Abstieg

Ich weiß nicht, wie lange wir dort oben schon gestanden hatten. Schweigend. In uns gekehrt. Erstarrt. Das Licht des Mondes und das der Sterne waren zugedeckt von tiefschwarzen Wolken. Jegliche Helligkeit war wie aufgesogen von dieser SchwĂ€rze. Zu unseren FĂŒĂŸen erstreckten sich zerklĂŒftete GesteinshĂ€nge. Die sich weit unter uns irgendwo im Dunkel verloren.

Wir blickten auf das Tal vor uns und diesen undurchdringlichen Wald, den es umschloss. Er lag eingehĂŒllt in dichten Nebelschwaden. Riesige Fackelmeere unterbrachen seine Finsternis wie Placken glĂŒhender Lava inmitten schwarzen Vulkangesteins. FĂŒrchterliches Kriegsgeschrei, das Wiehern von Pferden, kĂ€mpferisches Dröhnen von zahllosen Trommeln und der Rhythmus von Schwertern, Äxten, Keulen und Spießen, die auf Schilde geschlagen wurden, trug der eisige Nachtwind zu uns herauf. DĂ€monische Heerscharen hatten sich versammelt. Sie waren wĂŒtend. Sie waren gierig. Und sie waren bereit fĂŒr die letzte Schlacht.

Angst kroch in mir hoch. Zog mir den Magen zusammen und schnĂŒrte mir die Kehle zu. Mein Blick wanderte zu meinem Seelenbruder. Er war noch immer an meiner Seite. Ruhig und klar stand er neben mir. Und betrachtete, was uns zu FĂŒĂŸen lag. FĂŒr einen Moment konnte ich diese Entschlossenheit und diese Zuversicht, die er ausstrahlte, spĂŒren. Dann sah er mich fragend an. Ich nickte. Wollte ich leben, so musste ich dort hinunter. Hinein in die Finsternis und das DĂ€monische. Bis zum tiefsten Punkt meiner Angst. Ich musste dem, was dort unten auf mich lauerte, gegenĂŒbertreten. Und hindurchgehen.

Wortlos befestigten wir unsere Seile an zwei BĂ€umen und ließen sie den Abhang herabgleiten. Ihre Enden verschwanden irgendwo unter uns in dieser undurchsichtigen Suppe aus Dunkelheit und Nebel.

Und dann begannen wir an unseren Seilen den Abhang hinabzusteigen. Doch es war nur sehr schwer möglich, sicheren Stand zu bekommen. Immer wieder rutschten unsere FĂŒĂŸe ab. Immer wieder brach Gestein unter unseren FĂŒĂŸen weg und stĂŒrzte in die Tiefe. Der eisige Wind durchzog unsere Körper mit Schmerz und Taubheit. Die Seile pressten rote Schwielen in unsere HĂ€nde. Mit jedem Meter, den wir uns herunterarbeiteten, sog der Nebel uns mehr und mehr in sich auf. Erst unsere Beine, irgendwann unsere Oberkörper. Und schließlich schwappte er ĂŒber uns zusammen wie das Wasser ĂŒber einem Stein, der ins Meer geworfen worden war. Von nun an galt es blind zu klettern. Nach und nach schwanden unsere KrĂ€fte.

Die Schwielen an unseren HĂ€nden platzen auf. Blutige Spuren blieben an unseren Seilen zurĂŒck. Erschöpfung. Was wir da vorhatten, war ĂŒberhaupt nicht zu schaffen! Warum zum Teufel fiel uns das jetzt erst auf? Wie dumm und naiv hatten wir nur sein können? Wir mussten unbedingt wieder hochklettern! Doch dafĂŒr waren wir mittlerweile zu weit unten. Keine Kraftreserven mehr fĂŒr den Weg zurĂŒck nach oben. Also stiegen wir weiter bergab. Weiter, immer weiter. Meter fĂŒr Meter. Kraftlos und mechanisch.

Als ich das Ende des Seils erreicht hatte, bekamen meine FĂŒĂŸe unbeholfen einen schmalen, bröckelnden Steinvorsprung zu fassen. Zitternd verweilte ich. Keuchend. Die HĂ€nde ums Seil gekrampft. Zaghaft wanderte mein Blick nach unten. Doch nebliges Dunkel deckte alles zu. Wie weit war es noch bis zum Boden? Zwei Meter, zwanzig Meter? Es war nicht zu erkennen.

Mein Seelenbruder kam auf demselben steinernen Vorsprung zu stehen. Ausgelaugt und zittrig. Er atmete schwer. Die Zuversicht und die Ruhe waren aus seinem Gesicht gewichen. Er blickte nach unten und dann zu mir. Hoffnungslosigkeit und Angst mischten sich in seinen Blick. Der Weg nach unten war ungewiss. Doch der Weg zurĂŒck nach oben existierte fĂŒr uns nicht mehr. Panik wallte in uns auf. „Was können wir jetzt noch tun?“, presste ich hervor. „Da ist nichts mehr, was wir noch tun können.“, war die Antwort meines Seelenbruders, „Es ist vorbei.“ Die KĂ€lte des Windes schĂŒttelte unsere Körper durch und entzog uns unser letztes Bisschen Kraft. Der Steinvorsprung, auf dem Wir Halt gefunden hatte, brach unter unseren FĂŒĂŸen langsam weg.

„Hier hast Du keine Macht und keine Kontrolle mehr.“, wisperte irgendeine Stimme von irgendwoher, „Lass los!“ Es klang so sĂŒĂŸ. Und so verfĂŒhrerisch. Und da war nichts mehr in mir, was diesem lieblichen Wispern hĂ€tte widerstehen können. Nichts, nur noch Kraftlosigkeit. FĂŒr einen Moment war es, als bliebe Die Zeit stehen. Und dann löste ich Finger fĂŒr Finger meine tauben HĂ€nde vom Seil. Es fĂŒhlte sich wie eine lang ersehnte Erlösung an. Langsam kippte ich nach hinten ĂŒber. Fragend sah mein Seelenbruder zu mir rĂŒber. „Nein!“, schrie er, als er hektisch nach mir griff. Ich fiel. Er bekam mich noch zu fassen. Doch ich riss ihn mit. Wir beide stĂŒrzten hinab. Mitten hinein ins Dunkle und ins Ungewisse…

#Gedanke: Christlicher Freimaurerorden

„Und ich bin sicher, dass gerade die christliche Freimaurerei eine sehr wichtige Institution ist. Der Glaube an unseren Obermeister [in der christlich orientierten Lehrart des »Freimaurerordens« die traditionelle freimaurerisch-symbolische Bezeichnung fĂŒr Jesus Christus] im Hinblick auf unsere Entwicklung und Handlungsweise ist eine wichtige Richtschnur.

Auch bin ich fest davon ĂŒberzeugt, dass wir Freimaurer durch unsere Lehre und Arbeitsweise den Menschen eine Perspektive geben können, die ihnen sonst vielleicht fehlt.

Einer unserer Alt-BundesprĂ€sidenten hat in einem GesprĂ€ch einmal gesagt: „Gerade die Freimaurerei hat in unserer Gesellschaft eine ganz wichtige Position. Sie fragt zuerst, was man selbst zu einer positiven VerĂ€nderung beitragen kann, bevor man andere aufruft, etwas zu tun.““

(Achim Strassner)

Entdeckt bei: Freimaurer.Online

Ruhe in Frieden † Achim Strassner

JOACHIM „ACHIM“ STRASSNER
* 1947 – † 09. November 2019, Kiel

Vom Glauben zum Schauen gelangt,
die Werkzeuge aus der Hand gelegt,
in den Ewigen Osten vorausgegangen:

Achim Strassner,
Freimaurer und Mensch,
Ordensmeister und Lehrling,
mein Bruder.

Ich werde Dein Andenken in Ehren halten!

NĂ€heres findet Ihr hier:
Nachruf des Christlichen Freimaurerordens
Nachruf von Freimaurer.Online

Achtsam durch das Maurerjahr

Vor einigen Monaten schrieb ich einen Blogartikel darĂŒber, was meine Motivation war, Freimaurer zu werden: Ich hatte mich nach einem Ort gesehnt, in dem sich auf rituelle Weise den Themen genĂ€hert wird, die meinen spirituellen Weg ausmachen: Innere Stille, MĂ€nnerinitiation, Archetypen, christliche Mystik, schöpfungsspirituelle KreislĂ€ufe. Diesen Ort habe ich im christlichen Freimaurerorden gefunden. Seine Tempelarbeiten sind mir rituelle Heimat geworden.

DarĂŒber hinaus entfaltete sich im Laufe der Jahre eine weitere Tiefendimension des Rituals des Freimaurerordens in mir: Achtsamkeit fĂŒr den Jahreszeitenkreislauf. Seitdem ich Freimaurer bin, nehme ich den Weg durch die wiederkehrenden Jahreszeiten und das, was sie in ihrem Wesen ausmacht, bewusster wahr. Ich denke mal, das rĂŒhrt daher, dass ĂŒber das Jahr verteilt immer wieder Tempelarbeiten stattfinden, die den Inhalt der jeweiligen Jahreszeit rituell aufnehmen und vertiefen. Dadurch geschieht ein RĂŒckverbinden in die jeweilige Jahreszeit und schließlich in den Jahreszeitenkreislauf.

Dies beginnt mit dem Stiftungsfest meiner Johannisloge Anfang MĂ€rz. Hierbei wird auf rituelle Weise das alte Logenjahr beendet und das neue Logenjahr begonnen. ZufĂ€llig fĂ€llt das Stiftungsfest meiner Johannisloge mit dem FrĂŒhling in eine sehr passende Jahreszeit. Denn so wie beim Stiftungsfest die Loge quasi abermals neu geboren wird, geschieht dasselbe auch im FrĂŒhling mit der Natur um uns herum. Der FrĂŒhling ist die Zeit, in der die Natur aus ihrem Winterschlaf erwacht und das neue Leben allerorten zu sprießen beginnt.

Im Sommer dann zur Sommersonnenwende wird das Johannisfest rituell begangen. Es findet genau an dem Zeitpunkt statt, an dem der Tag am lĂ€ngsten und die Nacht am kĂŒrzesten ist. Genau dann also, wenn die Sonne dermaßen kraftvoll ist, wie sonst das ganze Jahr ĂŒber nicht. Das Ritual des Johannisfestes hat das Vergehen und Werden des Lichtes zum Inhalt und ist von seiner grundlegenden Aussagekraft her sehr anrĂŒhrend.

Als nĂ€chstes dann, nachdem die dunkle Jahreszeit angebrochen ist, feiert meine Andreasloge ihr Stiftungsfest. Inhalt und Zielrichtung dieses Rituals decken sich weitestgehend mit dem Stiftungsfest der Johannisloge. Der Zeitpunkt fĂŒr dieses Stiftungsfest liegt mit dem hereinbrechenden Dunkel des Winters dennoch sehr stimmig. Ist die Andreasloge doch der Teil des Weges des Ordensfreimaurers, in dem er tief in seine eigene Finsternis hinabzusteigen und sich seinen eigenen Schatten zu stellen hat.

Nur wenig spĂ€ter findet alljĂ€hrlich in der Zeit um Totensonntag und Volkstrauertag herum die Trauerloge statt. Vor einigen Jahren widmete ich der Trauerloge einen eigenen Blogartikel. In diesem Ritual ist die Symbolik des Todes omniprĂ€sent. Hierbei wird auf rituelle Weise all den Freimaurer-BrĂŒdern gedacht, die im zurĂŒckliegenden Jahr von uns gegangen – in den ewigen Osten eingegangen – sind. Und auch der Zeitpunkt dieser Tempelarbeit ist mit der angebrochenen dunklen Jahreszeit nur zu folgerichtig gewĂ€hlt.

In der Adventszeit dann, wenn die Finsternis und die KĂ€lte des Winters am stĂ€rksten sind, findet die Adventsloge statt. Inhalt dieser vergleichsweise schmucklosen Tempelarbeit ist derselbe wie der der gesamten Weihnachtszeit: Ausharren. Hoffen. Auf die Geburt des Heilands. Auf die Neugeburt des Lichtes. Und irgendwann, wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nĂ€chsten…

#Gedanke: Eingewoben

„Eingewoben
in die WĂ€lder,
in die Wiesen
und das Land
sind Akkorde,
die sich um uns drehen.
Und wenn dies geheime Wispern
schmeichelnd uns die Sinne raubt,
werden wir in Rausch des Klangs vergehen.

Hörst Du es
im sanften Wind,
in dem BlÀtterrauschen?
Hörst du es,
wenn nachts der Regen fÀllt?
Kannst Du nach dem LĂ€rm des Tages
still dem Himmel lauschen?
Hörst Du leis
den Herzschlag dieser Welt?

Hörst du es
durch Dach und Wand?
Fern von den Planeten
singt es,
triffst Du nur das Zauberwort.
Wir wollen wieder schweigen lernen,
umso besser hört das Herz,
ist all der LĂ€rm dieser Welt erst fort.“

(Bannkreis,
aus: Bannkreis)

Lebensbaum

Im Laufe der Zeit ist der Lebensbaum ein ganz zentrales und fundamentales Symbol meines spirituellen Weges geworden.

BÄUME UND WÄLDER

Ich glaube, seinen Anfang nahm dies auf einem Seminar ĂŒber initiantische Schwertarbeit. Ein katholischer Geistlicher hatte es vor einigen Jahren in einem Kloster abgehalten und ich hatte es besucht. Eines Morgens vor dem FrĂŒhstĂŒck schickte er uns raus in die Natur. Sein Auftrag an uns war, dass wir bei einer Pflanze verweilen sollten. Ich suchte mir einem großen Baum aus, der direkt an einem Fluss stand. Etwa eine halbe Stunde stand ich vor diesem Baum. Betrachtete ihn und berĂŒhrte ihn. Und mit jedem Augenblick, den ich vor diesem Baum verweilte, wurde mir bewusster, wie erhaben er war. Erhaben, in sich ruhend und wunderschön. Irgendwann hatte ich das BedĂŒrfnis, diesen Baum zu umarmen. Ganz fest drĂŒckte ich ihn an mich. Als ich diesen Platz wieder verließ, verneigte ich mich vor ihm. Ein tiefes GefĂŒhl von Ehrfurcht hatte dieser Baum in mir zurĂŒckgelassen.

Diese Erfahrung brannte sich in mir ein und sollte fortan mein Begleiter sein. Und es sollten weitere Erfahrungen dieser Art folgen. Auf eine intuitive Weise wurden BĂ€ume so etwas wie Bezugspunkte der Achtsamkeit und Kontemplation fĂŒr mich. Und dort, wo viele BĂ€ume zusammen standen und in einem Wald aufgingen, schufen sie gleichzeitig Orte, die mir spirituelles Erleben ermöglichten. Der Wald wurde zu meinem Tempel. Blicke ich zurĂŒck, so waren es die spirituellen Zeiten in den WĂ€ldern, die mich am grundlegendsten und nachhaltigsten verĂ€ndert haben.

LEBENSBAUM

Als ich anfing, mich oberflĂ€chlich mit der Idee des Lebensbaumes zu befassen, stellte ich schnell fest, dass diese Idee in nahezu jeder Kultur Bestandteil der Religionen und Kulte war. Mal als zentrales Symbol, mal lediglich in Randbereichen. Die in unseren Breitengraden wohl bekanntesten LebensbĂ€ume dĂŒrften die aus dem germanisch-skandinavischen Kulturkreis stammende Weltenesche Yggdrasil sowie der Sephirothbaum aus der jĂŒdisch-christlichen Kabbala sein.

So unterschiedlich diese LebensbĂ€ume auf dem ersten Blick auch daherkommen, so weisen sie unterhalb dieser OberflĂ€che doch markante Ähnlichkeiten auf. Das gilt sowohl in Bezug auf ihre Darstellungen, als auch in Bezug auf die kosmischen Ordnungen und den damit verbundenen GesetzmĂ€ĂŸigkeiten, die sie in sich bergen und ausdrĂŒcken.

SPIRITUELLE PRINZIPIEN DES BAUMES

Ich habe mich gefragt, ob solche Erfahrungen, wie ich sie mit BĂ€umen und in WĂ€ldern gemacht habe, der Grund dafĂŒr gewesen sein könnten, dass das Symbol des Lebensbaums Einzug in fast alle Religionen und Kulte gefunden hatte. UnabhĂ€ngig von dieser Fragestellung aber ist der Baum als solcher aufgrund seiner Beschaffenheit geradezu prĂ€destiniert, spirituelle Prinzipien und GesetzmĂ€ĂŸigkeiten auszudrĂŒcken:

1. Licht
Zu allererst ist da sein Streben zum Licht empor. SĂ€mtliche Lebens- und Wachstumsprozesse des Baumes sind auf die Sonne, als Quelle des Lichts, ausgerichtet. Mit seinem gesamten Wesen streckt der Baum sich der Sonne entgegen.

2. Verbindung
Dann verbindet der Baum die Unterwelt und die Oberwelt miteinander, sowie sĂ€mtliche Zwischenwelten. Seine Wurzeln reichen bis tief ins Erdreich hinein und seine Krone kĂŒsst den Himmel. Dazwischen durchlĂ€uft und verbindet er mindestens zwei weitere Ebenen. NĂ€mlich die der ErdoberflĂ€che sowie die Ebene zwischen ErdoberflĂ€che und Krone.

3. Eins mit allem
Weiter ist der einzelne Baum verbunden mit dem gesamten Leben um ihn herum. Zwar wirkt es, wenn man einen einzelnen Baum im Wald betrachtet, zunĂ€chst so, als stĂŒnde dieser isoliert fĂŒr sich. Schaut man jedoch genauer hin, so stellt man fest, dass dieser einzelne Baum durch Wurzelsysteme, andere Pflanzen, Botenstoffe, den Wald bevölkernde Tiere und Insekten sowie energetische Felder mit dem gesamten Ökosystem um sich herum zutiefst verwoben ist und in wechselseitigem Austausch steht. Es ist fast so, als stelle dieser einzelne Baum ein Hologramm dar, in dem sich das gesamte Ökosystem des Waldes widerspiegelt.

4. Werden und Vergehen
Schlussendlich ist der Baum Teil des ewig gleichen Kreislaufs des Werdens und Vergehens allen Lebens. Dieser Kreislauf hatte seinen Anfang darin, dass das Samenkorn, aus dem der Baum mal hervorgehen wĂŒrde, sterben musste, um das Leben des Baumes hervorbringen zu können. Und seither kann man Jahr fĂŒr Jahr die Schönheit dieses Kreislaufs am Baum ablesen. Es beginnt damit, dass im FrĂŒhling die ersten Knospen hervorbrechen, aus denen sich dann die BlĂ€tter und BlĂŒten des Baumes entwickeln. Im Sommer stehen BlĂ€tter im vollsten Saft und die BlĂŒten bringen Frucht. Im Herbst schließlich verfĂ€rben sich die BlĂ€tter bunt und die FrĂŒchte des Baumes können geerntet werden. Bis schließlich die BlĂ€tter herabfallen und verrotten. Den Winter wiederum ĂŒberdauert der Baum kahl und scheinbar leblos. Nur um im FrĂŒhling ein weiteres Mal neu geboren zu werden und diesen Kreislauf ein weiteres Mal zu durchlaufen.

Ganz sicher fallen einem noch weitere Eigenschaften des Baumes auf, die spirituelle Parallelen aufweisen, wenn man sich nur lÀnger mit diesem PhÀnomen auseinandersetzt.

ANNÄHERUNG AN DEN SEPHIROTHBAUM

Der Lebensbaum, in den ich tiefer eingestiegen bin, ist der Sephirothbaum der jĂŒdisch-christlichen Kabbala. Zwei Freimaurer-BrĂŒder meiner Loge, die ebenso wie ich einen spirituellen Zugang zur freimaurerischen Symbolik und zum freimaurerischen Ritual haben, brachten mich damit in BerĂŒhrung.


(Der Sephirothbaum nach Isaak Luria,
Quelle: https://www.wikipedia.org/)

Als ich die Darstellung des Sephirothbaumes zum ersten Mal sah, empfand ich diese als sehr mechanisch und kalt. Auf den ersten Blick hatte diese Darstellung fĂŒr mich so gar nichts mit Leben zu tun. Je mehr ich mich jedoch darin einlas, was fĂŒr Welten im Sephirothbaum dargestellt sind und welche GesetzmĂ€ĂŸigkeiten durch ihn ausgedrĂŒckt werden – und auch ĂŒber die Darstellung des Sephirothbaumes meditierte – desto mehr begann ich zu erahnen, welche spirituelle Tiefe und Weite im ihm verborgen liegen. Und ich bekam eine Ahnung davon, dass in diesem Baum das Wissen um das, was meinen spirituellen Weg bis dato geprĂ€gt und beschenkt hatte, verborgen liegen könnte: Die Initiation in das Wahre Selbst und das Mysterium des Lebens, der Weg der Mystiker hinein in die Unio Mystica, das RĂŒckverbinden in die KreislĂ€ufe des Lebens, das Versenken in innere Stille. Und schließlich stellt dieser Baum eine der Matrixen dar, die dem Weg durch die zehn Grade des christlichen Freimaurerordens zugrunde liegt.

Mehrfach schon wollte ich mich dem Sephirothbaum auf diesem Blog annĂ€hern. Doch jedes Mal aufs Neue brach ich dieses Unterfangen wieder ab. Denn dieser Baum war und ist schlichtweg zu umfassend, facettenreich und zu vielschichtig. Daher möchte ich hier jetzt eine Art Teil-Einstieg wagen, indem ich lediglich drei Aspekte des Sephirothbaumes anreiße; und dies auch nur ganz kurz und oberflĂ€chlich. Das kann und soll erstmal nur eine grobe Vorstellung geben. Meine Idee dahinter ist, in weiteren Blockartikeln diese Aspekte aufzugreifen, zu vertiefen und auf ihnen aufzubauen, um wiederum weitere Aspekte einzufĂŒhren.

DREI ASPEKTE DES SEPHIROTHBAUMES

1. Die Sephiroth:
Der Sephirothbaum besteht aus zehn SphĂ€ren, die Sephiroth genannt werden. Jede dieser zehn Sephiroth hat ganz spezifische Eigenschaften und QualitĂ€ten. Diese zehn Sephiroth können in mindestens zwei Richtungen „gelesen“ werden: Von oben, von der Krone aus, oder von unten, von der materialisierten Welt aus. Von oben aus gelesen beschreibt der Baum die verschiedenen Stufen der Emanation des Göttlichen. Diese durchlĂ€uft sĂ€mtliche Sephiroth und entfernt sich mit jeder Sefirah ein StĂŒck mehr von ihrer UrsprĂŒnglichkeit. In der letzten Sefirah schließlich ist das Göttliche in seiner abgeschwĂ€chtesten Form gebunden. Folglich kann der umgekehrte Weg durch die Sephiroth des Lebensbaumes als eine stufenweisen Initiation verstanden werden. An deren Ende steht die Vereinigung mit dem eigenen göttlichen Ursprung.

2. Die vier Ebenen:
Bei dem Weg durch die Sephiroth werden gleichzeitig vier Ebenen, die unter anderem den vier Elementen der Welt und den vier seelischen SphĂ€ren des Menschen zugeordnet werden können, durchlaufen. Die unterste Sefirah wird dem Element Erde sowie der Leibseele zugeordnet. Die nĂ€chsten drei Sephiroth werden dem Element Wasser sowie der Ă€ußeren GefĂŒhlsseele und die darauf folgenden drei Sephiroth dem Element Luft sowie der inneren GefĂŒhlsseele zugeordnet. Die letzten drei Sephiroth schließlich werden dem Element Feuer sowie der Geistseele zugeordnet.

3. Die drei SĂ€ulen:
Weiter fĂ€llt auf, dass die Sephiroth in der Form ĂŒbereinander angeordnet sind, dass man sie als drei nebeneinander stehende SĂ€ulen verstehen kann. Die linke und die rechte SĂ€ule bilden sich jeweils aus drei Sephiroth und stehen in polaren und dualistischen SpannungsverhĂ€ltnissen zueinander. Die mittlere SĂ€ule, die sich aus vier Sephiroth bildet, steht fĂŒr den Ausgleich von Dualismus und PolaritĂ€t.

HEILIGES RINGEN

Diese von mir gewĂ€hlten Aspekte sind nicht willkĂŒrlicher Natur. Denn es sind die Aspekte, ĂŒber die ich mit meinem Hintergrund und meiner PrĂ€gung als erstes Zugang zum Sephirothbaum gefunden hatte.

Die Auseinandersetzung mit dem Sephirothbaum ist jedoch wie ein Ringkampf. Immer wenn man meint, etwas verstanden zu haben, geht eine neue TĂŒr auf und man realisiert, was man alles noch nicht weiß. Macht man drei Schritte vorwĂ€rts, schmeißt es einen im nĂ€chsten Moment wieder zwei Schritte zurĂŒck. Und in dieses heilige Ringen um Wissen und Nichtwissen, um Erblicken und Erblinden, um Eporsteigen und NiederstĂŒrzen bin ich mit meinem Blog nun auch eingetreten. Ob ich dem gewachsen bin, weiß ich nicht…