Im Laufe der Zeit ist der Lebensbaum ein ganz zentrales und fundamentales Symbol meines spirituellen Weges geworden.
BĂUME UND WĂLDER
Ich glaube, seinen Anfang nahm dies auf einem Seminar ĂŒber initiantische Schwertarbeit. Ein katholischer Geistlicher hatte es vor einigen Jahren in einem Kloster abgehalten und ich hatte es besucht. Eines Morgens vor dem FrĂŒhstĂŒck schickte er uns raus in die Natur. Sein Auftrag an uns war, dass wir bei einer Pflanze verweilen sollten. Ich suchte mir einem groĂen Baum aus, der direkt an einem Fluss stand. Etwa eine halbe Stunde stand ich vor diesem Baum. Betrachtete ihn und berĂŒhrte ihn. Und mit jedem Augenblick, den ich vor diesem Baum verweilte, wurde mir bewusster, wie erhaben er war. Erhaben, in sich ruhend und wunderschön. Irgendwann hatte ich das BedĂŒrfnis, diesen Baum zu umarmen. Ganz fest drĂŒckte ich ihn an mich. Als ich diesen Platz wieder verlieĂ, verneigte ich mich vor ihm. Ein tiefes GefĂŒhl von Ehrfurcht hatte dieser Baum in mir zurĂŒckgelassen.
Diese Erfahrung brannte sich in mir ein und sollte fortan mein Begleiter sein. Und es sollten weitere Erfahrungen dieser Art folgen. Auf eine intuitive Weise wurden BĂ€ume so etwas wie Bezugspunkte der Achtsamkeit und Kontemplation fĂŒr mich. Und dort, wo viele BĂ€ume zusammen standen und in einem Wald aufgingen, schufen sie gleichzeitig Orte, die mir spirituelles Erleben ermöglichten. Der Wald wurde zu meinem Tempel. Blicke ich zurĂŒck, so waren es die spirituellen Zeiten in den WĂ€ldern, die mich am grundlegendsten und nachhaltigsten verĂ€ndert haben.
LEBENSBAUM
Als ich anfing, mich oberflĂ€chlich mit der Idee des Lebensbaumes zu befassen, stellte ich schnell fest, dass diese Idee in nahezu jeder Kultur Bestandteil der Religionen und Kulte war. Mal als zentrales Symbol, mal lediglich in Randbereichen. Die in unseren Breitengraden wohl bekanntesten LebensbĂ€ume dĂŒrften die aus dem germanisch-skandinavischen Kulturkreis stammende Weltenesche Yggdrasil sowie der Sephirothbaum aus der jĂŒdisch-christlichen Kabbala sein.
So unterschiedlich diese LebensbĂ€ume auf dem ersten Blick auch daherkommen, so weisen sie unterhalb dieser OberflĂ€che doch markante Ăhnlichkeiten auf. Das gilt sowohl in Bezug auf ihre Darstellungen, als auch in Bezug auf die kosmischen Ordnungen und den damit verbundenen GesetzmĂ€Ăigkeiten, die sie in sich bergen und ausdrĂŒcken.
SPIRITUELLE PRINZIPIEN DES BAUMES
Ich habe mich gefragt, ob solche Erfahrungen, wie ich sie mit BĂ€umen und in WĂ€ldern gemacht habe, der Grund dafĂŒr gewesen sein könnten, dass das Symbol des Lebensbaums Einzug in fast alle Religionen und Kulte gefunden hatte. UnabhĂ€ngig von dieser Fragestellung aber ist der Baum als solcher aufgrund seiner Beschaffenheit geradezu prĂ€destiniert, spirituelle Prinzipien und GesetzmĂ€Ăigkeiten auszudrĂŒcken:
1. Licht
Zu allererst ist da sein Streben zum Licht empor. SĂ€mtliche Lebens- und Wachstumsprozesse des Baumes sind auf die Sonne, als Quelle des Lichts, ausgerichtet. Mit seinem gesamten Wesen streckt der Baum sich der Sonne entgegen.
2. Verbindung
Dann verbindet der Baum die Unterwelt und die Oberwelt miteinander, sowie sĂ€mtliche Zwischenwelten. Seine Wurzeln reichen bis tief ins Erdreich hinein und seine Krone kĂŒsst den Himmel. Dazwischen durchlĂ€uft und verbindet er mindestens zwei weitere Ebenen. NĂ€mlich die der ErdoberflĂ€che sowie die Ebene zwischen ErdoberflĂ€che und Krone.
3. Eins mit allem
Weiter ist der einzelne Baum verbunden mit dem gesamten Leben um ihn herum. Zwar wirkt es, wenn man einen einzelnen Baum im Wald betrachtet, zunĂ€chst so, als stĂŒnde dieser isoliert fĂŒr sich. Schaut man jedoch genauer hin, so stellt man fest, dass dieser einzelne Baum durch Wurzelsysteme, andere Pflanzen, Botenstoffe, den Wald bevölkernde Tiere und Insekten sowie energetische Felder mit dem gesamten Ăkosystem um sich herum zutiefst verwoben ist und in wechselseitigem Austausch steht. Es ist fast so, als stelle dieser einzelne Baum ein Hologramm dar, in dem sich das gesamte Ăkosystem des Waldes widerspiegelt.
4. Werden und Vergehen
Schlussendlich ist der Baum Teil des ewig gleichen Kreislaufs des Werdens und Vergehens allen Lebens. Dieser Kreislauf hatte seinen Anfang darin, dass das Samenkorn, aus dem der Baum mal hervorgehen wĂŒrde, sterben musste, um das Leben des Baumes hervorbringen zu können. Und seither kann man Jahr fĂŒr Jahr die Schönheit dieses Kreislaufs am Baum ablesen. Es beginnt damit, dass im FrĂŒhling die ersten Knospen hervorbrechen, aus denen sich dann die BlĂ€tter und BlĂŒten des Baumes entwickeln. Im Sommer stehen BlĂ€tter im vollsten Saft und die BlĂŒten bringen Frucht. Im Herbst schlieĂlich verfĂ€rben sich die BlĂ€tter bunt und die FrĂŒchte des Baumes können geerntet werden. Bis schlieĂlich die BlĂ€tter herabfallen und verrotten. Den Winter wiederum ĂŒberdauert der Baum kahl und scheinbar leblos. Nur um im FrĂŒhling ein weiteres Mal neu geboren zu werden und diesen Kreislauf ein weiteres Mal zu durchlaufen.
Ganz sicher fallen einem noch weitere Eigenschaften des Baumes auf, die spirituelle Parallelen aufweisen, wenn man sich nur lÀnger mit diesem PhÀnomen auseinandersetzt.
ANNĂHERUNG AN DEN SEPHIROTHBAUM
Der Lebensbaum, in den ich tiefer eingestiegen bin, ist der Sephirothbaum der jĂŒdisch-christlichen Kabbala. Zwei Freimaurer-BrĂŒder meiner Loge, die ebenso wie ich einen spirituellen Zugang zur freimaurerischen Symbolik und zum freimaurerischen Ritual haben, brachten mich damit in BerĂŒhrung.

(Der Sephirothbaum nach Isaak Luria,
Quelle: https://www.wikipedia.org/)
Als ich die Darstellung des Sephirothbaumes zum ersten Mal sah, empfand ich diese als sehr mechanisch und kalt. Auf den ersten Blick hatte diese Darstellung fĂŒr mich so gar nichts mit Leben zu tun. Je mehr ich mich jedoch darin einlas, was fĂŒr Welten im Sephirothbaum dargestellt sind und welche GesetzmĂ€Ăigkeiten durch ihn ausgedrĂŒckt werden – und auch ĂŒber die Darstellung des Sephirothbaumes meditierte – desto mehr begann ich zu erahnen, welche spirituelle Tiefe und Weite im ihm verborgen liegen. Und ich bekam eine Ahnung davon, dass in diesem Baum das Wissen um das, was meinen spirituellen Weg bis dato geprĂ€gt und beschenkt hatte, verborgen liegen könnte: Die Initiation in das Wahre Selbst und das Mysterium des Lebens, der Weg der Mystiker hinein in die Unio Mystica, das RĂŒckverbinden in die KreislĂ€ufe des Lebens, das Versenken in innere Stille. Und schlieĂlich stellt dieser Baum eine der Matrixen dar, die dem Weg durch die zehn Grade des christlichen Freimaurerordens zugrunde liegt.
Mehrfach schon wollte ich mich dem Sephirothbaum auf diesem Blog annĂ€hern. Doch jedes Mal aufs Neue brach ich dieses Unterfangen wieder ab. Denn dieser Baum war und ist schlichtweg zu umfassend, facettenreich und zu vielschichtig. Daher möchte ich hier jetzt eine Art Teil-Einstieg wagen, indem ich lediglich drei Aspekte des Sephirothbaumes anreiĂe; und dies auch nur ganz kurz und oberflĂ€chlich. Das kann und soll erstmal nur eine grobe Vorstellung geben. Meine Idee dahinter ist, in weiteren Blockartikeln diese Aspekte aufzugreifen, zu vertiefen und auf ihnen aufzubauen, um wiederum weitere Aspekte einzufĂŒhren.
DREI ASPEKTE DES SEPHIROTHBAUMES
1. Die Sephiroth:
Der Sephirothbaum besteht aus zehn SphĂ€ren, die Sephiroth genannt werden. Jede dieser zehn Sephiroth hat ganz spezifische Eigenschaften und QualitĂ€ten. Diese zehn Sephiroth können in mindestens zwei Richtungen „gelesen“ werden: Von oben, von der Krone aus, oder von unten, von der materialisierten Welt aus. Von oben aus gelesen beschreibt der Baum die verschiedenen Stufen der Emanation des Göttlichen. Diese durchlĂ€uft sĂ€mtliche Sephiroth und entfernt sich mit jeder Sefirah ein StĂŒck mehr von ihrer UrsprĂŒnglichkeit. In der letzten Sefirah schlieĂlich ist das Göttliche in seiner abgeschwĂ€chtesten Form gebunden. Folglich kann der umgekehrte Weg durch die Sephiroth des Lebensbaumes als eine stufenweisen Initiation verstanden werden. An deren Ende steht die Vereinigung mit dem eigenen göttlichen Ursprung.
2. Die vier Ebenen:
Bei dem Weg durch die Sephiroth werden gleichzeitig vier Ebenen, die unter anderem den vier Elementen der Welt und den vier seelischen SphĂ€ren des Menschen zugeordnet werden können, durchlaufen. Die unterste Sefirah wird dem Element Erde sowie der Leibseele zugeordnet. Die nĂ€chsten drei Sephiroth werden dem Element Wasser sowie der Ă€uĂeren GefĂŒhlsseele und die darauf folgenden drei Sephiroth dem Element Luft sowie der inneren GefĂŒhlsseele zugeordnet. Die letzten drei Sephiroth schlieĂlich werden dem Element Feuer sowie der Geistseele zugeordnet.
3. Die drei SĂ€ulen:
Weiter fĂ€llt auf, dass die Sephiroth in der Form ĂŒbereinander angeordnet sind, dass man sie als drei nebeneinander stehende SĂ€ulen verstehen kann. Die linke und die rechte SĂ€ule bilden sich jeweils aus drei Sephiroth und stehen in polaren und dualistischen SpannungsverhĂ€ltnissen zueinander. Die mittlere SĂ€ule, die sich aus vier Sephiroth bildet, steht fĂŒr den Ausgleich von Dualismus und PolaritĂ€t.
HEILIGES RINGEN
Diese von mir gewĂ€hlten Aspekte sind nicht willkĂŒrlicher Natur. Denn es sind die Aspekte, ĂŒber die ich mit meinem Hintergrund und meiner PrĂ€gung als erstes Zugang zum Sephirothbaum gefunden hatte.
Die Auseinandersetzung mit dem Sephirothbaum ist jedoch wie ein Ringkampf. Immer wenn man meint, etwas verstanden zu haben, geht eine neue TĂŒr auf und man realisiert, was man alles noch nicht weiĂ. Macht man drei Schritte vorwĂ€rts, schmeiĂt es einen im nĂ€chsten Moment wieder zwei Schritte zurĂŒck. Und in dieses heilige Ringen um Wissen und Nichtwissen, um Erblicken und Erblinden, um Eporsteigen und NiederstĂŒrzen bin ich mit meinem Blog nun auch eingetreten. Ob ich dem gewachsen bin, weiĂ ich nicht…