahlen ausgebreitet, wie ich es bei ihr noch nie zuvor gesehen hatte. Der ganzen Situation wohnte eine tiefe Ruhe und Ergriffenheit inne.

Zwischen den Tagen besuchten wir Freunde. Natürlich stand auch bei denen ein Weihnachtsbaum im Wohnzimmer. Irgendwann bemerkten wir, dass unsere Tochter sich auf ein Kissen vor den Weihnachtsbaum gesetzt hatte. Wieder blickte sie ihn überwältigt an. Wieder dieses Strahlen in ihrem Gesicht. Als sie merkte, dass wir sie beobachten, guckte sie uns an, zeigte auf den Baum und rief freudestrahlend: „Weiha, Weiha!“ Ihr Wort für „Weihnachtsbaum“.

In beiden Situationen war er plötzlich wieder da: Dieser Kloß in meinem Hals. Für einen kurzen Moment traten mir die Tränen in die Augen. Es waren wieder welche von diesen unzähligen, kleinen, wundervollen Momenten, wie ich sie so oft erlebe, seitdem unsere Tochter auf der Welt ist.

Diese Weihnachtszeit war die erste Weihnachtszeit, die unsere Tochter bewusst erlebt hat. Und sie war es, die ein wenig des Weihnachtszaubers zurückholte, den ich seit meiner Kindheit nicht mehr gekannt hatte. Auch wenn mir bewusst ist, dass sie das alles in ein paar Wochen oder Monaten wieder vergessen haben wird. Es wird eine dieser Erinnerungen sein, die ich für sie bewahren werde. Und wenn sie möchte, werde ich diese Erinnerung einmal mit ihr teilen.

ARCHETYPISCHE BILDER UND SYMBOLE

Die beschriebenen Situationen warfen in mir die Frage auf, warum Weihnachtsbäume solch eine Faszination auf unsere kleine Tochter ausüben. Und das, obwohl sie noch gar nicht in der Lage ist, vom Verstand her zu begreifen, was es mit diesen Bäumen auf sich hat. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr reifte der Verdacht, dass es sich bei dem Weihnachtsbaum um ein archetypisches Symbol handeln könnte.

Archetypen sind Urbilder menschlicher Vorstellungs- und Handlungsmuster. Diese haben sich im Laufe der Menschheitsgeschichte tief im kollektiven Unterbewusstsein der Menschheit verwurzelt. Sie manifestieren sich in kraftvollen Bildern und Symbolen. Jeder Mensch verfügt über einen intuitiven Zugang zu diesen Bildern und Symbolen. Archetypen können im Inneren eines Menschen Resonanzen auslösen und Prozesse anstoßen, noch bevor der Verstand sie überhaupt begreift.

Das wohl ultimative archetypische Bild ist das vom Kreislauf des „Werden und Vergehen allen Lebens“. Leben wird einmal geboren; Leben stirbt irgendwann; und aus dem Tod heraus entsteht neues Leben. Ich kenne keinen archaischen Initiationsritus, keinen Mysterienbund, der dieses Bild nicht rituell oder in Symbole gekleidet aufnimmt und ausdrückt.

DUNKELHEIT UND TOD

Irgendwann gelangt dieser Kreislauf des Werdens und Vergehens allen Lebens im Reich des Todes und der Dunkelheit an. Die Zeit, in der die Nächte tief und lang sind. Die Zeit, in der der Winter das ganze Land in seinen frostigen Klauen gefangen hält. Die Zeit, in der die einstige Kraft der Sonne verblasst ist.

Und genau in dieser Zeit stellen wir den Weihnachtsbaum auf. Einen Nadelbaum, der sowohl im Sommer, als auch im Winter sein grünes Kleid trägt. Ein Symbol für das Leben inmitten des Todes. Und diesen Nadelbaum schmücken wir mit Lichtern, die wir entzünden. Ein Symbol für die Hoffnung auf die Wiedergeburt des Lichtes inmitten der tiefsten Dunkelheit. Lässt man diese Bilder in sich nachhallen, merkt man, was für machtvolle Dimensionen ihnen innewohnen.

Während ich diesen Artikel schrieb, wurde mir bewusst, dass das Symbol des Weihnachtsbaums und die freimaurerische Andreasloge ganz ähnliche Resonanzen in mir erzeugen. Die Andreasloge umfasst die Grade vier bis sechs innerhalb des Lehrgebäudes des christlichen Freimaurerordens bzw. des sogenannten „Schwedischen Systems“. Ich selbst habe aktuell den fünften Grad inne. Die dominierenden Themen der Andreasloge sind (die eigene) Dunkelheit und (der eigene) Tod. Und trotzdem sind auch die Hoffnung auf Aufrichtung und Licht in diesem Herrschaftsbereich der Dunkelheit und des Todes präsent. Entsprechend sind das Ritual sowie die Einrichtung des Tempels der Andreasloge gehalten.

EPILOG

Anfang Januar schmückten wir unseren Weihnachtsbaum wieder ab und stellten ihn zur Abholung an die Straße. Als ich mit meiner Tochter das erste Mal an ihm vorbeiging, weinte sie, als sie ihn sah und rannte zu ihm hin. Dann schien es, als versuchte sie ihn zu umarmen oder aber an möglichst vielen Stellen zu berühren. Schließlich wollte sie ihn an der Spitze wieder zurück nach Hause zu schleifen. Als das nicht gelang, wimmerte sie: „Weiha, Weiha?“ Sie trauerte um ihren geliebten Weihnachtsbaum. Doch dessen Zeit war vergangen…

Ist das die viel gerühmte freimaurerische Toleranz?

MAL WIEDER

Wie die Kesselflicker stritten sie untereinander. Freimaurer. In irgendeinem Online-Forum. Mal wieder. Es ging um die immer gleiche Frage: „Verträgt sich die Idee eines wie auch immer gearteten Gottes mit dem freimaurerischen Weg?“ „Oder ist sie sogar die Grundvoraussetzung für diesen Weg?“ Es ging kräftig unter die Gürtellinie. „Brüder“ aus unterschiedlichen Lehrarten fielen verbal über einander her. Und zerfleischten sich gegenseitig. In herablassender und überheblicher Weise wurde die „Rechtmäßigkeit“ des anderen in Frage gestellt. Und mit Füßen getreten. Mal wieder. Wenn das Brüderlichkeit bedeutet, will ich nicht wissen, wie Feindschaft aussieht…

Diese Art der Auseinandersetzungen hinterlassen Verwundungen. Und so habe ich in den Jahren, in denen ich nun schon ich Freimaurer bin, zu viele Freimaurer-Brüder kennengelernt, deren Idealismus an solchen Auseinandersetzungen zu zerbrechen drohte. Zu viele aufrichtige Freimaurer, die ernsthaft mit dem Gedanken gerungen haben, dieser Bruderschaft für immer den Rücken zu kehren. Wie bitter.

IDEALE?

Dabei trägt die Bruderschaft der Freimaurer doch so blumige und erhabene Werte wie „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität“ vor sich her. Stoisch, stolz, stur. Und gerade die Toleranz wird immer ganz besonders hoch aufgehängt. Hehre Ideale? Oder durch die Jahrhunderte ausgehöhlte Worthülsen?

Grundsätzlich bietet das Freimaurertum das ideale Übungsfeld, um solche Werte wie „Toleranz“ zu leben. Sollte man zumindest meinen. Denn im Freimaurertum kommen zwar sehr unterschiedliche, bisweilen auch gegensätzliche Strömungen zusammen. Das bürgt zunächst einmal ein enormes Spannungspotential in sich. Doch das, was die Bruderschaft der Freimaurer eint, sind Ritual und Symbolik. Beides kann sich natürlich je nach freimaurerischer Richtung deutlich voneinander unterscheiden. Doch Symbol und Ritual zielen auf ein emotional-intuitives Erleben ab. Und eben dieses Erleben sollte Verbindung genug sein, dass Freimaurer-Brüder aus unterschiedlichen Richtungen sich wertschätzend und auf Augenhöhe begegnen können.

INTOLERANZ DURCH DOGMATISMUS

Und in meinem direkten Umfeld habe ich auch viele Freimaurer kennen- und schätzen lernen dürfen, die aufrichtig darum ringen, Werte wie Toleranz in ihrem alltäglichen Leben auch zu praktizieren. Doch zu oft habe ich auch die andere Seite kennenlernen müssen, die der Bruderschaft der Freimaurer ebenfalls ausgeprägt innewohnt: Intoleranz durch Dogmatismus.

Laut Wikipedia versteht man unter einem Dogma „eine feststehende Definition oder eine grundlegende, normative Lehraussage, deren Wahrheitsanspruch als unumstößlich festgestellt wird“. Als Dogmatismus würde ich folglich das offensive Vertreten und Verbreiten eben dieses Dogmas beschreiben.

Meine Erfahrung ist: Dogmatismus bezieht sich ausdrücklich nicht nur auf religiöse Ansichten. Sondern ebenso auf nicht-religiöse und auf antireligiöse. Es ist einer der größten blinden Flecken von Humanismus und Atheismus, bei Dogmatismus mit dem Finger immer nur auf die Religion zu zeigen. Entscheidend ist nicht, welchen Standpunkt man vertritt, sondern wie man ihn vertritt.

Denn dieses widerliche Drecksvieh Dogmatismus trägt viele Masken. Es hat sich eingenistet in einer dualistischen Weltsicht, die alles in „Richtig und Falsch“, „Gut und Böse“, „Schwarz und Weiß“ kategorisiert. Und es fühlt sich am sichersten, wenn es alles, was nicht dieser Weltsicht entspricht, herabwürdigen, bekämpfen und bestenfalls gänzlich vernichten kann. Keine Lehre, keine Anschauung, die dafür nicht anfällig wäre. Da bildet das Freimaurertum leider keine Ausnahme.

Und Dogmatismus bringt immer Intoleranz mit sich. Egal, um welche Anschauung es auch geht. Wird eine einzelne Anschauung absolutiert, wird automatisch jede andere Anschauung herabgewürdigt. Und damit auch der Mensch, der ihr anhängt.

FREIMAURERISCHES GEHEIMNIS

Dabei sind doch das freimaurerische Ritual, die freimaurerische Symbolik und auch jegliche freimaurerische Lehraussage bestenfalls mit einer Tür zu vergleichen. Das, was den Wesenskern des Freimaurertums lehrartsübergreifend ausmacht, liegt hinter dieser Tür. Die Tür ist lediglich der Zugang. Und somit ausschließlich Mittel zum Zweck. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Das Problem ist, dass einige Freimaurer-Brüder diese Tür als absolut hinstellen. Sie bleiben vor oder in ihr stehen. Und verlieren sich darin, zu definieren, wie diese Tür auszusehen hat. Und als ob das nicht schon genug wäre, wird auch noch jeder angegriffen oder in Frage gestellt, der diese Tür anders wahrnimmt.

Doch das, was das Freimaurertum ausmacht, ist nicht diese Tür, sondern das Mysterium, das sich hinter dieser Tür verbirgt. Es ist das, was ich immer mehr schlecht als recht als das „Große Mysterium des Lebens“ zu umschreiben versuche. Und dieses Mysterium ist zu groß, zu umfassend und zu unfassbar, als dass man es mit dem Verstand begreifen, mit Worten beschreiben oder es gar dogmatisch definieren könnte. Es ist zu fragil und zu wundervoll, als dass man dogmatische Auseinandersetzungen darüber führen könnte oder sollte. Dieses Mysterium kann nur erlebt werden. Und dieses Erleben ist das eigentliche Geheimnis, der eigentliche Schatz des Freimaurertums. Doch diesen Schatz wird niemals heben, wer nicht über den Buchstaben der Lehrmeinung hinauswächst.

Und ich denke, es versteht sich von selbst, dass das Freimaurertum nur ein Zugang unter vielen zum Erleben dieses Mysteriums ist. Das wiederum macht diese kleinkarierten freimaurerischen Streitigkeiten noch lächerlicher, substanzloser und irrelevanter.

EINHEIT IN VIELFALT

Ich persönlich erlebe es jedes Mal als eine unheimliche Bereicherung, wenn ich Freimaurer-Brüder aus anderen Lehrarten kennenlerne, denen ich abspüre, dass sie durch die freimaurerische Symbolik und das freimaurerische Ritual mit eben diesem Großen Mysterium des Lebens in Berührung gekommen sind. Denn bei den Begegnungen mit diesen Brüdern geht es nicht mehr um die wahre Lehre oder die richtige Definition. Vielmehr findet ein Begegnen auf einer Ebene statt, die viel tiefer geht, als die verstandesgemäße. Und der Freimaurer-Bruder der anderen Lehrart stellt dann nicht mehr eine Gefahr für meinen eigenen Weg dar. Sondern er ist jemand, von dem ich lernen kann.

Das heißt im Umkehrschluss nicht, dass ich mir meiner eigenen freimaurerischen Verwurzelung nicht bewusst wäre. Oder dass ich diese aufgebe. Ganz im Gegenteil. Bewusst habe ich mich für die christlich-spirituelle Richtung des Freimaurertums entschieden und nicht für die wesentlich größere, vorwiegend humanistisch geprägte. Und je tiefer ich in das Ritual und die Symbolik des Christlichen Freimaurerordens eintauche, desto mehr bestätigt mich das in meiner Entscheidung.

Von einer klaren Verwurzelung aus kann ich auf die anderen Richtungen des Freimaurertums zugehen und mich auf sie einlassen. Ich kann diese als gleich-berechtigt und gleich-wertvoll würdigen. Und ich bin offen dafür, dass diese meinen eigenen freimaurerischen Weg bereichern können. Das alles aber, ohne mich und meinen eigenen Weg zu verleugnen. Genau das ist gelebte Toleranz für mich. Denn Toleranz bedeutet nicht Gleichgültigkeit oder Beliebigkeit. Toleranz findet für mich seinen Ausdruck in dem oft strapazierten Satz. „Einheit durch Vielfalt“. Und dieser setzt eine klare Verortung und ein offenes Herz voraus.

EPILOG: TOLERANZ AUF FREIMAURERGEDANKEN.COM

Nach der eingangs geschilderten Auseinandersetzung kamen der freimaurerische Blogger Rene Schon und ich mal wieder in den Austausch. Wir sind beide Mitglieder des besagten Online-Forums. Und wir hatten beide das zweifelhafte Vergnügen, diese leidliche Auseinandersetzung live miterleben zu dürfen.

Rene Schon geht den freimaurerischen Weg als bekennender Atheist. Und damit stellt er sozusagen den kompletten Gegenentwurf zu mir dar. Über das Bloggen haben wir uns kennen und schätzen gelernt. Rene hilft mir zu verstehen, wie Freimaurer, die an keine wie auch immer geartete Göttlichkeit glauben, Zugang zur freimaurerischen Symbolik und zum freimaurerischen Ritual finden. Und so hat sich über alle zeitliche und örtliche Distanz hinweg über das brüderliche Verhältnis hinaus auch eine Freundschaft entwickelt.

Besagte Auseinandersetzung ließ bei uns beiden einen ganz faden Beigeschmack zurück. Irgendetwas zwischen Frustration und Resignation. Es schrie förmlich danach, niedergeschrieben zu werden. Und so näherte sich Rene diesem Thema aus seiner humanistisch geprägten freimaurerischen Perspektive an und ich aus meiner christlich-spirituellen geprägten.

Ich möchte Euch Renes Artikel zum Thema Toleranz ebenso ans Herz legen. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich seine Perspektive und meine Perspektive gegenseitig ergänzen und vervollständigen. Doch lest selbst: https://freimaurergedanken.com/2017/11/15/freizeit-toleranz/

Initiation und Noviziat

Freitag, der 13.10.2017 war für mich persönlich ein ganz besonderer Tag. Es war der 710. Jahrestag der gewaltsamen Auflösung des Tempelritterordens. Und an diesem Tag haben wir einen Suchenden (einen Nicht-Freimaurer, der Freimaurer werden will), den ich als Paten begleite, im Rahmen einer rituellen Tempelarbeit in unsere Johannisloge „Carl zum Felsen“ aufgenommen. Das heißt, dass ich ihn auf seinem Weg ins Freimaurertum hinein und auch auf seinem Weg durch die ersten drei Johannisgrade des Freimaurertums im ganz besonderen Maße begleite und beistehe.

Wie der Zufall (sofern es ihn denn gibt) es so wollte, war ich an diesem Tag dran, im Rahmen dieser Tempelarbeit auch den Vortrag zu halten. Einen Vortrag, den ich ganz persönlich auf den Suchenden zuschneiden konnte und für den ich anschließend sehr positives Feadback erhalten habe. Daher will ich auf meinem Blog mal etwas Neues wagen und diesen Vortrag hier unverändert veröffentlichen (ich habe lediglich die Personalien des Suchenden durch „xxx“ ersetzt):

„Es hat Hände, die beschützen,
Hände, die heilen.
Was es sagt, ist unaussprechlich,
es lebt zwischen den Zeilen.

Es erträumte diese Welt,
ist Erbauer und Zerstörer.
Es ist der Atem allen Atems,
es bringt den Tod, doch ist kein Mörder.

Es nimmt Dich mit auf Reisen
in den Weltraum Deiner Seele.
Es lässt Dich nach Dir suchen,
lässt uns spüren, dass wir leben.

Es kennt jedes Geheimnis,
es redet, doch bleibt stumm,
es enthüllt nicht seine Wahrheit,
es bleibt Mysterium.“

Hochwürdiger Meister,
würdige und geliebte Brüder,
lieber Bruder xxx!

Die Zeilen, die ich gerade vorgelesen habe, kennst Du wahrscheinlich bereits. Sie stammen aus der Feder der Rockband „Böhse Onkelz“. Doch wovon singen sie, wenn sie Worte benutzen wie „Es ist der Atem allen Atems“, „Es nimmt Dich mit auf Reisen in den Weltraum Deiner Seele. Es lässt Dich nach Dir suchen, lässt uns spüren, dass wir leben“ oder „Es redet, doch bleibt stumm“, „Es bleibt Mysterium“?

Ich glaube, die Böhsen Onkelz versuchen da etwas in Worte zu fassen, was viel zu groß und viel zu umfassend ist, als dass man es mit Worten beschreiben könnte. Etwas, das mit dem Kopf nicht verstanden werden kann, sondern erlebt werden muss. Ich würde es als „Mysterium des Lebens“ umschreiben. „Das große Geheimnis des Lebens“.

Interessanterweise verfügten alle alten, vorinstitutionellen Kulturen über archaische Initiationsriten für ihre jungen Männer. Eine Aufgabe dieser Riten war es, den jungen Mann in genau dieses große Mysterium des Lebens einzuweihen.

Auch das, was Du, lieber xxx, hier heute erlebt hast, ist ein Initiationsritus. Du bist eingeweiht worden. Und das in zweierlei Weise. Zum einen bist Du aufgenommen worden in den christlichen Freimaurerorden. Zum anderen hast Du den ersten Schritt gemacht auf einem Initiationsweg, der sich über zehn Grade erstreckt. Ich gebe zu, man muss lange suchen, um zu den archaischen Wurzeln Deiner heutigen Initiation zu gelangen. Denn der Aufnahmeritus in den Freimaurerorden ist sehr gezähmt, sehr geordnet und mit Symbolik nahezu überfrachtet.

Als ich aufgenommen worden war, war ich ein wenig enttäuscht. Denn das rituelle Erleben hatte ich nicht als so mächtig erlebt, wie die Brüder es mir auf den Gästeabenden immer vorgeschwärmt hatten. Und dann war ich etwas überfordert von dieser Flut an Zeichenhandlungen und Symbolen, die da über mich hereingebrochen war. Ich fühlte mich, als säße ich vor einem großen Haufen Fragezeichen. Es waren eher einzelne, kleine Momente meiner Aufnahme, die mich berührt hatten und in mir noch nachklingen sollten.

Ich weiß nicht, lieber xxx, wie es Dir gerade geht. Nimm Dir Zeit, um das, was heute mit Dir passiert ist, sacken zu lassen. Bist Du enttäuscht von Deiner Aufnahme? Bist Du tief bewegt? Oder weißt Du noch gar nicht, wie Du Dich fühlen sollst? Das alles ist in Ordnung. Jede Emotion hat ihre Berechtigung.

Eine uneingeschränkte Zusage kann ich Dir allerdings machen: Egal wie Du Dich fühlst und egal, was Du auch fühlst: Ab heute bist Du Teil des christlichen Freimaurerordens. Das kann Dir keiner mehr nehmen. Punkt. Ich betone ganz bewusst, dass Du in einen Orden aufgenommen worden bist. Das hier ist kein humanistischer Philosophier-Club. Das hier ist ein geistlich-spiritueller Orden. Und dieser steht auf dem Fundament der Lehre Jesu Christi, wie sie im neuen Testament der Bibel überliefert ist und wie man sie auch im apokryphen Thomasevangelium wiederfindet.

Wenn Du diese Idee des „christlichen Ordens“ bis zu ihren Wurzeln zurückverfolgst, wirst Du irgendwann auf die christlichen Mönchsorden im Zeitalter der Romanik stoßen. Insbesondere der Orden der Benediktiner ist hier hervorzuheben. Denn unter anderem dieser Orden war es, der damit begann, sakrale Kloster-Bauten zu errichten. Und aus diesen bauenden Mönchen gingen schließlich die Bauhütten hervor, die die Sakralbauten des Mittelalters erschufen. Und von diesen wiederum hat das Freimaurertum einen Großteil seiner Bilder und Symbole übernommen.

Der andere Orden, auf den Du stoßen wirst, ist der Tempelritterorden. Der Logenmeister deutete dies an, als er Dich zum „Freimaurer-Ritter“ aufnahm. Es ist der Orden, der aus Mönchs-Rittern bestand. Dessen Anfänge eng mit dem salomonischen Tempel in Jerusalem verknüpft sind. Und exakt heute vor 710 Jahren ist er auf hinterhältige Weise vernichtet worden. Du, lieber xxx, warst es, der mich auf diese Bedeutung, die dem heutigen Tage innewohnt, aufmerksam machtests, als wir uns über Deine Aufnahme unterhielten. Und ich kann Dir versprechen: Je höher Du in den Graden des Freimaurerordens aufsteigst, desto mehr wird sich auch die Idee der christlich-spirituellen Ritterschaft des Templerordens herausbilden.

Doch jetzt bist Du im Grad des Johannislehrlings. Vergleicht man den christlichen Freimaurerorden mit besagten Mönchs- und Ritterorden, so hat für Dich heute Deine Zeit als Novize begonnen. Das heißt: Ordne Dich unter. Beobachte. Und stelle Fragen. Sei offen und lerne. Nutze den Grad des Johannislehrlings als Dein persönliches Noviziat. Lerne ein Lernender zu sein. Und bewahre Dir diese Fähigkeit für den Rest Deines Lebens.

Zwei Sachen sind von nun an besonders wichtig auf Deinem Weg: Das freimaurerische Ritual und die freimaurerische Literatur dazu. Das Ritual soll Deine emotional-intuitive Seite berühren und die Literatur Deine rational-verstandesgemäße. Herz und Verstand. Oder Gewissen und Vernunft, wie es hier im Ritual genannt wird. Nur, wenn Du auch diese beiden Seiten bedienst, wirst Du freimaurerisch wachsen.

Daher: Besuche das Ritual. Zunächst wird es sich noch ungewohnt, fremd und unsicher anfühlen. Doch mit zunehmender Dauer wirst Du in diesem Ritual ankommen und Dich in diesem Ritual heimisch fühlen.

Und: Lies, was Dir an Literatur an die Hand gegeben wird. Du wirst nachher ein Heft von Otto Hieber erhalten. Otto Hieber ist ein Bruder, der von 1840 bis 1930 lebte und sich die Mühe gemacht hat, unser Ritual und unsere Symbolik auszulegen. Es gibt Brüder, die sich davor drücken, den Hieber zu lesen und begründen dies gerne damit, dass dieser so kompliziert geschrieben sei. Ich kann Dir nur empfehlen, Dich auf den Hieber einzulassen. Denn er gibt Dir eine erste Ahnung davon, was wir hier im Ritual machen. Er gibt Dir die erste Richtung vor. Er gießt sozusagen das Fundament Deines freimaurerischen Weges. Und wenn das Fundament irgendwann gelegt ist, wirst Du feststellen, dass es noch andere Auslegungen des Rituals gibt, die ebenfalls ihre Berechtigung haben. Und Du wirst lernen, die Interpretationen des Hieber kritisch zu hinterfragen.

Doch am allerwichtigsten, lieber xxx, ist: Nimm Dir die Zeit und die Ruhe nachzufühlen, welche ganz eigenen Resonanzen Symbol und Ritual in Deinem Innern hervorrufen. Dies hat mindestens die gleiche Berechtigung, wie alles, was andere über das Ritual schreiben oder erzählen. Höre tief in Dich hinein.

Denn eins kann ich Dir hier und jetzt offenbaren: Alles, was Du heute äußerlich rituell erlebt hast und was Du auch später äußerlich rituell erleben wirst, ist letztendlich ein Bild für Vorgänge, die sich in Deinem Inneren vollziehen sollen. Symbol und Ritual drücken letztendlich einen inneren Weg aus.

Lieber Bruder xxx, es sind heute eine Menge Worte zu Dir gesprochen worden. Es sind Dir eine Menge Symbole begegnet. Und es sind eine Menge rituelle Handlungen an Dir vollzogen worden. Auf Deinem weiteren freimaurerischen Weg wirst Du Dir nach und nach erschließen, was da heute mit Dir passiert ist.

Drei Dinge habe ich mit meinen Worten in diesem Vortrag versucht, Dir mit auf den Weg zu geben. Nämlich:
– Gehe Deinen freimaurerischen Weg mit Emotion und Ratio, mit Gewissen und Vernunft, mit Herz und Verstand.
– Lerne ein Lernender zu sein und zu bleiben.
– Lerne, sämtliche Symbole und die Rituale als etwas zu verstehen, was sich in Deinem Inneren vollziehen soll.

Vielleicht wirst Du dann auf Deinem freimaurerischen Weg mit dem in Berührung kommen, was ich zu Beginn als „Mysterium des Lebens“ versucht habe zu umschreiben. Das, was die Böhsen Onkelz wie folgt umschreiben:
„Es nimmt Dich mit auf Reisen,
in den Weltraum Deiner Seele.
Es lässt Dich nach Dir suchen,
lässt uns spüren, dass wir leben.
Es kennt jedes Geheimnis,
es redet, doch bleibt stumm,
es enthüllt nicht seine Wahrheit,
es bleibt Mysterium.“

Oder wie die Böhsen Onkelz an anderer Stelle singen:
„Das Leben war die Antwort
und ich stellte viele Fragen,
und dieses endlose Geheimnis
hatte unendlich viel zu sagen.“

Es geschehe also!

Freimaurertum benötigt Spiritualität und Gottesbezug

FREIMAURERTUM UND GOTT - EIN VORWORT (ZU TEIL 3/3):

Keine Frage ist so geeignet, heftigste Diskurse innerhalb des Freimaurertums auszulösen, wie die Frage nach Gott. Vereinfacht und überspitzt reichen die Positionen von "man kann nur ein Freimaurer sein, wenn man an einen wie auch immer gearteten Gott glaubt" bis hin zu "man kann nur ein Freimaurer sein, wenn man nicht an einen Gott glaubt".

Für die Leser meines Blogs ist es nicht schwer, mich innerhalb dieser Diskussion zu verorten: Für mich bedingt der Weg eines Freimaurers die Vorstellung eines Gottes; wenn auch nicht im dogmatischen Sinne. Diese Position hat ihre Berechtigung, ist aber nicht die einzig mögliche.

In zwei Blogartikeln hatte ich die Gelegenheit geben, auch die Positionen zu Wort kommen zu lassen, die sich nicht mit meiner Position decken oder dieser sogar konträr gegenüberstehen. Hierfür hatte ich die Freimaurer und Blogger Rene Schon und Jürgen Scheffler gewinnen können. Beide gehen den Weg des Freimaurers als bekennende Atheisten.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Frage nach Gott nicht nur geeignet ist, Kontroversen innerhalb des Freimaurertums auszulösen, sondern auch aufzuzeigen, welche Vielfalt innerhalb des Freimaurertums möglich ist. Wenn der Leser nach den beiden Artikel von Rene Schon und Jürgen Scheffler meinen Artikel zum Thema gelesen haben wird, wird er eine Vorstellung davon haben, über welche Bandbreite das Freimaurertum verfügt…

Doch genug der Worte. Vorhang auf für den letzten Teil; meinen eigenen Beitrag…

FREIMAURERTUM BENÖTIGT SPIRITUALITÄT UND GOTTESBEZUG

Für mich ist ein Freimaurertum ohne Gottesbezug schlichtweg nicht vorstellbar. Mein Eindruck ist, dass sich das freimaurerische Ritual und die freimaurerische Symbolik nur dann in ihrer ganzen Tiefe entfalten können, wenn man sich auch auf die esoterisch-spirituelle Dimensionen einlässt, die diesen innewohnt.

WENN ICH VON GOTT SPRECHE

Doch bevor ich mich aufmache, diese These zu belegen, sollte ich zunächst einmal umreißen, wovon ich überhaupt ausgehe, wenn ich diesen mächtigen und absolut missverständlichen Begriff „Gott“ gebrauche. Oder besser: Wovon ich eben nicht ausgehe.

Meines Erachtens ist Gott zu groß und zu umfassend, als dass ich ihn auch nur ansatzweise erkennen oder gar begreifen könnte. Ich glaube, Gott hat den Menschen der unterschiedlichen Kulturen zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Aspekte von sich offenbart. Die monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – beispielsweise stellen Gott als personales Gegenüber in den Mittelpunkt. Ein Gott, der einen Willen hat, mit dem man kommunizieren kann und mit dem man eine Beziehung führen kann. Die unterschiedlichen Naturvölker betonen Gott als in der Natur offenbart. Die Mystiker der verschiedenen Religionen erleben Gott eher als Seins-Form, die alles durchzieht und umspannt und gleichzeitig im Inneren eines jeden Einzelnen existiert. Die spirituelle Lehre der Kabbalah bezeichnet Gott unter anderem als Urlicht. Hier trägt jeder Mensch einen Funken dieses Lichtes – den göttlichen Funken – in sich. In buddhistisch geprägten Vorstellungen ist Gott vielleicht am ehesten mit einer Art Energie vergleichbar. Wahrscheinlich gibt es so viele Gottesvorstellungen wie es Menschen gibt. Und jede dieser Gottesvorstellungen ist wahr. Aber keine dieser Vorstellungen ist absolut. Setzt man sie wie einzelne Puzzleteile aneinander, kann man eine Ahnung davon bekommen, wie Gott sein könnte.

Das Geschriebene verdeutlicht, dass es sich mir verbietet, über Gott dogmatisch theologische Aussagen zu treffen. Jede dogmatische Festlegung limitiert Gott. Wenn ich im Folgenden von Gott spreche, rede ich niemals von theologisch absoluten Glaubenssätzen. Ich bin mir bewusst, dass alles, was ich von Gott erkenne, niemals abschließend sein kann. Und ich bin mir bewusst, dass es ganz sicher andere Menschen gibt, die Facetten über Gott erkannt haben, die ich vielleicht noch nicht einmal erahne. Daher ist es eine meiner Lebensaufgaben, offen dafür zu bleiben, dass Gott sich jeder Zeit auf eine Art und Weise offenbaren kann, die ich niemals für möglich gehalten hätte.

Das vorausgesetzt, will mich an die Frage heranwagen, warum das Freimaurertum meines Erachtens immer auch eine spirituelle Dimension hat und daher einen Gottesbezug benötigt. Hierfür beginne ich mit einem kurzen Blick in die Geschichte des Freimaurertums.

VORLÄUFER DES HEUTIGEN FREIMAURERTUMS

Unumstritten ist, dass sich das Freimaurertum – wie wir es heute kennen – aus den Steinmetzbruderschaften der Bauhütten des Mittelalters herleitet und bei beidem einen Großteil seiner Bilder und Symbole entlehnt. Das gilt insbesondere für die ersten drei Grade der Johannisloge.

Die Vorläufer der Bauhütten wiederum sind im Mönchstum der Epoche der Romanik zu suchen. Hier ist insbesondere der Benediktinerorden zu nennen. Diese begangen bereits in der Vorromanik damit, die eigenen Klosteranlagen – insbesondere die klösterlichen Sakralbauten – zu erbauen. In der Romanik entwickelten sich diese „bauenden“ Mönche zu „reisenden“ Mönchen. Sie reisten von Klosterbaustelle zu Klosterbaustelle, um Klosterkirchen zu errichten. Unklar ist heute lediglich, ob die Mönche selber mit Hand anlegten oder ob sie die Bautätigkeiten koordinierten und überwachten. Aus diesen reisenden Mönchen wiederum gingen die Bauhütten und Steinmetzbruderschaften hervor, die im Mittelalter die gotischen Sakralbauten erschufen. Diese existierten und wirkten mit zunehmender Dauer organisatorisch unabhängig von den Mönchsorden.

Dies zeigt, dass das mittelalterliche Bauhandwerk tief verwurzelt war in der monastischen Spiritualität des Christentums. Es wäre eine künstliche Trennung, davon auszugehen, dass diese Bautätigkeiten keinen spirituellen Bezug bzw. keine spirituelle Ausrichtung gehabt hätten. Da ändert auch die Feststellung, dass die mittelalterlichen Bauleute ganz gewiss nicht nur sakrale Gebäude, sondern auch profan genutzte Gebäude errichtet haben, nichts dran.

ENTWICKLUNG ZUM HEUTIGEN FREIMAURERTUM

Am Johannistag des Jahres 1717 schließlich wurde in England die erste Großloge gegründet. Bis heute gilt dieser Tag als offizielles Gründungsdatum des noch heute existierenden Freimaurertums. Interessant hierbei ist, dass sich diese Großloge gründete, indem sich vier bereits existierende Logen zusammenschlossen. Daraus folgt, das bereits vor der offiziellen Gründung des Freimaurertums Freimaurerlogen existiert haben müssen.

Der Übergang von den praktisch bauenden Steinmetzbruderschaften des Mittelalters zum heutigen Freimaurertum ist von der offiziellen Geschichtsschreibung allerdings nur schwer nachzuzeichnen. Als sicher gilt, dass es einen, mehrere Jahrhunderte dauernden Prozess gab, in dessen Verlauf – aus unterschiedlichen Gründen – zunehmend Mitglieder in die Steinmetzbruderschaften aufgenommen wurden, die beruflich nicht dem praktizierenden Bauhandwerk entstammten.

Dies brachte zwei Entwicklungen mit sich: Zum einen änderte sich die Struktur der Mitglieder. Zum anderen wandelte sich die Tätigkeit des äußeren Erschaffens eines Bauwerkes hin zu einem im Inneren des Menschen stattfindenden Vorgang. Aus den praktisch bauenden Steinmetzbruderschaften wurde das heutige, sogenannte „spekulative“ Freimaurertum.

FREIMAURERISCHES RINGEN

Dieser nicht klar umreißbare Geburtsprozess des spekulativen Freimaurertums fiel mit den Epochen der Renaissance und der Aufklärung in eine äußerst spannende und von gegensätzlichen Strömungen geprägte Zeit. Grob vereinfacht stand das rational geprägte Postulat der Vernunft mit der Idee, dass der Mensch sich durch den Gebrauch des eigenen Verstandes aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien habe, auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite schossen die unterschiedlichsten mehr oder weniger geheimen Verbindungen, Gesellschaften und Bünde, die sich um mehr oder weniger okkultes, esoterisches, spiritistisches oder mystisches Geheimwissen rankten, wie Pilze aus dem Boden.

Diese widerstreitenden gesellschaftlichen Strömungen fanden natürlich auch Eingang ins Freimaurertum. So wurden Freimauerlogen auf der einen Seite zu Orten der freien Meinungsäußerung, wo im geschützten Rahmen die revolutionären Ideen der Aufklärung diskutiert werden konnten. Gleichzeitig aber wurden Freimaurerlogen zu Orten, an denen Symbol und Ritual ein mystisches Erleben ermöglichten. Das gesellschaftliche Ringen zwischen Ratio und Intuition war in den Logen wie unter dem Brennglas zu erleben.

Leider war nicht immer der Wille und die Kraft vorhanden, dieses Spannungsfeld auszuhalten. Und so ringt das Freimaurertum seit seiner Gründung darum, was denn nun das rechtmäßige – sprich: „reguläre“ – Freimaurertum ausmacht und was nicht. Überspitzt und stark vereinfacht findet dieses freimaurerische Ringen zwischen den beiden folgenden Polen statt:

Den ersten Pol würde ich am ehesten als „humanistisches Freimaurertum“ umschreiben. Für diesen sind die drei ersten Grade der Johannismaurerei relevant. In diesen Graden erfolgt die Auseinandersetzung mit sich selbst, mit „der Welt da draußen“ und im dritten Grad schließlich die Konfrontation mit dem eigenen Tod. Dieser freimaurerische Weg ist beinahe ausschließlich auf das Diesseits ausgerichtet und eher rational geprägt. Er dreht sich vor allem um die Frage eines ethisch-moralischen Lebenswandels.

Den anderen Pool würde ich am ehesten als „esoterisch-spirituelles Freimaurertum“ umschreiben. Dieser baut auf den beschriebenen drei Johannisgraden in Form von unterschiedlichen weiterführenden Graden auf. Hier werden die Inhalte der ersten drei Grade aufgenommen, vertieft und um ihre esoterisch-spirituelle Dimensionen erweitert. Neben der Frage eines ethisch-moralischen Lebenswandels wird Freimaurertum hier auch als esoterisch-spiritueller Erkenntnisweg verstanden.

Wo zwischen diesen beiden Polen man sich verortet, kann ein jeder Freimaurer nur für sich selbst entscheiden. Und ich habe für beide dieser gegensätzlichsten Positionen nachvollziehbare und gut begründete Ausführungen lesen dürfen. Mein Eindruck ist, dass jeder Freimaurer der Argumentationslinie folgt, in der er sich am ehesten wiederfindet und die er am ehesten nachvollziehen kann.

DER CHRISTLICHE FREIMAURERORDEN

Die beschriebenen Entwicklungen führten dazu, dass es heute in Deutschland drei eigenständige und ganz unterschiedliche deutsche Großlogen gibt: Die „Großloge der Alten Freien und Angenommenen Freimaurer von Deutschland“ (AFuAM), „Die Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland“ (Freimaurerorden) sowie die „Große National-Mutterloge Zu den drei Weltkugeln“ (3WK). Diese finden sich neben weiteren Logen unter dem Dach der „Vereinigten Großlogen von Deutschland“ zusammen.

Besonders erwähnen möchte ich hiervon die AFuAM. Denn diese ist von der Mitgliederzahl her die mit Abstand größte der Großlogen. Die AfuaM bearbeitet ausschließlich ersten drei Grade der Johannisloge und ist vor allem humanistisch geprägt.

Ich selbst gehöre der zweitgrößten Großloge, dem Freimaurerorden, an. Dieser ist explizit christlich ausgerichtet. Jesus Christus, wie ihn die Bibel überliefert, wird hier als Obermeister angesehen. Er verkörpert das Ideal für jeden Ordensbruder. Dies gilt sowohl für den spirituellen Weg, den er gegangen ist; als auch für sein ethisch-moralisches Handeln. Weiter ist das gesamte Ritual auf Gott (wie jeder einzelne ihn für sich auch verstehen mag) ausgerichtet. Der Weg des Ordensfreimaurers erstreckt sich über 10 Grade.

Wenn ich im Weiteren auf den Inhalt des freimaurerischen Rituals und die Ausrichtung des freimaurerischen Weges eingehe, dann ist es wichtig im Hinterkopf zu behalten, dass ich hierbei von dem ausgehe, was mir im Christlichen Freimaurerorden begegnet. Für die anderen Richtungen kann ich nicht sprechen, weil ich dort nicht in der Tiefe drinstecke. Weiter muss berücksichtigt werden, dass ich aus der Sicht eines Freimaurers schreibe, der den 3. Grad – nämlich den des Johannismeisters – inne hat.

EINWEIHUNG UND RÜCKVERBINDUNG

Steigt man tiefer in das freimaurerische Ritual ein, merkt man schnell, dass es sich hierbei um einen althergebrachten Initiationsritus handelt. Versucht man diesen zu seinen Ursprüngen zurück zu verfolgen, so entdeckt man zunächst markante Parallelen zu den Initiationsriten der Mysterienbünde des Altertums. Einzelne Elemente des freimaurerischen Initiationsritus sind aber noch wesentlich älter. Sie finden sich bereits bei den archaischen Initiationsriten der Urvölker.

Ebendiese archaischen Initiationsriten hat der Franziskaner-Pater Richard Rohr Zeit seines Lebens studiert. Und hierbei machte er ganz interessante Entdeckungen: Unabhängig davon, in welcher Kultur der jeweilige Initiationsritus durchgeführt wurde, verfügte er über dieselben zentralen Wesensmerkmale: So galt es zunächst das egodominierte Falsche Selbst des Initianten zu erschüttern und sterben zu lassen. Dieses Sterben der alten Natur des Initianten wurde in dramatischer und kraftvoller Weise vollzogen. Auf den grausamen Tod erfolgte schließlich die machtvolle Auferstehung. Im Idealfall war durch dieses Ritual ein neuer Mensch geboren. Ein Mensch, der eingeweiht war in das „Große Mysterium des Lebens“; dadurch, dass er zurückverbunden worden war in die (spirituellen) Kreisläufe und Gesetzmäßigkeiten der Schöpfung. Ein Mensch, der in Berührung gekommen war mit seinem Wahren Selbst.

Dies zeigt, dass Initiationsriten immer über den kleinen menschlichen Ego-Horizont hinausweisen. Auf das „absolut Gute“. Auf das, was größer und umfassender ist, als es die egomane Natur des Menschen je sein könnte. Und in diesem „Großen Ganzen“ offenbart sich das, was der Mensch seit jeher „Gott“ nennt. Daher verweist ein Initiationsritus im Idealfall in letzter Konsequenz immer auch auf Gott. Täte er dies nicht, bliebe das launenhafte und selbstfixierte Ego des Menschen die einzige Richtschnur und der einzige Bezugspunkt im Ritual.

Die Idee, dass eine „Einweihung“ notwendig ist, um den Menschen „zurück zu verbinden“, impliziert, dass es mal einen Zustand gegeben haben muss, in dem der Mensch „verbunden“ war. Ein Zustand der Ursprünglichkeit, in dem der Mensch „eins“ war mit dem „Großen Mysterium“. Dieser Zustand ist verlorengegangen. Aus diesem Zustand ist der Mensch herausgefallen. Mythen wie die der Vertreibung aus dem Paradies im Alten Testament der Bibel erzählen uns davon. Initiation setzt im positivsten Falle genau an diesem Punkt an. Sie setzt den „Guten Anfang“, damit der Mensch sich auf den Weg machen kann. Auf seinen Weg nach hause. Auf seinen Weg zurück zur Vereinigung mit seinem Ursprung.

Und genau dieses Wissen hat der Christliche Freimaurerorden meines Erachtens bewahrt. Das Ziel des Weges des Ordensfreimaurers ist die Vereinigung mit seinem Ursprung. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch sämtliche Grade, Symbole und Rituale. Und das, was ich als „Großes Mysterium“ und als „spirituelle Kreisläufe und Gesetzmäßigkeiten der Schöpfung“ beschreibe, wird im Freimaurerorden als „Göttliche Ordnung“ bezeichnet. An entscheidender Stelle ergeht im Ritual die Aufforderung an den Ordensfreimaurer, Gott die Ehre zu geben und sich in die göttliche Ordnung stellen. Es wird unmissverständlich klarstellt, dass es nicht das menschliche Ego ist, das hier im Mittelpunkt steht. Das Ritual des Freimaurerordens weist somit weit über das egodominierte Falsche Selbst des Menschen hinaus. In letzter Konsequenz weist es auf Gott. Auf Gott, den Ursprung allen Seins.

DIE ALTEN PFLICHTEN

Die Wurzeln des Freimaurertums sind folglich im Spirituellen zu suchen. Ein wie auch immer gearteter Gottesbezug war immer gegeben. Spätestens jedoch im spekulativen Freimaurertum ging dieses spirituelle Erbe eine Symbiose mit den Ideen der Aufklärung und des Humanismus ein. Zwei so gegensätzliche Richtungen in sich zu vereinen, ist jedoch nur dann möglich, wenn ein Weg gefunden wird, keine der beiden dogmatisch oder absolut zu verstehen. Das gilt für die spirituelle Seite genauso wie für die humanistische.

Einen wegweisenden und nachhaltig prägenden Ansatz, wie dies funktionieren könnte, verfasste der Reverend und Prediger an der Kirche der schottischen Presbyterianer in London, James Anderson, im Jahre 1723 in den sogenannten „Alten Pflichten“. Hierbei handelt es sich um „die erste gedruckte und veröffentlichte Sammlung von Gesetzen und Konstitutionen (Regeln) der Freimaurer“. Im Abschnitt „Von Gott und der Religion“ schreibt er dort etwas nieder, was noch heute tief in der DNA eines jeden Freimaurers verankert ist, dem ich bisher begegnet bin:

„Der Maurer ist als Maurer verpflichtet, dem Sittengesetz zu gehorchen; und wenn er die Kunst recht versteht, wird er weder ein engstirniger Gottesleugner, noch ein bindungsloser Freigeist sein. In alten Zeiten waren die Maurer in jedem Land zwar verpflichtet, der Religion anzugehören, die in ihrem Lande oder Volke galt, heute jedoch hält man es für ratsamer, sie nur zu der Religion zu verpflichten, in der alle Menschen Übereinstimmen, und jedem seine besonderen Überzeugungen selbst zu belassen.“

Besonders bemerkenswert finde ich hierbei die Idee der „Religion, in der alle Menschen übereinstimmen“. Es ist augenscheinlich, dass hiermit keine dogmatisch verstandene Religion gemeint sein kann. Denn wenn es um dogmatische Glaubenssätze und theologische Lehrgebäude geht, dann stimmen die Menschen nicht überein. Das sehen wir tagtäglich um uns herum. Und das seit Menschengedenken. Unterschiedliche Religionen, sprechen sich gegenseitig die Rechtgläubigkeit ab. Und innerhalb dieser Religionen wiederum sprechen sich unterschiedliche Richtungen gegenseitig die Rechtgläubigkeit ab. Und im Zweifel wird dies gewaltsam ausgetragen. Wahrscheinlich wurde in der Geschichte der Menschheit wegen keinen Anschauungen so viel Blut vergossen, wie wegen der religiösen. Nein, wenn von der „Religion, in der alle Menschen übereinstimmen“ gesprochen wird, kann keine wie auch immer geartete dogmatische Theologie gemeint sein.

EIN MYSTISCHER GOTTESBEGRIFF

Mich erinnert die Idee der „Religion, in der alle Menschen übereinstimmen“ an ein Gottesverständnis, wie man es oft bei den Mystikern der verschiedenen Religionen vorfindet. Denn in der Mystik wird Gott eher als ein universelles Sein verstanden, das die Schöpfung vollständig durchdringt. Und da jeder Mensch den Zugang zu diesem „Sein“ in seinem tiefsten Innersten trägt, ist die Mystik in erster Linie von spirituellem Erleben geprägt. Weniger durch theologische Glaubenssätze. Und ähnlich den Initiationsriten hat auch die mystische Erfahrung das Potential, den Menschen von innen heraus zu transformieren. Die Erfahrungen der Mystiker gleichen sich auffällig. Unabhängig davon, welcher Religion sie angehören. Denn das mystische Erleben geht weit über die Theologien und Dogmen der einzelnen Religionen hinaus. Die Mystiker der verschiedenen Religionen eint ihre mystische Erfahrung und das daraus resultierende Bewusstsein. Auch wenn die dogmatischen Aussagen der jeweiligen Religionen, denen sie angehören, sich konträr gegenüberstehen.

Es ist daher auch nicht erstaunlich, dass die Mystiker in ihren Religionen oftmals nur ein Randdasein fristeten oder – wie im Fall von Meister Eckhart – gar exkommuniziert wurden. In der heutigen Zeit sind die Mystiker des Islam – die Sufis – regelmäßig das Ziel islamistischer Terrorakte.

Wenn es tatsächlich so ist, dass sich die Idee der „Religion in der alle Menschen übereinstimmen“ von der Gottesvorstellung der (in diesem Fall christlichen) Mystiker ableitet, wäre dies ein weiteres Indiz für die spirituellen Wurzeln des Freimaurertums. Der gemeinsame Ausgangspunkt könnte wie bei den Vorläufern des mittelalterlichen Bauhandwerks wieder das christliche Mönchstum sein. Gingen aus ihm doch nahezu alle christlichen Mystiker hervor.

SUPREME BEING UND DREIFACH GROßER BAUMEISTER

Aus der Idee der „Religion in der alle Menschen übereinstimmen“ leitete sich im Laufe der Zeit das „Supreme Being“ ab. Dies stellt weltweit eine der Voraussetzungen dar, damit eine Freimaurerloge von der Großloge in England als „regulär“ anerkannt wird.

Im Christlichen Freimaurerorden findet das Supreme Being Ausdruck im „Dreifach Großen Baumeister der ganzen Welt“. Und genau wie das Supreme Being ist auch der Dreifach Große Baumeister der ganzen Welt weder theologisch noch dogmatisch definiert. Es ist an jedem Bruder selbst, diesen Begriff für sich zu füllen.

Und im Mikrokosmos meiner Loge erlebe ich, dass im Ritual der Bruder mit der kirchlich geprägten Vorstellung von Gott neben dem mit der buddhistisch geprägten, neben dem mit der gnostisch geprägten, neben dem mit der kabbalistisch, mystisch oder kontemplativ geprägten Vorstellung von Gott sitzt.

MEIN FREIMAURERISCHES MANIFEST

Mein Fazit: Die Wurzeln des Freimaurertums sind im Spirituellen zu suchen. Ein wie auch immer gearteter Gottesbezug war immer gegeben. Und für mich persönlich ist ein Freimaurertum ohne Gottesbezug schlichtweg nicht vorstellbar. Mein Eindruck ist, dass sich das freimaurerischen Ritual und die freimaurerische Symbolik nur dann in seiner ganzen Tiefe entfalten können, wenn man sich auch auf die esoterisch-spirituelle Dimensionen einlässt, die diesen innewohnt.

Aber: Das Revolutionäre am damals noch blutjungen spekulativen Freimaurertum war meines Erachtens, dass dieses spirituelle Erbe eine Vereinigung mit den humanistisch geprägten Idealen der Aufklärung einging. Und auch, wenn es in der Geschichte zu mancher Spannung führte, so ist das Zusammenführen und Aushalten dieser gegensätzlichen Pole, meiner Meinung nach, bis heute eine der größten Stärken des Freimaurertums.

Denn so wie sich im Menschen im Idealfall Vernunft und Gewissen ergänzen und gegenseitig austarieren, so kann dies auch im Freimaurertum durch seine aufgeklärt humanistische Seite und seine esoterisch-spirituelle Seite geschehen. Ein Freimaurertum, das seine esoterisch-spirituelle Seite ignoriert, droht immer auf der Ebene des Verstandes steckenzubleiben und nur an der trockenen Oberfläche von Symbol und Ritual zu kratzen. Und ein Freimaurertum, das seine aufgeklärt humanistische Seite ignoriert, läuft immer Gefahr, die Bodenhaftung und den konkreten Bezug zum alltäglichen Hier und Jetzt zu verlieren. Nur wenn beide Pole in Ausgleich und Einklang miteinander gebracht werden können, ist der freimaurerische Weg vollständig.

Und meine Erfahrung ist, dass genau das jeder „gesunde“ spirituelle Weg sowie jedes „gesunde“ Model der Persönlichkeitsentwicklung lehrt: Gegensätze werden nicht dadurch überwunden, dass man sie vernichtet. Gegensätze werden dadurch überwunden, dass man sie annimmt, ausgleicht und zur Vereinigung führt.

Daher empfinde ich persönlich es als vermessen, wenn Freimaurer ein Freimaurertum als „modern“ bezeichnen, das sämtliche spirituellen Bezüge sowie den Gottesbezug getilgt hat. Ein Freimaurertum ist modern zu nennen, wenn dessen Spiritualität und dessen Gottesbezug durch die Aufklärung geläutert worden sind. Das bedeutet, dass es von Dogmatismus und Aberglauben entschlackt ist, die Ideale von Aufklärung und Humanismus integriert hat und sich dennoch seiner spirituellen Verwurzelung und seines immanenten Gottesbezuges bewusst ist.

Freimaurerei und Gott – Wie verträgt sich das?

FREIMAURERTUM UND GOTT - EIN VORWORT (ZU TEIL 1/3):

Keine Frage ist so geeignet, heftigste Diskurse innerhalb des Freimaurertums auszulösen, wie die Frage nach Gott. Vereinfacht und überspitzt reichen die Positionen von "man kann nur ein Freimaurer sein, wenn man an einen wie auch immer gearteten Gott glaubt" bis hin zu "man kann nur ein Freimaurer sein, wenn man nicht an einen Gott glaubt".

Für die Leser meines Blogs ist es nicht schwer, mich innerhalb dieser Diskussion zu verorten: Für mich bedingt der Weg eines Freimaurers die Vorstellung eines Gottes; wenn auch nicht im dogmatischen Sinne. Diese Position hat ihre Berechtigung, ist aber nicht die einzig mögliche.

In drei Blogartikeln möchte ich nun die Gelegenheit geben, auch die Positionen zu Wort kommen zu lassen, die sich nicht mit meiner Position decken oder dieser sogar konträr gegenüberstehen. Ich freue mich sehr, hierfür die Freimaurer und Blogger Rene Schon und Jürgen Scheffler gewonnen zu haben. Beide gehen den Weg des Freimaurers als bekennende Atheisten.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Frage nach Gott nicht nur geeignet ist, Kontroversen innerhalb des Freimaurertums auszulösen, sondern auch aufzuzeigen, welche Vielfalt innerhalb des Freimaurertums möglich ist. Wenn der Leser die beiden Artikel von Rene Schon und Jürgen Scheffler sowie meinen Artikel zum Thema gelesen haben wird, wird er eine Vorstellung davon haben, über welche Bandbreite das Freimaurertum verfügt…

Genug der Worte. Vorhang auf für den Beitrag von...

JÜRGEN SCHEFFLER:

juergen-scheffler

FREIMAUREREI UND GOTT – WIE VERTRÄGT SICH DAS?

Um es vorweg zu nehmen – nach meiner Meinung, gar nicht.

In der deutschen Freimaurerei gibt es neben anderen kleineren Zweigen 2 Zweige mit höheren Mitgliedszahlen.

Zum einen wäre da der FO (Freimaurerorden), der sehr religiös aufgestellt ist. Hier wird im Ritual gebetet und auch Jesus Christus als der Große Meister angesehen. Ich will und kann mich zu den Gepflogenheiten dieses Ordens nicht äußern, ist auch gänzlich nicht meine Welt.

Der zweite, sicherlich größte Bereich der Freimaurerei in Deutschland, ist die sogenannte humanitäre Freimaurerei AFuAM (Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland) hier bin ich Mitglied und stütze meinen nachfolgenden Text nur auf diesen Bereich.

Bewusst werde ich auch nicht auf die Hochgrade, die man heute „weiterführende Grade“ nennen soll, eingehen – ich lehne sie einfach ab, da sie nach meiner Meinung in die gänzlich falsche Richtung weisen und mit Freimaurerei nichts mehr zu tun haben.

EINLEITEND ERST EINMAL ETWAS GESCHICHTE:

Die Freimaurerei entstand aus den alten Bauhütten des Mittelalters und nicht, wie sie wohl oft lesen werden, aus den alten Dombauhütten. Warum die Freimaurerei immer wieder den Dombauhütten zugesprochen wird, bleibt mir ein Rätsel und ist wohl dem Versuch der Zuordnung zur christlichen Religion geschuldet. Entgegen der geschätzten max. 50 Dombauhütten in Deutschland stehen sicherlich tausende Bauhütten in denen die alte Steinmetzbruderschaft aktiv war. Man kann sicherlich davon ausgehen, dass jede mittlere und große Stadt mindestens eine Bauhütte hatte, einfach, weil spätestens seit der Zeit des Hochmittelalters (beginnend etwa Mitte des 13. Jahrhunderts) sehr viel in Stein gebaut wurde. Dazu gehörten neben den imposanten Dombauten, Kirchen und Schlössern natürlich auch die Bauten der Alltagsarchitektur wie Rathäuser, große Bürgerhäuser sowie Stadtmauern, Burgen und andere Befestigungseinrichtungen. Auch hier wurden alle möglichen Mittel der damaligen Baukunst eingesetzt, um möglichst imposante und wehrhafte Gebäude zu errichten, die den gesellschaftlichen Stand ihrer Eigentümer und der Städte widerspiegelten. In dieser Zeit erstarkten die Steinmetzbruderschaften und deren Bauhütten bis ihre Sonderstellung um 1731 mit dem endgültigen Verbot durch Kaiser Karl VI endete.

Nahezu zeitgleich entstand die spekulative Maurerei, die Freimaurer, wie wir sie heute noch kennen.

Man sollte auch noch betrachten, dass zur Zeit der alten Bauhütten in unserem Land noch Leibeigenschaft herrschte. Niemand durfte ohne Erlaubnis sein Land verlassen. Lediglich den Mitgliedern der Steinmetzbruderschaften wurde, sicherlich nicht uneigennützig, eine eigene Gesetzbarkeit und Reisefreiheit gewährt.

Man stelle sich jetzt einmal vor, dass diese Reisenden mit dem Wissen, was sich nicht nur auf die Steinmetzkunst beschränkte, aus aller Herren Länder in diesen Bauhütten abstiegen. Sie hatten in diesen dunklen Zeiten, in dem noch die „Heilige“ Inquisition mit ihren Gottesurteilen, Folter und Hexenverbrennungen tobte, sicherlich sehr viel, was den Kirchen sicherlich nicht gefallen haben dürfte, zu berichten. Das ging natürlich nur in „gedeckten“ Räumen, den Bauhütten, in denen man sich vor nicht willkommenen Gästen durch geheime Zeichen, Wort und Griff schütze.

JETZT EIN WENIG SPEKULATION:

Leider ist aus dieser Zeit kaum etwas schriftlich überliefert, aber man kann versuchen, seine Schlussfolgerungen hieraus aus logischen Schlüssen zu ziehen.

Ich stelle mir diese Bauhütten als ziemlich raue und sicherlich auch nicht gerade saubere Arbeitsunterkünfte vor, was natürlich zur Frage führt, warum strebten gegen Anfang des 18. Jahrhunderts sogar Adlige und das Großbürgertum in diese, zu dieser Zeit natürlich nur noch spekulativen Bauhütten der Freimaurer, warum wurden die Bauhüttentraditionen überhaupt fortgesetzt?

Religion und deren Rituale können es nicht gewesen sein, denn die fand man zuhauf in den Kirchen dieser Zeit. Ich vermute einmal, es war der freie Geist, der aus den Bauhütten ausstrahlte. In dieser spekulativen Freimaurerei versuchte man damals, seine Ideale von einer freien, humanitären Gesellschaft am fiktiven Bau nachzubilden. Man übernahm die gedeckten Räume in die man nur Zugang bekam, wenn man die geheimen Zeichen, Worte und Griffe beherrschte. Man versucht den fiktiven Bau, der heute allgemein als der Tempel der Humanität für eine humane Gesellschaft bezeichnet wird, durch Rituale und Botschaften die bedingt vergleichbar den Graden der alten Bauhüttentradition aufgebaut sind, zu festigen. In den alten Bauhütten gab es nur Lehrlinge und Gesellen wo hingegen der Meister immer aus den Reihen der Gesellen gewählt wurde. Das änderte sich im Laufe des frühen 18. Jahrhunderts.

DER BRUCH IM LEHRGEBÄUDE DER SPEKULATIVEN FREIMAUREREI:

Neben der spekulativen Freimaurerei entstand gegen Ende des 17. Jahrhunderts das Rosenkreuzertum. Ein sehr christlich und mystisch aufgebauter Orden, der den neu entstehenden Freimaurerlogen arg zu schaffen machte. Zur Abwehr entwickelte man einen neuen Grad in der Freimaurerei, den Meistergrad, der entgegen dem Lehrlings- und Gesellengrad nichts mehr mit den alten Bruderschaften zu tun hatte und auch sehr viele christliche und mystische Elemente enthielt. Für mich war das der eigentliche Bruch im Lehrgebäude, an dem nach meiner Meinung die Freimaurerei bis heute zu leiden hat.

Man wendete sich von der möglicherweise in den alten Bauhütten vorhandenen Streitkultur gegen alle Restriktionen aus Glaubensfragen und Obrigkeitsdenken wieder ab und wurde zahm, sehr zahm wie man aus den „Alten Pflichten“ dem bis heutige gültigen Gesetz der Freimaurer von 1723 leicht erlesen kann.

GOTT, RELIGION UND DEREN BEGRIFFLICHKEITEN IN DER FREIMAUREREI DER GEGENWART.

Inhaltlich wurde, wie bereits oben erwähnt, ein Meistergrad in die Freimaurerei integriert, der mit dem eigentlichen Lehrgebäude eines Steinmetzes überhaupt nichts zu tun hat. Zusätzlich wurden den alten Bauhütten im allgemeinen Sprachgebrauch der Begriff Dombauhütten zugewiesen. Auch aus den Bauhütten, den ursprünglich gedeckten Räumen wurden die Tempel und aus den eigentlichen, symbolisch nachzubildenden Arbeiten der alten Bauleute wurden demnach zwangsläufig Tempelarbeiten.

Stellt man sich eine alte Bauhütte vor, könnte man sich leicht eine etwas schmuddelige, einfache Hütte mit einem großen Reißbrett in zentraler Stelle voller Zeichnungen und Zeichenwerkzeuge zur Erstellung dieser Zeichnungen vorstellen.

Heute ist dieses Reißbrett, sicherlich ehemals der Arbeitsplatz des Meisters der Bauhütte (des Architekten) zu einem Altar geworden. Auf diesem liegen dann als Zeichnungen für den symbolischen Bau festgeschriebene „Heilige“ Bücher und die Werkzeuge des Meisters oder des Architekten, der den symbolischen Bau in Ordnung bringt, der Zirkel und das Winkelmaß. Überträgt man diese Symbolik in den fiktiven Bau scheint klar zu werden, die Grundlagen für eine humane Gesellschaft sind maßgeblich aus heiligen Büchern zu holen – Ich empfinde dies als eine Katastrophe und vermute mal, die alten Steinmetzen würden dem niemals zustimmen können.

Ein ganz wichtiges Symbol für die reguläre Freimaurerei darf hier natürlich nicht vergessen werde. Das ist der „Große Baumeister aller Welten“.

Die „reguläre“ Freimaurerei hat sich weltweit den „Gesetzen“ der Englischen Großloge untergeordnet, in der klar definiert ist, dass eine reguläre Loge einen „Großen Baumeister aller Welten“ sowie ein bestimmtes „Heiliges Buch“ anzuerkennen hat. Leider kann, oder womöglich will sie sich aus diesem religiös definierte Zangengriff nicht befreien. Sie hält vehement an alten Traditionen fest, oder an das, was sie dafür hält.

So hat man in der humanitären Freimaurerei sicherlich Probleme, diesen Begriff des „Großen Baumeisters aller Welten“ zu definieren und zuzuordnen. Wenn man ihn liest, fällt einem natürlich direkt nur Gott ein. Diesen Gottesbezug will man allerdings in dieser offensichtlichen Form nicht aufrechterhalten, das wäre ja konträr einer rein humanitären und auf Wissen basierenden Freimaurerei. Kurzum deutet man um, man beschreibt diesen Begriff als ein „Schöpferisches Prinzip“ was sich jeder selbst definieren darf. Ein „Schöpferisches Prinzip“ in einem Tempel, in den heiligen Hallen, bei einer Tempelarbeit mit Altar und „Heiligem Buch“? Und, man dankt diesem „schöpferischen Prinzip“ sogar und bittet es an bestimmten Ritualstellen um Hilfe. Hier erscheint mir der FO (Freimaurerorden) mit seiner definierten christlichen Ausrichtung sehr viel ehrlicher.

Zugegeben, bei mir hat es etliche Jahre gedauert, bis ich diese Ungereimtheiten für mich erkannt hatte. Ich habe in der Vergangenheit etliche Jahre mit mir, den Ritualen, den Symbolen, meinen Freimaurer-Brüdern und der Freimaurerei insgesamt gerungen. Freimaurerei war für mich wichtig, da sie eine global organisierte Bruderschaft ist, die sich als Gegenpol zur globalen Wirtschaft- und Finanzwelt aufstellen könnte. Leider möchte sie das offensichtlich nicht, obwohl es dringend erforderlich wäre.

Ich hatte immer gedacht, eine der riesigen Vorteile der Freimaurerei ist das Gespräch, das Streitgespräch auf Augenhöhe mit Brüdern aus unterschiedlichen gesellschaftlichen und sozialen Schichten. Das findest man sonst nirgendwo und unsere so hochgelobte Streitkultur wird auch immer wieder auf Gästeabenden besonders betont. Was soll das denn, wenn wir dies nicht nutzen wollen?

Tiefer, aufgezwungener Glaube hat im tiefsten Mittelalter der Menscheit weit über tausend Jahre Entwicklung gekostet und sehr viel Leid gebracht. Die Freimaurerei tut gut daran, ihre Grundlagen aus der Moderne, aus der Wissenschaft zu beziehen. Wissen heißt nicht unbedingt Recht zu haben. Wissen heißt lediglich eine Theorie zu haben, die wissenschaftlich beweisbar oder wenigstens logisch schlüssig ist. Eine wissenschaftliche These schreit, ganz anders als ein Glaube, nach Gegenthese. Wissenschaft will Wissen schaffen und ist daher immer auf der Suche nach neueren Erkenntnissen. Nach Thesen, die bessere Argumente haben. Das passt gut in die Freimaurerei, wie ich sie mir vorstelle.

Auch zugegeben, auf der Webseite von AFuAM hat sich in den letzten paar Jahren sehr viel getan. Von mir immer wieder kritisierte Textpassagen sind gänzlich verschwunden. Die Webseite stellt sich heute durchaus sehr modern dar, aber an den nach wie vor religiösen Kern, da geht man tunlichst besser nicht heran.

Es wird darauf hingewiesen, dass in den Logen verschiedene Facetten der Ausprägung von Freimaurerei zu finden sind, löst sich aber nicht von den „Alten Pflichten“ von 1723 und versucht einmal „Neue Pflichten“ zu deklarieren. Das passt nicht zusammen, was man leider oft erst nach vielen Jahren Freimaurerei bemerkt.

Ein Satz auf dieser Webseite hat es mir besonders angetan: „…Freimaurer wissen zwar nicht, wie eine menschliche Welt im Einzelnen auszusehen hat, denn sie verzichten darauf, gesellschaftlich-politische Utopien zu formulieren….“. Hier ist der Begriff „Utopien“ allein schon negativ konnotiert – warum eigentlich? Möchte man damit etwas besonders negativ betonen? „Visionen“ passt hier deutlich besser und wäre sicher angebracht gewesen.

Hätte ich damals so eine Bemerkung auf der Webseite von AFuAM gelesen, ich wäre niemals Freimaurer geworden. Es ist für mich eine regelrechte Aufgabe, eine Kapitualtion vor dem großen Plan der Gestaltung einer humanen Gesellschaft. Der symbolische Bau einer humanen Gesellschaft der „Tempel der Humanität“ hat für die Freimaurerei offensichtlich keine Bedeutung mehr.

Auch heißt es bei uns im Ritual „Wir bauen den Tempel der Humanität ….. die Steine, deren wir bedürfen, sind die Menschen“. Dies scheint mir ein Hinweis auf alle Menschen – die eingeschlossen, die nicht Freimaurer sind. Die Frage ist lediglich, wer erstellt den Plan, wer ist der Architekt dieses symbolischen Baus? Wenn der Meister keine eigenen Zeichnungen mehr auflegt, sondern mit seinem Zeichenwerkzeug auf ein „Heiliges Buch“ verweist, kommt da wieder einer dieser ominösen Götter ins Spiel? Das kann und darf es nicht sein, wir müssen uns unsere Welt selbst gestalten – wir sind die Meister und wir erstellen die Zeichnungen nach denen der symbolische Bau erfolgt.

Ich habe als Ziel der freimaurerischen Arbeiten immer den symbolischen Bau als den Bau einer menschlichen Welt verstanden. Wo bleibt dieses Ziel? Ist dieses Ziel bewusst aufgegeben worden, weil es niemals eine Bedeutung im Lehrgebäude der symbolischen Freimaurerei hatte? Weil der Meistergrad nicht angefasst werden darf und dieses religiös Mystische, dieses Spiel zwischen Leben, Tod und Auferstehung unbedingt erhalten werden muss?

Wie wollen wir eine menschliche Welt gestalten ohne uns bewusst mit diesen gesellschaftlich-politische Utopien zu beschäftigen und im Idealfall sogar zu definieren. Bei allen Irrtümern, die daraus entstehen können, es würde sich viel leichter in einer global organisierten Runde von gleichdenkenden Brüdern und wer mag, auch mit Schwestern erreichen – viel besser als allein.

Die Freimaurerei in ihrer Verzahnung zu diesen alten Glaubensvorstellungen versagt da meines Erachtens vollständig. Sie kann sich einfach nicht lösen und ich, wie einige Brüder in meinem Umfeld, haben die Hoffnung für Erneuerung bereits aufgegeben.

Für mich ist es unglaublich, dass wir uns nach wie vor anmaßen, in der Tradition des Humanismus und vor allem der Aufklärung zu stehen. Es kann sein, dass wir in den Zeiten der Aufklärung stehen geblieben sind (was ich sogar bestreiten möchte, da die Aufklärung Fortschritt wollte) – aber ist das tatsächlich sinnbringend in der heutigen Zeit?

In der Tradition stehend, heißt für mich, die fortschrittlichen Gedanken dieser Zeit weiter zu entwickeln und nicht in dieser Zeit verhaftet zu bleiben. Es ist noch nicht lange her, da wurden den jungen interessierten Herren in meiner Loge gesagt „Wir, die Freimaurer, verstehen unter Tradition nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.“ Ist das etwa auch so ein weiterer abgedroschener, sinnentleerter Spruch ohne Bedeutung?

JÜRGEN SCHEFFLER

REFERENZEN:
– Man siehe hierzu auch meine schon ein paar Jahre alten Ausführungen für eine mögliche Freimaurerei der Zukunft:
https://www.moderne-freimaurer.de/cms/WS_Reform-der-Freimaurerei-notwendig-Historie.html
– Grundsätzliches und weiterführende Gedanken zum Gottesglauben habe ich jüngst hier geschrieben:
https://www.moderne-freimaurer.de/cms/NS_Von-Gott-und-der-Welt.html