5. PROLOG 2.0
Am 21. Juni dieses Jahres hatte ich den ersten Teil meiner Reihe „Das Ende meines freimaurerischen Weges“ veröffentlicht. Hierin schrieb ich von „Ent-TĂ€uschungen“ und Irritationen mit einzelnen Freimaurer-BrĂŒdern sowie von meiner Entfremdung von meiner Johannisloge. Bis zum Herbst dieses Jahres wollte ich entscheiden, ob ich dem Freimaurertum den RĂŒcken kehre, mich innerhalb des Freimaurertums umorientiere oder ob ich meinen freimaurerischen Weg in der eingeschlagenen Weise fortsetze. Diesen Prozess der Reflexion und Auseinandersetzung wollte ich hier auf meinem Blog begleiten.
Doch manchmal spielt das Leben Wildcards, die alle PrioritĂ€ten durcheinanderwirbeln. So auch bei mir. Zwar lief besagter Prozess im Hintergrund weiter, jedoch hatte ich zunĂ€chst auf andere Entwicklungen in meinem Leben zu reagieren. Daher kann ich zum jetzigen Zeitpunkt zweierlei sagen: Das Zeitfenster bis Herbst ist fĂŒr mich nicht mehr zu halten. Und in die Frage, was mein VerhĂ€ltnis zum Freimaurertum angeht, ist in Bewegung gekommen.
6. NOCHMAL EINEN SCHRITT ZURĂCK
Ich empfand meinen ersten Artikel dieser Blogserie vergleichsweise ausgewogen. Zwar schrieb ich von Irritationen und „Ent-TĂ€uschungen“, die ich mit einzelnen BrĂŒdern meiner Johannisloge erlebt hatte, allerdings rĂ€umte ich auch ein, dass es BrĂŒdern meiner Loge mit mir wohl ganz Ă€hnlich ergangen sein dĂŒrfte. Doch der Erste, der mich daran zweifeln lieĂ, ob mein Artikel tatsĂ€chlich so ausgewogen war, war ein sehr enger und langjĂ€hriger Freund, der mich fragte, ob sich die betroffenen Freimaurer durch diesen Artikel nicht angegriffen fĂŒhlen könnten. Auch aus meiner Johannisloge wurde mir gesteckt, dass dieser Artikel bei einzelnen nicht gut angekommen sein könnte. Was also sollte ich tun? Ich bat meine Frau, die die betreffenden BrĂŒder meiner Johannisloge oberflĂ€chlich auch kennt, sich diesen Artikel durchzulesen und mir ihren Eindruck zurĂŒckzumelden. Und was soll ich sagen? Sie fand es daneben, dass ich mit solch einem Thema in solch einer Weise an die Ăffentlichkeit gehe. WĂ€re sie von diesem Artikel betroffen gewesen, sie hĂ€tte sich auf den Schlips getreten gefĂŒhlt.
Diese Reaktionen verunsicherten mich. Sie lieĂen mich innehalten und darĂŒber nachdenklich werden, ob beziehungsweise in welcher Form ich diese Blogserie fortsetze. Dies half mir, mir noch einmal klarer ĂŒber meine Motivation zu werden.
Zu der Frage, was meine Motivation zu dieser Blogserie ist, hatte ich ja bereits im ersten Teil einiges geschrieben. Das vorausgesetzt, ist es mir wichtig, noch einmal klarzustellen, dass diese Blogserie keine Abrechnung wird. Weder mit einzelnen Freimaurer-BrĂŒdern, noch mit meiner Johannisloge. Daher werde ich hier keine Namen nennen und Begebenheiten so abstrakt wie möglich umschreiben. Ich stehe fĂŒr mich vor einer weitreichenden und einschneidenden Entscheidung. Und diese will ich hier auf meinem Blog herleiten und reflektieren. Das wird natĂŒrlich auch miteinschlieĂen, dass ich davon schreiben werde, wo ich selber BrĂŒder meiner Johannisloge „ent-tĂ€usch“ oder irritiert habe (soweit meine blinden Flecken es zulassen). Es wird hier jedoch keine Schlammschlacht und kein Nachtreten geben. Daher können die Leser meines Blogs, die es sich in Erwartung einer Seifenoper schon mit Popcorn und Cola auf dem Sofa bequem gemacht haben, Popcorn und Cola schön wieder in den Supermarkt zurĂŒckbringen. Auf meinem Blog wird es keine Seifenoper geben.
Und zu der Frage, warum ich diese Reflektion nach auĂen trage (eine Frage die mich mehrfach erreichte), möchte ich folgendes antworten: Warum nicht? Seit ich angefangen hatte zu bloggen, ist ein konstantes Charakteristikum meiner Artikel, dass ich meinen Lesern auch einen Blick in mein Inneres gewĂ€hre. Es geht mir nicht (nur) darum, ĂŒber abstrakte Ideen, hehre Ideale oder freimaurerische Persönlichkeiten, die irgendwann in der Vergangenheit mal gelebt und GroĂes vollbracht haben mögen, zu schreiben. Nein, meine Leser sollten von Anfang an erfahren, was dem Menschen „Hagen Unterwegs“ auf seinem freimaurerischen Weg begegnet und was das mit ihm macht. Meine Leser sollten erfahren, was am Freimaurertum mich berĂŒhrt und bewegt, womit ich ringe und woran ich verzweifle. Und wenn ich mir die RĂŒckmeldungen anschaue, die ich auf meine Blogartikel erhalte, dann ist es genau das, was meine Leser an meinem Blog schĂ€tzen. Mit vielen Themen scheine ich mich auf meinem Blog stellvertretend fĂŒr viele andere Freimaurer zu befassen. Und fĂŒr AuĂenstehende wird durch meine Art des schreibenden Reflektierens dieses oft etwas Nebulöse und schwer zu greifende Freimaurertum mit einem Mal einmal greifbarer. Und darĂŒber hinaus wissen meine Leser: Wenn ich etwas Positives ĂŒber das Freimaurertum schreibe, dann ist es auf Herz und Nieren geprĂŒft. Und das wissen sie, weil ich auch die Negativseiten des Freimaurertums nicht verschweige. Das zusammengenommen macht die AuthentizitĂ€t und GlaubwĂŒrdigkeit meines Blogs aus. Und aus diesem Blickwinkel heraus stellt sich die Frage, weshalb ich diese Serie bezĂŒglich meiner freimaurerischen Zukunft veröffentliche, gar nicht mehr.
7. REACTION-BLOGARTIKEL
Ergo: Ich werde diese Serie fortsetzen. Und nach so viel durchaus notwendiger Vorrede, komme ich nun zum eigentlichen Artikel: Und dieser Artikel wird ganz anders sein, als ich das ursprĂŒnglich mal geplant hatte. Denn: Auf keinen anderen Blogartikel habe ich jemals so viel RĂŒckmeldung erhalten, wie auf den ersten Teil dieser Serie. Auf ganz unterschiedliche Weisen erreichten mich ganz unterschiedliche Reaktionen. Ich kam anfangs gar nicht hinterher, auf diese alle möglichst umgehend zu reagieren. Und es waren ganz viele inhaltliche Edelsteine dabei!
Je mehr ich mich mit den verschiedenen Reaktionen auf meinen Blogartikel auseinandersetzte, desto mehr merkte ich, wie diese Auseinandersetzung Teil der Reflexion meiner Fragestellung, ob mein freimaurerischer Weg zu Ende geht und wenn nein, in welcher Form er weitergehen kann, wurde.
Daher habe ich die ursprĂŒngliche Idee, wie ich diese Serie aufbauen will, etwas ĂŒber den Haufen geworfen und widme den zweiten Teil dieser Serie ausschlieĂlich den Reaktionen auf den ersten Teil. Bei YouTube gibt es das Format der „Reaction-Videos“. Hierbei filmt sich der YouTuber dabei, wie er ein Video eines anderen YouTubers anschaut und auf dieses reagiert und dieses kommentiert. So in etwa wird auch dieser Blogartikel hier werden, halt nur in geschriebener Form. Er wird eine Art Reaction-Blogartikel werden.
8. EIN MASSENPHĂNOMEN?
Die ĂŒberragende Mehrheit der RĂŒckmeldungen von Freimaurern und Ex-Freimaurern auf meinen Blogartikel war, dass sie den Punkt, an dem ich bezĂŒglich des Freimaurertums stehe, aus ihrer eigenen Vita kannten. Ein freimaurerischer Blogger, mit dem ich via Sprachnachrichten dazu ins GesprĂ€ch kam, teilte den Eindruck, dass es sich hierbei um ein „freimaurerisches MassenphĂ€nomen“ handele.
Einen Freund von mir, der selber kein Freimaurer ist, erinnerte die Dynamik, die mein Blogartikel innerhalb der freimaurerischen Social-Media-Community auslöste, sehr an #Aufschrei oder #MeToo: Eine Person berichtet von etwas, was sie erlebt hat beziehungsweise was ihr wiederfahren ist, und mit einem Mal tritt einer nach dem anderen hervor, hebt den Finger und sagt: „Ich kenne exakt dasselbe aus eigenem Erleben.“
Eine groĂe Zahl an Freimaurern – wenn nicht sogar jeder Freimaurer – hatte in Bezug auf das Freimaurertum ganz Ă€hnliche „Ent-TĂ€uschungen“ erlebt wie ich. Doch wie die einzelnen Freimaurer damit umgegangen waren, unterscheidet sich sehr voneinander.
Ein nicht unwesentlicher Teil hat dem Freimaurertum ein fĂŒr alle Mal den RĂŒcken gekehrt. Und um es klar zu sagen: Alle diese Austritte erfolgten ausschlieĂlich aufgrund zwischenmenschlicher EnttĂ€uschungen mit anderen Freimaurern. Keine anderen GrĂŒnde wurden genannt. Ein PhĂ€nomen, das ich zu bestĂ€tigen weiĂ: In meinem direkten Logenumfeld sind von den BrĂŒdern, die in dem Zeitraum von etwa fĂŒnf Jahren vor meiner Aufnahme bis fĂŒnf Jahre nach meiner Aufnahme dem Bund beigetreten sind, schĂ€tzungsweise Dreiviertel wieder ausgetreten beziehungsweise haben sich aus dem Logenalltag zurĂŒckgezogen. Dies scheint logenĂŒbergreifend ein derart gravierendes Problem zu sein, dass es schon arg verwundert, dass dieses PhĂ€nomen innerhalb des Freimaurertums nicht viel prĂ€senter und offensiver diskutiert wird. Mir scheint, als hĂ€tte das Freimaurertum hier einen blinden Fleck.
Ein weiterer, groĂer Teil hat nach einem Vorgang des inneren Ringens die eigenen Erwartungshaltungen an das Freimaurertum revidiert und dadurch eine neue Zufriedenheit auf dem eigenen freimaurerischen Weg finden können. Zwei RĂŒckmeldungen fand hierbei besonders erwĂ€hnenswert. So schrieb mir ein Freimaurer-Bruder, dass er mehrfach an diesem Punkt gestanden habe und sich mehrfach neu habe entscheiden mĂŒssen, ob er Freimaurer bleiben wolle, weil ihm richtiggehend Widerliches durch BrĂŒder wiederfahren war. Dieser Bruder jedoch blieb dabei und ist heute in der freimaurerischen AuĂenwahrnehmung ein hell strahlender Leuchtturm der HumanitĂ€t. Ein anderer Freimaurer-Bruder trat aus dem Freimaurertum aus und erst nach einigen Jahren, nachdem sich seine Erwartungshaltungen gewissermaĂen gelĂ€utert hatten, wieder ein. Die beiden BrĂŒder sind heute langjĂ€hrige und zufriedene Freimaurer.
Zu diesem ganzen Komplex rund um die Frage des Austritts aus dem Freimaurertum erreichte mich noch ein weiterer nachdenkenswerter Gedanke: Trete ein Freimaurer aus, erschaffe dies nur Verlierer: Zum einen den Ausgetretenen, dem in den allermeisten FĂ€llen etwas fehlen werde, was ihn zuvor in irgendeiner Weise innerlich berĂŒhrt habe. Daher bliebe in den allerseltensten FĂ€llen ein Ex-Freimaurer zurĂŒck, der seine Entscheidung nicht auch bereue. Und zum anderen sei da seine ehemalige Loge, die einen Bruder mit einzigartigen Eigenschaften, CharakterzĂŒgen und Fertigkeiten verloren habe. So platt es auch klingt: Jeder Freimaurer, der deckt, hinterlĂ€sst eine LĂŒcke in seiner Loge, die durch niemanden anders wieder geschlossen werden kann.
9. DAS PROBLEM DER ERWARTENSHALTUNG
Damit sind wir mittendrin in der Fragestellung: Welche Erwartungshaltung habe ich an das Freimaurertum und ist diese Erwartungshaltung ĂŒberhaupt berechtigt? Viele RĂŒckmeldungen auf den ersten Teil dieser Blogserie drehten sich direkt oder indirekt um ebendiese die Fragestellung.
In der Auseinandersetzung mit dieser Frage wurde mir klar: Dass ich mich von einzelnen BrĂŒdern „ent-tĂ€uscht“ und verletzt fĂŒhle und mich von meiner Johannisloge entfremdet habe, hĂ€ngt zu einem groĂen Teil damit zusammen, dass ich mit falschen Erwartungshaltungen an die ganze Sache herangegangen bin. Das, was hier „ent-tĂ€uscht“ wurde, waren meine Erwartungshaltungen. Es war eine „Ent-TĂ€uschung“, ein „Ende der TĂ€uschung“ im wahrsten Sinne des Wortes.
Ich unterstelle nicht, dass die Freimaurer-BrĂŒder, mit denen ich mich im Vorfeld meiner Aufnahme getroffen hatte, um abzuklopfen, ob das Freimaurertum zu meinem Weg passt oder nicht, mich vorsĂ€tzlich hinters Licht gefĂŒhrt hĂ€tten, um in mir falsche Erwartungen und Hoffnungen zu schĂŒren. Vielmehr bin ich mit einer deutlichen VorprĂ€gung und viel Hintergrundwissen an das Freimaurertum herangetreten. Schon bevor ich Freimaurer wurde, hatte ich in der MĂ€nnerarbeit nach Richard Rohr einen Initiationsritus durchlaufen, Bruderschaft erfahren und an mir selbst gearbeitet. Dies alles hatte ich genommen und einfach mit dem Freimaurertum addiert. Heraus kamen eine Bruderschaft und ein Initiationsritus der Superlative. Dass das Freimaurertum an einigen Stellen jedoch etwas von der persönlichen und zwischenmenschlichen Tiefe vermissen lĂ€sst, die ich in der MĂ€nnerarbeit erlebt hatte, wollte ich zunĂ€chst nicht wahrhaben. Nichtsdestotrotz weist das Freimaurertum gerade in Punkto Symbolik und historischer Verwurzelung QualitĂ€ten auf, die ich in der MĂ€nnerarbeit nach Richard Rohr nicht vorfinde.
10. EIGENE THEMEN PROJIZIEREN
Aus dem ersten Teil dieser Blogserie ergab sich unter anderem ein Telefonat, das eine ganz essentielle Fragestellung nach oben spĂŒlte. Ich fĂŒhrte es mit einem Freimaurer-Bruder, mit dem sich meine Wege online immer mal wieder gekreuzt hatten. Ein Bruder, der Coaching-Hintergrund hat und ebenfalls spirituell unterwegs ist. Dieses Telefonat dauerte recht lang und war von einer groĂen Verbundenheit und einem tiefen Verstehen geprĂ€gt. Eine ganze Weile stellte mir dieser Bruder einfach nur Fragen, um mich und meinen Hintergrund sowie meine BeweggrĂŒnde zu verstehen.
Aus diesem GesprĂ€ch nahm ich vor allem einen Impuls, eine Fragestellung fĂŒr mich mit, nĂ€mlich: Das, was mich an anderen Freimaurer-BrĂŒdern irritiert, verletzt oder triggert, könnten in erster Linie meine eigenen Themen sein. Eventuell habe ich sie fĂŒr mich noch nicht gelöst oder habe einfach keinen Blick fĂŒr sie, weshalb ich entweder diese Themen auf mein GegenĂŒber projiziere und mich dann an meinem GegenĂŒber abarbeite. Oder aber mich an meinem GegenĂŒber abarbeite, wenn ich verdrĂ€ngte Themen von mir unterbewusst tatsĂ€chlich bei ihm wahrnehme. In beiden FĂ€llen ist das Problem also nicht der andere Freimaurer-Bruder, sondern das Problem bin ich selbst beziehungsweise Anteile von mir, die ich nicht sehen kann oder will und/oder noch nicht aufgearbeitet habe.
Dieser Ansatz ist jetzt weder groĂ originell noch irgendwie neu fĂŒr mich. GewissermaĂen gehört er zu meinem spirituellen Standard-Handwerkzeug. Trotzdem war es in meiner aktuellen Situation sehr wertvoll, diesen Ansatz noch einmal hervorzukramen und den Spot drauf zu setzen. Denn seither dĂ€mmert es mir, dass hier ein weiterer SchlĂŒssel liegen könnte, meine aktuelle Situation und Fragestellung zu klĂ€ren.
11. DEN EIGENEN RAUEN STEIN BEARBEITEN
Wenn ich mir die letzten beiden Unterpunkte mit ihren Fragestellungen nach meiner Erwartungshaltung und meinen eigenen Themen, die ich auf andere BrĂŒder projiziere, anschaue, merke ich, dass der Fokus von den Anderen weg und hin zu mir selbst schwenkt. Weg von den Rauen Steinen anderer Freimauer hin zu meinem eigenen Rauen Stein. Viele weitere RĂŒckmeldungen zielten auch genau in diese Richtung.
Projiziere ich Ecken und Kanten meines eigenen Rauen Steins auf die Rauen Steine der anderen, so muss ich mir die Frage gefallen lassen, wieso ich nicht zunĂ€chst die Ecken und Kanten an meinem eigenen Rauen Stein wahrnehme und zulasse. Dann bin ich doch ĂŒberhaupt erst in der Lage, sie auch bearbeiten zu können.
Und wenn ich zudem mit Erwartungshaltungen, die dem RealitĂ€tscheck nicht standhalten, an das Freimaurertum herantrete, muss ich mir die Frage gefallen lassen, ob ich nicht zunĂ€chst diese Form der ĂŒberschĂŒssigen Ecken und Kanten meines eigenen Rauen Steins abzuschlagen habe.
Das, was danach ĂŒbrigbleibt, gilt es, mir anzuschauen und fĂŒr mich zu klĂ€ren, ob dies fĂŒr meinen persönlichen Weg einen Mehrwert hat.
Hier schwingt noch eine weitere Fragestellung mit, die mir ebenfalls ein Freimaurer als Reaktion auf den ersten Teil dieser Blogserie stellte: Wieviel Macht rĂ€ume ich anderen (Freimaurern) ĂŒber meine eigenen Emotionen ein? Ich lasse diese interessante Fragestellung mal unkommentiert nachhallen…
Bleibe ich im Bild des Rauen Steins, dann ist ein regelmĂ€Ăiges Infragestellen meines freimaurerischen Weges notwendiger Bestandteil ebendieser Arbeit am Rauen Stein. Und gerade die Negativerlebnisse mit dem Freimaurertum helfen, den eigenen Blick zu klĂ€ren. Denn nur so kann ich aufmerksam werden fĂŒr die Ecken und Kanten meines eigenen Rauen Steins. Diese Art der Reflexion sollte einen jeden Freimaurer ausmachen.
12. EINMAL FREIMAURER – IMMER FREIMAURER?
Weiter gab es einige RĂŒckmeldungen, die mir sagten, dass mein freimaurerischer Weg nicht ende, nur, weil ich dem Freimaurertum den RĂŒcken kehre. Denn Freimaurer-Sein drĂŒcke sich in einer Lebenshaltung, einem Lebensweg sowie einer Art sich zu hinterfragen und an sich zu arbeiten aus; nicht an einer Mitgliedschaft in einer Organisation. Zweifellos sei es fĂŒr den Weg als Freimaurer förderlich, das in Anspruch zu nehmen, was das institutionalisierte Freimaurertum zu bieten hat: Ritual, Symbolik, brĂŒderliche Gemeinschaft. Dies sei aber nicht grundsĂ€tzliche Voraussetzung, um ein Freimaurer sein zu können. AuĂerdem zeige nach Ansicht dieser Freimaurer die Art und Weise, wie ich an mir arbeite und diesen Prozess reflektiere, dass ich nach wie vor Freimaurer sei beziehungsweise in der freimaurerischen Idee verhaftet sei. Daher: Sollte ich mich am Ende dieses Prozesses dazu entscheiden, mich vom institutionalisierten Freimaurertum abzuwenden, sage dies noch nichts darĂŒber aus, ob ich auch danach noch Freimaurer sei oder nicht. Und folglich sei mein Weg nach dieser Entscheidung auch nicht am Ende angelangt. Denn schlieĂlich habe ich dadurch Erfahrungen gemacht und mich weiterentwickelt
13. SPIRITUELLE BRĂDER AM RAND
Eine kleine Randnotiz: Auf meinem Blog vertrete ich ja eine sehr spirituelle Herangehensweise an das Freimaurertum. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um die einzig mögliche Spielart des Freimaurertums. Vielmehr sind die BrĂŒder, die mit solch einer spirituellen Schlagseite ihren freimaurerischen Weg gehen, eine Minderheit. Dies fĂŒhrt dazu, dass es im Logenumfeld dieser BrĂŒder wenige Gleichgesinnte gibt, mit denen sie in fundierten Austausch ĂŒber ihre Sicht- und Herangehensweisen bezĂŒglich des Freimaurertums treten können.
Und dies war ein Umstand, den mir einige dieser spirituellen BrĂŒder zurĂŒckgemeldet haben. Ein Umstand, der spirituelle BrĂŒder oft daran zweifeln lĂ€sst, ob sie im Freimaurertum richtig aufgehoben sind. Dies bedeutet nicht, dass diese BrĂŒder in ihren Logen nicht auf gebildete und inspirierende Menschen getroffen wĂ€ren, mit denen sie nicht bereichernden Austausch gehabt und BrĂŒderlichkeit erlebt hĂ€tten. Es ist nur so, dass diese spirituellen BrĂŒder fĂŒr ihre sie in der Hauptsache treibenden Themen und inneren Entwicklungen in der Loge oftmals kaum Abnehmer finden und sich daher fragen, ob das Freimaurertum fĂŒr sie nach wie vor die richtige Heimat ist.
Dieses Spannungsfeld kenne ich aus eigenem Erleben ebenfalls. Und dies bringt zwangslĂ€ufig die Frage mit sich, ob das Freimaurertum tatsĂ€chlich der richtige Ort fĂŒr mich ist, um innerlich zu wachsen und mich zu entwickeln. Oder ob es richtig wĂ€re, mir einen anderen Ort dafĂŒr zu suchen. Einen Ort, wo der spirituelle Aspekt im Mittelpunkt steht und kein Randdasein fristet.
14. GANZ GANZ GROSS
Insgesamt bleibt hervorzuheben, dass ich auf den ersten Teil dieser Blogserie aus ganz unterschiedlichen Ecken Deutschlands und aus ganz unterschiedlichen freimaurerischen Richtungen diverse GesprĂ€chsangebote bekommen habe. So viele, dass ich gar nicht alle annehmen konnte. Es kam zu Telefonaten, zu Schriftverkehr oder zu Sprachnachrichten mit BrĂŒdern, die ich teilweise vorher noch gar nicht gekannt hatte. Dieser Austausch war jedes Mal von groĂer Empathie und Herzlichkeit geprĂ€gt. Einzelne dieser GesprĂ€che gingen sehr in die Tiefe. Das Freimaurertum hat sich hier von einer ganz, ganz groĂen Seite gezeigt! Eine Seite, die ich zugegebenermaĂen etwas aus den Augen verloren hatte.
Aus einem Teil dieser Konversationen ergaben sich Einladungen zu Besuchen von Tempelarbeiten der Logen der entsprechenden BrĂŒder. Dies hat den Entschluss in mir reifen lassen, noch einmal auf Johannisgesellenreise zu gehen, bevor ich eine Entscheidung bezĂŒglich meiner freimaurerischen Zukunft treffe. Ich werde den Zirkel weit fassen und neben meiner eigenen Loge Tempelarbeiten unterschiedlichster Lehrarten besuchen. Ich will mich ganz neu einlassen auf Symbolik und Ritual des Freimaurertums. Und in mir nachhallen lassen. Was die freimaurerische Vielfalt angeht, sitze ich hier in Hamburg an der Quelle. Und dies gilt es auch zu nutzen.
Einige Freimaurer sagten mir sinngemĂ€Ă, dass es nicht nur darum ginge, zu schauen, was mich alles vom Freimaurertum trenne; so wie ich es in dem ersten Teil dieser Blogserie ja ĂŒberwiegend getan hatte. Vielmehr ginge es auch darum, nicht aus den Augen zu verlieren, was mich mit dem Freimaurertum verbinde. Der hier beschriebene freimaurerische Austausch half mir, auch diesen Fokus wieder zuzulassen.
Dies alles zusammengenommen bedeutet natĂŒrlich, dass sich ein zeitliches Ultimatum, wie es mir vor mittlerweile einigen Monaten gestellt worden ist und das jetzt bereits geschliffen worden ist, komplett erledigt hat. Ich bin inmitten eines Prozesses. Dieser Prozess geht voran und arbeitet in mir, er ist jedoch nicht in zeitliche Vorgaben zu pressen.
15. ZWISCHENFAZIT
Das wĂ€ren so die groben Linien an RĂŒckmeldung, die ich auf den ersten Teil dieser Blogserie bezĂŒglich meines weiteren freimaurerischen Weges erhalten habe. Wahrgenommen durch meine Brille. AusgedrĂŒckt mit meinen Worten. Ganz sicher ist das, was ich hier wiedergegeben habe, nicht abschlieĂend. Ganz sicher werde ich Dinge ĂŒbersehen haben und das ein oder andere anders verstanden haben, als der Absender es gemeint hatte. Aber so lĂ€uft das Spiel nun einmal.
Ich kann fĂŒr mich sagen, dass diese RĂŒckmeldung fĂŒr mich unheimlich wertvoll sind. Sie haben mein Blickfeld erweitert. Sie haben mich innerlich vorangebracht. Der âHagen Unterwegsâ vor dem ersten Teil dieser Blogserie ist ein anderer als der âHagen Unterwegsâ nach dem ersten Teil dieser Blogserie. Ich bin fĂŒr mich definitiv noch zu keiner Entscheidung gelangt, was meine freimaurerische Zukunft anbelangt. Aber ich habe das GefĂŒhl, dass diese Entscheidung fundiert und wohl abgewogen werden wird. Vielen Dank dafĂŒr!