FREIMAURERTUM UND GOTT - EIN VORWORT (ZU TEIL 3/3):
Keine Frage ist so geeignet, heftigste Diskurse innerhalb des Freimaurertums auszulösen, wie die Frage nach Gott. Vereinfacht und ĂŒberspitzt reichen die Positionen von "man kann nur ein Freimaurer sein, wenn man an einen wie auch immer gearteten Gott glaubt" bis hin zu "man kann nur ein Freimaurer sein, wenn man nicht an einen Gott glaubt".
FĂŒr die Leser meines Blogs ist es nicht schwer, mich innerhalb dieser Diskussion zu verorten: FĂŒr mich bedingt der Weg eines Freimaurers die Vorstellung eines Gottes; wenn auch nicht im dogmatischen Sinne. Diese Position hat ihre Berechtigung, ist aber nicht die einzig mögliche.
In zwei Blogartikeln hatte ich die Gelegenheit geben, auch die Positionen zu Wort kommen zu lassen, die sich nicht mit meiner Position decken oder dieser sogar kontrĂ€r gegenĂŒberstehen. HierfĂŒr hatte ich die Freimaurer und Blogger Rene Schon und JĂŒrgen Scheffler gewinnen können. Beide gehen den Weg des Freimaurers als bekennende Atheisten.
Ich bin fest davon ĂŒberzeugt, dass die Frage nach Gott nicht nur geeignet ist, Kontroversen innerhalb des Freimaurertums auszulösen, sondern auch aufzuzeigen, welche Vielfalt innerhalb des Freimaurertums möglich ist. Wenn der Leser nach den beiden Artikel von Rene Schon und JĂŒrgen Scheffler meinen Artikel zum Thema gelesen haben wird, wird er eine Vorstellung davon haben, ĂŒber welche Bandbreite das Freimaurertum verfĂŒgt…
Doch genug der Worte. Vorhang auf fĂŒr den letzten Teil; meinen eigenen Beitrag…
FREIMAURERTUM BENĂTIGT SPIRITUALITĂT UND GOTTESBEZUG
FĂŒr mich ist ein Freimaurertum ohne Gottesbezug schlichtweg nicht vorstellbar. Mein Eindruck ist, dass sich das freimaurerische Ritual und die freimaurerische Symbolik nur dann in ihrer ganzen Tiefe entfalten können, wenn man sich auch auf die esoterisch-spirituelle Dimensionen einlĂ€sst, die diesen innewohnt.
WENN ICH VON GOTT SPRECHE
Doch bevor ich mich aufmache, diese These zu belegen, sollte ich zunĂ€chst einmal umreiĂen, wovon ich ĂŒberhaupt ausgehe, wenn ich diesen mĂ€chtigen und absolut missverstĂ€ndlichen Begriff âGottâ gebrauche. Oder besser: Wovon ich eben nicht ausgehe.
Meines Erachtens ist Gott zu groĂ und zu umfassend, als dass ich ihn auch nur ansatzweise erkennen oder gar begreifen könnte. Ich glaube, Gott hat den Menschen der unterschiedlichen Kulturen zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Aspekte von sich offenbart. Die monotheistischen Religionen â Judentum, Christentum und Islam â beispielsweise stellen Gott als personales GegenĂŒber in den Mittelpunkt. Ein Gott, der einen Willen hat, mit dem man kommunizieren kann und mit dem man eine Beziehung fĂŒhren kann. Die unterschiedlichen Naturvölker betonen Gott als in der Natur offenbart. Die Mystiker der verschiedenen Religionen erleben Gott eher als Seins-Form, die alles durchzieht und umspannt und gleichzeitig im Inneren eines jeden Einzelnen existiert. Die spirituelle Lehre der Kabbalah bezeichnet Gott unter anderem als Urlicht. Hier trĂ€gt jeder Mensch einen Funken dieses Lichtes – den göttlichen Funken – in sich. In buddhistisch geprĂ€gten Vorstellungen ist Gott vielleicht am ehesten mit einer Art Energie vergleichbar. Wahrscheinlich gibt es so viele Gottesvorstellungen wie es Menschen gibt. Und jede dieser Gottesvorstellungen ist wahr. Aber keine dieser Vorstellungen ist absolut. Setzt man sie wie einzelne Puzzleteile aneinander, kann man eine Ahnung davon bekommen, wie Gott sein könnte.
Das Geschriebene verdeutlicht, dass es sich mir verbietet, ĂŒber Gott dogmatisch theologische Aussagen zu treffen. Jede dogmatische Festlegung limitiert Gott. Wenn ich im Folgenden von Gott spreche, rede ich niemals von theologisch absoluten GlaubenssĂ€tzen. Ich bin mir bewusst, dass alles, was ich von Gott erkenne, niemals abschlieĂend sein kann. Und ich bin mir bewusst, dass es ganz sicher andere Menschen gibt, die Facetten ĂŒber Gott erkannt haben, die ich vielleicht noch nicht einmal erahne. Daher ist es eine meiner Lebensaufgaben, offen dafĂŒr zu bleiben, dass Gott sich jeder Zeit auf eine Art und Weise offenbaren kann, die ich niemals fĂŒr möglich gehalten hĂ€tte.
Das vorausgesetzt, will mich an die Frage heranwagen, warum das Freimaurertum meines Erachtens immer auch eine spirituelle Dimension hat und daher einen Gottesbezug benötigt. HierfĂŒr beginne ich mit einem kurzen Blick in die Geschichte des Freimaurertums.
VORLĂUFER DES HEUTIGEN FREIMAURERTUMS
Unumstritten ist, dass sich das Freimaurertum – wie wir es heute kennen – aus den Steinmetzbruderschaften der BauhĂŒtten des Mittelalters herleitet und bei beidem einen GroĂteil seiner Bilder und Symbole entlehnt. Das gilt insbesondere fĂŒr die ersten drei Grade der Johannisloge.
Die VorlĂ€ufer der BauhĂŒtten wiederum sind im Mönchstum der Epoche der Romanik zu suchen. Hier ist insbesondere der Benediktinerorden zu nennen. Diese begangen bereits in der Vorromanik damit, die eigenen Klosteranlagen – insbesondere die klösterlichen Sakralbauten – zu erbauen. In der Romanik entwickelten sich diese âbauendenâ Mönche zu âreisendenâ Mönchen. Sie reisten von Klosterbaustelle zu Klosterbaustelle, um Klosterkirchen zu errichten. Unklar ist heute lediglich, ob die Mönche selber mit Hand anlegten oder ob sie die BautĂ€tigkeiten koordinierten und ĂŒberwachten. Aus diesen reisenden Mönchen wiederum gingen die BauhĂŒtten und Steinmetzbruderschaften hervor, die im Mittelalter die gotischen Sakralbauten erschufen. Diese existierten und wirkten mit zunehmender Dauer organisatorisch unabhĂ€ngig von den Mönchsorden.
Dies zeigt, dass das mittelalterliche Bauhandwerk tief verwurzelt war in der monastischen SpiritualitĂ€t des Christentums. Es wĂ€re eine kĂŒnstliche Trennung, davon auszugehen, dass diese BautĂ€tigkeiten keinen spirituellen Bezug bzw. keine spirituelle Ausrichtung gehabt hĂ€tten. Da Ă€ndert auch die Feststellung, dass die mittelalterlichen Bauleute ganz gewiss nicht nur sakrale GebĂ€ude, sondern auch profan genutzte GebĂ€ude errichtet haben, nichts dran.
ENTWICKLUNG ZUM HEUTIGEN FREIMAURERTUM
Am Johannistag des Jahres 1717 schlieĂlich wurde in England die erste GroĂloge gegrĂŒndet. Bis heute gilt dieser Tag als offizielles GrĂŒndungsdatum des noch heute existierenden Freimaurertums. Interessant hierbei ist, dass sich diese GroĂloge grĂŒndete, indem sich vier bereits existierende Logen zusammenschlossen. Daraus folgt, das bereits vor der offiziellen GrĂŒndung des Freimaurertums Freimaurerlogen existiert haben mĂŒssen.
Der Ăbergang von den praktisch bauenden Steinmetzbruderschaften des Mittelalters zum heutigen Freimaurertum ist von der offiziellen Geschichtsschreibung allerdings nur schwer nachzuzeichnen. Als sicher gilt, dass es einen, mehrere Jahrhunderte dauernden Prozess gab, in dessen Verlauf – aus unterschiedlichen GrĂŒnden – zunehmend Mitglieder in die Steinmetzbruderschaften aufgenommen wurden, die beruflich nicht dem praktizierenden Bauhandwerk entstammten.
Dies brachte zwei Entwicklungen mit sich: Zum einen Ă€nderte sich die Struktur der Mitglieder. Zum anderen wandelte sich die TĂ€tigkeit des Ă€uĂeren Erschaffens eines Bauwerkes hin zu einem im Inneren des Menschen stattfindenden Vorgang. Aus den praktisch bauenden Steinmetzbruderschaften wurde das heutige, sogenannte âspekulativeâ Freimaurertum.
FREIMAURERISCHES RINGEN
Dieser nicht klar umreiĂbare Geburtsprozess des spekulativen Freimaurertums fiel mit den Epochen der Renaissance und der AufklĂ€rung in eine Ă€uĂerst spannende und von gegensĂ€tzlichen Strömungen geprĂ€gte Zeit. Grob vereinfacht stand das rational geprĂ€gte Postulat der Vernunft mit der Idee, dass der Mensch sich durch den Gebrauch des eigenen Verstandes aus seiner selbst verschuldeten UnmĂŒndigkeit zu befreien habe, auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite schossen die unterschiedlichsten mehr oder weniger geheimen Verbindungen, Gesellschaften und BĂŒnde, die sich um mehr oder weniger okkultes, esoterisches, spiritistisches oder mystisches Geheimwissen rankten, wie Pilze aus dem Boden.
Diese widerstreitenden gesellschaftlichen Strömungen fanden natĂŒrlich auch Eingang ins Freimaurertum. So wurden Freimauerlogen auf der einen Seite zu Orten der freien MeinungsĂ€uĂerung, wo im geschĂŒtzten Rahmen die revolutionĂ€ren Ideen der AufklĂ€rung diskutiert werden konnten. Gleichzeitig aber wurden Freimaurerlogen zu Orten, an denen Symbol und Ritual ein mystisches Erleben ermöglichten. Das gesellschaftliche Ringen zwischen Ratio und Intuition war in den Logen wie unter dem Brennglas zu erleben.
Leider war nicht immer der Wille und die Kraft vorhanden, dieses Spannungsfeld auszuhalten. Und so ringt das Freimaurertum seit seiner GrĂŒndung darum, was denn nun das rechtmĂ€Ăige – sprich: âregulĂ€reâ – Freimaurertum ausmacht und was nicht. Ăberspitzt und stark vereinfacht findet dieses freimaurerische Ringen zwischen den beiden folgenden Polen statt:
Den ersten Pol wĂŒrde ich am ehesten als âhumanistisches Freimaurertumâ umschreiben. FĂŒr diesen sind die drei ersten Grade der Johannismaurerei relevant. In diesen Graden erfolgt die Auseinandersetzung mit sich selbst, mit âder Welt da drauĂenâ und im dritten Grad schlieĂlich die Konfrontation mit dem eigenen Tod. Dieser freimaurerische Weg ist beinahe ausschlieĂlich auf das Diesseits ausgerichtet und eher rational geprĂ€gt. Er dreht sich vor allem um die Frage eines ethisch-moralischen Lebenswandels.
Den anderen Pool wĂŒrde ich am ehesten als âesoterisch-spirituelles Freimaurertumâ umschreiben. Dieser baut auf den beschriebenen drei Johannisgraden in Form von unterschiedlichen weiterfĂŒhrenden Graden auf. Hier werden die Inhalte der ersten drei Grade aufgenommen, vertieft und um ihre esoterisch-spirituelle Dimensionen erweitert. Neben der Frage eines ethisch-moralischen Lebenswandels wird Freimaurertum hier auch als esoterisch-spiritueller Erkenntnisweg verstanden.
Wo zwischen diesen beiden Polen man sich verortet, kann ein jeder Freimaurer nur fĂŒr sich selbst entscheiden. Und ich habe fĂŒr beide dieser gegensĂ€tzlichsten Positionen nachvollziehbare und gut begrĂŒndete AusfĂŒhrungen lesen dĂŒrfen. Mein Eindruck ist, dass jeder Freimaurer der Argumentationslinie folgt, in der er sich am ehesten wiederfindet und die er am ehesten nachvollziehen kann.
DER CHRISTLICHE FREIMAURERORDEN
Die beschriebenen Entwicklungen fĂŒhrten dazu, dass es heute in Deutschland drei eigenstĂ€ndige und ganz unterschiedliche deutsche GroĂlogen gibt: Die âGroĂloge der Alten Freien und Angenommenen Freimaurer von Deutschlandâ (AFuAM), âDie GroĂe Landesloge der Freimaurer von Deutschlandâ (Freimaurerorden) sowie die âGroĂe National-Mutterloge Zu den drei Weltkugelnâ (3WK). Diese finden sich neben weiteren Logen unter dem Dach der âVereinigten GroĂlogen von Deutschlandâ zusammen.
Besonders erwĂ€hnen möchte ich hiervon die AFuAM. Denn diese ist von der Mitgliederzahl her die mit Abstand gröĂte der GroĂlogen. Die AfuaM bearbeitet ausschlieĂlich ersten drei Grade der Johannisloge und ist vor allem humanistisch geprĂ€gt.
Ich selbst gehöre der zweitgröĂten GroĂloge, dem Freimaurerorden, an. Dieser ist explizit christlich ausgerichtet. Jesus Christus, wie ihn die Bibel ĂŒberliefert, wird hier als Obermeister angesehen. Er verkörpert das Ideal fĂŒr jeden Ordensbruder. Dies gilt sowohl fĂŒr den spirituellen Weg, den er gegangen ist; als auch fĂŒr sein ethisch-moralisches Handeln. Weiter ist das gesamte Ritual auf Gott (wie jeder einzelne ihn fĂŒr sich auch verstehen mag) ausgerichtet. Der Weg des Ordensfreimaurers erstreckt sich ĂŒber 10 Grade.
Wenn ich im Weiteren auf den Inhalt des freimaurerischen Rituals und die Ausrichtung des freimaurerischen Weges eingehe, dann ist es wichtig im Hinterkopf zu behalten, dass ich hierbei von dem ausgehe, was mir im Christlichen Freimaurerorden begegnet. FĂŒr die anderen Richtungen kann ich nicht sprechen, weil ich dort nicht in der Tiefe drinstecke. Weiter muss berĂŒcksichtigt werden, dass ich aus der Sicht eines Freimaurers schreibe, der den 3. Grad â nĂ€mlich den des Johannismeisters â inne hat.
EINWEIHUNG UND RĂCKVERBINDUNG
Steigt man tiefer in das freimaurerische Ritual ein, merkt man schnell, dass es sich hierbei um einen althergebrachten Initiationsritus handelt. Versucht man diesen zu seinen UrsprĂŒngen zurĂŒck zu verfolgen, so entdeckt man zunĂ€chst markante Parallelen zu den Initiationsriten der MysterienbĂŒnde des Altertums. Einzelne Elemente des freimaurerischen Initiationsritus sind aber noch wesentlich Ă€lter. Sie finden sich bereits bei den archaischen Initiationsriten der Urvölker.
Ebendiese archaischen Initiationsriten hat der Franziskaner-Pater Richard Rohr Zeit seines Lebens studiert. Und hierbei machte er ganz interessante Entdeckungen: UnabhĂ€ngig davon, in welcher Kultur der jeweilige Initiationsritus durchgefĂŒhrt wurde, verfĂŒgte er ĂŒber dieselben zentralen Wesensmerkmale: So galt es zunĂ€chst das egodominierte Falsche Selbst des Initianten zu erschĂŒttern und sterben zu lassen. Dieses Sterben der alten Natur des Initianten wurde in dramatischer und kraftvoller Weise vollzogen. Auf den grausamen Tod erfolgte schlieĂlich die machtvolle Auferstehung. Im Idealfall war durch dieses Ritual ein neuer Mensch geboren. Ein Mensch, der eingeweiht war in das âGroĂe Mysterium des Lebens“; dadurch, dass er zurĂŒckverbunden worden war in die (spirituellen) KreislĂ€ufe und GesetzmĂ€Ăigkeiten der Schöpfung. Ein Mensch, der in BerĂŒhrung gekommen war mit seinem Wahren Selbst.
Dies zeigt, dass Initiationsriten immer ĂŒber den kleinen menschlichen Ego-Horizont hinausweisen. Auf das âabsolut Guteâ. Auf das, was gröĂer und umfassender ist, als es die egomane Natur des Menschen je sein könnte. Und in diesem âGroĂen Ganzenâ offenbart sich das, was der Mensch seit jeher âGottâ nennt. Daher verweist ein Initiationsritus im Idealfall in letzter Konsequenz immer auch auf Gott. TĂ€te er dies nicht, bliebe das launenhafte und selbstfixierte Ego des Menschen die einzige Richtschnur und der einzige Bezugspunkt im Ritual.
Die Idee, dass eine âEinweihungâ notwendig ist, um den Menschen âzurĂŒck zu verbindenâ, impliziert, dass es mal einen Zustand gegeben haben muss, in dem der Mensch âverbundenâ war. Ein Zustand der UrsprĂŒnglichkeit, in dem der Mensch âeinsâ war mit dem âGroĂen Mysteriumâ. Dieser Zustand ist verlorengegangen. Aus diesem Zustand ist der Mensch herausgefallen. Mythen wie die der Vertreibung aus dem Paradies im Alten Testament der Bibel erzĂ€hlen uns davon. Initiation setzt im positivsten Falle genau an diesem Punkt an. Sie setzt den âGuten Anfangâ, damit der Mensch sich auf den Weg machen kann. Auf seinen Weg nach hause. Auf seinen Weg zurĂŒck zur Vereinigung mit seinem Ursprung.
Und genau dieses Wissen hat der Christliche Freimaurerorden meines Erachtens bewahrt. Das Ziel des Weges des Ordensfreimaurers ist die Vereinigung mit seinem Ursprung. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch sĂ€mtliche Grade, Symbole und Rituale. Und das, was ich als âGroĂes Mysteriumâ und als âspirituelle KreislĂ€ufe und GesetzmĂ€Ăigkeiten der Schöpfungâ beschreibe, wird im Freimaurerorden als âGöttliche Ordnungâ bezeichnet. An entscheidender Stelle ergeht im Ritual die Aufforderung an den Ordensfreimaurer, Gott die Ehre zu geben und sich in die göttliche Ordnung stellen. Es wird unmissverstĂ€ndlich klarstellt, dass es nicht das menschliche Ego ist, das hier im Mittelpunkt steht. Das Ritual des Freimaurerordens weist somit weit ĂŒber das egodominierte Falsche Selbst des Menschen hinaus. In letzter Konsequenz weist es auf Gott. Auf Gott, den Ursprung allen Seins.
DIE ALTEN PFLICHTEN
Die Wurzeln des Freimaurertums sind folglich im Spirituellen zu suchen. Ein wie auch immer gearteter Gottesbezug war immer gegeben. SpĂ€testens jedoch im spekulativen Freimaurertum ging dieses spirituelle Erbe eine Symbiose mit den Ideen der AufklĂ€rung und des Humanismus ein. Zwei so gegensĂ€tzliche Richtungen in sich zu vereinen, ist jedoch nur dann möglich, wenn ein Weg gefunden wird, keine der beiden dogmatisch oder absolut zu verstehen. Das gilt fĂŒr die spirituelle Seite genauso wie fĂŒr die humanistische.
Einen wegweisenden und nachhaltig prĂ€genden Ansatz, wie dies funktionieren könnte, verfasste der Reverend und Prediger an der Kirche der schottischen Presbyterianer in London, James Anderson, im Jahre 1723 in den sogenannten âAlten Pflichtenâ. Hierbei handelt es sich um âdie erste gedruckte und veröffentlichte Sammlung von Gesetzen und Konstitutionen (Regeln) der Freimaurerâ. Im Abschnitt âVon Gott und der Religionâ schreibt er dort etwas nieder, was noch heute tief in der DNA eines jeden Freimaurers verankert ist, dem ich bisher begegnet bin:
„Der Maurer ist als Maurer verpflichtet, dem Sittengesetz zu gehorchen; und wenn er die Kunst recht versteht, wird er weder ein engstirniger Gottesleugner, noch ein bindungsloser Freigeist sein. In alten Zeiten waren die Maurer in jedem Land zwar verpflichtet, der Religion anzugehören, die in ihrem Lande oder Volke galt, heute jedoch hĂ€lt man es fĂŒr ratsamer, sie nur zu der Religion zu verpflichten, in der alle Menschen Ăbereinstimmen, und jedem seine besonderen Ăberzeugungen selbst zu belassen.“
Besonders bemerkenswert finde ich hierbei die Idee der âReligion, in der alle Menschen ĂŒbereinstimmenâ. Es ist augenscheinlich, dass hiermit keine dogmatisch verstandene Religion gemeint sein kann. Denn wenn es um dogmatische GlaubenssĂ€tze und theologische LehrgebĂ€ude geht, dann stimmen die Menschen nicht ĂŒberein. Das sehen wir tagtĂ€glich um uns herum. Und das seit Menschengedenken. Unterschiedliche Religionen, sprechen sich gegenseitig die RechtglĂ€ubigkeit ab. Und innerhalb dieser Religionen wiederum sprechen sich unterschiedliche Richtungen gegenseitig die RechtglĂ€ubigkeit ab. Und im Zweifel wird dies gewaltsam ausgetragen. Wahrscheinlich wurde in der Geschichte der Menschheit wegen keinen Anschauungen so viel Blut vergossen, wie wegen der religiösen. Nein, wenn von der âReligion, in der alle Menschen ĂŒbereinstimmenâ gesprochen wird, kann keine wie auch immer geartete dogmatische Theologie gemeint sein.
EIN MYSTISCHER GOTTESBEGRIFF
Mich erinnert die Idee der âReligion, in der alle Menschen ĂŒbereinstimmenâ an ein GottesverstĂ€ndnis, wie man es oft bei den Mystikern der verschiedenen Religionen vorfindet. Denn in der Mystik wird Gott eher als ein universelles Sein verstanden, das die Schöpfung vollstĂ€ndig durchdringt. Und da jeder Mensch den Zugang zu diesem âSeinâ in seinem tiefsten Innersten trĂ€gt, ist die Mystik in erster Linie von spirituellem Erleben geprĂ€gt. Weniger durch theologische GlaubenssĂ€tze. Und Ă€hnlich den Initiationsriten hat auch die mystische Erfahrung das Potential, den Menschen von innen heraus zu transformieren. Die Erfahrungen der Mystiker gleichen sich auffĂ€llig. UnabhĂ€ngig davon, welcher Religion sie angehören. Denn das mystische Erleben geht weit ĂŒber die Theologien und Dogmen der einzelnen Religionen hinaus. Die Mystiker der verschiedenen Religionen eint ihre mystische Erfahrung und das daraus resultierende Bewusstsein. Auch wenn die dogmatischen Aussagen der jeweiligen Religionen, denen sie angehören, sich kontrĂ€r gegenĂŒberstehen.
Es ist daher auch nicht erstaunlich, dass die Mystiker in ihren Religionen oftmals nur ein Randdasein fristeten oder â wie im Fall von Meister Eckhart â gar exkommuniziert wurden. In der heutigen Zeit sind die Mystiker des Islam â die Sufis â regelmĂ€Ăig das Ziel islamistischer Terrorakte.
Wenn es tatsĂ€chlich so ist, dass sich die Idee der âReligion in der alle Menschen ĂŒbereinstimmenâ von der Gottesvorstellung der (in diesem Fall christlichen) Mystiker ableitet, wĂ€re dies ein weiteres Indiz fĂŒr die spirituellen Wurzeln des Freimaurertums. Der gemeinsame Ausgangspunkt könnte wie bei den VorlĂ€ufern des mittelalterlichen Bauhandwerks wieder das christliche Mönchstum sein. Gingen aus ihm doch nahezu alle christlichen Mystiker hervor.
SUPREME BEING UND DREIFACH GROĂER BAUMEISTER
Aus der Idee der âReligion in der alle Menschen ĂŒbereinstimmenâ leitete sich im Laufe der Zeit das âSupreme Beingâ ab. Dies stellt weltweit eine der Voraussetzungen dar, damit eine Freimaurerloge von der GroĂloge in England als âregulĂ€râ anerkannt wird.
Im Christlichen Freimaurerorden findet das Supreme Being Ausdruck im âDreifach GroĂen Baumeister der ganzen Weltâ. Und genau wie das Supreme Being ist auch der Dreifach GroĂe Baumeister der ganzen Welt weder theologisch noch dogmatisch definiert. Es ist an jedem Bruder selbst, diesen Begriff fĂŒr sich zu fĂŒllen.
Und im Mikrokosmos meiner Loge erlebe ich, dass im Ritual der Bruder mit der kirchlich geprÀgten Vorstellung von Gott neben dem mit der buddhistisch geprÀgten, neben dem mit der gnostisch geprÀgten, neben dem mit der kabbalistisch, mystisch oder kontemplativ geprÀgten Vorstellung von Gott sitzt.
MEIN FREIMAURERISCHES MANIFEST
Mein Fazit: Die Wurzeln des Freimaurertums sind im Spirituellen zu suchen. Ein wie auch immer gearteter Gottesbezug war immer gegeben. Und fĂŒr mich persönlich ist ein Freimaurertum ohne Gottesbezug schlichtweg nicht vorstellbar. Mein Eindruck ist, dass sich das freimaurerischen Ritual und die freimaurerische Symbolik nur dann in seiner ganzen Tiefe entfalten können, wenn man sich auch auf die esoterisch-spirituelle Dimensionen einlĂ€sst, die diesen innewohnt.
Aber: Das RevolutionĂ€re am damals noch blutjungen spekulativen Freimaurertum war meines Erachtens, dass dieses spirituelle Erbe eine Vereinigung mit den humanistisch geprĂ€gten Idealen der AufklĂ€rung einging. Und auch, wenn es in der Geschichte zu mancher Spannung fĂŒhrte, so ist das ZusammenfĂŒhren und Aushalten dieser gegensĂ€tzlichen Pole, meiner Meinung nach, bis heute eine der gröĂten StĂ€rken des Freimaurertums.
Denn so wie sich im Menschen im Idealfall Vernunft und Gewissen ergÀnzen und gegenseitig austarieren, so kann dies auch im Freimaurertum durch seine aufgeklÀrt humanistische Seite und seine esoterisch-spirituelle Seite geschehen. Ein Freimaurertum, das seine esoterisch-spirituelle Seite ignoriert, droht immer auf der Ebene des Verstandes steckenzubleiben und nur an der trockenen OberflÀche von Symbol und Ritual zu kratzen. Und ein Freimaurertum, das seine aufgeklÀrt humanistische Seite ignoriert, lÀuft immer Gefahr, die Bodenhaftung und den konkreten Bezug zum alltÀglichen Hier und Jetzt zu verlieren. Nur wenn beide Pole in Ausgleich und Einklang miteinander gebracht werden können, ist der freimaurerische Weg vollstÀndig.
Und meine Erfahrung ist, dass genau das jeder âgesundeâ spirituelle Weg sowie jedes âgesundeâ Model der Persönlichkeitsentwicklung lehrt: GegensĂ€tze werden nicht dadurch ĂŒberwunden, dass man sie vernichtet. GegensĂ€tze werden dadurch ĂŒberwunden, dass man sie annimmt, ausgleicht und zur Vereinigung fĂŒhrt.
Daher empfinde ich persönlich es als vermessen, wenn Freimaurer ein Freimaurertum als âmodernâ bezeichnen, das sĂ€mtliche spirituellen BezĂŒge sowie den Gottesbezug getilgt hat. Ein Freimaurertum ist modern zu nennen, wenn dessen SpiritualitĂ€t und dessen Gottesbezug durch die AufklĂ€rung gelĂ€utert worden sind. Das bedeutet, dass es von Dogmatismus und Aberglauben entschlackt ist, die Ideale von AufklĂ€rung und Humanismus integriert hat und sich dennoch seiner spirituellen Verwurzelung und seines immanenten Gottesbezuges bewusst ist.