Freiheit!

In meiner Nachbarschaft hatte jemand auf seinem GrundstĂŒck eine Fahne gehisst. „Freiheit“ stand auf ihr. In altdeutschen Buchstaben. Allmorgendlich baute sich mein Nachbar vor seiner Fahne auf, stand stramm, salutierte. Und schmetterte eine altdeutsche Fanfare auf seiner altdeutschen Trompete.

Als ich letzt mit dem Kinderwagen an seinem GrundstĂŒck vorbeischob, sprach er mich an. Er meinte zu mir, dass die Bundesrepublik Deutschland sich schleichend in eine Diktatur verwandelt habe. Eine Diktatur, die in allen Sektoren des öffentlichen und privaten gesellschaftlichen Lebens die grundgesetzlich zugesicherten Freiheitsrechte seiner Volksgemeinschaft beschneide. Und jetzt solle auch noch die Böllerei zu Silvester verboten werden! „Ich kann ja viel ertragen“, polterte mein Nachbar, „aber das geht eindeutig zu weit! Das ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat!“ Daher habe er sich trotzdem klammheimlich Knallkörper gekauft, so mein Nachbar weiter. Und zwar eine Atombombe. Diese habe er in „Onkel Alis Kiosk“ unter der Ladentheke bekommen.

Ali hatte vor vielen Jahren diesen Kiosk ĂŒbernommen. Vorher war der Kiosk ein Tante-Emma-Laden gewesen. Jahrzehntelang hatte eine alte, schmĂ€chtige, grauhaarige Frau dort gebĂŒckt hinter dem Tresen gestanden und den Leuten zu ĂŒberhöhten Preisen alles mögliche verkauft. Gleichzeitig war sie so etwas wie der Umschlagplatz von Klatsch und Tratsch im Ort. Ihr „Psst, wusstest Du schon?“, war legendĂ€r und sollte noch jahrelang in meinem Kopf herumgeistern. Irgendwann hatte sie aus AltersgrĂŒnden den Laden aufgeben mĂŒssen. Und wie sollte es auch anders sein, war dieser Laden natĂŒrlich von so ’nem TĂŒrken ĂŒbernommen worden. Aus dem „Tante Emma Laden“ wurde „Onkel Alis Kiosk“.

Dabei hĂ€tte der Ali doch erst einmal unter Beweis stellen mĂŒssen, dass er sich auch integrieren kann, bevor er solch einen Laden ĂŒbernehmen darf, hatte mein Nachbar stets betont. Oftmals, wenn wir in der Pinte an der Ecke gesessen hatten, hatte sich mein Nachbar darĂŒber echauffiert, dass die schleichende Überfremdung seines Vaterlandes selbst vor dem Tante-Emma-Laden unseres Ortes keinen Halt gemacht hatte. Meist hatte es fĂŒnf oder sechs Biere gebraucht, um seinen kritischen Geist an die OberflĂ€che zu spĂŒlen. Dann aber mit umso mehr Nachdruck!

Doch jetzt sah mein Nachbar das völlig anders. Dass der Ali unter der Hand Knallkörper verkaufte, deren Verkauf in diesem Jahr verboten war, sei doch schließlich der Beweis dafĂŒr, dass er sich mittlerweile gut in die Deutsche Leitkultur integriert habe. „Der Ali ist ein richtiger Pfundskerl! Und wahrscheinlich sogar ein besserer Deutscher als so mancher Volksdeutscher. Denn schließlich traut er sich noch was!“ Mein Nachbar bekam sich gar nicht mehr ein, so sehr zollte er dem Ali Anerkennung.

Und so eine Atombombe mache schließlich auch was her. Wahrscheinlich war er noch nie in seinem Leben an einen Knallkörper gelangt, der solch einen „Wums“ habe, erklĂ€rte mein Nachbar freudestrahlend. „Ist so eine Atombombe nicht ein wenig zu laut?“, fragte ich nach. „Ach was“, entgegnete er, „da können diese ganzen verweichlichten Gutmenschen mal sehen, wo der Hammer hĂ€ngt!“

Silvester war es dann soweit. Extra schon am Nachmittag, damit es auch ja jeder mitbekommt, hat mein Nachbar dann seine Atombombe gezĂŒndet. Und der „Wums“ war tatsĂ€chlich ganz schön laut. Die umliegenden HĂ€user und GrundstĂŒcke wurden von einer großen Feuerwalze dem Erdboden gleichgemacht. Die Feuersbrunst breitete sich rasend aus und fegte auch ĂŒber den angrenzenden Spielplatz hinweg. Die angeregten GesprĂ€che junger Eltern, das Durcheinander kindlichen Geschreis, das alles verstummte mit einem Mal. Kleine Kinder, vielleicht drei, vier oder fĂŒnf Jahre alt, die auf den Schaukeln saßen, loderten auf und zerfielen zu Asche im selben Moment. Es waren Bilder, die mich an die apokalyptischen Visionen von Sarah Connor in Terminator 2 erinnerten. ZurĂŒck blieben die Überreste glĂŒhender Metallkonstruktionen, verkohlte BaumstĂŒmpfe, verbrannte Erde.

Als ich einige Tage spĂ€ter wieder mit dem Kinderwagen unterwegs war und meinem Nachbarn begegnete, meinte ich zu ihm, dass sein Feuerwerk ja nicht von schlechten Eltern gewesen sei. Er lachte bestĂ€tigend. „Aber guck Dir doch mal Deinen Rasen an“, sagte ich ihm, „der sieht ja aus, als hĂ€tte die Sonne eines Klimawandel-Rekord-Sommers wochenlang unablĂ€ssig auf ihn eingestrahlt, ohne dass er zwischendurch mal gewĂ€ssert worden wĂ€re. Das dauert bestimmt Wochen bis Du den Rasen wieder hinbekommen hast.“ „Das war es mir wert!“, bekrĂ€ftigte er, „das war es wert!“

(Dieser Artikel ist meinem Freund Matze-Atze gewidmet.)

Freimaurerei ist eine Haltung und ein Weg

4. TEIL DER SERIE: „FREIMAUREREI ALS LEBENSEINSTELLUNG“ (GASTBEITRAG)

Was bleibt vom Freimaurertum? Wenn man diese ganzen freimaurerischen Äußerlichkeiten, die Ämter und Grade, die Hierarchien und Institutionen, die Etikette und das ElitĂ€re und den ganzen Habitus, der daraus erwĂ€chst, wegnimmt, was bleibt dann noch vom Freimaurertum ĂŒbrig? Was ist die freimaurerische Lebenseinstellung, der freimaurerische Lebensweg hinter alledem? Was am Freimaurertum hat Bestand, wenn man hinter dessen Ă€ußere Fassaden blickt? Seit einigen Monaten begleiten mich ebendiese Fragen. Und ich habe keine abschließende Antwort darauf.

Daher wuchs die Idee in mir, ganz unterschiedliche Feimaurerinnen und Freimaurer zu bitten, ihre Antworten zu diesen Fragen aufzuschreiben und auf meinem Blog zu veröffentlichen. Sie alle eint, dass ich sie als tiefgrĂŒndig und inspirierend erlebe. Einige von ihnen kenne ich aus meinem tagtĂ€glichen Leben, mit anderen wiederum habe ich mich bislang nur virtuell ausgetauscht. Zu einigen verbinden mich tiefe geschwisterlich freundschaftliche Beziehungen, andere erlebe ich aus der Ferne. Doch ich bin sehr gespannt, was sie dazu zu sagen haben. Über das Jahr verteilt will ich ihre Antworten auf diese Fragen nach und nach auf meinem Blog einstreuen.

In diesem Artikel mischt sich Kai StĂŒhrenberg in die Diskussion ein. Kai stammt aus Bremen, ist 1964 geboren, verheiratet und Vater dreier Kinder. Nach der Lehre als Elektroanlageninstallateur leistete er seinen Zivildienst und absolvierte sein Studium zum Betriebswirt. Hiernach war er viele Jahre als SelbstĂ€ndiger, als Marketing- und Vertriebsleiter, als Trainer und schließlich siebzehn Jahre als Wirtschaftsförderer tĂ€tig. Aktuell bekleidet er das Amt des Staatsrats fĂŒr Arbeit und Europa in der Bremer Verwaltung. Daneben spielt er Gitarre in einer Bremer Band.

Am 24.04.2014 wurde Kai in die Johannisloge „Zum Silbernen SchlĂŒssel“ unter der Großloge „Zu den 3 Weltkugeln“ im Orient Bremen aufgenommen. Seit dem 09.03.2017 hat er dort den Grad des Johannismeisters inne. Am 25.11.2017 wurde Kai bei der Albert Pike Lodge 1067 im Orient ACGL angenommen und am 08.06.2018 in den Inneren Orient der Großen Loge Royal York zur Freundschaft aufgenommen. Aktuell hat er den „Royal & Select Master (VIII/IX)“ im Kapitel „Adam Kraft Council No.3“ des York Ritus in Hannover inne. In seinen Logen ĂŒbt Kai unterschiedliche Ämter aus und ist auch im Förderverein des Freimaurer-Wiki aktiv. Er ist einer der Initiatoren des Podcasts „Freimaurer im GesprĂ€ch“ und hat im August 2018 im Leipziger Freimaurer Verlag das Buch „Die Arbeit am Rauen Stein – Ein Arbeitsbuch fĂŒr Freimaurer im Lehrlingsgrad“ herausgebracht. DarĂŒber hinaus ist er Mitglied in verschiedenen, dem Freimaurertum sehr Ă€hnlichen Organisationen.

Kais und meine Wege kreuzen sich seit ein paar Jahren in den Sozialen Medien. Mir fiel er auf, weil ich bei dem, was er so von sich gab, eine tiefe spirituelle Verbundenheit spĂŒrte. Mittlerweile haben wir uns auch im richtigen Leben kennenlernen dĂŒrfen. Hierbei habe ich Kai als herzlichen und tiefsinnigen Bruder kennengelernt. Ein Bruder, der die WidersprĂŒche, Spannungen und GegensĂ€tze des Lebens und der Menschen sehen, aushalten, annehmen und integrieren kann. Daher war ich sehr gespannt, was er in dieser Blogreihe zu sagen hat…

FREIMAUREREI IST EINE HALTUNG UND EIN WEG

Meiner Zeit als Freimaurer ist eine lange Zeit der Suche vorangegangen. In den frĂŒhen 90ern wurde ich durch das Buch „Das Foucaultsche Pendel“ von Umberto Eco auf die Freimaurerei im Kontext von GeheimbĂŒnden und gnostischen Gruppierungen aufmerksam.

Nach intensiver BeschĂ€ftigung mit diesen BĂŒnden und den dahinerliegenden Ideen, orientierte sich meine AktivitĂ€t zunĂ€chst auf die Rosenkreuzer und auf die Lehren der Hermetik.

Durch die BeschĂ€ftigung mit den Ideen der Hermetik und der Gnosis bekam ich das erste mal ein GefĂŒhl fĂŒr die ZusammenhĂ€nge dieser Welt. All das, was mir in den monotheistischen Religionen nicht einleuchtend war und zu Fragen fĂŒhrte, insbesondere ĂŒber das Warum von Not und Elend in der Welt und die Ungerechtigkeit, die man ĂŒberall sehen kann, konnte ich mir auf einmal zumindest ansatzweise beantworten.

Die Freimaurerei geriet fĂŒr mich aber erstmal in den Hintergrund. Nach dem Besuch von GĂ€steabenden erschien mir der zeitliche Aufwand und die Verpflichtung im Kontext von Familie und Beruf zu hoch.

Die Suche nach Erkenntnis ging aber weiter. Mir gelang es, eine Grundidee davon zu bekommen, warum die Welt so ist wie sie ist und warum wir hier sind – warum ich da bin.

Bevor ich auf mein VerstÀndnis der Freimaurerei eingehe und die Bedeutung der Freimaurerei auf mich und mein Leben eingehe, möchte ich ein paar Worte zu meinem VerstÀndnis von SpiritualitÀt schreiben. Das erscheint mir hilfreich, da es meine Sichtweisen auf die Welt entscheidend prÀgt und auch mein Blick auf die Freimaurerei davon bestimmt wird.

Nach dem GedankengebĂ€ude der Hermetik (siehe Hermes Trismegistos oder die hermetischen Gesetze) aber auch einiger östlicher Lehren sowie dem der christlichen Mystik geht die unsterbliche Seele einen Weg und das „Ich“, also unsere derzeitige Inkarnation, begleitet sie dabei.

Gefallen aus dem göttlichen Seinszustand (was auch immer man sich darunter vorstellen mag) fĂ€llt sie in die DualitĂ€t dieser Welt. Dort muss sie sich gemĂ€ĂŸ dem Gesetz des Karmas immer wieder inkarnieren und Erfahrungen machen, damit sie sich reinigt, die Elemente ins Gleichgewicht bringt und irgendwann stĂ€rker als das Ego wird.

Dieser Weg ist ein geistiger, also die Überwindung der Materie durch den Geist. Wobei diese Welt natĂŒrlich auch Teil der Schöpfung ist, denn darin sind alle GegensĂ€tze und die Einheit verbunden. Einordnungen wie „Gut“ oder „böse“, „mĂ€nnlich“ und „weiblich“, „Tag“ und „Nacht“ oder auf unseren Teppich bezogen „Mond“ und „Sonne“ oder „Jakin“ und „Boas“ sind allesamt Teile der Schöpfung aber eben auch Anteile von uns, die es zu verstehen und zu integrieren gilt. Die DualitĂ€t, die durch das musivische Pflaster symbolisiert wird, ist etwas, was es zu ĂŒberwinden gilt und dennoch Teil des Ganzen ist.

Diese Sichtweise sollte man nicht mit der aus Buchhandlungen bekannten Trivialesoterik verwechseln. Wenn es auch Überschneidungen gibt, so spreche ich hier nicht ĂŒber „WĂŒnsch Dir was beim Universum“, sondern ĂŒber die Lehren eines Pythagoras, Platon und dem viele Jahrhunderte spĂ€ter auftauchenden Neoplatonismus, sowie kluger Geister wie z.B. Giordano Bruno, Meister Eckhart, Isaac Newton oder Jacob Böhme und nicht zuletzt auch Wolfgang von Goethe, der diese Ansichten in dem „Gesang ĂŒber den Wassern“ schön ausdrĂŒckt:

„Des Menschen Seele gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es, zum Himmel steigt es,
und wieder nieder muß es, ewig wechselnd.
Strömt von der hohen, steilen Felswand der reine Strahl,
dann stÀubt er lieblich in Wolkenwellen zum glatten Fels.
Und leicht empfangend, wallt er verschleiernd,
leisrauschend zur Tiefe nieder.
Ragen Klippen dem Sturz entgegen,
schÀumt er unmutig stufenweise zum Abgrund.
Im flachen Bette schleicht er das Wiesental hin.
Und in dem glatten See weiden ihr Antlitz alle Gestirn.
Wind ist der Welle lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus schÀumende Wogen.
Seele des Menschen, wie gleichst Du dem Wasser!
Schicksal des Menschen, wie gleichst Du dem Wind!“

Der von mir beschriebene spirituelle Weg im Sinne der Hermetik oder des östlichen Yoga ist fĂŒr den, der ihn gehen will, ein sehr befriedigender aber auch sehr anspruchsvoll. Er erzeugt die Hoffnung auf ein Ende dieses Weges, irgendwann in einem wiederlangten göttlichen Zustand aber er bedeutet auch Arbeit an sich selbst. Gleichzeitig erklĂ€rt er warum Menschen in so unterschiedlichen LebensumstĂ€nden leben mĂŒssen. Die Idee, dass jeder Mensch die Erfahrungen macht, die seiner Seele zutrĂ€glich sind, ist nicht ohne Gefahr des Zynismus und der Hybris, aber sie vermeidet den Bezug auf einen personalisierten Gott, der oberflĂ€chlich betrachtet, nicht viel fĂŒr die Menschen ĂŒbrig zu haben scheint. Es ist zumindest ein Denkmodell, das ErklĂ€rungsansĂ€tze ermöglicht fĂŒr Dinge die bei einer stereotypen Betrachtung schlicht widersprĂŒchlich und unerklĂ€rlich sind.

Gott ist in diesem Sinne das Prinzip der Schöpfung, vergleichbar einem Naturgesetz. Dieses Prinzip wirkt so wie die Gravitation, unabhĂ€ngig davon, ob man an sie glaubt oder nicht. Ich glaube nicht daran, dass eine Institution Gott mein Verhalten beurteilt und jemand entscheidet, ob ich fĂŒr Himmel oder Hölle bestimmt bin, aber ich glaube an ein ĂŒbergeordnetes Prinzip, das ursĂ€chlich ist fĂŒr die Schöpfung. Das ist mein Bild vom freimaurerischen „allmĂ€chtigen Baumeister aller Welten“ oder auch des „dreifach großen Baumeisters“ im Sinne des Hermes Trismegistos.

In diesem VerstÀndnis erzeugt die Schöpfung einen Strom oder eine Energie, vergleichbar mit ElektrizitÀt oder Magnetismus. Man kann sich mit diesem Strom bewegen oder dagegen anschwimmen. Alle in anderen Ideenwelten zur Anwendung kommenden Begriffe, wie Schicksal oder auch Karma sind an diesen Strom gebunden. Es ist der Kontext, in dem man sein Leben mehr oder weniger frei gestalten kann.

Manche Gruppierungen sprechen davon, dass man seiner Bestimmung folgen oder auch seinem „wahren Willen“ erkennen soll. Das trifft es ganz gut. Erkennt man den als Ganzes oder auch in jedem Augenblick, kann man versuchen, „das Richtige“ zu tun, was auch immer das fĂŒr einen ist.

Der Spirituelle Weg fĂŒhrt ĂŒber verschiedene Stufen zurĂŒck zu Ursprung (Religio=RĂŒckbindung). Im westlichen Okkultismus finden wir fĂŒr diesen Weg immer eine Gradstruktur, oft angelehnt an den kabbalistischen Lebensbaum mit seinen zehn Sephiroth.

Diese Gradstruktur erkennen wir auch in der Freimaurerei. Dort wird der Bezug zur Kabbala aber heute nur noch andeutungsweise und das auch nur in den Hochgraden hergestellt.

FĂŒr mich erschien die Freimaurerei wie ein System, das hilfreich sein könnte auf dem Weg der persönlichen Entwicklung. Deshalb habe ich 2014 entschlossen, Freimaurer zu werden.

Ich habe großartige Menschen kennengelernt und nach anfĂ€nglicher EnttĂ€uschung, dass viele meiner Fragen nicht beantwortet werden konnten, verstanden, welche QualitĂ€t darin liegt in einer Loge zu BrĂŒdern und Schwestern unterschiedlichster Couleur Zugang zu finden. Alle geeint durch gemeinsame Werte, das Versprechen, an sich zu arbeiten und die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Mit den Jahren habe ich Freunde gewonnen und Vertrauen zu Menschen, die ich sonst nie getroffen hĂ€tte. Menschen, die weder meinem Alter entsprechen, noch meiner politischen Orientierung. Ich habe als Kriegsdienstverweigerer mit Soldaten in der Kette gestanden und verstanden, dass das Außen immer nur eine Facette des Menschen ist. Ich habe Menschen gefunden, mit denen ich mich ĂŒber Symmetrien und Kristallgitter einer esoterischen Geometrie auseinandersetzen kann und BrĂŒder, mit denen ich ĂŒber meine Erlebnisse in Beruf und Familie sprechen kann oder mit denen ich meine Hoffnungen und Sorgen bereden konnte. Das Spektrum ist groß und auf jeden Fall unglaublich bereichernd.

Die Freimaurerei trĂ€gt die QualitĂ€t der Freundschaft in sich, die Möglichkeit, BrĂŒcken zu bauen und GrĂ€ben zu ĂŒberwinden. Etwas, das wir Maurer gar nicht hoch genug schĂ€tzen können und diese Welt heute mehr braucht denn je.

Ich nehme die Freimaurerei sehr ernst. Sie hat Einfluss auf mein tĂ€gliches Handeln, denn ich gleiche mein Tun mit meinen Werten ab. Ich prĂŒfe mich regelmĂ€ĂŸig und versuche, die Toleranz nicht nur zu postulieren, sondern auch zu leben. Ich gebe mir jeden Tag aufÂŽs Neue MĂŒhe, mehr zuzuhören und von anderen zu lernen anstatt andere zu ĂŒberzeugen. Das gelingt nicht immer, aber die Freimaurerei und meine Initiation geben mir die Kraft und das RĂŒstzeug, hier nicht mĂŒde zu werden.

Freimaurer zu sein hilft mir auch dabei, Kritik auszuhalten und fĂŒr Werte einzustehen, denn ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin, sondern Teil einer jahrhundertealten Bewegung mit großen Geistern. Ich bin Teil von etwas GrĂ¶ĂŸerem, einer Idee, und einem Committment zu Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit, Toleranz und HumanitĂ€t. Das stĂ€rkt mich und sorgt gleichzeitig fĂŒr die nötige Demut. Die Freimaurerei gibt mir Zuversicht und hat mir zu viel mehr Gelassenheit, Ruhe und VerstĂ€ndnis verholfen. Diese VerĂ€nderung ist mir von vielen Menschen in meinem Umfeld zurĂŒckgespielt worden, sie scheint daher real vorhanden zu sein.

Auch wenn man als Freimaurer nicht mit der Nase drauf gestoßen wird, so kann man in vielen freimaurerischen BĂŒchern und Instruktionen erkennen, welche Weisheit und Lehren ĂŒber die Schöpfung in der Freimaurerei verborgen sind. Vieles ist in Vergessenheit geraten und vieles bewusst oder aus Unkenntnis von BrĂŒdern entfernt worden. Aber der Kern ist noch da und kann in jeder Lehrart gefunden und erlebt werden.

Das Ziel des von mir eingangs beschriebenen Weges oder den Sinn des Lebens finden wir in unserer Symbolik. Im Hexagram ist das Ziel des freimaurerischen Weges offenbart. NatĂŒrlich auch in unserem zentralen Symbol – Winkelmaß und Zirkel – denn diese beiden sind in der Kombination ebenfalls ein Hexagram.

Das Hexagram symbolisiert die Verbindung von Feuer und Wasser, also der Aufhebung der GegensĂ€tze. Es symbolisiert die Aufhebung der DualitĂ€t, also den Zustand der Einheit, den ich vorher bereits als göttlichen Zustand beschrieben habe. Wenn man versteht, dass das Hexagram auch noch eine Beziehung zum Kubus, also dem behauenen Stein, haben könnte, dann eröffnen sich weitere Möglichkeiten der Erkenntnis. Das Freimaurerische Ritual ist fĂŒr mich ein symbolisches Abbild der Schöpfung in Konstruktion und Ablauf. Die Loge ein Symbol fĂŒr den Kosmos in der Verbindung von Mikro- und Makrokosmos, ein heiliger Raum.

Der Weg zu diesem Ziel wird durch das Pentagram symbolisiert. Hier haben wir die vier Elemente Erde, Feuer, Wasser und Luft, die wir analog Platon oder auch C.G. Jung z.B. als Synonyme fĂŒr charakterliche QualitĂ€ten ansehen können und das fĂŒnfte Element, den Geist. Dieser zeigt uns den Weg, ĂŒber den Ausgleich der Elemente zu einem geistigen Zustand, der Überwindung der Materie durch den Geist. Verbunden mit der Vorstellung, dass Materie nur manifestierter Geist ist, kann uns das Hinweise zur Natur der Schöpfung geben.

Gleichzeitig bekommen wir eine Idee davon, wie sehr wir selber unseres GlĂŒckes Schmied sind, also der Gestalter unserer eigenen RealitĂ€t durch das, was wir denken und tun. Genau das ist es, was das freimaurerische Ritual uns lehren kann, auch wenn es nicht fĂŒr jeden sofort offensichtlich ist.

PrimĂ€r aber geht es in der Freimaurerei um das Diesseits. Darum, ein guter Mensch zu sein. Im Ritual lernen wir Freiheit, Gleichheit, Toleranz, HumanitĂ€t, Geschwisterlichkeit – die Grundtugenden der Freimaurerei.

Wir lernen durch die Arbeit am rauen Stein unsere Emotionen zu kontrollieren und uns zu beherrschen. Wir lernen als Lehrling Demut und wir ĂŒben das MĂ­teinander in der Loge. Wir veredeln unseren Charakter und versuchen, uns moralisch ethisch richtig zu verhalten, wobei die besondere Schwierigkeit ist, dass uns niemand erzĂ€hlt, was das eigentlich ist, sondern dass wir das als Individuum selbst herausfinden mĂŒssen. Ohne Dogmen, ohne LehrgebĂ€ude, sondern nur in Form von Anregungen fĂŒr das eigene Denken. Sapere Aude – Nutze Deinen Verstand.

NatĂŒrlich tun wir auch Gutes in den Logen, fĂŒr Kinder in Not, fĂŒr GeflĂŒchtete, fĂŒr Kranke und arme MitbĂŒrger und vieles Mehr. Aber das ist fĂŒr mich eher ein Effekt als der Sinn der Freimaurerei. Charity ist wĂŒnschenswert und wichtig aber diese AktivitĂ€ten können auch dazu einladen, sich selbstzufrieden zurĂŒckzulehnen und sich moralisch ethisch ĂŒberlegen zu fĂŒhlen. Genau das wĂ€re im freimaurerischen Sinn grundlegend falsch, denn es lenkt von der Arbeit an uns selbst ab.

Vor einiger Zeit sprach ich mit einem Bruder, der schon 40 Jahre Freimaurer war ĂŒber die Selbsterkenntnis als Ziel der Freimaurerei. Am Ende des GesprĂ€chs und am Ende der Unterhaltung sagte er mir zu meinem tiefen Erstaunen, dass er noch nie darĂŒber nachgedacht hat, dass es bei der Freimaurerei um Selbsterkenntnis gehen könnte. Daran sehen wir, wie groß das Spektrum der Sichtweisen in der Freimaurerei ist und auch wie unterschiedlich jeder Bruder oder jede Schwester die Arbeit am rauen Stein fĂŒr sich auslegen kann. „Einheit in der Vielfalt“ – besser kann man es nicht umschreiben.

FĂŒr mich ist es allerdings eindeutig: Der Kern der Freimaurerei sollte die Arbeit am rauen Stein sein, und das bedeutet fĂŒr mich, dass es bei der freimaurerischen Arbeit um die Selbsterkenntnis geht. Was das fĂŒr den einzelnen Bruder oder die Schwester bedeutet, ist divers.

Das ganze System und die darin enthaltene Symbolik sind Werkzeuge, die uns an die Hand gegeben werden, um auf dem Weg der Selbsterkenntnis voranzuschreiten. Das funktioniert bei dem einen Bruder besser als bei dem anderen und jeder kann selbst entscheiden, wie schnell und wie weit er gehen möchte. Diese IndividualitĂ€t ist ein wesentliches Merkmal der Freimaurerei und als QualitĂ€tskriterium kaum zu ĂŒberschĂ€tzen. Sie schafft den Rahmen fĂŒr Menschen, die die Freimaurerei zu einer Lebenseinstellung machen, aber auch fĂŒr Menschen, die sich einfach im Kreise gleichgesinnter bewegen möchten. Sie schafft die Möglichkeit fĂŒr ein ethisch-moralisches Regulativ fĂŒr manche BrĂŒder, sie ermöglicht durch die Rituale und Regeln gruppendynamische Prozesse und gibt Impulse fĂŒr tiefe spirituelle Wege.

Insofern ist die Freimaurerei fĂŒr mich eine gute Vorbereitung fĂŒr die weitere spirituelle Entwicklung. Nicht umsonst ist in vielen co-masonischen oder unabhĂ€ngigen Orden der Meistergrad eine Voraussetzung fĂŒr die Aufnahme. In jedem Fall ist sie eine wertvolle Basis fĂŒr alles, was kommen mag.

„Einheit in der Vielfalt“ ist fĂŒr mich der zentrale Satz. Der Konsens, der alle BrĂŒder und Schwestern verbindet, ist groß genug, um Identifikation zu ermöglichen. Er ist aber auch flexibel genug, um Dogmen zu verhindern und er ist komplex genug, um auch höchste AnsprĂŒche befriedigen zu können.

Die verschiedenen Lehrarten mögen oberflĂ€chlich sehr viele Unterschiede haben. Dringt man tiefer ein in Ritual und Symbolik, dann findet man aber mehr Verbindendes als Trennendes. Genau darauf sollten wir uns konzentrieren. FĂŒr Freimaurer kann es nicht darum gehen, welches die bessere Lehrart ist, sondern nur darum, wie man gemeinsam an sich selbst und an einer besseren Welt arbeiten kann.

Genauso ist es vollkommen unwichtig, welche Ämter ein Bruder oder eine Schwester innehat und welche Besuchsregeln nun was zulassen und was nicht. Diese Themen nehmen oft einen viel zu großen Raum in der Freimaurerei ein. Das alles sind Aspekte, die geprĂ€gt sind vom Ego, ohne jeden echten Wert fĂŒr die Freimaurerei. Formalia, RegularitĂ€tsdiskussionen und Machtstreben sind absurd und sollten im Grunde zu profan fĂŒr einen Freimaurer oder eine Freimaurerin sein. Sie lenken uns letztendlich nur von der eigentlichen Arbeit an uns selbst ab.

Wichtig ist nur, dass wir uns der Freimaurerei wirklich verpflichtet fĂŒhlen. BrĂŒder, die in ihrem Worten oder Taten, sich ĂŒber andere Menschen erheben, anderen Menschen körperliches oder seelisches Leid antun oder sich in politisch fragwĂŒrdigen Kontexten Ă€ußern, und sich dabei als Freimaurer outen, laufen Gefahr, dass sie nicht nur sich selbst unglaubwĂŒrdig machen, sondern auch noch das Bild der Freimaurerei insgesamt in Frage stellen. Daher spricht viel fĂŒr Deckung und viel fĂŒr ein hohes Verantwortungsbewusstsein bei einem gleichzeitig offenen Umgang mit der Freimaurerei.

Ich persönlich wĂŒnsche mir eine steigende WertschĂ€tzung und gesellschaftliche Anerkennung der Freimaurerei in der Gesellschaft. Aber das kann nur durch eine Fokussierung auf die innere Arbeit geschehen und nicht durch die politische Positionierung in gesellschaftlichen Kontexten. Diese wĂŒrde nur der heute im medialen Diskurs immanenten Polarisierung zum Opfer fallen. Außerdem wĂ€re alleine der Versuch einer Positionierung zum Scheitern verurteilt, denn wie um alles in der Welt, wollten wir uns darauf einigen, welche politischen Konzepte aus freimaurerischer Perspektive die richtigen sind?

Als Freimaurer sollten wir Offenheit und Toleranz leben, Vielfalt fördern und Gleichheit denken und brĂŒderlich/schwesterlich handeln und dort aufmerken, wo Menschen Unrecht geschieht. Vor allem mĂŒssen wir aber kontinuierlich an uns arbeiten, damit jeder Bruder in seinem Kontext ein Vorbild ist. Nur durch unser Verhalten können wir glaubhaft den Sinn der Freimaurerei belegen, nicht durch die Postulierung einer Position.

Freimaurerei wirkt im Inneren und das Ergebnis wirkt dann im Außen. Nur so gibt es aus meiner Sicht eine Berechtigung fĂŒr die Freimaurerei mit all ihren anachronistischen BrĂ€uchen auch in der heutigen Zeit.

Das ist die Religion die immer war und immer sein wird und das ist die Essenz der Zeitlosigkeit. Darin liegt der Wert der Freimaurerei, denn Menschen werden immer wieder geboren, wachsen auf, bekommen Verantwortung, mĂŒssen sich im Leben zurechtfinden und herausfinden, wer sie sind. Auf diesem Weg braucht es Werkzeuge, Werte und Menschen, die einen dabei begleiten.

DarĂŒber hinaus ist die in den Logen gelebte Freundschaft, das Vertrauen untereinander und die Verbindlichkeit etwas, was wir in unserer Gesellschaft immer hĂ€ufiger vermissen und was Menschen in der Freimaurerei finden können.

Diese Sinnsuche des Menschen ist zeitlos und es gibt kaum ein vergleichbares System der Arbeit an sich selbst, wie die ernsthaft gelebte Freimaurerei.

(Kai StĂŒhrenberg)

#Gedanke: Ganz gleich, wer ich bin

„Bin kein Verlierer,
bin kein Gewinner,
keiner, der sich
gern im Spiegel sieht,
weder vernĂŒnftig,
noch nur ein Spinner,
umgeben von Freunden
und doch Eremit.

Bin keiner der Guten,
keiner der Bösen,
weder Kind
noch einsamer Greis,
leicht zu durchschauen,
schwer zu erlösen,
wie ein Philosoph,
der weiß, dass er nichts weiß.

Und jetzt bin ich hier
und bin noch nicht ganz da,
doch ganz gleich, wer ich bin,
ganz gleich, wer ich war…

…Du hast mich gefunden.“

(SuperZwei – ehemals NimmZwei – ,
aus: Gefunden)

#Gedanke: Gottoffene Welt

„Wenn wir die Bibel lesen,
sehen wir,
dass die Welt im Alten Testament
gottoffen ist.
Gott ist in der Welt prÀsent:
Die BĂ€ume loben ihn,
die Himmel verkĂŒnden seine Ehre,
die Sonne geht ihm zur Freude auf.

Das heutige
intellektuelle Christentum,
was Anti-Natur,
Anti-Mystik
und Anti-GefĂŒhl ist,
das ist gerade nicht biblisch,
sondern eine Entfremdungsgeschichte,
bei der uns
ganz viel verlorengegangen ist.“

(Thorsten Dietz)